Aller Dinge waren drei auf der Isle of Man

Villa Marina auf der Isle of Man Villa Marina auf der Isle of Man http://www.iominternationalchess.com/villa-marina.html

Alternativ hatte ich als Titel auch "Mann-oh-Mann auf der Isle of Man" erwogen - geht nicht, eine Dame war mit beteiligt. Dieser Beitrag kommt etwas verspätet und ist daher nicht mehr top-aktuell - zwischendurch gab es (für mich) eine Dienstreise nach Korsika und (für viele Schachspieler aus Deutschland und anderswo) ein zwei Turniere in Berlin. Thema sind drei Partien aus Runde 6 beim Pokerstars Isle of Man International - nicht komplett, jeweils vor allem ein (nicht) entscheidender Moment in der Partie. Dreimal spielten GMs gegen Nicht-GMs, dreimal wurde es am Ende remis, dreimal waren Deutsche beteiligt. 1,5/3 war vor den Partien ein schönes deutsches Gesamtergebnis - die Grossmeister heissen Daniel Fridman, Jan Timman und Alon Greenfeld, die Nicht-GMs sind IM Justin Tan aus dem fernen Australien, IM/WGM Elisabeth Paehtz und FM Thorben Koop. Aber da war aus deutscher Sicht mehr drin, mindestens 2,5/3. Ich behaupte mal, dass dieser Beitrag angesichts der verpassten taktischen Wendungen zwar verspätet, aber auch zeitlos ist. Ein Diagramm zeige ich gleich dreimal - zuerst kommentarlos, dann mit ein paar Tips, dann mit der bzw. den Auflösungen (da gab es allerdings nur zwei, allerdings eine mit späterer Nebenlösung, wenn man so will also doch drei). Los geht's:

Fridman Tan

 

 

 

 

 

 

 

Fridman-Tan nach 35.-De5 - Weiss am Zug, was tun? Mehr verrate ich (noch) nicht, und auch die zweite Schlüsselstellung gibt es zunächst kommentarlos:

Koop Greenfeld

 

 

 

 

 

 

 

Koop-Greenfeld nach 37.-Le7 - Weiss am Zug, was tun?

Im Sinne von "genug Platz zwischen Diagramm und Auflösung" kommt nun Lady last aber doch first, denn die Partie Paehtz-Timman bespreche ich nun komplett, bzw. zwei Momente daraus. Nach 9.Dxd4 D(d5-)b5 10.De5 Dd7 stand es so:

Paehtz Timman move 11

 

 

 

 

 

 

 

Weiss hatte nichts einzuwenden gegen frühen Damentausch und eine leicht bessere Stellung, Schwarz war nicht einverstanden. Wenn man weiss, das nun was geht, findet man es wohl auch, daher verrate ich die nächsten Züge sofort: 11.Lh6! Sc6 12.Dg5 Tg8 13.Lxg7 (das geht!) 13.-Se4 14.Dh6 f5 15.Dh5+ Df7 16.Dxf7+ Kxf7 17.Le5 - Weiss hat einen recht gesunden Mehrbauern. Später stand es nach 24.-Tg8 so:

Paehtz Timman move 25

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz hat immerhin seine Figuren aktiviert und ein bisschen Kompensation. Andererseits: das ist noch kein Endspiel, sondern immer noch Mittelspiel - also steht sein König potentiell anfällig. Nach 25.h4 steht Weiss immer noch besser - nicht unbedingt gewonnen, aber besser. Dann geht 25.-Txb2?! nicht, jedenfalls nicht wirklich: 26.Tab1 Txb1 (alternativ und schlechter 26.-Tb3 27.Txb3 Lxb3 28.Td7+) 27.Txb1 - und Weiss bekommt wiederum jedenfalls einen Mehrbauern. Die Idee von Paehtzs 25.Lxc6?! verstehe ich gar nicht - kann an mir liegen, ich bin Patzer und grosser Freund des Läuferpaars, aber Houdini kritisiert diesen Zug auch. Vielleicht hat sie sich verzählt: 25.-bxc6 26.Ld2 Txb2 27.Lxa5 (27.Tab1 Tgb8!) 27.-Txe2 und das wurde remis.

Insgesamt erzielte Timman übrigens 2,5/4 gegen Deutschland: Siege gegen die IMs Martin Zumsande und Jonas Lampert, Null gegen FM Thorben Koop.

