Der Faden der Ariadne oder das Ende des Staunens
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Unser geliebtes Schachspiel umgeben doch einige Mythen, die zwar schön klingen, aber dennoch einer Überprüfung nicht standhalten. Ist Schach nun Kunst, Wissenschaft oder Sport? Nun Schach ist ein Rätsel mit endlich vielen Figuren und Feldern und daher ist es wissenschaftlich lösbar – mehr dazu später. Und eine weitere Besonderheit ist, eine Stellung kann immer nur einen der möglichen Spielausgänge GEWONNEN, VERLOREN oder REMIS haben oder wissenschaftlicher ausgedrückt: Schach wird in der Spieltheorie den endlichen Nullsummenspielen mit perfekter Information zugeordnet.

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Die erste Stellung ist für Weiß verloren, die zweite mit Schwarz am Zug für Weiß gewonnen in 546 Zügen (PGN zum Download da online Nachspielen eine zu hohe Ladezeit verursacht) und die dritte ist die schwierigste Stellung, aber es kann auch nur ein Ergebnis geben – ich tippe mal auf Remis, aber wer weiß – lassen wir uns überraschen.

Zur Zeit gibt es bereits die 7-Steiner gelöst – die Berechnungen wurden am Supercomputer Lomonosov an der Moscow State University vorgenommen. Natürlich ist es noch ein sehr weiter Weg bis zu den 32-Steiner, aber dazu später mehr.

Trotz aller Schönheit müssen wir hier schon leider sagen: Schach kann keine Kunst sein, denn dafür fehlt ein wesentliches Element: die künstlerische FREIHEIT sich über Grenzen und Gesetze hinwegsetzen zu können und dies ist beim Schach durch ein sehr, sehr weites aber dennoch fest definiertes Korsett nicht möglich! Und dennoch denke ich an den Satz von Michelangelo „der David war schon immer in diesem Steinblock, ich habe ihn nur freigelegt“ und mir ist klar, dass ich den David nie und nimmer aus dem Steinblock befreien hätte können und Gleiches gilt wohl leider auch für eine schöne Schachpartie, die ich aus dem Variantengeflecht auch nicht freilegen kann. So dürfte es im Schach sehr wohl Künstler geben, obwohl es keine Kunst ist?

Wo Kunst ist, da gibt es Schwärmerei und diese führt dann zu Aussagen, die zwar falsch sind, sich aber dennoch beinahe unendlich halten. Da die Anzahl der möglichen Schachstellungen nicht so einfach zu berechnen sind, gibt es verschiedene Ansätze, dennoch gilt heute allgemein die Schätzung von 2,28x10hoch46 als anerkannt. Da möchte ich mir zuerst eine kleine Seitenbemerkung zum Fischerrandom (Chess960) erlauben, das viele als die Rettung vor dem Remistod und dem Ausanalysieren sehen. Nun da es dort fast 1000 Grundstellungen gibt, würde die Zahl der möglichen Stellungen auf maximal 10hoch49 steigen, wobei es in Wirklichkeit doch einige weniger sein werden, denn viele Mittel- und Endspielstellungen sind aus allen Grundstellungen erzeugbar. Fischerrandom ist damit nicht viel komplexer als Schach, man schafft aber möglicherweise ein Ungewicht bei der Chancenverteilung in den Grundstellungen – möglicherweise wohlbemerkt.

