Oktober 2019
Schwarze Doppellöcher
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29. Oktober 2019

Schwarze Doppellöcher

Oder wie zwei Schwarzspieler aus einer Gewinnstellung gerade mal einen halben Punkt nach Hause bringen? Typisch Krennwurzn werden Sie geneigter Leser denken. Entweder hat die Krennwurzn die Stellung zweimal selbst am Brett gehabt oder aber sie berichtet von einem Wald- und Wiesenturnier aus sogar Einheimischen unbekannten Orten des schönen Ösilandes.

Nein, nein – zu dieser Situation kam es beim GRAND SWISS – dem wohl stärksten Open bisher – und sie entstand auch nicht irgendwo auf den hinteren Brettern, sondern in Runde 8 auf den Bretter 7+8 sogar nebeneinander. Die Schiedsrichter haben dann nach 18. … Dh4? eine Paarung auf einen anderen Spielort verlegt, um keinerlei Verdächtigungen aufkommen zu lassen und der Hauptschiedsrichter erklärt im Interview seine Beweggründe.

 

2019Loch01

Schwarz am Zug steht nach
18. … 0-0 auf Gewinn !?

Die Weißen in den Partien GM Shirov Alexei (2664)-GM Yu Yangyi (2763) auf Brett 7 und ein Brett dahinter GM Karjakin Sergey (2760)-GM Dreev Aleksey (2662) haben gerade 18. De5(?) gespielt und die mitlaufenden Maschinen haben sofort „Blunder“ aufgeheult und 18. De3 mit relativ ausgeglichener Bewertung vorgeschlagen. Nun das alles ist im modernen Schach mit den heutigen Engines auch nichts Neues. Verlieren halt zwei Schachspieler aus identer Stellung nebeneinander eine Partie.

Beim Blick auf die Ergebnisliste kommt das erste Staunen:

2019Loch02

 

Schwarze Gewinnstellung und dann dieses Ergebnis – nur ein halber Punkt für Schwarz und sogar eine Niederlage. Wie kann so etwas sein? Im Wesentlichen gibt es zwei Erklärungsversuche – entweder konnten die Schwarzspieler das am Brett nicht ausrechnen und bewerten oder aber die Computer liegen bei wenig Bedenkzeit in ihrer Bewertung einfach falsch und wir sind Zeuge eines „Schwarzen Lochs“ geworden. Jetzt werden sicherlich einige einwenden, dass die Stellung relativ unbekannt ist und die Spieler nicht alles wissen können. Das stimmt natürlich im Allgemeinen, aber ein Blick in die Datenbanken zeigt die Partie Karjakin,Sergey (2762) – Yu,Yangyi (2721) 1-0 FIDE World Cup 2015 Baku mit folgender Stellung:

2019Loch3a

Wenn hier Schwarz hier mit Se4 De5 0-0 fortsetzen würde, dann wäre das tatsächlich schlecht. Weiters zeigt uns die Datenbank noch die Partie aus dem gleichen Jahr Lu,Shanglei (2606) - Yu,Yangyi (2723) Xinghua mit Remisausgang. Die Variante ist als nicht unbekannt und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Stellungstypen noch auf keinem Rechner waren scheinen gering. Also haben wir nach 18. … 0-0 ein „Computerloch“ am Brett, dass entweder die Maschinen oder die Menschen mit längerer Bedenkzeit und Vorbereitung spektakulär widerlegen können?

Die Krennwurzn hat mal den eigenen Computer und die Engines Houdini und Stockfish etwas gequält:

2019Loch03

Und dann sogar noch den eigenen Kopf etwas angestrengt und viele Probleme und taktische Finten in der Stellung gefunden, aber auch mit Rechnerhilfe konnte ich keine Widerlegung finden. Die Schachpresse hat sich der Stellung auch nicht angenommen und so blieb die Krennwurzn naturgemäß etwas ratlos zurück. Schachlich ist die Krennwurzn 100%ig zu schwach und auch der Computer ist zwar ok, aber kein Killergerät. Und da kam der Krennwurzn die rettende Idee: warum nicht SESSE fragen?

SESSE so nennt man in der Schachwelt den norwegischen Supercomputer, der gerne und oft die Partien von Magnus Carlsen begleitet und Superanalysen liefert. Und ja, die Krennwurzn kann mit Computern sprechen. Nein – natürlich nicht. Sesse ist eigentlich der Nickname - oder Spitzname wie man früher zu sagen pflegte - von Steinar H. Gunderson einem norwegischen Softwareentwickler.

„Sesse“ – also Steinar H. Gunderson – schrieb mir dann, dass er Analyseanfragen eigentlich nicht beantworten möchte, aber diese Stellung und die Beteiligung solcher Topspieler am gleichen Tag und an zwei Brettern nebeneinander haben auch seine Neugierde geweckt und er machte daher eine Ausnahme. Also hat „Sesse“ den Computer mit der Stellung gefüttert und das Ergebnis war dann für alle sichtbar und die Krennwurzn darf das Computerurteil hier veröffentlichen:

2019Loch04

2019Loch04a

2019Loch04b

Damit ist klar: ein Computerloch liegt hier mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vor. Die Stellung ist für Weiß verloren. Also müssen wir über andere Ursachen nachdenken …

2019Loch05

 Nun ein Mensch rochiert nicht gerne in einen Angriff hinein – die Maschine sieht Damenfang und das eigene Überleben. Es droht nun d6 mit Damenfang. Hier und einen Zug später ist es möglich die Dame via h5 aus der Gefahrenzone zu bringen, aber damit übergibt man die Initiative an Schwarz und dieser kann den König in der Mitte angreifen. Weiß ist nur mehr mit verteidigen beschäftigt und kann diese nicht mehr zufriedenstellend organisieren.

