Juli 2019
Austria mi amor
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In unserer Themenwoche "Österreich", die vor nun schon zweieinhalb Wochen begann, möchten wir heute den wunderbaren und österreichischen Autoren Thomas Glavinic vorstellen. Warum das? Weil er ein sehr passabler Schachspieler ist, darum, in jungen Jahren mit führend in den Altersklassen seiner Alpenrepublik, aber dann glücklich dem Schach entronnen.

Wir sagen, gut gemacht! - denn es gibt doch so viel anderes im Leben, mit denen man den Tag, die Zeit, sein Leben gestalten kann. Wir denken an:

mit Katzen spielen,

in der Sonne liegen,

reisen,

lesen,

Zeit mit lieben Menschen verbringen,

Kaltgetränke zu sich nehmen,

Heißgetränke zu sich nehmen,

Musik hören,

sinnvolle Arbeit leisten,

Zeit ohne Menschen verbringen,

die Welt retten,

gute Sachen essen,

keine Tiere essen,

auf dem Balkon sitzen und auf die Berge/ das Meer gucken

nicht mehr fliegen,

dafür mehr Radfahren und mit dem Zug

Stracciatella-Eis und/ oder Marillenkuchen

AmSee
               Der Seehof in Goldegg (Austria) - auch für Marillenkuchen ist man hier genau richtig

 

So ungefähr stellen wir uns das vor - aber wäre dann überhaupt noch Zeit für das Schachspielen? Und wenn ja, was würde das bringen?

Doch auch aus anderen Gründen mag man sich des Schachspielens erwehren, und von denen schreibt Thomas Glavinic. Bekannt wurde er vormals schon als Autor von "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden", und vor allem sein letztes, angenehm verrücktes und vielleicht auch teils (schach-) autobiographischer Roman "Der Jonas-Komplex" hat uns sehr gefallen. Wir freuen uns darum, hier zu seinen Gedanken aus dem Freitext-Blog der "Zeit" zu verlinken!

Schach ist gefährlich!

von Thomas Glavinic

In kaum einem Sport kann man so verloren gehen wie im Schach. Es ist wunderschön und wild. Und man fängt an, zwischen den Figuren zu leben, zu denken.

Schach lernt man als Kind vom Vater oder vom Großvater, und man ist ein Junge. Nicht viele Frauen spielen Schach.   Weiterlesen

Glavinic Thomas.IMG 3662

Thomas Glavinic beim HeadRead Festival 2012                                     

 

Bildangaben: Foto Thomas Glavinic von User Ave Maria Mõistlik/ Avjoska, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Glavinic,_Thomas.IMG_3662.JPG, Creative CommonsAttribution-Share Alike 3.0 Unported

Der Festsaal in Schwarzach
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Leider war es ja noch nie ganz einfach zu ermitteln, wie sich die Punktausbeute bei Turnieren optimieren lässt. Eine Veranstaltung wie das Schachopen zu Schwarzach St.Veit 2019 bietet indes einen geeigneten Versuchsaufbau für unsere Forschungszwecke.

Bei neun aufeinanderfolgenden Partien kann man sozusagen unter Laborbedingungen verschiedene Stellschrauben drehen, um aus empirischen Ergebnissen wichtige schachsportliche Erkenntnisse zum Wohle der Menschheit zu gewinnen.


Für diesen Feldversuch habe ich mich uneigennützig zur Verfügung gestellt und die Tage der Vergleichbarkeit halber auf gleichförmige, wenngleich auch angenehme Art und Weise verbracht. Gerne bin ich bereit, die resultierenden Erkenntnisse mit den geneigten LeserInnen an dieser Stelle zu teilen.

