Leserpartie: Kick and Rush im Internet

Wettschulden sind Ehrenschulden, und da das sogar auch im Internet gilt, stellen wir heute eine Partie von SF Thomas Richter vor. Vor langer, langer Zeit und gefühlten fünfzig Jahren hatte er bei einem Schachwelt-Tippspiel den Preis gewonnen, eine von ihm eingesandte Partie von uns schamlos kommentiert zu bekommen. Und endlich, heute lösen wir im Rahmen unserer Reihe "Der Leser war am Zug" diesen Preis ein! 

Thomas Richter ist ein passionierter Schachfreund, großer Kenner der Szene, Leser und vor allem journalistischer Mitgestalter unseres kleinen Blogs und anderer Online-Publikationen.
Er ist eigentlich ein Hesse, oder vielleicht sogar ein Schwabe, doch zog es ihn irgendwann aus dem Binnenland hoch an die Waterkant - nach einer längeren Zwischenstation in Schleswig-Holstein lebt er mittlerweile auf der schönen holländischen Insel Texel.
Von dort sandte er uns die fast tagesaktuelle Notation seiner Begegnung mit dem oder der gefährlichen Juroli, gespielt als Blitzpartie im Internet des Jahres 2013 auf einem Server seines Vertrauens. Schalten wir uns doch einfach mal dazu.

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             Sonnige Landschaft bei Texel  (Foto: Virtualage)

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    Man ahnt bereits das Meer - auf nach Texel! (Foto: pa3ems)

Richter - Juroli, Internet-Blitz 2013

Ist Blitzschach eigentlich noch zeitgemäß? Während man sich im seligen 19. Jahrhundert zum Schach verabredete, um möglichst stundenlang über einen Zug nachzubrüten, brachte das Einführen von Schachuhren ein strenges Reglement in den Turniersaal und das Ende des meditativen Spiels - ab jetzt kämpfte man auf dem Brett gegen die Figuren des Gegners, und gleich nebenan gegen die dramatisch heruntertickende Zeit.
Doch auch damit hatte die Beschleunigung am Schachbrett noch nicht ihr Ende erreicht, denn das unselige Spielen bei knappster Bedenkzeit kam unaufhaltsam immer mehr in Mode. 1967 wurde in der DDR die ersten Blitzmeisterschaften ausgerichtet (Sieger: Heinz Rätsch aus Leipzig), und sieben Jahre später gewann  Karl-Heinz Podzielny im Westen die ersten Blitzmeisterschaft der Bundesrepublik.

schachuhr
          Die Schachuhr - Feind des meditativen Miteinanders?

Mit dem Aufkommen des Internet setzte sich der Trend zur Rastlosigkeit  wie überall in der Gesellschaft fort.
Bullet hieß nun die neue Variante, ein von Roland Schmaltz entdecktes Online-Geschicklichkeitsspiel, bei dem es darauf ankam, innerhalb einer Minute möglichst viele Züge zu machen, ohne die Verbindung zum Modem zu verlieren. Mit dem schachlichen Vermächtnis von Lasker, Steinitz und Jörg Hickl hatte das alles nicht mehr viel zu tun - aber Hauptsache, man war schnell!

Ist das Blitzen im Internet also noch zeitgemäß, oder sollte es von der FIDE durch Turnierpartien ersetzt werden? Schachspieler, die das Online-Blitzen bereits probierten, schwärmen von den zahlreichen Möglichkeiten, die es bietet - man kann neue Eröffnungen ausprobieren, seine Zugtechnik geschmeidig halten, und manchmal auch einfach nur den Gegner beschimpfen, ohne gleich erkannt zu werden. Doch sitzen wir wirklich lieber alleine zu Hause vor dem Rechner, oder wäre es nicht doch ganz schön, mal wieder die Bekannten, Freunde, Menschen im Verein in natura wiederzutreffen? Die Sorge bleibt, dass das verschärfte Blitzen im Netz irgendwann dem guten alten Vereinsabend das Wasser abgraben wird.
Leider aber sind die Zeiten so, dass viele es nicht mehr so ohne Weiteres zum wöchentlichen Treffen ihres Clubs schaffen können - die Entfernung ist zu groß, die Arbeitszeiten zu unregelmäßig. Da bleibt die schnelle Fünf-Minuten-Partie zwischendurch die einzige Chance, um noch ein wenig Spielpraxis zu behalten und starke Gegner aus der weiten Welt zu finden.

