Gustis Hidden Champion

Der Läufer d5 steht da wie ein Turm in der Schlucht/Schlacht Der Läufer d5 steht da wie ein Turm in der Schlucht/Schlacht

Deutschland ist Europameister, und wir freuen uns noch immer! Team Germany ging letztes Jahr als Außenseiter in das Turnier und gewann. Das macht mir Mut - vielleicht kann ja auch der HSV eines Tages noch einmal Deutscher Meister werden?!

Lange Zeit haben sich die Scheinwerfer der Teletext lesenden Öffentlichkeit nun schon auf die fünf neuen Europameister gerichtet, die im schönen Griechenland durch starke Eröffnungen, kraftvolle Züge und das kunstvolle Aushalten in heiklen Situationen sehr zu Recht alle anderen Mannschaften auf Distanz hielten. Chapeau!

Erstaunlich, ein wenig unheimlich und bislang recht wenig diskutiert ist dabei die enge Verbindung der Glorreichen Fünf mit der Hansestadt Bremen:

- Arkadij Naiditsch (spielte erst neulich Schach an der Weser - wie dieser Film beweist),

- Georg Meier (war früher mal ganz, ganz kurz bei Werder Bremen im Team),

- Daniel Fridman (ein Bremer im Herzen)

- Jan Gustafsson (wohnt in der Nähe von Bremen) und

- Rainer Buhmann (war bestimmt auch schon mal in der Stadt)

Auch Uwe Bönsch als Bundestrainer, Betreuer und/ oder Teamchef (vielleicht klärt es sich irgendwann mal auf) und Rustam Kazimdschanow, der Coach für die allerersten Partiezüge, hatten erheblichen Anteil am Erfolg.

Und das gilt ebenso natürlich auch für all jene, die in den neun Runden des Turniers am Bildschirm die Daumen gedrückt haben. (Man soll so etwas ja nicht unterschätzen - kein Scherz, vielleicht hilft es ja wirklich! So sagt es jedenfalls dieser Artikel.)  

Das alles führte zu einem sagenhaften ersten Platz bei der EM. Wir können uns bei vielen bedanken. Doch vielleicht haben wir bisher noch nicht an alle gedacht?  

Tatsächlich gibt es da jemanden, der in der kitzligen letzten Runde gegen Armenien das letzte, das entscheidende Unentschieden rettete und somit die Meisterschaft für Deutschland entschied.

Die Rede ist von Jan Gustafsson – und von seinem phänomenalen Läufer. Vom weißfeldrigen Läufer auf c8, um genau zu sein – dem Man of the Match, der in Jans letzter Partie alle gefährlichen Situationen gekonnt zu meistern half. Wir sprechen es offen aus: ohne diesen Läufer wäre Deutschland wahrscheinlich nicht Erster geworden.

 jan und sein lufer

Das Remis ist gesichert – auf diesem historischen Photo direkt nach dem Titelgewinn sehen wir Jan Gustafsson, das Ergebnis der Partie und … den Man of the Match auf e4! (Photo: WhyChess)

Dieser Läufer war extra-wichtig. Doch leider scheut er die Öffentlichkeit und hält sich seit dem Titelgewinn bisher sehr im Hintergrund. Der schwarze Läufer c8 - ein typischer Hidden Champion.

 

"Hidden Champions - Gewinner ohne Aufsehen

 Ein Hidden Champion entspricht ungefähr einem „heimlichen Helden“. Unter Hidden Champions versteht man in der Wirtschaft Unternehmen, die einerseits in ihrer Branche bzw. ihrem Konkurrenzumfeld europäische oder gar Weltmarktführer sind, andererseits von der Öffentlichkeit und den Wirtschaftsmedien kaum beachtet oder völlig unterschätzt werden.“   (www.mittelstandswiki.de)

 Ein anderer Hidden Champion ist in der norddeutschen Fußballszene schon gut bekannt – es handelt sich um die Papierkugel, die in einem (fiesen) UEFA-Pokalspiel zwischen Hamburg und Werder Bremen mal eine besondere Rolle gespielt hat.

 

hidden champion-blume

  Der Läufer, ein Hidden Champion? Auf dem Schachbrett ist er schon ein Sieger,
                                                         nur das Verstecken muss er wohl irgendwie noch lernen.

  hidden champion-filou

 Auch hier ist das Versteck noch nicht ganz optimal gewählt.

 hidden champion-lampe

 Hier dagegen - perfekte Tarnung, fast wie in freier Wildbahn.

Noch aber hat niemand die Heldentaten des weißfeldrigen Läufers besungen. Schach-Welt, der Blog für die wahren Zusammenhänge, will darum die tolle Leistung dieses Läufers im entscheidenden Spiel der EM mit einem feierlichen Artikel würdigen.

