Michael Schwerteck

Michael Schwerteck

Ein paar Hintergrunddaten zu meiner Person: Jahrgang 1981, deutsch-französische Nationalität und Sprachzugehörigkeit, wohnhaft in Tübingen. Von Beruf Jurist und Übersetzer. Nahschach spiele ich in der Verbandsliga (4. Liga), DWZ meist irgendwo zwischen 2000-2100. Seit ein paar Jahren spiele ich auch (in bescheidenem Umfang) Fernschach, aktuelle Elo etwa 2325. Schachpublizistisch tätig war ich früher für chessvibes.com (Kolumne "Beauty in Chess" und ein bisschen Turnierberichterstattung), aktuell schreibe ich aber, abgesehen von meiner Tätigkeit hier, nur auf Vereinsebene.

Mittwoch, 05 Februar 2014 01:21

Tückische Turmendspiele im Tata-Turnier

Tata! Die Endspielrubrik ist wieder da, diesmal mit frischem Material aus Holland. Auch in diesem Jahr war das Niveau der Endspielbehandlungen nicht berauschend. Logisch, Carlsen war ja nicht dabei. Aber auch aus Fehlern kann man ja lernen, also schauen wir uns einfach mal ein paar Beispiele an. Die wichtigste Lektion, die ich in diesem Artikel vermitteln will, ist folgende: Schematisches Denken spielt im Endspiel zwar eine wichtige Rolle, darf aber nicht in blindes Befolgen abstrakter Regeln ausarten. Die konkreten Umstände der Stellung dürfen nie aus den Augen verloren werden.

In der Partie Karjakin - Gelfand kam sogar ein Weltklassemann auf erstaunliche Weise vom rechten Weg ab. Die Diagrammstellung ist für Weiß eigentlich kinderleicht gewonnen (er besitzt u.a. zwei Mehrbauern!), nämlich ganz einfach mit 42.Ka5 nebst Durchmarsch des b-Bauern. Schwarz hat nicht einmal den Ansatz einer Verteidigung und ich vermute, Gelfand hätte einfach aufgegeben. Doch irgendwie geisterten Karjakin offenbar gewisse Lehrsätze aus seiner Jugend im Kopf herum und er verfiel auf den Zug 42.Tf3? Offenbar nach dem Motto "erst sollst du den gegnerischen König abschneiden, dann ist es noch einfacher". In Wirklichkeit wird es aber nur komplizierter, denn der schwarze König steht ohnehin zu weit weg, wogegen nun der e-Bauer zu einem echten Ärgernis wird. Aber die Stellung bleibt zunächst trotz allem klar gewonnen. 42...e4 43.Tf1 e3 44.Kc4?? Bei aller Liebe: Den aktiven König zurückzubeordern, ist nun wirklich Humbug. Vielleicht war Karjakin einfach rechenfaul oder er hatte schon wieder einen schlauen Spruch im Kopf wie "im Endspiel sollst du nichts überstürzen". Dabei gab es auch hier noch äußerst geradlinige Gewinnwege, z.B. 44.Te1 Te8 45.b6 Kf5 46.Kb5 Ke4 47.Kc6 Kd3 48.Kxd6+- Sicherlich keine Variante, die einen Karjakin normalerweise überfordert, wenn er unbefangen aufs Brett schaut. 44...Tc8+ 45.Kd3 (?) (45.Kb4!) 45...Tc5 46.b4 Txd5+ 47.Kxe3 Txb5 48.Tf4! Endlich wieder ein guter Zug, nach welchem die Stellung zum Glück immer noch knapp gewonnen ist. Karjakin hatte inzwischen sicherlich gemerkt, was er angerichtet hatte und riss sich mächtig am Riemen. Die weiteren Züge sind auch ohne Kommentar verständlich: d5 49.Kd3 Rb7 50. Kc2 Rb8 51. Kc3 Rb7 52. Rf8 Rc7+ 53. Kb3 Rd7 54. b5 d4 55. Kc2 d3+ 56. Kd2 Rd5 57. Rg8+ Kh6 58. Rg5 Rd4 59. Rc5 Kg6 60. b6 1-0 Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?

 

Eine andere bekannte Regel lautet, dass man im Endspiel den König aktivieren soll. Das ist natürlich nicht verkehrt, wird aber gerne missverstanden: "Aktivieren" ist im Sinne von "ins Geschehen einbinden" zu verstehen, nicht von "möglichst weit nach vorne laufen"! Ein gutes Beispiel, wie es nicht geht, liefert die Partie van Delft - Brunello aus dem B-Turnier. Hier standen die weißen Figuren eigentlich schon recht gut: Sein König behält gleichzeitig den Freibauern und den eigenen Königsflügel im Auge, der Turm schneidet den schwarzen König ab. Bei vernünftiger, ruhiger Verteidigung sollte Weiß gute Remischancen haben, z.B. sieht 62.Td5 logisch aus. "Turm hinter den Freibauern", tja, auch diese Regel gilt nicht ausnahmslos, aber doch ziemlich häufig. Fatal war hingegen die Partiefolge 62.Kf3?! Td6 63.Ke4?? (was soll der König hier?) d3 Nun musste Weiß seinen Turm zurückziehen und nach 64.Tb1 d2 65.Td1 Kg5 gab er bereits auf. Sein Turm spielt überhaupt nicht mehr mit und sein "aktiver" König muss wegen Zugzwangs bald wieder zurückweichen. Immer wieder traurig, wenn man stundenlange harte Verteidigungsarbeit auf solche Weise leichtfertig zunichte macht.

"Freibauern müssen laufen" ist noch so eine Weisheit, die man immer wieder hört. Ja, im Prinzip richtig, aber doch bitte mit Sinn und Verstand! Also nicht so wie in der Partie Reinderman - Bok: Der Freibauer marschiert nicht von alleine durch, sondern braucht offensichtlich die Unterstützung des Königs. Was liegt also näher als 45.Ke4, was in der Tat glatt gewinnt. Mit seinem abgeschnittenen König hat Schwarz keine Chance, auch ein Angriff auf die weißen Königsflügelbauern ist viel zu langsam. Stattdessen geschah jedoch geradezu anfängerhaft 45.b5?? Tb4! und ohne den König war die Partie nicht mehr zu gewinnen.

Es ist wirklich so: Diese Großmeister sind uns Amateuren in fast allen Belangen des Spiels natürlich weit überlegen, aber im Endspiel unterlaufen auch ihnen immer wieder ganz elementare Fehler. Was ich hier zeige, sind keineswegs Einzelfälle; es handelt sich sogar eher um die Regel als um die Ausnahme. Werden solche Sachen heutzutage nicht mehr trainiert?

Fazit der heutigen Lektion: Die bekannten Endspielregeln sind schön und gut, aber sie können auch gewaltig in die Irre führen, wenn man ihnen blind vertraut. Eigentlich sollte man bei jeder Regel noch einen kurzen Halbsatz hinten dranhängen: "...wenn es gut ist!"

Dienstag, 05 November 2013 21:33

Carlsens Endspielvorbereitung

Es ist zwar schwer nachvollziehbar, aber es gibt immer noch ein paar Träumer, die Anand im WM-Match realistische Chancen zubilligen. Ein seriöses Fachmagazin wie der "Spiegel" lässt sich da natürlich nicht täuschen. Die aktuelle Ausgabe verweist (vermutlich basierend auf diesem Artikel) auf eine Simulation über 40 000 Partien, die zu dem Ergebnis kommt, dass Anands Siegchance nur zwischen 6,1 und 10,3 % liegt. Na also, da haben wir's doch, zweifelsfrei mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen! Wie kann es da noch Diskussionen geben?

Eigentlich fragt sich also nur noch, wie hoch und mit welchen Mitteln Carlsen gewinnt. Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe, aber ich bewundere an Carlsen vor allem dessen Endspielführung. Durchaus möglich, dass seine Technik auch bei der WM letztlich den Ausschlag gibt. In diesem Zusammenhang ist es interesssant zu sehen, dass das Endspieltraining auch in der Vorbereitung offenbar nicht zu kurz kommt. In einem sehenswerten Dokumentarfilm sieht man Carlsen beim Lösen von Endspielstudien. Auf dem Brett ist ein sehr schönes Exemplar zu erkennen, also schauen wir es uns doch einfach näher an (Diagramm oben, Weiß zieht und gewinnt):

Selbst der WM-Herausforderer hatte hier seine Probleme, denn man muss nach dem auf der Hand liegenden 1.g6 erst einmal eine raffinierte Verteidigungsidee für Schwarz finden. Carlsen dachte nur an 1...e5, was leicht zu widerlegen ist: 2.g7 Lb3 3.h6 usw. Soweit ich es verstehe, dürfte 1...Kf6! 2.g7 Lh7!! die Hauptvariante sein. Die Idee ist 3.Kxh7? Sf3 4.g8D Sg5+ und Weiß muss entweder Dauerschach mittels Sg5-f7-g5 zulassen oder ins Bauernendspiel gehen, in dem beide Freibauern im selben Zug umgewandelt werden. Die Pointe ist nun der auf den ersten Blick sinnlose Zug 3.e4!! Wenn nun zum Beispiel 3...Sf3, dann 4.e5+! und entweder der König oder der Springer wird entscheidend abgelenkt. Nun gut, 4.e5+ ist also eine Drohung, aber was hat Weiß gewonnen, wenn der Bauer einfach mit 3...e5 blockiert wird? Es gibt einen entscheidenden Unterschied: 4.Kxh7 Sf3 5.g8D Sg5+ 6.Dxg5 Kxg5 7.h6 c4 8.Kg7 c3 9.h7 c2 10.h8D c1D und nun gewinnt 11.Dh6+ die Dame, da der Bauer e3 nicht mehr im Weg steht. Wer dies selber gelöst hat, ist anscheinend noch besser als Carlsen und darf sich Hoffnungen auf den WM-Titel machen!

 

Donnerstag, 03 Oktober 2013 16:30

Anmerkungen zum Pattsieg

In der Zeitschrift "Schach" ist zuletzt eine dreiteilige Artikelserie von Arno Nickel erschienen, mit dem Titel "Die Unbesiegbaren - Dem Fernschach droht der Remistod" (Ausgaben 7, 8 und 10/2013). Mein Kollege Uwe Bekemann hatte schon nach Erscheinen des ersten Teils hier im Blog kritisch Stellung bezogen. Inzwischen ist bekannt, welche Lösung Herrn Nickel zur Bekämpfung des im Titel beschriebenen Problems vorschwebt. Sein Vorschlag würde zu einer starken Beeinflussung meines Spezialgebiets, des Endspiels, führen, so dass ich mich berufen fühle, Position zu beziehen.

Vielleicht kennen nicht alle "Schachwelt"-Leser die besagte Artikelserie, aber ihr Inhalt lässt sich relativ leicht zusammenfassen: Vor allem in den Spitzenturnieren des Fernschachs lässt sich eine tendenziell immer höhere Remisquote feststellen, Größenordnung 80-90 Prozent. Hierdurch verlieren die Wettkämpfe nach Nickels Ansicht erheblich an Reiz. Als Ursache sieht er den immer stärkeren Einfluss des Computers, mit dessen Hilfe alle Gefahren schon weit im Voraus erkannt und bekämpft werden können. Sein Vorschlag sieht nun wie folgt aus: Das Patt soll nicht mehr als Remis gewertet werden, sondern mit dem Ergebnis von ¾:¼ zugunsten des Pattsetzenden ("Pattsieg"). Dies habe bereits Lasker empfohlen. Die Wertung des Patts als Remis sei unlogisch und ungerecht, weil eine Seite sich ein Übergewicht (materiell oder positionell) erarbeitet habe und trotzdem mit nicht mehr als einem halben Punkt belohnt werde. Die Änderung führe außerdem zu einer erhöhten Komplexität vor allem des Endspiels und der Einfluss der Schachprogramme werde durch die Umstellung ausgebremst.

