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Roland-Michel's coming home!
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Diese Bremer! Über Jahre hielten sie im prestigeträchtigen Vergleichskampf "Hansestädter spielen Schach" gegen Hamburg den Ball ganz ganz flach, verloren mal hier, verloren mal dort, und eigentlich war es stets die andere, die größere Stadt an der Elbe, die die inoffizielle hansestädtische Mannschaftsweltmeisterschaft für sich entschied.

Hamburg rules, doch offenbar nicht für immer - denn kaum hatten Boris Bruhn, Chef des Hamburger Schachverbandes, und Oliver Höpfner, ebensolcher Chef des Bremer Komitats, in diesem Jahr erstmalig einen Pokal ausgelobt für die siegreiche Équipe, schon rissen sich die Bremer am Riemen und zack!, gewannen das große 2018er Match mit einem verwegenen und durchaus historischen 32,5 : 27,5 Erfolg in Hamburg. Auswärtssieg, Pokalsieg - was für ein Tag für das Bremer Schach!

Der prunkvolle Roland-Michel-Pokal, so heißt die nach den beiden Wahrzeichen Michel (Hambuurch) und Roland (Brrremen) sehr hübsch benannte Trophäe, wird nun für zwölf Monate einen würdevollen Platz in den Bremer Stadtmauern erhalten und Ruhm, Ehre, Ansehen und Reichtum der Hansestadt mehren.

Präs
            Boris Bruhn und Oliver Höpfner eröffnen die Spiele

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Ehre wem Ehre gebührt: der Roland-Michel-Pokal geht an das Bremer Team!

Selbst die Älteren unter den Bremern vermochten sich nicht daran zu erinnern, dass es in diesem noch sehr jungen Jahrtausend jemals einen Bremer Sieg gegen Hamburg gegeben hatte (außer wenn Werder Fußball gegen den HSV spielte natürlich, und da dann (leider) auch umso öfter).

Doch im Schach, und darum geht es ja in unserem kleinen Blog, da waren die Hamburger einfach immer zu stark gewesen. Andreas Calic, ein profunder Kenner des bremischen Schachs, wusste zu berichten, dass dieser norddeutsche Vergleichskampf allerdings eine sehr lange und schöne Tradition hat, und schon nach dem Krieg in den späten Vierzigern waren wohl um die 100 Bremer zu einem großen Match an die Elbe gereist.

Und vorher!, hundert Jahre und mehr ist es her, auch da schon hieß es Bremen-Hamburg, oder Hamburg-Bremen, immer wieder, ein Highlight des jährlichen Turnierkalenders im Norden. Oft besuchten sich auch weniger die Landesverbände als eher die großen Vereine der Stadt, in Gestalt der Bremer Schachgesellschaft von 1877 und ihres Hamburger Gegenparts.
So war die 2018er- Auflage in den Worten von Andreas mit einem Match an dreißig Brettern zwar nicht die größte, doch immerhin die neueste in dieser langen Reihe von freundschaftlichen Veranstaltungen. Es ist wundervoll und auch inspirierend, dass diese Tradition in 2018 eine weitere Fortsetzung fand, toll und gemeinsam organisiert vom Hamburger und Bremer Verband - und Kinners, was vergeht die Zeit doch immer schnell!

BSG Hamburger Schachheim 1924
Ein Blick zurück: 1924 empfängt die Bremer SG das Hamburger Schachheim
                                                     Foto: Schach-Archiv der Bremer Schachgesellschaft (super!)

Gegen Bremen kamama verlier'n

Dreißig wackere Bremer machten sich also am letzten August-Sonntag auf den Weg, erst fix mit der Bahn bis Hamburg Hauptbahnhof, dann mit der Unter(?)grundbahn U3 überraschenderweise über der Erde entlang der Elbe bis zum Schlump. Und dort, im Hamburger Haus des Schachsports, empfingen dreißig ausgewählte Elbstädter ihre Gegner für zwei mittellange Schachpartien mit je einer Stunde Bedenkzeit (kein Zuschlag!).

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Das Haus des Schachsports am Schlump  (Foto: Andreas Calic)

Hamburg war dabei vollauf mit seiner Gastgeberrolle ausgefüllt, und Boris Bruhn (siehe oben, der Hamburger Vorsitzende) war zusammen mit seinem Landesturnierleiter Hendrik Schüler vollauf beschäftigt, für die insgesamt 60 Denksportler Kaffee zu brauen, die feine Hamburger Mischung, ganz in der großen Kaffee-Tradition der Hansestadt (Tchibo! Darboven!). So fehlten Boris und Henrik allerdings am Brett, während Präses Höpfner (Bremen) mit seinen Mannen Schulter an Schulter am Brett sitzen konnte und gegen einen Schachfreund aus Fischbek zwei wichtige präsidiale Punkte angelte.

