Phantomdrohungen und Intuition

Woran scheitert 23.Lxe6 Woran scheitert 23.Lxe6

Im letzten Mannschaftskampf spielte ich eine "Modellpartie" - so stand es jedenfalls hinterher in der Lokalzeitung Texelse Courant. Und die haben Ahnung vom Schach, jedenfalls wenn ein Mitglied unseres Vereins (nicht ich selbst) derlei Artikel schreibt. Sinn und Zweck dieses Beitrags ist aber nicht, oder allenfalls ein bisschen, Eigenlob, sondern ich will einige psychologische Aspekte beleuchten - meine eigenen Gedanken während der Partie, bereits zu diesem Zeitpunkt und auch in der anschliessenden Analyse wurde deutlich warum es prima funktionierte. Wenn Weiss in 28 Zügen glatt gewinnt, hat Schwarz einiges falsch gemacht. Was er falsch gemacht hat, ist relativ klar - man kann es vielleicht auf einen Moment reduzieren. Warum er so spielte, nun es lag u.a. an "Phantomdrohungen": die Drohung ist stärker als die Ausführung, vor allem wenn eigentlich gar nichts droht. Zwei andere Aspekte werden auftauchen: Zum einen die Qual der Wahl zwischen Druck/Initiative aufrecht erhalten oder einen Bauern gewinnen - matt setzen bzw. noch mehr Material gewinnen ist natürlich besser, wenn es denn geht. Zum anderen war da ein recht ungewöhnliches taktisches Motiv, das leider (aus gegnerischer Sicht) bzw. zum Glück (aus meiner Sicht) hinter den Kulissen blieb. Woran scheitert im Titeldiagramm 23.Lxe6, und warum ist auch das alternative 23.Txe6!? kein allzu guter Zug? Das ist zunächst eine Taktikaufgabe für die Leser, später werde ich die Lösung(en) verraten.

Ein bisschen Kontext vorab: Wir spielten gegen Kennemer Combinatie 3. Die können durchaus kombinieren, an anderen Brettern erfolgreich, aber der Name bedeutet Fusion/Spielgemeinschaft mehrerer Vereine aus der Region Haarlem/Kennemerland im tiefsten Süden der Provinz Noord-Holland. Dieses Team spielt in unserer Nordgruppe, da Kennemer Combinatie 4 in der Südgruppe antritt - damit kannten wir sie gar nicht, und sie uns auch nicht. Kennemer Combinatie 1 spielt höherklassig mit Titelträgern. Wie mir mein Gegner hinterher verriet, bekommen die (zumindest etwas) Geld und sind regelmässig beim Vereinsabend dabei - womöglich bekommt Kennemer Combinatie 3 auch Tips von Kennemer Combinatie 1, auch das habe ich bei der Partieanlage berücksichtigt. Einige Spieler ihrer ersten Mannschaft sind übrigens auch in Belgien und Deutschland (GM Spoelman in Emsdetten, IM Ducarmon in Aachen) aktiv.

Auch in anderer Hinsicht war es ein etwas ungewöhnliches und unberechenbares Team: drei Jugendspieler im Alter von vielleicht 14-16 Jahren oder noch jünger, aber auch einige sehr erfahrene Spieler. Die FIDE-Eloliste weiss einiges: mein Gegner Gerard Snijders ist Jahrgang 1956, sie hatten auch noch Frank Taylor (*1947) und Pieter Kroon (*1949). Spiele ich lieber gegen einen Jugendlichen, oder gegen einen noch älteren Gegner (selbst bin ich Jahrgang 1967)? Man nimmt was man bekommt .... . Und nun zur Partie, wobei die Ausrufe- und Fragezeichen nur zum Teil den objektiven und zum Teil den psychologischen Effekt des jeweiligen Zuges reflektieren:

Thomas Richter (1964) - Gerard Snijders (1946), En Passant - Kennemer Combinatie 3, NHSB (Noord-Hollands Schaakbond) 1A, 7.2.2015