19. Lg2 d6 20. Dxe6+ (Dh5 rettet die Dame aber nicht die Partie) Kh8 21. Lxe4 Tf6!

2019Loch06

Die weiße Dame ist gefangen – die Maschine schiebt noch die Matt in eins Drohung Df5 ein und nimmt dann auf b7 – aber es bleibt nur eine Ruine übrig. Auch Dxf6 Dxf6 löst die Probleme nicht. Schwarz hat eine Gewinnstellung …

Aber da sehen wir eine Gewinnstellung am Brett hilft eigentlich nichts, wenn man diese erstens nicht erkennt und zweitens nicht durchrechnen kann. Ja wir Menschen sind zwar wunderbare Wesen, aber eben nicht unfehlbar …

Auf Twitter erklärte Karjakin dass er einfach seiner Partie gegen Yu vor zwei Jahren folgen wollte, aber es nicht schaffte die korrekte Zugfolge zu erinnern. Und dann hat wohl jeder von jedem ein wenig abgeschaut und vertraut, dass dieser schon wisse was er tue.

2019Loch07

Schaut man sich die Bedenkzeitverläufe an, so fällt auf, dass nach 18. De5? Dh4? und nach der räumlichen Trennung der Partien, die Spieler in tiefes Nachdenken verfallen sind.

Nicht vorenthalten möchte ich eine Videoanalyse des Themas von IM Daniel Rensch auf die mich unser Kollege Thomas Richter hingewiesen hat. – Danke!

 


Hier die Analyse und die Partien zum Durchklicken:

 

Werder 3: Gute Laune in der Lagerhalle
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Zeitig ging es los für Werder III in der zweiten Runde der Landesliga Nord Niedersachsen/ Bremen, und nur die Zeitumstellung um eine Stunde nach hinten machte die frühe sonntägliche Abfahrt einigermaßen verkraftbar. Mannschaftsfahrer David Kardoeus holte den provisorischen Mannschaftsführer Olaf um Punkt 07:42 ab, setzte in den Folgeminuten weitere fünf Mitreisende in den Werderbus, und ab ging es über die A1 Richtung Süden.

Dort warteten in der charmant renovierten Lagerhalle, einem großflächigen Veranstaltungszentrum inmitten der Altstadt, die Mannen der SG Osnabrück sowie mit IM Christian Richter der achte Werderaner, der zu diesem Auswärtsspiel zu Fuß aus seinem Wohnort anreisen konnte. Wann gibt es so etwas schon mal?

Aufbau der Figuren, Worte des Grußes, erste vorsichtige Züge – und es dauerte nicht lange, da standen bereits zwei g-Bauern auf dem sehr attraktiven Feld g4! In der Partie Steffen Rachut - Christian Richter mit der Zugfolge 1.Sb1-c3, Sg8-f6 2.g2-g4! - das flotte Tübinger Gambit, welches Freunde des Werder Monatsblitzes sich auch immer gerne mal von David Höffer vorsetzen lassen müssen. David gewann mit 2.g2-g4! sogar schon gegen den Berliner GM René Stern – eine schöne Re(né)ferenz!

Auch an meinem Brett arbeitete sich der g-Bauern frühzeitig zwei Felder nach vorne, doch brachte mir das nicht viel ein außer einigen wackeligen Felderschwächen.

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    Felderschwächen? Was soll das noch werden?

Ganz anders dagegen die Partie von Nils-Lennart Heldt – er spielte einen soliden Sizilianer, stand gut, tauschte die Damen, stand immer noch gut, und auf einmal zerbrach die Stellung seines Gegners an zu vielen Bauernschwächen und Nils’ pointiertem Figurenspiel – 1 – 0 für uns!

Carlos Schat, der kurzfristig für den leider erkälteten Collin ins Team gerückt war, setzte gleichfalls auf nachhaltige Entwicklung, was ihm im Gegensatz zu seinem Osnabrücker Gegner eine sehr harmonische Stellung einbrachte. Der Vorteil wurde größer, und größer, und caramba!, recht bald auch ein voller Punkt für Carlos: 2 – 0!

Nun war es an der Zeit, dass auch die Gastgeber in das Match fanden, und leider erwischte es alsbald Duong Lai-Hop, der mit FM Stephan Haskamp den ELO-stärksten der Osnabrücker vor sich sitzen hatte. Lange lavierten hier alle Beteiligten in einem königsindischen Aufbau, und so richtig verließ die Partie nie die Remisbreite. Dann aber wurde die Zeit knapper, und nun langte der FM zu und machte bei knapper werdender Zeit einen langen Turmzug – Figurengewinn!, und der Anschlusspunkt für Osna.

Schon fühlte sich das Match wieder eng an, und so richtig klar wollte mir nicht klar werden, wo wir die weiteren Brettpunkte einsammeln würden. Am Brett des Interims-Mannschaftsführers (Steffens – Marc Selker) standen mittlerweile sogar beide Spieler schlecht, und Matt sowie Materialverluste drohten allenthalben:

Steffens Olaf Selker Marc 25f4

Es folgte 26.c3-c4 - die weiteren Züge sind netterweise bei Chessbase einsehbar.

