Kein Pardon für Titelträger

Ein neuer Titel für den Schachsport? Ein neuer Titel für den Schachsport? OSt

Als Schachspieler werfen wir manchmal Blicke in die wirkliche Welt und sehen, dass dort allenthalben wohlklingende Titel verlorengehen. Mit Grüßen von der Uni Düsseldorf wurde erst kürzlich der prominenten Titelträgerin Annette Schavan der Doktortitel aberkannt. Auch der Papst heißt künftig nicht mehr Papst, sondern erkennt sich seinen Titel in Kürze selbst ehrenvoll und freiwillig ab.

Selbst beim Schach, diesem härtesten Sport zwischen Krefeld und Kirgistan, werden unbescholtene Spielernaturen immer öfter mit dem Phänomen der Aberkennung konfrontiert:

-     - Vladimir Kramnik erkannte man den Weltmeister-Titel ab, nachdem er bei einem starken Turnier 2007 in Mexiko lediglich einen (!) Punkt weniger als Anand erspielt hatte (Hinweis: im Jahr zuvor hatte Kramnik geheiratet). So schnell kann das gehen mit dem Verlust eines Titels. Und die Uni Düsseldorf musste dazu noch nicht einmal ein Statement abgeben.

À propos Düsseldorf – auch das anschließende Match Anand – Kramnik 2008 im Düsseldorf recht nahegelegenen Bonn entschied Vishy fulminant für sich. Kramnik ist seitdem erst einmal Ex-Weltmeister, doch auch dieser Titel hat ja eigentlich einen gewissen Charme.

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Ein großer Ex-Weltmeister, auch im Sitzen: Vladimir Kramnik 2005 in Wijk (Foto: Steenslag)

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Anand hatte für Bonn das gewiefte Bauernopfer Lb7! vorbereitet.

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-                             Auch mit vielen Gegnern gleichzeitig keine Probleme:
                                           Weltmeister Anand beim Simultan in Baden-Baden 2011

 

--  -  Beim Internet Chess Club werden die Spielernamen, sogenannte „Handles“, aberkannt, wenn man nicht rechtzeitig sein Konto wieder auffüllt und das Abo verlängert. Da ist es dann schnell vorbei mit Titeln wie „Carl Puccino“, „Mattenkatze“ und „Karpovs Putzfrau“ – ohne Dollar kein Handle, und schwupp ist auch hier schon die Aberkennung vollzogen. Andererseits kann man sich hier und auf anderen Portalen auch schnell wieder einen neuen Titel kaufen, mit dem man dann durchs Leben geht - irgendwie ja auch ganz beruhigend.

-     - Erst vor kurzem berichtete mein verehrter Chef, der Großmeister Jörg Hickl, hier im Blog von leichten Unregelmäßigkeiten im Turnierbetrieb. So scheinen einige Schachwettbewerbe tatsächlich nur auf dem Papier stattzufinden, und doch geht von dort am Ende so manche(r) Spieler(in) mit einer hübschen IM-oder GM-Norm nach Hause. Wir sagen: ein klarer Fall für die Schachpolizei!
Vielleicht werden einige Großmeister ihre Titel eines Tages sogar wieder abgeben müssen - doch wen könnte es treffen? Vielleicht Alexej Shirov, der immer so abenteuerliche Züge macht? Jan Gustafsson, der ja bekanntlich aus Hamburg kommt? Oder gar der starke Großmeister Baadur Jobava, der erst kürzlich dreimal in einem Turnier mit 1.b2-b3 eröffnet hat?
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D   5.g2-g4 - darf man solche Züge wirklich denken? (Alexej Shirov - Masha Klinova, Gibraltar 2006)

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    Läufer on board! Der König der armen Masha bekommt Besuch auf den weißen Feldern. 

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     Wer kennt diesen Hamburger Großmeister?   (Foto: Stefan64)

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Baadur Jobava zieht 1.b2-b3! Ein schöner Zug, doch seien wir ehrlich – spielt so ein echter Großmeister?

