Krennwurzn

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)
Montag, 04 März 2019 23:27

IST expandiert

Es ist verdächtig ruhig geworden um das IST AUSTRIA (Institut für sinnlose Turniere), obwohl es doch zahlreiche Erfolge wie die Turnierserie ohne Teilnehmer und das Turnier mit Diskriminierungsverdacht nach EU-Recht, eine Damenbundesliga mit zwei Brettern, usw. gab.

Nun aber ist der Krennwurzn zu Ohren gekommen, dass das IST nach Deutschland expandieren möchte und die längst aus gut bekannten Gründen in den Nullerjahren verworfen Idee einer Internetmeisterschaft mit dem DSB neu „aufleben“ zu lassen. Das erscheint zwar sehr verwunderlich, da sich von den Argumenten gegen eine solche in den letzten Jahren nichts geändert hat.

Deutsche Internetmeisterschaft (Quelle DSB-Homepage)

Der Antrag wurde von den Delegierten angenommen. So wird es ab dem kommenden Jahr ein Pilotprojekt "Deutsche Internetmeisterschaft" mit Vorrunden und einer Endrunde geben. Teilnahmeberechtigt sind Spieler mit einer Spielberechtigung des Deutschen Schachbundes, also DSB-Mitglieder (Punkt A-4 der DSB-Turnierordnung). Alle Turniere werden mit Blitzschachbedenkzeit online auf dem Server von ChessBase ausgetragen. Voraussetzung dafür ist eine für das Onlinespiel gültige Seriennummer von ChessBase. Hier der Antrag im Original (ohne die Änderungen vom Hauptausschuss)

Antrag Deutsche Internetmeisterschaft

Möglicherweise wurde aber der Krennwurzn hier am Rosenmontag oder für den Faschingsdienstag hinterlistig das Konzept einer Büttenrede des Präsidenten des Deutschen Schachbundes zugespielt, denn so richtig ernst nehmen kann man dieses Vorhaben außerhalb der närrischen Hochzeit kein realitätsbezogener Schachfreund ?

Internetschach ist zwar eine wunderbare Sache und wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, dann wird man gar nicht so oft betrogen wie man gerne annimmt, um die eigenen Nichtleistungen schönzureden. Schenkt man den veröffentlichten Zahlen Glauben, so bewegt man sich im Promillebereich und erreicht das erste volle Prozent eher nicht. Die Serveranbieter haben gar nicht so schlechte Cheatingerkennungssoftware am Laufen und einfache Betrugsversuche lassen sich leicht erkennen und stellen somit kein essentielles Problem dar – zudem sind Internetelopunkte wertloser als gebrauchte Zahnstocher. Betrug macht einfach keinen Sinn.

Anders sieht die Sache allerdings aus, wenn es um Titel und/oder Preisgeld geht. Dann kann die Sache schnell interessant werden und auch hier werden die Primitivbetrüger wohl rasch und zuverlässig aufgedeckt – da habe ich keine technischen Sorgen.

Nur könnte es da juristisch schnell mal gefährlich für den Veranstalter werden und mit gefährlich ist natürlich auch teuer gemeint. Die bisherigen Erfahrungen mit Sportbetrügern im Schach sind ja, dass wenn der Weg zur staatlichen Gerichtsbarkeit eingeschlagen wurde, die Verbände und Veranstalter meist nicht den gewünschten Erfolg erzielen konnten und beträchtliche Prozess- und Nebenkosten selbst tragen mussten. Das liegt daran, dass viele schachinterne Regelungen nicht den strengen Anforderungen unseres Rechtsstaates entsprechen und das so mancher „Beweis“ durch widerrechtliche Eingriffe zustande gekommen sein könnte, denn nicht alles was Server auf unseren privaten Rechnern abfragen könnten ist auch rechtlich erlaubt. Fensterwechsel, Taskwechsel, Prozessorlast, welche Tasks laufen, usw… da kommt man leicht vom erlaubten Weg in den Treibsand der Unrechtmäßigkeit ab.

Lässt man das einfach mal locker außer Acht, so gibt es auch sachliche Einwände, den Betrüger müssen ja nicht immer so doof vorgehen, dass sie leicht aufzudecken sind. Kein vernünftiger Schachspieler wird die volle Stockfishpower verwenden und dann hoffen sich wie Houdini einst aus den Fesseln des klar ersichtlichen Betrugs befreien zu können. Klar so kann das nicht funktionieren – aber die Vorgehensweise der Cheatingerkennung ist ja keine Geheimwissenschaft, sondern eine statistische Methode die uns irgendwann sagt: Vorsicht da wird es sehr, sehr unwahrscheinlich!

Und da landen wir beim ersten Problem: wir müssen diesen Zeitpunkt festlegen und laufen damit in die Probleme der systembezogenenen Unschärfe: Die Schlagworte sind hierfür false positive und false negativ! Da lauert eine Gefahr, die wir seit Werner Heisenberg auch aus einem anderen Fachgebiet kennen – es ist nicht alles gleichzeitig berechenbar – auch wenn wir uns das gerne vorgaukelt – vor allem im Computerzeitalter und wir auf „big data“ praktisch blind vertrauen wollen. Will ich auf keinen Fall jemanden des Betrugs beschuldigen, so rutschen mir methodenbedingt Betrüger durch die Maschen des Systems und will ich alle Betrüger überführen, dann werde ich viele Nichtbetrüger zu Unrecht beschuldigen. Das ist alles schon lange bekannt und daher möchte ich die Leser nicht mehr weiter damit langweilen.

Denn wir landen schon beim nächsten Problem: jene Betrüger die die Cheatingerkennungsfähigkeiten in ihre betrügerischen Absichten einkalkulieren, bieten sich sehr gute Chancen. Bei meiner Recherche bin ich im dunklen Teil des Internets auf eine interessante Seite diesbezüglich gestoßen, dort wird einem vereinfacht gesagt angeboten, dass man „gute, aber nicht zu gute Turniere“ mit dieser Software spielen kann. Wie sollte man das verstehen? Nun der Krennwurzn gelang im Frühjahr 2017 genau so ein Turnier durch blankes Glück:

2019IST 01

Unglaubliches Ergebnis der Krennwurzn

Also 1800er auf Startrang 30+ ein siebenründiges 20 Minuten Schnellschach OTB ungeschlagen zu überstehen, dass hätte ich mir niemals träumen lassen und doch ist es einmal mit viel Glück Wirklichkeit geworden. Fünf Punkte aus sieben Runden und nur einen Punkt hinter dem Turniersieg und das wirklich ohne unerlaubte Hilfsmittel – ich glaube es heute noch nicht wirklich. Nun in meinen Partien führte nicht eine illegale Software sondern reines Glück zum Erfolg – aber warum sollte eine Software dies nicht auch simulieren können? Jetzt kann man berechtigterweise fragen: wer wurde geschädigt, die Krennwurzn hat ja kein Preisgeld (es gab wohl keinen Kategoriepreis) und keinen Titel gewonnen. Das stimmt sehr wohl, aber der Gegner aus Runde 3 landete aufgrund der Zweitwertung punktegleich nur auf Rang 2. Das bedeutet im Umkehrschluss: potentiell unauffällige Betrüger könnten indirekt Einfluss auf das Endergebnis nehmen. Zumal sich ja mehr Betrüger in einem Feld verstecken können als Glückspilze. Sind das gute und faire Voraussetzungen für eine Meisterschaft?

Möchte die Krennwurzn Internetmeister werden, dann bräuchte sie natürlich massive Maschinenunterstützung und müsste damit ein zu hohes statistisches Entdeckungsrisiko auf sich nehmen. Also lassen wir das und lassen die mittelmäßigen Betrüger gute, aber nicht zu gute Turniere spielen und damit möglicherweise indirekten Einfluss auf den Ausgang nehmen und kommen wir zum Hauptproblem:

Möchte sich ein guter Spieler auf betrügerischer Weise einen Vorteil verschaffen, dann bräuchte dieser gar nicht so viel Unterstützung und wie sollte man diese dann erkennen und gerichtsfest nachweisen können? Ein sehr heißes Eisen – will das ein Verband wirklich angreifen?

Hätte beispielsweise Fabiano einen kleinen Mann im Ohr gehabt, der nur zweimal aktiv geworden wäre:

2019IST 02

Opps Kg6 Blunder Lh4 und Sg1 gewinnt

2019IST 03

 Dh5 +2

Und wahrscheinlich hätten wir einen neuen Weltmeister gehabt und niemand wäre auch nur auf die Idee gekommen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Welche Cheatingerkennungssoftware hätte dies aufdecken können? Keine wenn man ehrlich zu sich selbst ist, denn die maßgeblichen Parameter hätten sich nicht signifikant geändert.

Natürlich sind die Methoden zur Cheatererkennung besser geworden, aber die Vorstellung, dass man jeglichen Betrug aufdecken könnte ist genauso utopisch wie im anderen Spitzensport auch. Dort wird mehr Geld und mehr Wissen investiert und auch dort schaffen es die meisten Dopingsünder locker durch die Kontrollen – wie uns immer wieder gezeigt wird.

Logischerweise können sich Nonames nicht die Titel und die Preise abholen, aber Nonames können Einfluss auf das Endergebnis nehmen und die starken Spieler könnten sich so manche kleine Hilfe nehmen.

Dann sind wir bei der letzten Gefahr angelangt, die man auch nicht außen vorlassen sollte: falsche Betrugsbeschuldigungen! In erster Lesung betrifft diese Gefahr nur die Stars und die sind Risiko ja gewohnt und müssen damit leben, aber angenehm sind solche Anschuldigungen für niemanden. Und was ist eigentlich mit jenen Hobbyspielern die durch Cheatingerkennungssoftware und nach Expertenmeinung ungerechtfertigterweise als Betrüger öffentlich bloßstellt werden könnten? Wer hilft glaubt diesen dann, dass sie wirklich sauber gespielt haben und nur das Glück der Krennwurzn hatten?

IST so ein Turnier das Risiko wert?
IST ein Verband bereit diese Risiken für sich und seine Spieler einzugehen?
Oder IST das es doch nur ein Narrenscherz??

Donnerstag, 10 Januar 2019 19:45

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben

Die Krennwurzn spielt zwischen Weihnachten und Neujahr traditionell beim Donauopen in Aschach nahe Linz mit und gibt dort auch noch regelmäßig seinen Senf zu den Runden dazu. Aufgrund einer unbedachten Äußerung muss die Krennwurzn – obwohl schachlich nicht dafür geeignet – in der A-Gruppe spielen, bis sie einmal durchgenullt wird – aber all das sollte heute nicht unser Thema sein.

Wie spielt die Krennwurzn eigentlich Schach? Nun ein Held vor dem Herrn ist die Krennwurzn nicht und sie mag lieber ruhige Stellungen und die Krennwurzn ist wie so viele schwächere Spieler auch ein wenig ängstlich. Angst vor Niederlagen hat die Krennwurzn eigentlich nicht wirklich und viel Erfahrung mit Niederlagen hat sie auch genug, dennoch verliert niemand gerne und genau das kann zu „unnötigen“ Niederlagen führen – aber lassen Sie sich kurz in die Gedankenwelt der Krennwurzn entführen:

Die Krennwurzn (1800) spielte mit den weißen Steinen gegen einen gut bekannten „unkonventionellen Angreifer“ (1900) – die Bilanz vor der Partie (+1,-1,=2) war ausgeglichen und die letzte Partie konnte die Krennwurzn im Endspiel nach überstanden Angriff gewinnen. Also auf ins Endspiel und wenn es geht ohne große Stürme im Vorfeld.

1.c4 Bitte kein Benoni, Wolga- oder andere Gambits 1...e5 2.Sc3 Lb4 3.Sd5 Ld6?! 4.d3?! möchte e4 verhindern 4...c6 5.Sc3 f5!?

2019Tode01

 

Genau solche Angriffsstellungen wollte Weiß verhindern, aber nun gibt es kein Zurück mehr. 6.e4 f4 Bleibt Weiß jetzt passiv, dann wird er überrollt, das leuchtet sogar einer Krennwurzn ein und widerwillig wird nach aktiven Möglichkeiten gesucht. 7.g3 Die Alternativen (7.c5 Lc7 (7...Lxc5?? 8.Dh5+) 8.d4 und 7.d4 exd4 8.c5) hätten alle in ungeliebte Stellungen geführt.

7...Sf6 8.d4 Diese Idee wäre mit dem Tausch auf f4 besser gewesen (8.gxf4 exf4 9.d4 Lb4 und nun gibt es eine taktische Lösung für das Problem auf c3 10.e5!! Se4 11.Ld3 Sxc3 12.Dh5+! Kf8 13.Ld2 Sxa2 14.Txa2 Lxd2+ 15.Kxd2 so was zählt nicht zu den Lieblingsstellungen der Krennwurzn)

8...Lb4 9.Lg2 fxg3 10.hxg3 exd4 11.Dxd4 d6

2019Tode02 

Den Eröffnungskampf hat Weiß klar verloren auch wenn er laut Computer besser steht, aber Schwarz hat Angriffsmarken und Weiß muss taktische Probleme lösen – beides gefällt der Krennwurzn nicht.

12.Le3 ist noch kein Fehler, aber mir gefällt die Stellung nicht mehr. 12.Lg5 gefiel mir nicht 12...Sbd7= aber Schwarz kann in Ruhe angreifen und der Computerzug 12.Lf4 kam mir gar nicht in den Sinn. 12...0–0 13.f3?! Die taktische Lösung 13.c5 dxc5 (13...Lxc5 14.Dc4+ Kh8 15.Lxc5 dxc5) 14.Dc4+ Kh8 15.a3 b5 16.Db3 sah ich nicht – die Angst hat bereits vollständigen Besitz über die Krennwurzn gewonnen.

13...d5?

2019Tode03

Ein verfrühter Angriff, aber durch die Angst sind viele Auswege dem geistigen Auge schon verstellt, obwohl sie offenstehen. Stattdessen hätte Schwarz mit 13...Sbd7 14.a3 Lc5 15.Dd2 Db6 die Daumenschrauben schon etwas anziehen können. Das hat wohl Phantomschmerzen bei der Krennwurzn ausgelöst und im Zusammenhang mit der fehlenden Königssicherheit den Panikzug 14.0–0–0? ausgelöst. Aber hätte es noch Rettung gegeben? Natürlich und einfach noch dazu 14.cxd5!! und Schwarz muss einen wichtigen Angreifer abtauschen und einige seiner Figuren stehen ja noch in der Garage 14...Lxc3+ (14...a5 15.a3; 14...Db6 15.Dd3) 15.Dxc3 cxd5 16.e5! (16.exd5?? Sxd5) 16...d4 17.Dxd4 Dxd4 18.Lxd4 Sc6 19.Se2 und weicht der Springer mit 16. … Se8 zurück, so steht Weiß auch wieder die kurze Rochade zur Verfügung.

14...c5? wieder ein aggressiver Fehler. 15.Dd3 d4 keine der weißen Figuren kann genommen werden und eigentlich steht es gar nicht so schlecht um Weiß, aber die Angst hat sich schon tief in das weiße Denken eingefressen. Die offensichtliche "Rettung" 16.Lg5 der Figuren verstellt den Blick auf die Tatsache, dass ja auch die weiße Stellung Trümpfe hat - der komplette schwarze Damenflügel noch schläft.

2019Tode04

Das sofortige 16.e5 stellt Schwarz sehr unangenehme Fragen 16...g6 17. exf6 Lf5 habe ich am Brett gefürchtet und übersehen, dass ich nun in aller Ruhe meine bedrohten Figuren wieder ins Spiel bringen kann.

Und es gibt für Weiß viele andere taktische Probleme zu lösen (16...De7 17.f4! Schwarz kann keine Figur vorteilhaft schlagen 17...h6

a) 17...dxe3 18.exf6 gxf6 19.Ld5+ Kh8 20.Le4 f5 21.Ld5;

b) 17...dxc3 18.exf6 cxb2+ 19.Kb1! Txf6 20.Ld5+ Kf8 (20...Kh8 21.Dxh7#) 21.Txh7 Th6 (21...Lf5 22.Th8#) 22.Sf3+–) 17.exf6 Lf5 (17...Lxc3 18.Lg5 Db6 19.De2 (19.bxc3 Lf5! 20.De2 Db1+ 21.Kd2 dxc3+ 22.Ke1 c2 23.Tc1) ) 18.Se4+–]

Wie sollte man das schaffen, wenn man Angst hat und mit der Stellung und sich selbst total unzufrieden ist?

2019Tode05

16...Da5 Schwarz greift mit natürlichen Zügen an und Weiß verliert den Faden komplett. Der Partiezug 17.Sb5 geht auch noch im Remissinne, Weiß hat immer noch andere Möglichkeiten, aber vollkommen von der Angst in Besitz genommen und dem Schicksal ergeben wird nur mehr reagiert nicht mehr agiert.

Mit 17.Lxf6 Txf6 noch einen schwarzen Angreifer nicht ins Spiel kommen lassen möchte Weiß auf keinen Fall. ABER halt 18.Sd5 stellt doch Schwarz vor Probleme? 18...Dxa2 (18...Ta6 19.e5 Dxa2 20.Dxh7+ Kf7 21.Sxb4 Da1+ 22.Kd2 Dxb2+ 23.Sc2 Dc3+ 24.Ke2) 19.Sxf6+ gxf6 20.f4 Sc6 21.Sf3 La5 (21...Sa5 22.e5 Dxc4+ 23.Dxc4+ Sxc4 24.exf6 Lf5 und die Mattgefahren sind weniger geworden) 17.e5 nach 17...g6!? (17...Lxc3 18.exf6 g6 19.f4 Lf5 20.Ld5+ Kh8 21.Sf3 Lxd3 22.Txh7+ Kxh7 23.Th1#) 18.exf6 Lf5 muss Weiß erkennen können, dass die Dame geopfert werden kann 19.f4!! Lxd3 20.Ld5+ Kh8 21.Txh7+ Kxh7 22.Sf3 mit Matt]

In der Partie folgte nun nach 17...Dxa2 mit 18.Sc7?? der letzte Fehler. Natürlich will Weiß nicht den Turm auf a8 schlagen - das Feld e6 muss irgendwie unter Kontrolle gehalten werden – aber es ist schon zu spät?

Eigentlich immer noch nicht – die weiße Stellung war gar nie so schlecht und sogar jetzt hätte es noch einen Ausweg gegeben – und wieder wäre das Motiv 18.e5!!

2019Tode06

ein letztes Mal noch möglich gewesen.

18...g6? 19. Sd6 und Weiß steht besser

a) 18...Da1+ 19.Kc2 Da4+ 20.Kb1 Lf5!! 21.Dxf5 Dxd1+ 22.Ka2 mit Dauerschach;

b) 18...Se4 19.f4 (19.fxe4?? Tf2–+) 19...Sxg5 20.Ld5+ Kh8 21.Sd6 f5 und e6 sind unter weißer Kontrolle;

In der Partie bringt Schwarz mit 18...Sc6 eine weitere Figur mit diversen Mattdrohungen ins Spiel 19.Sd5 [19.Lxf6 Txf6 brächte nun einen weiteren Angreifer wirklich ins Spiel. 19...Sxd5 20.exd5 Lf5 und Weiß muss aufgeben. Ja zu Tode gefürchtet ist tatsächlich auch gestorben!!

Was können wir schwachen Spieler daraus lernen? Nun einmal Angst ist ein sehr schlechter Berater und hemmt das eigene Spiel. Steht man einmal wie das Karnickel vor der Schlange ist die Partie schon vorbei – auch wenn es noch viele Auswege gibt. Werden wir dann all die Computervarianten am Brett finden? Natürlich nicht, aber mit weniger Angst haben wir nicht zwingenderweise mehr Erfolg, aber vielleicht mehr Freude am eigenen Spiel.

Nun hat die Krennwurzn ein wenig geflunkert, denn so erfahren mit Niederlagen ist sie nun auch wieder nicht, denn 70% meiner Partien verliere ich eben nicht. Könnte das Problem nicht doch an den mangelnden Erfahrungen mit Niederlagen liegen. Ich denke ja und es ist ein generelles Problem im Schach. Wir lesen immer nur von Siegen und Erfolgen und vergessen komplett, dass es ohne Verlierer keine Sieger geben kann und wir unsere Einstellung zu Sieg und Niederlage ändern müssen: beides sind „part of the game“ und daher möchte ich Sie mit Berthold Brecht ein wenig nachdenken lassen:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
„Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“


Die Partie zum Nachspielen:

 

Nun es ist nicht leicht Interviewpartner für die Krennwurzn zu finden – viele wollen nicht oder haben Angst vor einem Interview und andere will die Krennwurzn nicht. Zudem ist die Themenauswahl auch nicht so leicht. Schachpolitik verschwindet in letzter Zeit komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung und Skandale sind auch eher die Ausnahme. Daher möchte die Krennwurzn einen anderen Weg gehen und sich mit einem aktiven Schachtrainer und -spieler unterhalten. Die Wahl fiel dabei leicht und die Krennwurzn verfiel auf den Nationaltrainer der österreichischen Frauen, IM Harald Schneider-Zinner.

Krennwurzn:
Lieber Harald, in Österreich bist Du ja bekannt, aber wir haben hier viele Leser aus Deutschland – also stelle Dich bitte etwas ausführlicher vor:

HSZ:
Ich wurde am 1. April 1968 geboren. Das erklärt meine Vorliebe für Aprilscherze. :-).
Bei uns zu Hause stand immer ein Schachbrett herum, sodass ich mit dem Herumschmeißen von Figuren aufwuchs, bis das Ganze mal halbwegs nach richtigem Schach aussah.

2018HSZ01
HSZ in jungen Jahren

In unserer Pfarre übernahm ich recht früh eine Jungschargruppe. Wir diskutierten viel, unternahmen zahlreiche Reisen und führten viele Theaterstücke auf. Das beeinflusste sicherlich meine Berufswahl zum Lehrer – Sonderschul- Körperbehinderten- und Sprachheilpädagogik. Die Ausbildung bedeutete drei Jahre "Hahn im Korb" in einer Gruppe mit 10 Frauen und zwei Männern (das perfekte Abhärtungstraining für einen zukünftigen Trainer des Frauen-Nationalteams).

Ich unterrichtete dann 14 Jahre im Sonderschul - und Volksschulbereich; 10 Jahre davon mit Christine - meiner Lieblingslehrerin - im Teamteaching. Wir ergänzten uns hervorragend, nur Werken konnten wir beide nicht, das gaben wir erfolgreich ab.

Krennwurzn:
Schach gespielt hast Du ja schon seit Jugend an, aber wie wurde ein Trainer aus Dir?

HSZ:
2003 holte mich Robert Zsifkovits als Jugendkadertrainer ins Burgenland (von der Zeit her werde ich in Artikeln oft als Burgenländer und Wahlwiener beschrieben – dabei ist es genau umgekehrt ?). Ich absolvierte die Ausbildung zum Instruktor und 2005 die FIDE-Trainer-Ausbildung in Berlin (2010 dann die Trainerausbildung). Neben meinem Lehrberuf und der Trainertätigkeit blieb nur mehr wenig Zeit zum Schachspielen und für mein Privatleben (ich neige bis heute ein wenig zum „Workaholic“).

Schließlich animierte mich Eveline - meine Frau - etwas Arbeit über Bord zu werfen. Nachdem meine Kollegin schwanger geworden ist und sich unser "Dreamteam" in der Schule somit halbiert hatte, war die Entscheidung einfach: ich machte mich als Schachtrainer selbstständig (das Sicherheitsnetz war aber eng geknüpft, unter anderem durch die Möglichkeit immer wieder in den sicheren "Schulhafen" zurück zu kehren, aber auch durch zahlreiche Kontakte und finanzielle Absicherungen ...also kein sehr gewagter Schritt und keine Abhängigkeiten von Funktionären).

Krennwurzn:
Wann bist Du nach Wien „zurückgekehrt“?

HSZ:
2008 übernahm ich den Wiener Jugendkader, nachdem Präsident Christian Hursky mit seinem Team das Wiener Schach aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst hatte. Es begann eine sehr schöne Trainertätigkeit, aus der in vieljähriger Arbeit Valentin Dragnev (knapp vor dem Großmeistertitel stehend und heute Großmeister und Nationalspieler), Christoph Menezes (IM), Felix Blohberger (IM und Nationalspieler), Marc Morgunov und zahlreiche andere starke Burschen hervor gingen.

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Jugendkader 2012

Bei den Mädchen arbeite ich seit 2010 mit Nikola Mayrhuber zusammen, die mit mir ins Nationalteam wechselte. Außerdem entwickelten sich wunderbare Spielerinnen wie Sophie Konecny, Dorothea Enache, Wu Min, ... die serienweise die Jugendmeisterschaften gewannen.

Zum Abschiedsfest Ende 2016 kamen alles in allem 60 geliebte Leute: Spieler und Spielerinnen, Eltern und Funktionäre. Selten ist mir ein Abschied so schwergefallen. Allerdings sind zu vielen sehr freundschaftliche Kontakte über die Trainerarbeit hinaus bis heute geblieben.

Krennwurzn:
Wieso kam es zum Abschied aus Wien?

HSZ:
Den Abschied hatte ich zirka ein halbes Jahr davor geplant mit dem Ziel, mir eine längere Auszeit zu nehmen und mal viele Turniere auf der Welt zu spielen, die sich bis dahin noch nicht ausgegangen sind. Dann wurde ich aber von Christian Hursky und Kurt Jungwirth gefragt, ob ich den österreichischen Frauenkader trainieren wolle – und ich zögerte nicht lange.
2015 konnte ich in Island in diesem Bereich schon erste Erfahrungen sammeln. Ich betreute die Mannschaft bei der Team-Europameisterschaft und irgendwie passte alles zusammen. Wir erreichten den fantastische geteilten 4. – 9. Platz (u.a. mit einem 2:2 in der Schlussrunde gegen das Weltklasseteam aus Georgien).

Der Frauen-Nationalkader besteht heute aus 12 motivierten jungen Frauen. Keine davon ist Profi. Familie und Beruf (bzw. Schule oder Studium) spielen eine vorrangige Rolle im Leben der Frauen – aber daneben hat Schach einen sehr gewichtigen Stellenwert. Ich konnte auf der hervorragenden Arbeit von GM David Shengelia aufbauen, brachte aber natürlich meine eigenen Vorstellungen und Strukturen mit.

Krennwurzn:
Du hast aber neben der Trainertätigkeit auch noch andere Aufgaben?

HSZ:
Seit 2011 leite ich die Trainerausbildung (die Karl-Heinz Schein aufgebaut hatte), die mir sehr am Herzen liegt. Unsere Sportler verdienen gut ausgebildete Trainer. Dabei ist viel Organisatorisches zu erledigen. Allerdings nimmt mir Generalsekretär Walter Kastner mit seinem großen Einsatz viel Arbeit ab. Und überhaupt klappt die Zusammenarbeit im ÖSB und im Sportausschuss aus meiner Sicht sehr gut. Alle sind motiviert, leisten viel und schätzen und unterstützen einander.

2018HSZ03

Griechenland 2015

Krennwurzn:

Am Schachbrett sieht man Dich ja auch noch – und dies gar nicht so selten?

HSZ:
Zum Schachspielen komme ich leider nicht mehr so oft, aber wenn genieße ich es und spiele meist recht unbefangen. Großartig ist es natürlich mit meinen ehemaligen Schülern GM Valentin Dragnev, IM Felix Blohberger und FM Jakob Gstach (der aus Studiengründen allerdings wenig Zeit hat) gemeinsam in der 1. Bundesliga zu spielen.

Unser Schachverein Ottakring, den ich mit einem wunderbaren Team leite, liegt mir sehr am Herzen. In den letzten Jahren ist richtig viel weiter gegangen. 2016 wurden wir zum Sportverein des Jahres in Österreichs gewählt (vor den Handballern und anderen tollen Sportarten) und ich konnte mit Niki gemeinsam den Kristall der BSO bei der Gala entgegennehmen. Die vorangegangene Online-Abstimmung spiegelt natürlich nicht ganz die wahren Verhältnisse wider, zeigt aber, dass die österreichische Schachgemeinde hervorragend vernetzt ist und toll zusammenhält.

