Dit jibs ja janich - Berlin verfolgt mir!

Birgt der Tegeler See das Geheimnis des Berliner Schachs? Birgt der Tegeler See das Geheimnis des Berliner Schachs? O.St.

Wenn man als Schachspieler das Universum und/ oder die Zweite Bundesliga Nord bereist, kommt man immer auch mal wieder nach Berlin. Die Stadt ist schön, irgendwie kernig und ein wenig verrucht ist sie auch. Kurt Tucholsky erzählte schon von Berlin, und ebenso Sebastian Haffner und Harald Martenstein. Berlin ist eine Stadt im Umbruch, eine Stadt voller Autos, Kunst und Geschichte, und auch meine Frau mag Berlin.

Das ist alles sehr schön, doch gibt es da ein Problem. Denn so lange ich denken kann, verliere ich meine Partien gegen Berliner Schachspieler.  In der überwiegenden Zahl der Partien trete ich frustriert und mit leeren Händen den Heimweg an. Und dieser Heimweg ist oft extrem weit, gerade wenn man in Schleswig-Holstein oder Bremen wohnt! Wie der Berliner sagen würde: Det is ja JWD!

(JWD - janz weet droßn / ganz weit draußen, weit weg [ ebenso wie alle weiteren Beispiele aus dem Wikipedia-Eintrag zum Thema "Berliner Dialekt"])

Das letzte Mal erwischte es mich am vergangenen Sonntag in Oberschöneweide – ich war der Einzige in unserer Mannschaft, der verloren hat.

Ähnliches geschah auch schon in der Runde davor: der SK Zehlendorf Berlin kam stark ersatzgeschwächt nach Bremen, meine Mannschaft war dadurch Favorit und gewann mit 5,5:2,5. Der einzige volle Punkt für die Berliner kam zustande – durch einen schönen Sieg des jungen Shenja Slepuschkin gegen mich.

berlin bahnhof

      Berlin, ick liebe Dir - ein Blick hinter die Fassade der Stadt

Egal, ob ich mit meiner Mannschaft in die Hauptstadt reiste, oder ob Berliner bei einem Auswärtsspiel zu Besuch waren - fast immer bekam ich auf die Mütze. Es begann 1990 mit einer unheimlichen Niederlage gegen Ottilia Gant, dann folgten null Punkte gegen Thomas Hargens, Walter Becker (in nur 20 Zügen) und später gegen Stephan Giemsa.

Vor einigen Jahren stellte sich das vorhersehbare Ergebnis auch gegen Oliver Zierke ein, einen Norderstedter Spieler, den ich wohl unterbewusst noch immer als Berliner wahrnehme. Da kann dann gar nichts anderes herauskommen als eine Niederlage. Ich weiß es schon vorher. Schade eigentlich.

Wurde ich mit einem Fluch belegt? Stecke ich in einer Matrix fest? Vielleicht bin ich auch unfreiwillig Teilnehmer an einem vom Berliner Schachverband durchgeführten Langzeittest. Doch was ist der Sinn? Und wie komme ich da wieder raus? -


Ikritni hin. Kannstma kiekn? Ich kriege es nicht hin. Kannst du mal gucken?

Natürlich gab es auch Ausnahmen, Lichtblicke, Augenblicke der Hoffnung. Die eine oder andere Blitzpartie lief mal rund, und ein (wenn auch leicht glückliches) Remis gegen Robert Rabiega auf dem Travemünder Open tat sehr gut im letzten Jahr.
Mein allererstes Spiel in Berlin erlebte ich mit dem MTV Leck 1985. Wir fuhren zu fünft mit einem VW Polo viele Stunden lang durch die DDR und spielten am nächsten Tag gegen den SK Lasker Steglitz II. Meine Partie endete mit einem unerwarteten Unentschieden – ich glaube, mein Gegner bot nur Remis, weil er gerne zu einer Geburtstagsfeier aufbrechen wollte.

Mein alter Verein, der Lübecker SV, hat immer mit guten Ergebnissen gegen Berlin gespielt. Oft verbrachte man zuvor die halbe Nacht beim Würfelspiel in der Kneipe, so dass die gesamte Mannschaft einmal beinahe den Kampf verschlafen hätte. Nur weil ein Mannschaftskollege aus den USA anrief, um am Morgen noch Glück zu wünschen, ist das gesamte Team noch so gerade rechtzeitig vor Rundenbeginn uffjewacht. Unnötig zu erwähnen, dass Lübeck auch dieses Match gewann.
So war das vor 20 Jahren, doch schon ganz anders ist es heute.
Meine persönliche Hauptstadtbilanz lautet: Ick mach´ nich ville Punkte jejen Berliner. Und vor allem in der Zweiten Liga hält mich der Berlin-Komplex fest in seinen (Bären-) Klauen.

bren dominieren berlin

                Da ist er wieder, der gefürchtete Berliner Bär

Fade Bilanz der letzten zwölf Zweitliga-Spiele (Saison 2010/2011 und 2011/2012)

- Fünf Unentschieden in den Spielen außerhalb Berlins: je eines gegen Rostock, Lübeck, Hamburg, Halle, und eines gegen den SK König Tegel (große Überraschung).