Gabriel Sargissian – Jan Gustafsson

 a) Vor dem Spiel: Das Mannschaftsfoto

 hidden champion 2

Man merkt es schon: Gustafssons Läufer c8 beginnt bereits über sich hinauszuwachsen

 b) Eröffnung

 Nach einigen Minuten des ruhigen Abwartens tritt der Läufer von c8 schwungvoll auf die Bühne und zieht auf das schöne Feld a6. Was soll der Läufer eigentlich dort? Aber sein Chef, Herr Gustafsson, wird es schon wissen. Man kann zwar nach 1….b6 den Läufer auch sofort mit 2…..La6 hinausspielen („Blaubär“), doch auch erst im 12. Zug ist es eine schöne Idee.

 sargissian - gustafsson 2

 

b) Mittelspiel

 Auf a6 bleibt der Läufer nicht lange. Gegen Armenien muss er seine neue Wirkungsstätte gleich wieder verlassen – Jan Gustafsson braucht ihn, um die Mitte und seinen etwas wackeligen Bauern auf c6 abzusichern. Also weiter mit Energie – die drei Züge von c8 nach a6, weiter nach c4 und gleich darauf nach d5 macht der Läufer alle in direkter Folge!

Das kostet Kraft, und es folgt eine lange, wirklich lange Zeit des Verschnaufens in der Mitte des Brettes. Auf dem schönen Feld d5 bleibt der hidden champion erstmal und hält als Strukturläufer (Stefan Bücker) die Stellung zusammen.

 sargissian - gustafsson 3

 Der Läufer wagt sich tief ins weiße Lager ....

sargissian - gustafsson 4

... und macht es sich dann in der Mitte gemütlich.

 

Hier steht er also, der Läufer, umgeben von Trubel und Dramatik. In den nächsten sechsundfünfzig Zügen eilen eigene und fremde Figuren vorbei, grüßen flüchtig und ziehen weiter. Alles fließt!
Um ihn herum könnten Weltreiche zerfallen, Bundespräsidenten zurücktreten oder Währungen zerbrechen - doch der Läufer hält durch im Auge des Sturms und rührt sich nicht vom Fleck wie ein winterschlafender Igel
am Rande eines schunkelnden Rosenmontagszuges.

Man sehe:

 (Achtung, das Folgende ist nichts für schwache Nerven - es geht ja immerhin um den EM-Titel!  Halten Sie darum bitte Ihre Kinder vom Bildschirm fern.)

sargissian - gustafsson 7

Nach dem 19.Zug ...

 

sargissian - gustafsson 8

Nach dem 25.Zug ... wir fragen: wo ist der Läufer?

 

sargissian - gustafsson 9

38 Züge sind gespielt.

 

sargissian - gustafsson 10

50.Zug: Festgemauert in der Erden (auf d5)
                 steht der Läuf´ in Lehm gebrannt

 

sargissian - gustafsson 11

Nach dem 56.Zug: das Endspiel bahnt sich an

 

sargissian - gustafsson 12

59.Zug: noch weniger Figuren auf dem Brett

 
 c) Endspiel

Hat es das bei einer Europameisterschaft schon einmal gegeben? Erst im 70.Zug, nach ausgiebigem Verschnaufen und unglaubliche sechsundfünfzig Züge später wird der Läufer wieder einen Zug machen. 56!  Mit dieser Zugzahl entscheidet Magnus Carlsen oft schon zwei oder drei Partien! (Das weiß auch das Schach-Café Berlin, das Carlsens Kombinationen darum bald einen ganzen Abend widmen wird.)

 War die Stellung nun schon Remis? Damals im November und zu Hause vor den Bildschirmen sprach einiges dafür, doch so richtig sicher konnte man ja nicht sein.
Team Germany
führte zu diesem Zeitpunkt schon sensationell mit 2 : 1 gegen eigentlich übermächtige Armenier: Arkadij Naiditsch sicherte früh ein Remis gegen Levon Aronian, einen weiteren halben Punkt holte Daniel Fridman gegen Vladimir Akopian, und Georg Meier hatte sein Team mit einem furiosen Sieg gegen Sergei Movsesian in Führung gebracht.

Und nun, die letzte Partie? Alles was ich wusste, war: solange dieser Teufelskerl von Läufer noch auf d5 stand, konnte nichts schiefgehen! Doch nun brauchte Jans König eine schützende Figur, und so fing der Läufer im 70.Zug (wie gesagt, nach 56 Zügen) wieder an sich zu bewegen, nun aber gleich fünfmal in fast direkter Folge. Und das machte mich wirklich nervös.

sargissian - gustafsson 5

Langsam aber klärte sich die Lage. Und stellvertretend für alle Armenier ahnte wohl auch Gabriel Sargissian (und mit ihm Spartak Grigorian) so allmählich, dass gegen Jans gediegene Spielführung und vor allem auch seinen Über-Läufer an diesem Tag kein Kraut gewachsen sein würde.

Neben den beiden Königen waren nur noch ein Turm und der uns schon gut bekannte Läufer auf dem Brett. Der König des Verteidigers steht in der Ecke, die nicht die Felderfarbe des Läufers hat. Das könnte doch ein Unentschieden ...

sargissian - gustafsson 6

Der Läufer c8 rettet den Tag

Und tatsächlich: DAS war nun wirklich Remis. Doch es war mehr als das – es war auch die Europameisterschaft!

