Interview der Krennwurzn mit Harald Schneider-Zinner
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Nun es ist nicht leicht Interviewpartner für die Krennwurzn zu finden – viele wollen nicht oder haben Angst vor einem Interview und andere will die Krennwurzn nicht. Zudem ist die Themenauswahl auch nicht so leicht. Schachpolitik verschwindet in letzter Zeit komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung und Skandale sind auch eher die Ausnahme. Daher möchte die Krennwurzn einen anderen Weg gehen und sich mit einem aktiven Schachtrainer und -spieler unterhalten. Die Wahl fiel dabei leicht und die Krennwurzn verfiel auf den Nationaltrainer der österreichischen Frauen, IM Harald Schneider-Zinner.

Krennwurzn:
Lieber Harald, in Österreich bist Du ja bekannt, aber wir haben hier viele Leser aus Deutschland – also stelle Dich bitte etwas ausführlicher vor:

HSZ:
Ich wurde am 1. April 1968 geboren. Das erklärt meine Vorliebe für Aprilscherze. :-).
Bei uns zu Hause stand immer ein Schachbrett herum, sodass ich mit dem Herumschmeißen von Figuren aufwuchs, bis das Ganze mal halbwegs nach richtigem Schach aussah.

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HSZ in jungen Jahren

In unserer Pfarre übernahm ich recht früh eine Jungschargruppe. Wir diskutierten viel, unternahmen zahlreiche Reisen und führten viele Theaterstücke auf. Das beeinflusste sicherlich meine Berufswahl zum Lehrer – Sonderschul- Körperbehinderten- und Sprachheilpädagogik. Die Ausbildung bedeutete drei Jahre "Hahn im Korb" in einer Gruppe mit 10 Frauen und zwei Männern (das perfekte Abhärtungstraining für einen zukünftigen Trainer des Frauen-Nationalteams).

Ich unterrichtete dann 14 Jahre im Sonderschul - und Volksschulbereich; 10 Jahre davon mit Christine - meiner Lieblingslehrerin - im Teamteaching. Wir ergänzten uns hervorragend, nur Werken konnten wir beide nicht, das gaben wir erfolgreich ab.

Krennwurzn:
Schach gespielt hast Du ja schon seit Jugend an, aber wie wurde ein Trainer aus Dir?

HSZ:
2003 holte mich Robert Zsifkovits als Jugendkadertrainer ins Burgenland (von der Zeit her werde ich in Artikeln oft als Burgenländer und Wahlwiener beschrieben – dabei ist es genau umgekehrt ?). Ich absolvierte die Ausbildung zum Instruktor und 2005 die FIDE-Trainer-Ausbildung in Berlin (2010 dann die Trainerausbildung). Neben meinem Lehrberuf und der Trainertätigkeit blieb nur mehr wenig Zeit zum Schachspielen und für mein Privatleben (ich neige bis heute ein wenig zum „Workaholic“).

Schließlich animierte mich Eveline - meine Frau - etwas Arbeit über Bord zu werfen. Nachdem meine Kollegin schwanger geworden ist und sich unser "Dreamteam" in der Schule somit halbiert hatte, war die Entscheidung einfach: ich machte mich als Schachtrainer selbstständig (das Sicherheitsnetz war aber eng geknüpft, unter anderem durch die Möglichkeit immer wieder in den sicheren "Schulhafen" zurück zu kehren, aber auch durch zahlreiche Kontakte und finanzielle Absicherungen ...also kein sehr gewagter Schritt und keine Abhängigkeiten von Funktionären).

Krennwurzn:
Wann bist Du nach Wien „zurückgekehrt“?

HSZ:
2008 übernahm ich den Wiener Jugendkader, nachdem Präsident Christian Hursky mit seinem Team das Wiener Schach aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst hatte. Es begann eine sehr schöne Trainertätigkeit, aus der in vieljähriger Arbeit Valentin Dragnev (knapp vor dem Großmeistertitel stehend und heute Großmeister und Nationalspieler), Christoph Menezes (IM), Felix Blohberger (IM und Nationalspieler), Marc Morgunov und zahlreiche andere starke Burschen hervor gingen.

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Jugendkader 2012

Bei den Mädchen arbeite ich seit 2010 mit Nikola Mayrhuber zusammen, die mit mir ins Nationalteam wechselte. Außerdem entwickelten sich wunderbare Spielerinnen wie Sophie Konecny, Dorothea Enache, Wu Min, ... die serienweise die Jugendmeisterschaften gewannen.

Zum Abschiedsfest Ende 2016 kamen alles in allem 60 geliebte Leute: Spieler und Spielerinnen, Eltern und Funktionäre. Selten ist mir ein Abschied so schwergefallen. Allerdings sind zu vielen sehr freundschaftliche Kontakte über die Trainerarbeit hinaus bis heute geblieben.

Krennwurzn:
Wieso kam es zum Abschied aus Wien?

HSZ:
Den Abschied hatte ich zirka ein halbes Jahr davor geplant mit dem Ziel, mir eine längere Auszeit zu nehmen und mal viele Turniere auf der Welt zu spielen, die sich bis dahin noch nicht ausgegangen sind. Dann wurde ich aber von Christian Hursky und Kurt Jungwirth gefragt, ob ich den österreichischen Frauenkader trainieren wolle – und ich zögerte nicht lange.
2015 konnte ich in Island in diesem Bereich schon erste Erfahrungen sammeln. Ich betreute die Mannschaft bei der Team-Europameisterschaft und irgendwie passte alles zusammen. Wir erreichten den fantastische geteilten 4. – 9. Platz (u.a. mit einem 2:2 in der Schlussrunde gegen das Weltklasseteam aus Georgien).

Der Frauen-Nationalkader besteht heute aus 12 motivierten jungen Frauen. Keine davon ist Profi. Familie und Beruf (bzw. Schule oder Studium) spielen eine vorrangige Rolle im Leben der Frauen – aber daneben hat Schach einen sehr gewichtigen Stellenwert. Ich konnte auf der hervorragenden Arbeit von GM David Shengelia aufbauen, brachte aber natürlich meine eigenen Vorstellungen und Strukturen mit.

Krennwurzn:
Du hast aber neben der Trainertätigkeit auch noch andere Aufgaben?

HSZ:
Seit 2011 leite ich die Trainerausbildung (die Karl-Heinz Schein aufgebaut hatte), die mir sehr am Herzen liegt. Unsere Sportler verdienen gut ausgebildete Trainer. Dabei ist viel Organisatorisches zu erledigen. Allerdings nimmt mir Generalsekretär Walter Kastner mit seinem großen Einsatz viel Arbeit ab. Und überhaupt klappt die Zusammenarbeit im ÖSB und im Sportausschuss aus meiner Sicht sehr gut. Alle sind motiviert, leisten viel und schätzen und unterstützen einander.

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Griechenland 2015

Krennwurzn:

Am Schachbrett sieht man Dich ja auch noch – und dies gar nicht so selten?

HSZ:
Zum Schachspielen komme ich leider nicht mehr so oft, aber wenn genieße ich es und spiele meist recht unbefangen. Großartig ist es natürlich mit meinen ehemaligen Schülern GM Valentin Dragnev, IM Felix Blohberger und FM Jakob Gstach (der aus Studiengründen allerdings wenig Zeit hat) gemeinsam in der 1. Bundesliga zu spielen.

Unser Schachverein Ottakring, den ich mit einem wunderbaren Team leite, liegt mir sehr am Herzen. In den letzten Jahren ist richtig viel weiter gegangen. 2016 wurden wir zum Sportverein des Jahres in Österreichs gewählt (vor den Handballern und anderen tollen Sportarten) und ich konnte mit Niki gemeinsam den Kristall der BSO bei der Gala entgegennehmen. Die vorangegangene Online-Abstimmung spiegelt natürlich nicht ganz die wahren Verhältnisse wider, zeigt aber, dass die österreichische Schachgemeinde hervorragend vernetzt ist und toll zusammenhält.

Und ja, auch auf unsere Arbeit sind wir stolz. Ich denke, dass wir zu den führenden Schachvereinen im Spitzenschach, Jugendschach und Frauenschach in Österreich zählen (zirka 50 Jugendliche und 25 Frauen bzw. Mädchen sind bei uns – bei über 100 Mitgliedern). Das ist nur durch das Zusammenspiel eines guten Teams mit vielen motivierten Leuten möglich.

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Team Ottakring

Krennwurzn:
Nun haben wir Dich ausreichend vorgestellt und es wird Dich nicht verwundern, dass jetzt nach Krennwurzn Art die unangenehmeren Fragen kommen werden – ich hatte Dich ja vorgewarnt.
Starten wir gleich mit einer Provokation: Bist Du als IM nicht zu schwach um als Trainer erfolgreich arbeiten zu können?

HSZ:
Ich denke, das müssen andere beurteilen. Am besten misst man einen Trainer ja wohl an seinen Schützlingen. Ich glaube, dass ich mit meiner Jugendarbeit das österreichische Schach ganz gut weitergebracht habe (GM Dragnev und IM Blohberger sind für das Nationalteam bereits in jungen Jahren wichtige Stützen).
Und das Frauen-Nationalteam konnte ich in zwei Jahren von Platz 37 auf 25 in der Weltrangliste führen. Das liegt in erster Linie am tollen Einsatz unserer Spielerinnen aber ich denke, dass ich meine Arbeit ziemlich gut (und mit großer Freude) mache. Unterstützt werden wir dabei seit einem Jahr auch von einer sehr guten Mentaltrainerin – Denise Salamon. Aber auch die Unterstützung und das Vertrauen der ÖSB-Funktionäre helfen uns enorm weiter. Vieles ist einfach Teamarbeit.
Ein Erfolgsgeheimnis liegt im tollen Zusammenhalt des Teams. Auch wenn es mal nicht so läuft, unterstützen sich die Spielerinnen und halten zusammen. So konnten wir schon die eine oder andere Krise meistern. Und der 2. Platz 2018 beim Mitropacup mit einem sehr jungen Team war ein Erfolg, für den es auch international viele Gratulationen gab.