- Und dann: sieben mal verloren. Unheimlich - denn sechs (!!) dieser Niederlagen kamen zustande gegen Berliner Vereine. Was ist da los? Der tückische Trend zur Verlustpartie bestätigte sich gegen die SF Berlin II, den SK Kreuzberg, den SK Zehlendorf, Rotation Pankow, nochmal SK Zehlendorf und nun ooch gegen die TSG Oberschöneweide!

oberschneweide und die spree

Hier spielt man Schach in Oberschöneweide - direkt an den Gestaden der Spree

Die siebte Verlustpartie folgte zwar gegen den SK Neukloster, einen kleinen Ort bei Wismar - aber aus Bremer Sicht liegt ja auch das schon ziemlich nahe dran an Berlin.

Hier ein Beispiel von vielen:

mattick - steffens

 Lutz Mattick - Olaf Steffens, SK Kreuzberg - Werder Zwo 2010

Nach einigem Gemogel hoffte ich hier noch vage auf 32….. Sh5-g3, um nach 33.fxg3 die Dame nach e2 zu spielen und zu remisieren. Ansonsten droht auch diffus 33.... Sxf1 und 34....Ta2-a1.

Lutz aber antwortete souverän wie immer mit 33.Dc6-c7+. Nach 33…. Kh7-g8, 34.e5-e6!, Sg3xf1 35.Dc7-f7+, Kg8-h8 folgte noch 36.e6-e7 , und schon wieder war es vorbei für mich. Nüscht geholt. Keine Punkte in Berlin. -

Keine Frage – alles gute Gegner in der Hauptstadt! Dennoch: ohne die Berlin-Kämpfe hätten mir meine Saisonergebnisse noch ein wenig besser gefallen.

Was ist das große Geheimnis des Berliner Schachs?

Gerne würde ich Ilja Schneider oder Dirk Paulsen als Kenner der Szene dazu befragen! Doch auch so ganz aus dem Bauch heraus fallen mir mehrere Gründe ein für den überlegenen Berliner Schachstil:

- eine Vielzahl von Schach-Cafés, bei denen (wer weiß, wer weiß), auch mal um Geld gespielt wird
- eine gesunde Blitzhärte durch so manches Wochenend-Turnier in der großen Stadt
- Levon Aronian ist manchmal in der Stadt (und gewinnt mit seinem Team dann auch gleich 6:2 gegen Werder Bremen)

- die Russen haben nach dem Zweiten Weltkrieg die Russische Schachschule nach Berlin gebracht

- Berliner können gut Varianten berechnen

-  Der Deutsche Schachbund hat seine Zentrale in Berlin, und ebenso die Zeitschrift Schach.

- Berlin - Stadt des Europapokals! Frank Hoppe (und ein paar andere auch) haben vor kurzem dafür gesorgt, dass die Siegertrophäe der Europameisterschaft nun an der Spree steht. Auch das beflügelt den Berliner Schachspieler.

- die besondere Berliner Direktheit und auch der charmante Singsang der "Berliner Schnauze" können einschüchternd wirken auf Spieler aus anderen Regionen (zum Beispiel aus ... Bremen)

Was kann man tun? Wo ist es noch sicher?

Gegen meinen Berlin-Komplex hilft wahrscheinlich wie immer ein gesundes Trainingsprogramm. Vielleicht kann man mit Taktik, Endspielwissen und solidem Eröffnungswissen den gemeinen Berliner Schachspieler doch irgendwann mal zu Fall bringen. Falls das nicht gelingt, könnte auch ein Mentaltrainer ("Fit im Kopf!") die Lösung sein.

training hilft

Training hilft immer (hier im Bremer Lagerhaus) - und man kann auch Traubensaft dabei trinken

Doch bevor es losgehen kann mit so einem Training, bleiben wohl nur kurzfristige Lösungen:

- Ich könnte zurückgehen in die Oberliga Nord-West. Sie dehnt sich im Osten nur aus bis Göttingen und Uelzen – dieses Terrain scheint noch sicher zu sein. Sicherer wäre höchstens noch die Landesliga Niedersachsen. Keine Berliner.

- Oder ich könnte in der Erstliga-Mannschaft des SV Werder anfragen – immerhin werden in der Bundesliga nur 2 von 15 Spielen gegen Berliner Mannschaften ausgetragen. Da könnte ich vielleicht ´n bisscken pausieren, und in den übrigen Runden unbefangen ans Brett gehen.

- Vielleicht ist auch der Europapokal der Mannschaften etwas für mich ? Immerhin ist es dort international! Und doch – auch dort sind irgendwie immer die Berliner Schachfreunde mit dabei. Selbst dieser Wettbewerb wäre für mich nicht ganz sicher.

Möglicherweise haben die allseits geschätzten Leser des Schach-Welt-Blogs noch weitere gute Ideen zu meiner Rettung? Bitte immer her damit – es soll Euer Schaden nicht sein!

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Wir enden für heute mit einer landestypischen ....

Berliner Klopsgeschichte

Ick sitze hier und esse Klops
uff eenmal kloppt’s.
Ick staune, kieke, wundre mir,

uff eenmal jeht se uff, die Tier!

klops - rainer z

Nanu, denk’ ick, ick denk’: Nanu,
jetzt jeht se uff, erst war se zu!
Und ick jeh’ raus und kieke,
und wer steht draußen? … Icke.

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen.

Seit 2012 Manager des Schachbundesliga-Teams des SV Werder Bremen.

Größte Erfolge:
Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 5.Platz beim letztenTravemünder Open 2013, und Sieger des Bremer Hans-Wild-Turniers 2018.

Größte Misserfolge:
Werd´ ich hier lieber nicht sagen!

Größte Leidenschaften:
früh in der Partie irgendetwas mit Randbauern und/ oder g-Bauern auszuprobieren und die Partie trotzdem nicht zu verlieren – klappt aber nicht immer.

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