Und ja, auch auf unsere Arbeit sind wir stolz. Ich denke, dass wir zu den führenden Schachvereinen im Spitzenschach, Jugendschach und Frauenschach in Österreich zählen (zirka 50 Jugendliche und 25 Frauen bzw. Mädchen sind bei uns – bei über 100 Mitgliedern). Das ist nur durch das Zusammenspiel eines guten Teams mit vielen motivierten Leuten möglich.

2018HSZ04

Team Ottakring

Krennwurzn:
Nun haben wir Dich ausreichend vorgestellt und es wird Dich nicht verwundern, dass jetzt nach Krennwurzn Art die unangenehmeren Fragen kommen werden – ich hatte Dich ja vorgewarnt.
Starten wir gleich mit einer Provokation: Bist Du als IM nicht zu schwach um als Trainer erfolgreich arbeiten zu können?

HSZ:
Ich denke, das müssen andere beurteilen. Am besten misst man einen Trainer ja wohl an seinen Schützlingen. Ich glaube, dass ich mit meiner Jugendarbeit das österreichische Schach ganz gut weitergebracht habe (GM Dragnev und IM Blohberger sind für das Nationalteam bereits in jungen Jahren wichtige Stützen).
Und das Frauen-Nationalteam konnte ich in zwei Jahren von Platz 37 auf 25 in der Weltrangliste führen. Das liegt in erster Linie am tollen Einsatz unserer Spielerinnen aber ich denke, dass ich meine Arbeit ziemlich gut (und mit großer Freude) mache. Unterstützt werden wir dabei seit einem Jahr auch von einer sehr guten Mentaltrainerin – Denise Salamon. Aber auch die Unterstützung und das Vertrauen der ÖSB-Funktionäre helfen uns enorm weiter. Vieles ist einfach Teamarbeit.
Ein Erfolgsgeheimnis liegt im tollen Zusammenhalt des Teams. Auch wenn es mal nicht so läuft, unterstützen sich die Spielerinnen und halten zusammen. So konnten wir schon die eine oder andere Krise meistern. Und der 2. Platz 2018 beim Mitropacup mit einem sehr jungen Team war ein Erfolg, für den es auch international viele Gratulationen gab.

Krennwurzn:
Ich habe insgeheim auf den Konter gewartet, dass der wohl beste Schachtrainer Mark Dvoretzky auch „nur“ IM war. Nun möchte ich abseits der Provokation fragen: Warum ist eigene Spielstärke nicht das Hauptkriterium für einen guten Trainer?

HSZ:
Na ja, ich habe ja ein recht gutes Selbstvertrauen, aber auf die Idee mich mit Dvoretzky auch nur annähernd zu vergleichen, wäre ich nicht gekommen - seine Bücher „Für Freunde und Kollegen Teil 1+2“ geben übrigens tiefe Einblicke in die Trainerarbeit. Natürlich ist die Spielstärke eines der vielen Kriterien, die einen Trainer auszeichnen und man muss dann auch sehr ehrlich entscheiden bis zu welchen Grad man seinen Spielern noch helfen kann oder wann man sie lieber an einen anderen Trainer weiterempfehlen sollte.
Aber die Arbeit mit Menschen ist ein sehr komplexes Feld. Man muss Inhalte gut erklären können, sollte seinen Spielern mit Empathie begegnen, Vertrauen muss aufgebaut werden, ein System muss entwickelt werden in dem sinnvolles Arbeiten möglich ist, die Spieler müssen zum selbstständigen Arbeiten animiert werden, gutes Material muss ausgewählt werden, das Training muss so gestaltet sein, dass es für die jeweiligen Spieler möglichst maßgeschneidert ist, Krisensituationen müssen bewältigt werden.
Vieles spielt sich abseits der schachlichen Ebene ab. Die Eigenschaften die man als starker Spieler und als starker Trainer benötigt, sind eben zwei unterschiedliche paar Schuhe. Kaum ein Trainer wird in allen Bereichen perfekt sein – es kommt eben aufs Gesamtpaket an.

2018HSZ05

Olympiateam 2018

Krennwurzn:
Kommen wir zum Spitzenschachtraining zurück – Du kennst sicherlich die Krennwurzn’sche Forderung 2600 mit 16 Jahren und 2700 mit 18. Diese plakative Forderung scheint auf den ersten Blick überzogen, schaut man sich aber die aktuelle Weltspitze an, so scheint genau dies notwendig zu sein. Eine der Nebenwirkungen dieser Forderung ist ja, dass angehenden Topleute auf die Schulbildung verzichten müssen, weil beides nicht mehr schaffbar ist. Können wir da in Europa – speziell in West- und Mitteleuropa da noch mithalten?

HSZ:
Deine Forderungen sind nicht von der Hand zu weisen. Das Höchstleistungsalter ist im Schach sicherlich deutlich gesunken und wenn man ganz an die Spitze will, muss man auf vieles verzichten. Im österreichischen Schachbund bekennen wir uns klar zu einem dualen System und unterstützen unsere Athleten dabei. Nachwuchsleistungszentren bieten dafür eine gute Basis, um intensiv zu trainieren und den Maturaabschluss zu erlangen. Aber das ist kein Honigschlecken für die Spieler und bedeutet Verzicht auf vieles andere.
Die Leistungen unserer Spieler (zum Beispiel der geteilte 6. – 14. Platz des Herren-Teams bei der Olympiade 2018, punktegleich mit Indien) zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind.
Uns ist aber bewusst, dass wir die Arbeit mit den jungen Spielern immer mehr intensivieren müssen, viele Schritte sind bereits eingeleitet. Und Präsident Christian Hursky puscht und motiviert mit Recht in diese Richtung.
Spitzensportler sind es gewohnt zielgerichtet und intensiv zu arbeiten. Und es gibt dann immer noch den zweiten Bildungsweg. Jeder motivierte junge Sportler muss da selbst seine Entscheidung treffen.

Krennwurzn:
Im Rahmen einer Diskussion habe ich folgende Statistik erstellt und zwei gleichalte Spieler gewählt, wovon einer in die Weltspitze kam und der andere eben gerade nicht.

2018HSZ06

Sicherlich ein unwissenschaftlicher Vergleich, aber zeigt sich nicht das Bild, dass Meier in jungen Jahren nicht die Möglichkeit hatte gegen starke Spieler anzutreten und könnte das auch ein Problem für junge Spieler hier in Österreich sein, nicht schon früh auf härteste Konkurrenz zu stoßen?

HSZ:
Dein Vergleich ist sicherlich treffend. Wir benötigen starke Gegnerschaft um stärker zu werden. Der ÖSB fördert seine Spitzenspieler sehr dabei sich internationale Härte zu holen und im Ausland gegen starke Konkurrenz zu spielen. Gegner in einem Bereich zwischen plus 150 Elo und ein paar wenige mit minus 50 Elo sind nach Markus Ragger perfekt. Er meint auch, dass 100 Partien im Jahr für junge motivierte Spieler ein guter Richtwert sind.
Die Trainer unterstützen bei der Turnierauswahl.
Im Frauen-Nationalteam fordere ich mindestens 50 Partien im Jahr. Wie gesagt, alle sind Amateure, aber wir erwarten bei den Förderungen eine semiprofessionelle Einstellung. Auf individuelle Situationen nehmen wir natürlich Rücksicht. Und ein großes Selbstengagement ist immer Voraussetzung.
Leider fehlt die harte nationale Konkurrenz im Jugendschach. Wir haben einige wirklich starke Spieler, aber dann kommt ein großes Loch. Der ÖSB versucht mit einem bundesländerübergreifenden Projekt das 2019 starten wird entgegen zu steuern. Aber alle im Jugendschach beteiligten Personen sind in der Pflicht hier mitzuarbeiten. Leider scheiterte eine Initiative von mir die Vereine der 1. Bundesliga zu verpflichtender Jugendarbeit anhalten.

Krennwurzn:
Meine Sorge dabei ist, dass man den richtigen Ausstiegszeitpunkt aus dem Spitzensport erkennen sollte, um nicht in existenzielle (Sinn)krisen zu schlittern. Mir ist in diesem Zusammenhang eine Aussage von GM Maurice Ashley in Erinnerung, der gesagt hat, dass anders als bei körperlichen Sportarten die Entwicklung viel sprunghafter sein kann, weil das menschliche Gehirn die Informationen zuerst erlernen und dann erst verketten muss. Wie unterscheidet man eine Form- oder Lernkrise von der persönlichen Leistungsgrenze? Und wie geht man als Trainer mit dieser Frage um?

HSZ:
Das sind wichtige Schlüsselfragen. In der Tat erfolgt die Entwicklung im Schachsport anders – und viel komplizierter – als zum Beispiel in einer Ausdauersportart. Wenn du im Ausdauerbereich das Training perfekt gestaltest, Belastung und Erholung richtig setzt und das Training im richtigen Ausmaß steigerst, sollte sich die Leistung dazu linear entwickeln.
Im Schachsport ist das anders. Du trainierst oft lange Zeit und spürst, dass du gut arbeitest. Aber in den Ergebnissen spiegelt sich das nicht wider. Das kann für den Spieler, für den Trainer, für die Eltern und die Funktionäre oft sehr frustrierend sein.
Der Grund liegt darin verborgen, dass das Gehirn die komplexen Inhalte erst entsprechend verknüpfen und zusammensetzten muss, bis ergebniswirksame Reize entstehen. Man benötigt in diesen Phasen der scheinbaren Stagnation oft viel Geduld und Selbstvertrauen.
Ich denke, das sind Phasen wo ein Trainer seine Stärken beweisen kann, vor allem in dem er Spieler nicht einfach fallen lässt. Steckt ein Spieler in so einer Krise und vermittelt mir mit seinem Einsatz, dass er wirklich arbeiten möchte, versuche ich ihn/sie vorbehaltlos zu unterstützen.
Milan Novkovic, den ich für einen der besten Trainer Österreichs halte (allerdings hat er kaum Zeit für diese Tätigkeit), hat mir in diesem Zusammenhang ein wunderbares Buch empfohlen: „Der längere Atem“ von George Leonard. Die Phasen der scheinbaren Stagnation werden dort als „Plateau“ bezeichnet – und es ist wichtig dieses „Plateau“ zu lieben (sprich es anzunehmen als das was es ist – eine Phase des Lernens und Ansammelns“) um eine nächst höhere Stufe (das nächste „Plateau“) zu erreichen. Und das erfolgt dann oft sprunghaft – also mit einem enormen Eloschub der je nach Alter und Spielstäre weit über hundert Elo liegen kann (oben wird die Luft natürlich dünner).

Dann war da noch deine Frage, wann man das Erreichen der Leitungsgrenze erkennt und wann es sich nur um eine Krise handelt. Hier ist es wichtig, dass der Trainer seinen Spieler wirklich gut kennt und ein gutes Feeling für diese Problematik hat. Wichtig ist, dass der Wunsch zu arbeiten und für seinen Sport Opfer zu bringen vom Spieler ausgeht. Die Wünsche der Eltern oder des Trainers sollten da nicht hineinprojiziert werden. Es ist recht einfach im U8U10-Bereich Kinder so zu puschen, dass sie Titel gewinnen, aber diese sind nicht wichtig. Wichtig ist die Langzeitentwicklung. Hier gilt es konsequent zu arbeiten, Trainingsreize und Erholung im richtigen Maße zu setzten, und vor allem die Freude zu erhalten. Als Trainer benötigt man einerseits den Willen zum Erfolg, aber auch ein gutes Maß an Entspanntheit.
Mit zunehmendem Alter und zunehmendem Reifegrad tritt aber immer mehr die Selbstverantwortung des Spielers in den Vordergrund. Wir haben in unserer Gesellschaft große Freiheiten und müssen/dürfen damit umgehen. Nicht jeder wird glücklich, wenn er einen „klassischen“ Weg geht. Aber man muss auch wissen, worauf man sich einlässt.
Für den Trainer ist es dabei wieder wichtig eine vertrauensvolle Gesprächsbasis mit seinen Spielern zu haben. Sie sollen das Gefühl haben jederzeit mit ihrem Trainer diese Problematiken durchbesprechen zu können.
In meiner Praxis hatte ich diese Situation natürlich auch schon ein paar Mal: Druck durch Schule oder Studium, die erste tiefere Beziehung, Belastung durch den Sport – oft kommt im Leben viel zusammen. Ungefragt versuche ich mich aber mit Ratschlägen zurück zu halten. Ich muss schon wirklich sehr alarmiert sein, um von meiner Seite aus einem Spieler zu raten das Handtuch zu werfen. Aber oft ist eine längere Pause sinnvoll. Türen und Gesprächsdrähte müssen dann halt auch offenbleiben.

2018HSZ072016 Kristallgala der ORF ist mit dabei


Krennwurzn:
Dein Ex-Schüler Marc Morgunov wurde in Riga des Betrugs überführt und vom ÖSB gesperrt. Ich möchte aus Rücksicht auf das Alter nicht weiter auf den Fall eingehen, sondern generell fragen, was läuft da schief, setzen wir die Spieler unter zu harten Druck, dass sie keinen anderen Ausweg finden?

HSZ:
Man sollte von einem Einzelfall nicht auf das ganze System schließen, aber natürlich tragen wir eine Verantwortung für unsere Spieler. Aber dass Druck im Spitzensport immer ein großes Thema ist, ist klar.
Ich denke, dass der ÖSB die Verantwortung wahrnimmt und mit dem Einzelfall sehr gut umgegangen ist: transparent, Einbeziehung von internationalen Untersuchungen aller seiner Partien von 2018 durch einen Anti-Cheating-Experten, enge Zusammenarbeit mit der FIDE, eine harte Strafe – aber ohne den Spieler für immer zu verdammen, einen aufgezeigten Weg wie es weiter und zurück in die Schachgemeinschaft gehen kann und angebotene Hilfestellungen (u.a. Arbeit mit einem Mentaltrainer). Ich habe das letzte Mal 2016 mit Marc gearbeitet, aber bereits da war er im Taktikbereich unglaublich stark und beim Lösen von Studien besser und schneller als Valentin oder Christoph. Christoph meinte, dass er Marc wohl als Taktiktrainer engagieren werde, sollte er jemals bei einem Superturnier mitspielen.
Ich denke, dass Marc aus diesem Riesenfehler (ich und viele andere waren völlig geschockt von dieser Nachricht) seine Lehren ziehen wird und wünsche ihm nur das Beste für seine weitere Entwicklung.

Krennwurzn:
Allgemein gesprochen – in diesem Fall könnte der Betroffene noch zu jung sein – wäre ich für einen kompletten Straferlass, wenn der Spieler bereit wäre offen und öffentlich seine Beweggründe diesen Riesenfehler zu machen offenlegt. Aus Sicht eines Trainers eine Schnapsidee oder doch für andere eine Prävention?

HSZ:
Ich bin durchaus ein Freund von klaren Regeln und Konsequenzen (auch aus präventiven Gründen) – begleitet von größtmöglicher Unterstützung für einen Weg zurück. Daneben ist jeder Fall natürlich als Einzelfall zu behandeln. Man muss auch schauen, welchen Spielraum man hat, die Konsequenzen sind von der FIDE – oder im Falle des klassischen Dopings von der BSO – ja vorgeschrieben.

2018HSZ08
Auszeit und Entspannung
im Lieblingsort in Nordspanien

Krennwurzn:
Die Maschinen sind uns Menschen total überlegen, das hat sich auch beim letzten WM-Kampf wieder deutlich gezeigt, hier hätte Sesse mehrmals locker Partien gewonnen und Sesse ist ja nicht das Ende der Fahnenstange, es gibt ja noch alphazero als Drohung am Horizont. Ich als Schachzuseher habe ja schon oft das Gefühl, dass Zusehen schwieriger ist als selber spielen, weil es sehr schwer fällt Enginebewertungen richtig einzuordnen und in menschliche Idee/Muster umzuwandeln. Wie stark beeinflussen die Maschinen das zukünftige Training?

HSZ:
Da kann ich nur empfehlen die Engines einfach abzuschalten und die großartige Leistung der zwei weltbesten Spieler zu bewundern und zu genießen. Auch hat es viele hervorragende Live-Kommentierungen gegeben, die einem das Geschehen am Brett erklären.
Unglaublich fand ich die Verteidigungsleistungen von Carlsen und Caruana. Das gab es noch in keinem Weltmeisterschaftskampf. Die Fehlerquote war wohl äußerst gering und so gab es trotz großem Kampfgeist keinen Gewinn in den klassischen Partien.

Unglaublich finde ich die Arroganz erheblich schwächerer Spieler, die bequem zu Hause sitzend Engines mitlaufen lassen und sich nicht zu dumm sind die Züge der Nummer 1 und Nummer 2 der Welt heftig zu kritisieren.

Krennwurzn:
Nun ich brauche Hilfe von guter Kommentierung oder einen kritischen Blick auf Enginebewertungen um schönes Spiel erkennen – naja sagen wir genauer erahnen zu können. Bei der Arroganz muss ich einen Einspruch erheben, denn ich glaube, dass die Kritik von meist jenen geübt wird, die vom Fan zum Fanatiker werden. Im Prinzip ist es so wie wenn man beim Fußball schreit: den hätte er reinmachen müssen!

HSZ:
Ich würde die Kommentierung von Svidler, Polgar oder vielen anderen Kommentatoren bevorzugen. Eine echte Bereicherung – zumindest für mich.
Krennwurzn:
Welchen Stellenwert haben Engines bei Dir im Training?

HSZ:
Für mein Training spielen Engines eine eher untergeordnete Rolle. Wir arbeiten in erster Linie am Schachverständnis, an der Variantenberechnung und an der Technik. Aber natürlich werden zur Kontrolle der Eröffnungsvarianten, in der Partievorbereitung und Partieanalyse Engines als gutes Hilfsmittel eingesetzt. Und natürlich spielt der Einsatz in einem Elobereich von 2600 und steigend eine wesentlich bedeutendere Rolle – aber dafür brauchst du wohl einen anderen Interviewpartner.

2018HSZ09

Krennwurzn:
Das überrascht mich jetzt ein wenig. Klar ist: nur eigenes Denken führt zum Erfolg. Ich dachte aber, dass man Engines auch als Trainingsmittel einsetzen könnte. Leider gibt es noch wenig sinnvolle Leistungsbeschneidung von Engines um menschliches Spiel der gewünschten Spielstärke zu simulieren. Daher dachte ich, dass man im Training umgekehrtes Cheating einsetzen könnte – der Schüler spielt quasi gegen die Engine, der Trainer sortiert aber „unmenschliche“ Züge aus und/oder baut menschliche Fehler ein.

HSZ:
Interessanter Ansatz, mit dem ich allerdings keine Erfahrung habe. OK – das Mattsetzen mit zum Beispiel Dame gegen Turm gegen Engines zu üben – oder überhaupt die Vorteilsverwertung, ist ein recht gebräuchliches Mittel, aber aus meiner Sicht doch eben nur eine Randerscheinung. Vielleicht bin ich da aber doch zu sehr „Old school“, in diesem Bereich fehlt mir die Erfahrung. Ich arbeite lieber mit meinen Schützlingen ein tolles Buch von Dvoretzky, Aagard oder Gelfand durch. Engines versuche ich eben in einigen Bereichen sinnvoll einzusetzen, sonst interessieren sie mich weniger.

Krennwurzn:
Da möchte ich ein wenig nachhaken – ich sehe da eine Problematik: einerseits werden die Engines verdammt – selber denken, spielen, … - und heimlich schielt ein jeder auf die Enginezüge – Fritz sagt diesen Zug hätte ich spielen müssen. Bräuchten wir da nicht einen ehrlicheren und offeneren Zugang zu diesem Thema? Sollte ein ambitionierter Schachspieler nicht etwas mehr über die Funktionsweise (Stärken, Schwächen, …) von Schachengines wissen als dies heutzutage der Fall ist?
HSZ:
Langsam quälen mich die Engines-Fragen und eigentlich habe ich versucht sie ehrlich und offen zu beantworten. Natürlich müssen wir den Spielern die sinnvolle Arbeit mit Engines beibringen. Bei der Partieanalyse (auf die ich großen Wert lege) decken sie Fehler schonungslos auf. Manchmal schlagen sie „bessere“ Züge vor – um +0,2 höher als den gespielten. Dann geht es darum den Vorschlag der Engine zu verstehen, sonst bringt uns das nichts.
In der Partievorbereitung ziehen Spieler manchmal Engineszüge vor, ohne sie zu verstehen. Es interessiert mich nicht, ob die Engine eine Stellung mit +0,2 oder -0,2 bewertet. Ich strebe Spielstellungen an die mir/meinen Spielerinnen liegen, wo sie die Struktur verstehen und Pläne am Brett finden können.
Tendenziell denke ich, dass oft falsch und viel zu früh mit den Engines gearbeitet wird. Ich sag mal bis zu einer Spielstärke von 2400 haben sie Relevanz – aber eine untergeordnete. Bei Supergroßmeistern ist das sicherlich anders – aber das ist nicht mein Arbeitsfeld. Also lieber mit gutem Trainingsmaterial hochkonzentriert und selbstständig arbeiten und/oder mit einem guten Trainer und/oder mit einem guten Trainingspartner (Sorry, …Old school eben).

Krennwurzn:
Schauen wir noch ein wenig in die Zukunft. Alphazero hat in einem Wettkampf gegen Stockfish nur sechs Partien von 1000 gespielten verloren und ist damit schon fast an der praktischen Perfektion von Schach ist Remis angelangt. Wenn ein heutiger Weltklassespieler einen Zug spielt, so ist ein Plan/Intuition und eine Berechnung dahinter, die er erklären kann und die andere somit nachvollziehen können – das ist ja eine großartige menschliche Fähigkeit. Aber wie gehen wir mit Blick auf die Trainingsarbeit damit um, dass uns die Maschine einen Zug hinknallt, den wir nicht mehr verstehen und/oder erklären können?

2018HSZ10
HSZ:
Das hängt von der Zeit und der Wichtigkeit ab. Manchmal nehme ich mir Zeit und versuche den Vorschlag zu verstehen. Gelingt mir das nach einiger Zeit, fein! Dann wird die Variante gespeichert und verbal kommentiert – oder zumindest so, dass ich/meine Spielerinnen später damit arbeiten können. – Verstehe ich den Vorschlag nicht: fein! Ab in den Mistkübel und lieber der Empfehlung eines starken Spielers vertrauen.

Krennwurzn:
Zum Abschluss des Interviews möchte ich noch ein Thema streifen, das wie wild durch Foren und auch die Allgemeinheit geistert: Schach und Intelligenz.
Allgemein möchte ich fragen, ob diese Betonung der Intelligenz nicht abschreckend wirken kann – schrecken wir nicht Leute ab mit Schach zu beginnen, nur weil die Angst haben sie könnten als dumm dastehen, wenn sich der Erfolg nicht einstellt?

HSZ:
Ich denke die Ansicht des hochintelligenten Schachspielers wird eher von außen in das Schach projiziert. Ich versuche diese Meinung nicht zu zerstören?.
Ich denke, sie schadet uns auch nicht. Und in der Tat kann unser Sport der Gesellschaft sehr viel bieten. Schach in der Schule kann spielerisch-unterstützend beim Erlernen zahlreicher Fähigkeiten helfen. Weiters kann Schach helfen generationenübergreifend zu verbinden – ich kenne dafür keine geeignetere Sportart. Im Alter hilft es sicherlich auch geistig fit zu bleiben.
Wenn man die Schachgemeinschaft betrachtet denke ich, dass wir durchaus eine normale Verteilung haben, aus meiner Sicht gibt es aber sehr viele sympathische Leute. Prinzipiell schätze ich sozial intelligente Menschen höher als hochintelligente Menschen mit schlechtem und überheblichem Benehmen.

Krennwurzn:
Zum Abschluss möchte ich noch über eine Studie sprechen, die wenn sie denn stimmen sollte, die praktische Trainerarbeit erleichtern sollte. Die Kernaussage ist, dass man für eine gewisse Elostärke eine Mindestintelligenz benötigt. Als Grundlage wird da oft eine Studie der Universität Graz aus dem Jahre 2006 angeführt.

2018HSZ11

Würde das so stimmen, bräuchte man vor dem Trainingseinstieg nur einen IQ-Test machen und schon weiß man, was aus dem Schüler maximal werden kann. Ist das wirklich so einfach?

HSZ:
Mir graut davor jemandes Intelligenz zu messen und dann über seine Zukunft zu entscheiden.

Krennwurzn:
Dem Grauen schließe ich mich mit Begeisterung an und bedanke mich für das Interview!


2018HSZ

Zur Person:

IM Harald Schneider-Zinner, Wien
Internationaler Meister, FIDE-Trainer, Coach des überaus erfolgreichen Wiener Jugendkaders (2008-2016) und Trainer des öst. Frauen-Nationalkaders (ab 1.1.2017)
www.schachtrainer.at

 

Dienstag, 13 November 2018 12:02

ChessBase 15 – die Evolution geht weiter

Ein klares Krennwurzn Statement zu Beginn: Niemand braucht ChessBase 15 also kaufen Sie es sich sofort!!

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Die Krennwurzn ist ganz entzückt von ihrer messerscharfen Unlogik - etwas was man nicht braucht unverzüglich zu kaufen. Aber so einfach von der Hand zu weisen ist das denn auch wieder nicht, denn:

die WM läuft und Weihnachten steht vor der Tür,
also gönnen Sie sich was für sich und Ihr Hobby!

Wer hier noch weiterliest, verschwendet seine wertvolle Zeit, die er mit dem neuen ChessBase 15 sinnvoller nutzen könnte – die Krennwurzn übernimmt dafür keine Verantwortung, aber das brauche ich ja gar nicht extra schreiben.

Schachdatenbankprogramme gibt es schon eine gefühlte Ewigkeit und eigentlich sollte man denken, dass das Thema schon lange fix und fertig ausgelutscht ist und es beim besten Willen keine Neuerungen und Verbesserungen geben kann. Nun die Mannschaft aus Hamburg überrascht uns alle Jahre – einmal mit Fritz und im nächsten Jahr mit ChessBase immer wieder. Nicht nur dass versucht wird die Datenbankengine schneller zu machen, so dass auch die immer größer werdenden Datenmengen beherrscht werden können – nein es ist immer wieder auch was Neues mit an Bord.

Nachspieltraining

Die Krennwurzn trainiert nicht einmal vor einer Partie - was soll da ein Nachspieltraining helfen. Natürlich könnte man die neue Funktion auch für das Nachspielen eigener Partien verwenden, aber gedacht ist es eigentlich für Meisterpartien, um nicht wie bisher einfach schnell und ohne eigenes Denken durch die Partie und Kommentare zu klicken. ChessBase liefert hier ein einfaches automatisches Feature welches das Nachspielen mit Training und eigenem Denken bereichert. Damit man sich nicht gar so arg anstrengen muss, liefert das Programm auf Wunsch Tipps, die auf den richtigen Zug hinweisen. Zudem werden Dein Zug, der Partiezug und auch der Enginezug gegenübergestellt und man bekommt Punkte. Für die Krennwurzn werden auch noch Verlustzüge angezeigt und in Hochform schafft sie dann über 100% Fehler.

Aber lassen wir das Gefasel und werfen wir einen Blick auf die neue Funktion:

CB15 01

Wie leicht zu sehen ist, hat sich die Krennwurzn wieder mal nicht um den angezeigten Tipp „Vertreibe eine Figur“ gekümmert, sondern den Bauern auf b4 geschlagen, so wie es die Engine auch wollte. Eine wirklich nette Neuerung und auch der Krennwurzn gefällt es mit etwas mehr Eigenleistung durch die Partien zu klicken, aber lassen wir das Matthias Wüllenweber in einem Video erklären.

Video Nachspieltraining -Sprache Englisch – Dauer 12:54


Repertoiretraining

Das ist Nachspieltraining mit dem eigenen Repertoire – also nur für Leute, die sich mit ChessBase schon ein Repertoire angelegt haben. Mit der neuen Version kann man hier wirklich leicht und einfach das eigene Repertoire üben und üben. JA – Sie haben es erraten, so was macht die Krennwurzn natürlich nicht, denn das wäre ja kontraproduktiv. Also lassen wir Matthias Wüllenweber von ChessBase die neue Funktion erklären selbst erklären:

Video Repertoiretraining - Sprache Englisch – Dauer 5:08

Verbesserte Referenz

Die Referenzsuche wurde technisch etwas beschleunigt, aber da kann der ungeduldigen Krennwurzn ja kaum etwas Recht machen, denn die möchte das Ergebnis ja schon vor der Frage haben. Die Referenz wurde um die Punkte Trend und Endspiele etwas aufgefettet.

