Nicht nur wegen Norwegen

by on18. August 2013

Es wird Zeit, dass wir uns hier auch ein wenig dem World Cup widmen, der sicherlich eines der Highlights des Schachjahres darstellt. Weltklasseschach in Norwegen - für mich als Schach- und Norwegenfan eine tolle Kombination! Es gibt sicher viele schöne Orte auf der Welt, aber Norwegen finde ich einfach überwältigend. Ich war auch schon in Tromsø (siehe Beweisfoto) und kann einen Besuch dieser Stadt und ihrer Umgebung nur empfehlen. Hm, in welches Land könnte ich noch schnell emigrieren, um nächstes Jahr dort an der Olympiade teilnehmen zu dürfen? Es wäre interessant zu prüfen, in wie vielen Ländern der Welt ich gut genug für die Nationalmannschaft wäre...

Spaß beiseite: Nicht nur wegen Norwegen (tja, ein besserer Kalauer ist mir nicht eingefallen) lohnt sich ein Blick nach Tromsø, sondern natürlich auch und vor allem wegen der vielen großartigen Spieler, die dort zur Zeit agieren. Vom Finale sind wir noch weit entfernt, aber einige interessante Endspiele haben wir trotzdem schon gesehen. Allerdings auch wieder einige ziemlich schreckliche. Im Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, stehe ich noch unter dem Schock, den die Partie Le Quang Liem - Grischuk hervorgerufen hat. Ich kann es immer noch kaum fassen und bringe es gar nicht über mich, hier irgendwelche Details zu zeigen. Wie kann so ein fantastischer Spieler so naiv ins verlorene Bauernendspiel abwickeln? Entschuldigung, aber das war nicht Weltklasse, sondern Kreisklasse!

Ansonsten sind mir u.a. diverse Turmendspiele aufgefallen, in denen es um die Verwertbarkeit eines Mehrbauern ging. Der Erfolg war dabei recht unterschiedlich. Den Vogel schoss Monsieur Fressinet ab:

Es war Schnellschach, okay (erste Tiebreak-Partie gegen Malakhov), aber trotzdem kann es ja wohl nur um die Frage gehen, ob Weiß gewinnt oder sich mit Remis begnügen muss. Der arme Franzose führte das Endspiel hingegen mit Weiß noch zum Verlust! Aus Pietätsgründen wollen wir auch diese Sache lieber nicht zu sehr vertiefen.

Wenden wir uns stattdessen einigen Fällen zu, in denen alle Bauern am selben Flügel zu finden waren. Drei Bauern gegen zwei sollte normalerweise bekanntlich remis sein und in der Tat konnte Hou Yifan als Verteidigerin gegen Shirov so ein Endspiel souverän halten, obwohl ihre Bauern vereinzelt waren (f und h). Mit zwei Bauern gegen einen ist normalerweise auch nichts zu machen, es sei denn, einer der Bauern ist ein Freibauer, dann ist es zwar in der Regel immer noch remis, aber zumindest erhöhen sich die Chancen. Einmal setzte sich der Mehrbauer tatsächlich noch durch, wie wir im nächsten Beispiel sehen:

 

Dies ist die Partie Kaidanov - Areshchenko aus der ersten Runde. Es erstaunt mich schon einigermaßen, dass der mit Weiß spielende erfahrene GM russischer Abstammung dieses Endspiel ziemlich unsicher behandelte und am Ende tatsächlich noch verlor. Es ist zwar nicht angenehm, aber so fürchterlich schwer zu verteidigen ist es wohl auch wieder nicht. Wer mir nicht glaubt, vertraut hoffentlich wenigstens Peter Swidler, der diese Partie in einem Interview kurz erwähnte. Dabei ging er vor allem auf den folgenden Zug ein: 51.h4?! Objektiv noch kein schwerer Fehler, aber praktisch doch ziemlich unklug. Auf h4 ist der Bauer eher angreifbar als auf h3; zudem könnte sich die Schwächung des Feldes g4 noch als unangenehm erweisen. Trotzdem blieb die Partie noch längere Zeit in der Remisbreite, aber die Luft wurde allmählich dünner und schließlich kam der entscheidende Fehler:

 

 

Es ist zwar notwendig und richtig, den Bauern g6 anzugreifen, aber statt 82.Tg8? wäre dies viel besser mit 82.Th6! zu bewerkstelligen gewesen, was den eigenen Bauern gedeckt hält. Schwarz müsste mit dem König zurückgehen und hätte nach wie vor nichts Entscheidendes erreicht. In der Partie hingegen folgte 82...Tf3+! 83.Ke2 (83.Kg2 Tg3+ nebst 84...Kxh4) Te3+! 84.Kf2 Te6 (die seitliche Deckung ist eine große Errungenschaft) 85.Th8 Ta6 86.Tf8 Ta2+ und 0-1 nach wenigen weiteren Zügen. Man beachte übrigens, wie Schwarz über g4 eingedrungen ist - mit einem Bauern auf h3 wäre das alles nicht passiert!