Natürlich sind diese drei GMs in jederlei Hinsicht mindestens genauso unverdächtig wie der Papst . Aber dennoch, es gibt solche Manipulationen, und gut ist das auf keinen Fall.

Nicht nur für die Träger ehrenvoller Titel droht in diesen modernen Zeiten Ungemach. Auch in anderen Bereichen des Schachsports muss man mittlerweile mit Kürzungen rechnen:

-     - Der Deutsche Schachbund hat mir in den letzten zwei Jahren eine ganze Reihe schwer erarbeiteter DWZ-Punkte aberkannt. Dabei war ich nur auf einigen Turnieren und habe so gut (schlecht) Schach gespielt, wie es mir eben möglich war. Doch für den DSB war das scheinbar schon zuviel - kein Pardon für ein langjähriges Mitglied, und weg waren meine DWZ-Punkte. Unheimlich.


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Es ist hart, wenn man erkennt, dass manchmal auch Kaffee nicht mehr hilft.

U   Und was passiert eigentlich mit diesen DWZ-Punkten – werden sie irgendwo gelagert, oder macht sich jemand anderes damit einen schönen Tag? Darüber wüsste man manchmal gerne etwas mehr.

-     - Die Sponsoren des Moskauer Aeroflot Open haben dem langjährig etablierten Wettbewerb ein Stück seiner Bedenkzeit geraubt. Gespielt werden nun nicht mehr Turnierpartien, sondern fluffige Schnellpartien mit (Achtung!) nur noch fünfzehn Minuten je Spieler (+ 10 Sekunden Aufschlag pro Zug).
Die Spiele mit langer Bedenkzeit seien „langweilig, armselig und nutzlos“, so Ilya Levitov vom Russischen Schachverband. Nun geht es also immer aeroflot weiter zur nächsten Runde - sehr zum Missvergnügen vieler Großmeister und auch des kanadischen Bloggers Kevin Spraggett, der stark bezweifelt, dass durch hurtig dargebotenes Schach mehr Publikum angezogen werden kann. Solange wie wir nicht mit brennenden Figuren spielen, nackt am Brett sitzen und durch allerlei Skandale unseren Sport aufhübschen, schaltet die breite Masse wohl auch weiterhin direkt weiter zu Dart und Tennis.

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Vielleicht kann man mit Katzen die Attraktivität des Schachs erhöhen?

-     - Ich will ja gar nicht unken, aber vielleicht droht bald sogar die Aberkennung von gewonnenen Turnierpartien. Wir sollten da auf der Hut sein. Immerhin wiederholen wir am Brett ja allerhand Theoriezüge, die schon von anderen vor uns gespielt wurden. Rein rechtlich macht man sich da sicherlich eines guttenbergischen Plagiates schuldig, und auch die ordentlichen Zitierrichtlinien werden nur die wenigsten von uns einhalten, wenn wir die Züge mit zitternder Hand auf das Partieformular bannen. Vielleicht reicht sowas bald schon aus für eine Aberkennung der Punkte? Mir ist das nicht geheuer.

 -     -  In der schönen neue FIDE-Welt werden sogar Punkte aberkannt, die man sich noch gar nicht erspielt hat. Das ist nicht nur beim Werder-Monatsblitz so – kommt man dort auch nur fünf Minuten zu spät zu seiner Partie, hat man sogleich verloren und wird im Morgengrauen kontumaziert. Auch bei weit seriöseren Veranstaltungen wie der Schach-Olympiade oder sogar den Deutschen Meisterschaften wird schon genullt, wer a) das Zirpen seines Handys nicht früh genug unterbunden hat oder b) sein Gesicht zum Rundenbeginn nicht pünktlich zeigte. Welche Folgen das genau hat, möge man bei Ralf Alt und/oder Falko Bindrich erfragen.