Krennwurzn:
Ich habe insgeheim auf den Konter gewartet, dass der wohl beste Schachtrainer Mark Dvoretzky auch „nur“ IM war. Nun möchte ich abseits der Provokation fragen: Warum ist eigene Spielstärke nicht das Hauptkriterium für einen guten Trainer?

HSZ:
Na ja, ich habe ja ein recht gutes Selbstvertrauen, aber auf die Idee mich mit Dvoretzky auch nur annähernd zu vergleichen, wäre ich nicht gekommen - seine Bücher „Für Freunde und Kollegen Teil 1+2“ geben übrigens tiefe Einblicke in die Trainerarbeit. Natürlich ist die Spielstärke eines der vielen Kriterien, die einen Trainer auszeichnen und man muss dann auch sehr ehrlich entscheiden bis zu welchen Grad man seinen Spielern noch helfen kann oder wann man sie lieber an einen anderen Trainer weiterempfehlen sollte.
Aber die Arbeit mit Menschen ist ein sehr komplexes Feld. Man muss Inhalte gut erklären können, sollte seinen Spielern mit Empathie begegnen, Vertrauen muss aufgebaut werden, ein System muss entwickelt werden in dem sinnvolles Arbeiten möglich ist, die Spieler müssen zum selbstständigen Arbeiten animiert werden, gutes Material muss ausgewählt werden, das Training muss so gestaltet sein, dass es für die jeweiligen Spieler möglichst maßgeschneidert ist, Krisensituationen müssen bewältigt werden.
Vieles spielt sich abseits der schachlichen Ebene ab. Die Eigenschaften die man als starker Spieler und als starker Trainer benötigt, sind eben zwei unterschiedliche paar Schuhe. Kaum ein Trainer wird in allen Bereichen perfekt sein – es kommt eben aufs Gesamtpaket an.

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Olympiateam 2018

Krennwurzn:
Kommen wir zum Spitzenschachtraining zurück – Du kennst sicherlich die Krennwurzn’sche Forderung 2600 mit 16 Jahren und 2700 mit 18. Diese plakative Forderung scheint auf den ersten Blick überzogen, schaut man sich aber die aktuelle Weltspitze an, so scheint genau dies notwendig zu sein. Eine der Nebenwirkungen dieser Forderung ist ja, dass angehenden Topleute auf die Schulbildung verzichten müssen, weil beides nicht mehr schaffbar ist. Können wir da in Europa – speziell in West- und Mitteleuropa da noch mithalten?

HSZ:
Deine Forderungen sind nicht von der Hand zu weisen. Das Höchstleistungsalter ist im Schach sicherlich deutlich gesunken und wenn man ganz an die Spitze will, muss man auf vieles verzichten. Im österreichischen Schachbund bekennen wir uns klar zu einem dualen System und unterstützen unsere Athleten dabei. Nachwuchsleistungszentren bieten dafür eine gute Basis, um intensiv zu trainieren und den Maturaabschluss zu erlangen. Aber das ist kein Honigschlecken für die Spieler und bedeutet Verzicht auf vieles andere.
Die Leistungen unserer Spieler (zum Beispiel der geteilte 6. – 14. Platz des Herren-Teams bei der Olympiade 2018, punktegleich mit Indien) zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind.
Uns ist aber bewusst, dass wir die Arbeit mit den jungen Spielern immer mehr intensivieren müssen, viele Schritte sind bereits eingeleitet. Und Präsident Christian Hursky puscht und motiviert mit Recht in diese Richtung.
Spitzensportler sind es gewohnt zielgerichtet und intensiv zu arbeiten. Und es gibt dann immer noch den zweiten Bildungsweg. Jeder motivierte junge Sportler muss da selbst seine Entscheidung treffen.

Krennwurzn:
Im Rahmen einer Diskussion habe ich folgende Statistik erstellt und zwei gleichalte Spieler gewählt, wovon einer in die Weltspitze kam und der andere eben gerade nicht.

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Sicherlich ein unwissenschaftlicher Vergleich, aber zeigt sich nicht das Bild, dass Meier in jungen Jahren nicht die Möglichkeit hatte gegen starke Spieler anzutreten und könnte das auch ein Problem für junge Spieler hier in Österreich sein, nicht schon früh auf härteste Konkurrenz zu stoßen?

HSZ:
Dein Vergleich ist sicherlich treffend. Wir benötigen starke Gegnerschaft um stärker zu werden. Der ÖSB fördert seine Spitzenspieler sehr dabei sich internationale Härte zu holen und im Ausland gegen starke Konkurrenz zu spielen. Gegner in einem Bereich zwischen plus 150 Elo und ein paar wenige mit minus 50 Elo sind nach Markus Ragger perfekt. Er meint auch, dass 100 Partien im Jahr für junge motivierte Spieler ein guter Richtwert sind.
Die Trainer unterstützen bei der Turnierauswahl.
Im Frauen-Nationalteam fordere ich mindestens 50 Partien im Jahr. Wie gesagt, alle sind Amateure, aber wir erwarten bei den Förderungen eine semiprofessionelle Einstellung. Auf individuelle Situationen nehmen wir natürlich Rücksicht. Und ein großes Selbstengagement ist immer Voraussetzung.
Leider fehlt die harte nationale Konkurrenz im Jugendschach. Wir haben einige wirklich starke Spieler, aber dann kommt ein großes Loch. Der ÖSB versucht mit einem bundesländerübergreifenden Projekt das 2019 starten wird entgegen zu steuern. Aber alle im Jugendschach beteiligten Personen sind in der Pflicht hier mitzuarbeiten. Leider scheiterte eine Initiative von mir die Vereine der 1. Bundesliga zu verpflichtender Jugendarbeit anhalten.

Krennwurzn:
Meine Sorge dabei ist, dass man den richtigen Ausstiegszeitpunkt aus dem Spitzensport erkennen sollte, um nicht in existenzielle (Sinn)krisen zu schlittern. Mir ist in diesem Zusammenhang eine Aussage von GM Maurice Ashley in Erinnerung, der gesagt hat, dass anders als bei körperlichen Sportarten die Entwicklung viel sprunghafter sein kann, weil das menschliche Gehirn die Informationen zuerst erlernen und dann erst verketten muss. Wie unterscheidet man eine Form- oder Lernkrise von der persönlichen Leistungsgrenze? Und wie geht man als Trainer mit dieser Frage um?

HSZ:
Das sind wichtige Schlüsselfragen. In der Tat erfolgt die Entwicklung im Schachsport anders – und viel komplizierter – als zum Beispiel in einer Ausdauersportart. Wenn du im Ausdauerbereich das Training perfekt gestaltest, Belastung und Erholung richtig setzt und das Training im richtigen Ausmaß steigerst, sollte sich die Leistung dazu linear entwickeln.
Im Schachsport ist das anders. Du trainierst oft lange Zeit und spürst, dass du gut arbeitest. Aber in den Ergebnissen spiegelt sich das nicht wider. Das kann für den Spieler, für den Trainer, für die Eltern und die Funktionäre oft sehr frustrierend sein.
Der Grund liegt darin verborgen, dass das Gehirn die komplexen Inhalte erst entsprechend verknüpfen und zusammensetzten muss, bis ergebniswirksame Reize entstehen. Man benötigt in diesen Phasen der scheinbaren Stagnation oft viel Geduld und Selbstvertrauen.
Ich denke, das sind Phasen wo ein Trainer seine Stärken beweisen kann, vor allem in dem er Spieler nicht einfach fallen lässt. Steckt ein Spieler in so einer Krise und vermittelt mir mit seinem Einsatz, dass er wirklich arbeiten möchte, versuche ich ihn/sie vorbehaltlos zu unterstützen.
Milan Novkovic, den ich für einen der besten Trainer Österreichs halte (allerdings hat er kaum Zeit für diese Tätigkeit), hat mir in diesem Zusammenhang ein wunderbares Buch empfohlen: „Der längere Atem“ von George Leonard. Die Phasen der scheinbaren Stagnation werden dort als „Plateau“ bezeichnet – und es ist wichtig dieses „Plateau“ zu lieben (sprich es anzunehmen als das was es ist – eine Phase des Lernens und Ansammelns“) um eine nächst höhere Stufe (das nächste „Plateau“) zu erreichen. Und das erfolgt dann oft sprunghaft – also mit einem enormen Eloschub der je nach Alter und Spielstäre weit über hundert Elo liegen kann (oben wird die Luft natürlich dünner).

