Carlsens Endspielvorbereitung

by on05. November 2013

Es ist zwar schwer nachvollziehbar, aber es gibt immer noch ein paar Träumer, die Anand im WM-Match realistische Chancen zubilligen. Ein seriöses Fachmagazin wie der "Spiegel" lässt sich da natürlich nicht täuschen. Die aktuelle Ausgabe verweist (vermutlich basierend auf diesem Artikel) auf eine Simulation über 40 000 Partien, die zu dem Ergebnis kommt, dass Anands Siegchance nur zwischen 6,1 und 10,3 % liegt. Na also, da haben wir's doch, zweifelsfrei mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen! Wie kann es da noch Diskussionen geben?

Eigentlich fragt sich also nur noch, wie hoch und mit welchen Mitteln Carlsen gewinnt. Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe, aber ich bewundere an Carlsen vor allem dessen Endspielführung. Durchaus möglich, dass seine Technik auch bei der WM letztlich den Ausschlag gibt. In diesem Zusammenhang ist es interesssant zu sehen, dass das Endspieltraining auch in der Vorbereitung offenbar nicht zu kurz kommt. In einem sehenswerten Dokumentarfilm sieht man Carlsen beim Lösen von Endspielstudien. Auf dem Brett ist ein sehr schönes Exemplar zu erkennen, also schauen wir es uns doch einfach näher an (Diagramm oben, Weiß zieht und gewinnt):

Selbst der WM-Herausforderer hatte hier seine Probleme, denn man muss nach dem auf der Hand liegenden 1.g6 erst einmal eine raffinierte Verteidigungsidee für Schwarz finden. Carlsen dachte nur an 1...e5, was leicht zu widerlegen ist: 2.g7 Lb3 3.h6 usw. Soweit ich es verstehe, dürfte 1...Kf6! 2.g7 Lh7!! die Hauptvariante sein. Die Idee ist 3.Kxh7? Sf3 4.g8D Sg5+ und Weiß muss entweder Dauerschach mittels Sg5-f7-g5 zulassen oder ins Bauernendspiel gehen, in dem beide Freibauern im selben Zug umgewandelt werden. Die Pointe ist nun der auf den ersten Blick sinnlose Zug 3.e4!! Wenn nun zum Beispiel 3...Sf3, dann 4.e5+! und entweder der König oder der Springer wird entscheidend abgelenkt. Nun gut, 4.e5+ ist also eine Drohung, aber was hat Weiß gewonnen, wenn der Bauer einfach mit 3...e5 blockiert wird? Es gibt einen entscheidenden Unterschied: 4.Kxh7 Sf3 5.g8D Sg5+ 6.Dxg5 Kxg5 7.h6 c4 8.Kg7 c3 9.h7 c2 10.h8D c1D und nun gewinnt 11.Dh6+ die Dame, da der Bauer e3 nicht mehr im Weg steht. Wer dies selber gelöst hat, ist anscheinend noch besser als Carlsen und darf sich Hoffnungen auf den WM-Titel machen!

 

Michael Schwerteck

Ein paar Hintergrunddaten zu meiner Person: Jahrgang 1981, deutsch-französische Nationalität und Sprachzugehörigkeit, wohnhaft in Tübingen. Von Beruf Jurist und Übersetzer. Nahschach spiele ich in der Verbandsliga (4. Liga), DWZ meist irgendwo zwischen 2000-2100. Seit ein paar Jahren spiele ich auch (in bescheidenem Umfang) Fernschach, aktuelle Elo etwa 2325. Schachpublizistisch tätig war ich früher für chessvibes.com (Kolumne "Beauty in Chess" und ein bisschen Turnierberichterstattung), aktuell schreibe ich aber, abgesehen von meiner Tätigkeit hier, nur auf Vereinsebene.

Webseite: koenigskinderhohentuebingen.wordpress.com/

Kommentare   

#1 Guido Montag 2013-11-08 13:13
Da ich die durchaus interessanten Ausführungen von Mathew Wilson nicht nachvollziehen kann, hab ich mal selber hingesetzt. Erstmal musste ich schon 531441 Simulationen machen, schließlich hat ja jede Partie drei mögliche Ergebnisse. dann weiss ich gar nicht wieso er auf eine Remisquote von 66% kommt?
Bei 95 ELO Differenz komme ich auf 32%.
Bei 12 Matchpartien komme ich dann auf eine Wahrscheinlichkeit von 72%, dass Carlssen mindestens 7 Pkt macht. Tiebreak (6Pkt) liegt bei 7%.
Rechne ich mit 66% Remisquote, gewinnt Carlssen zu
83% mit mehr als 6.5 Punkten und der Tiebreak liegt bei 5%.
Soviel zu meinen Vorbehalten an den ganzen Berechnungen.
Und im übrigen: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam"
Dieser ganze ELO-Kult ist dochhöchstens eine
A-Priori-Schätzannahme
:-)

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