Bereit für den ersten Zug
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Dienstag, 08 Oktober 2019 09:59

Bad Harzburg knipst das Handy aus

In diesem Jahr gehen die Bad Harzburger Schachtage in ihre 20.Edition. Grund genug für uns, um herzliche Glückwünsche in die Harzer Bergwelt zu entsenden und uns ebenso herzlich, wenn auch schachlich leider noch etwas indisponiert in das beachtliche Teilnehmerfeld zu mischen.

Vier Großmeister mindestens werden ab heute im Bündheimer Schloss ihre Figuren über die Bretter manövrieren, und wer von ihnen das am stilvollsten zu tun vermag, hat am Ende die Aussicht auf den eintausend Euro schweren ersten Preis.

Der aktuelle Titelverteidiger indes ist kein (noch kein) Großmeister - der Nordhorner Fabian Stotyn entschied den Wettbewerb in den vergangenen zwei Jahren für sich und wird auch 2019 wieder seinen Hut in den Ring werfen. Wir drücken die Daumen für einen veritablen Hattrick.

Anlässlich des schönen Jubiläums schauen wir in unserer Serie "Schatten der Vergangenheit" noch einmal zurück auf das Jahr 2012. Die älteren Schach-Semester unter unserer LeserInnen werden sich entsinnen - als weltweit vielleicht erstes Turnier bannte Bad Harzburg damals das Handy und untersagte nach allerlei Betrugsskandalen in Deutschland und umzu visionär und konsequent das Mitführen der kleinen Computer während der Partie.

(Tja, und seitdem ist meine ELO um viele Punkte gesunken ... - aber das hat vermutlich andere Gründe! Zum Glück besitze ich gar kein Smartphone, und wenn doch, dann habe ich es nicht dabei.)

 Wenn der Daumen im Mundwinkel wackelt (Süddeutsche Zeitung)

 

Schachwelt präsentiert: Schatten der Vergangenheit

Bad Harzburg knipst das Handy aus (2012)

Gestern begann das Bad Harzburger Open, und wie schon in den allermeisten Vorjahren kamen circa 150 Schachsportler aus nah (Bad Harzburg) und fern (Bremen, Russland) in den Nordharz, um an insgesamt fünf Tagen die stattliche Anzahl von acht Turnierpartien zu bewältigen.

Allerdings staunten sie nicht schlecht, als der Schiedsrichter Wolfgang Block gleich zur Eröffnung nicht nur auf die 30-minütige Karenzzeit hinwies, sondern auch – und Achtung! – auf das totale Verbot, Handys, Smartphones und andere elektronische Schach-Hilfsmittel im Turnierbereich bei sich zu führen. Das war beeindruckend - Bad Harzburg setzt damit Maßstäbe im globalen Turnierschach und wagt in Anwesenheit von DSB-Vizepräsident Michael Langer diese ziemlich radikale Innovation. (Oder kam vielleicht sogar die Initiative vom DSB?) So oder so - Glückwunsch zu einer sehr strikten und sehr klaren Regel!

windbeutel

Was mag das sein? Eine Harzer Spezialität!

Viel Zeit für touristische Umtriebe bleibt an den fünf Turniertagen nicht, außer man spielt im Seniorenturnier, in dem Doppelrunden fast völlig vermieden werden (sechs Runden an fünf Tagen). Wer aber Zeit hat, findet in der Nähe aparte Wanderwege, einen Stausee, viel Wald, zahlreiche Bergwerksmuseen, ein Luchsgehege und überall Cafés, in denen es riesengroße Windbeutel zu essen gibt – eine Harzer Spezialität, ohne Zweifel!
(Auch beim Open ist ein besonderer Pluspunkt das wunderbare Buffet, wo man mittags warm und nachmittags Kaffee und Kuchen zu fairen Preisen bekommen kann. Gäbe es Ilya Schneiders beliebte Stiftung Turniertest noch – das Harzburger Open müsste weit vorne landen!) -

