Artikel nach Datum gefiltert: Dezember 2018
Interview der Krennwurzn mit Harald Schneider-Zinner
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Nun es ist nicht leicht Interviewpartner für die Krennwurzn zu finden – viele wollen nicht oder haben Angst vor einem Interview und andere will die Krennwurzn nicht. Zudem ist die Themenauswahl auch nicht so leicht. Schachpolitik verschwindet in letzter Zeit komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung und Skandale sind auch eher die Ausnahme. Daher möchte die Krennwurzn einen anderen Weg gehen und sich mit einem aktiven Schachtrainer und -spieler unterhalten. Die Wahl fiel dabei leicht und die Krennwurzn verfiel auf den Nationaltrainer der österreichischen Frauen, IM Harald Schneider-Zinner.

Krennwurzn:
Lieber Harald, in Österreich bist Du ja bekannt, aber wir haben hier viele Leser aus Deutschland – also stelle Dich bitte etwas ausführlicher vor:

HSZ:
Ich wurde am 1. April 1968 geboren. Das erklärt meine Vorliebe für Aprilscherze. :-).
Bei uns zu Hause stand immer ein Schachbrett herum, sodass ich mit dem Herumschmeißen von Figuren aufwuchs, bis das Ganze mal halbwegs nach richtigem Schach aussah.

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HSZ in jungen Jahren

In unserer Pfarre übernahm ich recht früh eine Jungschargruppe. Wir diskutierten viel, unternahmen zahlreiche Reisen und führten viele Theaterstücke auf. Das beeinflusste sicherlich meine Berufswahl zum Lehrer – Sonderschul- Körperbehinderten- und Sprachheilpädagogik. Die Ausbildung bedeutete drei Jahre "Hahn im Korb" in einer Gruppe mit 10 Frauen und zwei Männern (das perfekte Abhärtungstraining für einen zukünftigen Trainer des Frauen-Nationalteams).

Ich unterrichtete dann 14 Jahre im Sonderschul - und Volksschulbereich; 10 Jahre davon mit Christine - meiner Lieblingslehrerin - im Teamteaching. Wir ergänzten uns hervorragend, nur Werken konnten wir beide nicht, das gaben wir erfolgreich ab.

Krennwurzn:
Schach gespielt hast Du ja schon seit Jugend an, aber wie wurde ein Trainer aus Dir?

HSZ:
2003 holte mich Robert Zsifkovits als Jugendkadertrainer ins Burgenland (von der Zeit her werde ich in Artikeln oft als Burgenländer und Wahlwiener beschrieben – dabei ist es genau umgekehrt ?). Ich absolvierte die Ausbildung zum Instruktor und 2005 die FIDE-Trainer-Ausbildung in Berlin (2010 dann die Trainerausbildung). Neben meinem Lehrberuf und der Trainertätigkeit blieb nur mehr wenig Zeit zum Schachspielen und für mein Privatleben (ich neige bis heute ein wenig zum „Workaholic“).

Schließlich animierte mich Eveline - meine Frau - etwas Arbeit über Bord zu werfen. Nachdem meine Kollegin schwanger geworden ist und sich unser "Dreamteam" in der Schule somit halbiert hatte, war die Entscheidung einfach: ich machte mich als Schachtrainer selbstständig (das Sicherheitsnetz war aber eng geknüpft, unter anderem durch die Möglichkeit immer wieder in den sicheren "Schulhafen" zurück zu kehren, aber auch durch zahlreiche Kontakte und finanzielle Absicherungen ...also kein sehr gewagter Schritt und keine Abhängigkeiten von Funktionären).

Krennwurzn:
Wann bist Du nach Wien „zurückgekehrt“?

HSZ:
2008 übernahm ich den Wiener Jugendkader, nachdem Präsident Christian Hursky mit seinem Team das Wiener Schach aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst hatte. Es begann eine sehr schöne Trainertätigkeit, aus der in vieljähriger Arbeit Valentin Dragnev (knapp vor dem Großmeistertitel stehend und heute Großmeister und Nationalspieler), Christoph Menezes (IM), Felix Blohberger (IM und Nationalspieler), Marc Morgunov und zahlreiche andere starke Burschen hervor gingen.

