Zur Lage der Schachnation

Immer wieder flammen in letzter Zeit in der Schachpresse Diskussionen über die künftige Ausrichtung des deutschen Schachs auf - was auf eine größere Unzufriedenheit mit dem jetzigen Status schließen lässt. Vor kurzem hat Chessbase eine Umfrage zum Spitzenschach gestartet, um die Meinung der Basis einzuholen. Die bisher veröffentlichten Kommentare bewegten sich zwischen kritisch-engagiert und dümmlich-anmaßend. Im Folgenden möchte ich meine Sicht der Dinge wiedergeben.

Förderung von Spitzen- und Breitenschach schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Dasselbe gilt für die äußerst wichtige Jugendarbeit und die damit verbundene Mitgliederentwicklung. Auf allen drei Ebenen ist der Deutsche Schachbund aktiv, und er tut gut daran! Beiträge mit einseitig vorgetragener Kritik an der Förderung des Spitzenschachs disqualifizieren sich daher von selbst. Das wäre ungefähr so, als würden die Spitzenspieler fordern, dass der DSB nicht mehr das Breitenschach oder die Jugendarbeit bezuschusst. Da das Breitenschach mit der in Deutschland und den Nachbarländern etablierten und in der Welt wohl einmaligen Dichte an offenen Turnieren bereits bestens versorgt ist, und sich sozusagen selbst trägt, sollte aus meiner Sicht der Schwerpunkt des DSB auf der Jugend- und Spitzenförderung liegen. Die wichtigste Aufgabe bleibt aber die für die Vereine wichtige Organisation des Ligenbetriebs.

Vernachlässigt wurde übrigens allzu lange der Bereich des Marketings und der öffentlichen Darstellung, hier hat sich erst mit der seit Jahren aktuell und abwechslungsreich gepflegten Nachrichtenseite des deutschen Schachbunds unter Klaus Jürgen Lais eine substantielle Verbesserung ergeben! An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Webmaster des holländischen Schachbunds ein monatliches Festgehalt erhält, von dem er auch gut leben kann, weil man in Holland die Funktion der Öffentlichkeitsarbeit als eine der wichtigsten im Schachbund begreift. Eine in Deutschland geradezu revolutionäre Erkenntnis. Hauptsache, man findet jemanden, der es umsonst macht. Und bitte keine Beitragserhöhung für die Mitglieder - ich zahle doch nicht mein sauer verdientes Geld dafür, dass Schach in der Öffentlichkeit populär gemacht wird!!!

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Besonders amüsant finde ich das mehrfach vorgetragene Argument, dass der DSB zwar darauf setzen muss, nach langer Zeit wieder einen Großmeister in die Weltspitze zu bringen, andererseits sollen aber alle anderen Großmeister, die nicht talentiert genug sind, in die Weltspitze vorzudringen, selbst schauen, wie sie über die Runden kommen. Mit anderen Worten, dutzende talentierter Spieler, die es bis zum Großmeister schaffen, handeln auf eigenes Risiko, und ggf. lässt man sie fallen wie heiße Kartoffeln. Schade um die Jahrzehnte an Lebenszeit die dabei vergeudet wurden! Dies wurde ja in der Diskussion um die deutsche Nationalmannschaft und die skandalöse Diskriminierung der nächstbesten Spieler wie Khenkin & Co. überdeutlich. Heutzutage kann man als 2600er Großmeister nicht mal mehr darauf vertrauen, dass man für die Nationalmannschaft nominiert wird - hier hat sich der DSB wirklich blamiert! Allerdings hielt auch ich die finanziellen Forderungen der Spitzenspieler überzogen. Hochspezialisierte Großmeister fordern einen  Theorie-Trainer, der die Vorbereitung übernimmt - brauchen sie  vielleicht auch noch einen Hilfs-Großmeister, der sie am Brett vertritt oder eine Psychologin, die sie nach einer verlorenen Partie wieder aufrichtet? Der entscheidende Fehler des DSB bzw. des Bundestrainers Uwe Bönsch war aus meiner Sicht also nicht, dass er diese Forderungen abgelehnt hat, sondern dass er nach dem Scheitern der Verhandlungen nicht die zweitstärkste Mannschaft nominiert hat. Außerdem wäre natürlich ein besseres Krisenmanagement gefordert gewesen, aber diese Einsicht hat sich inzwischen allgemein durchgesetzt. Für die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft bin ich nur bedingt optimistisch, da ehrenamtliche Vorstände und Schachprofis nicht immer dieselbe Sprache sprechen.