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Und damit sind wir schon beim Thema: große Zahlen – wir verstehen sie schwer, eigentlich sollte ich nicht schreiben – aber sag niemals nie! Das beginnt schon bei im Vergleich zu Schach ganz kleinen Zahlen wie bei der Verschuldung in der aktuelle Eurokrise: der Rettungsschirm umfasst 500 Milliarden Euro das sind 500x10hoch9 die Schulden der Staaten übersteigen die Billionengrenze 10hoch12 – immer noch ein weiter Weg zu 10hoch46. Und da kommen die Schwärmer in ihr Reich und postulieren: Schach kann niemals gelöst werden, denn es gibt im gesamten Universum nicht so viele Elementarteilchen um alle Stellungen auf diesen zu speichern. Man soll niemals nie sagen erwähnte ich schon, aber auch der zweite Teil ist schlichtweg falsch, denn die sichtbare Masse des Universums in kg wird schon auf 10hoch53 geschätzt und dividiert man die Masse durch die möglichen Schachstellungen, dann ergibt zirka 4.300 Tonnen pro Schachstellung die zur Speicherung zur Verfügung stehen würden – das sollte machbar sein. Dennoch ist der Bau eines solchen Supercomputers natürlich mit heutigen Mitteln unmöglich, aber wer weiß was uns die Zukunft bringt – Stichwort Quantencomputer, Speicherung auf DNA und vor allem Möglichkeiten, an die wir heute noch gar nicht denken.

In der Anfangsstellung sind 20 Züge möglich (16 Bauernzüge, 4 Springerzüge) und als Ergebnis gibt es 1, 0 und remis. Schach ist also ein Labyrinth mit 20 Eingängen und drei Ausgängen. Und wenn ich mit 1.f4 e6 2. g4 hineingehe, dann kann ich nach 2. ... Dh4# dieses ganz schnell als Verlierer wieder verlassen (Narrenmatt). Ebenso kann mich der Gegner mit dem Schäfermatt ganz schnell als Gewinner entlassen. Als Remisweg möchte ich das kürzeste Patt (Samuel Loyd) zeigen.

Allen drei Beispielen gemein ist, dass es sich hier um Wunschzugfolgen und Zusammenhilfe von beiden Seiten handelt. Aus wissenschaftlicher Sicht müsste man nun alle Eingänge und alle möglichen Spielverläufe untersuchen, um zuerst für jeden Eingang das bereits feststehende Ergebnis zu errechnen und letztendlich die Frage zu beantworten: ist die Grundstellung gewonnen, verloren oder remis!

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Aus sportlicher Sicht läuft das so ab: man wählt einen Eingang, dann sagt einem der Gegner welche der durchschnittlich geschätzten 30-40 Ausgänge man nehmen muss, dann darf man wieder selber entscheiden und so weiter...

Da wir bei beiden Varianten noch länger auf verlorenem Posten stehen könnten – siehe Schwierigkeiten der Speicherung etc – müssen wir Menschen nach anderen Möglichkeiten suchen und da kommt uns unsere Improvisierungsgabe zu Hilfe und damit sind wir endlich sin beim Titel der Geschichte und in der antiken Geschichte angekommen. Um aus dem Labyrinth des König Minos mit dem schrecklichen Minotauros entkommen zu können, verwendete der athenische Königssohn Theseus ein ihm von der Tochter des Minos Ariadne mitgegebenes Wollknäuel und befestigte dies am Eingang und entkam nachdem er den Minotauros erschlagen hatte mit Hilfe des Ariadnefaden heil aus dem Labyrinth.

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Nun damit verlassen wir die Wissenschaft und kommen zu dem was für mich Schach eigentlich ist:

SPORT – Denksport und zwar ein wunderbarer!

Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen braucht es im Sport auch simplen Pragmatismus – wir müssen also den Faden oder die Fäden der Ariadne finden und wir dürfen dabei durchaus kreativ sein und den Faden durchschneiden. Wir haben mit den 7-Steinern einen bereits perfekten Helfer für die Endphase und wir haben auf der anderen Seite eine umfassende Eröffnungstheorie, die uns ebenfalls behilflich ist und wir haben mit den heutigen Computern schon die Möglichkeit auch Mittelspielstellungen weit zu berechnen. Es ist also wahrscheinlich gar nicht nötig alles durchzurechnen, sondern wir sollten uns auf die Suche machen, um die zwei Fäden wieder zu einem zu kombinieren. Ist das anmaßend? Möglicherweise ja, aber da sind wir wieder bei einem anderen Kunstwerk von Michelangelo der Erschaffung Adams:

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Ja auch wir sollten unseren Zeigefinger ausstrecken, um vielleicht eine oder sogar die Lösung von Schach zu finden!

