Keine Sterne in Paris

Schach allein macht nicht glücklich Schach allein macht nicht glücklich OSt

Quel malheur – da ist sie vorüber, die spannende EM in Warschau, und noch so gerade eben auf der Zielgeraden wurden die Franzosen heute abgefangen. Wir gratulieren dem Team aus Aserbeidschan (Mamedyarov, Radjabov, Safarli, Mamedov und Guseinov) zum Titelgewinn(ov)!

Doch was war das mit Frankreich? Die Équipe Tricolore stand im gesamten Turnier auf den vorderen Rängen, hielt gegen Armenien und Aserbeidschan jeweils Unentschieden, war bis gestern an vorderster Stelle … und dann kam Russland.

Aber wieso eigentlich Russland - hatten die nicht früh gegen die Türkei verloren und waren auch gegen England nicht über eine Punkteteilung herausgekommen? Ja, genau so war es, und dann folgte in der 7.Runde auch noch eine knappe Niederlage gegen Armenien.
Damit waren die Titelträume ausgeträumt, und schlimmer noch, auch gegen die Niederlande in der achten Runde wurde es nicht viel besser. Die Begegnungen Giri – Grischi und Smeets – Andreikin endeten mit einem Remis. Erwin L´ Ami unterlag Peter Svidler in einem harten Endspiel, bei dem Svidlers Freibauern trotz Minusfigur den Ausschlag gaben.
Doch da war dann ja noch die vierte Partie, und dort sah man Robin van Kampen mit Schwarz gegen Schachlegende Alexander Morozevich.

moro-van kampen

                                     Hup hup!

Nicht vieles sprach an dieser Stelle gegen das bodenständige 57….c3-c2 – Schwarz ist auf dem Weg zur Dame, der weiße Springer muss sich opfern, und van Kampens Turm hält recht entspannt den letzten weißen Bauern auf. Einfach, eigentlich, doch andererseits – was ist im Schach schon so richtig einfach? Und tatsächlich, irgendwie muss van Kampen hier einen massiven Blackout oder bedenkliche Zeitnot gehabt haben, nachdem er den Weltklassemann Morozevich schon bis an den Rand der Niederlage gespielt hatte. Er entschied sich hier für 57…Kd6-e6?, so dass Moro seinen König nach d3 bewegen und somit alle c3-c2-Ideen auf Dauer aus dem Spiel nehmen konnte.
Unglaublich - wäre van Kampen gleich nach vorne gelaufen, hätten die Niederlande ein feines 2:2 gesichert, Russland ausgestoppt, und wer weiß, wer weiß, Frankreich wäre heute gegen einen ganz anderen Gegner vielleicht Europameister geworden. Auch wenn Schach nur ein Spiel ist und vieles andere viel wichtiger, so ist es doch tragisch für die Franzosen. So ein Turnier spielt man nicht alle Tage. Was bleibt, ist der Vizemeister-Titel - auch sehr schön, eigentlich, doch die Freude darüber wird heute wohl noch nicht so groß sein.

Na gut, man muss die Russen wohl auch schlagen, wenn man den Titel holen will. Aserbeidschan allerdings musste es nicht – insgesamt hatten sie wohl die etwas leichteren Gegner in den neun Runden, und darunter war die russische Mannschaft nicht zu finden.

Gleichen sich Glück und Pech im Schach auf Dauer aus? Für die Franzosen würde es mich freuen. Allez les bleus.

Glückwunsch also an Aserbeidschan!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 7.Platz beim Travemünder Open 2010. Größte Misserfolge: werd´ ich hier lieber nicht sagen! Liegen aber gar nicht so lang zurück (leider). Größte Leidenschaften: irgendetwas mit Randbauer-Eröffnungen auszuprobieren, und die Partie dann trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Thomas Richter 2013-11-18 08:24
Hi Olaf,

Ich hätte es den Franzosen auch gegönnt, aber dass Aserbaidschan leichtere Gegner hatte stimmt nur bedingt oder auf dem Papier. Frankreich und Aserbaidschan hatten vier gleiche Gegner und spielten auch gegeneinander. Wenn man die (Aufwärm-)Gegner der ersten beiden Runden aussen vor lässt, spielte Frankreich ausserdem gegen Russland und Ukraine, Aserbaidschan gegen Georgien und Polen. Zwar sind die französischen Gegner nominell besser, aber Ukraine enttäuschte ziemlich, während Georgien überraschte und Polen Heimvorteil hatte.

Der Knackpunkt aus französischer Sicht (Europe Echecs) war Runde 8 gegen Armenien - da wollte Bacrot in ausgeglichener bis klar remiser Stellung gegen Aronian zuviel und verlor noch (sonst spielte er nur remis). Das machte Naiditsch vor zwei Jahren besser - wobei er dem Vernehmen nach nur mühsam daran zu hindern war "gegen Aronian was zu versuchen". Auch diesmal machte Naiditsch alles richtig, im Gegensatz zu seinen Teamkollegen.

Hast Du tatsächlich dasselbe Diagramm wie meinereiner - dass mein Bericht später kam lag daran, dass ich/wir Fotos von der Siegerehrung abwarten wollten. Man bzw. van Kampen muss ja auch sehen was nach 57.-c2 58.g7 c1D 59.g8D passiert - nicht allzu kompliziert, aber ich vermute dass van Kampen daran scheiterte.

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