Hm, hm … nochmal Glück gehabt!

Und von nun lief auch das Match fast wie auf einem Gleis in den Zielbahnhof. Timur Elmali behielt den Überblick in einer schnellen Figurenabwicklung und entwickelte positionellen Vorteil auf den weißen Feldern. Mir schien die Stellung (wie so vieles im Leben) noch etwas unklar, doch vernahm ich später, dass aus der angenehmen Position eine angenehme Mehrfigur geworden war, und mit einer solchen ließ Timur sich den Sieg nicht mehr nehmen.

Ganz ähnlich auch unser Spitzenbrett Sven Charmeteau – um es mit Olli Kahn zu sagen, machte er “Druck, Druck, Druck” beim Belagern und schließlichen Erobern eines rückständigen Bauern auf e7. Das Mehrmaterial hätte so manchem Normalschachlichen wohl noch nicht zum Sieg gereicht, doch der aktuelle Werder-Trainer Sven zeigte umsichtige Technik, drohte mal hier, mal dort, und transferierte den Punkt im Endspiel gekonnt auf das Werderkonto: 5 – 1!

Die SG Osnabrück hielt aber wiederum dagegen, und es war Mannschaftsfahrer David, der hierdurch den Kürzeren zog. Mit einem Königsinder gegen den Bajonettangriff passabel aus der Eröffnung gekommen, war David einem zwischenzeitlichen Remis durch Zugwiederholung ausgewichen. Boris Schröder indes knetete sich alsdann mit exaktem Spiel nach und nach in seine Stellung hinein und gewann die Partie mit Materialvorteil im Endspiel. Schade!

Und damit waren alle Partien beendet und wir machten uns wieder auf den Weg nach ... doch Moment! Christian Richter spielte ja noch, und was war das für eine Partie! Steffen g4 Rachut hatte den geopferten g-Bauern zwar mittlerweile zurückerobert, doch Christian umfasste die weiße Stellung in der sechsten Matchstunde mal von links (Freibauer auf der h-Linie), mal von rechts (schwacher c-Bauer). Eine veritable Massage ganz im Stile von Magnus Carlsen, und wenn Weiß auch lange den Laden zusammenhalten konnte, am Ende und wie so oft rutscht einem mal was durch die Finger, und – ADM, aus die Maus, mit Matt.

Damit stand ein 6 – 2 aus Bremer Sicht zu Buche. Wir sagen: “Hurra!” und freuen uns über einen sehr runden Saisonauftakt mit zwei Siegen, zusammen mit unserem wahren Mannschaftsführer Stephan Buchal, der gerade bei den Bayerischen Meisterschaften am Tigersee turniert.

In vier Wochen am 24. November geht es weiter mit dem Lokalderby beim starken Schachklub Bremen Nord!

Landesliga Nord Niedersachsen Bremen

 

The fabulous Fabianos: Fabian Brinkmann vs Fabian Stotyn
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Schwere Zeiten für große Schachnamen: bei der 20.Auflage des Harzburger Opens konnte kein Fabiano an die glamourösen Vorstellungen der Vorjahre anknüpfen und die Bergwertung im großen Harzer Jubiläumsturnier für sich entscheiden.

Fabiano Caruana (leider verhindert durch ein etwas nordseenäher gelegenes Turnier) verpasste letztlich die Preisränge ebenso knapp wie Fabiano Brinkuana (Werder Bremen), und auch der strahlende Sieger der beiden Vorjahre, Harz-Open-Lichtgestalt Fabiano Stotyuana vom Schachklub Nordhorn, vermochte diesmal nicht entscheidend in das Titelrennen einzugreifen.

Doch welch' Wunder auch - schließlich hatten zum runden Turniergeburtstag drei sehr renommierte Schachfachkräfte ihren Hut in den auf 261 Höhenmetern gelegenen Ring geworfen, GM Oleg Korneev (RUS), GM Vladimir Epishin (RUS) und GM Vadim Malakhatko (RUS? nein, Belgien). Und wie so oft in der Schachgeschichte waren die Russen wieder stärker und teilten letztlich verdientermaßen die ersten drei Preise unter sich auf:

Platz 1: Oleg Korneev, 6,5 Punkte

Platz 2: Vadim Malakthatko, 6,5 Punkte

Platz 3: Vladimir Epishin, 6,5 Punkte

 Als Harzburger Titelträger steht Fabian(o) Stotyn in einer langen ehrenvollen Reihe von Schachgroßmeistern, die ebenfalls Sieg und Pokal von dannen tragen konnten. Der Jugoslawe Vasja Pirc gewann 1938 die erste Auflage vor Efim Bogoljubov, ein Jahr später siegte Erich Eliskases (Österreich!), und später unter anderem dann Carl Ahues (1946), Mikhail Iwanov (2002, 2014 und 2016), Aleksandr Karpatchev (2003), Henrik Teske (2004),  Viesturs Meijers (2007 und 2009) sowie Lev Gutman (2008). 
Klangvolle Namen!, und doch ist Schachmeister Stotyn, verdienter Meister der Jahre 2017 und 2018, im gesamten uns bekannten Universum der einzige Spieler, der jemals seinen Titel beim Harzburger Open zu verteidigen vermochte. Chapeau!

