Vom Zugwechsel zum Perpetuum Mobile

by on02. Februar 2012

Wonach die Wissenschaft sucht, gibt es im Schach schon lange: Das Perpetuum Mobile. Doch bevor wir dazu kommen, schauen wir erst, was unsere vier Aufgaben, bei denen sich keiner traute, die Lösung zu posten, denn vereint. Ich schrieb da ja was vom vollständigen Satz. Das bedeutet, das Weiß die Forderung auch erfüllen könnte, wenn er auf den ersten Zug verzichten müsste. Schachprobleme, in denen eine solche Situation vorliegt nennt man Zugwechselprobleme. Spannend ist dabei immer, wie der Zugwechsel dann aufgelöst wird.

Schauen wir auf unser erstes Beispiel:

Mansfield 2Wäre Schwarz am Zug, hätte es Weiß leicht, da es auf jeden schwarzen Zug einen weißen Mattzug gibt. Auf Züge des Turmes auf c4 erfolgt Lh7#, auf 1.-e2 2.Df3# und Züge des Turmes auf d4 erlauben das Matt auf e5. So weit die Analyse der Satzsituation.

Allerdings ist es gar nicht so leicht einen vernünftigen Wartezug für Weiß zu finden. Besonders verlockend sind 1.Te7? und 1.Lf7?, aber Schwarz hat echoartige Fesselausreden: 1.Te7? Tc1! und 1.Lf7? Td1!. Und die Lösung? Der versteckte Zug 1.g5! erhält die Satzspiele aufrecht und nutzt die Tatsache aus, dass Schwarz auch das zusätzliche Fluchtfeld für den König keinerlei nutzen bringt, da alle Mattzüge im Satz f5 überdecken und die sofortige Flucht 1.-Kf5 durch 2.Lh7# gekontert wird.

Der Zugwechsel wird hier also dadurch aufgelöst, dass Weiß dem Schwarzen eine zusätzliche Variante einräumt. Dass diese dann auch noch ein Fluchtfeld für den König schafft, ist dabei eine besondere Nettigkeit, die gar nicht so leicht zu komponieren ist.

Damit zum zweiten Zweizüger:

Auch hier liegt ein vollständiger Satz vor, auf 1.-Kc5 2.De5#, auf 1.-Kc3 2.Sd5# und auf 1.-g4 ebenfalls 2.Sd5#. Wer jetzt nach einem geeigneten Abwartezug gesucht hat, ist nicht fündig geworden. Es gibt ihn einfach nicht. Also muss Weiß bereits sein, Satzmatts aufzulösen. Ein Versuch wäre die hübsche Auflösung der Läufer-Springer-Batterie 1.Lb8?, wonach es sowohl nach 1.-Kc5 2.De3# als auch nach 1.-Kc3 2.Le5# zu Mattwechseln im Vergleich zum Satz kommt, aber 1.-g4! ohne Antwort bleibt.

Statt dessen löst hier 1.Df3! mit den Abspielen 1.-Kc5 2.Dd5#, 1.-Ke5 2.Sc4# und 1.-g4 2.Td5#. Hier wurde der Zugwechsel damit gänzlich anders aufgelöst als in der vorherigen Aufgabe, denn hier wechseln gleich alle Matts sowohl vom Satz zur Verführung als auch zur Lösung. Allein auf den Zug1.-Kc5 sieht man drei verschiedene Mattzüge. So etwas ist nicht leicht darzustellen und durch die Königsfluchten musste das Autorenduo hier sehr viel Raum auf dem Brett beherrschen. Dabei eindeutige Mattzüge zu gewährleisten, ist alles andere als einfach.

