Neapler Partie

by on17. Februar 2011
Siegbert Tarrasch Siegbert Tarrasch

Als Siegbert Tarrasch seine Gedanken zum Thema Schach und Liebe niederschrieb, dachte er möglicherweise an seine Italienreise im Jahre 1914 zurück. Damals unternahm er auf den Spuren von Johann Wolfgang v. Goethe eine Bildungsreise in den Süden, fand aber daneben auch noch Gelegenheit zu einigen Schachpartien. In Neapel gelang ihm dabei in einer Beratungspartie gegen vier Spieler (Prof. D. Marotti, E. Napoli, de Simone, del Giudice) eine wunderschöne Kombination, die ihn bestimmt sehr glücklich gemacht haben dürfte. Er gab der Partie den Namen „Neapler Partie“. Dr. Dyckhoff bezeichnete die Kombination in seinem Nachruf auf Tarrasch sogar als  „die schönste Schlußwendung, die wohl jemals in einer praktischen Partie ersonnen wurde“.  In Tim Krabbés Liste „The 110 most fantastic moves ever played“ hat die Partie aber leider keinen Eingang gefunden. Nun ja, Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters. Die „Most Amazing Move of All Time“-Liste des British Chess Magazine von 1998 konnte ich leider im Zwischennetz nicht finden (hat jemand einen Link?), möglicherweise taucht die Kombination ja dort auf.


Nun wollen wir aber einen Blick auf Tarraschs Geniestreich werfen, damit sich jeder ein eigenes Urteil bilden kann. Wer sich zunächst selbst an der Lösung versuchen möchte, sollte seinen Blick oberhalb der Diagramm-Unterkante belassen. Unterhalb findet sich nämlich die Auflösung (Originalkommentar von Tarrasch).

Weiß (Tarrasch) zieht und setzt spätestens in fünf Zügen matt.

{fen}2r3r1/3q3p/p6b/Pkp1B3/1p1p1P2/1P1P1Q2/2R3PP/2R3K1 w - - 0 1{end-fen}

Tarrasch: „Lösung des Problems: 1.Le5-c7!!. Auf 1...Txc7 folgt 2.Db7+ Txb7 3.Txc5# (die Bombe ist auf c5 geplatzt); schlägt die Dame den Läufer [1...Dxc7], so folgt 2.Txc5+ Dxc5 3.Dxb7+ nebst 4.Ta1#. Das Merkwürdige des Problems liegt darin, daß es eines der jetzt so modernen „Schnittpunktprobleme“ darstellt und zwar das erste, das in einer praktischen Partie vorgekommen ist. In der Stellung des Diagramms deckt der schwarze Turm den Punkt c5, die schwarze Dame den Punkt b7. Die Linien dieser beiden Figuren schneiden sich im Punkte c7. Der dorthin ziehende Läufer unterbricht nun die Linien beider Figuren; schlägt ihn der Turm, so ist die Richtung der Dame auf b7 unterbrochen, der Turm wird durch Db7+ abgelenkt und auf dem dann nicht mehr gedeckten Punkt c5 mattgesetzt. Umgekehrt ist, wenn die Dame schlägt, die Richtung des Turmes nach c5 unterbrochen, die Dame wird durch Turmopfer auf c5 abgelenkt und das Matt erfolgt auf b7 (genauer erst auf a1, was unwesentlich ist). Die Schwarzen gaben nach dem Läuferzug die Partie auf.“

Anmerkung 1: Die geforderten max. fünf Züge ergeben sich durch die Einschaltung des Racheschachs Txg2+ (Dxg2).


Anmerkung 2: Bei dem hier vorliegende Schnittpunktthema handelt sich um einen sogenannten „Plachutta“.


Der Kommentar und das obige Zitat Dyckhoffs sind übrigens der letzten Ausgabe von „Tarrasch's Schachzeitung“ entnommen. Von Oktober 1932 bis März 1934 erschien diese Zeitschrift mit zwei Heften pro Monat. Die Februar-Ausgaben hatte Tarrasch noch persönlich fertigstellen können, bevor er plötzlich erkrankte und am 17. Februar 1934, also heute vor 77 Jahren, an einer Lungenentzündung verstarb.

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