An diesem Vorschlag erstaunt mich zunächst vor allem eines: Das Ausgangsproblem war das Fernschach, und dort eigentlich auch nur das Spitzenniveau. Die Lösung ist aber keineswegs Fernschach-spezifisch, sondern es sollen die allgemeinen Schachregeln geändert werden. Die Konsequenz dieser Gedankenführung leuchtet mir überhaupt nicht ein. Dem allergrößten Teil der weltweit aktiven Schachspieler dürfte es herzlich egal sein, ob in einzelnen Fernschachturnieren die Remisquote etwas höher oder niedriger ist (Nickel wäre schon mit einer Veränderung von 5-10 Prozent zufrieden!). In diesem Zusammenhang sollte man sich vor Augen halten, dass Arno Nickel selbst zur Fernschach-Weltspitze gehört, die geschilderten Probleme also ihn persönlich betreffen. Schade für ihn, aber muss man deswegen die ganze Schachwelt auf den Kopf stellen? Ich spiele selber auch Fernschach und habe daher eine gewisse Grundsympathie für die sicherlich gut gemeinten Rettungsbemühungen, aber meiner Meinung nach wird das Problem maßlos übertrieben. Es ist richtig, dass Fernschach in seiner hergebrachten Form nach und nach an Bedeutung verlieren wird, aber das ist kein Grund zur Verzweiflung. Anstatt über den nahenden Tod des Fernschachs zu lamentieren, könnte man sich auch darüber freuen, dass es aktuell trotz aller Unkenrufe immer noch einigermaßen am Leben ist. In Zukunft wird man sich eben in andere Richtungen orientieren müssen, z.B. wurden mit enginefreien Turnieren gute Erfahrungen gemacht und es gab meines Wissens kaum Betrugsfälle. Zur Vermeidung von Wiederholungen verweise ich noch einmal auf den Beitrag von Uwe Bekemann, der bereits einige Wege aufgezeigt hat.

Schon Michael Negele hat in "Schach" 8/2011 verschiedene Regeländerungen vorgeschlagen, u.a. ebenfalls den Pattsieg. Dieser laut Nickel "hochinteressante Aufsatz" hat mich damals vorne und hinten nicht überzeugt und die "Schach"-Leser haben "in seltener Einigkeit" (so die Zusammenfassung der Redaktion) allen Reformgedanken eine Absage erteilt. Umso unverständlicher, dass die Redaktion nun erneut viele Seiten zur Verfügung stellt, um einen der abgelehnten Reformvorschläge einfach noch einmal vorbringen zu lassen. Wie es ein Leser bereits schön formuliert hat, sind die geltenden Schachregeln "der Heilige Gral des Spiels". Dem kann ich nur beipflichten. Was Lasker vor rund 100 Jahren, also in der Anfangsphase des sportähnlichen Wettkampfschachs, vorgeschlagen hat, spielt heute keine Rolle mehr. Inzwischen wurde mit den uns bekannten Regeln Schachgeschichte geschrieben, Weltmeister wurden gekrönt, zahllose Bücher verfasst usw. Dies kann man nicht einfach über den Haufen werfen, schon gar nicht aus vergleichsweise nichtigem Anlass. Eine Änderung der Schachregeln im engeren Sinne ist ultima ratio, auf deutsch: alleräußerstes Mittel. Eine Notwendigkeit hierfür kann ich noch lange nicht erkennen.

Die praktischen Implikationen der Regeländerung scheinen mir zudem schlecht durchdacht. Nickel tröstet uns damit, dass "die Eröffnungsliteratur durch den Pattsieg (...) nicht komplett neu geschrieben werden müsste". Nun gut, das versteht sich von selbst. Viel schwerwiegender wären natürlich die Auswirkungen auf die Endspieltheorie, die von Nickel nur oberflächlich beleuchtet werden. Auch wenn er ein wenig abzuwiegeln versucht, dürfte es doch eindeutig sein: Jedes Endspielbuch wäre reif für die Tonne. Wenn schon die Einschätzungen von Bauernendspielen nicht mehr stimmen, kann man auch den Rest vergessen. Halten wir uns zur Verdeutlichung ein paar Elementarendspiele vor Augen: K+B gg. K ist mit der neuen Regel immer mindestens "pattgewonnen", auch mit einem Randbauern. K+L gg. K und K+S gg. K soll hingegen laut Nickel weiterhin remis sein, "denn es kann im Leben ja nicht immer gerecht zugehen". Ah ja. Hatte er nicht zuvor noch mit dem Argument der Gerechtigkeit gearbeitet? Endspiele mit Figur+Bauer gegen Figur werden für den Verteidiger zumindest schwieriger. Oft wird die stärkere Seite krampfhaft versuchen, das Figurenpaar abzutauschen (selbst wenn das Bauernendspiel nach gewohnten Maßstäben remis wäre), was dem Endspiel einen recht eigenartigen Charakter verleihen dürfte. Viele tausendfache geübte und tief verinnerlichte Mechanismen würden nicht mehr greifen. Unklar ist mir auch, was passiert, wenn das Patt nicht mehr vermeidbar erscheint: Gibt es dann eine "Pattaufgabe", die der Gegner auch ablehnen kann, um auf den ganzen Punkt zu spielen? Oder ein "Pattangebot"?

Überhaupt stellen sich in Bezug auf das Regelwerk diverse Fragen. Wie geht man denn z.B. mit Zeitüberschreitungen um? Immerhin kann man ja auch mit dem blanken König pattsetzen, siehe Diagramm ganz oben! Dies würde seltsame Blüten treiben: K+D gg. K wäre im Fall einer ZÜ der stärkeren Seite wie gewohnt remis, K+D+Randbauer gg. K hingegen "verloren", denn der Gegner könnte ja theoretisch mit einer Serie regelkonformer Züge noch pattsetzen. Es lassen sich zahlreiche weitere Varianten vorstellen, in denen es immer wieder fatal wäre, einen Randbauern zu besitzen. Absurd, oder?

Es ist einzuräumen, dass das Patt ein gewisses Paradoxon darstellt, aber macht nicht gerade das Paradoxe einen großen Teils des Reizes des Schachspiels aus, z.B. wenn eine materiell klar unterlegene Partei sich auf überraschende Weise ins Remis rettet? Wie viele zauberhafte Studien beruhen auf solchen Motiven? Und dass Materialvorteile wie zwei Springer oder falscher Läufer+Randbauer gegen den nackten König nicht gewinnen, mag zwar intuitiv etwas unbefriedigend erscheinen, aber man weiß es ja im Voraus und muss eben sein Spiel entsprechend einstellen. Auch darin sehe ich kein durchschlagendes Argument. Ich sehe eher die Gefahr, dass nach der Regeländerung sich kaum noch jemand trauen würde, Material zu opfern, weil das Materialverhältnis gegenüber anderen Faktoren an Gewicht gewinnen würde. Wollen wir das wirklich?

Ganz abgesehen davon habe ich auch erhebliche Zweifel, ob sich mit Einführung des Pattsieges überhaupt ein nennenswerter Effekt ergeben würde. Zur Einnerung: Es geht eigentlich um die Remisquote im Spitzenfernschach! Natürlich wären Engines und Tablebases erst einmal "verwirrt", aber na und? Nach kurzer Zeit gäbe es sicherlich neue Engines und neue Tablebases und man wäre wieder am selben Punkt angelangt wie vorher. Und die vielen anderen Remisgründe, die mit der Pattmöglichkeit nichts zu tun haben, blieben sowieso unangetastet.

Fazit: Finger weg vom Regelwerk!

Sonntag, 18 August 2013 02:00

Nicht nur wegen Norwegen

Es wird Zeit, dass wir uns hier auch ein wenig dem World Cup widmen, der sicherlich eines der Highlights des Schachjahres darstellt. Weltklasseschach in Norwegen - für mich als Schach- und Norwegenfan eine tolle Kombination! Es gibt sicher viele schöne Orte auf der Welt, aber Norwegen finde ich einfach überwältigend. Ich war auch schon in Tromsø (siehe Beweisfoto) und kann einen Besuch dieser Stadt und ihrer Umgebung nur empfehlen. Hm, in welches Land könnte ich noch schnell emigrieren, um nächstes Jahr dort an der Olympiade teilnehmen zu dürfen? Es wäre interessant zu prüfen, in wie vielen Ländern der Welt ich gut genug für die Nationalmannschaft wäre...

Spaß beiseite: Nicht nur wegen Norwegen (tja, ein besserer Kalauer ist mir nicht eingefallen) lohnt sich ein Blick nach Tromsø, sondern natürlich auch und vor allem wegen der vielen großartigen Spieler, die dort zur Zeit agieren. Vom Finale sind wir noch weit entfernt, aber einige interessante Endspiele haben wir trotzdem schon gesehen. Allerdings auch wieder einige ziemlich schreckliche. Im Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, stehe ich noch unter dem Schock, den die Partie Le Quang Liem - Grischuk hervorgerufen hat. Ich kann es immer noch kaum fassen und bringe es gar nicht über mich, hier irgendwelche Details zu zeigen. Wie kann so ein fantastischer Spieler so naiv ins verlorene Bauernendspiel abwickeln? Entschuldigung, aber das war nicht Weltklasse, sondern Kreisklasse!

Ansonsten sind mir u.a. diverse Turmendspiele aufgefallen, in denen es um die Verwertbarkeit eines Mehrbauern ging. Der Erfolg war dabei recht unterschiedlich. Den Vogel schoss Monsieur Fressinet ab:

Es war Schnellschach, okay (erste Tiebreak-Partie gegen Malakhov), aber trotzdem kann es ja wohl nur um die Frage gehen, ob Weiß gewinnt oder sich mit Remis begnügen muss. Der arme Franzose führte das Endspiel hingegen mit Weiß noch zum Verlust! Aus Pietätsgründen wollen wir auch diese Sache lieber nicht zu sehr vertiefen.

Wenden wir uns stattdessen einigen Fällen zu, in denen alle Bauern am selben Flügel zu finden waren. Drei Bauern gegen zwei sollte normalerweise bekanntlich remis sein und in der Tat konnte Hou Yifan als Verteidigerin gegen Shirov so ein Endspiel souverän halten, obwohl ihre Bauern vereinzelt waren (f und h). Mit zwei Bauern gegen einen ist normalerweise auch nichts zu machen, es sei denn, einer der Bauern ist ein Freibauer, dann ist es zwar in der Regel immer noch remis, aber zumindest erhöhen sich die Chancen. Einmal setzte sich der Mehrbauer tatsächlich noch durch, wie wir im nächsten Beispiel sehen:

 

Dies ist die Partie Kaidanov - Areshchenko aus der ersten Runde. Es erstaunt mich schon einigermaßen, dass der mit Weiß spielende erfahrene GM russischer Abstammung dieses Endspiel ziemlich unsicher behandelte und am Ende tatsächlich noch verlor. Es ist zwar nicht angenehm, aber so fürchterlich schwer zu verteidigen ist es wohl auch wieder nicht. Wer mir nicht glaubt, vertraut hoffentlich wenigstens Peter Swidler, der diese Partie in einem Interview kurz erwähnte. Dabei ging er vor allem auf den folgenden Zug ein: 51.h4?! Objektiv noch kein schwerer Fehler, aber praktisch doch ziemlich unklug. Auf h4 ist der Bauer eher angreifbar als auf h3; zudem könnte sich die Schwächung des Feldes g4 noch als unangenehm erweisen. Trotzdem blieb die Partie noch längere Zeit in der Remisbreite, aber die Luft wurde allmählich dünner und schließlich kam der entscheidende Fehler:

 

 

Es ist zwar notwendig und richtig, den Bauern g6 anzugreifen, aber statt 82.Tg8? wäre dies viel besser mit 82.Th6! zu bewerkstelligen gewesen, was den eigenen Bauern gedeckt hält. Schwarz müsste mit dem König zurückgehen und hätte nach wie vor nichts Entscheidendes erreicht. In der Partie hingegen folgte 82...Tf3+! 83.Ke2 (83.Kg2 Tg3+ nebst 84...Kxh4) Te3+! 84.Kf2 Te6 (die seitliche Deckung ist eine große Errungenschaft) 85.Th8 Ta6 86.Tf8 Ta2+ und 0-1 nach wenigen weiteren Zügen. Man beachte übrigens, wie Schwarz über g4 eingedrungen ist - mit einem Bauern auf h3 wäre das alles nicht passiert!