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Jugendkader 2012

Bei den Mädchen arbeite ich seit 2010 mit Nikola Mayrhuber zusammen, die mit mir ins Nationalteam wechselte. Außerdem entwickelten sich wunderbare Spielerinnen wie Sophie Konecny, Dorothea Enache, Wu Min, ... die serienweise die Jugendmeisterschaften gewannen.

Zum Abschiedsfest Ende 2016 kamen alles in allem 60 geliebte Leute: Spieler und Spielerinnen, Eltern und Funktionäre. Selten ist mir ein Abschied so schwergefallen. Allerdings sind zu vielen sehr freundschaftliche Kontakte über die Trainerarbeit hinaus bis heute geblieben.

Krennwurzn:
Wieso kam es zum Abschied aus Wien?

HSZ:
Den Abschied hatte ich zirka ein halbes Jahr davor geplant mit dem Ziel, mir eine längere Auszeit zu nehmen und mal viele Turniere auf der Welt zu spielen, die sich bis dahin noch nicht ausgegangen sind. Dann wurde ich aber von Christian Hursky und Kurt Jungwirth gefragt, ob ich den österreichischen Frauenkader trainieren wolle – und ich zögerte nicht lange.
2015 konnte ich in Island in diesem Bereich schon erste Erfahrungen sammeln. Ich betreute die Mannschaft bei der Team-Europameisterschaft und irgendwie passte alles zusammen. Wir erreichten den fantastische geteilten 4. – 9. Platz (u.a. mit einem 2:2 in der Schlussrunde gegen das Weltklasseteam aus Georgien).

Der Frauen-Nationalkader besteht heute aus 12 motivierten jungen Frauen. Keine davon ist Profi. Familie und Beruf (bzw. Schule oder Studium) spielen eine vorrangige Rolle im Leben der Frauen – aber daneben hat Schach einen sehr gewichtigen Stellenwert. Ich konnte auf der hervorragenden Arbeit von GM David Shengelia aufbauen, brachte aber natürlich meine eigenen Vorstellungen und Strukturen mit.

Krennwurzn:
Du hast aber neben der Trainertätigkeit auch noch andere Aufgaben?

HSZ:
Seit 2011 leite ich die Trainerausbildung (die Karl-Heinz Schein aufgebaut hatte), die mir sehr am Herzen liegt. Unsere Sportler verdienen gut ausgebildete Trainer. Dabei ist viel Organisatorisches zu erledigen. Allerdings nimmt mir Generalsekretär Walter Kastner mit seinem großen Einsatz viel Arbeit ab. Und überhaupt klappt die Zusammenarbeit im ÖSB und im Sportausschuss aus meiner Sicht sehr gut. Alle sind motiviert, leisten viel und schätzen und unterstützen einander.

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Griechenland 2015

Krennwurzn:

Am Schachbrett sieht man Dich ja auch noch – und dies gar nicht so selten?

HSZ:
Zum Schachspielen komme ich leider nicht mehr so oft, aber wenn genieße ich es und spiele meist recht unbefangen. Großartig ist es natürlich mit meinen ehemaligen Schülern GM Valentin Dragnev, IM Felix Blohberger und FM Jakob Gstach (der aus Studiengründen allerdings wenig Zeit hat) gemeinsam in der 1. Bundesliga zu spielen.

Unser Schachverein Ottakring, den ich mit einem wunderbaren Team leite, liegt mir sehr am Herzen. In den letzten Jahren ist richtig viel weiter gegangen. 2016 wurden wir zum Sportverein des Jahres in Österreichs gewählt (vor den Handballern und anderen tollen Sportarten) und ich konnte mit Niki gemeinsam den Kristall der BSO bei der Gala entgegennehmen. Die vorangegangene Online-Abstimmung spiegelt natürlich nicht ganz die wahren Verhältnisse wider, zeigt aber, dass die österreichische Schachgemeinde hervorragend vernetzt ist und toll zusammenhält.

Und ja, auch auf unsere Arbeit sind wir stolz. Ich denke, dass wir zu den führenden Schachvereinen im Spitzenschach, Jugendschach und Frauenschach in Österreich zählen (zirka 50 Jugendliche und 25 Frauen bzw. Mädchen sind bei uns – bei über 100 Mitgliedern). Das ist nur durch das Zusammenspiel eines guten Teams mit vielen motivierten Leuten möglich.

