Limburg Open Nachlese

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Das Limburg Open ist nun schon fast vier Wochen vorbei, warum jetzt noch eine Nachlese? Naja, weil ich es nicht schneller geschafft habe ... . Aber einige Leitmotive sind zeitlos, zum Beispiel "Wie besiegen Grossmeister (junge) Amateure?" Oder auch nicht. Ein bisschen fliesst auch ein: "Was sieht ein Kibitzer meines Niveaus während anderer Leute Partien, ohne Computerhilfe?". Das bezieht sich allerdings nur auf die letzten drei Runden, die ich vor Ort miterlebte - die ersten vier Runden habe ich teils live im Internet, teils erst im Nachhinein beobachtet. Der Artikel wird nun chronologisch, mit Beispielen/Partiefragmenten aus (fast) jeder Runde. Nicht immer erwähne ich, was als nächstes geschah - mitunter ist auch "der Leser am Zug". Bei den Amateurgegnern nenne ich jeweils Jahrgang und Elozahl - vor dem Turnier, nicht die aktuelle der Juli 2014 Liste.

Runde 1: GM Erwin l'Ami - FM Marcel Harff (*1990, Elo 2288) 1-0

Nach der sechsten Runde erwähnte FM Marcel Harff mir gegenüber, dass er zu Turnierbeginn gegen den Elofavoriten und späteren Turniersieger eine Remisstellung einzügig verdarb. Er meinte sicher 45.- Sf8-d7?? (Diagramm danach)

LAmi - Harff

 

 

 

 

 

 

 

Zuvor pendelte der schwarze Turm mehrfach zwischen a3 und a7 (aber der GM wollte keine dreifache Zugwiederholung), das wäre auch hier besser gewesen. Alternativ auch das etwas krumme 45.-Lb8 - und diese Tips sollten ausreichen, um l'Amis nächsten Zug zu finden.

Nicht in jedem offenen Turnier gewinnt ein GM-Opfer aus Runde 1 die nächsten fünf Partien, spielt damit in der letzten Runde wieder an Brett 2 und teilt danach den zweiten (bis fünften Platz). Belohnung waren ordentliches Preisgeld und 31 Elopunkte - allerdings trotz TPR 2530 keine IM-Norm: dafür sind sieben Runden zu wenig, und er bekam auch keine weiteren GMs oder IMs vorgesetzt. Harff (aus Hochneukirch bei Mönchengladbach) ist noch jung, wenn auch älter als diverse die im weiteren Turnierverlauf genannt werden. Angefangen mit

Runde 2: Mischa Senders (*1997, Elo 2159) - GM Berg 1/2

Senders-Berg

Da vergab Turnierstammgast Emanuel Berg allerdings einen Elfmeter, was hätte er hier (am Zug) spielen müssen? Jedenfalls nicht wie in der Partie 30.-T8f7? 31.Tf1 De3 32.Txf6 Txf6 33.Tf1 Txf1 34.Lxf1 Df2 35.Lb5 Df7 36.Lxc6

Senders-Berg2

und nun hatte der GM nach eigener Aussage Glück, dass er mit Dauerschach entwischte.

In Runde 3 verdarb Emanuel Berg eine klar bessere bis gewonnene Stellung gar noch zum Verlust, und zwar gegen FM Jorden Van Foreest (*1999, Elo 2448). Da tue ich mich allerdings schwer, einen Moment aus der Partie auszuwählen, weiter geht es also mit

Runde 4: GM Fier - Tycho Dijkhuis (*1998, Elo 2271) 0-1

Fier-Dijkhuis

Der Brasilianer Alexandr Fier hat den Spitznamen "No fear", aber etwas Vorsicht war hier vielleicht angebracht - statt 21.Dxb4?! wonach Schwarz in einem sizilianischen Drachen die offenen Linien am Damenflügel ausnutzen konnte (wobei Weiss sich danach nicht optimal verteidigte). Fier war allerdings gesundheitlich angeschlagen und besuchte vor der Runde zusammen mit den Organisatoren eine Apotheke. Dijkhuis hat inzwischen Elo 2321, 50 Elopunkte plus verteilen sich fast gleichmässig über das Limburg Open und den HASPA Schachpokal in Bargteheide (meine schleswig-holsteinische Zwischenheimat).

Runde 5: IM Quinten Ducarmon (*1994, Elo 2483) - Mischa Senders 1-0

Ducarmon-Senders

Hier zur Abwechslung die Schlusstellung aus der Partie zweier junger Spieler. Warum hat Schwarz eigentlich aufgegeben, bei ausgeglichenem Material? Vermutlich, weil er Königsverlust nicht verhindern kann. Ducarmon spielt in den Niederlanden für Kennemer Combinatie (Grossraum Amsterdam) - vielleicht weiss ein Leser, warum er auch Mitglied eines Aachener Vereins ist, aber nur sehr sporadisch Mannschaftskämpfe spielt.