Ich werde nicht ausführlich darauf eingehen, aber als Quervergleich empfehle ich dem geneigten Leser die zweite Schnellpartie Movsesian - Hammer. Dort entstand genau dieselbe Konstellation (mit vertauschten Farben), Hammer ließ seinen h-Bauern brav hinten und remisierte ohne nennenswerte Probleme. Wobei es allerdings ein Kuriosum war, dass er dieses Endspiel überhaupt üben musste, denn es wäre auch alles viel einfacher gegangen:

 

Ich will ja nicht zu sehr angeben, aber diesen Moment verfolgte ich zufällig live und ich brauchte maximal zwei Sekunden, um die Remisfortsetzung zu finden: 44...Kg5 und nun muss Weiß im Prinzip den g-Bauern behalten, sonst ist es trivial remis. Also 45.Th3, aber Schwarz kann einfach abtauschen: 45...Txh3 46.Kxh3 h5= und Schwarz hält die Opposition. Wie einfach war das denn? Der junge Hammer hatte eigentlich noch genug Zeit auf der Uhr und überlegte hier auch ein Weilchen, entschied sich dann aber mit 44...Tc3 (??) für weitere 52 Züge Leidenszeit. Bemerkenswert kurze Zeit später auch Swidlers Auftritt bei den Kommentatoren. Trent: "Ging da nicht vielleicht 44...Kg5?" Swidler: "Bringt nichts, dann kommt 45.Th3." Trent: "Und dann 45...Td2?" Swidler: "Dann 46.Kg3 Td3+ 47.f3." ÄHEM, meine Herren... 

 

 

 

Aus Zeitgründen muss ich mir ein paar weitere Endspiele für später aufbewahren, aber dieses hier möchte noch anführen, weil es mich ziemlich fasziniert hat. Es handelt sich um Eljanov - Jakovenko aus der zweiten Runde. Weiß hatte schon vor geraumer Zeit eine Figur gewonnen und schien total auf Gewinn zu stehen, aber plötzlich erwies sich die Gewinnführung als ungeahnt schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Kann Weiß irgendwie den Springer zurück ins Spiel bringen, ohne dabei schwerwiegende Nachteile (z.B. Dauerschach) zu erleiden? In der Partie wählte Jakovenko an dieser Stelle 76...Dd4? Dies war leider ganz schlecht, wenn auch nicht so sehr wegen Eljanovs 77.Db3?!, sondern wegen 77.Dc1!, wonach sofort Feierabend gewesen wäre. Es gibt kein Schach, 78.Sc7 droht und nebenbei hängt auch noch g5 mit Schach. Der kritische Zug für Schwarz wäre in der Diagrammstellung 76...Db5! gewesen. Gibt es dann einen Gewinnmechanismus für Weiß? Kleine Hausaufgabe für die Leser, wobei Computer kaum helfen werden, da sie solche festungsähnlichen Stellungen nicht verstehen!

Michael Schwerteck

Ein paar Hintergrunddaten zu meiner Person: Jahrgang 1981, deutsch-französische Nationalität und Sprachzugehörigkeit, wohnhaft in Tübingen. Von Beruf Jurist und Übersetzer. Nahschach spiele ich in der Verbandsliga (4. Liga), DWZ meist irgendwo zwischen 2000-2100. Seit ein paar Jahren spiele ich auch (in bescheidenem Umfang) Fernschach, aktuelle Elo etwa 2325. Schachpublizistisch tätig war ich früher für chessvibes.com (Kolumne "Beauty in Chess" und ein bisschen Turnierberichterstattung), aktuell schreibe ich aber, abgesehen von meiner Tätigkeit hier, nur auf Vereinsebene.

Webseite: koenigskinderhohentuebingen.wordpress.com/

Kommentare   

#1 Schmidt 2013-08-21 15:51
Danke für den schönen und wie immer amüsant zu lesenden Beitrag. Inzwischen gibt es ja wieder eine Menge neuen Materials aus der Kategorie "Pleiten, Pech und Pannen". Danil Dubov hatte Recht, als er in einem Interview nach seinem Ausscheiden aus den Stichkämpfen sinngemäß sagte: "It's not about chess anymore." Bei vielen Spielern liegen offensichtlich gerade in kritischen Partien die Nerven blank und Ermüdungserscheinungen spielen auch eine Rolle. Gerade in Endspielen, wo die Spieler häufig mehr oder weniger auf dem Increment spielen, steigt die Fehlerquote da natürlich stark an. Sehr oft sehen die Kommentatoren Trent und Polgar die Blunder relativ schnell, obwohl sie als Spieler deutlich schwächer sind als die Protagonisten im Spielsaal. Auch das spricht dafür, dass man etwas Nachsicht mit den Super-GMs haben sollte - "it's not about chess".

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