Harzburg1
    Ratsvorsitzender Udo Raders, dann Oleg Korneev, Vladimir Epishin und Vadim Malakthatko

Harzburg 2
    Der Meisterbetrieb der russischen Schachschule erklimmt auch im Harz alle Gipfel

Harzburg 4
      It's lonely at the mountain top: GM Malakhatko allein am Spitzenbrett

Bester Vertreter der norddeutschen Tiefebene wurde Kilian Böhning vom SK Hagen (bei Osnabrück, Platz 5), direkt hinter dem offiziellen Gesandten des Rheinlandes, FM Vinzent Spitzl aus Düsseldorf, der seine Sache durchgängig sehr souverän und gut machte.

Das Turniergericht wurde bei der doppelrundigen Veranstaltung auch im Jahr 2019 vielfach aufgerufen. Als beliebtetes Turniergericht erwies sich dabei an allen fünf Turniertagen die klassische Currywurst, dicht gefolgt von auch von mir sehr favorisierten und beinahe schon hübsch vegetarischen Grünkohl mit Kartoffeln.

Wer wollte, konnte die Nachmittagsrunde gar mit Schachkaffee und -kuchen abrunden, in Kombination erhältlich zu sehr fairen 3,-€. Man kann wie immer den Einsatzkräften am Büffet als auch den Ausichtern insgesamt nicht genug danken - ohne ehrenamtliche Arbeit geht bei so einer Veranstaltung ja nichts, und was wäre so ein Schachturnier ohne etwas Nahrung und Kaffee für Leib und Seele? Man möchte sich das gar nicht näher ausmalen.

Bad Harzburg Team
    Open-Team Bad Harzburg!                                                     Foto: Turnier-Homepage

Gleich den drei bereits erwähnten Fabianos war auch mir das Turnierglück nicht durchgängig hold. Der Höhenmesser zeigte bei mir am Ende der Kompetition 5,5 Punkte über Normal-Null an, und damit war ich vermutlich schon sehr sehr gut bedient.

Trotz einiger Verfehlungen zu Beginn kletterte ich zwar zwischenzeitlich auf 4 Punkte aus 5 Runden, in der 6. und 7. Bergetappe jedoch verlor ich an Höhe, da sich meine Gegner Christian Hartogh aus Lehrte und GM Malakhatko aus BEL nur als bedingt friedliebend erwiesen und mir eineinhalb von zwei möglichen Punkten abluchsten.

Doch sei es drum - insgesamt fuhr ich zufrieden und mit neuen Erkenntnissen nach Hause und weiß jetzt, woran ich arbeiten muss, um es doch noch in die Weltspitze zu schaffen.

Malakhatov Vadim Steffens Olaf 16h5
         Zum Auftakt ganz verheißungsvoll für Schwarz: Malakthatko - Steffens

Malakhatov Vadim Steffens Olaf 32Re2
        Zum Ende hin dann lagen die Chancen dann eher bei Weiß


Harzburg 5
         Willkommen im Königreich

Meine Reise in und durch den Harz führte mich abschließend noch in das Königreich zu Romkershall, eine formidable Lokalität unmittelbar am Flusslauf der Oker gelegen - hier wurde 1988 die Monarchie ausgerufen (echt wahr), so dass sich die Woche beim königlichen Spiel mit zwei Nächten in einem beinahe echten und angenehm kuriosen Königreich abrunden ließ. Glück auf!

Turnier-Homepage

Bereit für den ersten Zug
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In diesem Jahr gehen die Bad Harzburger Schachtage in ihre 20.Edition. Grund genug für uns, um herzliche Glückwünsche in die Harzer Bergwelt zu entsenden und uns ebenso herzlich, wenn auch schachlich leider noch etwas indisponiert in das beachtliche Teilnehmerfeld zu mischen.

Vier Großmeister mindestens werden ab heute im Bündheimer Schloss ihre Figuren über die Bretter manövrieren, und wer von ihnen das am stilvollsten zu tun vermag, hat am Ende die Aussicht auf den eintausend Euro schweren ersten Preis.

Der aktuelle Titelverteidiger indes ist kein (noch kein) Großmeister - der Nordhorner Fabian Stotyn entschied den Wettbewerb in den vergangenen zwei Jahren für sich und wird auch 2019 wieder seinen Hut in den Ring werfen. Wir drücken die Daumen für einen veritablen Hattrick.

Anlässlich des schönen Jubiläums schauen wir in unserer Serie "Schatten der Vergangenheit" noch einmal zurück auf das Jahr 2012. Die älteren Schach-Semester unter unserer LeserInnen werden sich entsinnen - als weltweit vielleicht erstes Turnier bannte Bad Harzburg damals das Handy und untersagte nach allerlei Betrugsskandalen in Deutschland und umzu visionär und konsequent das Mitführen der kleinen Computer während der Partie.

(Tja, und seitdem ist meine ELO um viele Punkte gesunken ... - aber das hat vermutlich andere Gründe! Zum Glück besitze ich gar kein Smartphone, und wenn doch, dann habe ich es nicht dabei.)

 Wenn der Daumen im Mundwinkel wackelt (Süddeutsche Zeitung)

 

Schachwelt präsentiert: Schatten der Vergangenheit

Bad Harzburg knipst das Handy aus (2012)

Gestern begann das Bad Harzburger Open, und wie schon in den allermeisten Vorjahren kamen circa 150 Schachsportler aus nah (Bad Harzburg) und fern (Bremen, Russland) in den Nordharz, um an insgesamt fünf Tagen die stattliche Anzahl von acht Turnierpartien zu bewältigen.