Ich werde nicht ausführlich darauf eingehen, aber als Quervergleich empfehle ich dem geneigten Leser die zweite Schnellpartie Movsesian - Hammer. Dort entstand genau dieselbe Konstellation (mit vertauschten Farben), Hammer ließ seinen h-Bauern brav hinten und remisierte ohne nennenswerte Probleme. Wobei es allerdings ein Kuriosum war, dass er dieses Endspiel überhaupt üben musste, denn es wäre auch alles viel einfacher gegangen:

 

Ich will ja nicht zu sehr angeben, aber diesen Moment verfolgte ich zufällig live und ich brauchte maximal zwei Sekunden, um die Remisfortsetzung zu finden: 44...Kg5 und nun muss Weiß im Prinzip den g-Bauern behalten, sonst ist es trivial remis. Also 45.Th3, aber Schwarz kann einfach abtauschen: 45...Txh3 46.Kxh3 h5= und Schwarz hält die Opposition. Wie einfach war das denn? Der junge Hammer hatte eigentlich noch genug Zeit auf der Uhr und überlegte hier auch ein Weilchen, entschied sich dann aber mit 44...Tc3 (??) für weitere 52 Züge Leidenszeit. Bemerkenswert kurze Zeit später auch Swidlers Auftritt bei den Kommentatoren. Trent: "Ging da nicht vielleicht 44...Kg5?" Swidler: "Bringt nichts, dann kommt 45.Th3." Trent: "Und dann 45...Td2?" Swidler: "Dann 46.Kg3 Td3+ 47.f3." ÄHEM, meine Herren... 

 

 

 

Aus Zeitgründen muss ich mir ein paar weitere Endspiele für später aufbewahren, aber dieses hier möchte noch anführen, weil es mich ziemlich fasziniert hat. Es handelt sich um Eljanov - Jakovenko aus der zweiten Runde. Weiß hatte schon vor geraumer Zeit eine Figur gewonnen und schien total auf Gewinn zu stehen, aber plötzlich erwies sich die Gewinnführung als ungeahnt schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Kann Weiß irgendwie den Springer zurück ins Spiel bringen, ohne dabei schwerwiegende Nachteile (z.B. Dauerschach) zu erleiden? In der Partie wählte Jakovenko an dieser Stelle 76...Dd4? Dies war leider ganz schlecht, wenn auch nicht so sehr wegen Eljanovs 77.Db3?!, sondern wegen 77.Dc1!, wonach sofort Feierabend gewesen wäre. Es gibt kein Schach, 78.Sc7 droht und nebenbei hängt auch noch g5 mit Schach. Der kritische Zug für Schwarz wäre in der Diagrammstellung 76...Db5! gewesen. Gibt es dann einen Gewinnmechanismus für Weiß? Kleine Hausaufgabe für die Leser, wobei Computer kaum helfen werden, da sie solche festungsähnlichen Stellungen nicht verstehen!

Freitag, 14 Juni 2013 18:41

Neue Tablebases - Segen oder Fluch?

Ich wollte eigentlich über etwas anderes schreiben, aber aus aktuellem Anlass (gestrige Partie Carlsen-Kramnik im Tal-Memorial) scheint es mir angebracht, auf ein für die Endspieltheorie nicht ganz unwichtiges Thema einzugehen: die Fortentwicklung der Endspiel-Datenbanken, im guten alten "Denglisch" meist als Tablebases bezeichnet. Der technische Fortschritt ist auch in diesem Bereich unaufhaltsam und der neue Stand sieht so aus, dass alle halbwegs praxisrelevanten 7-Steiner allgemein verfügbar sind - vorausgesetzt, man besitzt ein zum (Online-)Abruf der Daten geeignetes Programm der russischen Firma Convekta, z.B. das recht bekannte "Aquarium". Nähere Informationen findet man auf der Website des Herstellers. Dort sind auch einige Beispiele aufgeführt, u.a. ein schwindelerregendes Matt in 545 und ein uraltes Turmendspiel aus dem WM-Match Steinitz-Gunsberg, gespielt am 29. Dezember 1890. Lange Zeit dachte man, dass Gunsberg gewinnen konnte, aber 122 Jahre später wissen wir Bescheid: es war doch remis!

Hinsichtlich der besagten Partie aus dem Tal-Memorial dauerte es nicht ganz so lange, sondern es genügte ein schlichter Knopfdruck bzw. Mausklick, um sofort die endgültige Wahrheit zu erfahren. Um folgende Stellung (Weiß am Zug) geht es:

 Bemerkenswert ist zunächst, dass dieses Endspiel überhaupt aufs Brett kam, da Schwarz durchaus brauchbare Alternativen zur Verfügung hatte. Kramnik hatte die Diagrammstellung in den letzten Zügen geradezu angestrebt, schätzte sie also anscheinend als remis ein. Auf den ersten Blick erscheint dies auch gar nicht so unplausibel, da Weiß nicht den zum h-Bauern passenden Läufer hat. Schwarz muss daher "nur" irgendwie den g-Bauern erwischen; dies erweist sich allerdings als unmöglich. Weiß kann mit Zugzwang arbeiten und wird früher oder später den schwarzen Läufer von den kritischen Diagonalen abdrängen. In der Tat gewann Carlsen in der Folge relativ leicht und Kramniks Fehleinschätzung erstaunt schon ein wenig. Auf der Pressekonferenz kommentierte der Weltranglistenerste die kramniksche Abwicklung recht diplomatisch: "This surprised me quite a bit", was in seiner Ausdrucksweise wohl ungefähr so viel bedeutet, dass er schier vom Stuhl fiel.

Früher hätte man das Endspiel vielleicht trotz allem mit einigem Aufwand untersucht (wer weiß, vielleicht gab es doch einen versteckten Remisweg?), aber jetzt spuckt die Maschine zu jeder Stellung alle relevanten Informationen aus. Zur Diagrammstellung erfahren wir zum Beispiel: Matt in 40! Aha. Nun handelt es sich hier noch um einen vergleichsweise seltenen Endspieltyp, aber auch z.B. über das äußerst praxisrelevante Turmendspiel mit zwei Bauern gegen einen ist nun alles bekannt und so manches Lehrbuch muss vermutlich umgeschrieben werden. Wo hört das alles auf? Nach Angaben von Convekta war der Abschluss der 7-Steiner-Analysen (die anderweitig schon seit etlichen Jahren im Gange waren!) eigentlich erst für 2015 vorgesehen,  sie hätten das Vorhaben mithilfe eines Supercomputers der Moskauer Universität jedoch innerhalb von nur sechs Monaten abgeschlossen. Über weitere Projekte in dieser Richtung ist noch nichts bekannt, aber es ist zu vermuten, dass auch die 8-Steiner früher oder später in Angriff genommen werden. Dabei muss man sich natürlich im Klaren darüber sein, dass mit jedem zusätzlichen Stein die Komplexität exponentiell anwächst. Neben immenser Rechenkraft sind also auch riesige Speicherkapazitäten notwendig, was neben der technischen Umsetzbarkeit auch eine Frage des Geldes ist. Trotz allem müssen wir damit rechnen, dass auch der nächste Schritt irgendwann bewältigt sein wird, auch wenn es noch Jahrzehnte dauern mag. Dabei muss man sich allmählich aber auch eine "ethische" Frage stellen: Wie weit wollen wir überhaupt gehen? Macht das Ungewisse, Unauflösbare nicht einen Teil der Faszination des Schachspiels aus? Theoretische Frage: Wenn man eine 32-Steine-Datenbank herstellen könnte, sollte man es dann tun? Ich persönlich habe kein gutes Gefühl dabei, aber ich mache mir keine Illusionen: Alles, was technisch machbar ist, wird auch irgendwann von irgendwem umgesetzt werden. Der Mensch an sich ist einfach zu neugierig!

sseu600

Mittwoch, 08 Mai 2013 16:46

Frage an die Leser

Als Abwechslung zur endlosen Schachpolitik mal wieder etwas Handfestes: Die aktuelle "Schach"-Ausgabe wirft eine Endspielfrage auf, die ich mir genau so auch schon gestellt hatte. Die Sache ist mir bis heute etwas rätselhaft. Vielleicht können die Leser dabei helfen, Licht ins Dunkel zu bringen? Es geht um die Partie Carlsen-Gelfand vom Londoner Kandidatenturnier, Stellung nach dem 44. Zug von Weiß (siehe Diagramm). Zur Erinnerung kurz die Partiefortsetzung: 44...Dxf1+ 45.Kh2 Db1 46.b7 Db5 47.c6 Ld5 48.Dg3 1-0. So weit, so einfach. Was aber ist, wenn Schwarz auf f1 mit dem Läufer nimmt? Es ist verblüffend, wie wenig Beachtung diese Möglichkeit fand. Die Londoner Kommentatoren hielten sie für hoffnungslos, Carlsen im Interview ebenso und Peter Heine Nielsen, der die Partie für "Schach" kommentierte, erwähnte den Zug nicht einmal. Aber wenigstens findet sich nun eine "Anm. d. Red." (vermutlich von IM Dirk Poldauf), die ich hiermit zitiere: "Zu prüfen wäre, ob bzw. wie Weiß nach 44...Lxf1! 45.Dxf7+ Kh8 46.Df6+ Kh7 47.Kh2 De8 gewinnt." Endlich noch jemand, der sich diese Frage stellt - ich dachte schon, ich sei einfach zu blöd! Zur Veranschaulichung noch einmal ein Diagramm:

Schwarz plant, eine weißfeldrige Blockade zu errichten und, wenn möglich, seinen Läufer für die beiden Freibauern zu geben. 48.c6 Lb5! 49.c7 La6 führt zu nichts, ebenso wenig wie 48.b7 Db8+. Also was tun? Dazu noch eine Anmerkung: Jeder kann hier seine Lieblings-Engine einschalten und wird feststellen, dass sie eine Gewinnstellung für Weiß anzeigt. Eine ganz andere Frage ist aber, ob dabei auch ein Gewinnweg herauskommt, ob also z.B. diverse Festungsmotive verstanden werden. Branchenführer Houdini hat hier jedenfalls seine liebe Mühe. Ich glaube, dass ich inzwischen trotz allem einen gewinnträchtigen Plan gefunden habe, aber besonders klar ist die Sache keineswegs. Für mich liegt auf der Hand, dass Gelfand so hätte spielen müssen, und ich verstehe nicht, warum dies so wenig beachtet wurde. Zu viel Engine-Gläubigkeit? Oder gibt es doch eine einfache Lösung? Was meinen die Leser?

Freitag, 12 April 2013 17:33

Two days in London

Was war das für ein Finale beim Kandidatenturnier in London! Dramatisch war's, kurios auch, nervenaufreibend, emotional, historisch - und ich war dabei. "Zufällig" hatte ich schon ein paar Wochen vorher meinen Oster-Kurzurlaub (Samstag bis Dienstag) in London gebucht und ich war dann auch wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, d.h. ich konnte die beiden letzten Runden live verfolgen. Diese Tage werde ich so schnell nicht vergessen. Was Schach betrifft, habe ich noch nie etwas Mitreißenderes erlebt. Die besten Spieler der Welt hautnah, ein Wechselbad der Gefühle, Hochspannung bis zur letzten Minute - und am Ende gewinnt auch noch mein Lieblingsspieler, Wahnsinn.

