Endspiele aus Skopje

Ich habe den Europacup aus dem eigenen Wohnzimmer via Internet verfolgt - im Gegensatz zu Olaf Steffens und noch einer Reihe Spielern mit oder auch ohne Schachtitel, die vor Ort am Brett sassen. Heute kommt eine kleine Nachlese - wiederum vielleicht unterhaltsam, vielleicht lehrreich, vielleicht beides, vielleicht auch nicht. Es geht um Endspiele, nicht nur aber weitgehend die Tablebase-Zone (bzw. diese wird erreicht, wenn die Spieler richtig fortsetzen). Vorab definiere ich meine Zeichensetzung: Zwei Fragezeichen gibt es für Fehler aus der Rubrik "das sollte ein Grossmeister doch wissen" - kann allerdings sein, dass ich zuviel Respekt vor GMs habe und ihnen daher im positiven Sinne zuviel zutraue. Drei(!) Fragezeichen gibt es, wenn womöglich selbst ich besser gespielt hätte. Ein Fragezeichen gibt es, wenn es halt objektiv ein Fehler war.

Ich weiss nicht, ob Olaf Steffens nochmal was schreibt ... . Für diejenigen, die sich nicht anderswo informieren - z.B. chess-results oder Schachticker: Werder Bremen verlor knapp gegen die schwedischen Wikinger, bekam dann ein Hammerlos - Oslo (ja, das liegt in Norwegen) angeführt von Jon Ludvig - und verlor diesmal nicht so knapp.

Norwegen wird auch in diesem Beitrag eine Rolle spielen, aber ich beginne bei mir um die Ecke mit der Partie IM Sprenger (in Diensten von LSG Leiden) - GM Matlakov (für Mednyi Vsadnik aus St. Petersburg). Jan Michael Sprenger ist womöglich, wie ich, ein Deutscher mit Lebensmittelpunkt in den Niederlanden - zumindest spielt er hier regelmässig (auch ab und zu ein Open), und in Deutschland spielte er zuletzt 2012/2013 eine Partie in der Zweiten Bundesliga West. In der Partie hatte der fast-2700 GM zuvor ein Turmendspiel so lange geknetet, bis er tatsächlich auf Gewinn stand:

Sprenger Matlakov 1

 

 

 

 

 

 

 

Nun spielte er 83.-Te6 84.Ta8 Kxg4 - nicht falsch, das ist immerhin eine Tablebase-Gewinnstellung. Schöner, einfacher und/oder "sicherer" war allerdings vielleicht 83.-Tb2+ 84.Ke1 Kf3 nebst Durchmarsch des e-Bauern (85.Ta6 f5 - muss nicht unbedingt sein, aber dann hat Weiss keine Schachs von hinten). Danach folgte 85.Ke3 Kf5 86.Th8 Ke5?! (verdirbt noch nichts, aber ...) 87.Ta8 f5?? (nur wieder 87.-Kf5 gewinnt):

Sprenger Matlakov 2

 

 

 

 

 

 

 

Das ist nun eine Tablebase-Remisstellung! Weiss spielte richtig 88.Ta5+ Kf6 und nun falsch 89.Kf4? (nur ein Fragezeichen, denn Sprenger ist kein GM) - nach 89.Ta2 oder 89.Ta1 kann er die schwarzen Freibauern stabil blockieren. Es folgte noch 89.-e3 90.Ta1 (90.Txf5+ Ke7 und die weissen Figuren behindern sich gegenseitig, also läuft der e-Bauer durch) 90.-e2 91.Te1 Te4+ 92.Kg3 Ke5 93.Kf3 Kd4 0-1 - Weiss erreicht bestenfalls ein verlorenes Bauernendspiel. Das fand ich über die Homepage der LSG Leiden. Jan Michael Sprenger selbst vergleicht den gesamten Wettkampf mit Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven gegen ein Topteam der Champions League und schreibt zu seiner Partie (die er auch komplett analysiert): "In der Nachspielzeit, nachdem ich bereits auf Verlust stand, bekam ich noch eine Chance. Mein Gegner spielte ungeschickt und erlaubte eine Blockadestellung. Plötzlich stehst Du frei im Strafraum und kannst den Ausgleich erzielen. Ich machte jedoch einen impulsiven Zug (89.Kf4) und jagte den Ball auf die Tribüne. ... Es war einer von neun Tagen, an denen der Favorit halt gewinnt."