Allerdings staunten sie nicht schlecht, als der Schiedsrichter Wolfgang Block gleich zur Eröffnung nicht nur auf die 30-minütige Karenzzeit hinwies, sondern auch – und Achtung! – auf das totale Verbot, Handys, Smartphones und andere elektronische Schach-Hilfsmittel im Turnierbereich bei sich zu führen. Das war beeindruckend - Bad Harzburg setzt damit Maßstäbe im globalen Turnierschach und wagt in Anwesenheit von DSB-Vizepräsident Michael Langer diese ziemlich radikale Innovation. (Oder kam vielleicht sogar die Initiative vom DSB?) So oder so - Glückwunsch zu einer sehr strikten und sehr klaren Regel!

windbeutel

Was mag das sein? Eine Harzer Spezialität!

Viel Zeit für touristische Umtriebe bleibt an den fünf Turniertagen nicht, außer man spielt im Seniorenturnier, in dem Doppelrunden fast völlig vermieden werden (sechs Runden an fünf Tagen). Wer aber Zeit hat, findet in der Nähe aparte Wanderwege, einen Stausee, viel Wald, zahlreiche Bergwerksmuseen, ein Luchsgehege und überall Cafés, in denen es riesengroße Windbeutel zu essen gibt – eine Harzer Spezialität, ohne Zweifel!
(Auch beim Open ist ein besonderer Pluspunkt das wunderbare Buffet, wo man mittags warm und nachmittags Kaffee und Kuchen zu fairen Preisen bekommen kann. Gäbe es Ilya Schneiders beliebte Stiftung Turniertest noch – das Harzburger Open müsste weit vorne landen!) -

bndheimer schloss

Hier wird gespielt - in der guten Stube der Stadt

Das Turnier im Bündheimer Schloss begann mit der traditionellen Auftaktrunde „Hohe DWZ“ gegen „Nicht ganz so hohe DWZ“. Wahrscheinlich haben viele aus der erstgenannten Gruppe den vollen Punkt nach Hause tragen können. Ich hätte das auch gerne getan, wurde aber (einmal mehr) zusammen gelost mit einem blutjungen Vertreter der Niedersächsischen Schachjugend – und was das bedeutet, werden die erfahrenen LeserInnen dieses Blogs schon erahnen.
Der ungefähr zehnjährige Daniel Alejandro Phunhon Lopez (von Hannover 96, DWZ/ELO um die 1700) spielte gegen mich in dieser ersten Runde ähnlich stark wie der junge Anatoly Karpov. Er machte lange Zeit keine Fehler, baute seine Figuren ordnungsgemäß gegen meinen Hippo-Aufbau auf und profierte schon bald davon, dass ich einen wohlmeinenden, aber zu frühen Versuch machte, die Stellung zu öffnen. Beide Seiten fummelten von da an ein wenig herum, und erst nach ein paar Ungenauigkeiten meines jungen Gegners meinte ich einen leichten Vorteil zu spüren:

phunhon-steffens

Wusel, wusel - Phunhon - Steffens, nach dem 31...Tf8xf3

Im Gegensatz zu Alejandro, der noch ungefähr zehn Minuten übrig hatte, war ich an dieser Stelle leider schon in schwerer Zeitnot - meine Uhr zeigte eine Minute an, hinzu kam zum Glück aber immer noch der Aufschlag von 30 Sekunden pro Zug. Alejandro, ein Kind des neuen Jahrtausends, spielte 32.Te1-e2, was ein sehr plausibler Zug ist und übrigens auch meinen Turm a2 angreift. Weil ich nur mit 32.Te1-f1 gerechnet hatte, sah ich das leider so schnell nicht und verbaselte kurzentschlossen einen ganzen Turm (!) mit dem originellen 32....Tf3-c3 !?
Es folgte 33.Dc4xa2, was ich mit dem optisch ansprechenden, aber leider völlig ungefährlichen Da5xb5 beantwortete:

phunhon-steffens1

Wenn man schon so weit gereist ist, kann man auch ohne Turm noch ein bisschen weiterkämpfen

Nach 34.Td7-d1 schnappte ich mir auf h3 einen Bauern, mit vagen Ideen auf den weißen Feldern 34...Tc3xh3.

phunhon-steffens2

Ich drückte schnell die Uhr, sah auf die Anzeige und merkte, dass ich noch neun Sekunden übrig hatte. Was war mit meinen dreißig Sekunden Zeitaufschlag? Schiri Wolfgang Block stand gerade in der Nähe, und ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die Uhr den Aufschlag nicht dazugerechnet hätte: „Die Uhr zählt nicht hoch!“ Der Schiedsrichter, ganz neutrale Vertrauensperson, entgegnete nur kurz: "Es gibt keinen Zeit-Zuschlag.“
So ist der Modus in Bad Harzburg, und tja - da hätte ich mich mal vorher über die Bedenkzeitregelung informieren sollen! Gespielt wurden tatsächlich 40 Züge in den mittlerweile handelsüblichen 90 Minuten - allerdings ohne jeglichen Zuschlag. Und so blieben mir plötzlich noch 9 fette Sekunden für gerade mal 6 Züge in komplizierter Stellung mit Minusturm.