Schon bald war mir der Gedanke gekommen, dass ich für die Blogleser hier einen Stimmungsbericht verfassen könnte. Inzwischen bin ich seit über einer Woche wieder zu Hause und habe schon ungefähr zwanzig Mal erfolglos dazu angesetzt, etwas zu schreiben. Es ist nicht so, dass mir nichts einfallen würde, im Gegenteil fällt mir viel zu viel ein; ich bin immer noch ziemlich überwältigt von all den Eindrücken. Diese zu kanalisieren und in passende Worte zu kleiden, erweist sich als noch schwieriger, als ich anfangs dachte. Ich war ja nicht als neutraler Beobachter da, sondern in erster Linie als Carlsen-Fan. Und was habe ich gezittert und gebangt, meine Güte! Wenn man vor Ort dabei ist, hat es einfach eine ganz andere Intensität, als wenn man lässig zu Hause vor dem Computer sitzt, womöglich mit laufender Engine im Hintergrund. Man versteht viel besser die menschliche Ebene. Auch die vermeintlichen Halbgötter mit ihren gigantischen Elozahlen sind Menschen aus Fleisch und Blut, jeder ist anders veranlagt, aber alle sind von Emotionen geprägt. Was der Computer anzeigt, mag wissenschaftlich interessant sein, hat aber oft herzlich wenig mit dem zu tun, was in den Köpfen der Spieler vorgeht. Es ist auch z.B. einfach, aus der Ferne über Iwantschuks Zeitüberschreitungen zu lästern. Aber wenn der Mann wenige Meter vor einem sitzt und man jede Regung in seinem Gesicht studieren kann, beginnt man wenigstens annäherungsweise zu begreifen, wie er denkt, wie er fühlt, wie sensibel er ist. Iwantschuk verhält sich unwürdig, schmeißt leichtfertig oder gar absichtlich seine Partien weg? Wohl kaum.

Wie war denn nun die Atmosphäre vor Ort, wie fühlte es sich an? Zunächst ein bisschen wie Harry Potter, wenn er in Diagon Alley einkaufen geht. Man steht vor dem unauffälligen Gebäude, nichts lässt darauf schließen, was drinnen abläuft, aber man weiß ja Bescheid. Man lässt also die ahnungslosen Muggel stehen, tritt ein wie ein Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft und legt seine alltägliche Existenz an der Garderobe ab. Willkommen in der Parallelwelt. Hier sind die Bretter, die die Welt bedeuten, hier im dunklen Halbrund wird Geschichte geschrieben. Nichts auf der Welt ist wichtiger als der nächste Zug. Nur der Tablet-Computer, mit dem man die Kommentare verfolgen können soll, erinnert ein wenig an die materielle Außenwelt. Das Ding funktioniert aber sowieso nicht vernünftig, die Übertragung ruckelt wie verrückt, also weg damit, Atmosphäre einsaugen. Nobles Ambiente hier drin, aber egal, entscheidend ist die Gestik und Mimik der Spieler. Was macht Carlsen für einen Eindruck?  Der sonst so lässige Junge sieht angespannt aus, sitzt steif am Brett, manchmal verzieht er gequält das Gesicht. Der Spaßfaktor spielt ja für ihn sonst eine große Rolle, er spielt einfach unheimlich gern Schach. Im Moment macht es aber offensichtlich keinen großen Spaß, der Druck ist immens, aber da muss er durch. 4.Dc2 gegen Nimzo-Indisch von Radja, na gut, das hat er gegen Grischuk auch schon gemacht. Trotzdem starrt Carlsen die Stellung an, als sähe er sie zum ersten Mal in seinem Leben. Was ist los? Mein Gott, bereitet er sich denn gar nicht vor? Was macht eigentlich sein Sekundant in London, außer Sightseeing? Aber wenigstens kommen nach und nach ein paar Züge, auch wenn sie vollkommen improvisiert und nicht sehr überzeugend aussehen. Verrückt wird man hingegen bei der zweiten zentralen Partie des Tages (s. Diagramm):

Kramnik hat gerade 5.e3 gezogen, kein üblicher Zug, aber weiß Gott auch nicht besonders furchteinflößend. Man könnte meinen, dass Schwarz z.B. 5...Lg7 antworten kann, ohne direkt zu verlieren. Aber Gelfand, die alte Schnarchnase, überlegt und überlegt und überlegt. Man wartet, sieht, wie die Zeit verrinnt (10, 20, 30 Minuten...) und wird schier wahnsinnig. Als ob in der Partie nicht noch viel kritischere Momente zu erwarten wären! Irgendwann erfolgt endlich 5...dxc4, Kramnik eilt ans Brett, zieht a tempo 6.Se2 und verschwindet wieder. Und Gelfand verfällt in die nächste Brütphase, nicht zu fassen!

Aber schließlich geht die Partie natürlich doch weiter, ich habe inwischen auch genug gesehen und siedle in den Kommentarraum um, wo eine deutlich lebhaftere Stimmung herrscht. Richtig voll ist es hier, bei weitem nicht alle haben einen Sitzplatz. Vorne gibt Lawrence Trent mit wechselnden Partnern den Chef-Moderator und -Kommentator und er macht es richtig klasse. Jeden Spieltag ist er von Anfang bis Ende da und muss sich den Mund fusselig reden, aber er beweist eine tolle Kondition und ist nie um einen guten Spruch verlegen. Vor allem findet er eine schöne Balance zwischen Sachlichkeit und Unterhaltung. Und langweilig wird es sowieso nicht, schon allein wegen der Turnierkonstellation. 

Vor allem die Partie Kramnik - Gelfand ist natürlich hochinteressant. Zunächst scheint Gelfand die Eröffnung doch ganz gut gemeistert zu haben, aber die Zeit läuft ihm davon. Je näher die Zeitkontrolle rückt, desto höher steigt die Spannungskurve. Gelfand steht kritisch, aber er verteidigt sich prächtig, findet immer wieder Ressourcen. Der ganze Raum fiebert mit, wohl über 100 Leute. Keiner weiß, was los ist. "Kramnik gewinnt!", heißt es zwischendurch, "nee, doch nicht!" Und so weiter. Nach der Zeitkontrolle ist die Lage immer noch unklar, aber zum Glück schaut in diesem Moment Peter Swidler vorbei. Er tut zwar wie üblich so, als hätte er keine Ahnung, sieht aber in einer Minute mehr als Trent & Co. in einer halben Stunde. Tja, deswegen darf er hier auch mitspielen. Der Weltklassemann prophezeit ein Remis und tätsachlich kommt es einige Zeit später auch so. Vorhang auf für Carlsens Endspiel-Magie!

Und damit sind wir bei meinem persönlichen Highlight der ganzen Veranstaltung. Die Schlussrunde war ja auch nicht von schlechten Eltern, aber wie Carlsen dieses Endspiel knetete, hat auf mich einen noch größeren Eindruck hinterlassen. Natürlich war Radjabow nicht besonders gut drauf, aber meine Güte, der Mann hat knapp 2800 Elo und ist (noch) die Nr. 4 der Welt. Und Carlsen drückt ihn aus wie einen Schulbuben! Wobei ich einen Moment herausgreifen möchte, in dem noch einmal richtig Zittern angesagt war:

 Wohin mit dem schwarzen König? Natürlich möchte man gerne nach b7, was die Kommentatoren zunächst auch empfohlen hatten, und auf 76.Sc4 folgt vermeintlich 76...Sc6 "mit sicherem Mehrbauern". Plötzlich stellte man aber fest, dass nach 77.Sb2! dann auf einmal der Läufer weg wäre. Hoppla, das kann man nach so langem Kampf schon mal übersehen! Und just in diesem Moment zieht Carlsen tatsächlich 75...Kb7. Er wird doch nicht etwa... Oh Gott! Alle Carlsen-Fans (ich bin natürlich nicht der Einzige) halten den Atem an, Manager Espen Agdestein mag gar nicht mehr hingucken. 76.Sc4 geschieht, jetzt AUFPASSEN, waaaaa... und man erkennt auf dem Bildschirm, wie Carlsen von der Erkenntnis durchzuckt wird. König zurück nach a6, in nächsten Anlauf nach a7 und weiter geht's. Puh! Man wischt sich die Schweißtropfen von der Stirn, aber Moment mal, wie steht's denn jetzt überhaupt? Carlsen hat zwar einen Bauern mehr, er hat nicht die Figur eingestellt, aber kommt jetzt nicht der weiße König reinmarschiert? 78.Kd4 schon gespielt! Oh je, jetzt wird's konkret. Man versucht zu rechnen, auf den Analysebrettern wird fleißig herumprobiert, wieder weiß zunächst keiner, was los ist. Trent unkt: "Das kann Carlsen auch noch verlieren!" Aaarg! Gibt's eigentlich einen Arzt hier? Aber Radjabow ist inzwischen auch ziemlich fertig und findet nicht die besten Züge. Ehe man sich's versieht, hat Carlsen eine Figur mehr, der Rest ist einfach. Alles bereit zum großen Finale!

 

Am letzten Tag herrscht dann eine Atmosphäre, wie man sie von Schachturnieren wirklich nicht gewohnt ist. Die Räumlichkeiten sind proppevoll und im Analyseraum geht es teilweise zu wie auf einem Rummelplatz. Von links und rechts wird reingerufen, obwohl dies wegen der Internet-Übertragung eigentlich untersagt wurde. Vor allem der direkt neben mir stehende Jonathan Speelman (der immerhin auch schon mal im Kandidaten-Halbfinale war) ist überhaupt nicht zu bändigen und gibt mehr oder weniger laut ständig Zugfolgen und Bewertungen von sich. Auch sonst sind viele englische Prominente da: von der älteren Generation Nunn und Mestel, von den jüngeren Leuten u.a. Jones und Williams, leider lässt Adams sich nicht blicken. Speelmans Prognosen gefallen mir überhaupt nicht: Bei Carlsen wird es remis und Kramnik gewinnt das noch, prophezeit er. So weit sind wir aber noch lange nicht. Die Spannung ist mit Händen zu greifen, mit zunehmender Dauer wird es fast unerträglich, aber man kann ja hier nichts anderes machen als gebannt auf die Bildschirme zu starren und das Beste zu hoffen. Einer hat einen Laptop dabei und analysiert mit Houdini, das gilt nicht! Die Computer-Vorschläge nicht zu kennen trägt außerordentlich zum Reiz der Sache bei. Auch ohne Hilfsmittel wird allerdings mit der Zeit immer klarer, dass beide Führenden die Kontrolle verlieren und somit wohl tatsächlich das eintritt, was vorher nur als Gag vorhergesagt wurde: Carlsen und Kramnik verlieren beide! Aber die Dramaturgie wäre nicht perfekt ohne ein retardierendes Moment: Carlsen hat bereits aufgegeben, Iwantschuk steht kurz vor dem Sieg. Plötzlich wird die Kunde verbreitet, auch die letzte Partie sei vorbei. "Iwantschuk hat Remis angeboten!" Lähmendes Entsetzen - wieso remis? In totaler Gewinnstellung? Iwantschuk schenkt Kramnik den Turniersieg? Skandal, Schiebung, Betrug? Doch da kommt die Auflösung: "April, April!" Tatsächlich, es ist der 1. April und fast könnte man meinen, dass der liebe Gott persönlich sich einen kleinen Scherz erlaubt hat... Mir ist aber eigentlich nicht zum Lachen zumute, sondern ich bin einfach überwältigt. Diese zwei Tage waren so intensiv, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Ein einzigartiges Erlebnis - Schach pur!