Dann war da noch deine Frage, wann man das Erreichen der Leitungsgrenze erkennt und wann es sich nur um eine Krise handelt. Hier ist es wichtig, dass der Trainer seinen Spieler wirklich gut kennt und ein gutes Feeling für diese Problematik hat. Wichtig ist, dass der Wunsch zu arbeiten und für seinen Sport Opfer zu bringen vom Spieler ausgeht. Die Wünsche der Eltern oder des Trainers sollten da nicht hineinprojiziert werden. Es ist recht einfach im U8U10-Bereich Kinder so zu puschen, dass sie Titel gewinnen, aber diese sind nicht wichtig. Wichtig ist die Langzeitentwicklung. Hier gilt es konsequent zu arbeiten, Trainingsreize und Erholung im richtigen Maße zu setzten, und vor allem die Freude zu erhalten. Als Trainer benötigt man einerseits den Willen zum Erfolg, aber auch ein gutes Maß an Entspanntheit.
Mit zunehmendem Alter und zunehmendem Reifegrad tritt aber immer mehr die Selbstverantwortung des Spielers in den Vordergrund. Wir haben in unserer Gesellschaft große Freiheiten und müssen/dürfen damit umgehen. Nicht jeder wird glücklich, wenn er einen „klassischen“ Weg geht. Aber man muss auch wissen, worauf man sich einlässt.
Für den Trainer ist es dabei wieder wichtig eine vertrauensvolle Gesprächsbasis mit seinen Spielern zu haben. Sie sollen das Gefühl haben jederzeit mit ihrem Trainer diese Problematiken durchbesprechen zu können.
In meiner Praxis hatte ich diese Situation natürlich auch schon ein paar Mal: Druck durch Schule oder Studium, die erste tiefere Beziehung, Belastung durch den Sport – oft kommt im Leben viel zusammen. Ungefragt versuche ich mich aber mit Ratschlägen zurück zu halten. Ich muss schon wirklich sehr alarmiert sein, um von meiner Seite aus einem Spieler zu raten das Handtuch zu werfen. Aber oft ist eine längere Pause sinnvoll. Türen und Gesprächsdrähte müssen dann halt auch offenbleiben.

2018HSZ072016 Kristallgala der ORF ist mit dabei


Krennwurzn:
Dein Ex-Schüler Marc Morgunov wurde in Riga des Betrugs überführt und vom ÖSB gesperrt. Ich möchte aus Rücksicht auf das Alter nicht weiter auf den Fall eingehen, sondern generell fragen, was läuft da schief, setzen wir die Spieler unter zu harten Druck, dass sie keinen anderen Ausweg finden?

HSZ:
Man sollte von einem Einzelfall nicht auf das ganze System schließen, aber natürlich tragen wir eine Verantwortung für unsere Spieler. Aber dass Druck im Spitzensport immer ein großes Thema ist, ist klar.
Ich denke, dass der ÖSB die Verantwortung wahrnimmt und mit dem Einzelfall sehr gut umgegangen ist: transparent, Einbeziehung von internationalen Untersuchungen aller seiner Partien von 2018 durch einen Anti-Cheating-Experten, enge Zusammenarbeit mit der FIDE, eine harte Strafe – aber ohne den Spieler für immer zu verdammen, einen aufgezeigten Weg wie es weiter und zurück in die Schachgemeinschaft gehen kann und angebotene Hilfestellungen (u.a. Arbeit mit einem Mentaltrainer). Ich habe das letzte Mal 2016 mit Marc gearbeitet, aber bereits da war er im Taktikbereich unglaublich stark und beim Lösen von Studien besser und schneller als Valentin oder Christoph. Christoph meinte, dass er Marc wohl als Taktiktrainer engagieren werde, sollte er jemals bei einem Superturnier mitspielen.
Ich denke, dass Marc aus diesem Riesenfehler (ich und viele andere waren völlig geschockt von dieser Nachricht) seine Lehren ziehen wird und wünsche ihm nur das Beste für seine weitere Entwicklung.

Krennwurzn:
Allgemein gesprochen – in diesem Fall könnte der Betroffene noch zu jung sein – wäre ich für einen kompletten Straferlass, wenn der Spieler bereit wäre offen und öffentlich seine Beweggründe diesen Riesenfehler zu machen offenlegt. Aus Sicht eines Trainers eine Schnapsidee oder doch für andere eine Prävention?

HSZ:
Ich bin durchaus ein Freund von klaren Regeln und Konsequenzen (auch aus präventiven Gründen) – begleitet von größtmöglicher Unterstützung für einen Weg zurück. Daneben ist jeder Fall natürlich als Einzelfall zu behandeln. Man muss auch schauen, welchen Spielraum man hat, die Konsequenzen sind von der FIDE – oder im Falle des klassischen Dopings von der BSO – ja vorgeschrieben.

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Auszeit und Entspannung
im Lieblingsort in Nordspanien

Krennwurzn:
Die Maschinen sind uns Menschen total überlegen, das hat sich auch beim letzten WM-Kampf wieder deutlich gezeigt, hier hätte Sesse mehrmals locker Partien gewonnen und Sesse ist ja nicht das Ende der Fahnenstange, es gibt ja noch alphazero als Drohung am Horizont. Ich als Schachzuseher habe ja schon oft das Gefühl, dass Zusehen schwieriger ist als selber spielen, weil es sehr schwer fällt Enginebewertungen richtig einzuordnen und in menschliche Idee/Muster umzuwandeln. Wie stark beeinflussen die Maschinen das zukünftige Training?

HSZ:
Da kann ich nur empfehlen die Engines einfach abzuschalten und die großartige Leistung der zwei weltbesten Spieler zu bewundern und zu genießen. Auch hat es viele hervorragende Live-Kommentierungen gegeben, die einem das Geschehen am Brett erklären.
Unglaublich fand ich die Verteidigungsleistungen von Carlsen und Caruana. Das gab es noch in keinem Weltmeisterschaftskampf. Die Fehlerquote war wohl äußerst gering und so gab es trotz großem Kampfgeist keinen Gewinn in den klassischen Partien.

Unglaublich finde ich die Arroganz erheblich schwächerer Spieler, die bequem zu Hause sitzend Engines mitlaufen lassen und sich nicht zu dumm sind die Züge der Nummer 1 und Nummer 2 der Welt heftig zu kritisieren.

Krennwurzn:
Nun ich brauche Hilfe von guter Kommentierung oder einen kritischen Blick auf Enginebewertungen um schönes Spiel erkennen – naja sagen wir genauer erahnen zu können. Bei der Arroganz muss ich einen Einspruch erheben, denn ich glaube, dass die Kritik von meist jenen geübt wird, die vom Fan zum Fanatiker werden. Im Prinzip ist es so wie wenn man beim Fußball schreit: den hätte er reinmachen müssen!

HSZ:
Ich würde die Kommentierung von Svidler, Polgar oder vielen anderen Kommentatoren bevorzugen. Eine echte Bereicherung – zumindest für mich.
Krennwurzn:
Welchen Stellenwert haben Engines bei Dir im Training?

HSZ:
Für mein Training spielen Engines eine eher untergeordnete Rolle. Wir arbeiten in erster Linie am Schachverständnis, an der Variantenberechnung und an der Technik. Aber natürlich werden zur Kontrolle der Eröffnungsvarianten, in der Partievorbereitung und Partieanalyse Engines als gutes Hilfsmittel eingesetzt. Und natürlich spielt der Einsatz in einem Elobereich von 2600 und steigend eine wesentlich bedeutendere Rolle – aber dafür brauchst du wohl einen anderen Interviewpartner.

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Krennwurzn:
Das überrascht mich jetzt ein wenig. Klar ist: nur eigenes Denken führt zum Erfolg. Ich dachte aber, dass man Engines auch als Trainingsmittel einsetzen könnte. Leider gibt es noch wenig sinnvolle Leistungsbeschneidung von Engines um menschliches Spiel der gewünschten Spielstärke zu simulieren. Daher dachte ich, dass man im Training umgekehrtes Cheating einsetzen könnte – der Schüler spielt quasi gegen die Engine, der Trainer sortiert aber „unmenschliche“ Züge aus und/oder baut menschliche Fehler ein.

HSZ:
Interessanter Ansatz, mit dem ich allerdings keine Erfahrung habe. OK – das Mattsetzen mit zum Beispiel Dame gegen Turm gegen Engines zu üben – oder überhaupt die Vorteilsverwertung, ist ein recht gebräuchliches Mittel, aber aus meiner Sicht doch eben nur eine Randerscheinung. Vielleicht bin ich da aber doch zu sehr „Old school“, in diesem Bereich fehlt mir die Erfahrung. Ich arbeite lieber mit meinen Schützlingen ein tolles Buch von Dvoretzky, Aagard oder Gelfand durch. Engines versuche ich eben in einigen Bereichen sinnvoll einzusetzen, sonst interessieren sie mich weniger.

Krennwurzn:
Da möchte ich ein wenig nachhaken – ich sehe da eine Problematik: einerseits werden die Engines verdammt – selber denken, spielen, … - und heimlich schielt ein jeder auf die Enginezüge – Fritz sagt diesen Zug hätte ich spielen müssen. Bräuchten wir da nicht einen ehrlicheren und offeneren Zugang zu diesem Thema? Sollte ein ambitionierter Schachspieler nicht etwas mehr über die Funktionsweise (Stärken, Schwächen, …) von Schachengines wissen als dies heutzutage der Fall ist?
HSZ:
Langsam quälen mich die Engines-Fragen und eigentlich habe ich versucht sie ehrlich und offen zu beantworten. Natürlich müssen wir den Spielern die sinnvolle Arbeit mit Engines beibringen. Bei der Partieanalyse (auf die ich großen Wert lege) decken sie Fehler schonungslos auf. Manchmal schlagen sie „bessere“ Züge vor – um +0,2 höher als den gespielten. Dann geht es darum den Vorschlag der Engine zu verstehen, sonst bringt uns das nichts.
In der Partievorbereitung ziehen Spieler manchmal Engineszüge vor, ohne sie zu verstehen. Es interessiert mich nicht, ob die Engine eine Stellung mit +0,2 oder -0,2 bewertet. Ich strebe Spielstellungen an die mir/meinen Spielerinnen liegen, wo sie die Struktur verstehen und Pläne am Brett finden können.
Tendenziell denke ich, dass oft falsch und viel zu früh mit den Engines gearbeitet wird. Ich sag mal bis zu einer Spielstärke von 2400 haben sie Relevanz – aber eine untergeordnete. Bei Supergroßmeistern ist das sicherlich anders – aber das ist nicht mein Arbeitsfeld. Also lieber mit gutem Trainingsmaterial hochkonzentriert und selbstständig arbeiten und/oder mit einem guten Trainer und/oder mit einem guten Trainingspartner (Sorry, …Old school eben).