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Team Ottakring

Krennwurzn:
Nun haben wir Dich ausreichend vorgestellt und es wird Dich nicht verwundern, dass jetzt nach Krennwurzn Art die unangenehmeren Fragen kommen werden – ich hatte Dich ja vorgewarnt.
Starten wir gleich mit einer Provokation: Bist Du als IM nicht zu schwach um als Trainer erfolgreich arbeiten zu können?

HSZ:
Ich denke, das müssen andere beurteilen. Am besten misst man einen Trainer ja wohl an seinen Schützlingen. Ich glaube, dass ich mit meiner Jugendarbeit das österreichische Schach ganz gut weitergebracht habe (GM Dragnev und IM Blohberger sind für das Nationalteam bereits in jungen Jahren wichtige Stützen).
Und das Frauen-Nationalteam konnte ich in zwei Jahren von Platz 37 auf 25 in der Weltrangliste führen. Das liegt in erster Linie am tollen Einsatz unserer Spielerinnen aber ich denke, dass ich meine Arbeit ziemlich gut (und mit großer Freude) mache. Unterstützt werden wir dabei seit einem Jahr auch von einer sehr guten Mentaltrainerin – Denise Salamon. Aber auch die Unterstützung und das Vertrauen der ÖSB-Funktionäre helfen uns enorm weiter. Vieles ist einfach Teamarbeit.
Ein Erfolgsgeheimnis liegt im tollen Zusammenhalt des Teams. Auch wenn es mal nicht so läuft, unterstützen sich die Spielerinnen und halten zusammen. So konnten wir schon die eine oder andere Krise meistern. Und der 2. Platz 2018 beim Mitropacup mit einem sehr jungen Team war ein Erfolg, für den es auch international viele Gratulationen gab.

Krennwurzn:
Ich habe insgeheim auf den Konter gewartet, dass der wohl beste Schachtrainer Mark Dvoretzky auch „nur“ IM war. Nun möchte ich abseits der Provokation fragen: Warum ist eigene Spielstärke nicht das Hauptkriterium für einen guten Trainer?

HSZ:
Na ja, ich habe ja ein recht gutes Selbstvertrauen, aber auf die Idee mich mit Dvoretzky auch nur annähernd zu vergleichen, wäre ich nicht gekommen - seine Bücher „Für Freunde und Kollegen Teil 1+2“ geben übrigens tiefe Einblicke in die Trainerarbeit. Natürlich ist die Spielstärke eines der vielen Kriterien, die einen Trainer auszeichnen und man muss dann auch sehr ehrlich entscheiden bis zu welchen Grad man seinen Spielern noch helfen kann oder wann man sie lieber an einen anderen Trainer weiterempfehlen sollte.
Aber die Arbeit mit Menschen ist ein sehr komplexes Feld. Man muss Inhalte gut erklären können, sollte seinen Spielern mit Empathie begegnen, Vertrauen muss aufgebaut werden, ein System muss entwickelt werden in dem sinnvolles Arbeiten möglich ist, die Spieler müssen zum selbstständigen Arbeiten animiert werden, gutes Material muss ausgewählt werden, das Training muss so gestaltet sein, dass es für die jeweiligen Spieler möglichst maßgeschneidert ist, Krisensituationen müssen bewältigt werden.
Vieles spielt sich abseits der schachlichen Ebene ab. Die Eigenschaften die man als starker Spieler und als starker Trainer benötigt, sind eben zwei unterschiedliche paar Schuhe. Kaum ein Trainer wird in allen Bereichen perfekt sein – es kommt eben aufs Gesamtpaket an.

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Olympiateam 2018

Krennwurzn:
Kommen wir zum Spitzenschachtraining zurück – Du kennst sicherlich die Krennwurzn’sche Forderung 2600 mit 16 Jahren und 2700 mit 18. Diese plakative Forderung scheint auf den ersten Blick überzogen, schaut man sich aber die aktuelle Weltspitze an, so scheint genau dies notwendig zu sein. Eine der Nebenwirkungen dieser Forderung ist ja, dass angehenden Topleute auf die Schulbildung verzichten müssen, weil beides nicht mehr schaffbar ist. Können wir da in Europa – speziell in West- und Mitteleuropa da noch mithalten?