 

Donnerstag, 14 März 2013 15:49

Die Hand Gottes

Wegen Zeitmangels komme ich im Moment nicht zu tiefschürfenden Analysen, aber eine kleine Einstimmung auf das morgen (na gut, bei Veröffentlichung des Artikels fast schon "heute") beginnende Kandidatenturnier will ich hier schon noch loslassen - natürlich wieder unter dem Blickwinkel des Endspiels. Meine Prognose ist nämlich, dass Magnus Carlsen gerade wegen seiner Überlegenheit im Endspiel das Turnier gewinnen wird. Eröffnungstechnisch werden alle Teilnehmer exzellent vorbereitet sein, auch der sonst etwas theoriefaule Weltranglistenerste, der mit Peter Heine Nielsen einen der besten Sekundanten verpflichtet hat, die man sich vorstellen kann. Im Mittelspiel sehe ich Kramnik und Aronian auf Augenhöhe, vielleicht sogar auch Iwantschuk, falls er in Topform sein sollte. Im Endspiel hingegen kann niemand Carlsen das Wasser reichen. Es ist unglaublich, wie viele Punkte er in dieser Partiephase holt und was für scheinbar leblose Stellungen er immer wieder gewinnt. Faul wie ich bin, verweise ich zu diesem Thema auf einen Artikel, den ich Anfang Dezember anderswo veröffentlicht habe, damals anlässlich der Partie gegen McShane in London. (Und wo ich schon dabei bin, auch noch der Hinweis auf den Artikel meines Vereinskameraden Martin Schmidt, der sich einige Endspiele aus der Bundesliga angeschaut hat, u.a. die hier in den Kommentaren angesprochene Partie Balogh-Khenkin.) Von vielen wird auch Kramnik als überragender Endspielexperte angesehen, aber das halte ich (auch wenn es in der Tendenz natürlich nicht ganz falsch ist) für übertrieben. Wenn man es konkret überprüft, stellt sich heraus, dass er bei weitem nicht immer das Optimum aus seinen Endspielen herausholt. Zu ein paar Beispielen kommen wir gleich noch.

Auch wenn ich mich in diesem Artikel um eine objektive Bewertung bemühe, will ich keinen Hehl daraus machen, dass ich ein langjähriger, eingefleischter Carlsen-Fan bin und natürlich meinem Idol fest die Daumen drücke. Woher kommt eigentlich diese Faszination, dieser "Carlsen-Hype", wie Blogkollege Thomas Richter es leicht abschätzig bezeichnet? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht genau, aber das ist ja gerade das Tolle. Es hat irgendwie etwas Mystisches. An der Spielstärke allein liegt es wohl nicht. Wunderkinder gibt es immer wieder, z.B. wurde Karjakin noch deutlich früher Großmeister, hat mich deswegen aber trotzdem nie besonders interessiert. Carlsens Spiel hat irgendetwas Besonderes, etwas Magisches, das man nicht erklären kann, sondern entweder fühlt oder eben nicht. Mir scheint jedenfalls, dass es ziemlich viele Leute fühlen, darunter auch einige von Carlsens Gegnern, die davon so beeindruckt sind, dass sie unter ihrem üblichen Niveau zu spielen scheinen. Ich selbst habe mich 2003 zum ersten Mal mit Carlsens Partien beschäftigt, als der damals 12-Jährige beim Open im österreichischen Schwarzach auftrat und die Titelträger das Fürchten lehrte. "Ein neuer Leko?" fragte "Schach" damals. Mir wird vielleicht keiner glauben, aber ich hatte schon damals das Gefühl, dass es sogar noch besser kommen würde. Ein Leko reicht ja auch schon, oder? :)  Ein Schlüsselerlebnis kam für mich jedenfalls einige Jahre später, als ich einem Playchess-Livekommentar von Daniel King folgte. Ich erinnere mich nicht mehr an die Begleitumstände, ich habe nur noch einen Satz im Kopf, mit dem der Großmeister kurz und knapp seine Eindrücke von einer Carlsen-Partie zusammenfasste: "Man konnte die Hand Gottes spüren." Ich bin eigentlich kein gläubiger Mensch, aber trotzdem scheint mir dieser Ausspruch den Nagel auf den Kopf zu treffen, auch wenn ich es, wie gesagt, nicht erklären kann. Und nein, mit Maradona hat das alles gar nichts zu tun. (Zur Illustration siehe übrigens Bild oben. Man beachte auch rechts den ebenfalls nicht unwichtigen O-Saft Gottes.)

Damit wieder zu einer irdischeren Betrachtungsweise. Man findet anderweitig bereits eine Untersuchung von Carlsens Eröffnungsrepertoire, entscheidender erscheint mir allerdings sein "Endspielrepertoire". Da Kramnik und Aronian vermutlich die härtesten Konkurrenten sein werden, folgt nun ein kleiner Rückblick auf Carlsens Endspiel-Duelle mit diesen beiden, angefangen mit dem Armenier.

Es ist keineswegs so, dass Carlsen im Endspiel schon immer besonders gut war, eher im Gegenteil. Zu Beginn seiner Karriere verdaddelte er noch einiges, aber die vorliegende Niederlage gegen Aronian (Tal-Memorial 2006) war ein sehr heilsamer Schock. Etwas ungenau hatte der Jungmeister auch schon vorher gespielt, aber die Diagrammstellung war immer noch remis und die richtige Spielweise aus der Endspielliteratur auch gut bekannt. Weiß droht hier eigentlich nichts, aber Schwarz ist dran und es ist nicht so einfach für ihn, einen unschädlichen Zug zu finden. 73...Tb8? wäre z.B. nicht gut, denn später bei Seitenschachs wäre dann die Distanz zum weißen König zu kurz. Details bitte ich ggf. in den einschlägigen Büchern nachzulesen. Richtig ist jedenfalls einzig 73...Kg6!=, falsch war hingegen die Partiefolge 73...Ta7+? 74.Ke8 und bereits aufgegeben, da der Durchmarsch des Bauern nicht vernünftig zu verhindern ist. Nach dieser Pleite setzte sich der Norweger auf den Hosenboden, beschäftigte sich intensiv mit der Materie und seine Endspiele wurden bald deutlich besser, auch in nicht-elementaren Stellungen.

 

Hier eine Kostprobe aus dem Kandidatenmatch von 2007. Sicher steht Carlsen mit Weiß hier ganz schön, aber wie lautet der Gewinnplan? 27.Sf5!! Zwei Rufzeichen von Mihail Marin, mit dem Kommentar: "Ein fantastischer Zug, der von sehr tiefem Stellungsverständnis zeugt." Das nun entstehende Turmendspiel musste präzise bewertet werden. 27...Sxf5 28.exf5 Kg8 29.Te4! Das Manöver Te4-g4-g7 ist sehr stark; Schwarz kommt gar nicht dazu, den d-Bauern abzuholen. Aronian fand keine Verteidigung, 1-0 nach weiteren 12 Zügen.

Auch Carlsens nächste Weißpartie in diesem Zweikampf war sehr interessant. Die Diagrammstellung sieht nicht sehr vorteilhaft für ihn aus, denn der Bauer c3 geht verloren und das auf der Hand liegende 36.Tf8 nebst Sxf7 führt nur zum Remis. Carlsen hatte jedoch schon einige Züge vorher die Gewinnidee entdeckt: 36.f4! Txc3 37.h5! gxh5 38.Tf8 Ta3 39.f5! und nun sieht man den Unterschied: Weiß erwischt den Bf7, ohne seinen mächtigen Springer abtauschen zu müssen. Gegen dieses Gespann war nichts mehr zu machen, 1-0 nach weiteren 10 Zügen.

Von den weiteren Partien kann ich natürlich nicht alles zeigen; in Linares 2009 verlor Carlsen zugegebenermaßen noch einmal ein objektiv remises Turmendspiel, allerdings nur durch einen sehr späten Fehler in keineswegs einfacher Stellung, nach zuvor starker Verteidigung. Hingegen gab es auch noch mehrere überzeugende Siege im Endspiel. Ich möchte noch an ein recht drastisches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit erinnern (Carlsen-Aronian, London Classic 2012):

So stand es unmittelbar nach dem Damentausch. Weiß hat hier einen Bauern mehr, aber die schwarzen Figuren sind deutlich aktiver. Die Kontrahenten waren sich einig, dass allenfalls Schwarz besser steht und Weiß eigentlich mit einem Remis gut bedient wäre. Es war jedoch erheiternd, wie die weiße Stellung in der Folge Zug um Zug immer besser wurde. Man hatte das Gefühl, dass Carlsen haargenau wusste, was zu tun war, während sein Gegner eher im Nebel stocherte. Schauen wir uns nach Art eines Vorher-Nachher-Vergleichs eine später entstandene Stellung an. Finden Sie die 20 Unterschiede:

 

Krass, oder? Was hat Schwarz mit seinen Figuren angestellt und was hat Weiß erreicht? Natürlich eine rhetorische Frage. Nähere Kommentare dürften sich erübrigen; 1-0 nach weiteren 8 Zügen.

Und damit zu Wladimir Kramnik, der sich auch immer wieder pikante Duelle mit dem jungen "Wikinger" lieferte. Das erste Endspiel zwischen diesen beiden entstand in Wijk aan Zee 2008; Carlsen gewann, aber dies war auch nicht allzu schwer, da er im Mittelspiel schon klaren Vorteil erzielt hatte. Spannender ging es beim Tal-Memorial 2009 zu: In einem eher langweilig aussehenden Endspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern spielten beide Seiten mit aller Macht auf Gewinn und nach einigen Komplikationen endete der Kampf remis. Einen Erfolg für Kramnik gab es dann in der Hinrunde des Grand Slam-Finales 2010, wobei die entscheidende Phase allerdings eher eine Art damenloses Mittelspiel war. Aufschlussreicher ist für uns die Rückrundenpartie:

Die Remistendenz von Turmendspielen ist bekannt, aber hier hat Kramnik mit Schwarz einen gesunden Mehrbauern und nach seinen eigenen Kommentaren ist die Stellung in der Tat gewonnen. Dennoch konnte Carlsen die Partie halten! Noch erstaunlicher war jedoch der Gang der Dinge in London 2010:

Mit sehr starker Mittelspielbehandlung hatte Kramnik sich eine Mehrfigur erarbeitet und hätte nach 62.Td3 recht einfach gewinnen sollen.  Er wählte jedoch 62.Txd6+?! und verkannte dabei offenbar die technischen Schwierigkeiten nach dem Abtausch der Türme und Springer. Objektiv war es zwar immer noch gewonnen, aber während Carlsen sich optimal verteidigte, griff Kramnik später erneut fehl und verdarb auch diese Partie zum Remis.

Hier haben wir nun Kramnik-Carlsen aus Wijk aan Zee 2011, auch wieder ein interessanter Fall. Schwarz hat gerade einen Bauern gewonnen, steht aber noch vor erheblichen technischen Schwierigkeiten, da der a-Bauer seine Kräfte binden wird und der weiße Läufer stark zu werden droht. Bei richtigem Spiel sollte Weiß sich behaupten können, aber derjenige, der das Maximum herausholte, war einmal mehr der Norweger!

Die letzten beiden Fälle: In London 2011 hielt Kramnik ein leicht unangenehmes Endspiel remis, ein Jahr später an selber Stelle tat Carlsen dasselbe, wobei diese Aufgabe m.E. die etwas schwerere war. Insgesamt zeichnet sich jedenfalls wieder das bekannte Muster ab: Hat Carlsen realistische Gewinnchancen, holt er auch den Punkt, steht er hingegen schlechter, hält er in der Regel remis. So muss man es machen und so kann man auch Weltmeister werden. Alles Gute, Magnus!

Montag, 18 Februar 2013 17:16

Endspiele aus Wijk, Teil 2

Ich beobachte schon seit Jahren einen gewissen Niedergang der Endspielkultur, aber was es in Wijk aan Zee dieses Jahr zu sehen gab, war zum Teil schon ziemlich starker Tobak. Irren ist menschlich, Fehler können immer passieren, aber wenn ich sehe, dass es gestandenen Titelträgern im Endspiel an elementaren Fähigkeiten und Kenntnissen fehlt, verblüfft mich das schon einigermaßen. Immerhin brauchen wir uns aus deutscher Sicht nicht zu beklagen, denn unser Vertreter Arkadij Naiditsch profitierte in seiner sportlich sehr bedeutsamen Schlussrundenpartie von der eklatanten Endspielschwäche seines holländischen Gegners Sipke Ernst, um die B-Gruppe zu gewinnen. Und damit wollen wir ohne großes Drumherum auch gleich in die kritische Phase dieser Partie einsteigen.