Krennwurzn:
Schauen wir noch ein wenig in die Zukunft. Alphazero hat in einem Wettkampf gegen Stockfish nur sechs Partien von 1000 gespielten verloren und ist damit schon fast an der praktischen Perfektion von Schach ist Remis angelangt. Wenn ein heutiger Weltklassespieler einen Zug spielt, so ist ein Plan/Intuition und eine Berechnung dahinter, die er erklären kann und die andere somit nachvollziehen können – das ist ja eine großartige menschliche Fähigkeit. Aber wie gehen wir mit Blick auf die Trainingsarbeit damit um, dass uns die Maschine einen Zug hinknallt, den wir nicht mehr verstehen und/oder erklären können?

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HSZ:
Das hängt von der Zeit und der Wichtigkeit ab. Manchmal nehme ich mir Zeit und versuche den Vorschlag zu verstehen. Gelingt mir das nach einiger Zeit, fein! Dann wird die Variante gespeichert und verbal kommentiert – oder zumindest so, dass ich/meine Spielerinnen später damit arbeiten können. – Verstehe ich den Vorschlag nicht: fein! Ab in den Mistkübel und lieber der Empfehlung eines starken Spielers vertrauen.

Krennwurzn:
Zum Abschluss des Interviews möchte ich noch ein Thema streifen, das wie wild durch Foren und auch die Allgemeinheit geistert: Schach und Intelligenz.
Allgemein möchte ich fragen, ob diese Betonung der Intelligenz nicht abschreckend wirken kann – schrecken wir nicht Leute ab mit Schach zu beginnen, nur weil die Angst haben sie könnten als dumm dastehen, wenn sich der Erfolg nicht einstellt?

HSZ:
Ich denke die Ansicht des hochintelligenten Schachspielers wird eher von außen in das Schach projiziert. Ich versuche diese Meinung nicht zu zerstören?.
Ich denke, sie schadet uns auch nicht. Und in der Tat kann unser Sport der Gesellschaft sehr viel bieten. Schach in der Schule kann spielerisch-unterstützend beim Erlernen zahlreicher Fähigkeiten helfen. Weiters kann Schach helfen generationenübergreifend zu verbinden – ich kenne dafür keine geeignetere Sportart. Im Alter hilft es sicherlich auch geistig fit zu bleiben.
Wenn man die Schachgemeinschaft betrachtet denke ich, dass wir durchaus eine normale Verteilung haben, aus meiner Sicht gibt es aber sehr viele sympathische Leute. Prinzipiell schätze ich sozial intelligente Menschen höher als hochintelligente Menschen mit schlechtem und überheblichem Benehmen.

Krennwurzn:
Zum Abschluss möchte ich noch über eine Studie sprechen, die wenn sie denn stimmen sollte, die praktische Trainerarbeit erleichtern sollte. Die Kernaussage ist, dass man für eine gewisse Elostärke eine Mindestintelligenz benötigt. Als Grundlage wird da oft eine Studie der Universität Graz aus dem Jahre 2006 angeführt.

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Würde das so stimmen, bräuchte man vor dem Trainingseinstieg nur einen IQ-Test machen und schon weiß man, was aus dem Schüler maximal werden kann. Ist das wirklich so einfach?

HSZ:
Mir graut davor jemandes Intelligenz zu messen und dann über seine Zukunft zu entscheiden.

Krennwurzn:
Dem Grauen schließe ich mich mit Begeisterung an und bedanke mich für das Interview!


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Zur Person:

IM Harald Schneider-Zinner, Wien
Internationaler Meister, FIDE-Trainer, Coach des überaus erfolgreichen Wiener Jugendkaders (2008-2016) und Trainer des öst. Frauen-Nationalkaders (ab 1.1.2017)
www.schachtrainer.at

 

Stellungsbeurteilung und Plan - Schachtraining online
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Verbessern Sie Ihr Schach online! Schachseminare.eu bietet auf einer Videokonferenzplattform abwechslungsreiches Schachtraining speziell für die breite Gruppe der Vereinsspieler unter DWZ 2100.
Live-Veranstaltungen mit renommierten Referenten, bei denen die Teilnehmer zugeschaltet werden können, vermitteln dabei eine ganz eigene Atmosphäre.
Und wenn Sie eine Veranstaltung verpassen, steht sie als Streaming Video oder auch zum Download zur Verfügung.

Das Programm der nächsten Tage:

26.06.            Partie des Monats: GM Hickl - IM Lobzhanidze (2)
Die Spieler kommentieren ihre laufende Partie – im Anschluss erfolgt eine gemeinsame Analyse. Zuschauerbeteiligung ist erwünscht.
Dauer: 120-150 Minuten, Kosten 12 €

27.06.            IM Frank Zeller: Spanisch für Vereinsspieler (2)
Teil 2: Kampf um das Zentrum
Dauer: 60 Minuten, Kosten: 7 €

Kostenlose Zusatzveranstaltung

28.06.           IM David Lobzhanidze/GM Jörg Hickl: Stellungsbeurteilung und Planfindung
Dauer: 30 Minuten, Kosten: Gratis

29.06.           GM Jörg Hickl: Schach richtig lernen (2)
mit dem provokativen Untertitel "Schach lernt man nicht aus Büchern" beschäftigte Teil 1 sich mit dem analytsichen Schachlernen. Teil 2 stellt die praktische Seite, das Schachspielen, in den Vordergrund und gibt hilfreiche Tipps zu Turniervorbereitung, und -auswahl. Die Partieanalyse stellt auch hier einen gewichtigen Schwerpunkt dar. Die Teilnehmer erhalten im Vorfeld eine Hausaufgabe.
Dauer: 90 Minuten, Kosten: 10 €

 

Das komplette Programm finden Sie auf www.schach-seminare.eu.

Machen Sie sich selbst ein Bild. Dafür stehen Ausschnitte eines Großmeistertrainings (5 Min.) un der "Partie des Monats" zur Verfügung:  

Großmeistertraining DWZ 1900

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Partie des Monats

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Zu www.schach-seminare.eu

Die Geometrie des Schachbretts
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Freitag, 17 Juni 2011 10:33

Die Geometrie des Schachbretts

Nach so viel Politik ist es an der Zeit, schachlich wieder etwas zu arbeiten. Zur Aufpeppung eines langweiligen Wochenendes haben sich Studien trefflich bewährt:

Die Geometrie des Schachbretts hat Ihre eigenen Gesetze und weicht häufig in verblüffendem Maße vom normalen menschlichen Denken ab. Sehr plastisch stellte dies Richard Réti in seiner bekannten Bauernendspielstudie dar:

Richard Réti, 1921, Weiß am Zug - Remis

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Es ist verblüffend, wie der weiße König, der sich weit außerhalb des Bauernquadrats befindet, den gegnerischen Freibauern noch einholen kann.

Mit diesem Verständnis fällt die Lösung der nächsten Aufgabe deutlich leichter:

Weiß am Zug - Remis

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Ein nettes Beispiel fand ich unlängst in einem alten Sportverlagsbuch. Als Komponist ist nur "Gaja" angegeben – mir unbekannt. Vielleicht kann hier ein Leser Licht ins Dunkel bringen*.

Gaja, Weiß am Zug - Gewinn

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* "Der Verfasser heißt Richard Kenneth Guy, ist geboren am 30. September 1916 und laut Wikipedia - wie passend! - emeritierter Mathematikprofessor an der University of Calgary: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Kenneth_Guy Die Studie wurde in CHESS, Vol. 4, No. 38 vom 14. Oktober 1938 auf Seite 78 veröffentlicht."
Vielen Dank an unseren Leser Eckart, der uns in Windeseile erleuchtete!

Lösungen in unserem Lösungsbereich

Es gibt schon wieder viel zu tun!
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Da sind wir wieder, und gleich schon überfallen wir die Leser mit zwei schwierigen Fragen:
a) wie kann man sich zum Training überwinden? und
b) wie trainiere ich so, dass es auch wirklich etwas bringt?   

Diese Fragen sind natürlich so alt wie die Menschheit oder wie das Schachspiel selbst (je nachdem, was von beiden zuerst da war).
Dennoch lohnt ein Blick, alldieweil mir ganz persönlich gerade auch Frage a) in zunehmendem und beunruhigendem Maße zu denken gibt. - 
Durch den Alltag geweht, vom Beruf und anderen Pflichten beansprucht, und in der freien Zeit gefangen im Internet, beim Nichtstun oder beim Abwasch – schwer ist es für den modernen Menschen, bei all den Aufgaben und Ablenkungen noch Zeit zu finden für das gute, alte eigene Hobby. War das früher anders? Dabei täte es so gut – ein wenig Turmendspiel üben, ein wenig das Remis aus dem letzten Mannschaftskampf aufarbeiten, ein wenig Taktiktraining.
Es gibt Menschen, die machen all sowas, und ich bewundere sie. Sie analysieren sogar ihre Partien – ohne Fritz! Unheimlich genug, aber manchmal fehlt mir einfach die Disziplin, um wirklich mal wieder „etwas zu tun“.