 Öst1
  Stets selbstlos der Wissenschaft verpflichtet: FM Olaf Steffens

Datenbasis

Runde 1

- Abendrunde um 19 Uhr

- kein Frühstücksei

- Gepäck den Berg hinaufgeschleppt (Anreisetag)

- im Wirtshaus Nudeln mit Käse vor der Partie - so machte es auch Boris Becker immer in Wimbledon

Folge: umkämpfter Sieg gegen Anton Neubauer aus Österreich (Graz)

 

Runde 2

- Frührunde um 10 Uhr

- weiches Frühstücksei

- kein Blick vom Balkon auf die Berge und

- keine warme Mahlzeit vor der Partie

- nach der Partie großer Salatteller im Hotel Zur Post (Schwarzach)

Folge: sehr glücklicher Sieg gegen Großmeister HaJo Hecht (!)

 

Runde 3

- Abendrunde um 18 Uhr

- hartes Frühstücksei

- Tag auf dem Balkon verbracht (Bergblick)

- im Wirtshaus Nudeln mit Käse vor der Runde

Folge: relativ klare Schwarz-Niederlage gegen GM Palac (Kroatien)

palac ste
           Nichts zu holen für Schwarz

Runde 4

- Abendrunde um 18 Uhr

- wiederum hartes Frühstücksei

- Tag auf dem Balkon verbracht (Bergblick)

- im Wirtshaus Nudeln mit Käse vor der Runde

Folge: Weiß-Niederlage gegen GM Zelcic (Kroatien)

 

Runde 5

- Abendrunde um 18 Uhr

- weiches Frühstücksei

- Tag nur zu einem Teil auf dem Balkon verbracht, Besuch im Naturschwimmbad St. Veit (ohne Chlor)

- Pizza Margherita auf dem Rasen des Freibades

Folge: umkämpftes und glückliches Schwarz-Remis gegen Ralf Hein (Hamburg!)

rHein Steffens
                       Offenbar Remis!

 

Auswertung:

Das umfangreiche Datenmaterial gewährt erste Einblicke in die dem Schachturnier Schwarzach St. Veit unterlegten Quellcode:

- erfolgreicher spielt es sich hier offenbar ohne ein hartgekochtes Frühstücks-Ei (Niederlage in Runde 3 und 4). Fünf-Minuten-Eier (Runde 2 und 5) dagegen schonen nicht nur die Umwelt und das Klima ob des geringeren Energiebedarfs bei der Vorbereitung. Sie scheinen auch turniertechnisch erheblich aussichtsreicher zu sein (1,5 Punkte aus 2 Partien).

- lange und mit Ausdauer auf dem Balkon verbrachte Tage (Runde 3 und 4) gewähren dem schachspielenden Organismus vermutlich nur in geringem Maße Unterstützung vor einer langen Turnierpartie. Selbst ein schöner Bergblick bietet in dieser Hinsicht offenkundig keine verbesserten Perspektiven.

 mit schwalbe oder so
             Sehr schön, aber turniertechnisch leider ohne Belang

- eine warme Mahlzeit, bevor es zur Arbeit ans Schachbrett geht, würde man intuitiv sicher zu den turniererfolgsbegünstigenden Faktoren rechnen.

Allein, unsere empirischen Forschungen zeichnen ein weniger klares Bild. Die vor Runde 1 genossenen Wirtshaus-Käsenudeln führten zu einer Gewinnpartie, doch selbiges Essen in Runde 3 und 4 brachte mit zwei Niederlagen keinerlei Fortschritt (bzw sogar Rückschritte) im Turniertableau.

Die besten Aussichten für einen vollen Punkt deuten sich an bei einem nach der Partie genossenen großen Salatteller (Runde 2). Auch mit einer im Freien genossenen Pizza (Runde 5) konnte zumindest der Partieverlust abgewendet werden, was sich von den Nudeln mit Käse bedauerlicherweise nicht behaupten lässt.

- die Uhrzeit des Rundenbeginns (4 mal spät, einmal früh) lässt bislang keine näheren Schlussfolgerungen zu - außer, dass es schön ist, den ganzen Tag vorher frei gestalten zu können

- Je weiter weg der Anreiseort der Gegner, desto schwerer ist es augenscheinlich zu Punkten zu kommen. Gegen zwei kroatische Gegner (Runde 3 und 4) ebenso wie gegen einen Hamburger Jung' (Runde 5) folgten nur recht magere 0,5 Punkte, und selbst die waren eher noch glücklich.