Der Trend zeigt wie sich eine Eröffnung oder Variante über die Zeit gehalten hat und wie sie aus oder in Mode kam – das ist nicht nur eröffnungstheoretisch interessant, sondern auch schachhistorisch, denn so manche unspielbare Variante hatte dann doch ihr Comeback oder war einfach nur aufgrund von Modetrends eine Zeitlang verschwunden.

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Endspiele zeigen mit welcher Häufigkeit welche Endspiele aus dieser Eröffnung entstehen und geben damit einen kleinen Hinweis darauf, was man beim nächsten Endspieltraining vorrangig bearbeiten soll.

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Plan Explorer

Was kommt thematisch heute aufs Brett? Nun starten wir mit einer Gegenfrage: was ist der Unterschied zwischen Schule und Universität? In der Schule fragt man den Lehrer was kommt zur Prüfung und erhält als Antwort: Lehrbuch Seite 12 bis 37 – die Antwort auf der Uni ist schlicht ALLES. Also was kann heute thematisch aufs Brett kommen: Antwort: ALLES!

Nun Alles ist bei Lichte betrachtet doch ein wenig ziemlich viel – auch wenn es die Lebensrealität ist, so möchte man diese doch ein wenig auf wahrscheinlichere Situationen eingrenzen. Genau das macht diese Funktion, die meiner Meinung nach noch ganz am Anfang steht und auch optisch etwas sperrig rüberkommt. Aber es ist genau die Richtung in die gute Schachsoftware gehen sollte. Es wird versucht abzuklären welche Manöver in bestimmten Eröffnungen wahrscheinlicher vorkommen. Natürlich ist das etwas Kaffeesudlesen, aber nicht nur, denn wie wir alle wissen, lassen sich aus vielen Daten doch signifikante Rückschlüsse ziehen.
Die Funktion stellt schon etwas Vorwissen über die Eröffnung und auch über Schachdatenbanken voraus und ist nicht so leicht zu bedienen – also keine wirkliche „Fun-Funktion“ und daher als Arbeitsfunktion für die Krennwurzn unbrauchbar und unnötig und trotzdem liebt sie diese Funktion – denn damit könnte man, wenn man wollte doch etwas lernen und möglicherweise schneller und zielgerichteter als andere. Sie wissen das ist nicht der erste Widerspruch in diesem Artikel und Sie erlauben mir die Frage: warum lesen Sie noch und haben noch nicht gekauft??

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Wieder eine stumpfe Werbedurchsage der Krennwurzn denken Sie – aber da muss ich Ihnen jetzt sagen: nein, da liegen Sie falsch, denn ein wesentliches Kaufkriterium ist ja, dass die Programme ständig weiterentwickelt und verbessert werden und gerade hier in dieser Funktion wird sich bis ChessBase 16 eine Menge tun und wir dürfen gespannt sein, was uns da noch erwartet und was da mit den Updates mitgeliefert wird.

Das Ziel ist einfach das ALLES auf ein beherrschbares Maß zu reduzieren, damit man in mittleren Breiten – also in der Amateurwelt mit weniger Aufwand etwas erlernen kann. Also typische Motive, Manöver einer Eröffnung erkennen und/oder sogar hinter das Geheimnis so mancher Zugreihenfolgen zu kommen. Das könnte interessant und spannend werden – ein kleiner Einblick in die Welt von Alphazero – jedenfalls was statistische Auswertungen betrifft.

Raytracing

Fällt in die Kategorie optische Spielereien wie die 3-D Bretter. Dennoch gefällt mir diese Funktion etwas besser, weil man hier wirklich schöne Bilder auf den Bildschirm zaubern kann und diese auch noch speichern kann und damit im Web oder für Präsentationen nutzen kann. Strahlenverfolgung ist der schreckliche deutschsprachige Begriff und will uns sagen, dass das Brett so berechnete wird, wie es in der Realität unter den gegebenen Lichtbedingungen auch aussehen würde. Leider benötigt diese schöne Bildererzeugfunktion doch einiges an Rechen- und Grafikleistung und ist auf meinem fünf Jahre alten i7-ProBook mit Onboardgrafik etwas sehr zäh. Leider kann ich nicht aus erster Hand berichten wie das am PC aussieht, weil es hier aktuell Probleme der Software mit meinem AMD Ryzen gibt und diese Funktion daher für AMD noch nicht freigeschalten wird. Aber ich darf alle AMD-Fans trösten – die Hamburger werden das Problem noch lösen und in die kommenden Updates einfließen lassen. (Update CB15.4 Dez2018 ermöglicht nun Raytracing auch auf AMD Rechner)

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So schön mit Licht- und Schattenwurf kann das aussehen – allerdings braucht man dafür schon einen guten Computer mit hochauflösendem Monitor. Interessierte können sich hier zwei Videos von Matthias Wüllenweber zum Thema ansehen.

Video Raytracing - Sprache Englisch – Dauer 4:05

Im zweiten Video wird gezeigt wie man aus einer Partie ein Video machen kann, eine sehr interessante Funktion um beispielsweise ein Training etwas aufzulockern oder auch Freunden einmal die eigene Partie auf einem großen Fernseher zeigen zu können.

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Video Partievideos erzeugen -Sprache Englisch – Dauer 7:30

Viele kleine Verbesserungen

Eine kleine – aber gar nicht so unwesentliche Verbesserung wurde auch bei der Suchmaske vorgenommen, die stark überarbeitet und erweitert wurde. Wem das alles schon bisher zu viel war, hat jetzt die Möglichkeit auf eine ganz einfache Suche zurück zu greifen. Das finde ich ganz grundsätzlich eine sehr gute Idee, denn nicht jeder will sich durch komplizierte Masken klicken – für manche und manche Anwendungen reicht eine übersichtliche abgespeckte Version auch. So kann jeder nach seiner Façon glücklich werden.

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Erweitert wurde auch der Reiter Manöver, der nun viel mächtiger und auch einfacher zu bedienen ist als früher, weil hier schon taktische Motive vorgegeben sind. Allerdings ist das schon eine Funktion bei der man mit etwas mehr Genauigkeit an die Arbeit gehen muss, aber dann liefert sie interessante Ergebnisse.

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Ebenfalls neu ist der Extrareiter für Angriffe:

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Natürlich gibt es noch weitere Funktionen in ChessBase 15 zu entdecken, aber die Krennwurzn interessiert sich nicht für alle Funktionen oder aber sie hat diese schlicht und einfach übersehen.

Gibt’s auch was zu meckern?

Könnte die Krennwurzn als gelernter Österreicher – ja sogar OBERösterreicher - nicht raunzen, müsste man sich wirklich große Sorgen machen. Aber keine Angst kein menschliches Werk wird jemals perfekt sein, denn sogar die Krennwurzn scheitert täglich oder sekündlich an der Perfektion.

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Perfekt ist nur die Ungeduld der Krennwurzn und obwohl die Hamburger laufend an der Datenbankgeschwindigkeit schrauben, ist diese immer noch nicht schnell genug um Ergebnisse in Krennwurznwunschgeschwindigkeit zu liefern. Bessere Soft- und Hardwareleistung werden durch größere Datenmengen wieder eingebremst – das ist ein Fluch unserer Zeit und dennoch habe ich mit Blick auf die Parallelisierung und den Taskmanager das Gefühl, dass hier noch Luft nach oben vorhanden wäre.

Als Meckerabschluss kann ich die Kritik von ChessBase 14 für die „Übertragungen“ bei playchess.com fast wörtlich übernehmen – praktisch für mich und zeitersparend für jene, die den Text auch nach zwei Jahren noch im Kopf haben:

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Wenn ich auf diese Liste schaue, bekomme ich Augenkrebs, der Kopf wird glutrot, wie nach einer zu starken Portion Kren (Meerrettich) am Jausenbrot und dann setzen tiefe Depressionen ein! Ich ungeduldiger User kann nicht nach Spieler suchen (das geht aber sogar bei der CB-Gratisapp am Handy), die Turniere sind nach Tag, Runden und sonst noch was aufgespalten – wahrscheinlich um die Krennwurzn noch mehr zu verärgern oder als Rache für die vielen bösen Krennwurznkommentare über ChessBase.

Und wenn ich jetzt noch wissen möchte, wie es im Turnier steht? Die Partien in ChessBase speichern und dann die Turnierstatistik aufrufen geht – aber das ist jenseits aller Eleganz! Aber ich wünsche mir noch mehr: ich will nicht nur eine Tabelle, sondern eine Livetabelle – am besten eine in der ich selbst noch rumbasteln kann und was-wäre-wenn Spielchen visualisieren könnte – eine Traumspielwiese also.

Natürlich könnte man auch aktuelle Nachrichten in den Übertragungsbereich eingliedern oder schneller und einfacher zugänglich machen – die meisten Informationen sind ja schon im ChessBase System vorhanden – sie müssen nur mehr „einfach“ – das ist scheinbar die große Schwierigkeit – für den User zugänglich gemacht werden!

Fazit der Krennwurzn

CB15 ist eine konsequente Weiterentwicklung der Vorgängerversionen mit ein paar wirklich netten Neuerungen, und zeigt dass sich die Hamburger tagtäglich neue Gedanken über Schach und Schachdatenbanken machen.

Was mir neu gut gefiel:

  • Nachspieltraining (NEU)
  • Planerklärer (NEU - erste Schritte)
  • Verbesserte Referenz
  • Verbesserte Suche inkl. Einfachsuche
  • Raytracing (NEU - einfach eine schöne Spielerei)
  • Kleine Verbesserungen und
  • wenig optische Veränderungen zur Vorversion

Was mir noch fehlt:

  • Vereinigung von ChessBase und Fritz GUI (Grafische Benutzeroberfläche)
  • oder zumindest ein einheitliches Aussehen im Übertragungsbereich
  • Zusammenstutzen und Vereinheitlichung des Angebotes (Jäten) 
  • Schreibweise verbessern und Spielerlexikon haben auch noch Potential
  • individuelle Anpassungsmöglichkeiten in der Ribbon Button Leiste
  • Übersicht über alle Einstellungen, Abos, ... in einem Report (html)
  • Firmeneigenes Supportforum

Und dennoch bitte nicht vergessen – aber sie werden es ja schon gemacht haben:

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die WM läuft und Weihnachten steht vor der Tür,
also gönnen Sie sich was für sich und Ihr Hobby!

Ein ehrliches Wort zum Abschluss: oft wird die Krennwurzn gefragt: ich habe ChessBase Version xy soll ich auf die neue Version update. Haben Sie ChessBase 11 oder früher in Verwendung lautet meine Antwort UNBEDINGT JA. Ab ChessBase 12 lautet die Antwort auch immer JA, aber es gibt zwei Einschränkungen: Ihnen geht es wirtschaftlich gerade nicht so gut oder Sie haben keine Freude an etwas Neuem. Denn wie eingangs gesagt: Fast niemand braucht ChessBase 15 wirklich, aber es ist für viele eine persönliche Freude und damit ein Geschenk an sich selbst! Ja und Programmierer möchten ihren Lieben auch das eine oder andere Päckchen unter den Weihnachtsbaum legen können.

Systemanforderungen ChessBase 15 – Herstellerangaben

Minimum:
Pentium-PC, 2 GB RAM, Windows 7, DirectX9 Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetverbindung (Aktivieren des Programms, ChessBase Cloud und Updates).

Empfohlen:
PC Intel Core i5, 2.8 GHz, 8 GB RAM, Windows 10, DirectX10 Grafikkarte (oder kompatibel) mit 512 MB RAM oder mehr, Windows Media Player, Adobe Flash Player (Live-Übertragung), DVD-ROM Laufwerk, Full-HD Monitor und Internetverbindung (Aktivieren des Programms, ChessBase Cloud und Updates).

Internet: Info und Shop www.chessbase.de 

Playlist ChessBase 15 YouTube  (könnte noch um weitere Videos erweitert werden.

Kleingedrucktes (nicht lesenswert)

Lob, Geschenkkörbe, Weinflaschen und Sympathiebekundungen per Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

Kritik, Beschwerden, Unmutsäußerungen bitte nur an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! – aber bitte nur bezüglich des Programms, nicht aber über die Krennwurzn – dafür können die Hamburger nun wirklich nichts!

Ich lege auch eine pdf-Version zum Download bereit – wer ganz erzürnt ist, bitte ausdrucken und ganz genüsslich ganz heftig klein zerreißen und dann gemütlich hinsetzen und ein gutes Glas österreichischen Rotwein trinken! Und natürlich CB15 mit Genuss und dem guten Gefühl kaufen, dass die Krennwurzn keinen Cent Provision erhält!

Danksagung

An jene Leser, die es so weit geschafft haben und noch nicht eingeschlafen sind!

Und zu guter Letzt an ChessBase Hamburg für die Bereitstellung der Betaversionen und der Geduld mit der Krennwurzn!

Sonntag, 01 April 2018 08:33

Kühlhausrevolte

Das Kandidatenturnier in Berlin ist zwar schon wieder Geschichte, aber es wurde uns ultraspannendes Schach geboten und ganz nebenbei wurde wieder einmal so richtig das Schach revolutioniert – kein Wunder, wenn Berlin und das Kühlhaus im Spiel sind, denn dort war klar und deutlich zu lesen: „Entering this building might substantially increase your IQ. Chess does that to humans.“

Schon im Jahr 2000 prallte der damalige langjährige Weltmeister Garry Kasparov an der eisigen Berliner Ziegelwand ab, die ihm ein junger Vladimir Kramnik mit geschickter Hand aufbaute und ihm damit den Weltmeistertitel abnahm. Viele Jahre später sorgte eben dieser Vladimir Kramnik wieder für eine Sensation in Berlin, wie uns der umtriebige Reporter Würgen Brüskieren von der australischen Schachzeitung „Schachlasziv“ exklusiv berichtete.

2018Kuehl02

Werfen Sie doch bitte einen Blick auf die beiden Stellungen. Stellung 1 ist klar für Weiß gewonnen und Stellung 2 ebenso klar – wenn nicht noch klarer – für Schwarz gewonnen. Gingen wir bisher davon aus, dass schachtheoretisch eine Stellung nur gewonnen, verloren oder remis sein kann, müssen wir nun durch häufiges Betreten des Kühlhauses erkennen, dass wir uns da gewaltig geirrt haben, aber hören wir nochmals genau bei den Pressekonferenzen zu.

2018Kuehl01 

Würgen Brüskieren (Schachlasziv): Mister äh Wödmaster Vladimir Kramnik haben Sie den Begriff „Wildcard“ zu wörtlich genommen? Bisher galten Sie ja als praktisch unbesiegbarer Remiskönig – stärker als Leko und Giri zusammen?

VK: Ich war Weiß und stand zu diesem Zeitpunkt schon klar auf Gewinn, konnte aber noch keine konkrete Variante zu Ende rechnen. Aber es ist klar, dass diese Stellung gewonnen sein muss! Dass ich dann in Zeitnot nicht die richtige Fortsetzung gefunden habe, ändert nichts an der Tatsache, dass ich objektiv hier schon auf Gewinn stand.

Am nächsten Tag:

2018Kuehl01

Würgen Brüskieren (Schachlasziv): Mister äh Wödmaster Vladimir Kramnik nach ihrem gestrigen unverdienten Verlust in Gewinnstellung wollten Sie heute mit Schwarz wirklich unbedingt gewinnen?

VK: Gestern ist gestern und heute ist heute – ich geben jeden Tag mein bestes Schach! Nun hier war mir klar, dass ich schon klar besser, wenn nicht schon auf Gewinn stehe. Mir war aber noch nicht klar, welchen Fehler der Weiße mit seinem ersten Zug machen würde und daher steckte ich noch wenig Energie in die Berechnung konkreter Varianten, aber objektiv gesehen stehe ich hier schon auf Gewinn und muss das nur mehr irgendwie managen.

Wir müssen also die Schachtheorie umschreiben, denn die bisherige Meinung, dass eine Stellung eine theoretische Eindeutigkeit hat, wird durch die Anwesenheit von Vladimir Kramnik am Brett aufgehoben. Leider konnte die Krennwurzn die theoretischen Auswirkungen noch nicht mit dem Urelo aus Kreta vergleichen, weil aufgrund des schlechten Wetters kein Flug vom BER (Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“) nach Elo - der dortige Flughafen ist für verwaiste Schachspieler ohne Titel schon geöffnet - möglich war – aber nächstes Jahr oder später zum gleichen Datum sollte es Flüge geben.

 

Kleine Schachrevolution – oder warum Zusehen schwieriger wird als Spielen!
Früher, ja früher war alles besser – sogar die Zukunft war früher besser und einfacher hört und sagt man immer wieder gerne. Früher waren die Spitzengroßmeister gottgleiche Künstlerpriester und die einzigen, die die Geheimnisse des Schachs durchschaut haben und wir Zuseher und Patzer (in Erinnerung an Bobby Fischer) konnten nur staunend und voller Bewunderungen deren Äußerungen lauschen. Es war eine ideale Welt: da die Fans dort die Meister!

2017Rev01

Aber stimmte das wirklich so – ja das wurde so gelebt, aber die Grundlagen dazu waren gar nicht gegeben, denn Schach ist im Wesen ein endliches Spiel in einem endlichen Raum und damit theoretisch lösbar. Künstlerische Freiheit existieren überhaupt nicht, denn für jede einzelne Stellung gilt, dass sie entweder gewonnen, remis oder verloren ist – mehr geben die Regeln nicht her, auch wenn uns dieses Wissen nur für wenige Stellungen zweifelsfrei zugänglich ist. Aber diese immer schon existierende und bekannte theoretische Einschränkung wurde von der Schachfangemeinde nahezu „religiös“ ignoriert, so wie Kreationisten die Evolutionstheorie ablehnen.

Hilfreich dabei waren die ersten Auftritte der Schachcomputer, die man locker schlagen konnte und jene, die die 2000 Elomarke überschritten waren anfangs sehr teuer. Doch das änderte sich rasch als die ersten Programme auf Diskette verfügbar wurden und sich IBM mit einem Großrechnerteam einschaltete und in den Jahren 1996 und 1997 die Sache eigentlich klärte. Dann kam das neue Jahrhundert und Mitte der Nullerjahre war eigentlich klar: Maschine schlägt Mensch! Die Romantik war damit vorbei.

2017Rev02

Nun kam 2017 der nächste „Schock“ AlphaZero – ein künstliches neuronales Netzwerk - erlernte Schach in affenartiger Geschwindigkeit selbst und zerlegte – wenn auch in nicht ganz sportlich fairer Manier – die besten Engines und stieß damit die Tür in neue Welt auf.

Wo liegt nun das Problem für uns? Nun die Profis sehen das schon lange pragmatisch, wenn auch manchmal etwa gereizt, wie beispielsweise eine Reaktion von Magnus Carlsen gegen GM Maurice Ashley bezeugt, als dieser ihn auf eine gewinnbringende Enginevariante in einem Interview ansprach. Liest man dann aber genauer, kann man erkennen, die Profis wissen was sie können und was sie nicht können. Und sie wissen auch Maschine schlägt Mensch - das ist ja schon seit 1997 keine weltbewegende Neuigkeit mehr! Also verhalten sie sich typisch menschlich und schauen, was sie davon zu ihrem Nutzen verwenden können und was für sie unbrauchbar ist und bauen das Brauchbare ganz pragmatisch in ihre Arbeit ein. Das menschliche Schach profitiert damit ganz klar vom Computer – aber dennoch hat sich im Kampf am Brett nichts Wesentliches verändert: es gewinnt der vorletzte Fehler!

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Und jetzt kommen wir Schachfans ins Spiel – wir sind die „Verlierer“ dieser Entwicklung. Früher – vergessen wir nicht da war alles herrlich – saßen wir vor der Zeitung oder dem Bildschirm (Teletext) und spielten die Partien der Stars nach und verstanden nichts oder sehr wenig. Dann kamen die gedruckten Analysen und wir verstanden das was dort geschrieben war, ob das nun stimmte oder nicht war eigentlich egal. Da uns die Fähigkeiten und die Möglichkeiten fehlten, mussten wir das tun, was Menschen in solchen Situationen schon immer taten: GLAUBEN!! Und wir waren glücklich, denn aus unserem Unvermögen strahlten Stars hervor zu denen wir bewundernd hochblicken konnten.

Mit der Niederlage von Kasparov gegen die Maschine und die folgende Chancenlosigkeit kommender Weltmeister gegen die Engines zerbrach diese einfache Glaubenswelt und die Götter wurden zu fehlbaren Sterblichen wie wir auch. Und damit begann unser großes Dilemma, denn mittlerweile ist es einfacher, ja sehr viel einfacher Schach zu spielen als Schach zuzusehen! Verstanden wir früher nichts, so liefern uns die Maschinen jetzt eine „nahezu perfekte“ Einschätzung der Stellung und dennoch wieder haben wir ein Verständnisproblem: was davon kann der Mensch – dessen Fan wir vielleicht sind – am Brett sehen und was bleibt – bzw. muss – ihm verborgen bleiben? Wieder können wir die Ereignisse nicht richtig einordnen und wieder sind wir in einer emotionalen Geisterbahn ohne Ausweg gefangen.

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Unsere Situation hat sich damit nicht wirklich verbessert, denn unsere eigenen schachlichen Fähigkeiten helfen uns gleich wie früher nichts, um ohne Computer das Geschehen am Brett einschätzen zu können und mit Computer wissen wir nicht, was Topprofis sehen können und was nicht. Fakt ist ja, dass die Fähigkeiten des Menschen durch viele Faktoren begrenzt sind. Kein Mensch kann alle 5 Steiner sicher nach Hause spielen, geschweige denn 6 oder gar 7 Steiner. Damit ist klar, dass wir auch in allen anderen schachlichen Phasen Irrtümer begehen müssen. Ist Schach damit ein Glücksspiel? Ich würde mit einem klaren JEIN antworten – theoretisch für Menschen JA, praktisch aber NEIN! Denn eigentlich ist Schach für uns Menschen ein Kampfsport und solange das so bleibt, ist alles gut und schön!

Nur Zusehen müssen wir neu lernen!! Und dabei können uns die Maschinen noch nicht helfen – aber damit eröffnet sich doch ein weites neues Feld für Schachsoftwarefirmen und für Weihnachtswünsche!

Alle zwei Jahre wieder kommt in der Vorweihnachtszeit in der hanseatischen Telenovela „Diese Wüllenwebers“ ein Sohn namens Fritz auf die Welt und bekommt einen Rufnamen damit man die Söhne unterscheiden kann. 2015 erblickte „Fritz 15 Arnold“ als Frühgeburt in Magdeburg das Licht der Welt. Warum Fritz 16 den Beinamen „Vincent aus Goch“ bekam war nicht klar zu recherchieren. Wurde er gar in den gelben Sonnenblumenfelder um Goch gezeugt oder hatte er eine Neugeborenengelbsucht? Wir wissen es nicht und werden es wohl auch nie erfahren – aber eines kann verraten werden, Fritz Vincent hat vollständige Ohren!

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 Das Originalbild finden Sie in der Neuen Pinakothek in München

Nun stellt sich bei so vielen Söhnen die berechtigte Frage – was ist daran noch interessant? Klar haben die jüngeren Söhne mehr Potential, denn sie können ja am Erfahrungsschatz der Älteren reifen und haben die besten Jahre noch vor sich, aber dennoch so viel wirklich Neues gibt es nicht.

Der neue Fritz bekommt nun viele Features vom vorjährigen ChessBase 14 eingebaut und ChessBase hat im Laufe des Jahres viele Programmfunktionen auch in den Webapps verfügbar gemacht. Meiner Meinung nach sind die Hamburger in diesem Bereich viel konkurrenzfähiger geworden und damit kommen wir schon zur entscheidenden Frage: brauche ich den Fritz 16?

Die Antwort ist klar: NEIN, ABER es doch schön ihn zu haben! Ein wirklicher Bedarf ist nur für jene gegeben, die schon lange keine neue Version gekauft haben, aber ist es nicht eine Freude sich selbst in der Vorweihnachtszeit zu beschenken? Zaubert nicht dieses schöne Gelb einen Hauch von Frühsommer auf den grauen Herbstbildschirm?

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Vincent aus Goch - könnte täglich von Ihrem Bildschirm lachen

Also meine Empfehlung bekommt das Programm aus reinen egoistischen Gründen und ich verzichte bewusst auch auf die Vorstellung neuer Funktionen und Gimmicks. Die neue Engine habe ich erst gar nicht getestet und dennoch hatte ich beim Testen eine innere Freude mit ein paar Neuigkeiten und da ich Ihnen, lieber Leser, diese Freude nicht nehmen möchte, endet meine Vorstellung von Fritz 16 bevor sie begonnen hat.


FRITZ 16 (Herstellerangaben)

Neue 64-Bit Multiprozessorengine von Vas Rajlich („Rybka“)
Verbesserte 64-Bit Programmoberfläche (optional 32-Bit)
Premium-Mitgliedschaft für die neuen ChessBase Accounts sowie für den playchess-Server (sechs Monate)

Mit Fritz 16 bleiben Sie mobil: der ChessBase Premium Account (6 Monate) garantiert vollen Zugriff auf die ChessBase Web Apps (auch für iPads, Android Tablets und Smartphones): 6.000 Schach-Trainingsvideos, 60.000 Taktikaufgaben, 8 Millionen Partien in der Live- Database und natürlich Onlineschach auf playchess.com.

Systemvoraussetzungen für Fritz 16

Minimum: Dual Core, 2 GB RAM, Windows 7 oder 8.1, DirectX11, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetzugang.
Empfohlen: PC Intel i5 oder AMD Ryzen 3 (Quadcore), 4 GB RAM, Windows 10, DirectX11, Grafikkarte mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10-kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD-ROM Laufwerk und Internetzugang.
Systemvoraussetzungen für ChessBase Account: Internetzugang und aktueller Browser, z.B. Chrome, Safari. Für Windows, OS X, iOS, Android, Linux.

Montag, 26 Juni 2017 14:10

Christian Hursky neuer ÖSB-Präsident

Man darf sicherlich das Wort „historisch“ bemühen, wenn man an die Wahl am Sonntag in Graz denkt – nein es wurde kein Kandidat einer unbekannten Liste Bürgermeister – es trat der österreichische Langzeitzeitschachpräsident Prof. Kurt Jungwirth nicht mehr zur Wahl an. Dieser hatte das Amt seit 1971 inne und viele Schachspieler in Österreich hatten noch nie einen anderen Präsidenten erlebt. Nach über 45 Jahren im Amt übergab er am Sonntag an den ehemaligen Wiener Schachpräsidenten Christian Hursky – ein Grund für die Krennwurzn diesen einmal zu interviewen:

Krennwurzn:
Herr Hursky – ich kann es immer noch nicht glauben – es gibt tatsächlich einen neuen ÖSB-Präsidenten. Können Sie sich der Schachöffentlichkeit mal kurz vorstellen?

Hursky:
Natürlich – ich bin vor ein paar Tagen 56 Jahre alt geworden. Hauptberuflich bin ich Dispoleiter bei einer Mineralölfirma und Landtagsabgeordneter aus Wien-Favoriten. Neun Jahre lang war ich Präsident des Wiener Schachverbandes und spiele wenn mir Zeit bleibt auch gerne mal in einer unteren Liga in Wien Schach. Da hört und sieht man auch die „kleinen“ Probleme der Schachvereine – eine sehr gute und wichtige Erfahrung für mich.

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Krennwurzn:
Lassen Sie mich mal rechnen: 40 Stunden Job, aktiver Politiker und Schachpräsident – wie geht sich das zeitlich aus?

Hursky:
Für Schach wende ich ca. 10-15 Stunden pro Woche auf und ich bin ein sehr gut organisierter Mensch, der sehr teamorientiert arbeitet. Schon in Wien haben wir ein schlagkräftiges Team aufgebaut und dies werde ich nun auch im ÖSB so machen. Meine Arbeitsweise ist Probleme zu erkennen, diese offen anzusprechen und dann durch gemeinsames Besprechen diese zu lösen!

