Das waren Zeiten: Hübner vs Petrosian, Januar 1971 in Wijk aan Zee
Freigegeben in Blog
Freitag, 09 April 2021 19:47

Wahr oder Legende: Robert Hübner

Beim Aufräumen, Umsortieren, Staub aufwirbeln in meinen Gemächern stolperte ich über ein lang vermisstes Exemplar der englischen Schachzeitung Not the British Chess Magazine (N.T.B.C.M.), mutmaßlich aus dem Jahr 1984, als die Welt noch eine andere war - genügend Elefanten in Afrika, noch keine tödlichen Neonicotinoide auf den Feldern, die alle Insekten und bald dann auch uns dahinraffen werden - darum, Leute, kauft und unterstützt BIO-Lebensmittel, dringend dringend dringend.

Und 1984, Bayern wurde noch nicht jedes Jahr Meister in jenem Jahrzehnt, stattdessen auch mal der ... Hamburger SV! (bedauerlicherweise nur war ich zu dieser Zeit noch nicht HSV-Supporter, sondern, sorry about that, ein Anhänger des FC Bayern München - so ist das manchmal in der Jugend, bei mir jedenfalls).

Doch ich schweife ab? Und in der Tag, das ist ja das Problem in diesem Internet, dass immer genug Platz ist zum Schreiben und die Sätze ewig weitergehen können, denn es gibt keine Seitenbegrenzung und mein Schachwelt-Blog-Präsident und Großmeister Jörg Hickl sieht das auch nicht so eng, so dass man theoretisch schreiben und schreiben und schreiben und schreiben könnte, und schreiben und schreiben und schreiben, bis irgendwann mal der Strom ausfällt oder man in die Küche muss, um abzuwaschen und damit den häuslichen Frieden zu wahren oder aber um ein kaltes Getränk aus dem Kühlschrank - aber genug der langen Worte.
Jetzt wieder Schach, versprochen!

 Not the British Chess Magazine

Das Not the British Chess Magazine also von 1984, es erscheint nach eigenen Angaben ansonsten alle 150 Jahre. Noch ist also etwas Zeit, ehe die nächste Ausgabe auf den Markt kommt. Vorbestellen lohnt.
Denn in diesem wunderschönen Magazin wird Investigation noch ganz groß geschrieben - man findet aktuelle Recherchen zu Bobby Fischer, eine Einführung für das große WM-Match Karpov - Kasparov sowie einige Ausführungen zu vegetarischem Schach.
Ergänzt wird dies unter anderem um einen historischen Blick auf die längste Fernpartie wohl aller Zeiten, begonnen zur Zeit der Kreuzzüge zwischen einem französischen und einem englischen Ritter - und weitergespielt über die Jahrhunderte bis heute. Der Postweg kann zäh und langsam sein, wir kennen das.

Eine Meldung neben anderen erregte nun meine Aufmerksamkeit, denn es geht dabei um Robert Hübner, Großmeister und Legende wie Jörg Hickl und Vincent Keymer. Das N.T.B.C.M. berichtet:

The fastest double default. Hubner and Rogoff were paired together on Board 1 for the World Students Team Championship, playing for West Germany and the USA respectively.
Hubner had just finished an extremely long game and asked to be rested but his match captain would not agree.
They first agreed an instant draw but the arbiter told them they must play a game of reasonable length. Now over 200 moves were played at breath-taking speed. As usual a 0-0 result.

Flott online übersetzt mit Dank an www.pons.de (das hätte sich 1984 so auch noch niemand vorstellen können):

Die schnellste doppelte Voreinstellung. Hubner und Rogoff waren zusammen an Board 1 für die World Students Team Championship, jeweils für Westdeutschland und die USA.
Hübner hatte gerade ein extrem langes Spiel beendet und bat darum, ausgeruht zu werden, aber sein Match-Kapitän wollte nicht zustimmen.
Sie stimmten zunächst einem sofortigen Unentschieden zu, aber der Schiedsrichter sagte ihnen, sie müssten ein Spiel von angemessener Länge spielen. Jetzt wurden über 200 Züge mit atemberaubender Geschwindigkeit gespielt. Wie üblich ein 0-0 Ergebnis.

Beide Spieler also, Rogoff und Hübner, wurden offenbar genullt, weil sie den Turnierregeln mit ihrem Verhalten (200 schnelle Züge!) keinen Respekt erwiesen.

Wir fragen: Wahr oder Legende - stimmt diese Geschichte, oder ist sie einfach nur sehr schön ausgedacht? Einschätzungen bitte kostenfrei unten im Kommentarbereich. Wir lösen auf in 113 Jahren, sobald das nächste N.T.B.C.M. erschienen ist!


Könnte man gerne mal wieder ins Programm aufnehmen - Schach der Großmeister (hier aus dem Jahr 2002)

Auch in Bremer Kneipen gilt die strenge Regel: Kein Remis für niemanden
Freigegeben in Blog
Dienstag, 03 Mai 2011 02:08

Bringt mir die Taube auf dem Dach!