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1...b7-b6 ist ein echter Großmeisterzug. Allerdings nur, wenn er innerhalb der Lienzer Kontumazzeit ausgeführt wird.

Nicht nur im Leben, auch im Schach bleibt es also (nicht nur für Titelträger) gefährlich in jeder Hinsicht.

      Es bleibt aber wie immer ein kleiner Trost. Zum Glück nämlich kann man so schlecht spielen wie man will – so lange man als GM, IM oder FM dabei nicht zu auffällig schummelt, bleibt einem der FIDE-Titel noch lange erhalten. Auch Vereinsmeisterschaften, Pokalsiege und selbst die mit schmutzigen Tricks ermogelten Punkte im Blitzschach kann man uns (hoffentlich) nicht mehr nehmen. Bisher jedenfalls!
Und das ist auch ganz schön so, denn sonst wäre zumindest ich meinen FM-Titel wohl schon lange los. Zwar erkämpfte ich erst neulich beim Werder-Monatsblitz den vierten Platz – doch für sowas interessiert sich die FIDE ja nicht.

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen! Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen. Größte Leidenschaften: früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren, und die Partie trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Thomas Richter 2013-02-20 18:09
Bei den World Mind Games in Peking letztes Jahr hatte Jobava gleich 13-mal mit 1.b3 eröffnet und einmal mit 1.e3 e5 2.b3 (mehr Weisspartien hatte er nicht!) und damit Elisabeth Paehtz, Gata Kamsky und Sergey Karjakin angesteckt. Aber wenn man ihm (oder allen vier Spielern) deshalb den GM-Titel weg nimmt, was macht man dann mit Carlsen (1.a3 oder auch 1.a4)?

Elopunkte landen ja meistens beim Gegner, ersatzlos verdunsten sie nur wenn man wie Mamedyarov 0-0 spielt womit nicht etwa die kurze Rochade gemeint ist:
http://www.schach-welt.de/BLOG/Blog/SchauherShaksowirddasgemacht
#2 Schmidt 2013-02-20 19:02
Wer das spannende traurige "Armageddon"-Finale zwischen Karjakin und Grischuk mitverfolgt hat, der wird Kevin Spraggett zustimmen - wenn so die Zukunft des Schachs aussehen soll, dann gute Nacht. Das Ergebnis war geradezu grotesk: Grischuk verlor, weil ihn eine umgestoßene Figur verhängisvollerweise um die entscheidenden Sekunden brachte - Karjakin gewann 2:0 (nach verbliebener Zeit), allerdings in verlorener Stellung.
#3 Losso 2013-02-21 08:57
"Grischuk verlor, weil ihn eine umgestoßene Figur verhängisvollerweise um die entscheidenden Sekunden brachte"

Das nennt man dann Sport ;-)
#4 Schmidt 2013-02-21 09:17
Zum Glück wurde die Moderation der entscheidenden Momente mitgeschnitten: "Von links müsste Grischuk ziehen! Grischuk zieht!! Aus, aus aus!!! Karjakin ist..." (immerhin noch nicht Weltmeister).

Vielen Dank an Olaf Steffens übrigens auch für den Hinweis auf die hübsche Partie Shirov-Klinova. Man kann nie früh genug g4 ziehen.
#5 Gerhard 2013-02-21 13:45
Es sollte zur Pflicht werden, wie in den körperlichen Sport arten Tischtennis oder Fechten die Schlagzahl und das möglichst korrekte Ziehen der Figuren - ohne sichtliche Erregung am besten - in Zeitnot zu üben, viele, viele, viele Tausende Male, damit es im Notfall zur Verfügung steht. ;-)
Nicht wichtig ist, ob da am Schluß Dame gegen Turm am Brett steht.
#6 Roggenossi 2013-04-12 13:02
Eine lustige Armageddonpartie findet man auch unter:

www.youtube.com/watch?v=6JtF1fznUD0

Krush-Zatonskih 2008. Ab ca. 04:00 wirds heiß. :P

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