Bei Gegnern aus dem österreichen Einzugsgebiet (Graz in Runde 1, Raum München in Runde 2) sind die Erfolgsaussichten offenkundig besser. Die Einfluss der Anreisedistanz auf den Partieausgang erscheint in hohem Maße signifikant.

 

Wir weisen natürlich darauf hin, dass alle Hypothesen nur vorläufig sind und Wechselwirkungen zwischen den benannten Einflussfaktoren berücksichtigt werden müssen. So wird beispielsweise die Erfolgswirkung eines weichen Frühstücks- Eis aufgehoben (Runde 5), wenn der Gegner von weither anreiste (Runde 5, Ralf Hein aus Hamburg) - das Ergebnis allerdings ist fast folgerichtig ein Remis.

Warnen müssen wir indes vor der Kombination eines harten Frühstückseis mit einem Tag auf dem Balkon, Käsenudeln und kroatischen Gegnern mit langer Anreise. Hiermit ist (Runde 3 und 4) eindeutig schon vor Turnierbeginn bereits der Keim einer deutlichen Niederlage gelegt.

Ausblick auf die heutige Runde 6

Nun, was nützen die schönsten Forschungsergebnisse und aufwendig gestalteten Studien, wenn sie nicht auch in der Lebenswirklichkeit des Turnierteilnehmers zu Verbesserungen führen?

Wir versuchen daher, den Ausgang der heutigen 6.Runde zu prognostizieren für die Partie Steffens - Dr. Franz Riemelmoser (Österreich).

Zugrunde legen wir die vorliegenden Rahmendaten:

- Abendrunde um 18 Uhr: bislang kein Einfluss auf das Turnierergebnis vorhersagbar

- hartes Frühstücksei: ja, unglücklichweise aß ich ein hartes Frühstücksei heute, doch nun ist es zu spät, dies noch zu ändern. Die Studie war leider noch nicht publiziert, als ich zum Frühstück ging.

- Tag auf dem Balkon: heute nicht, ich bin gewarnt! Stattdessen eine kühne und seit langem vorbereitete Alpenwanderung von St.Veit nach Goldegg ("Golden Eye") - mit ungewissen Einfluss auf das Turnierresultat

Alpen

- Essen: von nun an besser Pizza als Käsenudeln, soviel steht fest! Oder ein nachträglicher Salatteller im Anschluss an die Partie - doch die meisten Gasthöfe haben so spät dann schon geschlossen.

- österreichischer Gegner mit kurzer Anfahrt: nach allen bisherigen findings ist das günstig für die Aussicht auf zumindest einen halben Punkt.

Prognose: bis auf das Ei spricht gemäß unserem Modell nichts oder zumindest wenig gegen einen erfolgreichen Turnierabend.

 

Heute nacht werden wir mehr wissen. Die Studie wird - Finanzierung und Mittel vorausgesetzt - auf alle Fälle fortgeführt!

 

Tu felix Australia
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Österreich

In Schwarzach spielt' ich mit Schwarz schwach,

mit Weiß stand ich breit in St.Veit.

Beim Open zu Wien vergaß ich zu zieh'n,

mit Schwarz ging ich unter in Graz.

Meine Figuren entfernten mir starke Gegner aus Kärnten,

und selbst im schönen Zillertal verdarb ich mir die ELO-Zahl.

Im malerischen Burgenland ich viele miese Züge fand,

beim Blitz in St. Veit überschritt ich die Zeit,

und auf den Hohentauern verlor ich meine Bauern.