Die beiden vierzügigen Zugwechselstücke werden beide durch eine zusätzliche Variante wie der erste Zweizüger gelöst. Schauen wir noch einmal kurz rein:

    

Im ersten Stück fordert der Läufer zum Duell mit der Dame. MiBu schrieb ja bereits, dass die schwarze Lady nur von d7, f5 und h7 die beiden Felder h3 und d3 decken kann. Weiß würde hier (und im nächsten Stück ebenso) sehr gerne auf sein Zugrecht verzichten. Die Dame kann derzeit nur mit 1.-Dh7 die beiden Mattdrohungen decken und wäre nach 2.Lg4! mit ihrem Latein am Ende. Aber Weiß hat keinen Wartezug, der dies sofort erzwingt. Statt dessen kann Weiß links das Gleiche veranstalten, was er rechts bereits droht. 1.Lf7! und jetzt kann die schwarze Lady entweder nach 1.-Dd7 2.Le6 Dh7 3.Lg4 wie in der Satzsituation das Duell verlieren oder echoartig auf der anderen Seite nach 1.-Dh7 2.Lg6 Dd7 3.Le4, wonach es wieder keine Ausreden gibt.

Rechts könnte Schwarz, wenn er am Zug wäre, nur trist zu 1.-c4 greifen, wohl wissend, dass er nach der beliebigen Umwandlung des wBf7 keinen vernünftigen Zug mehr hat. Doch auch hier gibt es keinen geeigneten Wartezug. Daher lässt Weiß überraschend das Schach auf b3 zu: 1.f8S! Lb3+ und nach 2.Se6 Lxe6+ 3.Kg7 hat der Läufer das Feld besetzt, dass der Springer jetzt gerne schachgebend besetzen würde. So weit von MiBu angedeutet. Aber Schwarz kann es sich auch anders überlegen 2.-Lc2 3.Sxc5! Der weiße Bauer auf f7 ist zum prachtvollen Springer auf c5 geworden und Schwarz stirbt an seiner Zugpflicht, obwohl Weiß (einzügig und alles andere zählt nicht, denn Weiß hat ja nach der Forderung "Matt in vier" nur noch einen Zug übrig) gar nichts droht.

Meines Erachtens sind das alles schöne Beispiele zum Thema Zugwechsel. Nichtsdestotrotz findet man Zugwechselstücke heutzutage nur noch selten in Schachproblemzeitschriften oder -spalten. Das liegt daran, dass insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dieses Gebiet weitläufig abgegrast wurde.

In diese Zeit fallen auch die ersten Perpetuum Mobiles. Was das ist, sieht man an folgendem Stück (Kiss, 1942):

Kiss2

Weiß am Zug, Matt in zwei Zügen. Im Satz erfolgt auf die Königssternfluchten 1.-Kd6 2.d8D#, 1.-Kd8 2.Dg5#, 1.-Kf6 2.f8D# und 1.-Kf8 2.Dc5#. Wieder gibt es keinen geeigneten Wartezug, so dass nach dem Schlüsselzug 1.De4! sich alle vier Matts ändern: 1.-Kd6 2.f8D#, 1.-Kd8 2.Dh4#, 1.-Kf6 2.d8D# und 1.-Kf8 2.Db4#. Vier Mattwechsel bei vollständigem Satz - so weit so gut, aber der eigentliche Gag ist: versetzt man in der Diagrammstellung die weiße Dame nach e4 lautet die Lösung, dreimal darf man raten 1.De3! und man kann die Varianten von oben übernehmen, es erfolgt lediglich ein Austausch von Satz und Lösung. Eine solche Anordnung, in dem sich die Stellungen nach dem Schlüsselzug entsprechend abwechseln, nennt man Perpetuum Mobile. Wenn ich mich nicht irre, gibt es auch längere Perpetuum Mobiles, das würde ich bei Interesse mal recherchieren. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann versucht sich die weiße Dame immer noch zu entscheiden, ob sie lieber auf e3 oder e4 steht...



Die Teilnahme an unserer Kommentarfunktion ist nur registrierten Mitgliedern möglich.
Login und Registrierung finden Sie in der rechten Spalte.