SchuhschautSchach: Unconventional Approaches to Modern Chess 1

SchuhschautSchach: Unconventional Approaches to Modern Chess 1 Foto: Schach Niggemann

Eine Rezension von IM Dirk Schuh, März 2019

Ich bin immer wieder überrascht, wieviele interessante Möglichkeiten es im Schach gibt. Für mich war das Jahr 2004 dabei eine Offenbarung, als ich den ersten Teil der "Schach ohne Scheuklappen"-Reihe von New in Chess in meinen Händen hielt. Darin wurden Nebenwege in der Eröffnung aufgezeigt, die auf der einen Seite abwegig erschienen, aber auch oft einiges an Gift enthielten und den Gegner zum eigenständigen Denken zwangen. Ich war sofort begeistert und ab sofort war das jeweilige Eintreffen des neuen der dann insgesamt 14 Bände für mich wie ein Fest. Darum wurde ich auch sofort hellhörig, als "Unconventional Approaches to Modern Chess Volume 1" vom ukrainischstämmigen Großmeister Alexander Ipatov bei Thinkers Publishing angekündigt wurde. Nun halte ich es in meinen Händen und fühle mich ein wenig wie vor 15 Jahren.

Der Autor ist mir schon vorher aufgefallen, da er manchmal wie ich keine große Lust auf zu großen Theorieballast zu haben scheint und dann einfach früh eigene Wege einschlägt. Zum Beispiel war für mich seine Partie gegen GM Samuel Shankland aus Saint Louis von 2018 ein großer Spaß, als er nach 1.d4 einfach Sa6 spielte und dann nach 2.c4 mit e5 3.dxe5 d6 einen Bauern opferte und gegen den mittlerweile 2700er ein Remis erreichte, wobei sogar mehr drin war. Diese Partie ist natürlich auch in dem Buch enthalten und in kommentierter Form sogar noch unterhaltsamer.

Unconventional Approaches

Aber worum genau geht es jetzt in diesem Werk? Der Autor zeigt 33 Eröffnungsideen für Schwarz, nach denen dem Gegner nicht nur recht wahrscheinlich die Kinnlade herunterklappt, sondern mit denen Schwarz auf kreative Art und Weise Gewinnchancen generieren kann. Wichtig ist ihm dabei aber, dass er nicht jede Idee als perfekt darstellt, sondern auch genau zeigt, worin jeweils die Risiken liegen. So weiß der Leser später recht gut, worauf er sich einlässt. Schön finde ich auch, dass kein festes Eröffnungsrepertoire für Schwarz gezeigt wird, sondern verschiedenste Ideen besprochen werden, aus denen man sich dann das heraussuchen kann, was einem gefällt. Es beginnt darum zuerst auch mit gängigen Eröffnungen, in denen er neue Wege zeigt, die man in sein vorhandenes Repertoire als Überraschung einbauen kann. So wird zum Beispiel gegen die Spanische Eröffnung unter anderem die Norwegische Verteidigung nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 b5 5.Lb3 Sa5 analysiert. Das sieht komisch aus, aber wenn Weiß ungenau spielt, holt sich Schwarz einfach das Läuferpaar und hat einen langfristigen Vorteil. GM Ipatov zeigt jetzt zuerst, was passiert, wenn Weiß mit 6.Sxe5 oder 6.Lxf7 versucht, die Variante zu widerlegen und kommt dann langsam zur kritischen Variante nach 6.0-0 d6 7.d4 Sxb3 8.axb3 f6, in der Schwarz ein wenig aufpassen muss, dass sich die Stellung nicht zu sehr öffnet, wonach sin Entwicklungsnachteil zum Problem werden kann. Aber all diese Probleme werden angesprochen und Lösungsansätze aufgezeigt. Selbst mögliche Neuerungen für Weiß und Schwarz werden antizipiert und eingearbeitet. Bei bestem Spiel von Weiß sieht er Probleme für Schwarz beim Spiel auf Gewinn, aber ein überraschter Gegner hat einige Möglichkeiten fehlzugreifen und er gibt jeweils mehrere Ideen für Schwarz an, wenn dies möglich ist, damit man flexibel bleiben kann.

Umfassender sind aber die "Systeme", bei denen er quasi jeweils komplette Schwarzrepertoires gegen 1.d4, 2.c4 analysiert. Dabei wird auch endlich mal das Malakhovsystem näher erläutert, das nach 1.d4 g6 2.c4 Lg7 3.Sc3 e6 entsteht und nach zum Beispiel 4.e4 Se7 5.Sf3 mit d5 seine typische Struktur offenbart. Als ich das zum ersten Mal in einer Partie sah, dachte ich nur, was denn der Mist soll, aber mittlerweile haben sich schon einige Großmeister, natürlich auch der Autor, daran versucht und es ist nicht so einfach zu knacken. Schwarz überlässt Weiß nach hypermoderner Manier das Zentrum, um es dann mit d5 zu attackieren und so Gegenspiel zu erhalten. Die Schwächung der schwarzen Felder am Königsflügel ist allerdings nichts für Ästheten. Das System ist schon recht alt, kam aber erst in den letzten Jahren in Mode und bietet darum noch viel Raum für frische Ideen. Auch hier bleibt der Autor aber objektiv und gibt zu, dass Weiß mit 4.Sf3 Se7 5.h4 recht unangenehm fortsetzen kann. Zwar hat er auch hier Ideen für Schwarz, aber Weiß hält wohl etwas Vorteil, was aber natürlich vertretbar ist und von den meisten normalsterblichen Schachspielern auch nicht zwingend umgesetzt werden kann. Weiß kann natürlich auch 1.d4 g6 2.e4 spielen, aber hierzu gibt es auch Material, zum Beispiel Lg7 3.Sc3 und jetzt einfach d5, das auch schon bei "Schach ohne Scheuklappen" vorkam.

Am Schluss des Buches gibt es dann noch einige Eröffnungen, in denen Schwarz früh mit g5 oder anderen Zügen fernab der Schablone agiert, siehe auch die oben genannte Shanklandpartie. Hier wird natürlich auch die phantastische Partie Aronian-Kramnik aus dem Kandidatenturnier 2018 analysiert, in der Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3 Lc5 5.Lxc6 dxc6 6.0-0 De7 7.h3 mit Tg8 und einem Bauernsturm den Weißspieler überrollte.

Seine Kapitel hat der Autor recht gut aufgebaut. Er bespricht meist Partiefragmente , in denen viele Textkommentare wie auch Analysevarianten und andere Partiefragmente enthalten sind. Die Partien stammen teils von ihm, aber auch vielen noch bekannteren Großmeistern. Vor allem Magnus Carlsen, der ebenfalls gerne mal experimentiert, ist hier häufig vertreten.

Insgesamt bietet das Buch ein tolles Buffet an interessanten Eröffnungsvarianten, mit denen man Weiß überraschen kann. Die Darstellung ist sehr gut, sodass man viele Varianten schnell in ein bestehendes Repertoire einpflegen kann, ohne großartig weiter daran feilen zu müssen. Zudem sieht man hier einmal mehr, wie abwechslungsreich Schach noch immer sein kann. Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung!

IM Dirk Schuh

Unconventional Approaches to Modern Chess 1 bei Schach Niggemannbei Schach Niggemann

 

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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