 

So merkte ich im Alpenland, dass ich vom Schach nicht viel verstand.

mit schwalbe oder so

 34.Open in Schwarzach/ St.Veit 2019

Das örtliche Wetter am heutigen Abend
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Kaum kommt man mal in ein anderes Land, sehen schon gleich die Hinweisschilder anders aus. Und die Landschaft auch - und überhaupt, das Wetter, die Sprache, die Biersorten, alles anders. Da ist es beruhigend, dass immerhin das bevorstehende Schachturnier vermutlich in den gewohnten Bahnen verlaufen wird:

- 32 Steine auf 64 Felder

- Weiß beginnt

- neun harte Runden, neun schwere Gegner

- spannende Partien! mit insgesamt neun Tassen Kaffee (oder mehr)

- Sorge um die ELO

- Sorge um die DWZ

- Sorge vor Partiebeginn: welche Eröffnung soll man spielen?

- Sorge nach Partiebeginn: ist das Handy wirklich ausgestellt?

- und der Handy-Wecker auch?

- Euphorie nach einem vollen Punkt

- Agonie nach einem weniger vollen Punkt

- wenn es ganz schlecht läuft: Auftaktniederlage!

- Wehklagen nach Partieende: warum habe ich im 36.Zug nicht ... (dieses, jenes) gespielt?

- dann: genügend Zeit für Frustation, Missvergnügen und für die Sinnfrage

- langsames Reinfinden in das Feld der Teilnehmer - neue Menschen kennenlernen, alte Freunde und Bekannte wiedertreffen

- noch einen Kaffee trinken

- neun Tage, die einem vorher ewig lang vorkommen - und hinterher wie im Zuge vergingen

 

Mal sehen also, was passiert. Schön, mal wieder Zeit zu haben für ein Turnier!

Nun aber das Rätsel an die verehrte Leserschaft: wo findet der Wettbewerb statt? Die Lösung verbirgt sich in den Hinweisen rund um die folgenden Fotos:

schachturnier
   Die örtliche Fauna (Ausschnitt)

schachturnier2
Möglicherweise landestypisches Hinweisschild, dessen Bedeutung
erst noch
entschlüsselt werden muss

Schwetzingen 11
Dieser Spieler hat im von uns ge- bzw. besuchten Turnierland bereits Ligapartien bestritten!

See1
Norwegen? Bremer Schweiz? Malediven?

 schach1
Einer der Großen der Landes-Schachgeschichte - hat es fast bis zum

Weltmeistertitel gebracht, scheiterte aber knapp.
Schlechter war er wirklich nicht. Andererseits aber ... doch.

Schachturnier3
Die Anreise aus Bremen ist problemlos ohne Kreuzfahrtschiff möglich, und
glücklicherweise auch ohne Flug - denn Fliegen ist ja eigentlich out

Nun, liebe Leserschaft, wo geht die Reise hin?

Wir melden uns bald wieder - die erste Runde beginnt ja schon Kürze, und bis dahin sollte der Bremer Turniergast besser noch a bisserl üben. Denn sonst (siehe oben) droht eine unschöne Auftaktniederlage - und das will man doch eigentlich nicht. Kommt aber trotzdem oft genug vor!

Ein Königreich für Pferdezüge
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Auf vielfachen Wunsch - ein Leser hatte sich zwischenzeitlich erkundigt - kommen wir nun auf die vor kurzem erfolgte Ankündigung "Ein Königreich für ein Pferd" zurück. Viel Spaß beim Lesen und beim Partienstudium!

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Spätestens heute wird es Zeit, für unseren verehrten Stammleser Holger Hebbinghaus eine Partie zu kommentieren, die uns ebenjener bereits vor einigen Monaten Wochen zugesandt hat. HOLGER ist nämlich nicht nur erfolgreicher, unbesiegter Spitzenmann des SK Marmstorf in der Oberliga Nord-Nord, auch ist er der Gewinner des Schachwelt-Bundesliga-Tippspiels, welches in diesem kleinen Blog für die Saison 2017/2018 durchgeführt wurde.