Ähnlich wie Falko Bindrich hätte ich mich nun auch beschweren können, dass mir niemand etwas gesagt hatte über die geltenden Bedenkzeiten (bzw. Handy-Regelungen für die Toilette, im Falle von Falko). Aber Falko und ich sind Profis, und so sagte ich nichts, amüsierte mich über die kuriose Wendung und versuchte, die noch ausstehenden sechs Züge bis zur Zeitkontrolle in den neun Sekunden zu schaffen….

Und tatsächlich gelang das – es wurde im 49.Zug noch Remis durch Dauerschach!

phunhon-steffens3
Hier geht Dh5+, und der weiße König kann sich nicht mehr sinnvoll verstecken

Goldene Regeln fürs Turnierschach:

1) Handys aus,  und auch nicht mit herumtragen (in Bad Harzburg!),

2) Über die Bedenkzeit informieren (vor der Partie)

3) Ab und zu mal zum Kuchenbuffet gehen

4) Vorsicht vor Daniel Alejandro Phunhon Lopez!

Es sollte klar sein, dass alle vier Regeln wichtig sind. (Besonders wichtig ist aber unbedingt auch Regel Nr.3!)

Heute wird das Turnier um zehn Uhr mit der zweiten Runde  fortgesetzt . Oder doch schon um neun Uhr? Ich schaue lieber noch einmal nach ...

Tiger, Türme, Titelträger
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Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
verderblich ist des Tigers Zahn

(Friedrich von Schiller)

Auf nach Jersey! Nein, nicht nach (New) Jersey/USA, eher nach Jersey, die kleine Insel im Ärmelkanal, die trotz einiger Nähe zu Frankreich zu Großbitannien gehört.

Dorthin reiste ich im vergangenen April, mit einem flotten ICE ab Bremen, einem noch flotteren TGV ab Karlsruhe, Umstieg in Paris, Übernachtung in St.Malo und dann am nächsten Morgen in aller Frühe mit der Fähre in eineinhalb Stunden auf die Kanalinsel. Eine veritable Expedition, und das alles, um auf Jersey neun hoffentlich aufregende Runden Turnierschach beim Polar Capital Open zu spielen. Der Weg ist das Ziel? Nicht ganz, doch so lange es einen Speisewagen gibt, fahre ich gerne mit dem Zug auch in weit entfernte Destinationen.

Jersey ferry

Lohnt das Schachspielen denn so eine weite Reise? Ich habe es mal probiert, und ich möchte sagen - na klar! Aber besser ist es, wenn man mit dem Zug hinfahren kann und nicht unbedingt fliegen muss. Oder man wandert einfach locker hin, wie der Werderaner David Kardoeus von Bremen zum Xtracon Open in Dänemark!

Nach etwas Akklimatisieren auf der Kanalinsel, Geldwechseln, Spazieren und dem Kauf einer Bananenstaude als Energiespeicher für das Turnier saß ich am Anreisetag um 15:45 am Brett und schien bereit für die erste Runde - mein Gegner war GM Sergei Tiviakov, ein großes Kaliber!

Umso größer mein Erschrecken, als ich merkte, dass ich meinen treuen Tiger vergessen hatte einzupacken zur Partie - es ist natürlich völlig unmöglich, ohne Tiger-Turbo zu spielen! Zum Glück konnte ich noch flugs zum Hotel zurückeilen (200 Schritte einfache Strecke), und gestärkt mit meiner Begleitung dann das Spiel beginnen.

Wildlife
                 Alle Mann an Bord? Dann kann's ja losgehen.

Olaf Steffens (2175) - Sergei Tiviakov (2605), Polar Capital Open 2019

1.b4

Der Orang-Utan - das kann nicht ganz verkehrt sein.

Go Wild
            Zwar eher ein Gorilla, aber doch ein Bruder des Orang-Utan im Geiste.
 Bedroht vom
Aussterben sind sie leider beide - wie gehen wir nur um mit dieser Welt?

1... e5

2.a3 d5

3.Lb2 Sd7

4.e3 a5

5.b5 Sgf6

6.c4 Ld6

Tivi1

Was ist hier los? Tiviakov spielte alles sehr zügig, und verzichtet auf den zentrumsstabilisierende c7–c6. So kann ich ein paar Felder gewinnen für meine Mannschaft - einen Versuch ist es jedenfalls wert.

7.cxd5 Sxd5

8.Dc2 0–0

9.Sf3 Te8

10.Sc3

Tivi2

Idee: weißfeldrig spielen, und bald dann Ld3, h2–h4, und Sg5 - oder so.

10...Sxc3

11.Lxc3 e4

12.Sd4 Sc5

Schwarz stopft die Diagonale nach h7 und postiert sein Pferd auf dem wunderbaren Feld c5. Mein einziger Hebel ist nun f2–f3, oder sogar g2–g4 nebst Sf5 - aber tatsächlich sieht das alles eher anrüchig aus.

13.Le2 Dg5!

Tivi3

Der GM macht das Spiel schnell und hat das Feld (oder den Bauern) auf g2 als Schwäche ausgemacht. Und nun? Kf1 ist lau, auch g2–g3 ist nicht sehr chancenreich (Lg4!), und darum bleibt wie so oft nur der Versuch, einen Bengalo zu zünden und die Stellung zu vernebeln.

14.f4!? Dh4+

14...exf3 wird besser gewesen sein - egal wie Weiß nimmt, die Stellung wird nicht so richtig harmonisch.; 14...Dxg2 15.0–0–0 mit der Idee Tdg1 und allfälligem Drohspiel gegen g7. Ob es reicht, ob es geht - wer weiß das schon, aber es sah unangenehm genug aus, um meinen Gegner von einem
Schlagen auf g2 abzuhalten. 15...Sd3+  16.Kb1 Dh3

FMvsGM
       FM vs GM - man hat's nicht leicht!