Und das bringt uns endlich zurück zur Partie, in der Kollege Richter nun den ersten Zug ausführt.

1.e4

So hat auch Magnus Carlsen schon gespielt.

1.... d6

Und so auch.

2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.f4

Zweischneidig und eine gefährliche Schwächung der weißen Königsstellung. Man beachte den 14.Zug von Schwarz, und vor allem das gemeine Schachgebot im 37.Zug.

4...Lg7 5.Sf3 0-0 6.Ld3 Sa6 7.0-0 c5 8.d5 Sb4 9.Lc4

Großmeisterlich gespielt - wie schon Siegbert Tarrasch behält auch Thomas Richter seinen guten Läufer auf dem Brett.

9...a6 10.a3 b5

 Richter1nach10

Möge das Hacken beginnen, sagt Schwarz - doch Weiß macht da nicht mit und antwortet mit einem souveränen Rückzug. Soviel Größe muss man erst einmal haben, und wenn sie jemand hat, dann ist es natürlich unser Kollege Thomas Richter. Außerdem gewinnt dieser Zug eine Figur.

11.Le2 Lb7 12.axb4 cxb4

Wild ist das Blitzen im Internet! Doch immer noch kann Weiß die Stellung unter Kontrolle halten.

13.Sa2 Sxe4 14.Sxb4 Db6+

Richter2nach14

Als Kompensation für die geopferte Figur kommt Schwarz zu einem schneidigen Schachgebot, dem ersten in dieser Partie.

15.Kh1 Sf2+

Und noch ein Schach! Es steht in dieser Hinsicht nun schon 2 : 0 für den Nachziehenden. Die Anzahl der Schachgebote ist ja so etwas wie das Eckenverhältnis im Fußball und hilft uns Zuschauer, den Verlauf der Partie zu beurteilen.

16.Txf2 Dxf2 17.c3

Recht so - mit moderner Raumdeckung lässt SF Richter die schwarzen Läufer nicht zur Entfaltung kommen. Juroli erweist sich aber als starker Blitz-Praktiker und greift ohne viele Skrupel einfach weiter ein paar schwache Punkte an, hier in Form des weit vorgerückten Bauern auf d5.

17...Dc5 18.Dd3 a5

Nach 19. Sb4-a2 gewinnt Schwarz durch  ... Dxd5 Material zurück. War es das schon für den weißen  Zentralbauern?

19.Le3!

Richter9

Olé! Thomas Richter beweist eine Nervenstärke, die man sonst nur bei Fabiano Caruano oder Frank Hoppe am Brett sieht. Mit Tempo greift der Läufer ins Spiel ein und verscheucht die aktive schwarze Dame.
Nun ist doch aber bald mal Schluss mit den schwarzen Tricks?

19...Dc7 20.Sc2

Auch 20.Sc6 ist auch denkbar - optisch beeindruckend dem Gegner vor die Nase gesetzt, und nach 20.....Lxc6, 21.dxc6 hängt bald auch schon der Bauer auf b5.

20...La6

Schwarz kann es nicht lassen. Anstatt dem Verlust der Figur nun großmütig die Partieaufgabe folgen zu lassen, fuddelt/ fummelt/ murkelt Juroli weiter herum und bringt mit dem damenbedrohenden Plan 21.... b5-b4 den logischen Ablauf der Partie durcheinander. Einmal mehr spürt man den schlechten Einfluss, den das Blitzen im Internet hat.

21.Dd2

Profunde Prophylaxe im Stile Dworetzkis - Thomas hat seine Lektionen gelernt. Weiß steht schon leicht besser, und hat dazu noch etwas Material mehr.

21...e6

Fortgesetztes Fuddeln, nur ermöglicht durch die Anonymität des Internet.