Auch für Schachspieler lauern die Gefahren überall: die Gegner machen Druck, voran jagt die Uhr zur Zeitkontrolle, der Kaffee ist alle, und die genaue Eröffnungstheorie fällt einem am Brett manchmal irgendwie auch nicht mehr ganz ein.
Doch während beispielsweise Fußballspieler, Golfer und Langläuferinnen ihren Wettkampf trotz aller Widrigkeiten bis zum Ende durchhalten müssen, können Schachspieler behende die Reißleine ziehen und dem Drama und dem Druck früh ein Ende machen. Ein Remisangebot genügt oft schon, und nach einem Nicken des Gegners ist zumindest ein halber Punkt und auch die Seelenruhe vorerst gesichert.

(Nur am Rande: über die Freude an der Wiederentdeckung des schönen, aber bedrohten "behende" berichtet eine Leserin in der neuen ZEIT. Auch wir freuen uns und wollen den Gebrauch des Wortes gerne unterstützen.)

Was aber mit einem knapp ausformulierten "Remis!?" so einfach angeboten ist, birgt auch einige finstere Fallstricke. Man sehe nur:

Situation 1: Zwo zu zwo steht´s im Mannschaftskampf. Noch läuft unsere Partie, doch mögen wir die Stellung nicht – schon wieder so etwas Königsindisches! Wir könnten zwar noch weiterkämpfen, bieten dann aber doch im 19.Zug Remis an. Unser Gegner akzeptiert, doch unsere Mannschaft verliert leider nach weiteren 3 Stunden. Hätte wäre könnte.

Situation 2: Wir sitzen beim Open dem gefürchteten bulgarischen GM und Mädchen-Schachtrainer gegenüber, haben aber die Stellung erstaunlicherweise gut im Griff. Schon merken wir, dass er sich Sorgen macht und unwohl fühlt. Mit dem nächsten Zug bietet er Remis an. Annehmen? Oder weiterspielen und eine Null riskieren? Wir nehmen an – und unser Gegner zeigt uns ein Abspiel, dass uns sofort auf plusdreieinhalb bei Fritz hochgeschossen hätte.

Situation 3: Heijeijei, da ist was schiefgelaufen in unserer Partieanlage. Im Vereinsturnier haben wir zwar 200 DWZ-Punkte mehr als unsere Gegnerin, dafür aber drei Bauern weniger bei verhaltenen Schummelchancen. Jetzt noch schnell Remis anbieten, auch wenn es etwas peinlich ist? Na gut, wir schämen uns ein bisschen und schlagen ein Unentschieden vor – was die nette Gegnerin auch annimmt! (Zum Glück scheint es manchmal doch so etwas wie einen FM-Bonus zu geben. Ich unterstütze das sehr.) Bei der anschließenden Analyse stellt sich aber heraus, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit noch in eine dumpfe Falle hineingelaufen wäre. -

Wir merken es schon – problematisch ist oft nicht nur die konkrete Stellung auf dem Brett, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Ebenso sinnenverwirrend ist der Kampf gegen uns selbst – der Wunsch, die Partie zu spielen und zu gewinnen, im Konflikt mit der Angst vor einer Niederlage. (Jonathan Rowson beschreibt das sehr schön in den „Seven Deadly Chess Sins“.)
Anzeige
Expedia.de: Reisen billig buchen! Bei einem Vereinsturnier wurde ich einmal Zeuge eines hübschen Dialoges zum Thema „zu frühes Remisangebot“:

Spieler 1: „Warum hast Du ihm eigentlich Remis angeboten?“ 

Spieler 2: „Eigentlich wollte ich ja noch spielen. Aber ich konnte doch nicht wissen, dass er es annehmen würde!“

Spieler 1: "Tja ..."

Ich habe immer die Spieler bewundert, die durch einige Remisen (aber nicht durch eilige Remisen) das Drama einer Niederlage für sich abwenden konnten und so den Tag im genügsamen Gleichgewicht verbrachten. Wie im Sprichwort ziehen sie den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor.


Andererseits fehlt den häufig Remisspielenden vielleicht auch die Aufregung einer gewonnenen Partie, die sie behende nach Hause fahren und die nächsten Tage in leichter Euphorie überstehen lässt. Gewonnene Partien sind eine große Sache.

Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten lässt sich ergänzen, dass das Schachspielen deutlich teurer wird, wenn man viele Remispartien spielt. Durch frühe Remisübereinkünfte spielt man sehr viel weniger Schach, und das treibt die Kosten für die einzelnen Züge in die Höhe. Worte der Warnung müssen hier gesprochen werden! Man sehe: bei einem siebenrundigen Open (Startgeld 40 €) machen wir durchschnittlich circa 7 x 33 = 231 Züge. Ein Zug kostet uns demnach 0,17 €. Wenn wir unsere Partien durch behendes Remisanbieten auf durchschnittlich 25 Züge verkürzen, kostet uns ein Zug dann schon 0,23 € - das sind in etwa 33% mehr als wenn wir kein Remis anbieten und längere Partien spielen! Remisspieler zahlen also nicht unbedingt einen hohen, so doch immerhin einen höheren Preis.
Außerdem – was macht man mit der ganzen Zeit, die man früher fertig ist? Beim Mannschaftskampf muss man herumsitzen, bis die anderen fertig sind (siehe Situation 1) und darauf hoffen, dass es noch irgendwo warmen Kaffee gibt. Viel schlimmer aber ist, dass man ständig damit leben muss, durch ein Remis die wirkliche Geschichte der Partie nicht zu Ende erleben zu können. Wer weiß, was noch alles Schönes, Lustiges, Spannendes passiert wäre? Vielleicht hätten wir sogar gewonnen? Und vielleicht - aber das ist sehr spekulativ - lernt man sogar am meisten aus entschiedenen Partien, gewonnenen oder verlorenen. Auf lange Sicht mag das der ergiebigere Ansatz sein, um seine Spielstärke zu vertiefen. (In der Theorie zumindest. Ich selber habe davon in den letzten Jahren leider nicht mehr viel gemerkt!)

Von ähnlichen Gedankengängen berichtet auch der britische IM Michael Basman in seinem inspirierenden Buch „The New St.George“ (über 1….a6!), nachdem ihm sein Gegner Hennigan auf den Britischen Meisterschaften in unklarer Stellung Remis anbot. Basman spielte weiter – und kassierte eine derbe Niederlage. Bestimmt hat er sein Weiterspielen später bedauert, aber mit der typisch englischen stiff upper lipp sagte er sich, dass er aus dieser Partie eben auch etwas gelernt hat, was er sonst nicht erfahren hätte. Eine sympathische Einstellung, die er dann (sinngemäß) zusammenfasst mit dem Satz: „No draw - we were there to play chess!“

 So schön eine ausgekämpfte Schachpartie aber auch sein mag – wenige Dinge sind aber auch so zerschmetternd wie eine Niederlage. Punkt. Es ist einfach so – das Gejaule ist groß, und wo soll man so schnell einen seelischen Ausgleich herbekommen? Auf einem Open kann man oft schon am nächsten Tag seine Schachwut wieder herauslassen und den Gegner versuchen zu schütteln. Aber selbst dann – der Abend davor ist gefüllt mit Agonie, Chips essen und einem Blick auf die verpassten Chancen! Nicht umsonst empfiehlt die russische Schachschule (die es laut Alexander Yermolinski eigentlich gar nicht gibt), nach zwei Niederlagen in Folge relativ unbedingt ein Remis einzustreuen im Turnier - alleine, um das seelische Gleichgewicht zu bewahren. Doch auch nach einer Niederlage bleibt Trost – es war ja nur eine Schachpartie, die wir verloren haben. Nichts Ernstes also, eigentlich. Dennoch: mit einem Remis in der Tasche hätten wir wohl einen schöneren Abend verbracht. „Hättest Du zweimal genickt, hättest Du jetzt zwei halbe Punkte mehr.“, sagte mir mal jemand, nachdem ich zwei Partien arg überrissen hatte. So einfach wäre das gewesen! Und auch das DWZ-und ELO-System schürt das Unbehagen nach einer Niederlage – schnell sind dann zehn oder mehr Punkte futsch, während ein Remis teilweise nur sanft mit zwei bis drei Punkten Abzug geahndet wird. Auch da ist er wieder, der Charme des Unentschiedens.
Anzeige
Harley-Davidson ProbefahrtWas ist zu tun? Letztlich gibt es auch bei dieser fundamentalen schachlichen Frage keine goldene Regel. Lohnt es sich, die Geschichte einer Partie durch Weiterspielen genauer zu ergründen? Der Freude am Spiel zu frönen, das ist ja auch schon oft etwas. Wenn man daraus aber Punkte machen will, braucht man gute Nerven. Und ob es sich dafür immer lohnt, eine Niederlage zu riskieren – wer weiß. "Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl!" ist daher auch der kluge Rat des geheimnisvollen Krennwurzn aus Österreich. Und diese schwierige Gratwanderung beherrscht beispielsweise Arkadij Naiditsch im Augenblick sehr gut - er spielt und spielt und spielt wie ein Bär auch gegen Gegner mit einer etwas niedrigeren Elo, schaut was sich machen lässt und trägt die Punkte verdient nach Hause.
Ein wenig anders gingen die beiden Weltklassespieler Robert Hübner und der spätere Turniersieger Tony Miles mit dieser Fragestellung um, als sie 1985 in Tilburg behende ihre Züge aufs Brett zauberten. Auch wenn sie das Ergebnis schon vorher vereinbart hatten, ist die Partie dennoch bemerkenswert:

Miles – Hübner

1.d2-d4, e7-e5

2.d4xe5, Dd8-h4 (ein typischer Miles-Zug eigentlich, aber diesmal von seinem Gegner gespielt)

3.Sg1-f3, Dh4-a4 (irgendwie provokant)

4.Sb1-c3, Da4-a5 (Hübner leitet behende in skandinavische Stellungsbilder über)

5.e2-e4 - und nach all den Aufregungen einigte man sich auf Remis. Damit lässt sich leben!miles - hbner1