Runde 6 und die entscheidende Phase im Turnier, daher mehrere Fragmente und Diagramme, zunächst die per Titelbild bereits erwähnten Partien:

GM Erwin l'Ami - IM Quinten Ducarmon 1-0

Der offizielle Rundenbericht setzt das Diagramm etwas früher als ich (unten) und schreibt dazu "Weiss hat das Läuferpaar und eine minimal bessere Königsstellung. Noch jede Menge Arbeit, um die Partie zu gewinnen, stärker, Vereinsspieler schaffen es oft nicht, aber Erwin verwandelte professionell." Houdini kritisierte allerdings das weisse Spiel im weiteren Verlauf (naja, er hat fast immer was zu meckern), Schwarz konnte das weisse Läuferpaar halbieren und dann stand es so:

LAmi - Ducarmon

 

 

 

 

 

 

 

Ich erwartete 29.-Sc6 und Schwarz überlebt vermutlich (30.Dc5 Dd4+ 31.Dxd4 Sxd4), aber nach langem Nachdenken entkorkte Ducarmon 29.-Sc4?! (Idee sicher 30.Lxc4 Dd4+ usw., aber) 30.Dc5 Dd4+ 31.Dxd4 Txd4 32.Tc1 und nun war (Partie) 32.-Txf4 33.Txc4 Txc4 34.Lxc4 Txe4 usw. wohl das kleinste Übel, aber der Rest doch Technik aus weisser Sicht. In diesem Moment hätte ich besser gespielt als der IM - ob ich die Stellung vorher und (fiktiv) hinterher halten könnte steht natürlich auf einem anderen Blatt. Dennoch war es - vielleicht im Gegensatz zu Runde 1 - ein insgesamt überzeugend-souveräner Sieg des GMs, der eben die ganze Partie über am Drücker war. Wie erging es seinem Kollegen Sipke Ernst nebendran?

GM Ernst - Thomas Beerdsen (*1998, Elo 2205) 1/2

Ernst-Beerdsen

Zuletzt geschach 14.Sa5-c4 - was eine lange relativ forcierte Abwicklung einleitet. Vielleicht war es so geplant, vielleicht auch ein bisschen aus der Not geboren nach zuvor 13.d3?! (verfrühter Aufzug des d-Bauern im Reti-System) 13.-c5! wonach der Sa5 wacklig steht und das Vis-a-vis auf der c-Linie Weiss auch gewisse Kopfschmerzen bereitet. Wie dem auch sei, ich erwartete, was dann auch aufs Brett kam: 14.-cxb4 15.Sxb6 Txc2 16.Sd4 (kostet Material, aber sonst steht Schwarz prima) 16.-Txc1 17.Tfxc1 Sxb6 18.Sxe6 fxe6 19.Txb4 Sfd5 20.Lxd5 Sxd5 21.Txb7

Ernst-Beerdsen2

Thomas (gemeint ist Beerdsen) verwendete einige Bedenkzeit - wohl nicht nur um die Variante zu berechnen, sondern auch um die nun entstandene Stellung zu beurteilen. Weiss hat sicher Kompensation für den kleinen materiellen Nachteil: klar bessere Bauernstruktur, momentan aktivere Figuren - aber wer steht besser? Am Ende stand es dann so:

Ernst-Beerdsen3

 

 

 

 

 

 

 

Die Lage hat sich geklärt: Weiss hat Dauerschach - nicht weniger aber auch nicht mehr. Beerdsen hat inzwischen Elo 2260 - auch er spielte im Juni zwei starke Opens, wobei er bei nächster Gelegenheit (HSG Open in Hilversum) gegen Sipke Ernst verlor.

Das nächste Fragment passt wieder nicht ganz in das Konzept "Jugend gegen GMs", aber ich will noch ein bisschen alliterieren:

GM Berg - Bob Beeke (*1981, Elo 2255)

Berg-Beeke

Beeke ist etwa genauso alt oder jung wie sein grossmeisterlicher Gegner. Berg tat sich schwer gegen Bob Beekes Berliner Beton, das ist auch nicht unbedingt Berg's preferred battleground - der Schwede ist vor allem Angriffsspieler [ich musste auf Englisch ausweichen, um den Hauptsponsor Bruls Prefab Beton nochmal indirekt zu nennen]. Das Diagramm zeigt die Stellung nach zuletzt 51.- Sd4-f3 52.Lh4-g3. Nun musste der schwarze Springer wieder nach d4, bzw. sich diese Option mit 52.-c6 offenhalten. Stattdessen war 52.-Sd2 vielleicht sogar ein Gewinnversuch, aber ... 53.Kg7 und der weisse f-Bauer(!) entscheidet die Partie, es folgte noch 53.-c6 54.f6 Se4 55.Lf4 Sxf6 56.exf6 b5 57.cxb5 cxb5 58.axb5. Das hatte ich nicht live mitbekommen - nachdem diverse andere Partien früher beendet waren, konzentrierte ich mich auf Spielerinterviews.

Runde 7 mit dem Duell zweier GMs, die nach (s.o.) durchwachsenem Turnier beide einen vollen Punkt brauchten:

GM Fier - GM Berg 0-1

Daher begann die Partie auch mit Trompowsky und heterogenen Rochaden, und irgendwann stand es so:

Fier-Berg

Schwarz am Zug gewinnt. Dass es einen Gewinnzug gibt sollte ein ausreichender Hinweis an den Leser sein, um diesen zu finden. Ich (und vielleicht auch GM Fier?) hatte die Stellung als Kibitz allerdings ziemlich verkehrt eingeschätzt und dachte, dass der weisse Königsangriff gefährlicher sei.

Um mit dem Leitmotiv abzuschliessen: Wie gewinnen Grossmeister gegen Amateure? Manchmal souverän (dafür gibt es sicher auch diverse andere Beispiele), manchmal indem sie geduldig auf gegnerische Fehler warten und diese ausnützen, und manchmal gewinnen sie auch nicht. Auf einem anderen Blatt steht, wieviele der erwähnten Jungtalente irgendwann selbst Grossmeister werden.

 

 

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