15.g3 Dh3

16.Kf2 Lg4

17.Lxg4 Dxg4

18.Kg2 Sd3

Tivi4
 Wie aus dem Lehrbuch: ein shöner Systemspringer auf d3

19.h3 Dg6

Hurra, meine Stellung hat noch eine Struktur, und ich bin noch da und kann spielen (g3–g4!?). Erstmal aber die Dame umgruppieren und den Königsflügel etwas stützen.

20.Dd1 h5

21.Tg1 Lc5

22.Kh2 Lxd4

23.Lxd4 Tad8

Tivi5

Schwarz ist schön entwickelt und kann eigentlich nicht schlechter stehen. Oder doch? Ist c7 etwas weich, und droht doch mitunter mal g3–g4 mit Blick auf g7? Erstmal aber sorgte ich mich vor einem großmeisterlichen Txd4–Qualitätsopfer - der Läufer ist sozusagen mein einziger Trumpf
und soll auf dem Brett bleiben!

24.Lc3 Td5

25.g4

Vielleicht sogar erst den Praktikerzug a3–a4 mit einer Nebendrohung Lc3xa5. Die knapp werdende Bedenkzeit verhinderte aber tiefergehende Erkundungen, und darum gegen den übermächtigen Gegner lieber etwas drohen - frei nach Simon Webb in seinem wundervollen Buch „Schach
für Tiger“, im Kapitel „Wie man Trampelfanten fängt“. (Dort lockt der Tiger sie in einen Sumpf, wo er dann zuschlagen kann - eine traurige Geschichte.)

Mancs Schach
          Stubentiger bei der häuslichen Analyse

25...h4

26.a4  Dd6

Tivi7

27.g5

27.Lxa5 g5! ist unangenehm. Darum ganz im Sinne von Dvoretski etwas Prophylaxe und selber einen Bauern nach g5 stellen.

Natürlich war das unheimlich, denn kann Schwarz jetzt nicht auch auf f4 reinhauen? Er kann, aber Weiß steht noch stabil genug danach. Gefährlicher erschien mir der schwarze Zug g7–g5 - und darum blieb mir fast nur g4–g5, um im Spiel zu bleiben. Prophylaxe eben.

27...Te6?!

27...Sxf4 28.exf4 e3    29.Dg4 exd2    30.Tad1 Te3    31.Le5 Tdxe5     32.fxe5 Dxe5+     33.Kh1 Dd5+ =.

Etwas haarsträubend alles. Unser Werder-Trainer Matthias Krallmann hat diese und einige der hier angegebenen Varianten in seinem Training im April herausgearbeitet (vielen Dank!), und es scheint nun dynamisch Remis zu sein.

Hier aber kommt vielleicht die Rating ins Spiel, denn Tiviakov mit einer Super-Zahl von 2600 ELO möchte gegen ein kleines ELO-Nordlichtlein von knapp 2200 natürlich noch etwas probieren.

28.Dg4

Tivi8

Erstmal stabilisieren, und Nerven schonen. Die Zeit ist ja schon knapp genug!

28...Sc5

29.Tg2

Lieber erstmal d2 decken - der Bauer stützt ja irgendwie doch die ganze weiße Stellung, und nicht, dass da jetzt jemand noch eine Qualität reinhaut.

29...c6?

Und da kommt ein Fehler, und plötzlich stehe ich ... super! (!!) Leider habe ich das aber gar nicht begriffen und war im Gegensatz zum praktischer spielenden Tiviakov schon beinahe runter im 30–Sekunden-Modus (wir spielten 90 Minuten „für alles“ ohne jegliche Extraminute nach dem 40.Zug).

29...Sb3, 30.Ta2 b6, 31.Kh1 Dd7, 32.Dxh4 +=

30.Dxh4?

Tivi9

30.bxc6!, bxc6, 31.Kh1 ? mit dem Plan f4–f5, Dxh4, g5–g6 - irgendwie so, sehr unangenehm für Schwarz. Nach dem Textzug gewinnt Tiviakov plötzlich einen Bauern am Damenflügel, bekommt verbundene Freibauern - oh je, oh je.

30...cxb5

31.axb5 b6

Sichert erstmal alles ab - das ist gute Technik.

32.Kh1, Sb3

33.Td1 Txb5

Tivi10

Das war‘s dann wohl. Ich merkte, dass ich hier nun wirklich kein Spiel mehr habe - oder so dachte ich.

Allerdings sagt Kollege Stockfish, Weiß steht hier fett auf Gewinn! Mit 34.Tf2, Tf5, dann 35.Dg4, Dd5, und danach 36.h4–h5 bekommt Weiß wilden Angriff. Wow. Und ich dachte, ich wäre schon erledigt.

34.g6?

Noch rumfummeln, ein bisschen

34...fxg6

35.Tdg1

tivi15

Alle weißen Figuren tun jetzt irgendetwas, aber wie kann man die g-Linie öffnen?

35...Tf5

36.Le5

Sozusagen ein letzter Aktivierungsversuch - der Läufer auf e5 lenkt die Dame ab, die nun entweder das Feld d8 freigeben muss (Weiß hat ein Schach!), oder aber die Deckung von g6 aufgeben.

