Konkurrenz für angestaubte Verbände - ACO, der neue Weltschachbund?

Der Aco-Flyer Der Aco-Flyer

Die Werbemaschine ist angelaufen. Seit Wochen wandert eine Mail durch die Netze, Flyer finden sich auf Schachturnieren und auch uns erreichte die Nachricht: ACO, Amateur Chess Organisation, gemäß eigenem Bekunden „die neue Weltschachorganisation für Amateurschachspieler“, betritt die Bühne.

Auf einer ansprechend gemachten Website, www.amateurchess.com, findet man einige weitere Informationen. Ziel sei es, die von der FIDE bisher nicht ausreichend vertretenen Spieler unter Elo 2400 zu bedienen, und man „werde alles tun, damit Schach, Freude und Spaß wieder in einem Boot sitzen.“ Wie das genau aussehen soll, wird nicht genauer beschrieben.

Geleitet wird die in der Slowakei ansässige Organisation von Lothar Hirneise, Vater des in der deutschen Schachszene gut bekannten Internationalen Meisters Tobias Hirneise (Elo knapp 2450), zusammen mit GM Falko Bindrich auch Geschäftsführer der ACO.

Was bietet die ACO?

Zu Beginn wartet man gleich mit einer ACO-Weltmeisterschaft auf, die im klimatisch unfreundlichen Juli 2012 in Dubai im feudalen 5*-Hotel Jebel Ali über die Bühne geht. Für die Siegerehrung lockt der Ballsaal des Burj al Arab. Hier werden Titel in 7 Ratingklassen vergeben. Drei Anmeldungen pro Land und Gruppe sind möglich, wobei keine Qualifikation nötig ist. Wer zuerst kommt, mahlt (zahlt?) zuerst. Warum wir eine solche Weltmeisterschaft brauchen, bzw. welchen Sinn Weltmeistertitel in Ratingklassen machen, erschließt sich mir nicht. In der untersten Klasse 0-1200 bin ich dann WM der fortgeschrittenen Schachanfänger?!

Auch das zweite publizierte Turnier, die ACO Jugend Schachweltmeisterschaft wird nach ähnlichem Schema an einem attraktiven Ort (Disneyland in Paris) ausgetragen.

Für die Zukunft verspricht man ein neues Rating- und Trainingssystem, Online- und Liveschach, eine komplett neue Form der Schachligen und die Förderung des Jugendschachs.

Wie finanziert sich die ACO?

Beide Startveranstaltungen finden sowohl ohne Start- wie auch Preisgeld statt. Auf Rückfrage erhielten wir die Auskunft, dass Finanzierung/Sponsoring der ACO ausschließlich über mehrere Privatpersonen läuft.

Da ich nicht immer den philanthropischen Grundgedanken unterstelle und keine Einnahmen über Mitgliedschaften angestrebt werden, stimmt mich dieser Punkt etwas nachdenklich. Mit all den angestrebten Punkten besteht großer Personal- und Investitionsbedarf.

Es kann der Eindruck entstehen, dass eine Finanzierung über touristische Leistungen erfolgen wird. Die angebotenen 899 € für ein DZ (Einzelzimmer werden nicht angeboten) ohne Flug und Transfers dürften jedoch im Rahmen dessen liegen, was über deutsche Reiseveranstalter anfallen würde.

Brauchen wir eine solche Organisation?

Unser bestehender Weltschachverband FIDE sieht naturgemäß seine Aufgabe im Spitzenschach und verfolgt diese keineswegs zur Zufriedenheit aller.

Doch sehe ich auch keinen Bedarf an einer anderen weltweiten Vereinigung, die meisten Schachspieler kommen ohnehin nie in Kontakt mit dem Weltverband. Zudem haben wir endlich die lange, dem Schach abträgliche Phase zweier Spitzenverbände und boxartigen Zuständen mit mehreren Weltmeistern überwunden.

Im Moment erweckt die ACO auf mich noch den Anschein eines privaten Veranstalters, der seine Turniere unter dem Deckmantel einer Organisation mit eigenen WM-Titeln verkaufen möchte. Der Mehrwert für die Szene ist (noch) nicht spürbar.

Auf der anderen Seite ist es ausgesprochen schwierig, sei es auch mit noch so hehren Zielen, ohne große Rückendeckung Fuß zu fassen. Bis sich eine entsprechende Reputation eingestellt hat, schaue ich mir die Sache von der Seitenlinie an.

Was halten Sie davon? Brauchen Schachamateure eine weltweite Vertretung?

Ein von der ACO zur Verfügung gestelltes Interview mit dem Präsidenten, Lothar Hirneise, finden Sie hier zum Download als PDF.

Unsere Kurzumfrage brachte ein klares Ergebnis. Mehr als dreiviertel stimmten auf die Frage "Brauchen Ammeteure eine Weltschaorganisation?" mit Nein. Andererseits wollten jedoch fast 25 % organisiert werden...

 

Jörg Hickl

Großmeister, Schachtrainer, Schachreisen- und -seminarveranstalter.
Weitere Informationen im Trainingsbereich dieser Website
oder unter Schachreisen

Webseite: www.schachreisen.eu

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