Wer wird Deutscher Meister? Ba-Ba-Ba-Baden-Oooos! (mit Tippspiel)

Das Festspielhaus in Baden-Baden  -  der Schrecken vieler Mannschaftsführer Das Festspielhaus in Baden-Baden - der Schrecken vieler Mannschaftsführer Photo von Patrick Pelster/Wikicommons (Danke!)


In den letzten fünf Jahren wurde die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden gefühlt ungefähr zwanzig Mal Deutscher Meister. Mit den besten Spielern Deutschlands und den besten Spielern der Welt brachte der Verein in der Herren-Bundesliga immer wieder Mannschaften an den Start, die auch der viermalige Vizemeister SV Werder Bremen und die Berliner Schachfreunde nicht stoppen konnten.

Schach-Welt, das Magazin, das zu den Menschen geht, wollte wissen: wie haben die schachlichen Erfolge das gesellschaftliche Leben in Baden-Baden beeinflusst? Und woran zeigt sich die überwältigende Begeisterung, die die Einwohner Baden-Badens über all diese Meisterschaften empfinden?


Schachstadt Baden-Baden – wer hätte noch nicht davon gehört? Allein die Schachveranstaltungen im Badischen haben eine lange, lange Tradition. Schon seit 1870 richtet das Team von Dr. Markus Keller aus dem Schach-Zentrum Baden-Baden in der wohlig-unaufgeregten Kurstadt Turniere aus. Berühmtheit erlangte dabei vor allem der Schachkongress von 1925, in dem Aljechin nach langem Ringen den ersten Preis davontrug. 1981 gab es ein Großmeisterturnier, und in den letzten Jahren immer mal wieder ein schönes Open.

 Da der Regen in diesem Sommer überall gleich kalt war, musste ich nicht wie sonst auf Berge klettern, am Strand liegen oder Eis essen gehen. Stattdessen reiste ich zum „Sommer“-Open nach Baden-Baden und spielte im angenehm renovierten Kulturzentrum LA8 ein Turnier mit über 200 anderen Spielern.

Rein schachlich wurde es kein ganz großer Erfolg für mich (wie so oft in letzter Zeit), doch immerhin konnte ich während meiner Reise ein wenig für diesen Artikel recherchieren.

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Gutes Wetter und maritime Motive (hier in Bad Wildbad) können über schachliche Rückschläge hinwegtrösten

Turniere sind in der heutigen Zeit keine leichte Sache – überall am Rand des Saales kleben Jugendliche an ihren Laptops und befragen sie vor und nach den Runden. Die Zeiten ändern sich! Früher hatten wir Bücher, heute spuckt der Computer den nächsten heißen Gewinnweg und Feinheiten über das Eröffnungsrepertoire der Gegner aus. Ich fühle mich durchleuchtet – mir machen diese Dinger beinahe mehr Angst als der Bundestrojaner. Vielleicht habe ich im Schach einfach mehr zu verbergen als im richtigen Leben? (Aber ich weiß nicht, ob das für oder gegen mich spricht.)

Beeindruckend sind im Süden natürlich immer die Ortsnamen. Bei einer Autobahnabfahrt in der Nähe Baden-Badens hat man zum Beispiel die freie Wahl zwischen fünf weiteren Reisezielen: Reitlingen, Nürlingen, Plochingen, Wendlingen und Esslingen. Phantastisch!
(Das erinnerte mich gleich ein wenig an den Sportclub Freiburg – vor einigen Jahren endeten dort alle Spielernamen mit der georgischen Endung –vili ! Sehr gut gefielen mir immer die Namen Khizaneishvili und natürlich der berühmte Kobiashvili.)

Und überhaupt, die Sprache im Süden: als Preis für Kuchen und Kaffee sagt die Kellnerin vier Euro fuchzig an. Man gibt ihr einen Zehn-Euro-Schein, und erhält fünf Euro fuchzig zurück. Charmant! Tschüssle und Adele schmücken das Ende vieler Unterhaltungen und runden den hübschen schwäbischen Singsang ab. Vor einigen Jahren versuchte es ein aus Norddeutschland stammender Freund beim Betreten einer Bäckerei sogar mal mit dem raffiniert-konsequenten Grüß Gottle! Man sah ihn böse an, bediente ihn aber dennoch.