Krennwurzn:
Neue Zeiten für den ÖSB also – was wird sich ändern, wandert das Büro von Graz nach Wien?

Hursky:
Kurzfristig ist keine Übersiedlung nach Wien geplant und Walter Kastner wird Sekretär bleiben und die Büroräumlichkeiten in Graz weiter nutzen. Im Zeitalter der modernen Kommunikation sind Bürositze nicht wirklich wichtig und stehen auf meiner Prioritätenliste ganz unten.

Krennwurzn:
Ok – was steht ganz oben – was möchten Sie im ÖSB erreichen?

Hursky:
Nun bei der Wahl wurden schon ein paar Weichen gestellt – mit Johannes Duftner und Friedrich Knapp wird es zwei neue Vizepräsidenten und damit eine Verjüngung dieses Gremiums geben. Mit Franz Modliba und Johann Pöcksteiner sorgen zwei erfahrene Kollegen für Kontinuität und dafür dass Expertise nicht verloren geht. Generell werden wir uns breiter aufstellen (müssen) weil das die Anforderung unserer Zeit ist – wir müssen darauf achten, dass wir die Funktionäre weder zeitlich noch arbeitsmäßig überlasten. Daher müssen wir alle noch besser lernen zu delegieren.
Wichtig ist mir, dass der ÖSB sowohl für die Hobbyspieler als auch für die Spitzenspieler da ist – das darf kein Gegeneinander sein: wir brauchen die Breite und wir brauchen auch Erfolge, um die Sportförderung zu rechtfertigen.
Im Jahr 2020 wird der ÖSB 100 Jahre alt und dieses Jahr gilt es ab sofort vorzubereiten. Mir schwebt ein „Medienjahr“ vor – es muss uns mehr gelingen mit Schach in die Öffentlichkeit zu kommen. Geplant ist zur Zeit eine gemeinsame Turnierserie über alle Bundesländer. Wir müssen dabei auch die Bremse, die durch Länderinteressen, manchmal existiert lösen und gemeinsame Projekte auf den Weg bringen. Ich bin bewusst als Präsident des Wiener Schachverbandes zurückgetreten um als ÖSB-Präsident wirklich auch für alle sichtbar für ALLE Präsident zu sein.
Schon jetzt laufen gerade im Jugendbereich schon ein paar länderübergreifende Initiativen und im Medienbereich müssen wir unser Organ „Schach aktiv“ verbessern und für neue Zielgruppen attraktiv machen.

Krennwurzn:
Wer soll das alles bezahlen, wer hat so viel Geld … möchte ich fast singen ;-) Aber im Ernst gefragt: nach den Sommerolympiaden in London und Rio hat der BSFF (Bundessportförderungsfonds) doch die Weichen gestellt, dass mehr Geld in medaillenträchtige Sportarten fließen soll.

Hursky:
Das stimmt zwar, aber auch gute Nachwuchsarbeit findet Anerkennung im BSFF. Wir haben gerade in diesem Bereich wohl das erfolgreichste Jahr hinter uns. Ganz aktuell wurde Florian Mesaros Doppel-Europameister in Budva und im Blitz landet hinter ihm auf Platz 3 mit Felix Blohberger noch ein Österreicher am Stockerl und auch schon vorher waren wir sehr erfolgreich. Das sind schon die ersten positiven Auswirkungen vom Projekt Batumi 2018 das wir in ein generelles Jugendarbeitsprojekt „Meister von morgen“ umwandeln und weiterführen möchten.
Im absoluten Spitzenbereich versuchen wir neben Markus Ragger auch Valentin Dragnev ins Team Rot-weiß-Rot zu bringen und somit auch Perspektiven für andere zu schaffen. Eine gewisse wirtschaftliche Absicherung ist eine Grundvoraussetzung für Erfolg im Spitzensport!

Krennwurzn:
Wenn man sich aber die Förderkriterien anschaut, dann braucht ein Schachspieler der die geforderten Leistungen erbringt keine Förderungen mehr, denn dann ist er schon in den Top 20 und kann wohl auch ohne Förderungen gut vom Schach leben.

Hursky:
Dieses Problem ist uns klar und auch die BSO versteht dies – daher werden die Kriterien ja nicht stur ausgelegt sondern von Menschen entschieden. Um Erfolg zu haben, müssen wir den Fokus vom Geldverdienen auf die Vorbereitung legen, denn nur mit besserer Vorbereitung und gesicherter Existenz sind Erfolge möglich.
Ebenso holen wir uns da auch von anderen Sportverbänden Expertise und praktische Hilfe – so bereiten sich Damen und Herren Schachnationalmannschaften im Bundessportzentrum Südstadt auf ihre Aufgaben vor – der erste Schritt in dieser Richtung wurde von Harald Schneider-Zinner gesetzt. Dort können wir vielfältige sportliche Expertise in Anspruch nehmen und unsere Spieler treten dort auch in Kontakt mit anderen Sportlern, die dann schnell sehen, dass Spitzenschach schon um vieles härter ist als eine Partie Schach im Kaffeehaus.

Krennwurzn:
Kommen wir aufs internationale Parkett – Österreich ist in der FIDE ja sehr gut vernetzt – wie sieht Ihr persönlicher Fahrplan da aus?

Hursky:
Prof. Kurt Jungwirth – zu dem ich ein sehr gutes persönliches Verhältnis habe - wird weiterhin in seinen FIDE Funktionen bleiben und mir auch in Österreich als Ehrenpräsident des ÖSB mit Rat und Tat zur Seite stehen. Johann Pöcksteiner – wir haben schon in Wien gut miteinander gearbeitet – wird seine Funktion in der ECU weiter pflegen. Und ich werde bis 2018 – nächster FIDE Kongress in Batumi – diese Kontakte nutzen und das Netzwerk kennenlernen und dann Entscheidungen treffen.
Krennwurzn:
Ihr Vorgänger Prof. Kurt Jungwirth und sein „steirisches“ Team hatten ja keine große Freude mit der Krennwurzn – wie ist ihr Umgang mit Kritik, die gerade wenn sie ironisch oder gar sarkastisch ausfällt persönliche Grenzen überschreiten kann?

Hursky:
Kritik ist per se einmal nicht schlecht, sollte aber nicht persönlich sein und auch nicht persönlich genommen werden. Mein Motto „Durchs Reden kommen d' Leut zam“ sollte von Anfang an verhindern, dass sich Meinungsverschiedenheiten zu handfesten Konflikten aufschaukeln, die dann eine Eigendynamik entwickeln, die für beide Seiten nicht gut ist.

Krennwurzn:
Jetzt sprechen wir schon sehr lange und ein Thema fehlt bisher fast komplett: Frauen im Schach! Wir haben zwar im Schul- und Jugendschach viele Mädchen, verlieren diese aber dann fast vollständig, wenn Ausbildung, Beruf und Familie ins Spiel kommen.

Hursky:
Das stimmt und Sie sind ja ein sehr ungeduldiger Forderer von mehr Frauen im Schach. Mein Zugang ist, dass hier wie auch schon im Kinder- und Jugendbereich ein Weg der kleinen Schritte gegangen werden muss, um langfristig etwas zu ändern. Neben Spielerinnen brauchen wir auch Funktionärinnen im Schach um Themen anzusprechen und zu verbessern, die uns helfen, Frauen längerfristig im Schach zu halten. Das fängt bei den Spiellokalen, -terminen an und geht in einem weiten Bogen bis dahin, dass ein Schachspieler auch mal duschen und ein frisches Hemd anziehen soll.
In Wien haben wir mit Margot Landl eine sehr engagierte Frau im Vorstand, die sich auch medial gut in Szene setzen kann. Mit Uschi Fellner haben wir in der Medienlandschaft eine begeisterte Schachspielerin und wir müssen versuchen, diese Kontakte und Möglichkeiten zu nutzen, Schach für Frauen attraktiver zu machen – wie gesagt ich bin da für die kleinen Schritte, verstehe aber die Ungeduld der Krennwurzn gut!

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IM (WGM) Eva Moser gegen den Christian Hursky

Krennwurzn:
Wie sieht Ihre persönliche Planung als Präsident aus – 45+ Jahre werden sie wohl eher nicht schaffen.

Hursky:
(Lacht) Das ist auch nicht mein Ziel. In Wien war ich 9 Jahre lang Präsident und ich hoffe sagen zu dürfen ich habe da etwas weitergebracht und viele Projekte auf Schiene gebracht. Über die Dauer einer Amtsperiode sollte man sich keine zu großen Gedanken machen, aber ich denke, dass so um 10 Jahre herum eine gute Perspektive ist, wenn man längerfristig etwas schaffen möchte.

Krennwurzn:
Was wären so längerfristige Ziele? Das hört sich zwar gut an, sagt aber wenig aus.

Hursky:
Neben den schon angesprochenen Zielen sollten wir vielleicht weiterdenken und beispielsweise ähnlich dem Schachhaus in Wien ein bis drei weitere solche Zentren in den Bundesländern schaffen. Das wird realistischerweise nur klappen, wenn wir über die Landesverbandsgrenzen hinwegschauen und sich zwei oder mehrere Bundesländer die Finanzierung teilen. Der Vorteil des Schachhauses ist, dass wir damit über eine Lokation verfügen, die uns alleine zur Verfügung steht und uns beispielsweise im Jugend- aber auch im Damenbereich nicht ganz unwichtig raus aus den Gaststätten bringt. Zudem darf man die Wirkung als öffentlich sichtbares Haus für Schach auf die Gesellschaft nicht vergessen.

Krennwurzn:
Herzlichen Dank für das Gespräch und die Zeit für das Telefonat zwischen zwei Terminen – alles Gute für die Präsidentschaft!

Hursky:
Danke und vielleicht trifft man sich ja mal auch persönlich!

Die Wahl ist geschlagen und es gibt einen neuen DSB Präsidenten – für viele überraschend und für viele Insider auch wieder nicht, denn schon lange hörte man aus den bekannt gut informierten Kreisen, dass die Chemie in den Führungsgremien nicht stimmt. Öffentlich sichtbar war nur, dass aktive Funktionäre bei der vorhergehenden Wahl nicht mehr antraten und dass der Streit im Spitzenschach nicht mehr kontrollierbar war. Aber fragen wir den nunmehrigen Ex-Präsidenten Herbert Bastian einmal selbst …

Krennwurzn:
Wenn ich mir Ihre ersten Reaktionen nach der Abwahl in Erinnerung rufe, so erinnert mich das an „der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“ Sind Sie wirklich persönlich gekränkt, dass Ihre Arbeit nicht entsprechend gewürdigt wurde und die Delegierten ihr demokratisches Recht zur Abwahl genutzt haben?

Bastian:
Bei der Wahl gab es eine lächerliche Selbstdarstellung von einigen, die noch nicht begriffen haben, dass man als Funktionär Verantwortung gegenüber der gesamten Organisation hat und sein Mandat nicht für persönliche Zwecke missbrauchen darf. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man mich letztlich wirklich abwählen wollte oder ob es am Ende nur ein Zufallsergebnis wurde. Auch wenn es anscheinend alle wissen, ich weiß immer noch nicht, warum ich so abgestraft wurde. Absolut sicher bin ich mir, dass die wirkliche Basis mich gewählt hätte. Bei dem, was in Linstow geschehen ist, wäre jeder Mensch, der nicht absolut gefühlskalt ist, gekränkt. Andererseits habe ich es erwartet und bin schnell darüber hinweggekommen. Der Zerfall der Umgangsformen im DSB ist ja schon länger erkennbar. Wenn ich überhaupt etwas dazu sagen wollte musste es schnell geschehen. Nach spätestens drei Tagen interessiert sich niemand mehr dafür. Das Bild vom Mohr trifft allerdings zu. Genau so hat man mich behandelt. Nach vier Wochen Dauerstress mit der Kongressvorbereitung nach der schweren Erkrankung von Uwe Bönsch tat das sehr weh.

Krennwurzn:
Dankbarkeit ist im Ehrenamt keine Kategorie – es ist schwer, aber damit muss man sich abfinden und das wird in Zeiten der sozialen Medien nicht einfacher. Einfacher zu beantworten erscheint mir die Frage nach dem Warum des Abstrafens: Freunde und Gegner sind sich da scheinbar einig: Bastian ist ein guter Organisator, hat gute Idee und Visionen, ist ein ehrlicher und harter Arbeiter, aber kein Teamplayer! Ganz offen gefragt: verlangen Sie als Chef zu viel von Ihren Kollegen und das in einem zu autoritären Ton?

Bastian:
Wird mir das wirklich vorgeworfen? Das ist amüsant. Intern wurde mir ständig vorgeworfen, ich sei viel zu weich, viel zu nett, hätte keine Führungsstärke, würde viel zu viel selbst machen und müsste mehr delegieren. Verlangt habe ich z.B., dass die Aufstellung der Nationalmannschaft zuerst mit dem Präsidium abgesprochen wird, bevor ich es aus den Medien erfahre. War das zu viel verlangt? Oder dass Konflikte wie zwischen Luther und Rogozenco nicht öffentlich, sondern intern ausgetragen werden. War das zu viel verlangt? Wenn man im DSB Vorschläge macht, reagieren manche Leute schon extrem allergisch. Eins von vielen Beispielen war mein Vorschlag, eine Frau ins Präsidium zu holen. Schon das war zu viel und hat heftigste Reaktionen hervorgerufen. Klar bin ich sehr temperamentvoll, da konnte auch mal eine Überreaktion kommen. Dazu stehe ich.
Und noch etwas: Ich bin ganz sicher ein Teamplayer. Wer solche Vorwürfe übernimmt, sollte zuallererst prüfen, um es sich nicht um Projektionen handelt. Solche Vorwürfe kommen nämlich in der Regel von Leuten, die selber nicht teamfähig sind oder mich aus irgendwelchen Gründen bekämpfen. Aber auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Das mit dem autoritären Ton weise ich klar zurück, aber meine Ansprüche sind wohl zu hoch. Deshalb werde ich künftig nur noch mit Leuten zusammenarbeiten, die ein Mindestniveau halten.

Krennwurzn:
Wenig delegieren, vieles selbst machen ist sicherlich kein optimaler Führungsstil, denn es entzieht den anderen u.a. das Vertrauen Arbeiten selbstständig erledigen zu können. Die Frauenquote im Schach ist ultragrottig, aber dieses Problem geht in den Männerklubs unter – vielleicht kommen wir später noch auf dieses Thema zu sprechen. Die Causa „Nationalmannschaft“ erinnert mich ein wenig an die negativen Auswirkungen von Cordoba auf den österreichischen Fußball. Der EM-Titel deckte Konflikte zu und schürte die Hoffnung nun dauerhaft mit den „großen Jungs“ mitspielen zu können und da sich dies nicht erfüllte – Klammer erfüllen konnte, brachen dann die Konflikte brutal auf. Hier wurden Erwartungen enttäuscht und Hoffnungen geweckt, die unrealistisch waren – hätte hier nicht ein DSB Präsident die Fallhöhe zwischen Wunsch und Realität etwas reduzieren sollen?

Bastian:
Klar ist viel delegieren, wenig selber machen der bessere Stil. So schlau bin ich auch. Im DSB arbeiten alle Referenten sehr selbstständig und sie machen gute Arbeit, aber sie machen am liebsten ihre eigene Arbeit, und das ist die Crux. Aufträge nehmen sie weniger gerne entgegen, und das gilt auch für die Hauptamtlichen. Und da ich nicht gerne autoritär auftrete – auch wenn das nicht zutreffende Gegenteil behauptet wird – ziehe ich oft das konfliktfreiere und schnellere Selbermachen vor.
Wenn wir nun auf die Verantwortung des DSB-Präsidenten kommen, möchte ich zuerst die von der Satzung verordnete Impotenz der von der Öffentlichkeit erwarteten Omnipotenz gegenüberstellen. Für den Sport ist der Vizepräsident Sport in Verbindung mit dem Leistungssportreferenten zuständig. Der Präsident hat da erst mal gar nichts zu melden, was ich für eine krasse Fehlkonstruktion halte. Mir gegenüber wurde es damit begründet, dass ja auch mal ein Präsident kommen könne, der nichts vom Spitzenschach versteht. Vielleicht habe ich den Fehler gemacht, mich nach außen immer vor meine Vizepräsidenten zu stellen, aber so habe ich nun einmal Führung gelernt. Ich bin nicht der Typ, der andere opfert, wenn Fehler passieren.

Krennwurzn:
Welche Fehler sind im Leistungssport passiert? Oder sind da in Wirklichkeit nur unerfüllbare Träume geplatzt – wie oben schon angemerkt?

Bastian:
Darauf muss ich länger antworten. Arkadij Naiditsch und Klaus Deventer (damals Referent für Leistungssport) waren unversöhnlich zerstritten. Dann hat Arkadij unseren Sponsor mit seinem Verhalten in Tromsø dermaßen verärgert, dass dieser jegliche weitere Förderung von ihm abgelehnt hat. Damit war unser bester Spieler und Zugpferd draußen. Von mir verlangte Arkadij 30.000,- € jährliche Sonderzahlung, damit er auf den Föderationswechsel verzichtet, was wir unmöglich leisten konnten. Diese Dinge liegen in Arkadijs Charakter begründet und sind aus meiner Sicht keine Fehler des DSB. Immerhin ist es in vielen Sitzungen 2011 gelungen, die zerstrittenen Nationalmannschaften wieder zu vereinigen, und wir fanden dank Uwe Bönsch mit UKA einen zuverlässigen Sponsor, was die Spieler mit dem Gewinn des Europameistertitels belohnt haben.
Der Leistungssport ist im DSB mittlerweile ein Stiefkind. Die Nationalmannschaften sind dem Vizepräsidenten Sport zugeordnet, der unter anderem noch die Senioren, die Frauen und den Ausbildungsbereich mitbetreut. Wie sollen bei dieser Auslastung neue Ideen reifen? Ich habe immer vergeblich gefordert, dass die Nationalmannschaften enger dem Präsidium zugeordnet werden. Die Aufstellungen habe ich manchmal von unserer Webseite erfahren, und mein Wunsch, dass das Präsidium zuerst informiert werden solle, damit es sich vor Veröffentlichung eine Meinung bilden kann, wurde abgewiesen. Ein Präsidiumsmitglied war z.B. strikt dagegen, weil es der Meinung war, vom Spitzenschach keine Ahnung zu haben. Was zumindest teilweise umgesetzt werden konnte, waren die Kooperationen mit Dortmund, Baden-Baden, Dresden und Erfurt. Dadurch kamen unsere Spitzenspieler und Spitzenspielerinnen wieder mehr in Kontakt mit der Weltspitze. Für die kommende Periode hatte ich einen Ausbau dieser Kooperationen und grundlegende Reformen im Leistungssport geplant.
Der Kongress hat nun ein Schulschachpräsidium eingesetzt. Ob das das richtige Signal an junge Spielerinnen und Spieler ist, sich dem Leistungssport zu widmen, wage ich zu bezweifeln. Da muss dringend nachgebessert werden. Was bleiben wird ist die positive Entwicklung im Frauenschach.
Letztlich müssen wir aber zugeben, dass der Deutsche Schachbund derzeit nicht das schachliche Niveau hat, um sich in der Weltspitze zu etablieren. Und wenn man die Abläufe auf dem letzten Kongress betrachtet, muss man heilfroh sein, wenn es nicht noch weiter abwärts gehen wird.

Krennwurzn:
Stehen wir da nicht vor einem Dilemma? Einerseits brauchen wir eine Wohlfühlzone im Schach damit die Kinder langfristig beim Schach bleiben und anderseits bräuchten wir eine spitzensportliche Brutalität in der Förderung um international mithalten zu können. Spitzenkarrieren fangen heute immer früher an und wer mit 18 Jahren die 2700 nicht erreicht, aus dem wird kein Topspieler mehr. Sollten wir unsere Förderrichtlinien Spitzensport nicht daraufhin ausrichten, um nicht Geld an Spieler zu verbrennen, die sowieso keine Chance mehr haben dürften?

Bastian:
Ich sehe das nicht als ein Dilemma an, sondern als eine Frage geschickter Aufgabenteilung, und die gibt es längst. Für die Wohlfühlzonen außerhalb der häuslichen Rechner müssen die Vereine sorgen. Unterstützt werden sie mit solchen Highlights wie die DJEM, die DSAM, die vielen Schulschachturniere, die Vereinskonferenzen, die Schulschachkongresse, die Mädchen- und Frauenschachkongresse, die Ländermeisterschaften, die Bezirks- und Verbandsturniere usw. Überall wachsen wir in den letzten Jahren, so ist z.B. die Zahl der Open-Turniere in Deutschland von 2012 bis 2016 von 331 auf 481 gestiegen. Oder die Rekorde beim Alsteruferturnier und in Karlsruhe. Im Spitzenschach stehen Reformen an, das ist für mich klar. Druck kommt ja auch vom Innenministerium und vom DSB. Umso unverständlicher ist für mich die Zusammensetzung des neuen Präsidiums angesichts der drohenden Forderungen von außen. Können wir uns überhaupt sicher sein, dass Weltklasseschach noch ein Ziel im Deutschen Schachbund ist? Oder haben wir schon resigniert? Der schon lange geforderte „Masterplan“ ist bisher von den Verantwortlichen im Bereich Leistungssport nicht vorgelegt worden. Hoffentlich kommt er jetzt und gibt eine Antwort auf die gestellte Frage.

Krennwurzn:
Welche Chancen bzw. Aufgaben wird der DSB nicht wahren können, weil Herbert Bastian als Präsident abgewählt wurde?

Bastian:
Dem DSB ist mit meiner Abwahl keine Chance verloren gegangen, und er wird alle Aufgaben wahren können. Man muss sich nur ein bisschen anstrengen. Ich bin sicher, dass der Verband verwaltungstechnisch dank Ralf Chadt-Rausch und Uwe Bönsch in den letzten zwanzig Jahren noch nie in einem vergleichbar guten Zustand war, und dieses Präsidium hat die beste Bilanz vorgelegt, an die ich mich erinnern kann. Daran ändert die Tatsache nichts, dass es mit meinem schlechtesten Wahlergebnis quittiert wurde. Ob ich an irgendeiner Stelle vermisst werde, wird sich zeigen, immerhin war ich seit 1992 durchgehend als Funktionär auf Bundesebene präsent, und da haben sich auch vielerorts Freundschaften entwickelt.

Krennwurzn:
Kommen wir aufs internationale Parkett – unter Ihrer Präsidentschaft hat es ja einen Schwenk in Richtung Kirsan Ilyumzhinov gegeben und Deutschland hat dafür wieder einen FIDE Vizepräsidenten bekommen. War das eine richtige Entscheidung und bleiben Sie FIDE Vizepräsident oder geht das Amt automatisch auf Ihren Nachfolger über?

Bastian:
Hier muss ich Einiges richtigstellen. Unter mir gab es keinen Schwenk Richtung Ilyumshinov, sondern die Entscheidung dafür, wieder mit der FIDE-Führung zusammenzuarbeiten, anstatt gegen sie zu arbeiten. Der unselige Streit 2010 vorm CAS hat die FIDE fast 1,5 Millionen Euro gekostet, und das alles nur für die Ego-Pflege gewisser Leute ohne ein brauchbares Ergebnis für den Schachsport. Was hätte man mit dem Geld alles Sinnvolle anfangen können! Mein Engagement gilt dem Schachsport, nicht einer Person. Gleichwohl respektiere ich das, was Kirsan Ilyumshinov für das Schach geleistet hat, und persönlich habe ich mit ihm nur die besten Erfahrungen gemacht. Ich bilde mir immer ein persönliches Urteil über Menschen und beteilige mich nicht an Treibjagden, wie ich sie jetzt am eigenen Leib erlebt habe. Was Kirsan Ilyumshinov ansonsten vorgeworfen wird, kann ich nicht beurteilen, das überlasse ich der Justiz.
Es ist falsch, dass Deutschland den Vizepräsidenten für den Schwenk bekommen hat. Richtig ist, dass der Deutsche Schachbund von der FIDE als einer der wichtigsten nationalen Verbände angesehen wird, mit dem man kooperieren will. Ein Tauschgeschäft gab es nicht. Meine Entscheidung, für eine Kandidatur bereit zu stehen, fiel erst nach dem eindeutigen Wahlergebnis zugunsten von Ilyumshinov. Unabhängig vom Vizepräsidenten hätte ich auf jeden Fall eine rasche Aussöhnung mit der FIDE angestrebt, weil ich Kooperation für richtig halte, und deshalb halte ich meine Entscheidung nach wie vor für richtig.
Nach den Ereignissen in Linstow habe ich der FIDE meinen sofortigen Rücktritt angeboten. Mir wurde jedoch gesagt, dass meine Wahl in Tromsø primär eine Personenwahl war und nicht die Wahl eines Vertreters des Deutschen Schachbundes. Und ich wurde gebeten, im Amt zu bleiben, was ich folglich bis zu den planmäßigen Wahlen 2018 tun werde. Im Presidential Board der FIDE vertrete ich den Schachsport in Deutschland, nicht das Präsidium des Deutschen Schachbundes. Da ist immer noch ein Unterschied, und man traut mir das in der FIDE zu. Sehr gerne hätte ich im Lasker-Jahr 2018 die Weltmeisterschaft oder das Kandidatenturnier nach Deutschland geholt und stand kurz vorm Erfolg. Ob das jetzt noch klappen wird, weiß ich nicht. Hier scheint das ja auch die Mehrheit nicht zu wollen.

 Ob das jetzt noch klappen wird, weiß ich nicht. Hier scheint das ja auch die Mehrheit nicht zu wollen.

Krennwurzn:
Die Mehrheit fürchtet da wohl die Kosten – nebenbei gibt es ja bei der Vermarktung via AGON das alte Problemfeld, dass die Kosten für Liveübertragungen schwer via Werbung finanziert werden können, weil man – ebenfalls aus gutem Grunde – nicht exklusiv übertragen kann. Hier müssten die Verbände die Interessen der Schachspieler (freier Zugang zu Übertragungen) UND die Interessen der Veranstalter (Einnahmen via Werbung) in Einklang bringen können – ich sag’s ehrlich: mir fällt da keine Lösung ein, aber der aktuelle Zustand mit „Piratenübertragungen“ und Klagen ist sicherlich nicht gut fürs Schach.

Bastian:
Die Blitz- und Schnellschach-WM in Berlin wurde von AGON finanziert, beim DSB entstanden ca. 3.500,- € Kosten für Reisen und Hotel unserer beteiligten Mitarbeiter und Funktionäre. Auch das Kandidatenturnier würde von AGON finanziert werden.

Krennwurzn:
Die Leute fürchten ja DRESDEN 2008 - die Olympiade ...

Bastian:
Die Olympiade 2008 in Dresden hat doch den DSB nur das gekostet, was im damaligen Olympiaausschuss freiwillig für Begleitmaßnahmen verbraten wurde (Sternfahrten, Olympiamagazin, Partnerschulen usw.). Das entstandene Defizit bei der Olympiade selber wurde von der Stadt Dresden übernommen. Und heute werden WM und CT von AGON finanziert. Sobald bezahlte Spieler antreten, handelt es sich um wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Beitragsgelder dürfen a priori gar nicht in solche Veranstaltungen fließen, das würde die Gemeinnützigkeit kosten.

Krennwurzn:
Die Finanzierung durch AGON könnte ja wackeln, da die Einnahmen aus den Übertragungsrechten nicht den Erwartungen entsprechen könnten. Gerüchteweise könnte der „Rücktritt“ von Kirsan Ilyumshinov im März dieses Jahres mit ausstehenden Zahlungen aus diesem Kontrakt in Zusammenhang stehen.

Bastian:
Hier kann ich in keinem Punkt widersprechen. Das wäre dann das Problem von AGON, nicht des Deutschen Schachbundes.

Krennwurzn:
Ein großes Anliegen war Ihnen das „Lasker Jahr 2018“ – mal ganz ehrlich gefragt: interessiert das heute noch jemanden wirklich? Nicht weil ich ein großer Geschichtsignorant wäre frage ich, sondern weil hier in Österreich Steinitz fast ein Unbekannter ist und es in Wien gerade mal seit seinem 110. Todestag einen Steinitzsteg gibt, den viele namentlich nicht kennen.