HSZ:
Deine Forderungen sind nicht von der Hand zu weisen. Das Höchstleistungsalter ist im Schach sicherlich deutlich gesunken und wenn man ganz an die Spitze will, muss man auf vieles verzichten. Im österreichischen Schachbund bekennen wir uns klar zu einem dualen System und unterstützen unsere Athleten dabei. Nachwuchsleistungszentren bieten dafür eine gute Basis, um intensiv zu trainieren und den Maturaabschluss zu erlangen. Aber das ist kein Honigschlecken für die Spieler und bedeutet Verzicht auf vieles andere.
Die Leistungen unserer Spieler (zum Beispiel der geteilte 6. – 14. Platz des Herren-Teams bei der Olympiade 2018, punktegleich mit Indien) zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind.
Uns ist aber bewusst, dass wir die Arbeit mit den jungen Spielern immer mehr intensivieren müssen, viele Schritte sind bereits eingeleitet. Und Präsident Christian Hursky puscht und motiviert mit Recht in diese Richtung.
Spitzensportler sind es gewohnt zielgerichtet und intensiv zu arbeiten. Und es gibt dann immer noch den zweiten Bildungsweg. Jeder motivierte junge Sportler muss da selbst seine Entscheidung treffen.

Krennwurzn:
Im Rahmen einer Diskussion habe ich folgende Statistik erstellt und zwei gleichalte Spieler gewählt, wovon einer in die Weltspitze kam und der andere eben gerade nicht.

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Sicherlich ein unwissenschaftlicher Vergleich, aber zeigt sich nicht das Bild, dass Meier in jungen Jahren nicht die Möglichkeit hatte gegen starke Spieler anzutreten und könnte das auch ein Problem für junge Spieler hier in Österreich sein, nicht schon früh auf härteste Konkurrenz zu stoßen?

HSZ:
Dein Vergleich ist sicherlich treffend. Wir benötigen starke Gegnerschaft um stärker zu werden. Der ÖSB fördert seine Spitzenspieler sehr dabei sich internationale Härte zu holen und im Ausland gegen starke Konkurrenz zu spielen. Gegner in einem Bereich zwischen plus 150 Elo und ein paar wenige mit minus 50 Elo sind nach Markus Ragger perfekt. Er meint auch, dass 100 Partien im Jahr für junge motivierte Spieler ein guter Richtwert sind.
Die Trainer unterstützen bei der Turnierauswahl.
Im Frauen-Nationalteam fordere ich mindestens 50 Partien im Jahr. Wie gesagt, alle sind Amateure, aber wir erwarten bei den Förderungen eine semiprofessionelle Einstellung. Auf individuelle Situationen nehmen wir natürlich Rücksicht. Und ein großes Selbstengagement ist immer Voraussetzung.
Leider fehlt die harte nationale Konkurrenz im Jugendschach. Wir haben einige wirklich starke Spieler, aber dann kommt ein großes Loch. Der ÖSB versucht mit einem bundesländerübergreifenden Projekt das 2019 starten wird entgegen zu steuern. Aber alle im Jugendschach beteiligten Personen sind in der Pflicht hier mitzuarbeiten. Leider scheiterte eine Initiative von mir die Vereine der 1. Bundesliga zu verpflichtender Jugendarbeit anhalten.

Krennwurzn:
Meine Sorge dabei ist, dass man den richtigen Ausstiegszeitpunkt aus dem Spitzensport erkennen sollte, um nicht in existenzielle (Sinn)krisen zu schlittern. Mir ist in diesem Zusammenhang eine Aussage von GM Maurice Ashley in Erinnerung, der gesagt hat, dass anders als bei körperlichen Sportarten die Entwicklung viel sprunghafter sein kann, weil das menschliche Gehirn die Informationen zuerst erlernen und dann erst verketten muss. Wie unterscheidet man eine Form- oder Lernkrise von der persönlichen Leistungsgrenze? Und wie geht man als Trainer mit dieser Frage um?