Das zweite Fragment ist nur was die Elozahlen betrifft auf hohem Niveau: GM Hracek (2613) - GM Yu Yangyi (2721). Hracek spielte für das tschechische Novy Bor, Yu Yangyi nicht etwa für ein chinesisches Team das sich nach Europa verirrt hat sondern für Alkaloid aus Mazedonien. In einem Sizilianer opferte Weiss einen Bauern, um Schwarz einen doppelten f-Bauern zu verpassen. Den vermutlich erhofften Königsangriff bekam er nicht, aber die Stellung war etwa oder fast ausgeglichen - bis zu diesem Diagramm:

Hracek Yu Yangyi 1

 

 

 

 

 

 

 

57.Txa3? (ich gebe mal ein Fragezeichen) musste nicht sein, der a-Bauer ist unter weisser Kontrolle. 57.-De6+! 58.g4 (58.Kg2 Tc2+ nebst 59.-De2 nebst Matt oder Materialverlust) 58.-Kg7! (richtig) 59.Dd2 Th8+? (falsch, 59.-De5! 60.Tg3 De4! 61.Te3 Dh7+! 62.Kg3 Tc2! - nur so, die Ausrufezeichen beziehen sich darauf, dass es jeweils der einzige Gewinnzug ist). Nun bekam Schwarz nach 60.Kg2 De4+ 61.Tf3 Txh2+ 62.Kxh2 Dxf3 nur einen "symbolischen" Mehrbauern. Das nächste Diagramm setze ich nach 69.K(f3-)g3???

Hracek Yu Yangyi 2

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz am Zug gewinnt mit 69.-Kg7 (oder auch 69.-Kh7) 70.Kf3 (nach 70.Dxe5, was die schwarzen Bauern entdoppelt, ist das Bauernendspiel auch verloren) 70.-Dxf4+ (jetzt!) 71.Kxf4 Kg6 72.Kf3 Kg5 73.Kg3 f5 74.gxf5 Kxf5 75.Kf3

Hracek Yu Yangyi Analyse

 

 

 

 

 

 

 

75.-f6! Für wenig fortgeschrittene Leser (die haben wir vielleicht auch): derlei Bauernendspiele sind gewonnnen, wenn der König ein Feld zwei Reihen vor seinem Freibauern erreicht (hier e5, f5 oder g5). Das alles kam nicht, sondern 69.-Dd5??? 70.De3??? Dd6+??? (70.-De5+ siehe oben) 71.Df4 Dd5 (hier kann Schwarz nicht siegreich ein Tempo verlieren) 72.De3??? Dg5???. Um neben GMs auch Engines zu kritisieren: Stockfish und Komodo sehen, im Gegensatz zu Houdini, nicht dass 70./72.-De5+ glatt gewinnt!? Weiter geschah 73.Df4 f5!? 74.Dd6+? Kh7 75.Dd7 Dxg4+ usw. - zu Yu Yangyis Ehrenrettung sei gesagt, dass er am Ende doch noch in ein gewonnenes Bauernendspiel abwickelte:

Hracek Yu Yangyi 3

 

 

 

 

 

 

 

Egal, wie Weiss auf 84.-f3+ reagiert, Schwarz kann die Damen tauschen und gewinnt mit dem anderen f-Bauern. Sicher war die Bedenkzeit beiderseits knapp, aber ich kann mir das nur so erklären: reine Nervensache - beim Stand von 2,5-2,5 ging es um viel und beide Teams wollten eine Medaille (schafften es am Ende dann nicht).