Bastian:
Das Lasker-Jahr ist ein Ansatz, im Deutschen Schachbund das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und die Vereine zu besonderen Anstrengungen zu motivieren. Wir haben sehr früh damit angefangen, und inzwischen habe ich das Gefühl, dass der Gedanke angekommen ist. Der Kongress hat Finanzmittel in Höhe von 20.000,- € für Aktionen bewilligt, was ich für sensationell halte. Die nun Verantwortlichen haben versprochen, das Jahr zu einem Erfolg für den Deutschen Schachbund zu machen. Mehr kann ich mir nicht wünschen. Einen sehr umfangreichen Ideenpool habe ich vorgelegt, der sicher durch die DSJ und andere noch weiter angereichert wird. Die Jubiläen der Solinger SG und des SC Bamberg, beide 1868 gegründet, sowie das umfangreiche Programm der Lasker-Gesellschaft sollen idealerweise mit eingebunden werden. Mal ehrlich, ist das nicht eine supergute Chance für den Schachsport?

Krennwurzn:
Ganz ehrlich – mir ist das zu romantisch ;-)

Bastian:
Ein bisschen Romantik kann dem Schachsport doch nicht schaden …

Krennwurzn:
Ein Problem der Schachwelt ist meiner Meinung nach, dass es zu einer Art Aufspaltung kommt: da die Spieler in der Komfortzone Internet und Turniere und dort die Funktionäre in ihrer Regel- und Schachpolitwelt und da es noch erträglich läuft, entfernt man sich dennoch immer weiter voneinander – ist da ein Crash nicht vorprogrammiert?

Bastian:
Gute Frage, auf die ich keine Antwort habe. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Menschen immer häufiger merken werden, welche Energie sie aus der persönlichen Begegnung auf den großen Events schöpfen können, wie zuletzt die zentrale Bundesligaendrunde in Berlin. Ich konnte dort in zwei Tagen als DSB-Präsident mehr zukunftsweisende Gespräche führen als sonst über das ganze Jahr aufsummiert. Und neue Freundschaften erschließen, auch zu Personen, die mich bis dato im Internet nur angegiftet haben.

Krennwurzn:
Zum Abschluss – was bleibt von der Ära Bastian als DSB-Präsident?

Bastian:
Das müssen andere beurteilen.

Krennwurzn:
Klar, aber mich interessiert die Eigeneinschätzung!

Bastian:
Okay: Es bleibt die nicht mehr abzuwehrende Einsicht, dass die Frauen in der Zukunft zum Schachsport gleichwertig dazugehören werden.

Krennwurzn:
Wie geht es mit dem Funktionär Herbert Bastian weiter? Oder starten Sie in der Pension und ohne Funktionärsbelastung noch einen Angriff auf den GM-Titel? Erster deutscher Seniorenweltmeister …

Bastian:
Ob ich meinen Kopf nach dem Stress der letzten Wochen wieder soweit zum Funktionieren bringen kann, dass ich nochmal an das Niveau über Elo 2000 herankomme, bezweifle ich momentan. Aktuell arbeite ich an der Übersetzung eines Schachbuches aus dem 18. Jahrhundert, das lastet mich erst mal aus. Ob es 2018 in der FIDE weitergehen wird, ist eine weitere Option. Mir schwebt da ein weiteres schachhistorisches Projekt vor, das ich aber nur anpacken werde, wenn die Rahmenbedingungen stimmig gemacht werden können und ich mir den Start kräftemäßig noch zutraue.

Krennwurzn:
2000 Elo reichen ja noch locker zum „Krennwurzn Stechen“ – vielen Dank für das Gespräch und Alles Gute in den nächsten Jahren!!

Bastian:
Herzlichen Dank.

Dienstag, 15 November 2016 12:16

ChessBase EVO 14

Die Krennwurzn sitzt verunsichert und wortlos vor einer Rezension – das können Sie nicht glauben lieber Leser? Ist aber die Realität – schon einige Zeit liegen mir Betaversionen von ChessBase 14 vor und ich weiß nicht, was ich davon halten soll, also zäume ich das Pferd von hinten auf und gebe eine klare Kaufempfehlung ab!

CB14 01


Ist ChessBase 14 besser als ChessBase 13? Check! Hat es neue Funktionen? Check! Ist es das Geld wert? Check! Soll man sich ChessBase 14 kaufen – ein klares Check, denn man darf hier ruhig ein wenig egoistisch sein, denn:

die WM und Weihnachten stehen vor der Tür – gönnen Sie sich etwas für Ihr Hobby!

Ja und wo zum Henker hat die Krennwurzn dann noch ein Problem? Naja lassen wir die krennwurzischen (Pseudo?!)-Bauchschmerzen mal beiseite und werfen einen Blick auf die neuen Funktionen:

Assisted Analysis (AA)

Sicherlich DIE Innovation von ChessBase 14 und auch eine kleine Vorentscheidung wohin der Weg im ewigen Streit Analyse bzw. Übertragung mit oder ohne Engine gehen könnte: die Analyse mit Engine ohne Enginebewertung!

CB14 02

Klickt man den Turm c8 an, so färben sich alle möglichen Zugfelder in den Farben tiefrot (absoluter Blunder) über diverse Rot-, Gelb- und Grüntöne bis tiefgrün (guter Zug) ein. Die Engine zeigt eine Bewertung des möglichen Zuges ohne die bekannten Plus oder Minus x,yz oder sogar das gefürchtete 0,00 auszuwerfen. Der User bekommt zwar eine maschinelle Unterstützung, muss dann aber diese farblichen Informationen selbst in Varianten umsetzen. Ich persönlich habe das bei den Übertragungen der WM Partien getestet und war wirklich begeistert, denn man starrt nicht mehr sklavisch auf Zehntelveränderungen von Enginebewertungen, sondern versucht selbst wieder mehr zu verstehen und wird aber sofort ein wenig aufgeweckt, wenn der eigene Wunsch- oder Fragezug im tiefen Rot erscheint.

CB14 03

Wieder der Tc8, aber diesmal in Schwarz und die Farbgebung ist ein wenig blasser und hier zeigt sich auch eine kleine Schwäche des Systems, dass meiner Meinung nach noch nicht optimal auf Engine und Datenbankerkenntnisse zugreift. Der stärkste Zug Txc4 ist in der Stellung sehr hellgrün – vielleicht aus zu menschlicher Angst, es könnte ein Rechenfehler vorliegen – und der Zug Le6 ist tiefgrün. Beide Züge gewinnen, aber Txc4 ist kräftiger und auch schöner!

CB14 04

Noch nicht umgesetzt ist die Einbindung von Tablebaseinformationen, aber das ist gar nicht so schlecht, denn hier kann sich der Laie ein wenig eine Vorstellung davon machen, wie die Maschine bei der Farberstellung arbeitet. Vielleicht sollte man hier ebenso wie bei Eröffnungsstellungen die Farbe Blau für Theorie einsetzen.

Aber diese Funktion ist wirklich ein Highlight und ich denke es wird mit den schon implementierten Features wie Drohung anzeigen, etc und den zu erwartenden Weiterentwicklungen eine wirklich wertvolle Funktion für die Zukunft werden.

Video AA Matthias Wüllenweber von CB


Taktische Analyse (TA)

Mit dieser von Fritz übernommen und verbesserten Funktion kann man nun auch in ChessBase 14 eine einzelne Partie oder mehrere Partien aus einer Datenbank einer schnellen automatischen Analyse unterziehen und man bekommt für den Durchschnittsspieler sicherlich sehr brauchbare Ergebnisse und eine gute Übersicht, was in der eigenen Partie alles möglich gewesen wäre.

CB14 05

Man bekommt so einen schnellen Überblick über die Partie und das ist sicherlich auch ein praktisches Feature, wenn man schnell ein paar Analysen für die Homepage des Vereins oder eines Turniers braucht – denn so in zirka 20 Minuten je nach Leistungsstärke des eigenen Computers hat man brauchbare Ergebnisse, die man nur noch mit eigenem Senf auffetten muss – eine Arbeitserleichterung!

Video TA Matthias Wüllenweber von CB

Viele kleine Verbesserungen

Es kommt mehr Farbe ins Spiel – nein keine Angst, die FIDE hat keine zusätzliche Farbe ins Regular aufgenommen – ChessBase hat einen Weg gesucht, Partien mit vielen verästelten Kommentaren etwas übersichtlicher zu machen und die Varianten und Untervarianten in zarte Pastellfarben gehüllt.

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Die Schnellkommentierungsleiste wurde ausgebaut und auch die Trainingsfragen wurden überarbeitet und sind nun noch besser nutzbar. Eine ChessBase eigene Konvention wurde über Bord geworfen und Speichern ersetzt nun wie in vielen Programmen üblich die aktuelle Partie ohne wie bisher ungewollt Dubletten in der Datenbank zu erzeugen. Ersetzen entfällt daher komplett und will man eine eigene Version speichern, so bleibt der übliche Weg „Speichern als …“. Ich denke eine sehr sinnvolle Änderung – manchen wird hier die vollwertige Rückgängigfunktion fehlen, aber ich vermute mal, dass dies bei Schachpartien, Varianten und Kommentaren nicht so einfach umzusetzen wäre.

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Praktisch ist auch, dass man jetzt aus dem Programm direkt Zugriff auf seinen CB-Account hat – allerdings fehlt hier noch der Zugriff auf den Shop, aber das kann ja noch werden. Es gibt weitere – ich möchte fast sagen unzählige – kleine Verbesserungen an allen Ecken und Enden des Programms, die man nicht alle testen und erwähnen kann, da hilft nur sich das Programm selbst zu kaufen – Schleichwerbung ;-). Eine möchte ich dennoch erwähnen: man kann jetzt Suchmasken speichern und die aktuelle Stellung direkt in die Suchmaske übernehmen.

Warum meckert die Krennwurzn trotzdem?

Jetzt mal Butter bei die Fische!! ChessBase 14 ist besser als die Vorgänger, es gibt wesentliche Neuerungen und die Krennwurzn hat Bauchschmerzen und weiß nicht was sie schreiben soll??

„Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin!“ – dieses Bonmot, das es auch als Buchtitel gibt, könnte ein Teil der Antwort sein. ChessBase „EVO“ 14 ist wirklich solide und brav, aber es ist keine „sündige, teuflische Eva“ die wirklich reizt und Sehnsüchte auslöst. Eine – nein DIE – beste Datenbanksoftware für Schach, aber es fehlt mir ein wenig der Blick auf die Konkurrenz und deren Angebote und die damit verbundenen klaren Konter. Das Angebot von ChessBase ist mittlerweile so vielfältig, dass man es auch als unübersichtlich bezeichnen könnte.

Die Konkurrenz punktet nicht mit mehr oder besseren Features sondern mit Einfachheit und Übersichtlichkeit. Wenn man weiß wie, dann bekommt man bei ChessBase mehr und tiefere Informationen als anderswo, aber anderswo bekommt mag man zwar weniger Informationen erhalten, aber diese werden viel einfacher am Silbertablett serviert. Vielleicht wird die Krennwurzn alt, faul und träge, aber die verdammte Aufgabe in unserer Informationsgesellschaft ist nun mal die Informationen schnell, kompakt und übersichtlich zu liefern – auch wenn es unmöglich ist, die im Schach enthaltene Information twitterlike in 140 Zeichen zu liefern, so wünschen wir uns das Unmögliche doch … versteckt in unserem Herzen!

Konkret ansprechen möchte ich dabei beispielsweise den Teil „Übertragungen“ bei playchess.com:

CB14 08

Wenn ich auf diese Liste schaue, bekomme ich Augenkrebs, der Kopf wird glutrot, wie nach einer zu starken Prise Kren am Jausenbrot und dann setzen tiefe Depressionen ein! Ich ungeduldiger User kann nicht nach Spieler suchen (das geht sogar bei der CB-Gratisapp am Handy), die Turniere sind nach Tag, Runden und sonst noch was aufgespalten. Und wenn ich jetzt noch wissen möchte, wie es im Turnier steht? Die Partien in ChessBase speichern und dann die Turnierstatistik aufrufen geht – aber das ist jenseits aller Eleganz! Aber ich wünsche mir noch mehr: ich will nicht nur eine Tabelle, sondern eine Livetabelle – am besten eine in der ich selbst noch rumbasteln kann und was-wäre-wenn Spielchen visualisieren könnte …

Natürlich könnte man auch aktuelle Nachrichten in den Übertragungsbereich eingliedern oder schneller und einfacher zugänglich machen – die meisten Informationen sind ja schon im ChessBase System vorhanden – sie müssen nur mehr „einfach“ – das ist die große Schwierigkeit – für den User zugänglich gemacht werden!

Ja, ja – so eine „sündige, teuflische Eva“ könnte schon noch Würze in das Schachleben der Krennwurzn bringen – und die Krennwurzn könnte sich noch viel mehr vorstellen!

CB14 09


Fazit der Krennwurzn

CB14 ist eine konsequente Weiterentwicklung der Vorgängerversion mit ein paar wirklich netten Neuerungen, aber es ist „nur“ eine Evolution und keine Revolution.

Was mir neu gut gefiel:

  • Assisted Analysis (NEU) – die Neuerung!!
  • Taktische Analyse (NEU)
  • Kleine Verbesserungen und
  • wenig optische Veränderungen zur Vorversion

Was mir noch fehlt:

  • Vereinigung von ChessBase und Fritz GUI (Grafische Benutzeroberfläche)
  •  Zusammenstutzen und Vereinheitlichung des Angebotes (Jäten)
  •  Schreibweise verbessern und Spielerlexikon haben auch noch Potential
  •  individuelle Anpassungsmöglichkeiten in der Ribbon Button Leiste
  • Übersicht über alle Einstellungen, Abos, ... in einem Report (html)
  • Firmeneigenes Supportforum

Und bitte nicht vergessen: die WM und Weihnachten stehen vor der Tür – gönnen Sie sich etwas für Ihr Hobby!

CB14 01


Systemanforderungen ChessBase 14 - Herstellerangaben

Minimum:
Pentium-PC, 1 GB RAM, Windows 7, DirectX9 Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetverbindung (Aktivieren des Programms, ChessBase Cloud und Updates).

Empfohlen:
PC Intel Core i5, 2.8 GHz, 8 GB RAM, Windows 10, DirectX10 Grafikkarte (oder kompatibel) mit 512 MB RAM oder mehr, Windows Media Player, Adobe Flash Player (Live-Übertragung), DVD-ROM Laufwerk, Full-HD Monitor und Internetverbindung (Aktivieren des Programms, ChessBase Cloud und Updates).

Internet: Info und Shop www.chessbase.de


Kleingedrucktes (nicht lesenswert)

Lob, Geschenkkörbe, Weinflaschen und Sympathiebekundungen per Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Kritik, Beschwerden, Unmutsäußerungen bitte nur an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! – aber bitte nur bezüglich des Programms, nicht aber über die Krennwurzn – dafür können die nichts!

Ich lege auch eine pdf-Version zum Download bereit – wer ganz erzürnt ist, bitte ausdrucken und ganz genüsslich ganz heftig klein zerreißen und dann gemütlich hinsetzen und ein gutes Glas österreichischen Rotwein trinken!

Danksagung

An jene Leser, die es so weit geschafft haben und noch nicht eingeschlafen sind!

Und zu guter Letzt an ChessBase Hamburg für die Bereitstellung der Betaversionen und der Geduld mit der Krennwurzn!

Der Titel erinnert ein wenig an das Märchen „Die Schöne und das Biest“, holpert aber auch ein wenig und da kommt die Krennwurzn ins Spiel. Aber halt eine kurze Auszeit für eine Zwischenfrage – wer ist „der Schöne“? Nun das ist ganz klar und einfach zu beantworten – der langjährige und treue Star des Vienna Chess Open: DER RATHAUSSAAL!

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Wohl einer der schönsten Spielsäle für Schachopen weltweit und das im absoluten Zentrum Wiens an der Ringstraße wo die historischen Gebäude wie auf einer Perlschnur aufgefädelt sind.

Bevor wir uns ganz der Romantik hingeben, kommen wir zum Holpern und der Krennwurzn zurück. Vienna Chess Open waren immer in ungeraden Jahren und damit immer alternierend mit der Schacholympiade – warum nach der planmäßigen Austragung 2015 im August 2016 schon wieder eine Austragung. Die offizielle Begründung Terminschwierigkeiten wegen der Renovierung des Wiener Rathauses führten schnell zu gewissen Gerüchten in der Schachwelt zumal auch die politischen Verhältnisse in Österreich und damit auch in Wien momentan sehr volatil sind. Das machte die Krennwurzn ein wenig hellhörig und so machte sie sich auf dem Weg nach Wien, um vor Ort die Turnierverantwortlichen zu befragen.

Gewählt wird in Wien erst wieder 2020 und damit sollte einer Austragung 2019 politisch nichts im Weg stehen, aber warum geht der Termin 2017 nicht, denn im Rathaus wird ja schon länger umgebaut und der Rathaussaal ist ja schon teilweise saniert worden, das ist für jeden ersichtlich. Und warum heuer die Terminplanung Dienstag bis Dienstag mit einer Doppelrunde? Vorzeichen eines Niedergangs? Das letzte Vienna Chess Open im Rathaus? Fragen über Fragen, die die Krennwurzn dem Turnierdirektor IO Johann Pöcksteiner persönlich stellen wollte.

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Stürmische Zeiten ??

Normalerweise lässt der Name Krennwurzn österreichischen Schachfunktionären einen kalten Schauer über den Rücken laufen und löst sofortige unaufschiebbare Expresstermine aus – nicht aber hier: Ok, Sie haben Fragen? Also los!

Das Wichtigste zuerst: die nächste Austragung des Vienna Chess Opens im August 2019 ist gesichert – es gibt bereits internationale Voranmeldungen beispielsweise einer koreanischen Schachgruppe, die heuer hier mit Trainer und Betreuer im C-Turnier mitspielen, aber auch von anderen Schachfreunden und Stammkunden des Turniers! Das Wort Kunde kennt die Krennwurzn nur aus dem heimatlichen Aschach im Zusammenhang mit Schachturnieren – ansonsten hat man oft etwas andere Wahrnehmungen. Ja, Kunden! bekräftigte Pöcksteiner der etwas verdutzt dreinschauenden Krennwurzn. Wir wollen den Schachspielern etwas bieten und unser Niveau halten oder verbessern und diese Überlegungen haben zu den Terminverwerfungen geführt.

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Zwei Koreanerinnen in Wien

Fix aus den Planungen der Stadt bezüglich der Rathaussanierung geht hervor, dass 2017 eine Austragung im August unmöglich war, weil im Sommer 2017 größere Umbauten und Sanierungen rund um den Rathaussaal geplant sind. Der Rathaussaal selbst wird nie komplett gesperrt, weil sich die Stadt immer die Möglichkeit für eine Nutzung offen halten muss, da es auch unvorhergesehene Anforderungen geben könnte, aber Zugänge, Nebenräumlichkeiten, etc sind in diesem Zeitraum nicht oder nur erschwert benutzbar, sodass ein reibungsloser und ungeteilter Turnierablauf schlicht nicht möglich wäre. Als Alternativen boten sich an: 2017 ausfallen lassen und damit eine vierjährige Pause von 2015 bis 2019, eine Austragung 2017 an einem anderen Ort in Wien oder eben die etwas verkürzte Austragung mit einer Doppelrunde 2016 für die wir uns entschieden haben. Wien vier Jahre ohne Schachtopveranstaltung wollten wir als Schachvorstand Wien nicht, ein anderer zentraler Austragungssaal mit ähnlichem Ambiente wie der Rathaussaal ist finanziell und organisatorisch außer Reichweite. Unter diesen Voraussetzungen war dann schnell der Zeitplan klar: 2016 das „Risiko“ Vienna Chess Open im Olympiajahr – sowohl Schach als auch die laufende in Rio – nehmen und ich denke die 600+ Teilnehmer aus 49 Nationen geben uns Recht! 2018 die Staatsmeisterschaften in Wien und ab August 2019 wieder ganz klassisch im Zweijahresrhythmus das Vienna Chess Open ohne Doppelrunden!

2016Wien04

Auch im schönsten Ambiente ist Denken harte Arbeit

Die Schachspieler müssen sich keine Sorgen um das Turnier machen und wie die Krennwurzn auch bemerkt hat, bietet der Veranstalter Hotelzimmer zu günstigeren Konditionen an, was aber wegen der Konkurrenz von Buchungsplattformen immer schwieriger wird. Daher legt der Veranstalter wie auch schon andere den Fokus auf Angebot abseits des Schachbrettes wie Stadtspaziergänge mit Schachgeschichte, Besichtigungen mit individuellen Touch, die nicht von der Stange angeboten werden, usw… Der Schachspieler als Kunde – keine schlechte Nachricht denke ich mal!

Die Krennwurzn ist aber nicht nur wegen der Schachpolitik nach Wien gefahren, nein natürlich nicht, sie wollte natürlich auch Schachfreunde treffen und die Stadt Wien mit dem vielfältigem kulturellen und kulinarischen Angebot genießen und sogar ein wenig Zeit für Schach blieb übrig. Zuerst eine Stellung als Warnung, dass die Krennwurzn, obwohl am Schachbrett selbst absolut ungefährlich, als Zuseher extrem gefährlich ist.

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Weiß am Zug hat eine Qualität mehr, die bessere Bauernstruktur – was soll da noch passieren? Erraten: die Krennwurzn als Zuseher (Knofel) und es geht Ruck Zuck und der Punkt ist weg!

1. Tc8+ Kg7 (Tc7 wäre noch stärker) 2. Td8?! (besser h5 mit unlösbaren Problemen für Schwarz) 2 … Sxg2! ist noch nicht die Katastrophe aber mit Krennwurzneinwirkung 3. Txe6?? Sxf4! macht die Katastrophe perfekt, denn mit 3. Kxg2 Txe1 4. Dg4+ Dg6 5. Dxd4 f6 wäre Weiß noch im Spiel geblieben…

Eine gewisse positive Fernwirkung der Krennwurzn ist allerdings gegeben, wenn man an die Partie von FM Florian Sandhöfner gegen GM Marius Manolache aus der 3. Runde denkt. Entsetzt saß die Krennwurzn mit Engine bewaffnet vor dem Monitor weil sie sah, dass Florian dem Gegner in Gewinnstellung die Chance zur Zugwiederholung anbot.

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Ein „das darf aber jetzt nicht wahr sein“ in den Bart gemurmelt und schon hatte der rumänische GM Einsehen mit der Krennwurzn und ging selbst mit Dc2 der drohenden Zugwiederholung aus dem Weg, was nach Tg4 Dd3 Tg7 schließlich zum Gewinn für Florian führte!

Dass bei Begegnungen Deutschland - Österreich nicht zwangsläufig immer die Deutschen das glücklichere Ende haben zeigt dieser Turniersplitter aus der Begegnung GM Markus Ragger gegen GM Gerald Hertneck aus der 5. Runde.

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Ragger, der nichts aus der Eröffnung herausholen konnte, ist gerade dem Damentausch und dem dann wohl unweigerlichen Remis aus dem Wege gegangen und macht sich nun mit 25. h3 ein Luftloch – allerdings wäre ihm nach 25. … Db1+ 26. Kh2 De4!! die Luft dennoch ausgegangen, denn der Läufer f4 kann wegen 27. … Lf1 nicht ziehen und auch die Tricks auf c6 funktionieren nicht! In weiterer Folge konnte Ragger den überlebenden schwarzfeldrigen Läufer gewinnträchtig opfern und die Partie in über 60 Zügen für sich entscheiden.

2016Wien08

GM Gerald Hertneck spielte ein Superturnier,
wurde aber brutal an The Doors erinnert
„The old get old and the young gets stronger“

Das Turnier hat die Nummer 1 GM Markus Ragger mit 8/9 solo als Start-Ziel-Sieger für sich entschieden und hat sich damit wieder den 2700 in der Liveratingliste angenähert. In der letzten Runde entschied er sich allerdings mit Weiß zu einem Schnellremis und dem damit verbundenen alleinigen Turniersieg und gegen die Chance mit einem Sieg die 2700 in der FIDE Septemberliste zu überschreiten.

Dahinter stürmten junge Schachspieler mit 7,5 das Podest wobei IM Volodymyr Vetoshko (Startnummer 19) aus der Ukraine die Nase nach Zweitwertung vor dem deutschen Vincent Keymer (Startnummer 38) hatte, der hier in Wien eine IM Norm machte und an der GM Norm nur ganz knapp vorbeigeschrammt ist. Eine weitere IM Norm machte der 15jährige Türke Emre Emin Dedebas. Einen detaillierten Überblick über die Turnierstatistik können Sie sich lieber Leser wie gewohnt auf Chess-Results machen!

2016Wien09

Hinten Funktionäre des Wiener SV:
Margot Landl, Präsident LAbg. Christian Hursky, Vizepräsident Peter Jirovec, Angela Blohberger

Vorne Turniersieger: Vincent Keymer, Markus Ragger, Volodymyr Vetoshko
(© Wiener Schachverband / Gerhard Peyrer)

Bleibt noch die Frage nach 2019. Klar das Turnier findet statt, da gibt es keinen Zweifel, aber die Frage der Fragen ist, wie hoch ist die Gefahr, dass die Krennwurzn das Vienna Chess Open 2019 mitspielt? Obwohl – oder gerade weil !? – es so ein schönes Turnier ist, ist die Wahrscheinlichkeit eher gering. Aber die Gefahr von plötzlichen Krennwurzneinfällen bei einzelnen Runden kann nicht ausgeschlossen werden!

2016Wien10

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
und Grün des Lebens goldner Baum.


Weiterführende Informationen zum Vienna Chess Open

Homepage des Turniers

Ergebnisse und Partien

Die hervorragenden Fotos in diesem Artikel stammen Großteils vom Schachfotografen FM Peter Kranzl (herzlichen Dank!!) und können auf seiner sehenswerten Homepage bewundert werden – nehmen Sie sich aber etwas Zeit mit, denn Peter hat schon viele Events mit seiner Kamera besucht!

Dienstag, 28 Juni 2016 15:46

Nunn mal ganz genau gerechnet

Schon durch den Titel ist klar, dass nun kein Artikel der Krennwurzn kommen kann, sondern nur eine kleine Einleitung zu einer hochinteressanten Endspielanalyse. Vor ein paar Jahren trat der ehemalige Vereinskollege und Schachfreund FM Heinrich Rolletschek an die Krennwurzn heran und erzählte ihr, dass er einen Fehler in einer bedeutenden Endspielanalyse von GM John Nunn gefunden hat und fragte die Krennwurzn, ob sie bereit wäre seine Analysen mit dem Computer zu überprüfen.

Nun(n) muss man dazu dem Leser noch erklären, dass FM Heinrich Rolletschek so etwas wie ein „Alpen-John-Nunn“ ist und in unserem Lande seit vielen Jahren eine Institution in Endspielfragen ist. Ebenso wie GM John Nunn und der Deutsche GM Karsten Müller ist FM Heinrich Rolletschek ein begnadeter Mathematiker, hat aber im Gegensatz zu den beiden vorgenannten die Mathematik und nicht Schach zu seinem Brotberuf gemacht und unterrichtet als Professor am RISC (Research Institute for Symbolic Computation) der Johannes Kepler Universität in Hagenberg bei Linz.

Aber verlassen wir das Geschwafel der Krennwurzn und wechseln einmal die Sprache, denn auch ein Brexit sollte nicht zu einem Engxit führen und uns von der Sprache der Wissenschaft entfremden.

Analysis of a bishop ending
by FM Dr. Heinrich Rolletschek, Austria

Diagram 1 shows a position from the game Pinter–Alterman, Beersheba 1991, which had previously been analyzed by the winner, Pinter, in Chess Informant, in Nunn’s Chess Endings, and in Fundamental Chess Endings by Mu?ller und Lamprecht. All these authors conclude that Black could have drawn with correct defense. The goal of this article is to show that Position 1 is already winning for White. In fact White always wins with the white king on d4, the black king on d6 and bishops on white squares, unless of course Black to move can capture the white bishop. (In Diagram 1 the kings will immediately move to d4 and d6, respectively.)

2016Nunn01In order to consider the most complex case, we start with Diagram 2, where the white bishop is temporarily trapped in the upper left corner region, and where some effort is needed to set it free. Once this is accomplished, it is clear that White can reach Diagram 3, which is actually a natural starting point for the analysis. If it is Black to move in Diagram 3, then he loses a pawn right away, but at first White can reach this position only with White to move.