HSZ:
Das sind wichtige Schlüsselfragen. In der Tat erfolgt die Entwicklung im Schachsport anders – und viel komplizierter – als zum Beispiel in einer Ausdauersportart. Wenn du im Ausdauerbereich das Training perfekt gestaltest, Belastung und Erholung richtig setzt und das Training im richtigen Ausmaß steigerst, sollte sich die Leistung dazu linear entwickeln.
Im Schachsport ist das anders. Du trainierst oft lange Zeit und spürst, dass du gut arbeitest. Aber in den Ergebnissen spiegelt sich das nicht wider. Das kann für den Spieler, für den Trainer, für die Eltern und die Funktionäre oft sehr frustrierend sein.
Der Grund liegt darin verborgen, dass das Gehirn die komplexen Inhalte erst entsprechend verknüpfen und zusammensetzten muss, bis ergebniswirksame Reize entstehen. Man benötigt in diesen Phasen der scheinbaren Stagnation oft viel Geduld und Selbstvertrauen.
Ich denke, das sind Phasen wo ein Trainer seine Stärken beweisen kann, vor allem in dem er Spieler nicht einfach fallen lässt. Steckt ein Spieler in so einer Krise und vermittelt mir mit seinem Einsatz, dass er wirklich arbeiten möchte, versuche ich ihn/sie vorbehaltlos zu unterstützen.
Milan Novkovic, den ich für einen der besten Trainer Österreichs halte (allerdings hat er kaum Zeit für diese Tätigkeit), hat mir in diesem Zusammenhang ein wunderbares Buch empfohlen: „Der längere Atem“ von George Leonard. Die Phasen der scheinbaren Stagnation werden dort als „Plateau“ bezeichnet – und es ist wichtig dieses „Plateau“ zu lieben (sprich es anzunehmen als das was es ist – eine Phase des Lernens und Ansammelns“) um eine nächst höhere Stufe (das nächste „Plateau“) zu erreichen. Und das erfolgt dann oft sprunghaft – also mit einem enormen Eloschub der je nach Alter und Spielstäre weit über hundert Elo liegen kann (oben wird die Luft natürlich dünner).

Dann war da noch deine Frage, wann man das Erreichen der Leitungsgrenze erkennt und wann es sich nur um eine Krise handelt. Hier ist es wichtig, dass der Trainer seinen Spieler wirklich gut kennt und ein gutes Feeling für diese Problematik hat. Wichtig ist, dass der Wunsch zu arbeiten und für seinen Sport Opfer zu bringen vom Spieler ausgeht. Die Wünsche der Eltern oder des Trainers sollten da nicht hineinprojiziert werden. Es ist recht einfach im U8U10-Bereich Kinder so zu puschen, dass sie Titel gewinnen, aber diese sind nicht wichtig. Wichtig ist die Langzeitentwicklung. Hier gilt es konsequent zu arbeiten, Trainingsreize und Erholung im richtigen Maße zu setzten, und vor allem die Freude zu erhalten. Als Trainer benötigt man einerseits den Willen zum Erfolg, aber auch ein gutes Maß an Entspanntheit.
Mit zunehmendem Alter und zunehmendem Reifegrad tritt aber immer mehr die Selbstverantwortung des Spielers in den Vordergrund. Wir haben in unserer Gesellschaft große Freiheiten und müssen/dürfen damit umgehen. Nicht jeder wird glücklich, wenn er einen „klassischen“ Weg geht. Aber man muss auch wissen, worauf man sich einlässt.
Für den Trainer ist es dabei wieder wichtig eine vertrauensvolle Gesprächsbasis mit seinen Spielern zu haben. Sie sollen das Gefühl haben jederzeit mit ihrem Trainer diese Problematiken durchbesprechen zu können.
In meiner Praxis hatte ich diese Situation natürlich auch schon ein paar Mal: Druck durch Schule oder Studium, die erste tiefere Beziehung, Belastung durch den Sport – oft kommt im Leben viel zusammen. Ungefragt versuche ich mich aber mit Ratschlägen zurück zu halten. Ich muss schon wirklich sehr alarmiert sein, um von meiner Seite aus einem Spieler zu raten das Handtuch zu werfen. Aber oft ist eine längere Pause sinnvoll. Türen und Gesprächsdrähte müssen dann halt auch offenbleiben.