bndheimer schloss

Hier wird gespielt - in der guten Stube der Stadt

Das Turnier im Bündheimer Schloss begann mit der traditionellen Auftaktrunde „Hohe DWZ“ gegen „Nicht ganz so hohe DWZ“. Wahrscheinlich haben viele aus der erstgenannten Gruppe den vollen Punkt nach Hause tragen können. Ich hätte das auch gerne getan, wurde aber (einmal mehr) zusammen gelost mit einem blutjungen Vertreter der Niedersächsischen Schachjugend – und was das bedeutet, werden die erfahrenen LeserInnen dieses Blogs schon erahnen.
Der ungefähr zehnjährige Daniel Alejandro Phunhon Lopez (von Hannover 96, DWZ/ELO um die 1700) spielte gegen mich in dieser ersten Runde ähnlich stark wie der junge Anatoly Karpov. Er machte lange Zeit keine Fehler, baute seine Figuren ordnungsgemäß gegen meinen Hippo-Aufbau auf und profierte schon bald davon, dass ich einen wohlmeinenden, aber zu frühen Versuch machte, die Stellung zu öffnen. Beide Seiten fummelten von da an ein wenig herum, und erst nach ein paar Ungenauigkeiten meines jungen Gegners meinte ich einen leichten Vorteil zu spüren:

phunhon-steffens

Wusel, wusel - Phunhon - Steffens, nach dem 31...Tf8xf3

Im Gegensatz zu Alejandro, der noch ungefähr zehn Minuten übrig hatte, war ich an dieser Stelle leider schon in schwerer Zeitnot - meine Uhr zeigte eine Minute an, hinzu kam zum Glück aber immer noch der Aufschlag von 30 Sekunden pro Zug. Alejandro, ein Kind des neuen Jahrtausends, spielte 32.Te1-e2, was ein sehr plausibler Zug ist und übrigens auch meinen Turm a2 angreift. Weil ich nur mit 32.Te1-f1 gerechnet hatte, sah ich das leider so schnell nicht und verbaselte kurzentschlossen einen ganzen Turm (!) mit dem originellen 32....Tf3-c3 !?
Es folgte 33.Dc4xa2, was ich mit dem optisch ansprechenden, aber leider völlig ungefährlichen Da5xb5 beantwortete:

phunhon-steffens1

Wenn man schon so weit gereist ist, kann man auch ohne Turm noch ein bisschen weiterkämpfen

Nach 34.Td7-d1 schnappte ich mir auf h3 einen Bauern, mit vagen Ideen auf den weißen Feldern 34...Tc3xh3.

phunhon-steffens2

Ich drückte schnell die Uhr, sah auf die Anzeige und merkte, dass ich noch neun Sekunden übrig hatte. Was war mit meinen dreißig Sekunden Zeitaufschlag? Schiri Wolfgang Block stand gerade in der Nähe, und ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die Uhr den Aufschlag nicht dazugerechnet hätte: „Die Uhr zählt nicht hoch!“ Der Schiedsrichter, ganz neutrale Vertrauensperson, entgegnete nur kurz: "Es gibt keinen Zeit-Zuschlag.“
So ist der Modus in Bad Harzburg, und tja - da hätte ich mich mal vorher über die Bedenkzeitregelung informieren sollen! Gespielt wurden tatsächlich 40 Züge in den mittlerweile handelsüblichen 90 Minuten - allerdings ohne jeglichen Zuschlag. Und so blieben mir plötzlich noch 9 fette Sekunden für gerade mal 6 Züge in komplizierter Stellung mit Minusturm.

Ähnlich wie Falko Bindrich hätte ich mich nun auch beschweren können, dass mir niemand etwas gesagt hatte über die geltenden Bedenkzeiten (bzw. Handy-Regelungen für die Toilette, im Falle von Falko). Aber Falko und ich sind Profis, und so sagte ich nichts, amüsierte mich über die kuriose Wendung und versuchte, die noch ausstehenden sechs Züge bis zur Zeitkontrolle in den neun Sekunden zu schaffen….