2016Nunn02

As preceding analysis by Nunn and others shows, White wins if he manages to get his bishop to the central square d5; in this case Black cannot prevent the loss of a pawn, no matter where his bishop is placed. Black’s best defence is to answer the move Bd5 by Bd7, reaching Diagram 4. In the game Alterman resigned when the loss of a pawn was imminent, and Nunn says nothing as to how White should go about realizing the extra pawn. Indeed, at this point it is justified to assess the game as won for White on general grounds; after all, the pawns are sufficiently far apart, and Black’s remaining pawn is still blocked on a white square. Even so, it seems that the win is still not entirely trivial and that it is worthwhile investigating how play may continue. (Of course, this ending is also covered by the recently constructed tablebase for seven-piece endgames.)

2016Nunn03

Consider Diagram 5. (If Black gives up the Pb5 rather than Pf5, the winning procedure is similar.) We will describe a winning method which is certainly not the only one but absolutely reliable. White starts with the move f5, then moves the king towards g5 and threatens to support the passed pawn. This forces the black king to move in front of the Pf5, allowing White to break through to the pawn b5 and reach a position akin to Diagram 6. Here White still has to work a little bit, since 1. B×b5? B×f5 does not win. However, after an appropriate preparation a pawn exchange does win. As a matter of fact, the main variation starting from Diagram 2 does not lead to Diagram 6, but to a related position which is reached from Diagram 6 after the moves 1. Bc2 Be8 2. Bb1 Bd7 3. Bd3 Kf6 4. Kd5 Ke7
5. Be4.

The preceding discussion indicates that the winning procedure in Position 2 consists of the following five stages:

Stage 1: White gets the bishop out of the upper left corner region and reaches Position 3, first with White to move.
Stage 2: White gets the bishop to the central square d5. (This is the intermediate goal which, according to earlier authors, White is unable to accomplish.)
Stage 3: White forces the win of a pawn, typically after reaching Position 3 with Black to move.
Stage 4: After winning the Pf5, White makes a bypass manoevre, threatening to support the passed pawn, and thus forces a breakthrough to the Pb5.
Stage 5: White exchanges the Pf5 for Black’s Pb5 such that a winning ending B+P v. B is reached.

Stage 3 is dealt with in detail by previous authors, and there is no need to repeat their analysis; we will give only one main line for this part of the winning procedure. Stages 1 and 4 are fairly straightforward, and may be dealt with without considering many different lines; it is not hard to establish that White can always achieve the respective intermediate goals. Although Stage 5 is no particularly complicated either, it is slightly tricky and involves the kind of play where concrete and precise analysis is called for.

Not surprisingly, the central part of our analysis concerns Stage 2. As noted, previous authors claim that White cannot achieve the specified intermediate goal, so what about it? Nunn writes:

You will often find attempts in endgame books to analyse such positions based on the kind of corresponding-squares analysis we saw in [ . . . ]. In this type of analysis, the various positions of the bishops are examined to see which form reciprocal zugzwangs. The trouble with this method is that play is often not restricted to bishop manoeuvres; for example, in [ . . . ] a triangulation by the
whithe king played a crucial role in one line and without this White would not be able to win. Therefore the assumption that king manoeuvres will play no part may not be justified and can give rise to incorrect conclusions.

With this remark Nunn refers to his analysis of Stage 3, but, as it turns out, it also provides the hint for Stage 2! For this stage earlier analysis did not consider a temporary retreat of the white king, but with bishop manoeuvres alone White is indeed unable to achieve his goal. We note in passing that king manoevres occur in each of the five stages, but Stages 2 and 3 are the only ones where this is not obvious in the first place.

At first glance it may seem surprising that a temporary king retreat is the key to White’s success during Stage 2. Given that bishop manoeuvres are not sufficient, it may appear that Black can defend himself by the following strategy:

  • answer bishop moves by bishop moves as if the kings remained on d4 and d6;
  • answer a retreat of the white king by a retreat of the black king;
  • when the white king moves in the background, then move the black king in the background while keeping contact with the square d6;
  • when the white king moves back to d4, then move the black king back to d6.

However, this defence strategy fails for a subtle reason. The point is that whenever the black king moves to a white square, it causes some damage to the defence: sometimes the black bishop is obstructed, and sometimes the black king is exposed to a bishop check, which may likewise upset the balance. On the other hand, if the black king only moves on black squares, then he can return to d6 only in an even number of moves, and this allows White to apply triangulation.

In spite of the above remark by Nunn, we feel that it makes sense to consider corresponding squares in this ending, as applicable for Stage 2. Of course, the meaning of corresponding squares has to be defined appropriately; they are characterized as follows. Suppose that the white king is on d4, the black king on d6, the white bishop on a square X, and it is White to move. Then the following assertions hold:

(1) If the black bishop is not standing on one of the squares corresponding to X, then White can at least finish Stage 2 with bishop moves alone; in some cases White can even directly win a pawn or reach some position which occurs during Stage 3 in the main variation.
(2) If the black bishop is standing on one of the squares corresponding to X, then White cannot achieve any of the goals specified under (1) without a temporary retreat of the king.

With kings on d4 and d6, it is always Black’s best defence to move his bishop to a corresponding square. Similarly, with kings one move away from d4 and d6, respectively (and not on d5), Black should either move the bishop to a corresponding square or else play Kd6, otherwise White achieves his goal after playing Kd4 and forcing Kd6. Thus knowledge of corresponding squares provides valuable help for the analysis. Moreover, we may immediately stop analysis in any secondary line as soon as a position is reached with kings on d4 and d6, White to move and Black’s bishop not on a corresponding square, provided that assertion (1) above has been established for the case in question. The following table shows the most the most important pairs of corresponding squares:

2016Nunn04

During Stage 2 the white bishop will not move to any square other than d3, e2, f1, f3, g2 and h3 until d5 is occupied, except for one line where a pawn is won directly. This is not a coincidence: for every other position of the white bishop there exists more than one corresponding square, and moving the bishop to such a position is not the right way to challenge the defence. A complete list of all corresponding squares may be used for a a proof of assertion (2) above, but this plays no role for our analysis. Let us now prove assertion (1) for the corresponding squares in our table.

Trivially, d7 is the only square corresponding to d3. Next, assume that the white bishop is on g2. In order to keep it from d5, the black bishop must be on the diagonal a2–g8, but if it is not standing on f7, then White can win a pawn immediately. For instance, with the black bishop on c4 there follows 1. Bh3 Be6 2. Bf1 Bd7 3. Bd3.

With the white bishop on f1, it is clear that a corresponding square can only be c6 or e8. However, with the black bishop on c6 there follows 1. Be2 Be8 2. Bf3 Bf7 3. Bg2, and the black bishop must leave the corresponding square. This line also shows that c6 is the only square corresponding to e2.

With the white bishop on f3, c4 is clearly the only square where the black bishop covers d5, is ready to answer Bg2 by Bf7, and where it prevents the move Be2. If the black bishop were on a2, b3, e6 or g8, then 1. Be2 would win a pawn right away.

Finally, consider the white bishop on h3. The black bishop must be on d7 or g6, in order to protect the Pf5 and answer Bf1 by Be8. However, with the black bishop on d7 there follows 1. Bg2, and Black must let the bishop to d5, since 1. . . . Be6?! would lose a pawn after 2. Bf1 Bd7 3. Bd3.

Let us now turn to a detailed analysis of the ending, starting from diagram 2.

1. Bc8 Be4
2. Ke3

At this point White can make only make progress by means of a king manoevre, of course, since the bishop can only return to a6. The idea is simple: by making a little round tour and returning to d4 in an odd number of moves (namely five), White passes the move to Black, assuming that the black king moves between d6 and e7 so as to keep the white bishop trapped in the upper left region. At move 4 Black will also have the option of moving the king to d5, threatening to penetrate White’s camp, but here, too, he will be forced back to d6 immediately. Otherwise every other move by Black allows the white bishop to get free more quickly. At the moment Black cannot play 2. . . . Kd5?, of course, since the resulting pawn ending would be lost immediately (3. Bb7+ Kc4 4. B×e4 f×e4 5. f5 Kd5 6. f6 Ke6 7. K×e4 K×f6 8. Kd5).

Instead of the text move, 2. Kc3 would be less accurate, since after 2. . . . Ke7 3. Kd2 Kd6 White cannot continue 4. Ke2?? Kd5. Instead White can transpose to the main line by 4. Ke3.

2. . . .   Ke7
3. Ke2 Kd6
4. Kd2 Kd5       4. . . . Ke7 makes no difference.
5. Kc3 Kd6

Obviously, any bishop move would be answered by 6. Bb7+, and 5. . . . Kc6 by 6. Be6.

6. Kd4 Kc7           After 6. . . . Bc2(b1) 7. Bb7 the white bishop also gets free, while other moves would even lose the Pf5 right away.
7. Be6 Kd6
8. Bb3 Bb7

Black already has to play accurately: the text move is the only one which forces White to go through Stage 2 of the winning procedure. After 8. . . . Bb1?! the white bishop can already occupy d5, while other moves along the diagonal a8–h1 allow White an immediate win of a pawn: 8. . . . Bc6?! 9. Bc2 Bd7 10. Bd3, or 8. . . . Bf3?! 9. Bc2 Bg4 10. Bd3.

9.   Bc2 Bc8
10. Bd3 Bd7

Now position 3 has been reached. At this point we regard Stage 1 as finished, although the white bishop actually got free four moves ago.

11. Bf1 Be8

It was shown above that e8 is the only square corresponding to f1, and how White gets through Stage 2 after 11. . . . Bc6. Now a suitable moment has arrived for White to apply a king manoevre in the rear.

12. Kd3! Kd7

All things considered, this is the most tenacious defence for Black. There are numerous alternatives, but they all prove insufficient:

(a) After 12. . . . Bg6 or Bh5 there follows 13. Ke3 Be8 14. Kd4. White has successfully applied triangulation, and the black bishop must leave the corresponding square.
(b) After 12. . . . Bf7?! White can again proceed as in line (a), but in this case he can win even more quickly by 13. Bh3 Be6 (13. . . . Bg6? 14. Kd4 Bh7 15. Bf1) 14. Kd4 Bd7 15. Bg2, and Black must let the white bishop to d5, since 15. . . . Be6? 16. Bf1 Bd7 17. Bd3 would lose a pawn right away.
(c) After 12. . . . Bc6 13. Bh3 Be4(d7) 14. Kd4 the black bishop cannot reach the corresponding square g6.
(d) 12. . . . Bd7 is the most tenacious of the bishop moves, but again White answers 13. Bh3, intending to win with 14. Kd4 as in line (c). Black can prevent this only by 13. . . . Kd5, but after 14. Bg2+ Kd6 15. Kd4 he must let the white bishop to d5, as in line (c). If in plays 14. . . . Ke6 instead of 14. . . . Kd6, then the white bishop also reaches d5 after 15. Kd4.
(e) 12. . . . Kd5(c6) 13. Bg2+ Kd6?! 14. Bh3 loses a pawn after 14. . . . Bg6 15. Kd4 Bh7 16. Bf1 or 14. . . . Bd7 15. Kd4 Be6 16. Bf1 Bd7 17. Bd3. Therefore it is better for Black to move the king to a different square on move 13 (13. . . .Kd5–e6 or Kc6–c7), but this allows the white bishop again to reach d5.
(f) 12. . . . Ke6 is again answered by 13. Bg2, intending to get the bishop to d5 after 14. Kd4. Black can be prevent this only by 13. . . . Kd6, which leads to line (e), or by 13. . . . Bf7, which also loses a pawn after 14. Bc6. This is yet another example how a black king move to a white square may obstruct the bishop.
(g) 12. . . . Kc7 or 12. . . . Ke7 is answered by 13. Kc3!, putting Black in zugzwang. Black can no longer play 13. . . . Kd7, and after 13. . . . Kd6 14. Kd4 or 13. . . .Bd7(c6) 14. Kd4 Kd6 White has successfully applied triangulation: the black bishop must leave the corresponding square or has left it already. It remains to consider 13. . . . Kc7–c6 or 13. . . . Ke7–e6, but these moves lead to lines (e) or (f), respectively; here the fact that the white king is placed on c3 rather than d3 plays no role.

13. Be2

White takes advantage of the fact that the black bishop cannot move to the corresponding square c6.

13. . . .Kd6

This is now the only move which requires further consideration. In every other case there follows 14. Kd4, and after 14. . . . Kd6 the black bishop would be on the wrong square. Now, however, Black would be fine after 14. Kd4?! Bc6.

14. Kc3

Now White tries to apply triangulation, taking advantage of the fact that the black king has already returned to d6 in two moves. After 14. . . . Bc6 15. Kd4 or 14. . . . Kc6 15. Kd4 Kd6 the goal has been achieved: the black bishop has left or must leave the corresponding square.

14. . . . Bd7

Black tries to answer king triangulation by bishop triangulation: after 15. Kd4?!

Bc6 White would have to start over again. After 14. . . . Bc6 or any king move other than 14. . . . Kd5 there follows 15. Kd4, as shown in the preceding note. Thus it only remains to consider 14. . . . Kd5, which is answered by the obvious reply 15. Lf3+. Now 15. . . . Ke6 16. Kd4 allows the white bishop to reach d5, while after 15. . . . Kd6 16. Kd4 the black bishop cannot move to the corresponding square c4.

15. Bf1!

The bishop returns to f1 so as to frustrate bishop triangulation by Black. Now 15. . . . Bc6 is answered by 16. Bh3 Bd7(e4) 17. Kd4, and the black bishop cannot bet to g6.

15. . . . Kd5

This allows White to finish Stage 2 as in line (e) in the note on move 12. However, Black has no better alternative. After any other king move there follows 16. Kd4 Kd6 17. Bd3, and any bishop move other than 15. . . . Bc6 is likewise answered by 16. Kd4, whereupon the black bishop cannot move to e8.

16. Bg2+ Kd6
17. Kd4   Be8           17. . . . Be6?! 18. Bf1 Bd7 19. Bd3 would lose a pawn right away.

18. Bd5 Bd7

We have reached diagram 4, so Stage 3 of the winning process begins. As noted earlier, this stage was analyzed in detail by previous authors, so we only show one main line.

19. Bb3 Bc8
20. Bf7  Bb7
21. Be8 Ba6
22. Kd3 Ke7
23. Bc6 Kd6
24. Bf3  Bc8
25. Kd4 Bd7
26. Bd1 Be8
27. Bc2 Bd7
28. Bd3

The end of Stage 3 is reached, and Black cannot keep his pawns any longer. We only consider a line where Black gives up the pawn 5, for in the other case the winning procedure is similar.

28. . . . Be8

Of course 28. . . . Kc6 would be weaker, since after 29. Ke5 White gains not only a pawn but also an active king position.

29. B×f5 Bc6
30. Bd3  Bd7
31. f5     Bc6
32. Be2  Be8
33. Ke4  Bd7
34. Kf4   Be8

 

There was hardly any need to consider other options for Black during the preceding moves: clearly White can always move the king to g5, threatening to support his passed pawn, which ensures an easy win unless Black can get his king to f8 in time. The only thing White has to watch out for is a counterattack against the Pb4, and indeed, after 34. . . . Kd5 (instead of 34. . . . Be8) Black threatens 35. . . . B×f5 36. K×f5 Kd4, eliminating White’s last pawn. However, in this case there follows 35. f6, when 35. . . . Ke6 36. Bg4+ or 35. . . . Be8 36. B×b5 loses immediately, while 35. . . . Kd6 36. Kg5 is also hopeless.

35. Bf1

This is a waiting move: after 35. Kg5 Ke7 White finds it more difficult to make further progress. In this case 36. f6+ Kf8 leads to the kind of position which White wants to avoid: he cannot win the Pb5 without giving up the Pf6, which is already advance to far, and minor details decide about win or draw. After the text-move a counterattack is again insufficient for Black, for instance 35. . . . Kd5 36. Kg5 Kd4 37. f6 Kc3 38. B×b5 Bf7 39. Be8 B×e8 40. b5, and one of the white pawns will promote. This line shows why White played 35. Bf1 rather than 35. Bd3. The bishop sacrifice 39. Be8 is not the only way to win, but the quickest one. If in this line Black plays 36. . . . Ke5 (instead of 36. . . . Kd4), then there follows 37. f6 Ke6 38. Bd3! Kd6 39. Kf5, and Black no longer has any reasonable move.

35. . . . Ke7

Black’s retreats the king and gives up the square e5, but this is now his best course. The alternative 35. . . . Bd7?! also does not prevent White from breaking through with the king to the Pb5, this time by threatening to support his passed pawn: 36. Kg5 Ke7 37. Kg6 Kf8 38. Kf6. With the king marching along the sixth rank, the win is straightforward: 38. . . . Be8 39. Ke6 Bc6 40. Bd3 Be8 41. Kd6 Kf7
42. Be4 Kf6. In the main line this position will be reached two moves later, and the win require one more slight subtlety.


36. Ke5 Bd7
37. Bd3 Bc6
38. Be4 Bd7

39. . . . Be8 40. Kd5 leads to the position which is reached three moves later in the main line.

39. Kd5 Be8

Now Black has reached the best defensive setup against the current arrangement of White’s pieces. White has to pass the move to Black by means of triangulation with the bishop.

40. Bd3 Bd7

After 40. . . . Kf6 White can transpose to the main line by 41. Kc5, when Black must reply 41. . . . Bd7, but slightly quicker is 41. Kd6 Bh5 42. B×b5 K×f5 43. Bd7+ or 41. . . . Kf7 42. Be4 Kf6 43. Bc6. In both cases the main line is again reached, but play is shortened by two or four moves, respectively.

41. Bc2 Be8

Again Black has nothing better: 41. . . . Kf6 42. Kd6 Be8 43. Bd3 or 41. . . . Kf7 42. Kd6 Be8 43. Be4 leads to the preceding note.

42. Be4 Bd7

After 42. . . . Kf6 43. Kc5 Bd7 just leads to a transposition of moves, while after 43. . . . Ke5 44. Bc6 Bh5 45. Bd7! White wins the Bb5 without giving up the Pf5. However, in the latter line White must avoid 45. B×b5? K×f5 46. Bd7+ Kf6, and even though White advance his last pawn, Black draws. The reason is that the white king is not placed well enough on c5; with the king on d6 White would win easily, as it ultimately happens in the main line.

43. Kc5 Kf6

Black is again in zugzwang. Other king moves are also answered by 44. Kd6, followed by Bc6 or f6, while after 43. . . . Be8 there follows of course 44. Bc6.

44. Kd6 Be8

Or 44. . . . Bc8 45. Kc6 etc.

45. Bc6   Bh5
46. B×b5 Kxf5
47. Bd7+

No further analysis is needed: by pushing the pawn White wins without any further problem.

Freitag, 15 Januar 2016 20:46

24. Donauopen Aschach an der Donau 2015

Über 250 Spieler aus 13 Nationen, darunter 9 Großmeister, 9 Internationale Meister und viele weitere Titelträger sorgten in drei Turnieren für eine spannende Schachwoche nach Weihnachten in Aschach. Gespielt wird traditionel vom 26. Dezember bis 31. Dezember, wobei am 27. Dezember immer eine Doppelrunde angesetzt ist. Angeführt wurde die Setzliste von der bulgarischen Nummer 5 GM Nikita Mairorov vor dem ebenfalls erstmals in Aschach spielenden GM Vladislav Nevednchy der rumänischen Nummer 7 vor den bereits öfter in Aschach spielenden serbischen GM Nikola Sedlak und GM Dusan Popovic, die in ihrer Heimat die Nummer 8 und 9 sind. Neben der rumänischen Nummer 2 der Damen IM Irina Bulmaga traten erfreulicherweise viele starke Damen im Turnier an. Mehr zum Teilnehmerfeld und den Ergebnissen finden sie auf der informativen Homepage im Internet. Hier möchte ich Ihnen nur einen kleinen Überblick über das Turnier geben:

2016Aschach01Blick in den Turniersaal von der Bühne aus

Runde 1

Eine lokale Sensation schaffte der Oberösterrreicher Wilhelm Kirchmayr, der mit den schwarzen Steinen gegen den finnischen IM Miikka Maki-Uuro ein Remis erzielen konnte. Ebenfalls mit den schwarzen Steinen erzielte die Nummer 91 Margot Landl gegen die Nummer 40 einen vollen Erfolg!

Runde 2

Für die Überraschung der Runde sorgte die junge Slowenin WFM Teja Vidic (2112) die nach einer gelungenen Eröffnung mit einem hübschen Tete-a-Tete von Springer- und Läuferpaar ihren Landsmann IM Leon Mazi – einem Stammgast in Aschach – in einem fulminanten Schlussangriff überzeugend schlagen konnte.

2016AschachR2

Tete-a-Tete im Zentrum

Vidic erreichte nach weiteren guten Partien den hervorragenden 27 Platz in der Endabrechnung und auch Mazi steckte diese frühe Niederlage noch gut weg und wurde noch punktegleich mit dem Turniersieger 7.

Runde 3

Am Doppelrundentag gab es den großen Auftritt von Jörg Hanisch (2132 – Nummer 38) – schon am Vormittag konnte er gegen IM Thomas Reich das Endspiel Dame gegen Turm für sich entscheiden nachdem der IM vorher mehrmals einem Remis ausgewichen war. Aber damit war der Hunger noch nicht gestillt, denn am Nachmittag musste GM Vladimir Sergeev ebenfalls eine Niederlage hinnehmen.

2016AschachR3

Auch GM unterlaufen manchmal Fehler – Da3+ führt in die Niederlage, Schwarz muss mit e5 selbst einen Freibauern forcieren, um noch ins Remis entwischen zu können. Wieder einmal bewahrheitet sich der alte Merksatz: in Damenendspielen entscheidet nicht die Zahl der Bauern, sondern deren Gefährlichkeit. Ein wohl unvergesslicher Tag für den Schachfreund Hanisch.

Neben dem Turnier in gewohnter freundschaftlicher Atmosphäre freuten sich viele Schachfreunde auch über die vom Veranstalter angebotenen Side Events, wie eine Bierverkostung, eine Playersparty und eine Fahrt in die Großdisko Empire.

Runde 4

In dieser Runde erwischte es den Aschachsieger der Jahre 2011 und 2013 GM Nikola Sedlak gegen den jungen österreichischen IM Peter Schreiner.

2016AschachR4

Mit g5 war der GM doch ein wenig optimistisch und unvorsichtig, denn das Qualitätsopfer auf c4 führte den Weißen auf die Gewinnerstraße.

Runde 5

Der Zug g5 hat den beiden serbischen Teilnehmern in diesem Turnier wenig Glück gebracht.

2016AschachR5

GM Dusan Popovic (2545) erreichte gegen den jungen Oberösterreicher FM Florian Schwabeneder (2380) eine gewinnträchtige Stellung, jedoch mit g5 gewann er die Qualität aber nicht die Partie. Chancenreicher wäre Dxb2 gewesen.

Runde 6

In dieser Runde kamen es zum Duell zweier österreichische Nachwuchsspieler. Der noch nicht ganz 11jährige Marc Morgunov (1776) traf mit den weißen Steinen auf den schon etablierten 21jährigen Lukas Handler (2397). Die Eröffnung lief für Marc sehr gut.

2016AschachR6

Lukas musste nun eine schwierige Entscheidung für den Läufer auf b7 treffen und entschied sich für c5, was der junge Marc ganz kühl auskonterte, weil es am Königsflügel keinen durchschlagenden Mattangriff gibt.

Runde 7

Im A-Turnier endeten die ersten beiden Bretter schnell remis und so blieb nur IM Schreiner mit der Chance auf den Turniersieg über, allerdings war seine Stellung mit Schwarz zu diesem Zeitpunkt sehr verdächtig.

2016AschachR7

Diese Stellung führte zum Remis auf den beiden Spitzenbrettern

Für Spannung um den Kampf um den Turniersieg war gesorgt und so entwickelten sich scharfe Partien auf den nächsten Brettern. So ergaben sich hinter den drei Spitzenbretter auf den weiteren acht Brettern nur entschiedenen Partien. Auch der junge Marc Morgunov – als Nummer 101 in der Schlussrunde auf der Bühne – musste gegen IM Thomas Reich nach hartem Kampf eine Niederlage hinnehmen. Nach hartem Kampf konnte Schreiner die Partie gerade noch halten und damit stand der Turnierendstand fest. Sieben Schachfreunde beendeten das Turnier mit 5,5 Punkten – von den folgenden Sechs mit 5 Punkten, schafften es nur mehr die Hälfte in die Preisgeldränge.

Nach hartem und spannendem Turnierverlauf fielen wie üblich die Entscheidungen erst in der letzten Runde und davon dauerte die längste Partie über 100 Züge, das nennen die Schachfreunde dann eine Seeschlange und das im schönen Schiffermarkt Aschach an der Donau.

Endstand A

1. GM Nevednichy Vladislav
2. IM Schreiner Peter
3. GM Maiorov Nikita
4. GM Horvath Jozsef
5. IM Shkapenko Pavel
6. Kaczur Florian
7. IM Mazi Leon

Schlecht lief es für Pero Dumancic im B-Turnier, da er mit den weißen Steinen eine Niederlage hinnehmen, aber da heute auf den vorderen Brettern auch für die anderen nicht optimal lief, konnte er das Turnier dennoch für sich entscheiden. Aber das Feld rückte enger zusammen und fünf Spieler erreichten 5,5 Punkte. So sind alle Preisgeldträger punktegleich, aber nur drei dürfen aufs Stockerl.

Endstand B

1. Dumancic Pero
2. Kranebitter Gerhard
3. Juricevic Ante

Wie ein Routinier holte der junge Bauer mit einem Remis die Turniersiegernte ein. Ein wirklich schöner Erfolg für das 12-jährige Nachwuchstalent aus Hörsching. Einen Stockerlplatz gab es auch für den veranstaltenden Verein Hartkirchen durch Daniel Buchroither.

Endstand C

1. Bauer Sebastian
2. Jahrke Jonas
3. Buchroither Daniel

Es ist anzunehmen, dass sich die Veranstalter für das 25. Turnier so manche Überraschung einfallen lassen, vielleicht werfen Sie mal einen Blick auf die Homepage (die neue Ausschreibung kommt aber traditionell immer etwas spät im Jahr)!

Wollen Sie aktuelle Bilder vom Turnier 2015 sehen, dann darf ich Sie auf die Seite des FM Peter Kranzl verführen, der nicht nur ein FIDE-Meister sondern ein ganz großer Schachfotomeister (FM) ist, auch wenn es offiziell bei der FIDE diesen Titel nicht wirklich gibt, auch wenn Sie dort sehr wohl einen FM Peter Kranzl finden, der dieser Foto- und Schachmeister in Personalunion ist!

Donnerstag, 07 Januar 2016 21:22

Markus Ragger im Gespräch mit der Krennwurzn

Markus Ragger die österreichische Nummer 1 erreichte in der FIDE-Eloliste erstmal Rang 50 - das ist die beste Platzierung eines Österreichers seit Bestehen der Elowertung. Allerdings konnte er die 2700 Schallmauer (noch) nicht durchbrechen, obwohl er mit 2699,7 in der persönlichen Livewertung schon ganz, ganz nahe war. Schon im Frühsommer verabredete die Krennwurzn in Erwartung der Überschreitung ein Interview, das aber aufgrund von beiderseitigen Terminschwierigkeiten erst in den ersten Tagen dieses Jahres durchgeführt werden konnte. Ich hoffe, Sie liebe Schachfreunde haben trotzdem etwas Zeit und Lust für dieses ausführliche Gespräch mitgebracht.