2018HSZ072016 Kristallgala der ORF ist mit dabei


Krennwurzn:
Dein Ex-Schüler Marc Morgunov wurde in Riga des Betrugs überführt und vom ÖSB gesperrt. Ich möchte aus Rücksicht auf das Alter nicht weiter auf den Fall eingehen, sondern generell fragen, was läuft da schief, setzen wir die Spieler unter zu harten Druck, dass sie keinen anderen Ausweg finden?

HSZ:
Man sollte von einem Einzelfall nicht auf das ganze System schließen, aber natürlich tragen wir eine Verantwortung für unsere Spieler. Aber dass Druck im Spitzensport immer ein großes Thema ist, ist klar.
Ich denke, dass der ÖSB die Verantwortung wahrnimmt und mit dem Einzelfall sehr gut umgegangen ist: transparent, Einbeziehung von internationalen Untersuchungen aller seiner Partien von 2018 durch einen Anti-Cheating-Experten, enge Zusammenarbeit mit der FIDE, eine harte Strafe – aber ohne den Spieler für immer zu verdammen, einen aufgezeigten Weg wie es weiter und zurück in die Schachgemeinschaft gehen kann und angebotene Hilfestellungen (u.a. Arbeit mit einem Mentaltrainer). Ich habe das letzte Mal 2016 mit Marc gearbeitet, aber bereits da war er im Taktikbereich unglaublich stark und beim Lösen von Studien besser und schneller als Valentin oder Christoph. Christoph meinte, dass er Marc wohl als Taktiktrainer engagieren werde, sollte er jemals bei einem Superturnier mitspielen.
Ich denke, dass Marc aus diesem Riesenfehler (ich und viele andere waren völlig geschockt von dieser Nachricht) seine Lehren ziehen wird und wünsche ihm nur das Beste für seine weitere Entwicklung.

Krennwurzn:
Allgemein gesprochen – in diesem Fall könnte der Betroffene noch zu jung sein – wäre ich für einen kompletten Straferlass, wenn der Spieler bereit wäre offen und öffentlich seine Beweggründe diesen Riesenfehler zu machen offenlegt. Aus Sicht eines Trainers eine Schnapsidee oder doch für andere eine Prävention?

HSZ:
Ich bin durchaus ein Freund von klaren Regeln und Konsequenzen (auch aus präventiven Gründen) – begleitet von größtmöglicher Unterstützung für einen Weg zurück. Daneben ist jeder Fall natürlich als Einzelfall zu behandeln. Man muss auch schauen, welchen Spielraum man hat, die Konsequenzen sind von der FIDE – oder im Falle des klassischen Dopings von der BSO – ja vorgeschrieben.

2018HSZ08
Auszeit und Entspannung
im Lieblingsort in Nordspanien

Krennwurzn:
Die Maschinen sind uns Menschen total überlegen, das hat sich auch beim letzten WM-Kampf wieder deutlich gezeigt, hier hätte Sesse mehrmals locker Partien gewonnen und Sesse ist ja nicht das Ende der Fahnenstange, es gibt ja noch alphazero als Drohung am Horizont. Ich als Schachzuseher habe ja schon oft das Gefühl, dass Zusehen schwieriger ist als selber spielen, weil es sehr schwer fällt Enginebewertungen richtig einzuordnen und in menschliche Idee/Muster umzuwandeln. Wie stark beeinflussen die Maschinen das zukünftige Training?

HSZ:
Da kann ich nur empfehlen die Engines einfach abzuschalten und die großartige Leistung der zwei weltbesten Spieler zu bewundern und zu genießen. Auch hat es viele hervorragende Live-Kommentierungen gegeben, die einem das Geschehen am Brett erklären.
Unglaublich fand ich die Verteidigungsleistungen von Carlsen und Caruana. Das gab es noch in keinem Weltmeisterschaftskampf. Die Fehlerquote war wohl äußerst gering und so gab es trotz großem Kampfgeist keinen Gewinn in den klassischen Partien.

Unglaublich finde ich die Arroganz erheblich schwächerer Spieler, die bequem zu Hause sitzend Engines mitlaufen lassen und sich nicht zu dumm sind die Züge der Nummer 1 und Nummer 2 der Welt heftig zu kritisieren.

