SCHACHWELT- News, Stories, Schachtraining und Schachreisen
Christian Hursky neuer ÖSB-Präsident
Freigegeben in Blog

Man darf sicherlich das Wort „historisch“ bemühen, wenn man an die Wahl am Sonntag in Graz denkt – nein es wurde kein Kandidat einer unbekannten Liste Bürgermeister – es trat der österreichische Langzeitzeitschachpräsident Prof. Kurt Jungwirth nicht mehr zur Wahl an. Dieser hatte das Amt seit 1971 inne und viele Schachspieler in Österreich hatten noch nie einen anderen Präsidenten erlebt. Nach über 45 Jahren im Amt übergab er am Sonntag an den ehemaligen Wiener Schachpräsidenten Christian Hursky – ein Grund für die Krennwurzn diesen einmal zu interviewen:

Krennwurzn:
Herr Hursky – ich kann es immer noch nicht glauben – es gibt tatsächlich einen neuen ÖSB-Präsidenten. Können Sie sich der Schachöffentlichkeit mal kurz vorstellen?

Hursky:
Natürlich – ich bin vor ein paar Tagen 56 Jahre alt geworden. Hauptberuflich bin ich Dispoleiter bei einer Mineralölfirma und Landtagsabgeordneter aus Wien-Favoriten. Neun Jahre lang war ich Präsident des Wiener Schachverbandes und spiele wenn mir Zeit bleibt auch gerne mal in einer unteren Liga in Wien Schach. Da hört und sieht man auch die „kleinen“ Probleme der Schachvereine – eine sehr gute und wichtige Erfahrung für mich.

2017Hursky01

Krennwurzn:
Lassen Sie mich mal rechnen: 40 Stunden Job, aktiver Politiker und Schachpräsident – wie geht sich das zeitlich aus?

Hursky:
Für Schach wende ich ca. 10-15 Stunden pro Woche auf und ich bin ein sehr gut organisierter Mensch, der sehr teamorientiert arbeitet. Schon in Wien haben wir ein schlagkräftiges Team aufgebaut und dies werde ich nun auch im ÖSB so machen. Meine Arbeitsweise ist Probleme zu erkennen, diese offen anzusprechen und dann durch gemeinsames Besprechen diese zu lösen!

Krennwurzn:
Neue Zeiten für den ÖSB also – was wird sich ändern, wandert das Büro von Graz nach Wien?

Hursky:
Kurzfristig ist keine Übersiedlung nach Wien geplant und Walter Kastner wird Sekretär bleiben und die Büroräumlichkeiten in Graz weiter nutzen. Im Zeitalter der modernen Kommunikation sind Bürositze nicht wirklich wichtig und stehen auf meiner Prioritätenliste ganz unten.

Krennwurzn:
Ok – was steht ganz oben – was möchten Sie im ÖSB erreichen?

Hursky:
Nun bei der Wahl wurden schon ein paar Weichen gestellt – mit Johannes Duftner und Friedrich Knapp wird es zwei neue Vizepräsidenten und damit eine Verjüngung dieses Gremiums geben. Mit Franz Modliba und Johann Pöcksteiner sorgen zwei erfahrene Kollegen für Kontinuität und dafür dass Expertise nicht verloren geht. Generell werden wir uns breiter aufstellen (müssen) weil das die Anforderung unserer Zeit ist – wir müssen darauf achten, dass wir die Funktionäre weder zeitlich noch arbeitsmäßig überlasten. Daher müssen wir alle noch besser lernen zu delegieren.
Wichtig ist mir, dass der ÖSB sowohl für die Hobbyspieler als auch für die Spitzenspieler da ist – das darf kein Gegeneinander sein: wir brauchen die Breite und wir brauchen auch Erfolge, um die Sportförderung zu rechtfertigen.
Im Jahr 2020 wird der ÖSB 100 Jahre alt und dieses Jahr gilt es ab sofort vorzubereiten. Mir schwebt ein „Medienjahr“ vor – es muss uns mehr gelingen mit Schach in die Öffentlichkeit zu kommen. Geplant ist zur Zeit eine gemeinsame Turnierserie über alle Bundesländer. Wir müssen dabei auch die Bremse, die durch Länderinteressen, manchmal existiert lösen und gemeinsame Projekte auf den Weg bringen. Ich bin bewusst als Präsident des Wiener Schachverbandes zurückgetreten um als ÖSB-Präsident wirklich auch für alle sichtbar für ALLE Präsident zu sein.
Schon jetzt laufen gerade im Jugendbereich schon ein paar länderübergreifende Initiativen und im Medienbereich müssen wir unser Organ „Schach aktiv“ verbessern und für neue Zielgruppen attraktiv machen.