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Suisuique (20:14) (Jan Gustafssons Blog)

Man, war das spannend, ich hätte das Endspiel zigmal verloren, aber "uns" Jan hält das. GLÜCKWUNSCH! [..]

Das ist ein historischer Moment in der deutschen Schachgeschichte !

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hidden champion- wein

Nach dem Titelgewinn - der Läufer findet ein Versteck in der Taverna Rehakles (Porto Carras)


 

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Holger Hebbinghaus 2012-05-07 14:39
Moin Olaf, da hast du aber leicht oberflächlich recherchiert. Der HSV ist doch gerade erst vor einem Jahr deutscher Meister geworden (sogar mit 7 Punkten Vorsprung vor dem THW Kiel), und auch bei der Verbindung der Nationalmannschaft zu Bremen fehlen die wichtigsten Aspekte.
Daniel Fridman ist ebenso wie Werder Bremen schon mal Deutscher Meister geworden (der letzte Titel liegt noch gar nicht so lange zurück), Jan Gustafsson hat seine erste Bundesligapartie beim 4,5:3,5-Sieg gegen Werder Bremen in der Saison 1996/97 bestritten und dabei souverän den legendären CD Meyer bezwungen (natürlich müsste noch geprüft werden, ob nicht die Kaffeemaschine ausgefallen ist, entkoffeinierter Kaffee ausgeschenkt wurde oder sonstige irreguläre Spielbedingungen vorlagen), und nach der Rückrunde der gerade beendeten Saison wird in Bremen bestimmt ein Buhmann gesucht.
#2 Gerhard 2012-05-07 19:05
Also, ich weiß nicht, ob der Läufer d5 unbedingt so ein Prachtkerl war. Immerhin war er keines Zugs fähig - einzig die Drohung a5, a4 bei weißem b3 gab ihm - zugegebenermaßen eine ordentliche Bedeutung.
Weiß erhielt ja dann auch quasi eine Fast-Gewinnstellung. Vielleicht hätte ein Kramnik dieses Endspiel gewonnen.
Aber dennoch: Eine sehr schöne Verteidigungsleistung von Gusti...spannender konnte der Ausgang der EM anhand dieser Partie nicht sein!

Deshalb danke an den Author, diesen Moment nochmal festgehalten zu haben.
#3 Thomas Richter 2012-05-09 15:24
Hallo Gerhard,
So ganz bierernst meinte Olaf es wohl nicht - vermute ich mal zumal ich ihn nicht nur von diesem Blog kenne. Für seine Aufgabe c6 und später auch e6 zu decken ist der Läufer eigentlich überqualifiziert, ein Bauer auf d7 hätte ausgereicht. Aber wenn man ihn nicht abtauschen kann (in leicht verwandten Strukturen oft mit Lg4xf3) muss der weissfeldrige Läufer irgendwo stehen, bevorzugt auf einem sicheren Feld wo er seine Kollegen auch nicht stört - in dem Sinne ist einmal d5 immer d5 völlig OK!
Man kann die Karriere dieses Läufers mit zwei anderen Figuren vergleichen:
1) Sargissians Damenspringer: der stand schön auf c5, ging nach d3, wieder nach c5 und im 52. Zug wieder nach d3. Gustis Tf3 hinderte ihn dann daran über e5 entscheidend einzugreifen. (Stellungs)Glück für Deutschland und Pech für Armenien dass das Endspiel mit Minus-bzw. Mehrqualität offenbar forciert remis wurde, u.a. weil Schwarz seine Schwäche c6 endlich auflösen konnte. Oder hatte Gusti das langfristig geplant und war sich völlig sicher dass er überlebt?
2) Wenn Du schon Kramnik erwähnst, der Short-Läufer (nomen est omen) in dessen Partie in London gegen den späteren Turniersieger:
http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1649093
Der konnte noch etwas Seniorengymnastik machen (Lb3-a2-b3-a2-b3-a2) war aber dennoch eine targikomische Figur ... .
#4 Gerhard 2012-05-09 15:53
Hallo Thomas,
dann habe ich die Ironie nicht bemerkt, sorry. So ist es ja manchmal mit ihr.

Ich hatte in einer meiner letzten (wirklich letzten) Mannschaftspartien mit Schwarz einen Prachtläufer auf f5, eingebaut von den schwarzen Bauern h5 (gegen weißes h4), g6, e6 und e4 . Diese Konstellation war gewollt bzw. zugelassen worden, da der Bauer e4 alsbald einen mächtigen Springer auf d3 zu halten bekam. Dadurch war meine mit reichlich Häme bedachte Figur auf f5 in Wirklichkeit keine solche "Witzfigur". Nach fast erzwungenem Tausch der Prachtfigur auf d3 gegen einen Le2 wurde mein Läufer auf f5 frei und nach dem Desperadozug des Bauern d3 nach d2 zur spielentscheidenden Figur, weil er mächtig in die lange Rochade reinstrahlte.

Sowas gibt es auch.

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