Ein netter Schachfreund brachte mir gerade drei schöne Bücher vorbei, für den besseren Durchblick in einer hübschen Variante. Zeit hätte ich vielleicht sogar, sie gut zu studieren, aber auch hier – wo ist bloß die Energie, um meine Zeit auch für Schach zu nutzen? Eigentümlich! Aber auch andere Dinge locken, die Zeit vergeht mit diesem und jenem, und dann haben wir plötzlich schon wieder eine lange Zeit nichts mehr (in Worten: nichts mehr) für Schach getan. Liegt es an der schlechten letzten Saison? Oder liegen die Gründe tiefer?
Die Folgen zumindest wird jeder von uns kennen: aus den Eröffnungen springt nicht mehr viel heraus (denn plötzlich spielen alle Damengambit, und es wird Remis), und auch die Rechenschnelligkeit leidet, alles dauert länger und man fühlt sich noch wackeliger als sonst, wenn der Gegner seinen Gegenangriff (mit doppeltem Bauernopfer!) startet.

Alles ist natürlich auch eine Frage der Motivation – schon klar. „Man ist, was man tut“, heißt es, und wenn man nicht mehr viel trainiert und lieber auf dem Rasen in der Sonne schläft, dann wird einem das wohl auch wichtiger sein als das Training.kis118

Bedrohlich scheint allerdings  eine Frage: vielleicht ist Schach einfach nicht mehr so wichtig? Nicht mehr so wichtig wie früher, als der Biss noch da war? Heute, mit der Gemütlichkeit des Alters, reizt zwar immer noch die Aussicht auf eine gewonnene Partie und den vollen Punkt. Aber irgendwie fehlt der Biss, das Feuer und der Schwung, um schon vor der Partie etwas dafür zu tun und sich reinzuknien. Schade! War es das also schon mit dem Schachsport?

Ok, genug lamentiert und gegrübelt. Die Leser klicken ja schon aus lauter Verzweiflung die Werbebanner an! – In kurzen Worten darum: was könnte also helfen gegen diesen schachlichen Schwermut? Drei mannhafte Alternativen bieten sich an:

Man könnte mit dem Schachspielen aufhören und so all diesen Nöten entfliehen. Lieber also doch auf dem Rasen liegen als am Schachbrett zu knobeln? Und nicht mehr zu Turnieren fahren und das Geld für die Übernachtung sparen? Das wäre eine Option. Ein alter Schachfreund hat vor einem Jahr diesen Schritt gemacht – noch vermisst er die langen Sonntage beim Mannschaftskampf nicht.

Oder man könnte den Ansatz ändern und spielen, ohne dass man sich noch um Punkte und Verluste kümmern würde – wäre das nicht die totale Freiheit? Wow. (Der geheimnisvolle Krennwurzn lässt grüßen mit dem schönen Motto: „Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl!“ Wie schon gesagt – totale Freiheit!)
Aber ganz im Vertrauen: kann man das denn aushalten, ganz schwerelos zu spielen und dann immer und immer wieder von der Niedersächsischen Schachjugend vernascht zu werden? Würde es uns wirklich nicht kümmern? Ich glaube, (noch) geht das nicht.

Vielleicht bietet sich darum die dritte Option an, und die ist vielleicht die härteste und schrecklichste Alternative: raus aus dem Tran und ran ans Training. Aber ernsthaft! Felix Magath für alle, oder „Trainiiierrren, trainiiierrren, trainiiierrren“, wie mir der Lübecker IM Sergei Salov einmal ins Ohr raunte.
Mag sein, dass mit einem ernsthafteren Training auch wieder der BISS und der Ansporn zurückkehren – einfach so, als guter Nebeneffekt. Ziele setzen, und nicht mehr so viel zweifeln – keine Agonie mehr.
Mag auch sein, dass es sogar hilft, Rating-Ziele zu setzen, um sich wieder aufzurappeln. Am besten scheint mir aber, den Spaß am Spiel in den Vordergrund zu stellen. Ich weiß, das klingt jetzt sowas von abgelutscht, aber – das ist es doch eigentlich, weshalb wir überhaupt spielen, oder? Eine schöne DWZ macht froh und sichert einen guten Platz in der Mannschaft. Aber eine spannende Schachpartie, eine neue Eröffnung mit Risiko und neuen Bildern, vielleicht sogar eine am Ende verlorene Partie, auch das gehört dazu. Kann sein, dass es sogar einen größeren Kick gibt als alles andere:

Steffens – Reefschläger 0:1, Deutsche Meisterschaften Binz 1994


Auf in den Kampf also. Spielen wir. Spielen wir. Spielen wir. Ach ja, und dann noch dies: Adieu DWZ!                                                                                                                   
                                                                                                                                                                                                                                                                     PS Interessant ist natürlich nach wie vor die Frage b) Wie trainiere ich so, dass es auch wirklich etwas bringt?
Heute müssen wir die Antwort leider schuldig bleiben, aber – beizeiten kommen wir nochmal darauf zurück. Vielleicht!

Mit dem fünften Teil findet die Serie „Effektives Schachtraining“ ihr vorläufiges Ende. Schwerpunkte sind diesmal "Schach im Internet" und "Brauche ich einen Schachtrainer?".

Schach im Internet

Live-Übertragungen von Veranstaltungen
sind interessant und durchaus empfehlenswert, wenn auch zeitaufwändig und anstrengend. Die intensive Auseinandersetzung mit mehreren Partien gleichzeitig erfordert eine hohe Konzentration. Unterschiedlichste Stellungstypen erhöhen die Breite des eigenen Repertoires. Allerdings fehlt dabei der gedankliche Austausch mit einem Schachpartner.

Spielen auf einem Schachserver – Vorsicht Suchtgefahr!
Immer häufiger weichen Spieler auf dieses relativ neue Medium aus. Die Vorteile liegen auf der Hand: Spielpartner sind immer verfügbar
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und ohne die häusliche Umgebung verlassen zu müssen, können schnell ein Partien geblitzt werden. Allerdings fehlt hier die Seriosität. Verluste schmerzen nicht, nach ein paar Minuten kommt die nächste Partie – es geht um nichts! Der wichtigste Teil des Schachlernens – die Analyse findet nicht statt. Und auch das mit einer ernsthaften Turnierpartie verbundene Lampenfieber tritt nicht auf – die Konzentration ist entsprechend. Zudem sind die Umgangsformen aufgrund der möglichen Anonymität nicht immer so wie man es sich wünscht.
Besteht kein Anspruch besser zu werden, kann hier die Freizeit auch kurzweilig gestaltet werden. Allerdings überschreitet man schnell den Punkt an dem es zur Sucht wird. Vor einigen Jahren machte ich diese Selbsterfahrung – ähnlich meinem ersten Kontakt mit Computerspielen, als mich das morgendliche Zwitschern der Vögel daran erinnerte, dass auch Schlafen ein Teil des menschlichen Lebens ist. (Siehe auch Nakamura-Hickl 14:0)


Das Arbeiten am Monitor
Schach am PC erleichtert die motorische Seite des Arbeitens sehr. Es müssen keine Figuren aufgebaut werden, und der User kann sich schnell durch eine Partie klicken. Leider oftmals viel zu schnell, was dem Lernen wenig zuträglich ist! Zudem findet unser Kampf um DWZ-Punkte auf einem dreidimensionalen Turnierbrett statt. Es entsteht eine Prägung, unsere Leistung ist wesentlich höher als an einem Bildschirm. Für das Schachlernen sollte der Computer nur als Datenlieferant dienen und die Stellung auf dem Brett aufgebaut werden.


Brauche ich einen Schachtrainer?
Eine Frage die jeder, in Abhängigkeit von den eigenen Zielen, individuell für sich beantworten muss. Lernen bedeutet nicht nur Spaß sondern artet zuweilen auch in Arbeit aus. Eine Anleitung kann dabei sehr hilfreich sein!
Doch was bei Golf, Tennis und anderen Sportarten längst Standard ist, führt im Schach ein Dornröschendasein: Die Zusammenarbeit mit einem Trainer. Dabei kann eine gute Beratung schnell zu deutlichen Fortschritten führen. Aufgrund erheblicher Kosten (mit ein paar Stunden ist es leider nicht getan) bleibt jedoch für Anfänger zumeist nur der autodidaktische Weg. Ab einer Spielstärke von ca. 1400 DWZ sind ausreichende Grundkenntnisse vorhanden, um Einzeltraining zielgerichtet zu gestalten.
Die erste Anlaufstelle sollte der lokale Schachverein sein. Ein florierendes Vereinsleben eröffnet die Möglichkeit, sich mit Anderen auszutauschen und Meinungen Spielstärkerer einzuholen.
Vielleicht finden Sie dort einen netten Spielpartner, der Ihnen weiterhilft. Vereinzelt bieten engagierte Vereine kostengünstiges Gruppentraining an. Fragen Sie unbedingt nach!
Stellt die materielle Seite keine Beschränkung dar, ist eine frühzeitige Zusammenarbeit mit einem Trainer ratsam - sie hilft das Einschleifen grober Fehler zu vermeiden. Fortgeschrittene Spieler pendeln sich nach jahrelanger Aktivität vielfach in einem engen Wertungsbereich ein. Diese DWZ-Wand einzureißen ist ohne fremde Hilfe kaum mehr möglich.