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Fleisch fangfrisch vom Forstamt - auch das ist Baden-Württemberg


Doch zurück zum Schach. Wir erleben ja gerade in ganz Deutschland einen Boom des königlichen Spiels (oder täusche ich mich?), und so suchte ich auch in Baden-Baden nach Hinweisen für die herrschende schachliche Euphorie. Denn Baden-Oos ist Deutscher Meister, und, hey, immerhin kommt Jan Gustafsson, der alte Hamburger, extra jedes Mal aus dem Norden angefahren, um für den Schachverein der Stadt ans Brett zu gehen! Auch Arkadij Naiditsch, Großmeister und Nationalspieler, stärkt das Baden-Badener Ensemble, ebenso wie Weltmeister Viswanathan Anand. Kein Wunder, dass die Leute ausflippen!

Ich kenne das ja auch aus Bremen – die Schachmannschaft des SV Werder spielt in der Bundesliga, und die Stadt hält den Atem an. Am kommenden Wochenende wird sogar das Match gegen den Hamburger SK live in der Vereinsgaststätte in der Hemelinger Straße übertragen und kommentiert – wie beim Fußball! Sogar Anhänger des Hamburger SK sind herzlich willkommen. In Bremen kennt auch jedes Kind Luke McShane, den britischen Schachprofi, der mit seinem flexiblen, ideenreichen Schach schon seit Jahren einer der Helden des Werder-Teams ist.

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Bremer Mannschaft auf dem Weg zum Viererpokal

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Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV! - Bremen ist ein schwieriger Markt für die Anbieter bestimmter Biermarken


Soweit zu Bremen - wie aber ist es nun in Baden-Baden?

Traditionell tummeln sich in dieser schönen Stadt viele Russen und wandern die Alleen auf und ab. Wir fragen: warum kommen all diese Russen? Ist es das Klima, sind es die Spätzle, oder ist es der schwäbische Dialekt, der sie immer wieder an den Rand des Schwarzwaldes lockt? Wir meinen: es kann nur die SG Baden-Oos sein, denn alle Russen sind gute Schachspieler, und was könnte da attraktiver sein als ein Besuch in der Stadt des deutschen Dauermeisters? Nicht zuletzt deshalb freut sich auch der amtierende russische Meister Peter Svidler über seinen Platz in der Mannschaft und schaut immer gerne mal wieder vorbei.

Bevor für mich das Sommer-Open begann, wuchs darum schon meine Sorge - wenn nur die Hälfte aller in der Stadt anwesenden Russen am Turnier teilnehmen würde, dann sah es schlecht aus für meine Aussichten auf einen kleinen Preis.
In der dritten Runde wurde ich auch gleich mit einem jungen Russen zusammengelost. Er kam aus Moskau und als Verein stand „Botwinnik Schachzentrum” auf seiner Karte. Beeindruckend! Zum Glück für mich fand er aber in aussichtsreicher Stellung einige schlechte Züge und verlor. Vielleicht muss es daher heißen: Russen können gut Schach spielen, aber vielleicht nicht alle Russen.


Im Kulturhaus LA8 logiert auch das Schachzentrum Baden-Baden in beeindruckenden Räumlichkeiten. So macht Schach Spaß – und viele Besucher auf der LA (Lichtentaler Allee) werfen im Vorbeigehen neugierige Blicke hinein. Schade war es ein bisschen, dass es keine Aushänge gab, wann denn Spielabend sei – es wäre ein entspannter Weg, um Gäste anzulocken. Wahrscheinlich aber hat man das schon geändert, seit dem August.