1.e4 c5 2.Sf3 e6!? Das spiele ich selbst seit etwa einem Jahr, unter anderem da ich mich dagegen mit Weiss schwer tue. Meine Vorbereitung (ja, das hatte ich vorbereitet): wenn das aufs Brett kommt, dann keine Hauptvariante. Mein Gegner hatte sich, wie er mir hinterher verriet, gezielter vorbereitet und fand tatsächlich drei Partien von "Thomas Richter" in seiner Datenbank. Welcher Thomas Richter das war, keine Ahnung - ich jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit nicht (ich habe zwar einen Doktortitel, aber war nur einmal im Leben kurz vor der Wiedervereinigung in Leipzig und spielte auch für keinen der zehn anderen deutschen Vereine). Damit erübrigt sich die Frage, ob man einen Spieler aufgrund von drei Partien stilistisch oder eröffnungmässig einschätzen kann. 3.c3! Das spielte ich jahrzehntelang schon im zweiten Zug, irgendwann wurde es langweilig und nicht zu vielversprechend. Aber vielleicht erwische ich ihn auf dem falschen Fuss? Dem war so. 3.-Sf6 nach fünf Minuten 4.e5 Sd5 a tempo 5.d4 cxd4 wieder fünf Minuten, im Buch ist er wohl nicht mehr 6.cxd4 Sc6 7.Sc3 Sxc3? Wenn man lang rochieren will, sollte man nicht die b-Linie öffnen. Schwarz wollte zu diesem Zeitpunkt aber wohl nicht lang rochieren. Warum er es dann doch tat, Stichwort "Phantomdrohungen". 8.bxc3 mangels Alternativen bekommt dieser Zug kein Ausrufezeichen 8.-d6 9.exd6 Lxd6 10.Ld3! Natürlich ein logisches Feld für den Läufer, das nach schwarzer kurzer Rochade eventuell Lxh7+ andeutet. 10.-Da5 Er verzichtete auf 10. - 0-0 eben wegen 11.Lxh7+, was aber allenfalls "einigermassen spielbar ist" und keinesfalls sofort gewinnt. Der schwarze König muss dann nach g6 auswandern, aber danach wird es weder Matt noch kann Weiss das geopferte Material (mit Zinsen) zurückgewinnen. Aber 10.-Da5 ist auch OK - laut meinem Gegner auch mit der eventuellen Idee -Da5-h5 aber dann vergass er offenbar, dass die Dame auch zum Königsflügel schwenken kann. 11.Ld2 kein sehr schönes Feld für den Läufer, aber a) gibt es ein besseres? b) nach später mal c3-c4 kann sich das ändern 11.-Ld7 Dito, auch der Läufer kann vielleicht mal auf c6 gut stehen. Hier ging allerdings 11.- 0-0 12.Lxh7+? Kxh7 13.Sg5+ Kg8! 14.Dh5 Df5! 12.0-0 h6 Nun war die Rochade nicht so gut, nicht wegen 13.Lxh7+ s.o. sondern wegen 13.Db1 nebst (relativ) gratis Bauerngewinn auf b7 oder h7. Bauern auf b7 sind mitunter vergiftet, hier war es wohl spielbar - Weiss hat seine Entwicklung mehr oder weniger abgeschlossen, und die Dame steht auf b7 nicht wirklich gefährdet. Das hatte ich (noch) nicht gesehen, aber nach eventuell 12. - 0-0 muss ich ja nicht a tempo reagieren. 