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Plovdiver Gurkensalat

Plovdiver Gurkensalat Rainer Zenz (wikipedia.de)

Ich komme nochmal auf die Europameisterschaft zurück. Diesmal gibt es nur Diagramme und keine kompletten Partien, denn das Ende und das Ergebnis hatte zum Teil wenig damit zu tun was vorher passierte. Vor einiger Zeit hatte ich mich hier als Patzer geoutet - nun habe ich staunend festgestellt dass gestandene Grossmeister das auch können, mit zum Teil viel weniger Figuren auf dem Brett. Da ich gleich sieben Beispiele habe lege ich ohne weitere Vorrede los:



Stocek-Kryvorochku, Runde 6

Stocek-Kryvoruchko

Es geschah 34.-Ld3?? 35.Lxa4 1-0 Schwarz wollte sich wohl an dem Turm auf b1 schadlos halten, aber dann hat Weiss ein unangenehmes Läuferschach auf e8. Nur im Tandem gäbe es dann noch eine Verteidigung: "Gib mir eine Figur, irgendeine, schnell!" - aber in Plovdiv wurde nicht Tandem gespielt. Nach diesem Unfall berappelte sich Kryvorochku übrigens und holte am Ende 8/11 (+7=2-2)




Bologan-Melkumyan, Runde 7

bologan-melkumyanWeiss hatte gerade 66.Tc1-g1 gespielt, Melkumyan spielte schwungvoll 66.-Ta2 - etwas zu schwungvoll, 66.-Ta3 war besser. Nun kam 67.Sf2+ Kh4 68.Tg3 - Schwarz gab noch nicht auf sondern versuchte noch 68.-Txf2+ 69.Kxf2 Ld7 70.Kf3 Lc8 71.Tg1 und jetzt war es genug 1-0 . Auch Bologans Endergebnis war +7=2-2, dann wollen wir mal nicht meckern dass seine Partie gegen Malakhov in der Schlussrunde ein langweiliges Remis war.




Movsesian-Pantsulaia, Runde 8

movsesian-pantsulaiaNatürlich ist Schwarz dran und entschied sich für 30.-Dxd6 31.Tfxf7+ 1-0. Das war vielleicht symbolische Resignation, denn auch 30.-Kg8 31.Dxe6 fxe6 32.Tff7 macht keinen Spass mehr. Für Movsesian war das Turnier insgesamt kein Erfolg und in der letzten Runde kam er zu spät, wie übrigens auch (trotz Heimvorteil) Antoaneta Stefanova.





Cheparinov-Papin, Runde 9

cheparinov-papin47.-Ta5?? 48.Tb6 1-0. Dazu der patriotische Kommentar im Turnierbulletin: "Often quoted German chess classic from the late 19th century Siegbert Tarrasch said that all rook endings were drawn. In round nine Bulgarian GM Ivan Cheparinov 2664 (BUL) disproved this theory and clinched the win against Vasily Papin 2575 (RUS) in a rook ending with three vs. two pawns on the kingside." Na wenn jemand Tarrasch widerlegt hat dann Papin!?

 



Kuzubov-Azarov, Runde 10

kuzubov-azarov

Hier ist natürlich Weiss dran, wohin mit dem König? 51.Kc2?? Ke3! 52.Lb6+ Ke2 0-1 Kuzubov spielte insgesamt trotzdem ein sehr ordentliches Turnier, und Azarov vielleicht das Turnier seines Lebens - sogar die Berliner Mauer konnte er in Runde 7 niederreissen.

 

 

 

 

Geht es noch krasser? In der letzten Runde waren zwei GMs offenbar müde:

Grigoriants-Hracek, Runde 11

grigoriants-hracekIch weiss nicht ob Weiss 35.Tc8 drohte (oder etwa 35.Sc8)? Jedenfalls war die Medizin schlimmer als der Schnupfen: 34.-Lg4?? 35.Txg4 1-0


Saric-Lintchevski, Runde 11

saric-lintchevsky37.Lc4?? Sxa7 0-1

 

 

 

 

 

 

Betreiben wir Ursachenforschung: In einigen Fällen rechnete der Verlierer wohl nicht damit dass der Gegner auch ohne Damen plötzlich mattsetzen kann. Und Papin fühlte sich auch zu sicher - Tarrasch hat nicht immer Recht bzw. manche Stellung kann man zwar nicht gewinnen, aber fast jede Stellung kann man noch verlieren. Bei den letzten beiden Beispielen weiss ich es auch nicht - wenn die "Chessbase-Pfeile" auch auf dem Brett eingeblendet würden hätte Saric es vielleicht gesehen. (Weiss eigentlich jemand ob und wie man das abstellen kann?).