22.dxe6?!

Mutig nach vorne gespielt - man möchte dem weltweiten Netz-Publikum ja auch was bieten! Thomas bereitet einen Einfall seiner Figuren vor, doch unterschätzt er hier möglicherweise das Aufwachen des schwarzen Turmes auf f8, der durch 22... fxe6 kostenfrei und mit Druck gegen f4 ins Spiel eingreifen kann. (In der Partie hat dies zwar keine weitere Bedeutung, aber irgendetwas müssen wir ja schreiben.)
Gut hätte uns auch der sofortige Praktikerzug 22. Sc2-d4 gefallen mit gleichzeitigem Angriff auf b5 und e6.

22...fxe6 23.Scd4 Dd7 24.Sg5!

Ehrenvoll und mit Zug zum gegnerischen Tor - SF Richter wählt den offenen Schlagabtausch! Eine interessante Alternative war vielleicht das prüde 24.Ta1xa5.

24...Tfe8 25.Lg4!

Richter4nach25

Powerplay auf der rechten vorderen Seite des Feldes - so spielt man Schach auf Texel! Wäre Thomas Richter ein Fußball-Profi, würde er gewiss so stürmen wie Arjen Robben.
(Wahlweise hätte man aber auch hier noch einmal das eher konservative 25.Ta1x a5 überlegen können.)

25...Lxd4

Juroli bietet ein Besänftigungsopfer dar und tauscht den Drachenläufer g7 - damit soll aber keinesfalls gesagt sein, dass er nicht trotzdem versuchen wird, die Partie zu gewinnen. Wir sind ja beim Blitzen, dem (nach Hans Müller) Spiel für Räuber und Verbrecher .

26.Dxd4 Lb7

Alte Schule, simple chess - wenn einem nichts mehr einfällt, soll man schwache Punkte angreifen. Der Bauer g2 fängt schon ein bisschen an zu schwitzen.

27.Se4

Interessant auch das strenge 27.Df6 mit der feinen Idee Le3-d4.

27...Lxe4!

Liberal gespielt - Schwarz scheut sich nicht, den gerade erst aktivierten Läufer vom Brett zu nehmen. Warum nicht das aktivere 27.... Dd7-c6? Tatsächlich hätte Weiß dann mit 28.Lg4-f3 und allerlei Drohspiel die Partie nach Hause gebracht.

28.Dxe4

Wie um Himmels willen soll man diese Stellung deuten? Schwarz ist immerhin noch nicht Matt, hat aber eine Reihe von Bauerninseln, die er zusammenhalten muss.

28...a4 29.h4!?

Richter5nach29

Huch! Der nächste Bauer läuft los, und dies mit dunklen Absichten. Nach 29.h4-h5 soll die schwarze Königsstellung gelockert werden, und dann kann man ja immer noch weitersehen.
Leider kommt man beim Online-Blitz oft nicht auf die ruhigen, langweiligen Züge, sonst hätte man hier auch Tad1 und Spiel gegen die aufgeweichte schwarze Bauernstellung erwägen können. Möglicherweise waren beide Spieler an dieser Stelle aber schon ein wenig knapp an Zeit?

29...Tac8!

Fortgesetzte Aktivierung! Schwarz ergreift seine Chance und hat schon wieder den einen oder anderen Trick im Sinn. Noch einmal denken wir an Hans Müller, den schon erwähnten Kenner des Blitzschachs.

30.h5 Tc4! 31.Dd3 gxh5 32.Lxh5 Tf8

Schon rächt sich die leichthändige Linienöffnung im 22.Zug - der Turm kommt nun über f8 ins Spiel, und nun ist es Weiß, der aufpassen muss.

33.Tf1

33.b3?! axb3 34.Ta7 Tc7 ist keine gute Alternative.

33...De7

Noch so ein aktiver Zug - wo hat Schwarz nur die ganzen Figuren her?

34.Tf3

Sieht elegant aus und verteidigt zugleich gegen 34.....Dh4.