Generell finde ich, dass die Kritik am DSB von vielen Seiten zu scharf vorgetragen wurde und wird. In meiner etwa 30-jährigen Schachlaufbahn auch als zeitweiliger Nationalspieler hatte ich kaum Anlass zur Klage über den Schachbund. Hier arbeiten viele Menschen sehr engagiert und  ohne Bezahlung daran, dass Schach vorangetrieben wird. Wer hätte gedacht, dass in Deutschland - dem Land der Bedenkenträger - nach vielen Jahrzehnten wieder eine Schacholympiade ausgetragen wird! Die viele Arbeit, die von allen Seiten in die Ausrichtung investiert wurde, wird nun von einigen selbsternannten Meinungsträgern schlecht gemacht.

Vielleicht sollten diese klugen Herren sich einmal fragen, ob der Hauptorganisator Dr. Dirk Jordan und seine Mitstreiter die Absicht hatten, Schach in Deutschland mit großem Einsatz voranzubringen oder nicht. Mag sein, dass ihnen das im Rückblick nicht optimal gelungen ist, aber sie haben es wenigstens mit allen Kräften versucht, und ich denke mal, es zählt auch der gute Wille. Die vielfach beklagte rückläufige Mitgliederentwicklung im Schach muss meines Erachtens an der Basis bei den Vereinen ansetzen. Insofern halte ich eine Großveranstaltung wie die Schacholympiade positive in Bezug auf die Mitgliederentwicklung für den falschen Ansatz. Das war aber auch sicher nicht das primäre Ziel der Austragung der Olympiade.

Immer wieder lese ich den Beiträgen das Wort Sponsoring, wobei zum Teil auch feinsinnig zwischen Sponsoren und Mäzenen unterschieden wird. Mäzene und Sponsoren hat es in der Geschichte des Schachs immer wieder gegeben. Es ist aber die Ausnahme, wenn ein Mäzen oder Sponsor dem Schach 20 Jahre die Treue hält, wie das bei van Osterom der Fall ist. Insofern müsste der DSB laufend nach Sponsoren Ausschau halten. Da die Schachübertragung aber nicht (mehr) im Fernsehen sondern (nur noch) im Internet stattfindet, und das Internet bekanntlich fast all seine Inhalte kostenlos bereitstellt, ist es schwer, eine finanzielle Gegenleistung für den Sponsor zu erkennen. Und wenn man ehrlich ist, passt ein so intellektuelles und langwieriges Ereignis wie eine Schachpartie nicht mehr so recht zu unserer schnelllebigen Welt (sie hat sich ja wirklich in den letzten Jahrzehnten erheblich beschleunigt) - außer als Ansatz zu einer Entschleunigung, die vielleicht mal wieder als Kontrapunkt zur Hektik des Alltags in Mode kommen wird. Insofern sehe ich nur begrenzte Chancen zur Gewinnung von Sponsoren, einfach weil sich die Gesellschaft im Ganzen in eine andere Richtung bewegt.

Hinzu kommt natürlich der vielfach beklagte kostenlose Imageklau des Schachs. Jede Firma, die mit einem Schachmotiv wirbt, ohne sich im Gegenzug auch dort zu engagieren oder wenigstens eine Spende für die Jugendarbeit zu leisten, verhält sich aus meiner Sicht zumindest unmoralisch. An diesem Punkt müsste man ansetzen: der DSB sollte wirklich jeder Firma, die mit geklautem Schachimage wirbt, erst freundlich zu einem Gespräch einladen, um eine konstruktive Zusammenarbeit zu besprechen, und falls das nicht hilft, Sanktionen androhen. Und sei es nur eine Veröffentlichung auf der Homepage des Schachbunds, dass die Firma Imageklau & Co. unberechtigt bzw. moralisch fragwürdig mit einem Schachmotiv geworben hat! Aber hier scheut man ja sicher das Prozessrisiko, denn eines ist sicher: beim DSB sitzen auch viele Juristen und Angsthasen...

Gerald Hertneck,
Schachgroßmeister

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