Krennwurzn:
Nun ich brauche Hilfe von guter Kommentierung oder einen kritischen Blick auf Enginebewertungen um schönes Spiel erkennen – naja sagen wir genauer erahnen zu können. Bei der Arroganz muss ich einen Einspruch erheben, denn ich glaube, dass die Kritik von meist jenen geübt wird, die vom Fan zum Fanatiker werden. Im Prinzip ist es so wie wenn man beim Fußball schreit: den hätte er reinmachen müssen!

HSZ:
Ich würde die Kommentierung von Svidler, Polgar oder vielen anderen Kommentatoren bevorzugen. Eine echte Bereicherung – zumindest für mich.
Krennwurzn:
Welchen Stellenwert haben Engines bei Dir im Training?

HSZ:
Für mein Training spielen Engines eine eher untergeordnete Rolle. Wir arbeiten in erster Linie am Schachverständnis, an der Variantenberechnung und an der Technik. Aber natürlich werden zur Kontrolle der Eröffnungsvarianten, in der Partievorbereitung und Partieanalyse Engines als gutes Hilfsmittel eingesetzt. Und natürlich spielt der Einsatz in einem Elobereich von 2600 und steigend eine wesentlich bedeutendere Rolle – aber dafür brauchst du wohl einen anderen Interviewpartner.

2018HSZ09

Krennwurzn:
Das überrascht mich jetzt ein wenig. Klar ist: nur eigenes Denken führt zum Erfolg. Ich dachte aber, dass man Engines auch als Trainingsmittel einsetzen könnte. Leider gibt es noch wenig sinnvolle Leistungsbeschneidung von Engines um menschliches Spiel der gewünschten Spielstärke zu simulieren. Daher dachte ich, dass man im Training umgekehrtes Cheating einsetzen könnte – der Schüler spielt quasi gegen die Engine, der Trainer sortiert aber „unmenschliche“ Züge aus und/oder baut menschliche Fehler ein.

HSZ:
Interessanter Ansatz, mit dem ich allerdings keine Erfahrung habe. OK – das Mattsetzen mit zum Beispiel Dame gegen Turm gegen Engines zu üben – oder überhaupt die Vorteilsverwertung, ist ein recht gebräuchliches Mittel, aber aus meiner Sicht doch eben nur eine Randerscheinung. Vielleicht bin ich da aber doch zu sehr „Old school“, in diesem Bereich fehlt mir die Erfahrung. Ich arbeite lieber mit meinen Schützlingen ein tolles Buch von Dvoretzky, Aagard oder Gelfand durch. Engines versuche ich eben in einigen Bereichen sinnvoll einzusetzen, sonst interessieren sie mich weniger.

Krennwurzn:
Da möchte ich ein wenig nachhaken – ich sehe da eine Problematik: einerseits werden die Engines verdammt – selber denken, spielen, … - und heimlich schielt ein jeder auf die Enginezüge – Fritz sagt diesen Zug hätte ich spielen müssen. Bräuchten wir da nicht einen ehrlicheren und offeneren Zugang zu diesem Thema? Sollte ein ambitionierter Schachspieler nicht etwas mehr über die Funktionsweise (Stärken, Schwächen, …) von Schachengines wissen als dies heutzutage der Fall ist?
HSZ:
Langsam quälen mich die Engines-Fragen und eigentlich habe ich versucht sie ehrlich und offen zu beantworten. Natürlich müssen wir den Spielern die sinnvolle Arbeit mit Engines beibringen. Bei der Partieanalyse (auf die ich großen Wert lege) decken sie Fehler schonungslos auf. Manchmal schlagen sie „bessere“ Züge vor – um +0,2 höher als den gespielten. Dann geht es darum den Vorschlag der Engine zu verstehen, sonst bringt uns das nichts.
In der Partievorbereitung ziehen Spieler manchmal Engineszüge vor, ohne sie zu verstehen. Es interessiert mich nicht, ob die Engine eine Stellung mit +0,2 oder -0,2 bewertet. Ich strebe Spielstellungen an die mir/meinen Spielerinnen liegen, wo sie die Struktur verstehen und Pläne am Brett finden können.
Tendenziell denke ich, dass oft falsch und viel zu früh mit den Engines gearbeitet wird. Ich sag mal bis zu einer Spielstärke von 2400 haben sie Relevanz – aber eine untergeordnete. Bei Supergroßmeistern ist das sicherlich anders – aber das ist nicht mein Arbeitsfeld. Also lieber mit gutem Trainingsmaterial hochkonzentriert und selbstständig arbeiten und/oder mit einem guten Trainer und/oder mit einem guten Trainingspartner (Sorry, …Old school eben).