Tiviakov wählt das Letztere und baut auf ein Endspiel mit verbundenen Freibauern am Damenflügel.

36...De7

36...Dc6, 37.Dg4 Kf7, 38.h4 Sc5, 39.Lxg7 Sd3 =+

37.Dxe7 Txe7

38.Txg6

tivi11

Verbundene Türme gegen verbundene Freibauern! Weiß drückt auf g7, und - Überraschung! - ein Bauer auf b6 hängt auch. Vielleicht bekomme ich noch ein Remis aus dieser Partie?

38...b5?

Das ist wohl zu ambitioniert, doch so spielt man eben in einer aufregenden Schachpartie, in der beide Spieler mit Adrenalin vollgepumpt sind! (und einer von beiden auch mit etwas Kaffee).

Bei knapper Zeit Tiviakov geht weiter auf den vollen Punkt, und gibt g7 auf - doch ganz ungefährlich ist das nicht.

38...Tff7, 39.Txb6 Sxd2, 40.Ta1 Td7, 41.Txa5 Sc4, 42.Tb8+ Kh7, 43.Taa8 Sxe5, 44.fxe5 Tf3 =

Superwild
Was macht der Kaffee mit uns Schachspielern? Die Forschungen dauern an.

39.Lxg7 Kf7

40.Le5 b4

41.Ta6

tivi12

Mit allerlei Drohungen! Die Würfel rollen, das Spiel ist vogelwild und außer Kontrolle - wer (außer vielleicht Holger Hebbinghaus) kann jetzt noch sagen, wie es ausgehen wird?

41...Sxd2?

Das ist ein Bauer zuviel, doch - siehe oben - die Partie war schon völlig im Trampelfanten-Sumpf angekommen. Gut für mich - genau so wie bei „Schach für Tiger“ beschrieben.

41...Tfxe5, 42.fxe5 Txe5, 43.Tf1+ Ke7, 44.Tf4 +-

42.Tg7+

+–

42...Kf8

43.Ta8+ Te8

44.Taa7

tivi13

Zwei Türme auf der siebten Reihen - das muss doch zu irgendetwas gut sein? In Berlin heißen die doppelten Türme glaube ich „Schweine“ - und die Schweine und der Läufer drohen nun schon beinahe Matt auf d6! Schwarz muss Material geben. Aber immer noch sind seine verbundenen Freibauern auf dem Brett, was beim Gegner ja stets verlässlich diffuse Sorgen auslöst.

44...Texe5

45.fxe5 Txe5

Sicher ist das schon irgendwie prima für mich - doch was jetzt auf die Schnelle spielen und mit dreißig Sekunden Inkrement nichts verderben?

Doch manchmal hat man Glück: es geht tatsächlich etwas, UND trotz einer schon nirwanaartigen Tunnelwahrnehmung habe ich es offenbar gesehen. Vor allem wenn Letzeres misslingt, kann es viele schlaflose Nächte bereiten.

46.Th7

Den König von e8 weglocken, so dass der Turm nicht mehr auf e8 dazwischengehen kann. Und dann ...

46...Kg8 47.Thd7!

tivi14
 Das schönste Diagramm der ganzen Partie - darum auch ein bisschen größer als sonst

Es wird Matt, oder der Springer fällt - beides ist nicht schön für Schwarz. Mein Gegner gab sofort auf, unterschrieb das Partieformular und weg war er.

Jersey 1 direkt nach der Partie
 Ein Schnappschuss bald nach der Partie - verblüfft und ungläubig
                                            blieb ich noch 20 Minuten sitzen und konnte es gar nicht fassen

Punkt
                                 Punkt!

Es war sozusagen eine typische Erstrundenpartie von Meister gegen Außenseiter, und man weiß ja, da können die verrücktesten Sachen passieren. Tiviakov jedenfalls gewann in den nächsten 8 Runden noch siebenmal, zeigte sich in starker Form und gab nur gegen den an Zwei gesetzten Tiger Hillarp Persson noch ein Remis ab. Das reichte locker für den Turniersieg auf Jersey - selbst nach einer etwas missglückten Auftaktpartie.

Auch mein Turnier auf der Insel ging phantastisch weiter. In den neun Partien spielte ich unter anderem weitere vier Male gegen IMs oder GMs (Tiger Hillarp Persson in der Schlussrunde!) und holte insgesamt 5 solide Punkte. Im Anschluss sprang ich flugs wieder auf die Fähre und in den Zug, und machte mich sehr froh (und mit Tiger) auf den Rückweg nach Bremen.

Fazit? Das Polar Capital Open auf Jersey = eine wunderbare Woche Schach in England!

West coast
                          Kurzer Ausflug an die Westküste

Laufsteg
                 Catwalk am Channel

Schlussrunde gegen Tiger
     Schlussrunde mit zwei Tigern und einem temporär schnauzbärtigen Werderaner

 

Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
verderblich ist des Tigers Zahn;
jedoch der schrecklichste der Schrecken,
das ist der Mensch in seinem Wahn.

(Friedrich von Schiller)

Tiger, Königstiger, Gorillas, Orang-Utans, Wale, Elefanten und allerlei mehr - alle vom Aussterben bedroht.

Wer helfen möchte, kann auf Palmöl verzichten oder noch mehr nachhaltig angebaute Bioprodukte kaufen. Oder etwas spenden, zum Beispiel bei www.greenpeace.de. Danke! :-)

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Das Turnier bei Chessresults