Aber das wäre dann doch das Ende des Schachs höre ich verzweifelte Stimmen. Nein, nein denke ich: denn schon heute bieten uns die Weltklassespieler fehlerhafte Vorstellungen bei gelösten Endspielen und zeigen uns damit auf, dass wir Menschen niemals in der Lage sind göttlich zu spielen. Und da wir alle fehlbar sind, bleibt für uns Menschen Schach Sport und ein wunderbarer noch dazu! Genießen wir unsere Fehlbarkeit und fürchten uns nicht vor Maschinen, die wir selber erschaffen haben, uns zu dienen!

Let's check - it's tea time!
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Samstag, 01 Oktober 2011 12:24

Let's check - it's tea time!

Ein nicht gegebenes und nicht autorisiertes Interview mit dem Schachexperten und Diplomaten: Anton Karl Neidl

Krennwurzn: Herr Neidl – dieser Tage erscheint auf dem Weltmarkt eine Technologie, die die Schachwelt ähnlich wie der Buchdruck und die Schachdatenbanken revolutionieren wird.

Neidl: ???

Krennwurzn: Eine Firma, die man nicht zu nennen braucht, weil jeder sie kennt, verwirklicht den Schachkommunismus: jeder kann seine Eröffnungskenntnisse in eine große abrufbare Datenbank einspielen! - „Engine- und Computertuner aller Länder vereinigt Euch!"

Neidl: ??? ???

Krennwurzn: Endlich hat das Engine laufen lassen mehr Sinn als warme Zehen für den Nutzer durch die Abwärme und gute Einnahmen für die Stromkonzerne: es wird endlich wie bei SETI  die kollektive Rechenkraft sinnvoll genutzt!

Neidl: Und haben die schon was gefunden?

Krennwurzn: Naja – nichts, aber außerirdische Intelligenz das ist schwierig – hapert es doch schon oft mit irdischer.

Neidl: Ok – was dort nicht funktioniert, sollte hier funktionieren und wer denkt an die Profis – oder wird der gute Freund Kasparov ebenfalls seine legendäre Eröffnungsdatenbank in das System einspielen?

Krennwurzn: Zweifelsfrei! Denn es gibt neben der Ehre, dass eine Variante nach ihm benannt wird, auch einen Wettbewerb bis Ende des Jahres und man kann einen Tag mit einem sehr bekannten Trainer gewinnen.

Neidl: It's tea time!

(Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Produkten oder Gegebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt)

Schach ist oftmals ein sehr konkretes Spiel, doch kann die Kenntnis und Einhaltung grundsätzlicher Regeln und Verhaltensweisen den Alltag des Vereinsspielers deutlich erleichtern. Heute beschäftigen wir uns mit der „elektronischen“ Seite des Schachlernens:

Elektronische Hilfsmittel

Noch lebhaft erinnere ich mich an den irritierten Blick einer Rezeptionistin des Spielerhotels, als ich Ende der 80er Jahre meinen neuen Atari Computer (mit immerhin 2 MB Hauptspeicher) samt großem Röhrenmonitor auf das Zimmer schleppte. Seitdem hat sich viel getan. Datenbanken und Computerprogramme bestimmen den Alltag des modernen Spitzenspielers. Eine Turnierteilnahme ohne Notebook erscheint vielen undenkbar.

Fritz, Rybka & Co. machen uns stark?!