Webner
Ein vortreffliches Handgemenge bei Ole Poeck (HH) - Dennis Webner (HB). Mit sechs
Sekunden auf der Uhr setzte Dennis am Ende noch Matt!

Calic
Die Kunst der Springerführung - Andreas Calic spielte die Eröffnung wie Jörg Hickl
und holt einen wichtigen Punkt!

Während Team Hamburg sowohl an den oberen Brettern (2 starke IMs!) als auch an den unteren Brettern favorisiert schien, brachte Team Bremen an den zahlreichen mittleren Brettern die leicht höhere DWZ an den Start. Da konnte auch Fritz Fegebank, Urgestein von den SF Hamburg (und seit vielen, vielen Jahren... treues Werder-Mitglied) nichts ändern, denn im Mittelbereich sammelten die Bremer gerade am Vormittag deutlich Punkte. Und obwohl Dirk Stieglitz sich zwischenzeitlich sogar von einer HSV-Wespe angegriffen wähnte, fuhr seine Mannschaft letztlich einen klaren 17,5:12,5- Auftaktsieg ein. Fünf Punkte vor, das war schon mal ein Pfund vor dem Rückspiel am Nachmittag, und beruhigend, denn immerhin ging es ja in diesem Jahr um den Roland-Michel-Pokal!

Nach einigen recht mauen Turnierergebnissen in den langen letzten Monaten und leichter Schachunfreude noch während der Anreise startete auch ich gut in den Tag:

Steffens Serrer
Olaf Steffens - Christoph Serrer: Schwarz am Zug sicherte
mit 10. ... Sb8-a6 das Feld c7.
Was war darauf eine gute Antwort?

Es ist wahrscheinlich nur ein schöner Zufall, dass im Haus des Schachsports im Erdgeschoss eine Burger-Bar logiert - nach dem wohltuenden Ergebnis am Morgen konnten die Bremer hier gleich noch ein paar schöne (Achtung, Kalauer) Hamburger verputzen!

Im unvermeidlichen Rückkampf wurden streng die Bretter gedreht, und dieselben Gegner beharkten sich aufs Neue. Team Hansestadt Hamburg blies noch einmal energisch zur Aufholjagd, und tatsächlich wackelten einige Bremer Stellungen bedenklich im Elbwind hin und her. Doch dann, Überraschung, ein solides 15:15 auch am Nachmittag, und wenn man dann beide Ergebnisse zusammenzählte ... ein klarer Gesamtsieg für die kleinere Hansestadt!

"Nach so einer bitteren Niederlage wird traditionell der Trainer gefeuert - dummerweise hatten wir gar keinen." (Hauke Reddmann, auf der Seite des Hamburger Schachverbands)

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Team Wesertiger vor der Heimreise:
             wer entdeckt den Roland-Michel-Pokal?      (Foto: Andreas Calic)

Danke an die Hamburger für einen schönen Tag voller Schach - Ihr wart tolle Gastgeber. Wir Bremer freuen uns (vor allem über den Pokalsieg, aber auch) auf den Rückkampf im nächsten Jahr. Dann wird neu ausgespielt. Hummel Hummel!

Mat op 't Wad - Schachkönig Manuel I. von Texel
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Warum ein Bericht über ein Provinzturnier am Samstag 18. August? Nun, weil es meine Provinz und mein Verein ist und weil das Turnier schon bei der ersten Auflage (oben) wohl noch etwas stärker besetzt war als ein typischer Werder-Monatsblitz - das lag aber nicht am ausrichtenden Verein. Wohl für alle war die erste Auflage von "Mat op 't Wad" (es wird nun sicher eine zweite geben) ein Erfolg - mit einer Ausnahme, und diese Person schreibt nun über das Turnier. Ein Vereinskollege, selbst verhindert, hat hinterher vorgeschlagen, dass die letzten acht der Setzliste statt Schweizer System ein eigenes Rundenturnier hätten spielen können - meine Reaktion: "um Gottes Willen, dann hätte ich (auf dem Papier Nummer 11 von 29) ja gar keine Partie gewinnen können". Ideengeber und Hauptorganisator war übrigens unser Gastspieler Jan Willem Duijzer aus Den Haag, der dann den Turnierleiter machte und selbst nicht mitspielte.

