Sag mir wo die Spieler sind

by on03. September 2015

„Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben ... wann wird man je verstehen?“ sind Textfragmente eines der wohl berühmtesten Antikriegslieder. Dieses Kettenlied handelt davon, dass wir oft und gerne immer wieder die gleichen Fehler machen und wenig aus der Geschichte lernen.

Nun geht es bei unserem schönen Spiel nicht um Leben oder Tod, aber dennoch neigen auch wir dazu immer im alten Trott zu verweilen – möglicherweise um uns unangenehmen Fragen nicht stellen zu müssen. Eine dieser Fragestellung ist die Jugendarbeit oder viel besser die Effizienz derselben. Nun möchte wohl niemand – auf keinen Fall der Schreiber dieser Zeilen – die Jugendarbeit schlecht schreiben oder reden, denn sie ist das Wichtigste im Schach, denn in ihr wird die Basis für die Zukunft gelegt. Dennoch wollte die Krennwurzn einmal einen kritischen Blick auf das Thema werfen, denn sie hatte das Gefühl, dass sich bei uns im Schach sehr viele Jugendliche tummeln, die dann so ab 20 einfach verschwinden. „Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“

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Hier sieht man nur eine kleine Eindellung bei den 20er nach der Jugend und einen Berg in den 30er, den man auf die geburtenstarken Jahrgänge und dem Hype der Kasparov-Karpov Zeit und wohl auch noch auf die von Bobby Fischer hervorgerufene Schachbegeisterung zurückführen kann. Gleichzeitig begann aber schon der Mitgliederschwund und es wurde verstärkt in Jugendarbeit investiert.

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10 Jahre später ist die Eindellung nach der Jugendzeit schon massiver zu sehen, aber die Zahl der Jugendlichen ist fast gleich geblieben, obwohl über ein Tausend Spieler weniger gemeldet waren.

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Wieder 10 Jahre später hat sich die Eindellung zu einem großen breiten Tal nach der Jugend vertieft und wieder hat man weit über tausend Spieler verloren.

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Nun habe ich versucht die verlorenen 2.000 Spieler in die Grafik einzuschätzen, um das Tal mit Spielern aufzufüllen. Das ist natürlich eine sehr gewagte Sache, denn Verluste aus der Jugendarbeit sind natürlich und können viele Ursachen haben. Jetzt könnte man das Kind gleich mit dem Bade ausschütten und sagen was manche heimlich denken: die Jugendarbeit kostet nur viel Geld und bringt wenig bis nichts – die Leute spielen ein paar Jahre Schach, weil es beispielsweise in der Schule opportun ist, die Vereine betreiben Jugendarbeit weil es dem Zeitgeist entspricht und weil es dafür Förderungen gibt!

Nun wie fast immer bei einfachen populistischen Äußerungen fallen dabei ein paar Feinheiten unter den Tisch, aber das ist ja egal, wenn man nur heftig und laut auf den Tisch schlagen will. Der Kontakt mit Schach – auch wenn es dann nicht zum Hobby wird – schadet niemals, denn auch diese Leute können im späteren Leben mit dem Schachbetrieb in Berührung kommen, sei es als Entscheider über Förderungen, Sponsoring, usw. oder aber als Eltern, die ihre Kinder in eine Schachgruppe schicken. Also können wir mit Jugendarbeit keinen Fehler machen, aber dennoch müssen wir uns fragen, warum verlieren wir dennoch so viele „Blumen“ für immer oder nur zeitweise für über 10 Jahre.

Ein Ansatzpunkt könnten die Frauen sein, die sind ja in den Diagrammen ganz zart vertreten sind. Eine Frauenquote von unter 6% bei den Stammschachspieler liegt sogar drastisch unter der Frauenquote von 16% in österreichischen Vorstandsetagen! Es ist wohl kein Zufall, dass die Eindellung in die Jahre der Ausbildung und der Familiengründung fallen und dass wir dort dann mit den Frauen auch viele Männer für das Schach verlieren. Also müssten wir nachdenken, was wir nach der erfolgreichen Jugendarbeit unternehmen können!

„Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben ... wann wird man je verstehen?“

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)

Kommentare   

#1 Thomas Richter 2015-09-03 21:41
Interessante Statistiken und nette Grafiken, zum Text drumherum ein paar Fragen/Anmerkungen:
1) Man macht Jugendarbeit doch nicht weil es sein muss, sondern auch weil es Spass macht? Sehe ich jedenfalls so als ehemaliger Jugendleiter.
2) Wie teuer ist Jugendarbeit? Das meiste ist doch wohl ehrenamtlich - nur im gehobenen Segment mit erheblichen Kosten für Trainer, Turniere, ... . Das sind dann (hoffentlich) Jugendliche, die dem Schachsport eher erhalten bleiben - allerdings auch eher den Heimatverein verlassen zugunsten eines anderen, grösseren, besseren.
3) Wie gross ist der Schwund in anderen Sportarten, z.B. Fussball? Ich vermute kleiner, und das kann dann zwei Gründe haben: Schach ist zeitraubender als körperliche Sportarten, daher schwerer mit Beruf und Familie zu vereinbaren. Und Schach ist vielleicht die einzige Sportart, die man total flexibel (jederzeit und in beliebiger Dosierung) im Internet betreiben kann.
#2 Martin Rieger 2015-09-07 07:42
Es gibt heutzutage einfach zuviele Freizeitmöglichkeiten als das Schach hier noch groß punkten könnte. Alleine das Internet und seine schier unendlichen Weiten und zahlreichen Möglichkeiten mit Leuten aus aller Welt in Echtzeit zu chatten, zu spielen usw. (...) trocknen das Vereinsschach doch sehr aus. Wenn dann auch noch korrupte Funktionäre und langweilige Topspieler (man verzeihe mir diesen Ausdruck) dazu kommen, wen wundert es wirklich dass immer weniger Leute Lust auf Schach haben? Zu den Topspielern: Heutzutage gleicht einer dem anderen, schaut man sich die Partien an, weiß man nicht ob sie ein Gelfand, Svidler oder sonstwer gespielt hat. Früher gab es einfach Originale, Spielertypen wie Tal, Fischer, Kasparov, Karpov, Petrosjan, Symslov, Spasski, Ljuboievic, Timman, Portisch, Hort usw. Sie haben polarisiert, die Massen bewegt und begeistert. Wer weiß heutzutage noch, wie der WM-Kampf Kramnik-Leko ausging? Geschweige denn Partien davon? Der einzige, der heute noch Partien abliefert an die man sich erinnert in der Zukunft ist Nakamura. Der Rest ist eine graue, nebelhafte Masse. Warum ist das so? Weil keiner mehr etwas riskiert, jeder hat Angst um seine Elo-Punkte. Ich finde immer noch, Schach sollte revolutioniert werden, kürzere Bedenkzeiten, abschaffung der ELO-Punkte zum Beispiel. Es gibt noch mehr aber der Großteil der Schachspieler will weiter in ihrem Schneckenhaus wie bisher wurschteln, frei nach dem Motto: Alle
sollen sich ändern, nur nicht ich...

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