Der Hamburger SF Hebbinghaus ist mittlerweile nicht nur stadt-, sondern eigentlich mindestens weltbekannt, pflegt er doch einfach alles zu gewinnen, was wir an Kompetitionen hier im Blog auf den Markt schmeißen, ganz unabhängig von Fragestellung, Gegnerschaft und Raumtemperatur.

Holgers Gewinn in unserem zugegebenermaßen schon ein wenig zurückliegenden Tippspiel war das Kommentieren einer von ihm höchstselbst eingesandten Schachpartie. Und darum frischauf, wir begrüßen alle nah und fern:

Vorhang auf für GM Vladimir Sergeev - FM Holger Hebbinghaus!

keksfreunde
                Alles kommt mit mehr Genuss, wenn Kekse in der Nähe sind

 
Sergeev,Vladimir (2469) - Hebbinghaus,Holger (2246)
Norderstedter Osteropen 2018

1.Sf3, 1...d5

Diesen Zug spielte bereits Weltmeister Garri Kasparov, allerdings als Antwort auf 1.d2-d4. Bedauerlicher sehen wir in dieser Partie nicht das berühmte Holga-Gambit 1.d2-d4, Sg8-f6 2. c2-c4, c7-c5 3. d4-d5, b7-b5! Sehr schade!

2.g3, Sc6

3.c4, d4

Die Welt schaute auf diese Partie während des Norderstedter Oster-Opens 2018. Großmeister Vladimir Sergeev führt die weißen Steine und beginnt das Spiel verhalten mit Financhetto und einer Anfrage an den schwarzen Bauern d5. Dieser zieht vorbei und erobert für sein Team etwas Raum auf der gegnerischen Seite - sieht gut aus!

4.Lg2, e5

5.0-0, Sf6

6.d3, Sd7!?

Holger 2

In meiner Jugend brachte man uns bei, keine Figuren zweimal zu ziehen in den ersten Zügen - warum also Sf6-d7, und das gegen einen veritablen Großmeister? Der Zug beweist zum Einen, dass FM Hebbinghaus auf den 64 Feldern nichts und niemanden fürchtet, und er zeigt zudem, dass er sich gut auskennt - 5....Sf6-d7 ist solide Theorie, das erste Mal gespielt von Juri Balashow 1969. Der Springer möchte nach c5, und dann kann man weitersehen. Und à propos Springerführung - was tippt das verehrte Publikum, wie oft das Rösslein wohl noch ziehen wird? Bitte notieren Sie Ihre Vorhersage hier: ____________ .

7.b3

Man kennt das ja: bereitet man hier "straight" mit a2-a3 den Vorstoß b2-b4 vor, blockt Schwarz mit a7-a5 alles ab - und Weiß kommt nicht recht voran. Darum wählt GM Sergeev einen etwas langsameren, jedoch nachhaltigeren Aufbau, bei dem der Springer zunächst über a3 nach c2 mäandert, gefolgt von a2-a3 und dann wirklich mal b2-oder b3-b4, mit Raumgewinn und endlich etwas Spiel am Damenflügel. (Anmerkung: warum nur all diese Mühe? B2-b4 kann man doch auch sehr schön bereits im 1.Zug durchsetzen!)

7...Le7

8.Sa3, 0-0

9.Sc2, a5

10.Tb1, Te8

11.a3

Auf die alte Weise - Weiß ist bereit zu b3-b4! (Nochmalige Anmerkung, siehe oben: warum nicht b2-b4 gleich im ersten Zug, wenn es doch so erstrebenswert erscheint?) - Schwarz kann b4 nun nicht mehr stoppen. Macht ja aber nichts!, sagt Holger und spielt ...

11...Tb8!?

Holger 3

Huch?

12.b4, axb4

13.axb4, b5!

Holger 4

Ein schmuckes Konzept frisch aus der norddeutschen Tiefebene - nun erklärt sich auch der ominöse Turmzug im 11.Zug. Schwarz stoppt die weiße Expansion, und markiert den Bauern b4 als mittelfristiges Angriffsziel für den Tb8, den Springer c6 und den Läufer e7. Hübsch!