Und tatsächlich gelang das – es wurde im 49.Zug noch Remis durch Dauerschach!

phunhon-steffens3
Hier geht Dh5+, und der weiße König kann sich nicht mehr sinnvoll verstecken

Goldene Regeln fürs Turnierschach:

1) Handys aus,  und auch nicht mit herumtragen (in Bad Harzburg!),

2) Über die Bedenkzeit informieren (vor der Partie)

3) Ab und zu mal zum Kuchenbuffet gehen

4) Vorsicht vor Daniel Alejandro Phunhon Lopez!

Es sollte klar sein, dass alle vier Regeln wichtig sind. (Besonders wichtig ist aber unbedingt auch Regel Nr.3!)

Heute wird das Turnier um zehn Uhr mit der zweiten Runde  fortgesetzt . Oder doch schon um neun Uhr? Ich schaue lieber noch einmal nach ...

Europameister 2012 Dimitri Jakowenko
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Samstag, 31 März 2012 16:44

So plowtief sind wir gesunken

Dimitri Jakowenko ist Europameister. Der russische Filigrantechniker schlug in der letzten Runde den alleine Führenden Fressinet. 2008 spielte er mal zwei Bundesligapartien für Mülheim-Nord. 2009 durfte er mal in Dortmund dabei sein (geteilter Zweiter bis Vierter im Sechserfeld). Ohne je als Weltklassespieler etabliert zu sein und die entsprechenden Einladungen zu kriegen, verweilte er einige Zeit in den Top Ten und war kurze Zeit Russlands Nummer eins nach Elo, bevor sich Kramnik derrappelte (Österreichisch für, ach Sie verstehen schon).

Jakowenkos Leistung ist indessen Nebensache. Das große Thema der an diesem Samstag zu Ende gegangene Europameisterschaft ist die entsetzliche Gängelung der Spieler, die in Plowdiw ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht hat. Die Bulgaren haben alles daran gesetzt, einen traurigen Rekord zu setzen: Nie gab es bei einem hochrangigen Wettbewerb so viele aberkannte Punkte wie bei dieser EM. So plowtief sind wir gesunken.  

Wie hat das gleich nochmal angefangen? Nein, nicht mit dem Rauchverbot in den Achtzigern. Das hat uns Nichtrauchern (allen Minderjährigen sowieso) das Turnierspielen quasi erst ermöglicht. Der Dammbruch, bei dem die Drangsalierer merkten, dass wir Spieler eh alles mit uns machen lassen, war das Handynullen (ich wiederhole zum hundersten Mal, dass ich nicht dafür plädiere, das Telefonieren während der Partien freizugeben, sondern die Sanktion der Vergesslichkeit mit Augenmaß zu handhaben). Dann das Hin und Her bei stets kürzeren Bedenkzeiten. Überteuerte Zwangsquartiere bei offiziellen Wettbewerben, Dopingtests, Nulltoleranz (auch gegenüber Minderheiten, die aus der sommerzeitfreien Wildnis kommen), Remisverbot (bis hin zur Zwangsnull, wenn beim technischen Remis nicht der Schiri geholt wird - Beispiele hier), neuerdings ein Dresscode (der den Mädels das Zeigen des Ausschnitts oder Modetorheiten wie Hüte verbietet).  

banner-seminarturnier200-anSteve Giddins fragt in seinem sehr lesenswerten Blogbeitrag, warum sich die Spieler das gefallen lassen, und schlägt einen Streik nach dem Vorbild der Radprofis vor: Passt ihnen eine Regeländerung nicht, fährt beim Startschuss einfach keiner los, und man quatscht fröhlich, bis die Rennleitung ein Einsehen zeigt. Sollen die Regeldeppen, äh Schiedsrichter, sagen wir bei der nächsten Schacholympiade, doch nach einer Stunde alle Weißspieler nullen.

Es wird Zeit, dass wir erfahren, welche wesentlichen Schachfunktionäre sich der Gängelung der Spieler mit aller Kraft widersetzen.