Unbestritten kam es inzwischen zur Wachablösung im Schach - die Maschinen haben übernommen. Begründet liegt dies primär in der taktischen Anfälligkeit des Menschen - vor allem bei knapper werdender Bedenkzeit. Jede Publikation muss es sich heutzutage gefallen lassen, von irgendjemanden mit einer Engine auf Richtigkeit überprüft zu werden, und auf Schachservern im Internet trifft man im Chat immer wieder auf die Aussage „Mein Rybka/Fritz sagt X steht schlecht.“ Wird es etwas schwieriger, führt der Weg des geringsten Widerstandes unweigerlich zum „Kiebitz zuschalten“-Knopf. Der Computer gibt eine brauchbare, für viele unantastbare Stellungsbewertung und damit ist die Sache abgehakt. Natürlich ist es schön, immer eine Antwort zu erhalten – doch was bringt uns die Maschineneinschätzung wirklich? Da nicht mehr nötig, reduzieren wir das eigene Denken, aber genau das bringt uns beim Lernen nach vorne. Die Stellungsbeurteilung des Rechners basiert auf völlig anderen Grundlagen als die menschliche. Z. B. lernen wir mit dem König bei Bedrohung in die Ecke zu gehen. Der Computer würde aber ohne zu zögern (wobei ihm dieses Wort bereits fremd ist) genauso den Marsch in die Brettmitte in Betracht ziehen. Sehr vieles im Schach ist eben berechenbar – doch nicht für den lernenden Schachspieler unter DWZ 2000. Er muss das menschliche, praktische Schach verstehen und dazu gehören auch unabdingbar Emotionen!

Die Datenbanken

Zu meinen ersten Turnieren reiste ich mit drei Informatoren - Bücher mit telefonbuchartigen Auflistungen von Schachpartien. Dreimal 700 Partien entsprechen mit gut 2 kg dem Gewicht eines heutigen Laptops. Allerdings gewährt die moderne Technik innerhalb von Sekunden Zugriff auf 4 Millionen Partien. Datenbanken bieten eine erhebliche Erleichterung bei der Spielervorbereitung und eine gute Ergänzung eröffnungstheoretischer Arbeit. Zu nahezu jeder Stellung lassen sich Partievorläufer finden.

DVDs/CDs

Deutlich seltener als auf dem Buchsektor sind hier gute Produkte anzutreffen.

Die schnelle und damit kostengünstige Produktion lässt die glänzenden Scheiben aber wie Pilze aus dem Boden sprießen. Mit einer Spielzeit von einigen Stunden können DVDs im Allgemeinen nur einen Überblick verschaffen – sie ersetzen niemals ein Buch! Zuweilen liefern sie aber eine gute Portion medialer Unterhaltung: Also Chipstüte auf und Fernseher an!

Beeindruckend fand ich jedoch die auf Anfänger abzielende Serie Fritz&Fertig, die Kinder auf spielende Weise an die Materie heranführt.


Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (2)  Schach in der Theorie

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis
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Spielen, spielen, spielen

Ohne Spielen geht es nicht! Den analytischen Trockenübungen muss der Sprung ins Wasser folgen. Erst die turniermäßige Anwendung und die damit verbundene Bewertung in unserem Punkte(DWZ)-System zeigt die wahre Spielstärke. Eine rege Turnierteilnahme kann sogar größere Wissenslücken kompensieren. Einmal traf ich auf einen Schüler mit DWZ 1800, der Schwierigkeiten beim Mattsetzen mit dem Turm aufwies.

Bei der Turnierauswahl würde ich auf doppelrundige Veranstaltungen verzichten. Sie sind körperlich zu anstrengend und für den wichtigsten Teil der Schachpartie, der Analyse (mit dem Gegner), bleibt keine Zeit. Es ist unabdingbar, das in der Partie Erfahrene zu verarbeiten. Auch wenn diese Turnierform gerade in Deutschland im Trend liegt, da wenige Urlaubstage benötigt werden, ist für den Lernenden eine längere Veranstaltung zwei kurzen Turnieren mit Doppelrunden vorzuziehen.

Auch ein Schnellturnier von Zeit zu Zeit kann dem Erhalt der Spielstärke förderlich sein. Blitzpartien machen Spaß, bringen schachlich jedoch kaum weiter.