Kommentare   

#1 Gerhard 2012-04-04 10:26
Schöne Beispiele.
Bei Grigoriants-Hracek, Runde 11 ist vielleicht ausser Zeitnot verantwortlich, daß sich Schwarz den weißen Turm als einen rein auf der C-Linie agierenden Turm vorgestellt hat.
#2 Thomas Richter 2012-04-05 09:10
@Gerhard: Kann sein, allerdings war der letzte weisse Zug 34.Tf4-c4. Eine andere Möglichkeit ist dass Hracek 34.-b5 35.Tc7 Lg4 spielen wollte (laut Engines am besten) und dann den zweiten Zug vor dem ersten machte.
#3 Dirk Paulsen 2012-04-19 12:11
Tut mir leid, lieber Thomas Richter, dass ich den Kritiker in diesem Falle selbst kritisieren muss. Was mich am meisten stört ist der undifferenzierte Umgang mit dem Sonderzeichen ??. Da ich nun sagte "am meisten" will ich aber zunächst die anderen kleineren Kritikpunkte hervorbringen.
Ich überlege, was die Aussage sein soll. Es geht vermutlich darum, dass man sich angesichts dieser angeblich so "überdimensionalen Patzerei" ein klein bisschen besser fühlen soll. "Schau mal, die Großmeister können ja auch nicht Schach spielen."
Eine Möglichkeit. Was mir daran nicht gefällt, ist klar. Es hat etwas mit Schadenfreude zu tun, welche mir kein schönes Gefühl ist, weil für sie die eigene Unzulänglichkeit, das eigene minderwertig fühlen beinahe Voraussetzung ist. Ansonsten empfände man vielleicht Bedauern, sofern man über ausreichend Selbstvertrauen verfügt. "Och, der Ärmste, schau mal, nach fünf Stunden härtester Arbeit mit fast nur exzellenten Zügen geht jetzt die Partie durch eine Unachtsamkeit verloren."
Eine andere wäre, dass man das Niveau speziell dieses Events kritisch sieht. Die spielen irgendwo hinterm Mond, kein Wunder, dass da kein anständiges Schach bei raus kommt. So in etwa. Auch dies wäre nicht mein Denken, vor allem, da die Differenzierung fehlt. Wie war es denn bei anderen Events?

Ok, aber ganz schlimm sind die permanenten doppelten Fragezeichen. Ein doppeltes Fragezeichen wurde nur nachgerüstet, vermutlich aber eines Spielers, der sich selbst diesen Fehler ankreidete und meinte, das war nicht nur ein Fehler, sondern es war sogar ein Doppelfehler, weil es nämlich so einfach war, das Fehlerhafte daran zu erkennen. Ansonsten stehen Doppelfragezeichenzüge für mich (ich würde nie eines vergeben und scheue mich sogar, ein einziges hinter einen Zug zu setzen, weil ich weiß, wie gemein es dem ihn Ersinnenden gegenüber ist und zumal ist das schlechte daran bei einem guten Kommentator eh in der Erläuterung zu erkennen und weiterhin der Betroffene meist längst Bescheid weiß; warum ihn dann noch damit ärgern?) ausschließlich für grobe Einsteller und einzügige übersehen Mattzüge, eigene oder gegnerische. In den Beispielen ist es meist ohnehin mehrzügig, vor allem vermisse ich auch dort die Differenzierung.

Im ersten Beispiel hat Weiß das Läuferpaar + einen Randfreibauern mehr. Nach meiner bescheidenen Einschätzung steht Schwarz nur ein langes Siechtum bevor, mit höchst wahrscheinlich unerfreulichem Ausgang. Da würde ich eh kein Doppelfragezeichen (und nicht mal ein einziges) vergeben, da man das Leiden lediglich verkürzt hat. "Ach, d kannst den Springer nehmen? Hab ich nicht gesehen -- ich gebe auf. Aber zu halten war die Stellung eh nicht."

In Beispiel 2 sehe ich ebenfalls Weiß klar vorne (ohne den Computer zu befragen und rechne somit mit wüsten Beschimpfungen). Der König ist bereits in Bedrängnis und die Mattgefahr lauert so oder so, welcher der König keinesfalls mit Bauernraub entschwinden kann. Er muss den mehr oder weniger geordneten Rückzug antreten, der Springer ist dem Läufer überlegen und sobald der Turm b4 decken müsste, würde der weiße Turm eindringen und den Rest erledigen (b4 auch dann erobern, mit leichtem Sieg). Wenn es eine Rettung gibt, bitte, zeigt sie mir. Insofern sind zwei Fragezeichen eine Farce, auch dort.

Das dritte Beispiel lohnt der Kommentierung nicht. Aber es gab auch kein Fragezeichen.