13.Te1! Wiederum gilt: logischer und guter, was die weitere Partie betrifft, sehr guter Zug. 13.-Se7? Das verdient nun auch objektiv ein Fragezeichen. Kurz rochieren wollte er immer noch nicht, da er Angst vor einer späteren Batterie auf der Diagonale b1-h7 hatte. Allerdings ist z.B. 13.- 0-0 14.De2 Dc7 15.De4 f5! für Schwarz völlig OK. Das war meine letzte "Phantomdrohung", ab hier droht tatsächlich beinahe ständig was. 14.Se5! Wieder logisch - manchmal macht man das selbst, wenn man -Lxe5 mit dxe5 beantworten muss 14.-Lxe5 Fast erzwungen - aber ich mag sowohl Läuferpaar als auch Entwicklungsvorsprung 15.Txe5 Dc7 Computer bevorzugen 15.-Da3 mit ein bisschen Gegendruck. Spielt man das als Mensch, wenn es nicht Teil einer etablierten Eröffnungsvariante ist? 16.Dg4 Hier sagte ich hinterher in der Analyse "Ich denke, dass Computer diese Stellung mit +1 oder +2 beurteilen". Mein Gegner entschied sich für +1.5, Houdini sagt +1.2, Stockfish (generell grosszügiger) +2. 16.-g6 16.-Kf8 ist wieder so ein Computerzug, den ein Mensch allenfalls ungern spielt. 17.Tae1 Sc6 Wenn man so will, seine erste Falle. Nun rechnete ich einige Zeit an 18.Txe6+?!!? was aber gar nicht funktioniert. Das "muss" man untersuchen nach dem Motto "was, wenn es geht und mein Vorteil sonst dahin ist?". Ich erwog auch 18.Lf4?! ohne (18.-Sxe5! 19.Lxe5) 19.-Dxc3! zu sehen. Das ist dann laut Engines 0.00 wenn Weiss danach die besten Züge findet. Dann auf Nummer sicher: 18.T5e2 Züge wie 18.Tc5 oder 18.Tb5 hatte nun ich, im Gegensatz zu Engines, gar nicht auf der Rechnung. 18.- 0-0-0 Das muss nun sein, bevor Weiss auch diese Rochade mit Dh4 verhindert. 19.Df3 natürlich nicht sofort 19.Lf4? e5!. Dieser Zug bereitet Lf4 vor und greift eher nebenbei einen Bauern an. 19.-f5 Ich erwartete 19.-g5 - lieber einen Bauern hergeben als komplette schwarzfeldrige Dominanz (vgl. 14.-Lxe5) zulassen? Dann hätte ich wohl mit etwas gemischten Gefühlen 20.Dxf7 gespielt, was offenbar geht. Aber ein Bauer ist nur ein Bauer, und ein Königsangriff ist ein Königsangriff. Mein Gegner war materialistisch. 20.Lf4 Da5 21.Lc4 ein multi-funktioneller Zug: die Bauern auf a2 und c3 sind gedeckt, Schwarz kann sich nun nicht mit eventuell -Dd5 entlasten und damit leidet seine Tante etwas unter Atemnot. Grund genug um Lc4 zu spielen, wiederum greift es eher nebenbei einen Bauern an. 21.-g5 22.Ld6 ein erstaunlich stabiles Feld für diesen Läufer 22.-The8 Das war als brilliante Falle konzipiert, wie mir mein Gegner später verriet. Warum nun nicht 23.Lxe6? Wer es nicht gesucht oder nicht gefunden hat, nun verrate ich die Lösung: 23.Lxe6?? Lxe6 24.Txe6 Sxd4!!