Partievorbereitung

Nehmen Sie davon Abstand, sich unmittelbar vor der Partie noch mit Varianten herumzuschlagen. Die Vorbereitung sollte vor Turnierbeginn, spätestens jedoch am Vorabend abgeschlossen sein. Eine Schachpartie ist zu anstrengend, um noch Energie für andere Dinge aufzuwenden. In diesem Zusammenhang muss auch vorn Sport oder Saunagängen abgeraten werden. Zwar fühlt man sich danach locker und entspannt, doch gerade dies ist bei einem Wttkampf fehl am Platz. Die besten Ergebnisse sind in ausgeruhtem Zustand zu erzielen - idealerweise vom Bett ans Brett! Nun gut, etwas essen sollte man vorher schon noch. Doch gerade das Thema Verpflegung bei Schachspielern ist umstritten. Fachkundige Aussagen sind mir keine bekannt. Immer wieder hört man Sprüche wie „voller Bauch studiert nicht gerne“. Doch ich habe mit stark kohlenhydrathaltiger Nahrung, relativ kurz vor Partiebeginn beste Erfahrungen gemacht. Eine Schachpartie wird zumeist in der dritten und vierten Stunde entschieden wenn die Zeit knapper wird, die Konzentration nachlässt und die Fehlerquote erheblich ansteigt. Hier muss man fit sein!


In den nächsten Ausgaben beschäftigen wir uns unter anderem mit

  1. Elektronische Hilfsmittel: Von Datenbanken über DVDs bis hin zu Fritz, Rybka & Co..
  2. Schach im Internet.
  3. Wo erhalte ich fachkundige Unterstützung?

Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (2)  Schach in der Theorie

Effektives Schachtraining (4) - Tipps für eine höhere DWZ

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer

Effektives Schachtraining (2) - Schach in der Theorie
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Ressourcen richtig eingesetzt

Die für das Schacharbeiten zur Verfügung stehende Zeit ist meist sehr begrenzt und wird leider selten effektiv eingesetzt.
Zunächst gilt im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das Ziel festzulegen und die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche festzulegen.
Ordnen Sie sich dafür einer der folgenden Kategorien zu:

a) Ich will so bleiben wie ich bin – dann ist der restliche Artikel von untergeordnetem Interesse
b) Ich möchte Spaß haben und etwas dazu lernen (bis zu 5 Wochenstunden)
c) Für mich ist eine deutliche Steigerung der Spielstärke wichtig, zeitlich kann ich mir ein stärkeres Engagement vorstellen (bis 10 Wochenstunden)
d) Ein Titel ist mir wichtig, dafür bin ich bereit mehr als 15 Stunden pro Woche aufzuwenden.

Für die Punkte b) - d) ist ein eindeutiger Zusammenhang zwischen aufgewandter Trainingszeit und DWZ feststellbar. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch wenn der Kubaner José Raul Capablanca (dritter Schachweltmeister von 1921-27) behauptete, er hätte sehr wenig für Schach gearbeitet, stellte sich später heraus, dass die übermäßige Beschäftigung mit dem Spiel einen Grund für seinen Verweis von der Columbia Universität in New York darstellte. Jeder lebt in seinem Mikrokosmos mit einer eigenen Sicht der Dinge …
Die ermittelte Arbeitszeit könnte folgendermaßen aufgeteilt werden:
40% Taktik, 30% Partieanalyse, 20% allgemeines Schachwissen (Strategie, Endspiele etc.).10 % Eröffnungstheorie. Die Gebiete gehen oft fließend ineinander über. So beinhaltet jede Partieanalyse Taktik, strategische Elemente und natürlich auch Eröffnungstheorie. Zudem ist eine Anpassung an die jeweilige Spielstärke und Trainingsphase nötig. Die Auflistung zeigt jedoch deutlich die Gewichtung der einzelnen Themen. Zu Beginn des Trainings ist es zuweilen sogar zweckmäßig, den Taktikanteil auf über 70% zu erhöhen

Grundausstattung

Schach kann eine sehr kostengünstige Sportart sein. Grundvoraussetzung für die Arbeit bilden Schachbrett und Figuren. Bitte achten Sie dabei unbedingt auf Turniergröße! Zu häufig werde ich mit seltsamen Abarten bis hin zum Minitaschenschach konfrontiert unter denen die Übersichtlichkeit leidet. Ein einfacher Plastiksatz (Kosten ca. 15 €) ist vollkommen ausreichend.