Krennwurzn:
Schauen wir noch ein wenig in die Zukunft. Alphazero hat in einem Wettkampf gegen Stockfish nur sechs Partien von 1000 gespielten verloren und ist damit schon fast an der praktischen Perfektion von Schach ist Remis angelangt. Wenn ein heutiger Weltklassespieler einen Zug spielt, so ist ein Plan/Intuition und eine Berechnung dahinter, die er erklären kann und die andere somit nachvollziehen können – das ist ja eine großartige menschliche Fähigkeit. Aber wie gehen wir mit Blick auf die Trainingsarbeit damit um, dass uns die Maschine einen Zug hinknallt, den wir nicht mehr verstehen und/oder erklären können?

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HSZ:
Das hängt von der Zeit und der Wichtigkeit ab. Manchmal nehme ich mir Zeit und versuche den Vorschlag zu verstehen. Gelingt mir das nach einiger Zeit, fein! Dann wird die Variante gespeichert und verbal kommentiert – oder zumindest so, dass ich/meine Spielerinnen später damit arbeiten können. – Verstehe ich den Vorschlag nicht: fein! Ab in den Mistkübel und lieber der Empfehlung eines starken Spielers vertrauen.

Krennwurzn:
Zum Abschluss des Interviews möchte ich noch ein Thema streifen, das wie wild durch Foren und auch die Allgemeinheit geistert: Schach und Intelligenz.
Allgemein möchte ich fragen, ob diese Betonung der Intelligenz nicht abschreckend wirken kann – schrecken wir nicht Leute ab mit Schach zu beginnen, nur weil die Angst haben sie könnten als dumm dastehen, wenn sich der Erfolg nicht einstellt?

HSZ:
Ich denke die Ansicht des hochintelligenten Schachspielers wird eher von außen in das Schach projiziert. Ich versuche diese Meinung nicht zu zerstören?.
Ich denke, sie schadet uns auch nicht. Und in der Tat kann unser Sport der Gesellschaft sehr viel bieten. Schach in der Schule kann spielerisch-unterstützend beim Erlernen zahlreicher Fähigkeiten helfen. Weiters kann Schach helfen generationenübergreifend zu verbinden – ich kenne dafür keine geeignetere Sportart. Im Alter hilft es sicherlich auch geistig fit zu bleiben.
Wenn man die Schachgemeinschaft betrachtet denke ich, dass wir durchaus eine normale Verteilung haben, aus meiner Sicht gibt es aber sehr viele sympathische Leute. Prinzipiell schätze ich sozial intelligente Menschen höher als hochintelligente Menschen mit schlechtem und überheblichem Benehmen.

Krennwurzn:
Zum Abschluss möchte ich noch über eine Studie sprechen, die wenn sie denn stimmen sollte, die praktische Trainerarbeit erleichtern sollte. Die Kernaussage ist, dass man für eine gewisse Elostärke eine Mindestintelligenz benötigt. Als Grundlage wird da oft eine Studie der Universität Graz aus dem Jahre 2006 angeführt.

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Würde das so stimmen, bräuchte man vor dem Trainingseinstieg nur einen IQ-Test machen und schon weiß man, was aus dem Schüler maximal werden kann. Ist das wirklich so einfach?

HSZ:
Mir graut davor jemandes Intelligenz zu messen und dann über seine Zukunft zu entscheiden.

Krennwurzn:
Dem Grauen schließe ich mich mit Begeisterung an und bedanke mich für das Interview!


2018HSZ

Zur Person:

IM Harald Schneider-Zinner, Wien
Internationaler Meister, FIDE-Trainer, Coach des überaus erfolgreichen Wiener Jugendkaders (2008-2016) und Trainer des öst. Frauen-Nationalkaders (ab 1.1.2017)
www.schachtrainer.at