Unmittelbar nach der Zeitkontrolle ergab sich die obige Diagrammstellung. Naiditsch musste als Weißer unbedingt gewinnen, aber wie sollte das gehen? Auf dem Brett stand ein Bauernendspiel, wie es harmloser kaum sein könnte: symmetrische Struktur, genügend Reservetempi auf beiden Seiten - einfach nur totremis, das Ding. Der guten Form halber spielte Naiditsch noch ein paar Züge... 41...Ke6 42.Kc4 a6 43.a4 Kd6 44.b4 Ke5 45.h4 Gut, für den Fall eines Wettrennens, bei dem Schwarz den Damenflügel abgrast, steht der Bauer schon mal weiter vorne. Aber wieso sollte es überhaupt ein solches Wettrennen geben?

 

45...h5?? Mit diesem schrecklichen Zug gehen die Probleme los. Auf einen Schlag nimmt sich Schwarz am Königsflügel sämtliche Reservetempi. Weiß kann dort noch g2-g3 ziehen, Schwarz nichts mehr, da müssen doch die Alarmglocken schrillen! Zum leichten Remis führte stattdessen so ziemlich alles andere, z.B. 45...Kd6 46.Kd4 a5= 46.a5 Ich kann nur spekulieren, ob Ernst vielleicht diese Idee übersehen hat. So schwer war es doch eigentlich nicht?! 46...bxa5 47.bxa5 Kd6 48.Kd4 Und schwupps, schon ist Schwarz im Zugzwang. Es kommt also doch zu besagtem Wettrennen, wobei Schwarz auch schon seine Struktur maximal geschwächt hat. Sauber hingekriegt! 48...Kc6 49.Ke5 Kb5 50.Kf6 Kxa5 51.Kxg6 Kb6 (?) Im Prinzip ist auch das ein richtig blöder Zug, auch wenn er objektiv noch lange nicht verliert. Den Grund erkläre ich gleich, wenn wir ins Damenendspiel kommen. 52.Kxh5 a5 53.g4 a5 54.g5 a3 55.g6 a2 56.g7 a1D 57.g8D

Die Stellung ist eigentlich immer noch glatt remis. Im solchen Damenendspielen (D+B gg. D) nehmen die Gewinnchancen stark ab, je weiter der Bauer vom Zentrum entfernt ist. Mit dem Randbauern kann man es normalerweise vergessen. 57...Kc7?? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Ein gestandener GM kennt nicht einmal das kleine Einmaleins von Damenendspielen? Kann es wahr sein? Es sieht ganz danach aus. Für die Leser, die hier ebenfalls eine Bildungslücke haben sollten, seien die grundlegenden Zusammenhänge kurz erklärt: Das Problem aus Sicht des Verteidigers ist keineswegs, dass der h-Bauer einfach durchläuft. Nein, Damenschachs hat man im Prinzip immer genügend. Der Gefahr besteht nur darin, dass Weiß auf Schachs eventuell so mit der Dame dazwischenziehen kann, dass ein Gegenschach oder eine Fesselung entsteht, so dass ein gewonnenes Bauernendspiel erzwungen wird. Dies funktioniert natürlich nur, wenn der schwarze König passend steht. Wer mag, kann diesen als Experiment einfach mal vom Brett nehmen und schauen, ob Weiß in dieser hypothetischen Stellung noch irgendwie gewinnen kann. Kann er nicht, denn er kommt nie aus dem Dauerschach. Daraus folgern wir: Für Schwarz ist sein König ein reiner Störfaktor. Er sollte einfach nur möglichst weit weg stehen und sich ja nicht einbilden, dass er irgendwie ins Geschehen eingreifen müsse. Am besten läuft er in die schräg gegenüber liegende Ecke, hier also die bei a1. Diese hätte man natürlich schon früher anvisieren können und sollen, nämlich mit 51...Kb4! Zur reuevollen Umkehr mittels 57...Kb5! war es hier aber auch noch längst nicht zu spät. 58.Df7+ Kd8? Immerhin konsequent, aber leider gnadenlos falsch. Der König erinnert an jemanden, der mit der Gießkanne sein brennendes Haus löschen will, dabei aber nur die Feuerwehr behindert. Man hört den Löschtrupp förmlich schreien: "Mensch, lauf doch einfach weg, Junge, bring dich in Sicherheit! Wir kommen alleine gut zurecht, brenzlig wird es erst, wenn wir dauernd auf dich aufpassen müssen!"  59.Kg6 Dg1+ 60.Kh7 Db1+ 61.Kg8 Dg1+ 62.Dg7 Dh2 63.Df8+ Kd7 64.Df7+ Kd8 65.h5 Dg3+ 66.Dg6 Df4!  Objektiv ist es hier immer noch remis, aber Schwarz wandelt schon auf einem sehr schmalen Grat und muss einzige Züge finden. Wenn sein König nicht so beknackt stünde, könnte er hingegen z.B. Schach auf der achten Reihe geben. 67.Df7

67...Dg4+? Nach Computermaßstäben kommt hier erst der entscheidende Fehler (richtig war 67...Dg3+!), aber dies ist der geringste Vorwurf, den man GM Ernst in dieser Partie machen kann. Er hätte niemals in diese Lage kommen dürfen! 68.Kf8 Db4+ 69.Kg7 Dg4+ 70.Dg6 Dd7+ 71.Kf8 Und da hat es sich ausgeschacht. Wenn da bloß nicht dieser Blödmann auf d8 wäre... Dd4 72.Dg5+ Kc8 73.h6 Und den Rest schenken wir uns. Weiß spielte zwar auch nicht optimal weiter, gab den Gewinn aber nicht mehr aus der Hand.

 

Zur Entspannung nun eine etwas kürzere Geschichte, ebenfalls aus dem B-Turnier, nämlich van Kampen - Nikolic. Mit einer forcierten Abwicklung hatte die holländische Nachwuchshoffnung gerade einen Bauern abgegriffen. Ich interpretiere die Sache einfach mal als Endspiel im weiteren Sinne, auch wenn natürlich noch ein paar Schwergewichte auf dem Brett sind. Vier gegen drei Bauern am selben Flügel, tja, sicherlich nicht leicht zu gewinnen, aber man kann ohne jegliches Verlustrisiko lange kneten. Oder? So weit die Theorie, in der Praxis dauerte die Partie nur noch 10 Züge und endete mit einem Sieg für... Schwarz. Schauen wir mal, wie dieses Weltwunder vor sich ging: 29.g4?? Junge, Junge! Van Kampen tut so, als sei es ein "echtes" Endspiel, reißt sich bedenkenlos die Königsstellung auf und entwurzelt seinen Springer f3. Der Normalzug ist natürlich 29.Dc6, Computer finden zudem noch das trickreiche 29.Kh2!? mit der Pointe 29...Txe4? 30.Se5+-  Das schlichte 29.e5 ist ebenfalls möglich, wenn auch wegen 29...Sd4 vielleicht nicht ganz so aussichtsreich. 29...Txe4! Schwupps, da war der Mehrbauer weg. Nach 30.Txe4 Dxe4 hängt auch der weiße Springer und nach 31.gxf5 Dxf3 ist der Bauer f5 gefesselt. Das ist alles kein Zufall, sondern die Konsequenz des groben positionellen Missgriffs. 30.Td1? Objektiv gar kein besonderer Fehler, aber das Fragezeichen vergebe ich aus schachpraktischer Sicht. Weiß hat gerade seinen Mehrbauern eingestellt und verbleibt mit einer geschwächten Königsstellung. Da sollte man doch schauen, dass man wenigstens noch den halben Punkt mitnimmt. So gesehen lag der Turmtausch wirklich nahe, zumal Schwarz noch einen Trick sehen muss, um überhaupt das Remis zu erreichen: 30.Txe4 Dxe4 31.Se5 De1+ (oder auch 31...Db1+ 32.Kh2 Da2!) 32.Kg2 De4+ 33.Kh2  Df4+ 34.Kg1 und nun nicht etwa 34...Dc1+ 35.Kg2 und es gibt kein gutes Schach mehr, sondern...

34...Sg3!! Unnötig spektakulär, ich weiß, denn dieselbe Idee lässt sich auch einfacher mit 34...Sd4! verwirklichen, aber der Zug ist irgendwie einfach cool, und er funktioniert ebenso, z.B. 35.Dxf7+ Dxf7 36.Sxf7 Se2+ 37.Kf1 Sf4 38.Sxh6+ (38.Se5 g5) Kg7 39.g5 Sxh3=  Damit zurück zur Partie, die aber kein so großes Interesse mehr bietet. Das Remis wäre immer noch locker zu erreichen gewesen, aber van Kampen setzte seine leichtsinnige Spielweise nahtlos fort: 30...Sg7 31.Se5?! (warum nicht 31.Td8+ ?) Tf4 32.Dd6 De4 33.Dd5 De2

34.Tf1? Se6-+ Das Spiel ist aus, der schwarze Springer kommt mit verheerender Wirkung nach g5. 34.Sxg6! hätte stattdessen noch die Balance gehalten, da der Einschlag auf f2 gar nicht so schlimm ist, aber auch hier gilt: der größte Fehler war, sich überhaupt in diese heikle Lage zu bringen!  35.Sd7 Sg5 36.Da8+ Kh7 37.Da1 Sxh3+ 38.Kh2 Sxf2 0-1

 

Zur Abrundung auch noch eine unglaubliche Episode aus dem C-Turnier, nämlich van der Werf - Swinkels. Um das Ausmaß des Dramas zu vermitteln, zeige ich mit obigem Diagramm zunächst einen Schnappschuss aus dem Mittelspiel: Weiß hat einen kerngesunden Bauern mehr, die deutlich aktivere Stellung, Druck gegen e6 usw. Nach dem naheliegenden 34.Tc7 hätte eigentlich innerhalb von wenigen Zügen Feierabend sein sollen. Weiß spielte jedoch anders, zeigte in der Folge grausige Technik und verpatzte die Partie immer weiter. Irgendwann kam folgendes Bauernendspiel heraus:

Weiß am Zug kann hier immer noch leicht remis machen, aber das Ende der Fahnenstange ist noch keineswegs erreicht. 58.g3?! So kann man auch spielen, aber 58.h4! wäre die saubere Lösung gewesen. Nach 58...gxh4 59.Kh3 Kxc5 60.Kxh4 entsteht eine bekannte Remiskonstellation, in welcher mit dem doppelten f-Bauern nichts anzufangen ist. Das darf man als IM ruhig wissen oder auch am Brett finden, denn so kompliziert ist es ja nicht. 58...Kxc5 59.h4 Kd5 60.Kg2

Ein Minusbauer im Bauernendspiel ist normalerweise keine gute Nachricht, aber hier hat Schwarz einen Doppelbauern und Weiß einen Freibauern. Weiß kann ohne besondere Probleme remis halten; wie wir sehen werden, ist es sogar ziemlich schwer, überhaupt etwas falsch zu machen. Gefragt ist hier ein bisschen schematisches Denken. Was hat Schwarz überhaupt für Gewinnideen? Sein König muss den h-Bauern im Auge behalten, darf sich also nicht weiter nach vorne wagen. Läuft er nach h5, antwortet Weiß mit Kf3 und es geht nicht weiter, denn doppeltes Schlagen auf h4 führt nach Kf4 zum Verlust beider f-Bauern. Stellt Schwarz den König nach e5, sollte Weiß mit Kf3 oder Ke3 dagegenhalten. Auch das ist kein Problem. Wie sieht es mit Bauernzügen aus? Auf h4 tauschen bringt nichts, g5-g4 ist auch Käse. Bleibt also noch f5-f4. Auch dagegen gibt es ein einfaches Mittel: erst auf g5 tauschen, dann erst auf f4 nehmen. In der Regel geht sogar auch Kf3, denn nach fxg3 kann man immer noch hxg5 spielen. Nur sofort gxf4 ist wegen gxh4 grundsätzlich unklug, aber selbst das, so überflüssig es auch ist, geht in manchen Fällen. 60...Ke6 61.Kf3 Kf7 62.Ke2 Kg6 Nur als kleine Hintergrundinfo: 62...f4 kann, wie gesagt, mit 63.hxg5 nebst trivialem Remis beantwortet werden, aber selbst 63.gxf4!? gxh4 64.Kf3 f5 65.Kg2 Kg6 66.Kh2! kann man sich leisten. Schwarz kommt nicht durch. 63.Kf2 Kh6 64.Ke2 Kg6 65.Kf2 Kg7 66.Kf1 Kh7 67.Ke1 Kg8 Das sind alles nur sinnfreie Manöver à la Leko - Carlsen. 68.Kf1 Kg7 69.Ke1 Kf8 70.Ke2 Ke7 71.Kf2 Kd6 72.Ke3 Ke6 73.Ke2 Ke5 Okay, zu guter Letzt probiert er also noch diesen Zug. Kein Problem, jetzt einfach Ke3 oder Kf3, haben wir gesagt, liegt ja auch nahe...