Anforderungen an den Trainer
Fachkundige Unterstützung kann den schachlichen Fortschritt erheblich erleichtern, von Beginn an das Entstehen grober Verständnisfehler verhindern, bei der Auswahl der richtigen Lektüre behilflich sein und vieles mehr.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten ist für eine Akzeptanz bei dem Schüler eine wesentlich höhere Spielstärke des Trainers Grundvoraussetzung, was aber wiederum mit anderen Schwierigkeiten verbunden sein kann. Reichen die didaktischen Fähigkeiten um die Probleme des deutlich schwächeren Spielers verstehen können? Klären Sie dies in einem persönlichen Gespräch. Dabei werden Sie schnell feststellen ob die Chemie stimmt – ein wesentlicher Faktor für ein erfolgreiches Zusammenarbeiten.
Für Schachtraining bieten sich zwei Formen an. Die klassische des Einzeltrainings erfolgt am Schachbrett, setzt aber einen Trainer in unmittelbarer Umgebung voraus, um die Reisekosten gering zu halten. Da häufig kein entsprechend qualifizierter Spieler zur Verfügung steht, hat sich mit Aufkommen der neuen Medien auch das Training via Internet etabliert. Kommuniziert wird sinnvollerweise gleichzeitig mit Telefon und Serverschachbrett. Abzuraten ist von Angeboten über einen Chat-Client (via Tastatur) abzuraten. Die Interaktivität ist hierbei nur begrenzt gegeben.
Beachten Sie immer, dass selbst der beste Schachtrainer Ihnen die Arbeit nicht abnimmt und die unabdingbare Nachbearbeitung ebenfalls zeitliche Ressourcen in Anspruch nimmt.

Was kostet das und an wen kann ich mich wenden?
Grundsätzlich sollte Einzeltraining auf eine längere Laufzeit ausgerichtet sein. Der Erfolg stellt sich oftmals erst deutlich zeitverzögert ein. Im Gegensatz zu einem Sprinter, der nach einigen Wochen messbar schneller läuft, ist eine DWZ-Steigerung nicht umgehend nachweisbar.
Die Preise einer 60–minütigen Einheit variieren erheblich. Je nach Spielstärke, Erfahrung und Reputation ist zwischen 20 und 75 € alles zu finden.
Informationen zu Schachtrainern erhalten Sie in unserer Rubrik Schachtraining oder bei der Geschäftsstelle des Deutschen Schachbundes, www.schachbund.de, Tel. 030/3000780 oder mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Und für alles gilt: Ohne Wiederholung geht es nicht!

„I liked this book by Capablanca, Chess Fundamentals. I still do. I read it still. Some of the examples he gives I can still recognize. I built my career on them.“
V. Anand in einem Interview für Outlook Business, Indien, Dezember 08.

Wir lernen nicht für den Augenblick oder eine Prüfung in der nächsten Woche. Es kann Jahre dauern, bis die im Training behandelte Situation auf dem Brett auftaucht. Dementsprechend muss die Information verinnerlicht werden. Ohne Wiederholung geht das nicht! Zuviel neuer Input führt zur Überlastung und ist für den Lernenden von Nachteil. Es empfiehlt sich, durchgearbeitete Schachbücher nach einiger Zeit wieder zur Hand zu nehmen. Können Sie dann Diagramme und Inhalte wieder ins Gedächtnis rufen, zeigt sich der Erfolg der Arbeit - das Buch kann nach wenigen Stunden wieder zur Seite gelegt werden. Sind die Konstellationen jedoch neu, war die erste Beschäftigung mit dem Werk anscheinend nicht intensiv genug. Immerhin führt es zu lebenslanger Freude an dem immer wieder neuen Buch - kostengünstig, aber in Bezug auf Trainingserfolg etwas unbefriedigend.

Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (2)  Schach in der Theorie

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis

Effektives Schachtraining (4) - Tipps für eine höhere DWZ

Schach ist oftmals ein sehr konkretes Spiel, doch kann die Kenntnis und Einhaltung grundsätzlicher Regeln und Verhaltensweisen den Alltag des Vereinsspielers deutlich erleichtern. Heute beschäftigen wir uns mit der „elektronischen“ Seite des Schachlernens:

Elektronische Hilfsmittel

Noch lebhaft erinnere ich mich an den irritierten Blick einer Rezeptionistin des Spielerhotels, als ich Ende der 80er Jahre meinen neuen Atari Computer (mit immerhin 2 MB Hauptspeicher) samt großem Röhrenmonitor auf das Zimmer schleppte. Seitdem hat sich viel getan. Datenbanken und Computerprogramme bestimmen den Alltag des modernen Spitzenspielers. Eine Turnierteilnahme ohne Notebook erscheint vielen undenkbar.

Fritz, Rybka & Co. machen uns stark?!

Unbestritten kam es inzwischen zur Wachablösung im Schach - die Maschinen haben übernommen. Begründet liegt dies primär in der taktischen Anfälligkeit des Menschen - vor allem bei knapper werdender Bedenkzeit. Jede Publikation muss es sich heutzutage gefallen lassen, von irgendjemanden mit einer Engine auf Richtigkeit überprüft zu werden, und auf Schachservern im Internet trifft man im Chat immer wieder auf die Aussage „Mein Rybka/Fritz sagt X steht schlecht.“ Wird es etwas schwieriger, führt der Weg des geringsten Widerstandes unweigerlich zum „Kiebitz zuschalten“-Knopf. Der Computer gibt eine brauchbare, für viele unantastbare Stellungsbewertung und damit ist die Sache abgehakt. Natürlich ist es schön, immer eine Antwort zu erhalten – doch was bringt uns die Maschineneinschätzung wirklich? Da nicht mehr nötig, reduzieren wir das eigene Denken, aber genau das bringt uns beim Lernen nach vorne. Die Stellungsbeurteilung des Rechners basiert auf völlig anderen Grundlagen als die menschliche. Z. B. lernen wir mit dem König bei Bedrohung in die Ecke zu gehen. Der Computer würde aber ohne zu zögern (wobei ihm dieses Wort bereits fremd ist) genauso den Marsch in die Brettmitte in Betracht ziehen. Sehr vieles im Schach ist eben berechenbar – doch nicht für den lernenden Schachspieler unter DWZ 2000. Er muss das menschliche, praktische Schach verstehen und dazu gehören auch unabdingbar Emotionen!

Die Datenbanken

Zu meinen ersten Turnieren reiste ich mit drei Informatoren - Bücher mit telefonbuchartigen Auflistungen von Schachpartien. Dreimal 700 Partien entsprechen mit gut 2 kg dem Gewicht eines heutigen Laptops. Allerdings gewährt die moderne Technik innerhalb von Sekunden Zugriff auf 4 Millionen Partien. Datenbanken bieten eine erhebliche Erleichterung bei der Spielervorbereitung und eine gute Ergänzung eröffnungstheoretischer Arbeit. Zu nahezu jeder Stellung lassen sich Partievorläufer finden.

DVDs/CDs

Deutlich seltener als auf dem Buchsektor sind hier gute Produkte anzutreffen.

Die schnelle und damit kostengünstige Produktion lässt die glänzenden Scheiben aber wie Pilze aus dem Boden sprießen. Mit einer Spielzeit von einigen Stunden können DVDs im Allgemeinen nur einen Überblick verschaffen – sie ersetzen niemals ein Buch! Zuweilen liefern sie aber eine gute Portion medialer Unterhaltung: Also Chipstüte auf und Fernseher an!

Beeindruckend fand ich jedoch die auf Anfänger abzielende Serie Fritz&Fertig, die Kinder auf spielende Weise an die Materie heranführt.


Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (2)  Schach in der Theorie

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis
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Spielen, spielen, spielen

Ohne Spielen geht es nicht! Den analytischen Trockenübungen muss der Sprung ins Wasser folgen. Erst die turniermäßige Anwendung und die damit verbundene Bewertung in unserem Punkte(DWZ)-System zeigt die wahre Spielstärke. Eine rege Turnierteilnahme kann sogar größere Wissenslücken kompensieren. Einmal traf ich auf einen Schüler mit DWZ 1800, der Schwierigkeiten beim Mattsetzen mit dem Turm aufwies.

Bei der Turnierauswahl würde ich auf doppelrundige Veranstaltungen verzichten. Sie sind körperlich zu anstrengend und für den wichtigsten Teil der Schachpartie, der Analyse (mit dem Gegner), bleibt keine Zeit. Es ist unabdingbar, das in der Partie Erfahrene zu verarbeiten. Auch wenn diese Turnierform gerade in Deutschland im Trend liegt, da wenige Urlaubstage benötigt werden, ist für den Lernenden eine längere Veranstaltung zwei kurzen Turnieren mit Doppelrunden vorzuziehen.

Auch ein Schnellturnier von Zeit zu Zeit kann dem Erhalt der Spielstärke förderlich sein. Blitzpartien machen Spaß, bringen schachlich jedoch kaum weiter.