Bücher und das leidige Thema Eröffnungstheorie

Um das intensive Studium der Fachliteratur kommt man nicht herum! Doch welches ist das richtige Buch? Pro Tag werden im deutschsprachigen Raum 400 Bücher publiziert mit stark steigender Tendenz. Auch der Schachmarkt bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Wünschte man sich bis spät in die 80er Jahre hinein Alternativen zu den nicht gerade beeindruckenden Werken des Sportverlages der DDR, trifft man heutzutage auf ein nahezu unüberschaubares Sortiment. Zu jeder noch so unbedeutenden Variante scheint es ein Buch zu geben! Gefühlte 90 Prozent des Marktes sind Publikationen zur Eröffnungstheorie. Dies steht in krassem Gegensatz zu meiner Ansicht, dass eröffnungstheoretisches Studium für die Gesamtperformance des Vereinsspielers eine untergeordnete Bedeutung hat und 10 Prozent der Arbeitszeit nicht überschreiten sollte! Was hilft es, etwas auswendig zu lernen ohne die Hintergründe zu verstehen? Wie hoch ist der Anteil der in der Eröffnung entschiedener Partien? Selbst wenn es mal nicht so gut läuft, gibt es doch fast immer eine zweite und dritte Chance! Die Medien werden oft durch Prominenz bestimmt. Und in der Tat ist in der Weltspitze, den Top 20, die in unterschiedlichen Turnieren immer wieder aufeinandertreffen, der Stellenwert der Eröffnung ein ganz anderer. Varianten beginnen unter Umständen erst im 20. Zug und Sizilianisch-Sweshnikow wird mit Weiß und Schwarz bis zum Exzess gespielt. Dahinter steht jedoch oftmals ein Team von Sekundanten und monatelange Arbeit. Doch das Schach der Vereinsspieler ist anders! Bei einem Rückblick auf meine letzten 20 Partien komme selbst ich nur zu einem Theorieanteil von durchschnittlich sechs bis sieben Zügen bevor schwächliches Neuland betreten wurde und der Eloschnitt der Gegner lag durchaus im Bereich von 2500.
Wer das Schach versteht kommt in der Eröffnung klar, wer die Eröffnung auswendig gelernt hat, kommt nicht zwingend mit dem Schach zurecht.
Das klingt alles so einfach, doch verstehe ich auch, die Unsicherheit, die mit empfundener unzulänglicher Vorbereitung einhergeht. Meine Empfehlung lautet deshalb: Legen Sie sich ein enges positionelles Eröffnungsspektrum zu und wechseln Sie danach unter keinen Umständen, auch wenn die Ergebnisse anfangs nicht befriedigend sind! Das Problem liegt zumeist beim Anwender und nicht in der Eröffnung. Die Spezialisierung auf Nebenvarianten hat zusätzlich den großen Vorteil, keinen Trends und theoretischen Entwicklungen folgen zu müssen. Der Nachbearbeitungsaufwand bleibt auf Jahre hinaus überschaubar.
Doch zurück zur Bücherauswahl. Zunächst sollte jedem klar werden, dass Schachbücher nicht mit einem Roman vergleichbar sind. Sie müssen verstanden und nicht nur gelesen werden. Letztendlich muss das Erlernte auch abrufbar sein, wenn eine entsprechende Stellung in einer wichtigen Partie entsteht, und das kann unter Umständen erst Jahre später der Fall sein.
Gehen wir im Idealfall von einem Zeitaufwand von vielleicht 100 Stunden für ein Buch aus, reduziert man schnell die Anzahl auf eine Handvoll. Neben Repertoirebüchern zur Eröffnungstheorie bieten sich Titel zu den Gebieten Taktik und Strategie an. Endspieltheorie kommt dann für deutlich Fortgeschrittene in Betracht. Eine genaue Empfehlung ist jedoch schwierig, da hier auf das Eloniveau des Lernenden eingegangen werden muss. Eine individuelle Beratung durch einen erfahrenen Spieler/Trainer wäre sehr hilfreich.
Taktik ist der wichtigste Bereich des Schachs, da hier der Mensch besonders anfällig ist. Was hilft es eine überlegene Strategie zu demonstrieren, wenn später wegen eines Figureneinstellers kapituliert werden muss? Allerdings ist Taktik auch das Gebiet auf dem der Vereinsspieler selbstständig und ohne großen finanziellen Aufwand erhebliche Fortschritte erzielen kann. Die permanente, intensive Auseinandersetzung mit einem Taktikbuch reicht dafür zunächst aus. Auf dem Markt gibt es viele Publikationen ähnlicher Machart mit z. B. 1000 Diagrammen/Aufgaben. Der Autor spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Fragen Sie Ihren Schachbuchhändler. Wir empfehlen Schach-Niggemann.
Strategie (vielleicht auch allgemeines Schachverständnis) stellt hohe Anforderungen an Planfindung, den Umgang mit Strukturen, Wertigkeit von Figuren, Bedeutung von Feldern etc.. Empfehlenswert ist hier Aaron Nimzowitschs Klassiker „Mein System“ - auch über 80 Jahre nach Erscheinen noch Pflichtlektüre für jeden Spieler von  1300 bis 1800 DWZ.