Krennwurzn:
Lassen wir gleich mal den Patriotismus mit der Krennwurzn komplett durchgehen - bist Du der stärkste österreichische Schachspieler aller Zeiten? Nach Elo erscheint mir das ganz klar und nach dem Krieg ist das wohl auch kein Thema - mir fiele nur Dein Kärntner Landsmann Karl Robatsch als möglicher Konkurrent ein. Aber vor dem Krieg hatten wir mit Wilhelm Steinitz auch einen Weltmeister - also habe ich Kenneth W. Regan von der Buffalo University gefragt und dessen Antwort fiel nach seinem Intrinsic Performance Rating ganz klar aus: Ragger mit 2700 ist stärker als Steinitz mit seinen 2500. Bei dieser Methode werden die "Skills" und die Qualität der Entscheidungen in den Partien stärker bewertet als die reinen Ergebnisse. 1964 hat aber Bobby Fischer Steinitz auf die Nummer 3 seiner Alltime Weltrangliste gesetzt. Aber verlassen wir die Theorie und hören Deine Meinung:

Ragger:
Schach hat sich derart weiterentwickelt, dass derartige Vergleiche nicht angebracht sind – zudem war Steinitz zur seiner Zeit die absolute Nummer 1 der Welt. Durch den Computer ist generell das Niveau im Schach unheimlich gestiegen. Bezüglich Robatsch muss man sagen, dass heutige Spieler mit dem Computer rund um die Uhr einen ultrastarken Trainingspartner zur Hand haben – es war in der Zeit von Robatsch ungleich schwieriger entsprechende Trainingspartner zu finden.

2016Ragger01

Krennwurzn:
Gut kommen wir zum Thema Computer, Alexander Grischuk sagte mal er habe eine Workstation um die $ 6.000 und Magnus Carlsen soll eine Maschine um die $ 60.000 verwenden – wie sieht das bei Dir aus?

Ragger:
Ich habe auch zwei ganz gute Computer, die immer mal wieder erneuert werden, aber mir ist die letzte Leistungsfähigkeit nicht so wichtig, da es mir wichtiger erscheint, den Computer als Werkzeug zu verwenden, um Idee und Varianten zu prüfen und zu entwickeln. Die Arbeit mit dem Computer ist wichtiger als der Computer selbst.

Krennwurzn:
Hartnäckig hält sich bei vielen Schachfreunden das Märchen vom Talent, das ohne harte Arbeit zum Erfolg kommt und daher glauben viele Schachfreunde der Schachprofi lebt ein süßes Leben mit spät aufstehen und wenig arbeiten – wie sieht ein normaler realer Tag im Büro Ragger aus?

Ragger:
Nach dem Aufstehen in der Früh gibt es zuerst einmal Frühstück und dann beginnt die tägliche Schacharbeit – meist so um die 6-8 Stunden am Tag. Da bleibt wie bei anderen auch noch ein wenig Zeit für andere Aktivitäten – allerdings betreibe ich auch ein Grundlagenausdauerfitnessprogramm mit Laufen und Radfahren, um fit für Schach zu bleiben. Aber es gibt auch viel intensivere Trainingstage, wenn man beispielsweise mit anderen trainiert, dann besteht der Tag wirklich nur aus Schlafen, Essen und hartem Schachtraining, damit man die Zeit wirklich optimal nutzen kann.

Krennwurzn:
Bleibt da doch Zeit für Hobbies oder zählen Laufen und Radfahren schon zu diesen?

Ragger:
Naja so ein bisschen dazwischen, natürlich freut mich die Bewegung in der Natur, aber ich mache das Training drei bis viermal die Woche eben auch, weil es für mein Schach wichtig ist. Hobbies sind neben Schach auch viele andere Spiele, wie Kartenspiele, Backgammon, Brettspiele … eigentlich alle, die einen strategischen Hintergrund haben.

Krennwurzn:
Wie darf man sich so ein 6-8 Stunden Training vorstellen?

Ragger:
Die Arbeit mit Chessbase, analysieren mit Engines und schnelle Datenbanksuchen, bilden den Löwenanteil des täglichen Trainings. Weiters sind Videos, zum Beispiel von Chessbase, Chess24, aber auch youtube nützlich um einen ersten Überblick zubekommen oder einfach die Sichtweise eines starken Spielers zu einer Variante zu sehen. Aber auch klassische und moderne Schachbücher und damit das Denken am Brett sind ebenfalls ein fixer Bestandteil meines Trainings. Wobei ich bevorzugt mit von starken Spieler selbst kommentierten Partiensammlungen (Fischer meine 60 Denkwürdigen Partien) und aktuellen Eröffnungsbüchern trainiere.

Krennwurzn:
Gar kein Onlineblitz oder Zocken auf Servern?

Ragger:
Sehr selten! Bullet bringt meiner Meinung nach gar nichts. Blitz kann man schon spielen, aber man muss sich dann auch die Partien ansehen, um Lehren aus diesen ziehen zu können. Drei Stunden Blitz ohne Analyse bringen sehr wenig - ich denke das gilt für alle Schachspieler.

Krennwurzn:
Du wirst ja in Kürze 28 Jahre alt und hast nach der Matura ein Semester Mathematik studiert und könnest jetzt schon vielleicht mit einem Doktorrat abgeschlossen haben und daran möchte ich meine Frage anschließen: wieviel Elo hätte ein Dr. Ragger?

Ragger:
Das kann man schwer sagen, aber wenn man den doppelten Arbeitsaufwand in Betracht zieht, dann sollten es schon weniger sein, denn sonst hätte ich etwas falsch gemacht (lacht). Aber ich denke es ist wie überall, dass Spitzensport und gleichzeitige universitäre Ausbildung zeitlich nicht unter Hut zu bringen sind.

Krennwurzn:
Beginnend mit Fischer gibt es einige Spitzenschachprofis, die nicht weit über die Grundschulausbildung hinausgekommen sind – findest Du diesen Trend richtig?

Ragger:
Matura (das entspricht dem Abitur in Deutschland) sollte man schon noch machen, da diese dann später mit 25 oder älter, wenn es mit der Schachkarriere nicht geklappt haben sollte, doch sehr schwer nachzuholen ist. Förderlich für das Schach (und andere Randsportarten) in einem kleinen Land wie Österreich wäre es, wenn junge Spieler ähnlich wie bei den Schigymnasien ihre Schulausbildung besser auf den Trainings- und Wettkampfkalender anpassen könnten. Hier könnte das Schulsystem ohne hohe Zusatzkosten einfach vielen jungen Sportlern eine nicht unwesentliche Flexibilität ermöglichen.

Krennwurzn:
Aktuell sieht man in der Weltrangliste einen wahren „Jugendwahn“ und die Krennwurzn formulierte die radikale Forderung 2500 mit 15, 2600 mit 16 und dann ab 18 2700+. Muss man die Schulausbildung komplett für die Schachkarriere kippen?

Ragger:
Ich denke, dass die aktuelle Situation auch damit zusammen hängt, dass viele ältere Spieler den Umstieg ins Computerschachzeitalter nicht geschafft haben und daher haben wir so wenige ältere Spieler in der Weltspitze. Aber Anand und Kramnik, die Schach noch ohne Computer gelernt haben, zeigen, dass es durchaus möglich ist, mit den Jungen mitzuhalten. Ich erwarte mir in Zukunft wieder mehr Leute 40 und 50+ in der Weltspitze, wenn es diesen gelingt die Motivation hoch zu halten. Und auch die schon angesprochene körperliche Fitness könnte die Karrieren wieder verlängern – aber natürlich kann man das nicht mit Sicherheit sagen und wir müssen abwarten, wie sich die Dinge tatsächlich entwickeln. Aber ein Augenwink könnte schon Carlsen und sein Erscheinungsbild als junger sportlicher Weltmeister sein.

Krennwurzn:
Du bist jetzt Nummer 50 der Welt, was fehlt jetzt noch, um den Sprung in die absolute Weltspitze zu machen?

Ragger:
Das ist wieder schwer zu sagen, ich habe da schon ein paar Ideen, die ich noch versuchen möchte, aber die sage ich Dir vielleicht erst dann, wenn sie geklappt haben. Wichtig ist aber vor allem gegen die Allerstärksten spielen zu können, denn nur durch dieses Kräftemessen kann man selbst stärker werden. Wichtig für mich war da auch das Match gegen Shakhriyar Mamedyarov in Wien.

Krennwurzn:
Da muss ich als Computerfuzzi einwerfen, dass im CB Livebook die Neuerung 18. b4 in der ersten Partie bereits seit Februar 2015 mit Vorteil öffentlich zu sehen gewesen wäre.

2016Ragger02

Für die Maschinenwelt war 18. b4 im August 2015 keine Neuerung mehr...

Ist das ein Fehler in der Vorbereitung oder doch ein ungerechter Vorwurf, weil ein Mensch ja nicht alles wissen kann?

Ragger:
Ich glaube nicht, dass Mamedyarov den Zug kannte – meiner Empfindung nach hat er ihn am Brett gefunden. So wie ich übrigens auch, aber leider erst als ich meinen Einleitungszug in diese Variante gemacht habe.

Krennwurzn:
Interessant – ich dachte mir, das ist meine Spezialität.

Ragger:
Nein, das kommt in allen Spielstärken vor und dürfte psychologische Hintergründe haben. Im konkreten Fall habe ich dann b4 gesehen und gedacht: oje der könnte interessant sein und habe dann weiter gerechnet und leider erkennen müssen: der ist richtig gefährlich!

Krennwurzn:
Aber solche Matches oder Spitzenturniere fehlen in Österreich, um die heimische Spitze weiter zu bringen?

Ragger:
Leider, aber man muss auch die wirtschaftlichen Realitäten anerkennen. Das Problem ist, dass es zurzeit nur einen Österreicher gibt, der bei solchen Turnieren mitspielen könnte und dass andere Länder eben ihren Spielern die Chance geben wollen, bei solchen Turnieren mitzumischen. Wünschenswert wäre es aber öfter gegen die absoluten Topleute spielen zu können, denn nur so kann man selber besser werden.

Krennwurzn:
Beim Thema Topleute fällt mir als Fan fällt mir ein Endspiel mit ungleicher Materialverteilung in der Bundesliga gegen den Weltmeister Anand ein, dass Du remis halten hättest können – ärgert so was einen Profi auch länger?

Ragger:
Eigentlich nicht, denn ich hatte eine sehr gute Partie und das Endspiel war zuerst ja nicht trivial und beide Seiten trafen nicht immer die besten Entscheidungen.

2016Ragger03

Eine interessante Situation:
Schwarz kann hier die Dame gegen zwei Türme opfern
oder aber mit Dc2 zwei Türme für die eigene Dame geben!!

Ich hab jetzt nicht mehr alle Feinheiten im Kopf, aber es überwiegt die Freude über die Partie und die interessanten Momente. Auf meiner Homepage und bei youtube gibt es eine Videoanalyse dazu von mir.

Krennwurzn:
Stört es Dich, wenn die Krennwurzn nur aufgrund Computerhilfe sagt, Du hast dieses oder jenes verbockt?

Ragger:
Eigentlich nicht und es gehen ja einige Kommentatoren bei Spitzenturnieren dazu über ohne Computer zu analysieren, denn nur so kann man dem menschlichen Kampfverlauf besser folgen.

Krennwurzn:
Da bin ich anderer Meinung, denn dann versteh ich ganz ehrlich gesagt gar nichts! Für mich ist der Computer – noch das könnte sich in Zukunft bald ändern - eine Hilfe, um zu verstehen, wie es in der Partie steht.

Ragger:
Vielleicht wäre es aber doch besser zuerst einmal ein, zwei Minuten selbst nachzudenken und dann erst den Computer zu befragen, sonst besteht die Gefahr, dass Informationen über den Schwierigkeitsgrad der Stellung verloren gehen. Zeigt ein Computer +3 an, dann kann es den Fall geben, dass man dreimal hintereinander immer den einen Zug finden muss und gerade der 3. Zug der Schwierigste ist. Die Stellung ist sehr kompliziert und es ist ein schmaler Grat. Es gibt aber auch +3 Stellungen in denen fünf Züge die Bewertung halten und man kann von einer einfachen Gewinnstellung sprechen.

Krennwurzn:
Das Bild mit dem spitzen Grat und dem gemütlichen Weg auf der gemähten Wiese leuchtet mir ein.

Ragger:
Diese Information in welchem Gelände sich die Partie bewegt, kann bei zu starkem Blick auf den Computer verloren gehen, weil gewonnen ist gewonnen, aber dass es auf einem schönen Wanderweg sicherer ist als auf einem steilen Steig am Grat, das weiß man als Bergwanderer auch. Und in der Praxis gilt, dass die meisten tollen Opfer doch nicht funktionieren und daher von den Computer gar nicht aufgezeigt werden, obwohl der Mensch doch einen Blick darauf wirft, weil eben das Motiv in der Stellung erkennbar ist. Auch so was geht durch einen reinen Computerblick verloren und damit auch ein wenig Spannung für den Zuseher, die ja der Spieler am Brett ohne Computerunterstützung tatsächlich erlebt! Mit einem zu starken Blick auf Computerbewertungen geht der menschliche Kampfverlauf verloren – der Computer zeigt 0,00 und die Spannung ist weg, aber am Brett versucht beispielsweise Weiß seinen gefühlten Vorteil doch noch irgendwie umzusetzen. Außerdem ist der Computer mit einem gefundenen 0,00 Zug schon „zufrieden“ wobei der Mensch am Brett schon noch zwei, drei andere Züge im Auge hat von denen manche auch problembelastet sein könnten und schon ist die menschliche Sicht der Stellung nicht mehr so problemlos und easy!

Krennwurzn:
Wie bewertest Du Stellungen am Brett? Mit +3 oder so …

Ragger:
Nein in Zahlen gar nicht: angelehnt an die klassischen Informatorbewertungen mit gut, sehr gut und gewonnen – wobei die Übergänge sind da oft fließend.

Krennwurzn:
Wenn Du nach Deiner Einschätzung besser stehst, aber vielleicht doch nicht gewinnen kannst, weil es möglicherweise keinen Gewinnweg gibt, wann brichst Du ab und willigst ins Remis ein.

Ragger:
Wenn ich besser stehe, möchte ich gewinnen. Es besteht da eher die Gefahr, dass man die Stellung dann überreizt und noch verliert. Grundsätzlich sollte man bessere Stellungen weiterspielen, aber manchmal fürchtet man sich ein wenig und willigt ins Remis ein – mache ich aber nur wirklich ganz selten. Denn wenn man besser steht oder auch nur glaubt, sollte man weiterspielen, denn nur so kann man noch gewinnen!

Krennwurzn:
Wie sieht die Bewertung von schlechten oder Verluststellungen aus – wann gibst Du auf?

Ragger:
Das spielen von Verluststellungen ist natürlich schwierig, da man mit eigner Leistung nichts mehr erreichen kann, aber dennoch versuche ich so lange wie möglich Widerstand zu leisten und den Gegner vor Probleme zu stellen. Gibt man die Stellung innerlich zu früh auf, so wird man auch am Brett keine Chance mehr vorfinden, sie doch noch retten zu können.

Krennwurzn:
Du lebst schon länger in Graz in einer Partnerschaft mit einer starken Schachspielerin und daher kann ich Dir die Thematik Short und Frauenschach nicht ersparen - meine kurze Frage: warum spielen Frauen schlechter?

Ragger:
Stärker wird man nur im Spiel gegen stärkere Gegner und daher hemmen möglicherweise Frauen Grand Prix usw. die Weiterentwicklung der stärkeren Spielerinnen, weil es wirtschaftlich natürlich einträglicher ist diese Turniere zu spielen. Die Polgarschwestern und Hou Yifan zeigen, dass Frauen, die verstärkt in der allgemeinen Klasse spielen, durchaus das Potential haben, weiter zu kommen. Zudem spielen auch viel weniger Frauen Schach als Männer.

Krennwurzn:
Macht es Dir etwas aus gegen Frauen zu spielen oder sind Dir Gegner generell eher egal?

Ragger:
Mir ist es eher egal gegen wen ich spiele, aber ich spiele grundsätzlich lieber gegen stärkere Gegner. Aber gegen ein Duell gegen Hou Yifan hätte ich absolut nichts einzuwenden, da sie die momentan bekannteste aktive Frau im Schach ist, wenn auch wohl zur Zeit nicht die amtierende Weltmeisterin!

2016Ragger04
Meldet sich ein Sponsor für ein Match gegen Ragger?

Krennwurzn:
Nummer 50 der Welt, aber die 2700 noch nicht geknackt. Ich frage auch, weil gerade in Aschach beim 24. Donauopen 2015 war ich – wie ich im Nachhinein erfahren habe - in der Situation, dass ich für einen Zug lang die Chance hatte, die 1900 zu knacken und mich dann schon ganz kurz geärgert habe, um dann die Willkürlichkeit dieser Grenze wieder zu erkennen und anzuerkennen. Wie stark ist das Ziel 2700+ für Dich?

Ragger:
2700 wären schon cool – und es wäre auch mal nett sich in der Liveratingliste zu etablieren. Aber schachliche Ziele sind mir dann doch noch wichtiger. Mir war im Oktober gegen Alexander Grischuk eine spannende Partie wichtiger, als irgendwie Remis abzuklammern und die 2700 zu erreichen, da ich vor der Partie 2699,7 hatte. Am Brett war ich dann von der spannenden Stellung gefesselt, aber als Ziel habe ich sie dennoch nicht aus den Augen verloren!

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Lieber in Zeitnot von Grischuk mit Sxd6 einen ganzen Turm opfern,
als mit Tc1 auf Remis klammern, um die 2700 vielleicht sicher zu stellen.

Krennwurzn:
Noch ein wenig höher die Eloleiter, was denkst Du über Carlsen. Was zeichnet ihn aus und wird er lange an der Schachspitze bleiben?

Ragger:
Das ist schwer zu sagen, denn statistisch betrachtet kann es durchaus möglich sein, dass Carlsen einmal einen WM Kampf verlieren könnte, auch wenn er immer als 60-70% Favorit ins Rennen gehen sollte. In der Weltrangliste hat er aber schon einen guten Vorsprung und es zeichnet ihn aus, dass er es auch in einfachen Stellungen immer wieder schafft, die Gegner vor schwer lösbare Probleme zu stellen. Oder auch die Partie gegen Nakamura in London, wo er mit dem Läufer studienartig die Springer dominiert hat. Ich finde, er bringt einfach öfter als andere solche ausgewöhnlichen Leistungen. Bei der Blitz WM in Dubai ergab sich die Möglichkeit sich mit ihm kurz zu unterhalten und ich muss sagen, dass er privat ein ganz netter Typ ist.


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Carlsen gegen Ragger – Schacholympiade Dresden 2008

Krennwurzn:
Und die Konkurrenten …

Ragger:
Extrem stark reicht nicht wie das Beispiel Hikaru Nakamura zeigt, der ein ungewöhnlich negatives Score gegen Carlsen hat, sodass ein Sieg gegen diesen in einem Match fast undenkbar schein. Man muss auch gegen diesen speziellen Spieler eben gut spielen – als Beispiel möchte ich Wladimir Kramnik nennen, der eben damals gerade gegen Garri Kasparov das richtige Momentum hatte, um diesen zu besiegen – in einem Turnier wären seine Karten schlechter gewesen. Ansih Giri, Fabiano Caruana und andere jüngere könnten Carlsen aber durchaus gefährlich werden.

Krennwurzn:
Ist die größte Änderung von Garri Kasparov zu Magnus Carlsen, dass heute nicht mehr so stark nach Eröffnungsvorteil gesucht wird, sondern spielbare Stellungen angestrebt werden.

Ragger:
Es ist heute unglaublich schwieriger Eröffnungsvorteil zu erreichen, es wird wichtiger in Stellungen zu kommen, die einem selbst besser liegen als dem Gegner, die leichter zu spielen sind, die den Gegner vor größere Probleme stellen, usw. Richtiger Eröffnungsvorteil wäre zwar schön, gibt es aber sehr selten.

Krennwurzn:
Was macht dann heute einen Spitzenspieler aus?

Ragger:
Es ist wohl eine Kombination von Schachverständnis, Nervenstärke, körperlicher Fitness und auch der Bereitschaft hart für den Erfolg zu arbeiten. Es gibt sicherlich unterhalb der Top 50 einige Schachspieler, die vom Schachverständnis in den Top 30 sein müssten, es aber aus diversen Gründen nicht schaffen.

Krennwurzn:
Ein anderes Thema erregt immer wieder die Schachwelt: Cheating und zwar das tatsächliche und das oftmals wohl auch zu Unrecht vorgeworfene wie bei der Frauen EM im Vorjahr?

Ragger:
Also ich persönlich war noch nie davon betroffen – weder als Betrogener als auch als Beschuldigter, kann daher dazu aus erster Hand nicht viel dazu sagen. Es ist ein Problem und die Turnierorganisatoren müssen sich diesem stellen, denn ich denke es ist zurzeit etwas zu leicht für die Betrüger. Ebenso stellen ungerechtfertigte Anschuldigungen wie gegen meinen Teamkollegen Kreisl bei der EM ebenso wie auch der Fall Sandu bei der Frauen EM ein großes Problem dar – ich denke, dass in beiden Fällen ein Blick auf die Partien eine eindeutige Antwort gibt und man auch über Maßnahmen gegen die Anschuldiger und zum Schutz ehrlicher Spieler nachdenken sollte.

Krennwurzn:
Denke ich auch, man könnte Anschuldigen auch als psychologische Waffe gegen Spieler einsetzen.

Ragger:
Ich befürchte nicht wirklich, dass jemand so weit gehen würde, aber ausschließen kann man das auch nicht!

Krennwurzn:
Kommen wir wieder ein wenig zu Dir und Deinen Zielen zurück. Das Leben als Schachprofi gilt ja als hart – Georg Meier hat einmal gesagt, er wüsste schon was ihm noch fehlt, um über die 2700 zu kommen, aber hat sich dann doch für ein Studium entschieden. Wie sehen Deine Pläne aus?

Ragger:
Überlegungen gibt es schon vielfältige, aber ich glaube ich werde schon beim Schach bleiben! Zurzeit habe ich noch große Freude am Spielen, aber ich kann mir auch vorstellen später einmal als Trainer oder Autor zu arbeiten. Die finanzielle Situation ist in Ordnung, auch wenn man nicht ganz genau auf den Stundenlohn blicken darf, aber das gilt wohl für viele, bei denen das Hobby auch der Beruf ist.

Krennwurzn:
Hast Du schon einmal als Sekundant für einen Topspieler gearbeitet oder ist das zu gefährlich, wenn man selbst an die Spitze möchte?

Ragger:
Habe ich noch nicht, ist aber sicherlich auch eine sehr interessante Option. Natürlich müssen dann beide die Karten offen legen, damit wie bei einer Trainingspartnerschaft auch, erfolgreiches Arbeiten möglich wird. Geheimhaltung von Eröffnungsvarianten hat durch die Computer und das Internet nicht mehr den Stellenwert, der ihm aus früheren Zeiten nachgesagt wird. Aber es gibt sicherlich noch einige Aspekte, die in so einer Arbeit immer noch geheim gehalten werden müssen.

Krennwurzn:
Noch ein kurzer Blick nach Österreich – warum haben wir hinter Dir so eine Lücke und wer könnte diese in fünf bis zehn Jahren auffüllen?

Ragger:
Wir sind erst seit 10 Jahren Sport und haben noch kürzer erst wirklich mit dem Team um GM Zoltan Ribli auch Strukturen für die Entwicklung von Spitzenschach. Schaut man sich die Leistungen bei Staatsmeisterschaften der letzten Jahre an, so haben viele 2600+ Leistungen gebracht, allerdings keine GM-Normen erzielen können, weil uns eben mindestens zwei, drei Großmeister fehlen. Aber ich blicke da optimistisch in die Zukunft – namentlich von den Jungen möchte ich alters- und elomäßig nur Valentin Dragnev und Florian Mesaros nennen, gebe aber zu mich nicht intensiv mit deren Partien beschäftigt zu haben. Aber ich glaube wir sind auf einem guten Weg.

2016Ragger07

Krennwurzn:
Weil wir gerade beim Nachwuchs sind – wie schaut da die Planung bei Euch aus? Oder sind Kinder erst nach der Karriere ein Thema? Und dürften die dann auch Schachprofis werden?

Ragger:
Kinder sind auch während der Karriere durchaus ein Thema und wenn sie Spaß und Freude daran haben, gibt es keinen Einwand meinerseits gegen eine Schachprofikarriere!

Krennwurzn:
Danke für das Gespräch und die Zeit – Ich wünsche Dir 2700+ und Alles Gute und ein Fräulein Ragger mit 2800+ in 20 Jahren!

Anhang Partien des Artikel zum Nachspielen


Partien zum Download - kommentiert von Walter Kastner für die Homepage des ÖSB


Nachtrag 31. März 2016 -- Markus Ragger überschreitet in der Liveratingliste als erster Österreicher die 2700 Elogrenze!!

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Sonntag, 13 Dezember 2015 15:02

Wann ist ein Senior ein Senior

So sollte eigentlich ein deutschsprachiger Welthit unbestätigten Quellen ursprünglich lauten, wurde aber wegen phonetischen Stolpersteinen dann doch als Männer mit der Textzeile „Wann ist ein Mann ein Mann?“ veröffentlicht. Reale Stolpersteine gibt es seit dem Vorjahr als die FIDE beschloss, dass es nun zwei FIDE Seniorenkategorien geben sollte und Österreich dies als FIDE Musterland sofort umsetzte und in den nationalen Elolisten nun S50 bzw. S65 bei den entsprechenden Spielern vermerkte. Nun waren nicht alle mit dieser Einteilung zufrieden und so wandte sich der Schachlandesverband OÖ – eifrige Leser wissen es: das ist das Heimatbundesland der Krennwurzn – hilfesuchend an das nicht minder unbekannte IST (Institut für Sinnlose Turniere), welches schon hervorragende Arbeit bei Turnierserien ohne Teilnehmer und Mannschaftsturniere für Zwei, und GLEICH weitere geleistet hatte. Und gemeinsam gelang es eine schöne Ausschreibung mit Umschiffung fast aller FIDE Vorgaben zu schaffen:

2015Sen01

Ziel war es, dass sich zwei landestypische Senioren - also Menschen, die älter als 60 sind oder es in diesem Jahr noch 60 werden – mit einem Jungsenior verstärken können, ohne aber die echten oberösterreichischen 60er Senioren zu diskriminieren, wenn gar drei von ihnen einen Mannschaft bilden wollten. FIDE S65 Senioren gehen als Untergruppe in die OÖ 60er Senioren ein, aber die FIDE S50 Senioren werden aufgeteilt in die Untergruppe OÖ 60er Senioren und in den einen Spieler, der 1965 und älter sein darf. Mit dieser Regelung hat man die von der österreichischen Eloliste angebotenen Hilfsmittel von S50 und S65 elegant obsolet gemacht – ein wie immer genialer Winkelzug des IST!

Da die Regelung sonnenklarer nicht sein könnte, startet – wohl auch mangels einfacher Kontrollmöglichkeiten – guten Mutes ohne jegliche Alterskontrolle in das Turnier. Lediglich der Titelverteidiger Grieskirchen verzichtet auf eine Mannschaft, da diese im Vorjahr den Titel unter der Ausschreibung, dass jeder Senior – egal ob S50 oder S65 – FIDE gemäß ein Senior ist, errungen hatte, weil sie erkannten, dass sie über zu wenige OÖ 60er Senioren verfügten, um mit der Vorjahresseniorenlandesmeisterschaftsmannschaft antreten zu dürfen. Andere waren da nicht so zimperlich und sagten sich, dass ausschreibungsgemäß sich doch wohl „ein Spieler 1965 und älter“ im Teilnehmerfeld finden lassen wird und traten frohen Mutes an!

Hier das erspielte Turnierergebnis:

2015Sen02

Nun aber nach ein paar Tagen kontrollierten doch einige die Aufstellungen – natürlich aufwendig und händisch, denn einen OÖ 60er Seniorenhinweis gibt es in keiner nationalen und internationalen Eloliste oder vergleichbaren Druckwerken. Und nun ist Vöcklabruck der neue Seniorenlandesmeister im Schnellschach für Mannschaften vor Steyr und Hörsching!

2015Sen03

Wobei auch dieses Ergebnis einer Klärung vor dem Internationalem Sportgerichtshof CAS wohl kaum standhalten könnte und auch die Experten des IST (Institut für Sinnlose Turniere) grübeln noch wie die Vorgabe der Teilnehmerberechtigung

„Alle Spieler(innen) mit Jahrgang 1955 und älter,
wobei ein Spieler 1965 und älter sein darf“

überhaupt eingehalten werden kann! Geht man vom Jahrgang 1965 aus, so ist klar, dass Spieler(innen) mit Jahrgang 1955 und älter Schwierigkeiten haben dürften nicht älter als Jahrgang 1965 zu sein. Anderseits erscheint es total unsinnig zu sein, bei Spieler(innen) mit Jahrgang 1955 und älter eine Extrapassung für Spieler mit dem ultrabiblischen Alter von 1965 Jahren einzufügen – auch wenn der bereits 92jährige Erwin Rauscher hoffentlich noch viele Jahre an Senioren und anderen Turnieren teilnehmen wird.