74.Kf2?? Es darf nicht wahr sein. In Wijk spielen sie doch mit 30-Sekunden-Bonus, wie kann man da auf diesen Zug verfallen? 74...gxh4 75.gxh4 Kf4 Genau das durfte nicht passieren. Und es wäre so leicht zu verhindern gewesen, au weia... 76.Ke2 Kg4 77.Ke3 f4+ 0-1

Damit beschließen wir den zweiten Teil des Wijk-Rückblicks. Ob es noch einen dritten geben wird, weiß ich noch nicht. Material gäbe es genügend, aber ein bisschen Abwechslung wäre vielleicht auch nicht schlecht. Ich hoffe jedenfalls, dass die Botschaft jetzt schon angekommen ist, was für einen großen Unterschied es ausmacht, ob man über eine gute Technik verfügt oder nicht. Vor allem die Naiditsch-Partie ist ein Mahnmal für die Ewigkeit.

Montag, 04 Februar 2013 01:00

Endspiele aus Wijk, Teil 1

Man kann Endspiele mögen oder auch nicht, jedenfalls sind sie wichtig, sehr wichtig sogar. Wer dies spätestens nach der absurden Partie Naiditsch - Ernst noch nicht kapiert hat, dem ist nicht zu helfen. Zufällig konnte auch ich es im letzten Mannschaftskampf demonstrieren, als ich ein ausgeglichenes Endspiel noch gewann. Ich erwähne es deshalb, weil ich bei der Analyse in einer Nebenvariante auf ein verblüffendes, recht witziges Motiv stieß, das ich den Schachwelt-Lesern nicht vorenthalten will. Ich präsentiere also hiermit die erste Studie meines Lebens, wenn auch nicht wirklich komponiert, sondern eher zufällig gefunden. Siehe nebenstehendes Diagramm, Weiß zieht und macht remis! Irgendwelche Vorschläge? Aber bitte ohne Engine oder Tablebase!

Die Aktualität gebietet aber, dass wir uns nun höheren Eloregionen zuwenden. Nicht dass das Niveau der Endspielbehandlungen dort generell viel höher wäre. Es ist kaum zu glauben, was man selbst auf Spitzenniveau noch für Stellungen gewinnen kann, wenn man im Endspiel halbwegs fit ist. Magnus Carlsen zeigt es ja am laufenden Band. Andere stellen sich da nicht ganz so geschickt an. Schauen wir einfach mal in ein paar Ausschnitte rein:

 In der Partie Harikrishna - Giri hatte Weiß zwar einen "halben Bauern" mehr, konnte damit aber eigentlich nicht sehr viel anfangen. Ein 2700er sollte so etwas mit Schwarz normalerweise nicht verlieren. Im Interview räumte Harikrishna ein, dass das Endspiel natürlich remis gewesen sei, aber sein junger Gegner habe offenbar gedacht, er könne ziehen, was er wolle. Ach ja, der jugendliche Leichtsinn! Möglicherweise wurde Giri von dem Umstand eingelullt, dass Weiß eigentlich gar nichts droht. Was sollte er denn Tolles ziehen, wenn er dran wäre? Der Turm alleine kann nichts ausrichten, die Bauern sind alle blockiert und wenn der König zum Damenflügel läuft, stellt er den Königsflügel ein. Nun ist aber Schwarz am Zug und muss eigentlich nur einen brauchbaren Abwartezug finden. Auf c4 nehmen will man eher nicht, der Turm bleibt also stehen. Gut, kein Problem, dann eben ein Königszug. So weit war Giri in seinen Überlegungen auch gekommen und er zog nahezu a tempo 45...Kf6?? Nach 46.Ta7! verfiel er sodann in tiefe Schockstarre, da er erkannte, was er angerichtet hatte: Zugzwang! Die einzige Idee, die Weiß noch hatte! Was nun? 46...Ke6 47.Txg7 Txc4 48.Tg6+ kann man vergessen, denn die h-Bauern sind zu schnell. Also muss man entweder doch auf c4 beißen oder, wie in der Partie, zähneknirschend mit 46...g6 den weißen Doppelbauern auflösen. Damit ist die Partie übrigens noch längst nicht verloren, aber Giri war durch seinen Fauxpas wohl schon so aus dem Konzept geraten, dass er in der Folge wenig Gegenwehr leistete. Gehen wir noch einmal zur Diagrammstellung zurück und ziehen diesmal 45...Kf7! Ein Tempoverlust? Ja, aber das ist ja gerade der Witz an der Sache! Nach 46.Ta7+ Kf6 erreichen wir dieselbe Stellung wie gerade eben, aber diesmal ist Weiß im Zugzwang (im Fachjargon spricht man von reziprokem Zugzwang). Jeder legale Zug verschlechtert seine Stellung! Im Endeffekt gibt es nichts Besseres als Remis durch Zugwiederholung.

Das Motiv des Zugzwangs wird im Endspiel immer wieder vergessen. Die Partie Nakamura - Sokolov schoss in dieser Hinsicht den Vogel ab. Schwarz hat eine Qualität mehr, aktive Figuren und jede Menge Angriffsobjekte in Form schwacher Bauern. Was will man mehr? Sokolov war hier aber irgendwie im Blutrausch und zog 47...f4??, was zwar bei richtiger Fortsetzung auch gewinnt, aber vollkommen unnötig ist. Zu meinem Entsetzen bedachte Karsten Müller auf Chessbase diesen Schnapszug sogar mit einem Ausrufezeichen. Nein, Herr Müller, auch wenn es an Blasphemie grenzt, hier muss ich widersprechen. Immerhin habe ich Houdini mit einer Bewertung von -9 auf meiner Seite. Auch ohne Engine ist es aber nicht so schwer zu erkennen, dass Weiß sich hoffnungslos im Zugzwang befände, wenn er dran wäre. Jeder legale Zug würde entweder einen Bauern verlieren oder hätte das entscheidende Vordringen des schwarzen Königs zur Folge. Was macht Schwarz also am besten? Einfach mit 47...Tc3! abwarten und Weiß gibt auf, alles klar, danke, auf Wiedersehen. Das war jetzt nicht schwer, oder? Vielleicht zu einfach für Karsten Müller, der sich gerne hochkomplizierten Fällen widmet. Was den weiteren Verlauf der Partie betrifft, überlasse ich ihm daher auch das Feld. Mit viel raffinierteren Ideen, die auch wieder auf Zugzwang basieren, hätte Schwarz wohl auch sehr viel später noch gewinnen können.

 

Nur eine kurze Anmerkung zur Partie Aronian - Leko. Schwarz hatte mit präzisem Spiel ausgeglichen, traf nun aber mit 26...Td8? eine Entscheidung, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Aronian verstand es übrigens auch nicht, wie er im Interview bekannte. Wieso um Himmels Willen gibt Schwarz einfach einen Bauern her? 26...Lc6 war eine bequeme Alternative, wonach für Weiß keine vorteilhafte Fortsetzung in Sicht ist. Mit dem Läuferpaar hat Schwarz wenig zu befürchten. 27.Sd6 Lxd6 28.Txd6 Lf3! wiederum führt auch zu nichts, da der weiße König nicht aus der Box kommt. In der Partie mag Schwarz auch lange Zeit noch in der Remisbreite gewesen sein, aber es war eine Quälerei. Irgendwann strauchelte er, verlor die Partie und lamentierte hernach über sein "Unglück". Die Wahrscheinlichkeit dieses Unglücks hatte er aber auch erheblich gesteigert...

Wo wir gerade bei Leko sind: Dieses Läuferendspiel entstand nach 31 Zügen in der Partie Leko - Carlsen. Offensichtlich hat Weiß die bessere Bauernstruktur, so dass nur er auf Gewinn spielen kann. Im Endeffekt hat Schwarz aber gegen alle Versuche genügend Verteidigungsressourcen. Es geschahen noch weitere 52 Züge, aber es passierte im Grunde überhaupt nichts mehr. Ich erwähne die Partie eigentlich nur, weil ich über Carlsens Zusammenfassung so kichern musste: "Er hatte zwei Optionen: a4 und/oder g4 (...). Zwei Stunden lang zog er mit König und Läufer herum, ohne sich entscheiden zu können, und als Remis vereinbart wurde, standen die Bauern immer noch auf a3 und g2 :-) "

So, mit diesem Lacher beschließen wir den ersten Teil des Wijk-Reports. Einige gute Sachen habe ich noch auf Lager, also dranbleiben!

Donnerstag, 10 Januar 2013 01:00

Annäherung ans Faszinosum Endspiel

Vor etwa zwei Wochen äußerte ich in einem Kommentar den Vorschlag, dass ich in diesem Blog eine Endspielrubrik eröffnen könnte. Es handelte sich um eine ziemlich spontane Idee, über die ich nicht groß nachgedacht habe. Inzwischen ist der Deal tatsächlich zustande gekommen und es ist sicherlich angebracht, dass ich zunächst erkläre, was ich eigentlich vorhabe. Ehrlich gesagt muss ich da selbst erst einmal nachdenken. Es gehört zu den Mysterien der menschlichen Psyche, dass man das Zustandekommen seiner eigenen Entscheidungen selten (manche Experten sagen sogar: nie) wirklich nachvollziehen kann. Dies ist übrigens auch ein faszinierendes Thema, das gerade für Schachspieler von Interesse ist, führt hier aber zu weit.

 

Ich werde also nach besten Kräften (alle Angaben ohne Gewähr) versuchen zu erklären, worum es mir geht. Mein Ausgangspunkt ist, dass das Endspiel eine Materie ist, die stark polarisiert. Natürlich gibt es viele Schattierungen und ich übertreibe in der Folge ein bisschen, aber vereinfacht ausgedrückt gibt es zwei „Pole“, d.h. zwei grundsätzlich verschiedene Sichtweisen, die ich unter Schachfreunden beobachtet habe.

 

Sichtweise Nr. 1 (v.a. unter Amateuren sehr weit verbreitet): Endspiele sind langweilig. Eine technische Angelegenheit, zäh, trocken, oft passiert lange Zeit „nichts“. Es fehlt das Feuer der Kombinationen, es fehlt die Dynamik, die Romantik, kurz: alles, was Schach spannend macht! Endspielbücher sind voll von irgendwelchen abstrakten Manövern, die kein normaler Mensch versteht. Angeblich soll man die auch noch auswendig lernen, obwohl sie doch so gut wie nie aufs Brett kommen. Komische Namen haben sie oft auch noch. Wie bitte, „Van?ura-Stellung“, was soll das sein? Hat man in 20 Jahren Turnierschach noch nie gebraucht, also wird es wohl auch die nächsten 20 Jahre ohne gehen. Das ist doch nur was für Freaks. Ein richtig guter Spieler ist auf das Endspiel sowieso nicht angewiesen, der gewinnt sein Partien schon vorher. Eine starke Eröffnung, im Mittelspiel den Vorteil ausbauen, zünftig angreifen, mattsetzen und fertig. So spielt man Schach!