Partieanalyse

Die Aufarbeitung der eigenen Schöpfungen ist der wichtigste Teil des schachlichen Arbeitens. Hier spielen alle Partiesituationen eine Rolle und man hat sich unter Wettkampfdruck bereits Stunden mit den Problemen auseinandergesetzt.
Nachfolgend eine wünschenswerte, wenn auch aufwändige Vorgehensweise:
  • Zunächst ist der Gedankenaustausch mit dem Gegner direkt nach der Partie zweckmäßig. Hier erfahren Sie unterschiedliche Sichtweisen einer Stellung. Vielleicht gab es zur positionellen Herangehensweise auch alternativ eine taktische? Spielten Sie am Damenflügel, für den Gegner war aber ein Vorgehen im Zentrum der angesagte Plan?
  • Danach folgt die eigenständige Analyse (bitte ohne Schachprogrammhilfe) inklusive eines Datenbankabgleichs (falls vorhanden). Wo hörte die Eröffnungstheorie auf, was war die Neuerung?
  • Bringen Sie die Ergebnisse zu Papier und gleichen Sie diese mit einem Trainer oder Vereinskameraden ab. Steht kein Partner zur Verfügung ist die Computerengine als letzte Mittel natürlich erlaubt.

Sie müssen das Rad nicht neu erfinden; profitieren Sie von dem, was andere sich erarbeitet haben, und schauen Sie den Meistern auf die Finger! Das Studium gut kommentierter Großmeisterpartien ist eine weitere wesentliche Möglichkeit dazuzulernen. Aktualität ist dabei nicht entscheidend. Gute Dienste leistete mir ein altes Turnierbuch: Zurich International Chess Tournament, 1953 von David Bronstein (englische Originalversion, derzeit noch lieferbar, ca. 11 €, es gibt auch eine deutsche, allerdings gekürzte Ausgabe. Empfehlenswert ab ca. DWZ 1800).

Bisher erschienen:

Effektives Schachtraining (1)

Effektives Schachtraining (3) - Schach in der Praxis

Effektives Schachtraining (4) - Tipps für eine höhere DWZ

Effektives Schachtraining (5) - Schach im Internet und Schachtrainer