Nun nochmals das erste Diagramm und dazu ein paar Tips:

Fridman Tan

 

 

 

 

 

 

 

36.Lf5 würde fast unparierbar Matt drohen, bis auf die siegreiche Verteidigung 36.-Txg6 - kann man den schwarzen Turm von d6 entfernen? Zweiter Tip: Wie ist die Stellung zu beurteilen, wenn fast alle Figuren vom Brett verschwinden, bis auf einen schwarzen Turm und einen weissen Läufer auf g6? Wieder darf der Leser grübeln, und ich bespreche zwischendurch FM Koop - GM Greenfeld. Greenfeld spielte, na was schon, Grünfeld, aber schon mit seinem seltenen (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Lf4 Lg7 5.e3 0-0 6.Sf3) 6.-Le6 entstand fast theoretisches Neuland. Aus der Eröffnung heraus stand Koop bereits gewonnen, konnte den Sack aber nicht zumachen und musste die Partie im Endspiel noch einmal gewinnen - das schaffte er ... fast, hier nochmals das obige Diagramm:

Koop Greenfeld

 

 

 

 

 

 

 

Nun gewinnt 38.Tc8+! Kd7 39.c6+! Kxc8 40.Lxa7 glatt - Engines sagen bereits "Matt in 15 Zügen". Stattdessen geschah 38.Te8 (kein Fragezeichen, Weiss steht immer noch gewonnen) 38.-exf4 39.Lxf4? - 39.Tc8+ usw. war immer noch gewonnen, auch wenn es nun bis zum Matt etwas länger dauert, 39.Ld4/f2/g1 und danach Tc8+ reichte ebenfalls (oder nach 39.-Txa6 40.Txe7). In der Partie geschah noch 39.-Txa6 40.Txe7 Ta4+ 41.Kd3 Txf4 42.Txh7 remis. Und nun Fridman-Tan die dritte:

Fridman Tan

 

 

 

 

 

 

 

Fridman spielte 36.Tb1 - das war es nicht und die Partie verflachte zum Remis. Ein Fragezeichen ist womöglich zu streng, da die Computer-Gewinnvarianten zumindest etwas unmenschlich sind - Weiss kann und muss ein bis zwei Türme opfern, und der Gegner kann diese mit Schach schlagen! Richtig war 1) 36.Td3!!? Dxa1+ 37.Kg2 Txd3 38.Lf5 Tg3+! (nur so kann Schwarz Matt verhindern) 39.Dxg3! (39.fxg3 oder 39.Kxg3 wird Dauerschach) 39.-Df6 40.Dg6 Dxg6 41.Lxg6 - nun hat Schwarz eine Qualität mehr, aber einen König weniger im Spiel, und auf sich alleine gestellt kann der Turm die weissen Freibauern nicht aufhalten. Oder auch 2) 36.Td1!!? Txd1+ 37.Kg2 T1d6 und nun "thematisch" 38.Td3 (Turm fesselt Turm!?) 38.-Txd3 39.Lf5 Dxf5 (muss sein) 40.exf5 usw., z.B. 40.-T3d5 (verhindert jedenfalls 41.f6 nebst Matt auf g7 oder h6) 41.De6 Kh7 42.Dxd5 Txd5 43.f8D. Oder auch 38.f4 Db2+ 39.Kh3 Td3 (es drohte 40.e5 nebst 41.Dxg7 matt) 40.f8D+ (oder auch 40.f8T+) 40.-Txf8 41.Txd3. Hier muss Weiss noch ein bisschen aufpassen, dass Schwarz nicht mit Dauerschach entwischt.

Noch ein paar Bemerkungen zum Turnier aus deutscher Sicht: Martin Zumsande durfte in derselben sechsten Runde an Brett 1 gegen Harikrishna spielen, die Niederlage war wohl einkalkuliert, gegen fünf andere GMs erzielte er 3,5/5 - Belohnung am Ende 21 Elopunkte und eine GM-Norm. Lampert, Paehtz und Koop nahmen auch ein paar Elopunkte mit auf die Heimreise, Koop ausserdem eine IM-Norm. Nur Fridman war sicher nicht zufrieden: er remisierte fast durchgehend, egal ob er gegen FMs, IMs oder einen einzigen vergleichsweise schwachen GM (Gormally) spielte. Direkt danach bei der Blitz-WM waren Remisen gegen Tomashevsky, Morozevich, Korobov und Leko durchaus akzeptabel ... . Dann war da noch der Neu-Azeri Arkadij Naiditsch, der fünf Partien gewann, allerdings gegen Harikrishna und Fressinet verlor und mit 6/9 geteilt Sechster wurde. Und noch ein paar deutsche Spieler mit am Ende 50% oder weniger.

 

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