Richter Snijders Variante

Doppelter Röntgenblick - weiter geht es eventuell mit 25.cxd4 Dxe1+ 26.Txe1 Txe1 matt - Moment mal, ICH wollte doch mattsetzen! Hinterher untersuchten wir in etwas grösserer Runde 23.Txe6!? ohne des Pudels Kern zu finden. Unsere Variante lautete 23.-Sxd4 24.cxd4 Dxe1+ 25.Txe1 Txe1+ 26.Lf1 (der kleine Unterschied) 26.-Lb5?! [nach 26.-Txf1+ 27.Kxf1 Lb5+ 28.Ke1 Txd6 lebt Schwarz noch ein bisschen] 27.Dc3+ - "Du willst als Erster mattsetzen?" (so mein Gegner) - "Na 28.Dxe1 sollte reichen" (meinte ich). Die richtige Variante lautet 23.-Lxe6 24.Lxe6+ Txe6 25.Txe6 Sxd4! (erst hier) 26.cxd4 Txd6! Nach 27.Te5 nebst Dxf5+ hat Weiss immer noch ein bisschen Vorteil (sagen jedenfalls Engines) aber da muss mehr drin sein. Das alles hatte ich nicht ansatzweise gesehen. Vielleicht hatte ich im Unterbewusstsein, dass ich in Stellungen mit schwarzer Dame auf a5 und weissem Turm auf e1 mitunter anfällig bin, aber ich verzichtete eher aus allgemeinen Erwägungen auf diesen Bauern - Druck aufrecht erhalten ist sicher besser - und spielte den 'Computerzug' 23.Tb1. Dann 23.-g4 Der Bauernsturm geht weiter, aber die schwarzen Figuren stehen zu suboptimal für einen Angriff auf den weissen König. 24.Dd3 Mein Gegner: "Warum denn dieser starke Zug? Ich hoffte auf 24.Dg3 und dann lebe ich noch." Jedenfalls in einem Mannschaftskampf will man das Ende so lange wie möglich hinauszögern. Idee hinter Dd3 ist, b7-b6 zu verhindern aufgrund von dann La6 Schach bis Matt. 24.-e5 Nun spielt auch er Computerzüge - aber wenn das der beste Zug ist stimmt irgendwas nicht mit seiner Stellung. 25.Tb5 e4 26.Db1 Wieder sagte mein Gegner: "Warum das denn? 26.Dc2 war aus meiner Sicht besser." 26.-Da6 27.Teb2 Der nächste bitte. 27.-Le6 28.Txb7 1-0.

Wir haben übrigens insgesamt bei den Erwachsenen 3-2 gewonnen, aber das Duell Texelsche Oldies (alle drei 40+) gegen Kennemer Teenies 0-3 verloren und damit am Ende null Mannschaftspunkte. Unser Abstiegskampf (letztes Jahr sind wir aufgestiegen) geht weiter, während der Gegner (letztes Jahr abgestiegen) aufgrund anderer Ergebnisse nur noch kleine bis theoretische Chancen auf den angestrebten Wieder-Aufstieg hat. Das liegt unter anderem daran, dass sich ihr Spitzenspieler (Elo 2224) bereits in höheren Teams festgespielt hat und daher nicht mehr zur Verfügung steht - ein Luxusproblem das die eine und einzige Mannschaft von En Passant Texel nicht hat.

 

 

Kommentare   

#1 Losso 2015-02-25 08:20
Hi Thomas,

ich überlege nur gerade, wie sinnvoll diese Falle ist. Denn selbst wenn Weiß das schöne Sxd4 übersieht muss er sich ja überlegen, wie 23.Lxe6 Lxe6 24.Txe6 Txe6 25.Txe6 einzuschätzen ist und ob der Schlag des Bauerns es wert ist, das Läuferpaar aufzugeben und dabei noch eine eher schwache schwarze Figur zu tauschen.
#2 Thomas Richter 2015-02-25 21:44
Hallo Losso,
So denkst Du, so dachte ich, so denkt vielleicht nicht jeder Spieler meines und seines Niveaus. Einen Versuch war es wert, zumal er ja zu diesem Zeitpunkt keine anderen wirklich sinnvoll(er)en Züge hatte. Und das taktische Motiv ist ungewöhnlich und sehens/veröffentlichungsw ert - egal ob es auf dem Brett erscheint.
Jetzt wo ich mir die Stellung nochmal anschaue, kann es sein dass nach 22.Ld6 tatsächlich 23.Txe6!? drohte. Ist zwar auch dann schade um die schöne Angriffsstellung, aber da bekommt Weiss noch einen Bauern auf f5 und dann die Qualität zurück. Und mein Gegner war halt materialistisch eingestellt, sonst hätte er wohl 19.-g5 oder auch 20.-e5 gespielt.

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