Das letzte Beispiel ist kompliziert, ich behaupte nicht dass ich es komplett verstehe und kratze nur etwas an der Oberfläche. Es stammt aus einem Match zweier Talententeams: IM Sagafos (Elo 2393) hatte Weiss gegen GM Mamedov (2590). Das ist Nidjat Mamedov, der etwas bessere und bekanntere Rauf durfte ab und zu für die SOCAR-Startruppe mitspielen. Nidjat spielte für Odlar Yurdu, laut Spitzenbrett Emil Sutovsky ein "Projekt, um junge Azeris auf die Olympiade 2016 vorzubereiten" [das sagte er auf Anfrage 2013, ich nehme an es stimmt immer noch]. Das norwegische Vaalerenga hatte mit dem russischen Trainer GM Romanov auch ein erfahrenes Spitzenbrett, und dahinter junge IMs und FMs - die Spieler von Odlar Yurdu sind immerhin bereits GMs und waren daher favorisiert. Vaalerenga hatte tags zuvor überraschend das russische Belorechensk besiegt, nun verloren sie am Ende 2,5-3,5 aber eine weitere halbe Überraschung war drin.

Sagafos Mamedov 1

 

 

 

 

 

 

 

So stand es nach 48.h4 - auch hier hat Schwarz einen doppelten f-Bauern und daher quasi einen Bauern weniger. Kann Weiss gewinnen? Fragt mich was leichteres! Mamedov spielte 48.-Kc5?! 49.Kf5 Kc4 50.Kxf6 Kxc3 (materiell steht es nun gleich, aber der schwarze König steht schlecht) 51.Sf5 Kd3

Sagafos Mamedov 2

 

 

 

 

 

 

 

Was nun? 52.Kxf7? war falsch - ich kann den weissen Gewinnplan nur grob andeuten (natürlich brauche ich dafür Engines): Der König muss den schwarzen König abblocken, der Springer muss Bauern erobern. Idealerweise bekommt Weiss einen freien h-Bauern, der ist (neben dem a-Bauern) der grösste Feind des Springers. Eine von mehreren Computervarianten lautet 52.h5 Ke4 53.Sd6+ Kf4 54.g5 Se2 55.h6 Sg3 56.Sxf7 Sh5+ 57.Ke6 Ke4 58.Sd6+ usw. (bloss nicht 58.g6?? Sf4+). In der Partie folgte 52.-Ke4 53.Sh6 Kf4 54.Kg7 Kg3 55.h5

Sagafos Mamedov 3

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Höchste Zeit, den Springer zurückzuholen (55.-Se2 oder 55.-Sd3), aber Schwarz spielte 55.-Kh4? und Weiss bekam den nächsten Freistoss aus aussichtsreicher Position: 56.Kxh7 Sd3 (zu spät, "eigentlich")

Sagafos Mamedov 4

 

 

 

 

 

 

 

Wir haben eine Tablebase-Stellung, also können wir die Wahrheit erfragen: Einzig richtig ist 57.Sf7!, z.B. 57.-Kxg4 58.h6 Sf4 59.Kg7 Sh5+ 60.Kg6 Sf4+ 61.Kf6 Sh5+ 62.Ke5 Sf4 63.h7 - Zugzwang, z.B. 63.-Sg6+ 64.Kf6 oder 63.-Kf3 64.Kf5. In der Partie folgte 57.Kg7? Sf4 58.Sf5+ Kxg4 59.h6 Kxf5 60.h7 Sg6 61.h8D Sxh8 1/2.

Wie erging es den beteiligten Teams am Ende? Mednyi Vsadnik bekam Bronze. Novy Bor und Alkaloid verloren jeweils gegen Spitzen-Spitzenteams und wurden daher zum Schluss Fünfter und Sechster. Für Odlar Yurdu waren die Spitzenteams auch noch eine Nummer zu gross, am Ende Platz 13. Leiden und Vaalerenga spielten in der letzten Runde gegeneinander. Leiden gewann glatt und für sie war Platz 9 ein grosser Erfolg, Vaalerenga landete auf Platz 17.

Irgendwie ist dieser Beitrag unvollständig, es fehlt noch ein Läuferendspiel, aber ich mache hier Schluss.

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