 

Sichtweise Nr. 2: Endspiele sind großartig, sie sind eigentlich das Schönste am Schach, quasi Schach pur. Unglaublich, was für subtile, raffinierte Wendungen selbst mit ganz wenigen Steinen möglich sind! Und diese klare, kraftvolle Logik ist einfach hinreißend; im Endspiel kann man endlich vollkommen in die Stellung eindringen und ihre innersten Zusammenhänge erkennen, alle Gesetze liegen einem vor Augen, alles passt zusammen, man ist praktisch wie Gott, es ist unglaublich. Wenn man seine wenigen Einheiten perfekt zu koordinieren versteht, so dass sie geradezu Wunder vollbringen, das ist wahre Harmonie, das ist die ganz große Kunst! In den Partiephasen davor, seien wir ehrlich, da wird doch viel herumgepfuscht. Man versucht halt, den Gegner irgendwie übers Ohr zu hauen, da ist jedes Mittel recht. Klar, so eine Opferkombination zum Beispiel ist nicht schlecht, aber letztlich ist das nicht viel mehr als Schaumschlägerei, ein seichtes Amüsement für die geistig einfach Gestrickten. Dieses taktische Geplänkel kann doch jeder lernen, wenn er unbedingt will. Im Endspiel hingegen trennt sich die Spreu vom Weizen, hier zeigt sich der wahre Könner!

 

bansem300Man könnte sich jetzt noch fragen, ob es nicht auch eine Sichtweise Nr. 3 gibt, nach der im Schach alles gleichermaßen toll ist, aber diese Einstellung habe ich noch selten angetroffen. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt, aber sie kann hier außer Betracht bleiben (ebenso wie die Sichtweise Nr. 4, dass Schach generell total doof ist). Nach meinen Erfahrungen würde ich ohnehin schätzen, dass mindestens 80 % aller Amateure mehr oder weniger der Nr. 1 zuzuordnen sind.

 

So weit, so schön – und welches Lager hat nun recht? Eine reine Geschmacksfrage? Welche Sichtweise bringt denn die besseren Ergebnisse? Nun, die einzige ehrliche Antwort, die ich hierauf geben kann, lautet: ich weiß es nicht. Auch die großen Autoritäten sind sich nicht einig. Manche sagen dieses, andere jenes. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte oder sonstwo. Wobei sich noch fragt, ob es überhaupt eine Wahrheit gibt oder nicht vielleicht viele individuelle Wahrheiten. Es gibt viele Arten, Schach zu spielen und sich mit Schach zu beschäftigen. Viele von ihnen können zum Erfolg oder zumindest zu großem Genuss führen. Letztlich muss jeder seinen eigenen Weg finden. Ich persönlich neige zur Zeit, wie sich der Leser wahrscheinlich schon gedacht hat, zur Nr. 2 (natürlich in einer etwas gemäßigteren Fassung; ich habe, wie gesagt, bewusst übertrieben), aber ich habe auch lange Zeit Nr. 1 vertreten. Mein Vorteil besteht eben darin, dass ich beide Lager sehr gut verstehen kann. Deshalb sehe ich mich als dazu geeignet an, als Vermittler zwischen ihnen aufzutreten. Ich bin kein Missionar, der die Leute unbedingt von seiner eigenen Meinung überzeugen will, sondern biete den zahlreichen Nr. 1-Anhängern an, sich etwas zu öffnen und sich mehr auf Nr. 2 einzulassen. Ich will versuchen zu zeigen, wie fabelhaft Endspiele sein können, wenn man sie vorurteilsfrei betrachtet.

 

Die Frage ist natürlich, ob die „1er“ an diesem Angebot überhaupt interessiert sind. Auch das weiß ich nicht, es wird sich zeigen. Wenn nicht, dann höre ich mit dem Schreiben wieder auf, denn für die paar „2er“, die sowieso jede Menge tolle Endspielbücher zu Hause haben, lohnt sich der Aufwand nicht (ich verdiene hier keinen Cent und habe genug andere Sachen zu tun). Meine Theorie ist jedenfalls, dass, genauso wie ich meine Einstellung im Laufe der Zeit geändert habe, etliche 1er in Wirklichkeit verkappte 2er sind oder zumindest dem Endspiel gar nicht so abgeneigt sind, wie sie selber glauben.

 

Schuld an der mutmaßlichen Verirrung ist m.E. vor allem die Propaganda der Schachbuchverlage, auch wenn diese möglicherweise (irgendwie auch verständlich) nichts anderes tun, als die naiven Wünsche ihrer Kunden zu bedienen. Eröffnungsbücher lassen sich am einfachsten vermarkten, denn es werden ja ständig neue Partien gespielt, so dass sich die Theorie laufend verändert. Man kann den Leuten also leicht vorgaukeln, dass sie unbedingt auf dem Laufenden bleiben und ständig neue Bücher kaufen müssen. Dies funktioniert noch besser, wenn man der Eröffnung eine völlig überhöhte Bedeutung zuschreibt. Gute Vorbereitung sei essentiell, wird behauptet, man muss irgendwie einen Vorteil erzielen, der Rest wird sich dann schon finden. „Winning with [Eröffnung XY]“ heißt es doch z.B. so schön. Mit der richtigen Eröffnung gewinnt man also die Partie! 

Besonders raffiniert ist dabei die klassische Zwei-Schritt-Methode, die in vielen Marketingbereichen Anwendung findet:

a) Man bauscht ein Problem auf, dass es eigentlich gar nicht gibt.

Man jagt den potentiellen Kunden (= ganz überwiegend Feld-, Wald- und Wiesenspieler, zu denen ich mich auch zähle) also Angst ein und täuscht sie darüber, was sie angeblich alles wissen müssen. So bringt man sie dazu, dicke, oft mehrbändige Wälzer zu kaufen, die allenfalls für Profis nützlich sind. Dass die Eröffnung eigentlich ihr geringstes Problem ist und durch die Arbeit an anderen Bereichen automatisch auch die Eröffnungsbehandlung besser wird, braucht man ihnen ja nicht zu verraten. Ganz abgesehen von dem Umstand, dass das sture Kopieren von vorgebenen Repertoires der schachlichen Entwicklung mehr schadet als nützt.

b) Die angebliche Lösung des (eigentlich nicht existenten) Problems hat man zufällig auch im Programm.

Sie besteht in weiteren Eröffnungsbüchern, nur anders aufgemacht. Der Inhalt ist fast derselbe, aber sie sind einen Tick billiger und es steht in großen freundlichen Buchstaben „Don't Panic“ darauf. Nein, tut es nicht, da war ich kurz geistig woanders (Douglas Adams-Fans wissen Bescheid), aber man sieht ähnlich beruhigende Floskeln wie „easy guide“, „starting out“ oder „move by move“.

Wenn man diese Strategie verfolgt, sind Endspielbücher natürlich nur noch schwer zu vermarkten. Von John Nunn gibt es z.B. ein relativ neues zweibändiges Werk, das qualitativ überragend ist und viele tiefsinnige Erkenntnisse enthält. Mit der Wahl zum englischen Schachbuch des Jahres erhielt es die wohl prestigeträchtigste Auszeichnung überhaupt. Trotzdem bietet Niggemann die Dinger an wie sauer Bier und verhökert sie letztlich zum Schleuderpreis.

 

Die Geringschätzung des Endspiels durchsetzt alle Ebenen, wie man z.B. an vielen Bedenkzeitmodi erkennen kann. 2 Stunden für 40 Züge und 30 Minuten für den Rest, so lautet die übliche Open-Bedenkzeit. Die implizite Aussage ist klar: Bis zum 40. Zug wird richtiges Schach gespielt, „der Rest“ (man beachte den abwertenden Ausdruck) ist ein unwichtiger Nachklapp. Die Schachpresse macht auch ganz gerne mit. Gelungene Kombinationen werden immer groß gefeiert, gelungene Endspiele hingegen kaum beachtet. Ein Taktiker wie Nakamura gilt als total interessant und darf überall mitspielen, ein Techniker wie Jakowenko, immerhin amtierender Europameister, wird als Langweiler verschrien und bekommt so gut wie gar keine Einladungen. Nichts gegen persönlichen Geschmack, aber diese regelrechte „Nr. 1-Diktatur“ würde ich gerne ein bisschen aufweichen.

 

So, nun habe ich schon ziemlich viel geschrieben, mehr als ich ursprünglich wollte. So richtig los geht es dann beim nächsten Mal (in ca. zwei Wochen), aber einen kleinen Appetitanreger will ich hier schon noch präsentieren. Ich will dem Kollegen Losso nicht zu sehr das Wasser abgraben, aber die eine oder andere Endspielstudie gehört sicherlich zu meinem Thema dazu. Ich persönlich mag vor allem partienahe Studien, in denen mit einfachen Mitteln elegante Ideen verwirklicht werden. Das folgende Exemplar von Wladimir Korolkow ist ein schönes Beispiel. Die Studie ist auch gar nicht so fürchterlich schwer zu lösen, d.h. wer sie noch nicht kennt, kann ruhig einmal sein Glück versuchen.

1koro1

1.f7 liegt auf der Hand und wegen 1...Tf6? 2.Lb2 sowie 1...Tg8? 2.fxg8D+ Kxg8 3.Se7+ ist 1...Ta6 eindeutig die einzige Chance. Nun verstellt 2.Kb2 das Feld b2, erlaubt also 2...Tf6, und nach 2.Kb1? fällt der Springer mit Schach. Also 2.La3! Txa3+ 3.Kb2 und auf den ersten Blick ist es schon aus, aber Schwarz hat noch eine Menge trickreiche Schachs, da der weiße König bestimmte Felder nicht betreten darf. 3...Tb3+? ist nun von der Idee her richtig (4.Kxb3 Le6+), aber nach 4.Ka2! ist die Diagonale a2-g8 verstellt und man hat schon kein gutes Schach mehr. Deshalb 3...Ta2+ und nun muss Weiß sich genau überlegen, wo er hinläuft. 4.Kc1!! ist der einzige Gewinnzug. 4.Kc3? liefe hingegen in eine Sackgasse: 4...Tc2+! 5.Kb4 (5.Kd4 Td2+ nebst 6...Td8) Tb2+ 6.Kc5 Tc2+ 7.Kb6 Tb2+ und der König findet nirgends eine Zuflucht (8.Kc7 Tb7+). Am Königsflügel gibt es bessere Versteckmöglichkeiten, daher ist die folgende Sequenz klar: 4...Ta1+ 5.Kd2 Ta2+ 6.Ke3 Ta3+ 7.Kf4 Ta4+ 8.Kg5

1koro2

 

Nun gibt es schon mal kein Schach von der Seite mehr, aber deshalb ist Schwarz mit seinem Latein noch nicht am Ende: 8...Tg4+! und das Remis scheint doch gesichert zu sein, denn Weiß darf den Turm nicht schlagen (9.Kxg4 Lxf5+ 10.Kxf5 Kg7 ist remis) und wenn er ihn nicht schlägt, folgt 9...Tg8! mit Neutralisation des Bauern. Wir brauchen also eine neue Idee und allmählich dämmert uns, dass es nicht nur um Bauernumwandlung und Vermeidung von Dauerschach geht, sondern auch um Mattangriff! Deshalb 9.Kh6! (nun hat der König vollends das ganze Brett überquert!) 9...Tg8! (9...Tg6+ 10.Kxg6 Lxf5+ 11.Kf6! oder 11.Kh6!) 10.Se7! und der Turm kann nicht ziehen (10...Tf8 11.Sg6#). Das ist immer noch nicht das Ende vom Lied, denn Schwarz kann den Turm mit 10...Le6! decken. Nützt ihm aber nichts, denn 11.fxg8D+ (oder natürlich 11.fxg8T+, aber so etwas zählt nicht als Doppellösung) Lxg8 12.Sg6# führt zu einem reizenden Mattbild, das zu Beginn keiner erwartet hätte.

 

Ich zitiere dazu aus „Secrets of Spectacular Chess“ von Jonathan Levitt und David Friedgood (meine Übersetzung): „Wenn Sie diese Studie nie zuvor gesehen haben und an ihr nichts Aufregendes finden können, besteht unser einziger Rat darin, das Spiel aufzugeben. Sie werden im Schach keine Zukunft haben!“ Mir persönlich ist das einen Tick zu missionarisch, auch wenn es wahrscheinlich stimmt. Ich orientiere mich lieber an Loriot: Wenn Ihnen diese Studie nicht gefallen hat, werden Sie meine weiteren Artikel auch nicht recht mögen. Sie brauchen sie also nicht zu lesen.