14.Sd2, Lb7

[%draw arrow,g2,c6,black][%draw !,f4,black][%draw !,d6,black][%draw !,c5,black][%draw !,h1,black]14....bxc4, 15.Lg2xc6! The white bishop rises.

Pardon, liebe internationale Leserschaft, ich habe keine Ahnung, was die ganze geballte Ladung an Schriftzeichen in der ersten Zeile bedeuten soll. Sieht aber nach was aus, immerhin. Es muss was mit der Diagrammfunktion bei der SCID-Schachsoftware zu tun haben - die ist ganz großartig, aber mit den Diagrammen war es etwas kompliziert.

15.c5

Macht den Laden erstmal dicht. Stockfish findet 15.e3 plausibler, aber wer soll das immer alles durchschauen?

15...Sf6

Ähnlich wie Anatoly Karpov ist Holger Hebbinghaus ein Meister der Springerführung. Kaum hat der Kollege auf d7 keine Zukunft mehr, wendet er sich via f6 neuen Zielen zu: auf nach d5, auf nach c3! (Damit, man beachte, bewegt sich das Pferd zum dritten Mal. Aber warum auch nicht? It's a free country.)

16.Sb3, Dd7

17.Lb2, Sd5

18.Dd2

Langsam dämmert es nun auch dem oberflächlichen Kommentator - noch immer wurde in dieser Partie nichts abgetauscht! Wie soll es da jemals zu einer Entscheidung kommen?

18...Ta8

Weiteres Manövrieren. Wir sagen nur: Karpov.

karpov bundesliga
                                                The boss of it all

19.Ta1

Türme tauschen, und dann Remis?

19...Ta4!

Holger 5

Immer wieder eine wunderbare Idee - wenn schon Turmtausch auf der a-Linie, dann nur zu Holgers Bedingungen. Bei jedem Tausch entsteht nun ein entfernter schwarzer Freibauer. Bei jedem Nicht-Tausch drückt der schwarze Turm unangenehm auf b4. Darum:

20.Txa4, bxa4

21.Sc1, Sa7

Wie immer im Schach kann man schwer sagen, wer eigentlich vorne liegt - das unterscheidet uns von unserem großen Brudersport Fußball. Steht Schwarz hier besser? Bekommt Weiß nun Spiel? Am besten spielt man einfach weiter, dann wird man es schon sehen. - Wir möchten nicht versäumen, ein weiteres Mal auf die hohe Spielkunst des Schwarzen hinzuweisen - kaum hat der Bauer b5 (buchstäblich) das Feld geräumt, schickt sich das Pferd auf c6 an, via a7 nach b5 zu wandern. Und von dort - nach c3?

22.Sa3, Lf6

Stockfish findet hier Tb8 besser, mit Druck auf den Bauern b4. Doch wer hat schon einen Computer während der Partie? Der Textzug Lf6 ist bringt erst einmal Ruhe ins Spiel, sichert die Mitte. Alles Weitere kommt später.

23.Sa2, La8

24.Sc4, Se7

Gewieft! Mir wäre das nicht eingefallen - der Läufer a8 ist doch eigentlich einer von den Guten? Lieber würde ich ja den Läufer f6 abtauschen, guckt dieser doch lediglich auf den Rücken seiner Bauern. Indes:

25.Lxa8, Txa8

[%draw circle,g1,yellow][%draw circle,d7,purple][%draw circle,e4,purple][%draw circle,f3,purple][%draw !,g4,purple][%draw arrow,a7,b8,black][%draw arrow,b8,a1,black][%draw arrow,a4,b7,black][%draw !,a6,black][%draw arrow,a7,a3,black]

Schon wieder diese heftigen Buchstabenkonglomerate! - warum auch immer. Aber siehe da - schon steht der Turm hinter dem Freibauern a4! Eine sehr gute Konzeption von Schwarz, vor allem in der praktischen OTB (over the board - so ein Begriff macht sich immer gut in jedem Artikel) - also, vor allem in diesen sogenannten OTB-Partie kann das nicht ganz verkehrt sein.