Auch Weltmeister Anand und der hierzulande noch unbekannte norwegische Schachspieler Magnus Carlsen schauen gerne mal in Baden-Baden vorbei. Anand war zuletzt im Sommer dort, und er hatte bei seiner Ankunft sofort eine Menge Groupies und Anhänger um sich -wie ein echter Popstar! So ist das Schachleben in der Stadt des Deutschen Meisters! Gleich 150 begeisterte Schachfreunden bedrängten Anand (und auch andere Großmeister von nah und fern), auf dass sie eine Partie mit ihnen spielen – und daraus entspann sich ein Mannschaftssimultan unter freiem Himmel, der eine entspannte Begegnung zwischen Großmeistern und dem gemeinen Schachspieler ermöglichte, auch wenn sie schachlich vielleicht nicht ganz ernst gemeint war. Eine tolle Idee!

(Einen Bericht und viele Fotos vom Mannschaftssimultan 2010 kann man auf der Seite www.zugzwang.de finden.)

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Weltmeister Viswanathan Anand beim Simultan in der Trinkhalle, 2011

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Da gibt es doch bestimmt noch einen besseren Zug ....?


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GM Fabian Döttling wandelt auf den Spuren des Weltmeisters


Unter den 150 Schachfreunden in der Simultanrunde befand sich auch der Sponsor der OSG Baden-Baden, Wolfgang Grenke. Weil jeder sie ohnehin schon kennt, wollen wir seine Firma, die Grenke Leasing AG, hier aber nicht mehr extra erwähnen.
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In München steht ein Hofbräuhaus – wir wissen das, und wir ahnen, dass diese Volksweisheit auf die bayerische Liebe zum Bier hindeutet. In Baden-Baden dagegen steht ein Festspielhaus – und sofort merken wir den intensiven schachlichen Bezug. Denn Festspielen, das geschieht doch eigentlich den Spielern, die so oft in den höheren Mannschaften des Vereins aushelfen müssen, bis sie sich dort festspielen und nicht mehr zurückkehren können in ihr ursprüngliches Team. Nichts fürchten ja die Kapitäne der zweiten, dritten, vierten Mannschaften mehr, als dass sie so der Spieler ihres Kaders verlustig gehen. Anders ist es scheinbar in der Schachstadt Baden-Baden: dort hat man für diese Spieler sogar ein ganzes Festspielhaus errichtet! Welchen Zweck dieses Gebäude nun so ganz genau erfüllt, ist uns allerdings nicht klar geworden. Wahrscheinlich für Mannschaftskämpfe, aber – wir müssen das wohl noch klären.

Auch an anderen Details kann der aufmerksame Beobachter erkennen, wie sehr sich die Badener mit dem Schachsport verbunden fühlen. In der Stadt des Meisters lassen sich sogar Frauen mit modischen Schachmotiven in die Läden locken:

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Schach-Handetasche

Und auch für den Herren ist etwas in Planung. Der Schneider stellte hier eine bekannte Studie von Grigoriev erstmal mit Knöpfen nach:

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The next best G-Star-Raw-Schachmuster-Hemd für Magnus Carlsen

In Baden-Baden scheint sich Schach also zum Volkssport Nummer Eins gemausert zu haben. Und tatsächlich - für ein besonderes ästhetisches Highlight sorgten die Stadtwerke Baden-Baden, nachdem die OSG Baden-Baden 2008 zum sechzigsten Mal Deutscher Meister wurde (damals sogar noch ohne Jan Gustafsson!). Die Stadtwerke strapazierten die Nerven ihrer Bürger durch einige Nachtbaustellen, hatten dann aber binnen 72 Stunden sämtliche Gullydeckel der Stadt durch Gullydeckel im Schach-Design ersetzt-  ein bemerkenswertes Projekt!

Schön, dass es in dieser Zeit knapper Kassen noch Geld gibt für solch´ großartige Gesten.

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Das wünscht man sich auch anderswo - Schachdesign im öffentlichen Raum

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Aus einer hübschen Partie von Tony Miles (mit Schwarz)

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Schach in Baden-Baden ist immer ein Anziehungspunkt für viele Menschen!