Das vierte Beispiel sehe ich ganz anders als der Autor. Ich befrage auch hier NICHT meine Engine sondern analysiere (menschlich dumm). Es droht g4-g5. Dieser Zug sollte verhindert werden. Mit Tf6 geht es aber nicht, weil man dann Turm auf die 5. Reihe und dann g5 nebst f6, und mit diesem Bauern könnte es gewonnen sein. Was ich als dummer Mensch gar nicht verstehe ist die Aufgabe. Ich hätte in der Schlussstellung Ta5-a4 versucht und nach Tb6xh6 hätte ich Ta4xg4 gespielt. So übel ein Bauernendspiel mit einem Minusbauern ist, mit ausreichend viel Naivität ausgestattet könnte ich mir vorstellen, dass dieses ganz speziell Remis ist, wie ein paar berechnete Varianten ergaben. Wenn nicht, so wäre es jedenfalls eine Chance.

Das fünfte Beispiel ist ein sehr menschliches Versehen. Wer möchte schon mit dem König nach a2? Man rechnet wirklich nicht mit Matt und sieht auch noch Lb6+, also nur Mut. Das sind Ausnahmestellungen und es passiert einfach. Zwei Fragezeichen? Fies und ungerecht.

Die letzten beiden Beispiele sind wirklich grobe Einsteller -- nur könnte man auf die Fragezeichen getrost verzichten, da man dies sogar einem Anfänger begreiflich machen könnte ohne nähere Erläuterung. "Er stellt sein Läufer auf ein vom Turm bedrohtes Feld und ist zugleich dort nicht gedeckt." Im letzten Beispiel: "Schwarz greift den Turm an -- Weiß zieht ihn nicht weg."
#4 Gerhard 2012-04-19 16:37
Herr Paulsen, das mit dem Doppelfragezeichen ist seit Generationen usus. Nothing to complain about.

Viele Fehler passieren in Zeitnot, durch Übermüdung, durch übermässig konzentriertes und gutes Spiel. Manche Fehler entstellen so eine bis dato gute und beispielhafte Leistung. Das tut weh, auch beim Nachspielen und so drückt man seinen Schmerz (als Liebhaber des Spiels) halt gerne mit mehr als einem Fragezeichen aus.

Ich denke, dem Autor war NICHT daran gelegen, die beteiligten GMs auf den Boden zurückzuholen oder sich an ihrem Pech zu laben.
Oder haben Sie schon jemand gesehen, der bei einer musikalischen Darbietung feixt, weil er eine falsche Note, die ja immer passieren kann und MUSS, erheischt?

Gruß
#5 Thomas Richter 2012-04-20 16:43
Hallo Herr Paulsen,
Freut mich dass Sie meinen Artikel so ausführlich kommentieren! Was hat sich der Autor (also ich) dabei gedacht? Einiges aber nicht unbedingt das was Sie mir unterstellen ... . Unter anderem wollte ich auch zeigen welche ungewöhnlichen Mattbilder auch bei reduziertem Material entstehen können, Beispiel für die Vielfalt und Schönheit des Schachspiels. Beim zweiten Beispiel habe ich übrigens auch auf Fragezeichen verzichtet, und es vor allem aus dem anderen Grund erwähnt.

Vor allem wollte ich zeigen dass Grossmeister auch nur Menschen sind, nicht etwa "die können kein Schach spielen" - denn das Gegenteil haben sie ja oft genug bewiesen, vor der EM und auch in anderen Runden desselben Turniers. Ob bei der EM besonders häufig gepatzt wurde? Soo viel Vergleichsmaterial gibt es wohl nicht für Spieler mit Elo 2500-2700. Das Turnier war anstrengend - nur ein Ruhetag und auch kaum extra Ruhetage durch Kurzremisen - und es stand einiges auf dem Spiel, u.a. die Quali für den World Cup.

Zu den Fragezeichen: Gerhard sagte ja schon dass das nicht meine Idee war. Ich sehe es generell so: zwei Fragezeichen für einen sofort partieentscheidenden Fehler (im Einzelfall kann man sich darüber streiten ob die Stellung sowieso hoffnungslos war), nur eines wenn auch danach noch nichts definitiv entschieden ist - z.B. für einen Bauerneinsteller oder einen Zug der den Gewinn erschwert oder verlängert ohne den Vorteil zu verschenken.

Nur noch zum Turmendspiel: Von mir selbst erwarte ich nicht dass ich mich da perfekt auskenne, von Grossmeistern "eigentlich" schon ... trotzdem 'dürfen' sie sich natürlich auch mal irren.
Was ist nach 47.-Tf6 48.Tb5 Ta6 49.g5 hxg5 50.hxg5 Ta1 51.f6+ Kh7 und dann Schachs von hinten? Wenn es einen Gewinn für Weiss gibt kann man sich das schon noch zeigen lassen!?
Und in der Partie (Ihr Vorschlag) 48.-Ta4 49.Txh6 Txg4!? (kann man versuchen das es an der Stellungsbewertung nix ändert). Nun bekäme 50.Kxg4 von mir ein bis zwei Fragezeichen - eines wenn das Bauernendspiel doch gewonnen sein sollte und Weiss das gegen die beste Verteidigung schafft. Jedenfalls hat Weiss hier einen besseren Zug ... .

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