26.e4

Sichert die Mitte, und macht den schwarzen Läufer f6 noch ein bisschen schlechter. Allerdings wäre nun das forsche dxe3 en passant interesant gewesen: der Bauer d3 wird/ bleibt schwach, und der Springer kann auf d5 einfallen. Schwarz spielt etwas anderes, und auf einmal hat die weiße Stellung Stabilität - wer weiß, nun kann auch mal f2-f4 kommen? Alle, die hier lieber Weiß hätten, heben stehen bitte kurz mal auf und klatschen in die Hände.

26...Sec6

27.Ta1

Das war es erstmal mit dem f2-f4-Plan.

27...Sb5

28.Sc1

Holger 6

28..... h6

29.Se2, Dg4

30.Kg2, Lg5

In dieser schwerblütigen Partie zeigen sich die ersten Anzeichen von agressiven Handlungen: Schwarz greift die weiße Dame an und droht sie im nächsten Zug zu schlagen! Auch sonst hat Holger, der frühere hamburgische Nachwuchsspieler, alles unter Kontrolle, was ja immer ein gutes Omen ist. Die weiße Dame muss weichen, und dabei am Besten weiterhin den Bauern b4 bewachen - keine sehr ehrenvolle Aufgabe, für eine Königin.

31.De1, Ta7

Ein etwas rätselhafter, wohl aber tiefer "move in mysterious ways" - Alpha Zero wird ihn besser verstehen als ich.

32.h3, De6

33.h4, Lf6

34.Lc1, Kh7

35.Ld2

Das verhaltene Manövrieren setzt sich auf beiden Seiten fort. Langsam nähern sich aber beide Spieler, GM sowohl als FM, der ersten Zeitkontrolle. Werden beide die Nerven bewahren und ruhige, langsame Züge machen, oder kommt es zum gefährlichen, zeitnottypischen "lashing out"?

35...Le7

36.Dd1

Ein kluges Umgruppieren - jetzt, wo der Läufer den Bauern b4 deckt, ist die Dame frei, den Kollegen a-Bauern in den Blick zu nehmen. Und wie soll Schwarz den jetzt noch halten?

36...f5!

Holger 7

Sehr gut - Holger verteidigt durch prophylaktisches Verwirren. Erst einmal muss der weiße König etwas luftiger gestellt werden.

37.f3, fxe4

38.fxe4

Sichert die gute Struktur, aber wie wir wissen: jeder Bauernzug hinterlässt zwei schwache Felder!

38...Dg4!

Holger 8

Ein prächtiges Feld wurde frei - hier stellt man seine Dame gerne hin, und zunächst einmal droht (wenngleich plump) der schöne Zug Lxh4.

39.Kh2, a3

Links drückt der a-Bauer, rechts droht die schwarze Dame - Flügelzange! Man beneidet GM Sergeev eher nicht um seine Verteidigungsaufgabe. Erst einmal versucht der Favorit seine Figuren besser zu harmonisieren. Irgendwie aber arbeiten diese auch weiterhin nicht zusammen.

40.Ta2, Ta8

41.Le1, Tf8!

Ein kleines Ausrufezeichen für die Freiheit des Geistes: eben noch deckte der Turm den Freibauern a3, doch wird dieser nun zurückgelassen. Der weiße König ist ein lohnendes Ausflugsziel!

42.Dd2, Tf1

Nun andersherum: wer hier lieber mit Schwarz spielen würde, winke bitte mit dem rechten Arm, schreite ans Fenster und rufe etwas laut in die Gegend hinaus!

43.Sxa3

HOLLA! Ein massiver Zug, prinzipiell, entscheidend, gewagt! Weiß entscheidet sich für volles Risiko und kassiert endlich auf dem Damenflügel ab - was aber wird sein König dazu sagen, so ganz allein auf der anderen Seite?