Wir erinnern uns: der alte Bundesliga-Rivale Werder Bremen hat in den letzten Jahren hartnäckig versucht, den Badenern ihren rechtmäßigen Meistertitel streitig zu machen. Vergebens, natürlich – viermal in Folge wurden die Hansestädter nun Zweiter. Die besten Schachspieler findet man nicht mehr in Bremen und auch nicht in Porz oder Solingen. Nach wie vor spielen sie in einer Mannschaft am Nordrand des Schwarzwaldes, und ganz zu Recht singen dort die Menschen nach jedem erfolgreichen Bundesliga-Wochenende „Wer wird Deutscher Meister? Ba-Ba-Ba-Baden Oooos!”, ganz ähnlich der Hymne der HSV-Fans, als ihr Verein noch in der Bundesliga spielte - damals, in den Achtziger Jahren.

Doch auch dem Vizemeister aus Bremen lässt man hier im Badischen Ehre angedeihen, denn schließlich ist auch der beste Meistertitel ohne eine respektable Konkurrenz nichts wert. Es erstaunt daher nicht, dass die Stadtväter eine Straße im Zentrum der Stadt in Werder-Straße umbenannten – ein freundschaftlicher Akt, der Sympathien auch bei dem Besucher aus dem Norden erweckt.
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Ein beliebtes Ausflugsziel für süddeutsche Fußballfreunde

Und sogar ein ganzes Hotel gibt es, dass seine Verbundenheit mit den Hansestädtern ausdrückt – was soll man sagen, es gehört schon Mut dazu, in der Stadt des Deutschen Schachmeisters mit seinen teilweise fanatischen Fans den Namen Bremer Park-Hotel & Spa zu tragen. Respekt!

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Das Bremer Park-Hotel im Herzen Baden-Badens

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Wir sehen – der Schachsport hat der Stadt gut getan, und umgekehrt. Wir freuen uns und finden, dass die Ooser Schachgesellschaft Baden-Baden und ihr Teamchef Sven Noppes das sehr gut hinbekommen haben in all den Jahren.

Doch wie das immer so ist – die Zukunft kommt immer näher, und mit ihr auch die Herausforderungen der neuen Saison. Das erste Bundesliga-Wochenende steht vor der Tür, und ab Freitag treffen sich alle 16 Mannschaften der Liga zu einer zentralen Auftaktrunde in Mülheim an der Ruhr. Aufregend!
(Das sollte man mal im Fußball versuchen, alle an einem Ort …. das würde wohl nichts werden. Aber die Schach-Bundesliga bekommt so etwas hin.)

Schach-Welt, das Magazin für rhetorische Fragen, eröffnet darum heute ein Tippspiel zum Ligauftakt. Weil Baden-Baden als Meister für die nächsten 10 Jahre beinahe schon wieder feststeht, fragen wir die Leser heute vertrauensvoll:

Wer wird Deutscher Vize-Meister 2012?

Alle Tipps können bis Sonntag abend hier in den Kommentaren platziert werden. Der Rechtsweg (was immer das auch sein soll) ist ausgeschlossen.

Preise:

1. eine schöne Tasse Kaffee und ein Schiffs-Quartett (originalverpackt) der Meyer Werft in Papenburg

2. eine feine Packung Hachez- Schokolade aus HB mit Stadtmusikanten-Motiv und dazu ein historisches Saisonmagazin der OSG Baden-Baden aus der Saison 2010/2011

3. eine schöne CD „Rod Stewart Unplugged“ und sonst nichts


Viel Glück beim Tippen, und - viel Spaß ab morgen mit der Schach-Bundesliga!

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 7.Platz beim Travemünder Open 2010. Größte Misserfolge: werd´ ich hier lieber nicht sagen! Liegen aber gar nicht so lang zurück (leider). Größte Leidenschaften: irgendetwas mit Randbauer-Eröffnungen auszuprobieren, und die Partie dann trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

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