Partievorbereitung

Nehmen Sie davon Abstand, sich unmittelbar vor der Partie noch mit Varianten herumzuschlagen. Die Vorbereitung sollte vor Turnierbeginn, spätestens jedoch am Vorabend abgeschlossen sein. Eine Schachpartie ist zu anstrengend, um noch Energie für andere Dinge aufzuwenden. In diesem Zusammenhang muss auch vorn Sport oder Saunagängen abgeraten werden. Zwar fühlt man sich danach locker und entspannt, doch gerade dies ist bei einem Wttkampf fehl am Platz. Die besten Ergebnisse sind in ausgeruhtem Zustand zu erzielen - idealerweise vom Bett ans Brett! Nun gut, etwas essen sollte man vorher schon noch. Doch gerade das Thema Verpflegung bei Schachspielern ist umstritten. Fachkundige Aussagen sind mir keine bekannt. Immer wieder hört man Sprüche wie „voller Bauch studiert nicht gerne“. Doch ich habe mit stark kohlenhydrathaltiger Nahrung, relativ kurz vor Partiebeginn beste Erfahrungen gemacht. Eine Schachpartie wird zumeist in der dritten und vierten Stunde entschieden wenn die Zeit knapper wird, die Konzentration nachlässt und die Fehlerquote erheblich ansteigt. Hier muss man fit sein!


In den nächsten Ausgaben beschäftigen wir uns unter anderem mit

  1. Elektronische Hilfsmittel: Von Datenbanken über DVDs bis hin zu Fritz, Rybka & Co..
  2. Schach im Internet.
  3. Wo erhalte ich fachkundige Unterstützung?

Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (2)  Schach in der Theorie

Effektives Schachtraining (4) - Tipps für eine höhere DWZ

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer

Effektives Schachtraining (2) - Schach in der Theorie
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Ressourcen richtig eingesetzt

Die für das Schacharbeiten zur Verfügung stehende Zeit ist meist sehr begrenzt und wird leider selten effektiv eingesetzt.
Zunächst gilt im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das Ziel festzulegen und die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche festzulegen.
Ordnen Sie sich dafür einer der folgenden Kategorien zu:

a) Ich will so bleiben wie ich bin – dann ist der restliche Artikel von untergeordnetem Interesse
b) Ich möchte Spaß haben und etwas dazu lernen (bis zu 5 Wochenstunden)
c) Für mich ist eine deutliche Steigerung der Spielstärke wichtig, zeitlich kann ich mir ein stärkeres Engagement vorstellen (bis 10 Wochenstunden)
d) Ein Titel ist mir wichtig, dafür bin ich bereit mehr als 15 Stunden pro Woche aufzuwenden.

Für die Punkte b) - d) ist ein eindeutiger Zusammenhang zwischen aufgewandter Trainingszeit und DWZ feststellbar. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch wenn der Kubaner José Raul Capablanca (dritter Schachweltmeister von 1921-27) behauptete, er hätte sehr wenig für Schach gearbeitet, stellte sich später heraus, dass die übermäßige Beschäftigung mit dem Spiel einen Grund für seinen Verweis von der Columbia Universität in New York darstellte. Jeder lebt in seinem Mikrokosmos mit einer eigenen Sicht der Dinge …
Die ermittelte Arbeitszeit könnte folgendermaßen aufgeteilt werden:
40% Taktik, 30% Partieanalyse, 20% allgemeines Schachwissen (Strategie, Endspiele etc.).10 % Eröffnungstheorie. Die Gebiete gehen oft fließend ineinander über. So beinhaltet jede Partieanalyse Taktik, strategische Elemente und natürlich auch Eröffnungstheorie. Zudem ist eine Anpassung an die jeweilige Spielstärke und Trainingsphase nötig. Die Auflistung zeigt jedoch deutlich die Gewichtung der einzelnen Themen. Zu Beginn des Trainings ist es zuweilen sogar zweckmäßig, den Taktikanteil auf über 70% zu erhöhen

Grundausstattung

Schach kann eine sehr kostengünstige Sportart sein. Grundvoraussetzung für die Arbeit bilden Schachbrett und Figuren. Bitte achten Sie dabei unbedingt auf Turniergröße! Zu häufig werde ich mit seltsamen Abarten bis hin zum Minitaschenschach konfrontiert unter denen die Übersichtlichkeit leidet. Ein einfacher Plastiksatz (Kosten ca. 15 €) ist vollkommen ausreichend.

Bücher und das leidige Thema Eröffnungstheorie

Um das intensive Studium der Fachliteratur kommt man nicht herum! Doch welches ist das richtige Buch? Pro Tag werden im deutschsprachigen Raum 400 Bücher publiziert mit stark steigender Tendenz. Auch der Schachmarkt bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Wünschte man sich bis spät in die 80er Jahre hinein Alternativen zu den nicht gerade beeindruckenden Werken des Sportverlages der DDR, trifft man heutzutage auf ein nahezu unüberschaubares Sortiment. Zu jeder noch so unbedeutenden Variante scheint es ein Buch zu geben! Gefühlte 90 Prozent des Marktes sind Publikationen zur Eröffnungstheorie. Dies steht in krassem Gegensatz zu meiner Ansicht, dass eröffnungstheoretisches Studium für die Gesamtperformance des Vereinsspielers eine untergeordnete Bedeutung hat und 10 Prozent der Arbeitszeit nicht überschreiten sollte! Was hilft es, etwas auswendig zu lernen ohne die Hintergründe zu verstehen? Wie hoch ist der Anteil der in der Eröffnung entschiedener Partien? Selbst wenn es mal nicht so gut läuft, gibt es doch fast immer eine zweite und dritte Chance! Die Medien werden oft durch Prominenz bestimmt. Und in der Tat ist in der Weltspitze, den Top 20, die in unterschiedlichen Turnieren immer wieder aufeinandertreffen, der Stellenwert der Eröffnung ein ganz anderer. Varianten beginnen unter Umständen erst im 20. Zug und Sizilianisch-Sweshnikow wird mit Weiß und Schwarz bis zum Exzess gespielt. Dahinter steht jedoch oftmals ein Team von Sekundanten und monatelange Arbeit. Doch das Schach der Vereinsspieler ist anders! Bei einem Rückblick auf meine letzten 20 Partien komme selbst ich nur zu einem Theorieanteil von durchschnittlich sechs bis sieben Zügen bevor schwächliches Neuland betreten wurde und der Eloschnitt der Gegner lag durchaus im Bereich von 2500.
Wer das Schach versteht kommt in der Eröffnung klar, wer die Eröffnung auswendig gelernt hat, kommt nicht zwingend mit dem Schach zurecht.
Das klingt alles so einfach, doch verstehe ich auch, die Unsicherheit, die mit empfundener unzulänglicher Vorbereitung einhergeht. Meine Empfehlung lautet deshalb: Legen Sie sich ein enges positionelles Eröffnungsspektrum zu und wechseln Sie danach unter keinen Umständen, auch wenn die Ergebnisse anfangs nicht befriedigend sind! Das Problem liegt zumeist beim Anwender und nicht in der Eröffnung. Die Spezialisierung auf Nebenvarianten hat zusätzlich den großen Vorteil, keinen Trends und theoretischen Entwicklungen folgen zu müssen. Der Nachbearbeitungsaufwand bleibt auf Jahre hinaus überschaubar.
Doch zurück zur Bücherauswahl. Zunächst sollte jedem klar werden, dass Schachbücher nicht mit einem Roman vergleichbar sind. Sie müssen verstanden und nicht nur gelesen werden. Letztendlich muss das Erlernte auch abrufbar sein, wenn eine entsprechende Stellung in einer wichtigen Partie entsteht, und das kann unter Umständen erst Jahre später der Fall sein.
Gehen wir im Idealfall von einem Zeitaufwand von vielleicht 100 Stunden für ein Buch aus, reduziert man schnell die Anzahl auf eine Handvoll. Neben Repertoirebüchern zur Eröffnungstheorie bieten sich Titel zu den Gebieten Taktik und Strategie an. Endspieltheorie kommt dann für deutlich Fortgeschrittene in Betracht. Eine genaue Empfehlung ist jedoch schwierig, da hier auf das Eloniveau des Lernenden eingegangen werden muss. Eine individuelle Beratung durch einen erfahrenen Spieler/Trainer wäre sehr hilfreich.
Taktik ist der wichtigste Bereich des Schachs, da hier der Mensch besonders anfällig ist. Was hilft es eine überlegene Strategie zu demonstrieren, wenn später wegen eines Figureneinstellers kapituliert werden muss? Allerdings ist Taktik auch das Gebiet auf dem der Vereinsspieler selbstständig und ohne großen finanziellen Aufwand erhebliche Fortschritte erzielen kann. Die permanente, intensive Auseinandersetzung mit einem Taktikbuch reicht dafür zunächst aus. Auf dem Markt gibt es viele Publikationen ähnlicher Machart mit z. B. 1000 Diagrammen/Aufgaben. Der Autor spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Fragen Sie Ihren Schachbuchhändler. Wir empfehlen Schach-Niggemann.
Strategie (vielleicht auch allgemeines Schachverständnis) stellt hohe Anforderungen an Planfindung, den Umgang mit Strukturen, Wertigkeit von Figuren, Bedeutung von Feldern etc.. Empfehlenswert ist hier Aaron Nimzowitschs Klassiker „Mein System“ - auch über 80 Jahre nach Erscheinen noch Pflichtlektüre für jeden Spieler von  1300 bis 1800 DWZ.