43...Sxa3

44.Txa3

Und nun, SF Hebbinghaus? Auf das intuitiv attraktive Dg4-f3 hält Weiß mit Se2-g1 seinen Laden wohl zusammen, und dann läuft alsbald der b-Bauer los. Was aber ist mit ...

44...Sxb4!

Holger 9

Yep! Dasselbe Motiv wie vorhin! Der Springer macht einen entscheidenden Sprung in die gegnerische Hälfte.

45.Sg1, Lxc5

46.Tb3, De6

Konsolidierung und Kontrolle, nachdem der Mehrbauer eingefahren wurde - so gewinnt man gegen Großmeister!?

47.Tb1, Sa6

48.Kg2, Tf8

49.Sf3, Ld6

50.Dc2, Df6

51.De2, Sc5

holger 10

Elegante Technik und gute Springerführung - alle Figuren bleiben im Spiel, werden ohne Eile auf bessere Felder gestellt, und irgendwann setzt man den Mehrbauern in Bewegung. Dvoretzki hätte seine helle Freude gehabt!

52.Tb2, De6

53.Lb4, Sd7

Springerzug! Holger wird in dieser Partie zum Pferdeflüsterer.

54.Lxd6, cxd6

Oder alternativ Dxd6, ohne dass die Bauern verdoppelt werden.

55.Df2

Trickreich ... denn 55...Sf6 [55...Sc5 56.Sg5+! hxg5 57.Dxf8]

56.Tb7, Dc8

So mancher (ich zum Beispiel ...) hätte hier den "logischen Zug" Sg4 erwogen, und einige (ich zum Beispiel ..) hätten ihn sogar gezogen. Schade nur!, dass dann wieder Sf3-g5+ kommt, und weg ist der Turm auf f8. Darum der kluge Damenzug mit Tempo zurück nach c8: nun ist der Springer frei und kann nach g4 kommen!

57.Db2, Sg4

Erneut ein Springerzug, hinauf auf ein Riesenfeld - das rechtzeitige Anschwächen f6 - f5 x e4 im 36.Zug hat sich gelohnt.

58.Sg1, Se3+

Dieses Pferd - vor langer Zeit ins Rennen gegangen von seinem Heimathof auf g8 - findet den Weg nun fast im Schlaf.

59.Kh2, Tf2+!

Holger 11

Bestens gelöst - keine Freude mehr für den großmeisterlichen Gegner, die Dame wird vom Brett genommen, und es kommt ein Endspiel, in dem auch Tricks keine Hoffnung mehr bieten. Agonie.

60.Dxf2, Sg4+

Springerzug!

61.Kg2, Sxf2

62.Tb3, Sd1

BIG HORSE STRIKES AGAIN.

Dieser schöne Rappe hat seine Reise auf g8 begonnen, zog dann über f6 früh nach d7, schaute man am Damenflügel vorbei, zog hinüber zum Königsangriff, gewann dabei die weiße Dame und machte dann auch noch den letzten Zug der Partie.

Sechzehn Züge machte dieses Pferd, mehr als 25% der Holgerschen Züge insgesamt. Das muss man erst einmal schaffen, ohne abgetauscht zu werden! Und darum jetzt, verdientermaßen:

0-1

Holger 12
  Am Ende einer langen Reise: der Springer g8 erreicht die gegnerische Grundreihe!

Die sehr gelungene Hebbinghaus'sche Partie kann hier

http://view.chessbase.com/cbreader/2019/6/23/Game81219553.html

noch einmal interaktiv nachvollzogen werden, mit Dank an die Firma Chessbase, die dieses tolle Feature global und kostenfrei ermöglicht.

Wir bitten indes, uns etwaige kleine Rechtschreibinakuratessen in selbigem Link gnädig nachzusehen - der dort hinterlegte Text war ein eher noch rohes Skript, das wir aus organisatorischen, technischen und finanziellen Gründen nicht mehr adäquat nachbereiteten. Die Züge allerdings stimmen - und das ist ja auch die Hauptsache.