Ein Sohn unseres Vorsitzenden und vielfachen Vereinsmeisters heisst Manuel Dros, ist aber kein Schachspieler. Gemeint ist also ein anderer, Leser ahnen vielleicht bereits wer. Insgesamt haben immerhin zweieinhalb IMs mitgespielt, und zehn Spieler mit Elo über 2000. Warum zweieinhalb, siehe gleich. Zwei der IMs wurden eingeladen, einer zögerte lange und hat seine Teilnahme dann nicht bereut - er bekam wohl nur Reisekosten erstattet, und das nicht einmal in der ersten Klasse. Der andere IM bekam noch etwas mehr (Summe kenne ich nicht und würde sie auch nicht verraten), da er nicht nur Schach spielte. Der zweieinhalbte kam zusammen mit Vereinskollegen einfach so aus Purmerend bei Amsterdam, und auch andere (relativ) starke Spieler hatten keinen ganz konkreten Grund, um mitzuspielen.

Das kam dabei heraus: IM Manuel Bosboom (der also, NL-Elo 2389) 6.5/7, (IM) Pieter Hopman (2311) 5.5, IM Yochanan Afek (2247), Warner de Weerd (2207), Simon Elgersma (2226), Dick de Graaf (2078), Hébert Perez Garcia (2035) 5, Gerard van Es (2129) 4.5, Esper van Baar (2201), Onno Elgersma (2136), Jaap Dros (1880), Rob Graaff (1620), Joanna van Schaik (1110) 4, usw. - wer unter anderem nur (oder immerhin noch) 50% erzielte, da muss der Leser sich noch etwas gedulden. Klar ist bereits, dass es keine Elo-Untergrenze gab - wobei die NL-Elo von Joanna van Schaik (hat gerade wieder mit Schach angefangen) auf nur sechs Partien beruht. In der ersten Runde konnte sie gegen mich durchaus mithalten (auch wenn ich wohl besser stand), hat dann aber die Dame eingestellt und das konnte dann selbst ich gewinnen. IM in Klammern bei Pieter Hopman sollte ich wohl erklären - noch ist er es nicht offiziell, aber er hat alle Voraussetzungen erfüllt und bewies dabei einen langen Atem: erste Norm 2005 in Wijk aan Zee (höchste Amateurgruppe), die zweite 2014 bei einem Normturnier im belgischen Eupen, die dritte nun 2017/2018 in der zweiten NL-Liga. Elo 2400+ einmal im Schachleben hatte er 2014 aufgrund desselben Turniers in Eupen.

Manuel Bosboom hat bereits drei GM-Normen (1997, 2013 und 2014), die beiden letzten allerdings jeweils über sieben Partien beim Europacup für Vereinsteams, also braucht er noch eine vierte. Außerdem - und das ist wohl eher ein Problem - braucht er für den GM-Titel einmal im Schachleben Elo mindestens 2500. Sinn der Sache, das Turnier mitten in der Urlaubszeit auszutragen, war eventuell auch Teilnahme (deutscher) Touristen. Früher hatten wir "Sommerschach" mit mal stärkeren, oft auch eher schwachen Gästen aus Duitsland. Diesmal hat es nicht funktioniert - lag vielleicht auch daran, dass Touristen meistens am Freitag (oder Samstag) anreisen, es erst dann aus der Touristenzeitung erfahren und sich dann spontan entscheiden müssen. Zwei hatte ich noch persönlich angesprochen, aber für sie war dieser Samstag Abreisetag und sie wollten oder konnten nicht noch ein paar Stunden länger auf Texel bleiben. Immerhin konnten wir zwei eigene Spieler reaktivieren: Gerard van Es spielt seit einigen Jahren sonst nicht mehr oder nur im Internet, unser über 90-jähriger Nestor Aad Bakker (3.5/7) kommt nicht mehr zum Vereinsabend.

Ein Auto mit u.a. Pieter Hopman und Warner de Weerd hatte wegen Stau die Fähre knapp verpasst, zum Glück ging die Fähre halbstündlich und wir konnten so auf sie warten - das Vorprogramm wurde etwas verlängert. Leser ahnen vielleicht bereits, was Yochanan Afek auch machte: Endspielstudien zeigen. Für dieses Publikum (mehr als die Hälfte Elo z.T. deutlich unter 2000) wählte er relativ leichte Kost - ich zeige daher nur die Diagramme, Leser dürfen selbst lösen, Weiß erzielt aus diesen drei "Partien" 2,5 Punkte:

Studie 1

Studie 2

Studie 3 Troitsky

Die letzten beiden sind nicht eigenes Werk. Zur zweiten fragte er "wer kennt das bereits?" - wenn ich nichts übersehen habe gingen nur zwei Hände hoch: Bosboom (Liebhaber von Endspielstudien) und meinereiner. Die dritte stammt vom Endspielstudien-Pionier Alexey Troitsky.