Partieanalyse

Die Aufarbeitung der eigenen Schöpfungen ist der wichtigste Teil des schachlichen Arbeitens. Hier spielen alle Partiesituationen eine Rolle und man hat sich unter Wettkampfdruck bereits Stunden mit den Problemen auseinandergesetzt.
Nachfolgend eine wünschenswerte, wenn auch aufwändige Vorgehensweise:
  • Zunächst ist der Gedankenaustausch mit dem Gegner direkt nach der Partie zweckmäßig. Hier erfahren Sie unterschiedliche Sichtweisen einer Stellung. Vielleicht gab es zur positionellen Herangehensweise auch alternativ eine taktische? Spielten Sie am Damenflügel, für den Gegner war aber ein Vorgehen im Zentrum der angesagte Plan?
  • Danach folgt die eigenständige Analyse (bitte ohne Schachprogrammhilfe) inklusive eines Datenbankabgleichs (falls vorhanden). Wo hörte die Eröffnungstheorie auf, was war die Neuerung?
  • Bringen Sie die Ergebnisse zu Papier und gleichen Sie diese mit einem Trainer oder Vereinskameraden ab. Steht kein Partner zur Verfügung ist die Computerengine als letzte Mittel natürlich erlaubt.

Sie müssen das Rad nicht neu erfinden; profitieren Sie von dem, was andere sich erarbeitet haben, und schauen Sie den Meistern auf die Finger! Das Studium gut kommentierter Großmeisterpartien ist eine weitere wesentliche Möglichkeit dazuzulernen. Aktualität ist dabei nicht entscheidend. Gute Dienste leistete mir ein altes Turnierbuch: Zurich International Chess Tournament, 1953 von David Bronstein (englische Originalversion, derzeit noch lieferbar, ca. 11 €, es gibt auch eine deutsche, allerdings gekürzte Ausgabe. Empfehlenswert ab ca. DWZ 1800).

Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis

Effektives Schachtraining (4) - Tipps für eine höhere DWZ

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer

Effektives Schachtraining (1)
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Samstag, 15 Januar 2011 04:43

Effektives Schachtraining (1)

In den ersten Ausgaben des Magazins Schachwelt erschien mein Artikel zum Thema Schachtraining. Nun  möchte ich das Thema nun allen unseren Blogbesuchern näherbringen.und hoffe mit dem neuen Medium zu einer Diskussion anzuregen, die in den herkömmlichen Printmedien nicht erfolgen kann.

Effizientes Schachtraining (1)

Eine Entscheidung für das Turnierschach hat oft lebenslange Folgen. Man spielt nicht einfach mal so, denn unsere herausfordernde Sportart setzt erhebliche Kenntnisse voraus. Alleine die komplexen Regeln stellen für viele eine Hemmschwelle dar. Einmal mit dem Schachvirus infiziert, stellt das Spiel eine lebenslange Herausforderung dar und begleitet uns, wie kein anderer Sport, bis ins hohe Alter.
Ziel der meisten Spieler ist es, mit möglichst geringem Arbeitsaufwand ein für sie zufriedenstellendes Leistungsniveau zu erreichen. Doch der Weg ist steinig. Zu viele gut gemeinte Ratschläge der Mitspieler gehen in die unterschiedlichsten Richtungen - man ist oft auf sich gestellt.
Da auch ich nie einen klaren offiziellen Leitfaden zur Schachausbildung kennengelernt habe, möchte ich in diesem Artikel Erfahrungen aus meiner nahezu 15-jährigen Trainertätigkeit wiedergeben. Sie basieren zumeist auf einer Zusammenarbeit mit Spielern bis zu einer DWZ von 2100. Für den darüber beginnenden Leistungssport gelten unter Umständen andere Voraussetzungen auf die hier nicht näher eingegangen werden soll.

Die viel zitierte russische Schachschule

… gibt es nicht! Zumindest konnte ich trotz Nachfrage bei diversen russischen Großmeistern, nichts Bestimmtes in Erfahrung bringen. In Zeiten des Kalten Krieges wurde Schach zu einem Politikum. Die wirtschaftlich schwächere Sowjetunion sah hierin eine Möglichkeit, den Klassenfeind USA zu übertrumpfen. Entsprechend wurde das Schach finanziell gefördert. Ein Schachtrainer erhielt Anfang der 80er-Jahre ein doppeltes Ingenieursgehalt und die Aussicht auf Turniere reisen zu dürfen. Für Spieler war es natürlich nicht minder attraktiv.

Eine Ausbildung anhand eines speziellen, pädagogisch aufgebauten Trainingsplans, dem alle folgen mussten, gab es jedoch nicht. Konzentriert man eine große Anzahl Kinder an einem Stützpunkt und lässt sie permanent mit starken Trainern arbeiten, erscheint es eine logische Folge, Spitzenspieler in Masse produzieren zu können.

Die Entwicklung im kapitalistischen Westen musste zwangsweise anders verlaufen. Nahezu alle deutschen Großmeister der vergangenen Jahrzehnte sind Autodidakten. Wie viele meiner Kollegen habe auch ich niemals Schachunterricht erhalten. Mit 18 Jahren kam es zur ersten Open-Teilnahme, mit 21 Jahren folgte jedoch schnell der IM-Titel, mit 22 der des Großmeisters. Verglichen mit geltenden Maßstäben spät und nicht besonders effektiv, doch mit der entsprechenden Motivation sind erhebliche Steigerungen auch im fortgeschrittenen Alter möglich.

Heutzutage ist einiges erheblich einfacher geworden. Neben einem breiten Turnierangebot stehen dem Lernenden viele die Ausbildung unterstützende Maßnahmen zur Verfügung. Neben einer Flut an Publikationen gibt es eine Reihe elektronischer Hilfsmittel, und auch qualifizierte Trainer sind vorhanden.

Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (2)  Schach in der Theorie

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis

Effektives Schachtraining (4) - Tipps für eine höhere DWZ

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer

Schwarz am Zug
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Freitag, 17 Dezember 2010 03:56

Festungsbau: Turm gegen Dame

Schwarz am Zug.

Beim Schachtraining unterscheide ich grob zwischen Vereins- und Turnierspielern, die sich ungefähr bei einer Elo von 2000-2100 Punkten trennen. Die erste Gruppe, stellt 95% der Schachspieler - das Schach nimmt eine geringere Priorität ein. Die anderen 5 % streben nach höheren Weihen in Richtung Erlangung eines Titels. Oft wirft der Schachbuchmarkt alle in einen Topf, doch gelten für beide völlig unterschiedliche Anforderungen, vor allem bei der Auswahl eroffnungstheoretischer Werke, aber auch komplexer Endspielthemen. Allerdings ist es nicht einfach zu entscheiden, welcher Schwierigkeitsgrad, für den Einzelnen angebracht ist. Die meisten Spieler erleiden Schiffbruch bei der Auswahl und stecken zu viel der knappen Trainingszeit in die falschen Bücher.

Grund dieser Ausführungen ist das einleitende Diagramm, das mir beim Ausmisten alter Ausgaben des ChessBase Magazins auffiel. Es erinnerte an eine lang zurückliegende Partie aus dem Jahr 1993 gegen das aufstrebende Nachwuchstalent des russischen Schach, Sergey Tiviakov, der damals bereits deutlich über Elo 2600 lag: Die Partienotation ist leider nicht mehr erhalten und die Stellung dementsprechend nicht ganz rekonstruierbar, hatte aber folgendes Thema:

tgegend1a

Schwarz, der im Mittelspiel die Dame verloren hatte, konnte hier mit 1. - Lxf6 2. Dxf6 Te6 eine Festung aufbauen.

tgegend.

Der Turm pendelt zwischen e6 und g6.

Alle Bauern, mit Ausnahme der Randbauern, halten auf der siebten Reihe Remis, auf der sechsten sind es nur noch die Springerbauern, da der König durch ein Umgehungsmanöver vom Bauern getrennt wird. Da Tiviakov dies damals nicht bekannt war, strampelte er sich noch eine Weile ab, bevor er notgedrungen die Figur abgab und glücklich zu einem halben Punkt kam. Zur gemeinsamen Analyse gesellte sich später Tony Miles und zeigte uns, dass die Stellung selbst mit zusätzlichem weißen Randbauern Remis ist.

tgegend2a

Zunächst konnte ich das nicht glauben, nimmt der auf h5 auftauchende Bauer dem Turm doch das sichere Feld g6, doch ist h6 ein ebenso guter Ersatz...

Zurück zu dem eingangs erwähnten ChessBase Magazin: Die dortige Endspielrubrik Karsten Müllers war mir deutlich zu schwierig und analytisch geprägt, beinhaltete jedoch die folgende Stellung:

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Schwarz besitzt einen Bauern mehr, verliert aber, weil dem Turm das Feld h6 nicht zugänglich ist. z.B. kommt Schwarz u. a. in der folgenden Stellung in Zugzwang (1. - Kh7 2. Df8) und muss den Turm in eine ungedeckte Position bringen.
tgegend3a

Somit ist die Lösung unseres Startdiagramms leicht zu finden: Mit 1. - h5 entledigt sich Schwarz rechtzeitig des überflüssigen Bauern.

Ich habe hier bewusst auf komplexe Gewinnführungen verzichtet. Für die überwiegende Anzahl der Schachspieler steht die praktische Komponente im Vordergrund. Falls jemals eine solche Situation auf das Brett kommt, muss man sie einschätzen können und dann die Gewinnführung eben am Brett erarbeiten. Auf diese Weise bleibt unnötiger Zugballast erspart, an den man sich Jahre später ohnehin nicht mehr erinnern kann und somit mehr Raum für ein breites Spektrum an Motiven.