34...e5 35.Tg3+ Kh8

Richter6nach35

Reizüberflutung! Man weiß gar nicht mehr so genau, wer hier eigentlich wen angreift. Weiß ist zwar am Zug, doch fehlt so ein wenig die Harmonie bei seinen Figuren.

36.fxe5!?

Wiederum ein durchaus ästhetischer Zug, und sicher ist er gut gemeint, doch leider, nun öffnet sich die f-Linie. Man ahnt schon, wer davon profitieren wird.

36...Dh4+

Ein großer Augenblick für Schwarz - nach langer Zeit mal wieder ein Schachgebot, ein starkes psychologisches Signal in der praktischen Partie. Im Schachgebotsverhältnis führt Schwarz mit 3 : 1.

37.Th3

Wahrscheinlich erzwungen.

37...De1+

Noch ein Schach - das vierte bereits für Juroli. Das Matt kann nun nicht mehr fern sein, und das Spiel kippt zugunsten von Schwarz. Hier rächt sich der sehr frühe Vormarsch des f-Bauern im 4.Zug, durch den der gefährliche Damenzug von h4 nach e1 jetzt erst möglich wird.

38.Kh2 Tf1

Droht bereits ein bisschen mit Matt.

39.g3

Richter7nach39

Etwas zahm vielleicht - mit 39.Dxh7+! hätte sich Weiß noch einmal Entlastung verschafft und zumindest bei den Schachgeboten eine klare 7:4 - Führung  herstellen können - um das geopferte Material kann man sich dann ja später immer noch Sorgen machen.
Nach 39...Kxh7 40.Lg4+ (Schach!) Kg7? 41.Lh6+ (Schach!) Kg8 42.Le6+ Kh7 43.Lf4+ Kg6 44.Th6+ wäre es sogar fast Matt! Leider ist das aber nicht ganz erzwungen.

39...Th1+

Noch ein Schach von Schwarz - sehr gute, sehr konsequente Technik, so gewinnt man im Internet!

40.Kg2 Txh3 41.Kxh3

Vermutlich ungenau, aber ein Turm ist ein Turm.

41...Dh1#

Richter8nachmatt

Ein wenig plump vielleicht, dieses Matt, indes für eine Blitzpartie völlig ausreichend - immerhin ist das Spiel nun gewonnen.

Wir danken unserem Leser, Gewinnspielsieger und Redaktionskollegen Thomas für das Einsenden dieser verwegen dahingeblitzten Kampfpartie. Es spricht für den noblen Charakter von SF Richter, dass er ein Spiel eingesendet hat, das er verloren hat. Als starker Spieler hätte er sicher irgendwo auch eine schicke Gewinnpartie von sich finden können. Beim nächsten Tippspiel dann vielleicht - wir freuen uns über Post aus Texel!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Thomas Richter 2014-10-27 18:53
Danke Olaf! Auch wenn ich nicht viel gelernt habe verglichen mit meinen eigenen (und Houdinis) Analysen, aber das war auch nicht unbedingt Sinn der Sache ... .

Zum Internet-Blitz: Also ich mache das nicht statt Vereinsabend, sondern zusätzlich. Der Vereinsabend ist für mich fünf Minuten zu Fuss entfernt, auch bei Sturm und Regen machbar - den verpasse ich allenfalls, wenn ich einen aktuellen Artikel schreiben will oder 'muss'. Internet geht aber eben jederzeit, auch mal eine halbe Stunde zwischendurch - und da bekomme ich mitunter auch starke Gegner (ca. Elo 2200-2400 oder noch darüber) die ich in meinem Verein gar nicht habe, und bei Turnieren in der näheren Umgebung auch nur bedingt.

Soweit in Kürze, will/muss gleich zum ... Vereinsabend!
#2 easyrider 2014-10-28 21:03
Köstlich kommentiert!
Und das die Zahl der Schachgebote mitentscheidend für den Partieausgang ist, war mir völlig neu. Ich werde diese Erkenntnis in meinen nächsten Partien anwenden... Schach geben, was das Zeug hält! Wenn das mal keine 100 Elopunkte ausmacht! Und wehe, es sind dann 100 Punkte weniger!

LG Till

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