Vom Turnier habe ich, da ich selbst auch Schach spielt oder so tat als ob, eher wenig mitbekommen. Bosboom sagte hinterher in seiner Siegerrede "das letzte Mal war ich auf Texel Fallschirmspringen, heute musste ich mehr bange Momente überstehen". Ganz souverän war es also nicht immer, es wurde ja Schnellschach gespielt (hatte ich noch nicht erwähnt, aber so geht sieben Partien an einem Tag). Gegen Warner de Weerd hatte mit beiderseits weniger als einer Minute auf der Uhr (Bedenkzeit 15 Minuten plus 3 Sekunden Inkrement) erst er einen ganzen Turm eingestellt, dann sein Gegner. Mangels Material, das man nun noch einstellen konnte, einigten sie sich dann auf Remis. Wenn derlei auch am Spitzenbrett passiert, hatte ich eine Partie, in der ich mit Mehrqualität erst die Qualität einstellte (immerhin noch zwei Mehrbauern) und dann einen ganzen Turm, vielleicht voreilig aufgegeben. Gegen Pieter Hopman hatte Bosboom eine Qualität weniger für zwei Bauern, laut kompetenteren Kibitzern stand Hopman auf Gewinn - aber später überschritt er in jedenfalls unklarer Stellung die Bedenkzeit. In der letzten Runde hat Bosboom dann - das weiss ich nur vom Hörensagen - spekulativ aber zumindest für Schnellschach relativ korrekt eine Qualität geopfert und spielte dann seinen Gegner schwindlig. Laut Lokalzeitung war auch die Niederlage von Warner de Weerd in der letzten Runde gegen Pieter Hopman unnötig - "Details" entschieden, wer relativ viel Preisgeld bekam (100 Euro für Platz eins, 75 Euro für Platz zwei) und wer sich mit 10 Euro für den geteilten 3.-7. Platz begnügen musste.

Tja, und ich sollte wohl doch mein eigenes Ergebnis erwähnen: 3.5/7 auf etwas andere Weise als im September 2017: damals gegen durchgehend nominell stärkere Gegner (TPR 2166), nun gegen bis auf Warner de Weerd nominell schwache (TPR ca. 1600). Und nach dem Turnier:

Foto3b

Dieses Handy-Foto ist etwas misslungen, aber das einzige das wir haben - an der PR müssen wir noch arbeiten. Von rechts nach links der Erste im Turnier, der Erste von hinten (Calvin de Graaf, Sohn von Dick de Graaf), der erste der gar kein Preisgeld bekam (Gerard van Es) und ohne konkreten Grund meinereiner. Ich hatte mehr Bierchen als Punkte im Turnier, das hat Bosboom vielleicht auch noch geschafft. Aber ich hatte mich nach dem vierten Bier verabschiedet, und die Bar unseres Spiellokals machte zu. Bosboom und einige andere hatten allerdings bis zur letzten Fähre aufs Festland noch gut zwei Stunden Zeit und wollten noch "downtown Den Burg" erkunden.

Gesprächsthema waren natürlich Anekdoten, z.B. aus Gibraltar (nach eigener Aussage stand Bosboom gegen Kortschnoi damals auch mal auf Gewinn), vom Europacup in Rhodos 2013 und auch dem Jahr darauf in Bilbao (u.a. Bosboom-Leko 1-0, glatt und das trotz "normaler" Eröffnung). Auf meine Frage nach seiner weitesten Anreise zu einem Turnier: "Südafrika - sie hatten mich eingeladen und ich konnte Erste Klasse fliegen". Da ist er vielleicht zwischen Geschäftsreisenden aufgefallen - ähnlich wie Udo Lindenberg oder Mick Jagger, wenn sie sich derlei mal gönnen sollten? Oder hatte er da jedenfalls eine Krawatte, wie beim Interview nach dem Sieg gegen Leko?

Soviel zu diesem Turnier, das nächstes Jahr sicher wiederholt wird - Bosboom will seinen Titel verteidigen. Nächstes Schnellturnier für mich wohl das Chrysantentoernooi 2018 am 22. September. Da wäre (Elo-Untergrenze im Hauptturnier 1800) 3.5/7, egal wie es zustande kommt (wenn es zustande kommt) wieder ein jedenfalls etwas besseres Ergebnis.