Aber nicht nur in der Heimat der Krennwurzn ist das IST (Institut für Sinnlose Turniere) aktiv, sondern auch jenseits der österreichischen Grenzen will man nun aktiv werden und nach ersten Erfolgen wie Geheimpartien bei einer Landesmeisterschaft in der Ukraine, um Yifan Hou keine Informationen über Muzychuks Spiel zu geben – eine wirklich grenzgeniale Idee im Zeitalter von Facebook, Twitter und Co – verdichten sich auch die Gerüchte, dass man auch den DSB beliefern möchte, da dort schon eine jahrelange Unzufriedenheit mit der DEM herrscht und es immer schwieriger wird Ausrichter zu finden. Die Lösung der Experten des IST ist von einer nicht zu übertreffenden logischen Klarheit und Schönheit: Die DEM der Jahre 2016 und folgende werden mit geheimen Teilnehmern an geheimen Orten mit geheimen Partien gespielt!!

Mittwoch, 09 Dezember 2015 14:05

Komm Blei Eins

„Komm Blei Eins“ könnte die mafiös phonetische Aussprache des Begriffes Compliance lauten, der sich nach der Geschäftswelt nun auch den Weg in die Welt der hohen Sportpolitik bannen möchte. In Deutschland wurde gerade die Genesis des Sommermärchens heftig diskutiert und in der FIFA musste Blatter seinen Platz räumen. Ebenso sind viele hochrangige Funktionäre vor allem in den USA Gerichtsverfahren ausgesetzt. Aber noch im September wollte sich unser geliebter FIDE Präsident Kirsan Ilyumzhinov opfern und die FIFA als Präsident übernehmen und mit sicherer Hand in bleifreie Gewässer steuern. Und sogar sein ehemaliger Konkurrent um die FIDE Präsidentschaft den Ex-Weltmeister Garry Kasparow bot öffentlich sein Hilfe an einen Kampagnenslogan zu finden:

2015Compliance01

Die Welt hätte so schön sein können, wenn da nicht schon wieder dunkle Wolken aufgezogen wären und das US Finanzministerium Ende November den FIDE Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov wegen Vergehens bezüglich des Syrienembargos unter anderem die Einreise in die USA verboten hätte. Natürlich hat dieser immer betont und auch jetzt wieder betont: bei seinen Reisen zu arabischen Diktatoren geht es immer nur um die Verbreitung von Schach, was auch immer von der Weltpresse abgelichtet wurde – wie seine legendären Schachpartien gegen Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi und eben auch gegen Baschar al-Assad!

2015Compliance02
Warnhinweis: Schach kann ihre Gesundheit massiv beeinträchtigen!

Am Nikolaustag 2015 setzte Kirsan Ilyumzhinov gegen den Krampus US Finanzministerium die stärkste aller Waffen ein: den Rücktritt ohne wirklich zurückzutreten, um wirklich mit voller Härte zurück treten zu können! Die Vorwürfe gegen ihn sind falsch und daher sind auch die Sanktionen gegen ihn selbstverständlich aufzuheben und in der kurzen Zeit, die das US Finanzministerium dazu brauchen wird, den Irrtum einzugestehen, wird gemäß den Regeln der Compliance unser geliebter Präsident … ja auf was eigentlich verzichten?

2015Compliance03Das ist ein Krampus - jedenfalls in der alpenländischen Volksmeinung

Nun stand fast zeitgleich auch das 20-jährige Jubiläum als FIDE Präsident an und so gingen auch ein wenig die auf der FIDE Homepage veröffentlichten Glückwünsche unter! Völlig ausgefallen scheinen die Reaktionen auf die Sanktionen von den westlich demokratischen Schachpräsidenten. Compliance ist ja eine schöne Sache, aber wenn man zwar nicht im wörtlichen Sinne „Komm Blei Eins“ fürchten muss, so erscheint es doch ratsam, sich nicht aus der Deckung zu wagen, denn man könnte – nach einem Freispruch für Kirsan – seine Zuneigung und natürlich auch Posten verlieren! Und ein weitsichtiger Blick nach Österreich zeigt, Schachpräsidenten können auch noch 30, 40 und 2016 sogar 45jährige Amtsjubiläen feiern!

2015Compliance04
Die gute Kinderstube nicht vergessen und immer artig gratulieren!

 

 

In der hanseatischen Telenovela war früher dem Vater Matthias Wüllenweber mit seiner holländischen Frau beinahe jährlich die Freude zu teil, dass ein Sohn mit Namen Fritz das Licht der Welt erblickte. Doch dann nach der Trennung - ob es am Alter oder den Reizen des Ostens geschuldet war – wurde aus dem jährlichen ein zweijähriger Zyklus. Eine Konstante blieb aber erhalten: der Geburtstermin in der beginnenden Vorweihnachtszeit.

Der 2013 neugeborene Fritz Maddox „Dieb (engl: Deep)“ Wüllenweber der 14. verabschiedete sich vom Singledasein und trug trotz seiner ungarischen Mutter noch stolz den Beinamen „Dieb („engl: Deep)“ seines berühmten Stiefbruders dem Weltmeister Fritz Edi Wüllenweber. Dennoch war sein Vater wohl mit seiner Spielstärke nicht ganz zufrieden und schaute sich nach einer neuen Partnerin um und fand im nahen Polen sein neues Glück. Nach zwei Jahren erblickte nun Fritz Arnold Wüllenweber der 15. das Licht der Welt. Da seine Mutter nicht ohne Vorgeschichte ist und um auch den weltmeisterlichen Druck vom jüngsten Spross zu nehmen, wurde der Beiname „Dieb („engl: Deep)“ gestrichen. Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen und erfreuen uns an der Rückkehr des verlorenen Sohnes in die Schachwelt.

2015Fritz01

Auch wenn die Namensgebung einfacher geworden ist, so ist der Lieferumfang doch ziemlich umfangreich. Neben dem schon bekannten Aussehen seiner Brüder möchte Fritz Arnold 15. Wüllenweber mit einer Reihe von plattformunabhängigen Apps die Onlinewelt erobern. Zwar läuft die Fritz 15 GUI nur in der Windowswelt, aber mit den Apps und dem neuen ChessBase Account steht dem User nun auch auf anderen Plattformen und Geräten ein umfangreicher Zugang zu Schachwelt offen.

2015Fritz02

Nicht alles ist wirklich neu, aber es wurde in eine neue Verpackung verfrachtet und die Krennwurzn hat den Eindruck, dass so manches mit zu heißer Nadel gestrickt wurde und nicht ganz so stimmig wirkt. Wer seine Spielstärke verbessern will, der kann die kleinen Helferlein jetzt wirklich überall nutzen – aber bitte nur dort wo es wirklich erlaubt ist! Und da denkt die Krennwurzn nicht an den Betrug ansich, sondern auch im Reallife ist es nicht überall gerne gesehen, wenn man nur mehr auf sein Handy oder Tablet blickt und seinem Hobby frönt. Natürlich ist die Versuchung hoch, denn das Angebot umfasst auch reichliche Unterhaltung mit in der ChessBase Mediathek.

Fritz Arnold der 15. Wüllenweber hat einen verbesserten und überarbeiteten Freundmodus, der sich schneller und besser der eigenen Spielstärke und Bedenkzeitverbrauch anpasst und damit landen wir bei der Frage: wie stark spielt die neue Fritzengine nun wirklich? War es bisher oft üblich, dass man unter der Hand und in Foren wahre Wunderdinge über den neuen Fritz-Sprössling erzählte, die sich dann meist in der Realität nicht wiederspiegelten, so ist zur Zeit noch nichts Konkretes bekannt. Aber dadurch ergibt sich die Chance sich Fritz 15 als Weihnachtsgeschenk selbst zu kaufen und sich auf ganz altmodische Weise, selbst ein Bild von der Spielstärke zu machen!

Der offizielle Geburtstermin ist Montag, der 23. November, aber auf der Reise nach Hamburg kam es in Magdeburg am heutigen Freitag, den 20. November, zu einer Frühgeburt, aber ich kann Sie, lieber Leser beruhigen, Mutter und Kind sind wohlauf!!


FRITZ 15 (Herstellerangaben)

Neue 64-Bit Multiprozessorengine
Verbesserte 64-Bit Programmoberfläche (optional 32-Bit)
Premium-Mitgliedschaft für die neuen ChessBase Accounts sowie für den playchess-Server (sechs Monate)
Datenbank mit über 1,5 Mio. Partien

Mit Fritz 15 haben Sie nicht nur direkten Zugang zum playchess-Server sondern auch zu den neuen ChessBase Webtools

Systemvoraussetzungen für Fritz 15

Minimum: Pentium III 1 GHz, 2 GB RAM, Windows XP (Service Pack 3), 7/8, DirectX9, Grafikkarte mit 256 MB RAM, DVD-ROM-Laufwerk, Windows Media Player 9 und Internetzugang. Empfohlen: PC Intel i5 (Quadcore), 4 GB RAM, Windows 10 oder 8.1, DirectX10, Grafikkarte mit 512 MB RAM oder mehr, 100% DirectX10-kompatible Soundkarte, Windows Media Player 11, DVD-ROMLaufwerk und Internetzugang.

Systemvoraussetzungen für ChessBase Account:

Internetzugang und aktueller Browser, z.B. Chrome, Safari. Für Windows, OS X, iOS, Android, Linux.

Donnerstag, 12 November 2015 14:23

Entdeckersucht - Let’s check

Im Jahre 2011 brachte eine bekannte Hamburger Schachfirma die Weltneuheit „Let’s check“ auf den Markt und nicht einmal zwei Jahre später diagnostizierte der weltbekannte Schachpsychologe Dr. Matinul bei der Krennwurzn eine schon seit dem frühen 20. Jahrhundert für ausgerottet gehaltene Erkrankung: die Entdeckersucht!! Nun Neugierde gehört doch ganz normal zum Menschen und ist eine wesentliche Triebfeder für den Fortschritt, was soll daran krankhaft sein, werden Sie, lieber Leser, nicht ohne Grund einwerfen.

Lassen wir dazu Dr. Matinul zu Wort kommen: Die großen westlichen „Entdecker“ entdeckten beispielsweise den Victoriasee an dem natürlich schon seit Generationen Menschen lebten und wurden für etwas gefeiert, dass schon vielen durchaus gut bekannt war!

Genauso geht es der Krennwurzn, wie unten stehendes Beispiel deutlich zeigt. Am 16. November wurde wenig überraschend der einzig mögliche Zug Kh7 tatsächlich gespielt!

2015Entdecker1

Und dieser Zug wurde dann zwei Tage später am 18. November von der Krennwurzn „entdeckt“ und sie gilt nun für „Let’s check“ bis in alle Ewigkeit als Entdecker dieser Stellung, genauso wie John Hanning Speke als Entdecker des Victoriasees. Da die Zahl der noch zu entdeckenden Seen im Vergleich der noch zu entdeckenden Schachstellungen verschwindend klein ist, kann man bei Seen nicht von einer wirklichen Sucht sprechen!

Aber wie kam es zu dieser Erkrankung der Krennwurzn? War diese nicht ein erbitterter Kritiker und Verhöhner von „Let’s check“? Ja, Sie erinnern sich richtig, aber das hilft rein gar nichts, wie uns Dr. Matinul schlüssig erklärt: Sie können erkennen, dass Schnupfen eine lästige Krankheit ist und dennoch jedes Jahr oder öfter daran erkranken! Bei der Entdeckersucht ist es vollkommen egal, ob sie die Schwächen und Probleme erkennen ...

2015Entdecker2

In dieser Stellung liegt ein ganz schwerer Fall vor – die Sechssteiner sind schon lange gelöst - und dennoch entdeckte die Krennwurzn gleich zwei von sieben möglichen Remiszügen mit verschiedenen Expeditionen (Engines) und verschwendete dafür sinnlos Ökostrom der Güteklasse 1! Warum? Nur für den Eintrag in der Datenbank „Entdeckt von Krennwurzn“.

Da sich das Krankheitsbild der Entdeckersucht rasch verschlimmerte und die Krennwurzn nur mit äußerster Disziplin davon abgehalten werden konnte, auch auf beruflich genutzten Computern auf Entdeckerjagd zu gehen, da diese wesentlich mehr Rechenleistung als der private vier Kerner AMD aufzuweisen hätten, hatte nun Dr. Matinul die rettende Medizin parat:

Die Grundidee von Let’s check ist einfach genial, aber die Ausführung lässt eher an einen Marketinggag denken und daher muss die Krennwurzn zur Heilung niederschreiben, was und welche Funktionen seine Entdeckersucht noch wesentlich verschlimmern würde!

Starten wir mit obenstehenden Endspiel – ein Sechssteiner und diese sollten in Let’s check generell schon eingespielt und damit zwar unentdeckbar sein, aber doch ein schönes Service. Gleichzeitig führt jeder weißer Zug zu Remis, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Stellung unverlierbar ist, denn nach 1. e4 f5! bietet sich Weiß mit 2. e5?? erstmalig eine Verlustchance.

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Nun diese ist sehr, sehr gering, denn erstens würden viele zuerst die Könige in Bewegung setzen und dann erst die Bauern, aber es zeigt uns, dass auch eine theoretische Remisstellung noch verloren werden kann und dieses Restrisiko sollte man bewerten und grafisch darstellen in Let’s check! Ein anderes Extrem wäre eine Stellung in der es nur einen einzigen Zug gibt, der zu Remis führt und alle anderen zu Verlust. Beide werden am in Let’s check mit 0,00 also Remis angeführt, ohne dass die Schwierigkeit des Erreichens des Remis bewertet wird. Und wen sollte man als Referenz für die Schwierigkeit herannehmen? Einen emotionslosen Computer mit Tablebaseunterstützung, einen Supergroßmeister oder einen durchschnittlichen Schachspieler? Und wie sollte man das Ergebnis darstellen?

2015Entdecker4

Eine Idee wäre die Ampelfarben zu verwenden und hier würde man sehen, dass die Stellung ein hohes Remispotential, bei sehr geringem Verlust- und Gewinnpotential und das fette C stünde dafür, dass die Stellung absolut Remis ist (durch Tablebases abgesichert) – ein normales C möglicherweise mit einer Computerbewertung 0,xx – würde nur die aktuelle Computermeinung darstellen.

2015Entdecker5

So oder ähnlich würde dann eine Stellung mit einem einzigen Remiszug (fett wenn tablebasegeprüft bzw. kursiv bei Computermeinung) aussehen. Und hier sehen wir schon ein weiteres Problem. Wenn es nur einen Zug gibt, der nicht verliert, dann gibt es mit Sicherheit keinen Gewinnzug, aber dennoch sind damit Gewinnchancen nicht wirklich ausgeschlossen und all das müsste in die Bewertung einfließen. In erster Lesung sollte das allerdings nur für den Menschen gelten, aber es ist durchaus mit der praktischen Erfahrung in Einklang zu bringen, dass auch Computer außerhalb der perfekten Lösungen noch Fehler machen.

Werfen wir einen Blick auf die schwierigste aller Stellungen

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Auch diese kann nur 1,0 oder = sein und nehmen wir an, wir bekommen die Information, dass die Grundstellung Remis ist! Diese Information hilft uns nicht wirklich weiter, denn alle schachlichen Probleme sind in dieser Stellung enthalten und wir wissen auch nicht, welche Züge Remis sind oder ob es schon Züge gibt, die theoretisch bereits verloren sind.
Die bekannteste Gefahr ist 1. g4 e6 2. f3?? Dh4# in verschiedenen Variationen – es kann also schnell gehen – allerdings verlieren wenige so und auch kann man darauf nicht die Aussage begründen 1. g4 sei schon verloren, aber doch die Aussage, dass dieser Zug gefährlicher ist als beispielsweise 1. Sf3, der diese „Drohung“ mal aus der Stellung nimmt. In der Grundstellung droht Alles und wenn sie Remis ist, dann sind alle Bedrohungen beherrschbar und lösbar. Wir müssen „nur“ mehr alle Bedrohungen erkennen und daran scheitern wir wohl. Aber die Idee wäre eben diese Bedrohungen zu erkennen, sie zu klassifizieren und damit eine Chance zu haben, eine Stellung besser als mit +0,15 zu bewerten, weil wir die innewohnenden Gefahren erkennen können bzw. statistisch bewertbar machen. Die absolute Sicherheit können uns nur gelöste x-Steiner bieten, den Rest müssen wir abschätzen und zwar für Maschinenschach, was eher mäßig interessant erscheint, und für Menschenschach. Und hier müssten wir eine Methode finden, die uns sagt, wie schwierig es ist, das feststehende oder wahrscheinlichste Ergebnis zu erreichen. Diese Bewertung der Schwierigkeit alle Probleme zu handeln, könnte uns auch zu einer brauchbareren Cheatererkennung führen als die bekannte „Houdini first choice“ Methode.

2015Entdecker7

Es gibt zwar schon Ansätze, aber Engines mit echter Mustererkennung für menschliches Schach gibt es noch nicht am Markt und so kann Dr. Matinul erklären, dass die Entdeckersucht der Krennwurzn erfolgreich geheilt ist ... aber es ist wie bei jeder Suchterkrankung, man weiß nie, wann sie wieder ausbricht!

Donnerstag, 03 September 2015 12:48

Sag mir wo die Spieler sind

„Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben ... wann wird man je verstehen?“ sind Textfragmente eines der wohl berühmtesten Antikriegslieder. Dieses Kettenlied handelt davon, dass wir oft und gerne immer wieder die gleichen Fehler machen und wenig aus der Geschichte lernen.

Nun geht es bei unserem schönen Spiel nicht um Leben oder Tod, aber dennoch neigen auch wir dazu immer im alten Trott zu verweilen – möglicherweise um uns unangenehmen Fragen nicht stellen zu müssen. Eine dieser Fragestellung ist die Jugendarbeit oder viel besser die Effizienz derselben. Nun möchte wohl niemand – auf keinen Fall der Schreiber dieser Zeilen – die Jugendarbeit schlecht schreiben oder reden, denn sie ist das Wichtigste im Schach, denn in ihr wird die Basis für die Zukunft gelegt. Dennoch wollte die Krennwurzn einmal einen kritischen Blick auf das Thema werfen, denn sie hatte das Gefühl, dass sich bei uns im Schach sehr viele Jugendliche tummeln, die dann so ab 20 einfach verschwinden. „Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“

2015Blumen1995

Hier sieht man nur eine kleine Eindellung bei den 20er nach der Jugend und einen Berg in den 30er, den man auf die geburtenstarken Jahrgänge und dem Hype der Kasparov-Karpov Zeit und wohl auch noch auf die von Bobby Fischer hervorgerufene Schachbegeisterung zurückführen kann. Gleichzeitig begann aber schon der Mitgliederschwund und es wurde verstärkt in Jugendarbeit investiert.

2015Blumen2005

10 Jahre später ist die Eindellung nach der Jugendzeit schon massiver zu sehen, aber die Zahl der Jugendlichen ist fast gleich geblieben, obwohl über ein Tausend Spieler weniger gemeldet waren.

2015Blumen2015

Wieder 10 Jahre später hat sich die Eindellung zu einem großen breiten Tal nach der Jugend vertieft und wieder hat man weit über tausend Spieler verloren.

2015Blumen2015Verlust

Nun habe ich versucht die verlorenen 2.000 Spieler in die Grafik einzuschätzen, um das Tal mit Spielern aufzufüllen. Das ist natürlich eine sehr gewagte Sache, denn Verluste aus der Jugendarbeit sind natürlich und können viele Ursachen haben. Jetzt könnte man das Kind gleich mit dem Bade ausschütten und sagen was manche heimlich denken: die Jugendarbeit kostet nur viel Geld und bringt wenig bis nichts – die Leute spielen ein paar Jahre Schach, weil es beispielsweise in der Schule opportun ist, die Vereine betreiben Jugendarbeit weil es dem Zeitgeist entspricht und weil es dafür Förderungen gibt!

Nun wie fast immer bei einfachen populistischen Äußerungen fallen dabei ein paar Feinheiten unter den Tisch, aber das ist ja egal, wenn man nur heftig und laut auf den Tisch schlagen will. Der Kontakt mit Schach – auch wenn es dann nicht zum Hobby wird – schadet niemals, denn auch diese Leute können im späteren Leben mit dem Schachbetrieb in Berührung kommen, sei es als Entscheider über Förderungen, Sponsoring, usw. oder aber als Eltern, die ihre Kinder in eine Schachgruppe schicken. Also können wir mit Jugendarbeit keinen Fehler machen, aber dennoch müssen wir uns fragen, warum verlieren wir dennoch so viele „Blumen“ für immer oder nur zeitweise für über 10 Jahre.

Ein Ansatzpunkt könnten die Frauen sein, die sind ja in den Diagrammen ganz zart vertreten sind. Eine Frauenquote von unter 6% bei den Stammschachspieler liegt sogar drastisch unter der Frauenquote von 16% in österreichischen Vorstandsetagen! Es ist wohl kein Zufall, dass die Eindellung in die Jahre der Ausbildung und der Familiengründung fallen und dass wir dort dann mit den Frauen auch viele Männer für das Schach verlieren. Also müssten wir nachdenken, was wir nach der erfolgreichen Jugendarbeit unternehmen können!

„Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben ... wann wird man je verstehen?“

Freitag, 19 Juni 2015 12:16

Bundesliga in der Provinz

Nun die Lage in der stärksten Liga der Welt – der deutschen Bundesliga - wird ja kontroversiell in vielen Foren diskutiert. Viele Rückzüge von Mannschaften, Aufstiegsverzicht, etc und dahinter steckt meist, dass die Finanzierung der Mannschaft nicht so leicht zu sichern ist. Öffentliche Kassen sind meist klamm und private Sponsoren ziehen sich oft bald wieder zurück, weil sie erkennen müssen, dass sie eigentlich Mäzene sind und der Werbewert dem eingesetzten Geld nicht einmal annähernd nahe kommt. Aber das ist ja alles bekannt und wurde schon unendlich oft durchgekaut – also zur Frage: wie läuft das im kleinen Österreich ab? Immerhin haben die Österreicher gerade im Zillertal das deutsche Prinzen-Mitropacupteam 3:1 geschlagen!

Im kleinen Österreich spielen 12 Mannschaften in der Bundesliga, die früher Staatsliga hieß, und aus den darunterliegenden drei 2. Bundesligen steigt jeweils eine Mannschaft auf und daher müssen die letzten drei der Bundesliga in die entsprechenden Zweitligen absteigen. Rückzüge gibt es sehr selten und auch das Aufstiegsrecht wird meist in Anspruch genommen. Aber dennoch ist auch hier nicht alles eitel Wonne, denn wirft man einen genaueren Blick auf die abgelaufene Saison 2015/15, so muss man erkennen: die Bundesliga findet in der Provinz statt.

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Die vier bevölkerungsreichsten Bundesländer, die fast 60% der gemeldeten Schachspieler haben und auch wirtschaftliche Schwergewichte sind, stellten gerade mal eine einzige Bundesligamannschaft und das war der Aufsteiger Grieskirchen aus Oberösterreich! Die Hauptstadt Wien, das Schach-Präsidentenbundesland Steiermark und Niederösterreich hatten gar keine Mannschaft in der vergangenen Bundesligasaison. Außer einer Mannschaft aus Salzburg kommt keine weitere Mannschaft aus einer Landeshauptstadt. Kärnten und Tirol stellen mit sieben Mannschaften mehr als die Hälfte der Bundesligisten und nur noch das kleinste Bundesland das Burgenland stellt zwei Mannschaften.

Tirol profitiert von der Nähe zu Deutschland und verfügt auch über einen entsprechenden wirtschaftlichen Hintergrund. Anders sieht die Lage im Burgenland und in Kärnten aus, denn dort gibt es höhere Sportförderungen und man braucht weniger Sponsorgelder, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Das Burgenland profitiert hier von seiner Grenzlage im Osten und war nach dem EU-Beitritt elf Jahre lang „EU Ziel 1-Gebiet“ und wurde daher besonders gefördert, um das Burgenland wirtschaftlich aufholen zu lassen.

In Kärnten, das ein Drittel der Bundesligamannschaften stellt, sieht die Sachlage etwas anders aus – auch dort sind es die öffentlichen Sportförderungen, die manches erleichtern, aber es gibt dort auch traditionell eine starke Schachszene und mit Markus Ragger kommt der stärkste Österreicher aus Kärnten. Zudem finden in diesem beliebten Urlaubsland auch viele Schachturniere rund um das Jahr statt.

International in die Schlagzeilen kam Kärnten aber auch, weil der Rechtspopulist Jörg Haider bis zu seinem Unfalltod 2008 dort langjähriger Landeshauptmann war und dort ein System aufbaute, dass unter anderem zum Problemfall Hypo-Alpe-Adria führte, was Kärnten nun regelmäßig auch in die internationalen Schlagzeilen bringt. Das Bundesland hat aufgrund von damals gegebenen Haftungen massivste finanzielle Probleme und gilt daher als Griechenland Österreichs und auch hier wird über eine Insolvenz nachgedacht. Zudem gab Kärnten auch sonst einfach zu viel Geld aus und muss nun aufgrund von Bundesvorgaben massiv sparen! Davon sind nun auch die Sportförderungen sind betroffen und es wird also interessant zu beobachten werden, wie die Kärntner Vereine es schaffen werden, diese Gelder durch private Sponsorengelder zu ersetzen – ich denke mal, die Chancen dafür sind - auch wenn es schwierig wird - doch aufgrund der traditionell starken Schachszene gegeben.

Kommen wir zum Abschluss noch zur Frage, wer spielt den in der österreichischen Bundesliga? Nun in Summe sind die Nicht-FIDE Österreicher mit 58% klar in der Mehrheit, die stärkste Einzelnation sind aber doch die Österreicher gefolgt von den Deutschen und den Kroaten. Diese drei stellen mit einer satten ¾ Mehrheit das Gros der Bundesligaspieler.

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Und wie schlagen sich die Österreicher selbst in der Bundesliga?

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Naja nicht so toll! 42% der Spieler haben 41% der Bretteinsätze, steuern aber nur 36% der Punkte für ihre Mannschaften bei. Das ist aber auch nicht so schlecht, denn immerhin können internationale Erfahrungen gesammelt werden.

Wie in Deutschland dürfte es auch hierzulande das Problem geben, dass die Bundesliga nicht nur die Öffentlichkeit nicht erreicht, sondern es nicht einmal schafft die Masse der Schachöffentlichkeit in ihren Bann zu ziehen, denn wie sonst sollte man erklären, dass die Bundesligaklubs dort sind, wo die wenigsten Schachspieler wohnen und auch FIDE-Österreicher de facto Legionäre im eigenen Land sind?

Warum schafft man keine Fanbindung? Bei Einzelspieler gibt es starke Fanlager und auch bei Nationalmannschaften gibt es starke Emotionen, wie beispielsweise gerade jetzt, wo die Österreicher die Deutschen 3-1 schlagen, werden Erinnerungen an Cordoba wach. Oder auch wenn man sich die Diskussion rund um Arkadij Naiditsch und einen möglichen Föderationswechsel ansieht – auch wenn man sich von manchen Äußerungen in diesem Zusammenhang mit Grauen abwenden muss. Aber warum schafft man so wenig emotionale Bindungen an Bundesligamannschaften oder noch schlimmer: warum sind diese so vielen Schachfreunden schlicht weg egal?

Leider kann man diese Frage nicht so leicht beantworten, weil die Gründe wohl vielschichtig sind, aber ich denke alle Beteiligten sollten darüber nachdenken und nach Verbesserungen suchen und dabei nicht den Fokus auf eigene Befindlichkeiten und kurzfristige Vorteile legen, sondern das Problem so objektiv wie möglich ausleuchten, denn funktionierende Meisterschaften sind das Hauptanliegen vieler Schachspieler an die Verbände!