Krennwurzn:
Wer soll das alles bezahlen, wer hat so viel Geld … möchte ich fast singen ;-) Aber im Ernst gefragt: nach den Sommerolympiaden in London und Rio hat der BSFF (Bundessportförderungsfonds) doch die Weichen gestellt, dass mehr Geld in medaillenträchtige Sportarten fließen soll.

Hursky:
Das stimmt zwar, aber auch gute Nachwuchsarbeit findet Anerkennung im BSFF. Wir haben gerade in diesem Bereich wohl das erfolgreichste Jahr hinter uns. Ganz aktuell wurde Florian Mesaros Doppel-Europameister in Budva und im Blitz landet hinter ihm auf Platz 3 mit Felix Blohberger noch ein Österreicher am Stockerl und auch schon vorher waren wir sehr erfolgreich. Das sind schon die ersten positiven Auswirkungen vom Projekt Batumi 2018 das wir in ein generelles Jugendarbeitsprojekt „Meister von morgen“ umwandeln und weiterführen möchten.
Im absoluten Spitzenbereich versuchen wir neben Markus Ragger auch Valentin Dragnev ins Team Rot-weiß-Rot zu bringen und somit auch Perspektiven für andere zu schaffen. Eine gewisse wirtschaftliche Absicherung ist eine Grundvoraussetzung für Erfolg im Spitzensport!

Krennwurzn:
Wenn man sich aber die Förderkriterien anschaut, dann braucht ein Schachspieler der die geforderten Leistungen erbringt keine Förderungen mehr, denn dann ist er schon in den Top 20 und kann wohl auch ohne Förderungen gut vom Schach leben.

Hursky:
Dieses Problem ist uns klar und auch die BSO versteht dies – daher werden die Kriterien ja nicht stur ausgelegt sondern von Menschen entschieden. Um Erfolg zu haben, müssen wir den Fokus vom Geldverdienen auf die Vorbereitung legen, denn nur mit besserer Vorbereitung und gesicherter Existenz sind Erfolge möglich.
Ebenso holen wir uns da auch von anderen Sportverbänden Expertise und praktische Hilfe – so bereiten sich Damen und Herren Schachnationalmannschaften im Bundessportzentrum Südstadt auf ihre Aufgaben vor – der erste Schritt in dieser Richtung wurde von Harald Schneider-Zinner gesetzt. Dort können wir vielfältige sportliche Expertise in Anspruch nehmen und unsere Spieler treten dort auch in Kontakt mit anderen Sportlern, die dann schnell sehen, dass Spitzenschach schon um vieles härter ist als eine Partie Schach im Kaffeehaus.

Krennwurzn:
Kommen wir aufs internationale Parkett – Österreich ist in der FIDE ja sehr gut vernetzt – wie sieht Ihr persönlicher Fahrplan da aus?

Hursky:
Prof. Kurt Jungwirth – zu dem ich ein sehr gutes persönliches Verhältnis habe - wird weiterhin in seinen FIDE Funktionen bleiben und mir auch in Österreich als Ehrenpräsident des ÖSB mit Rat und Tat zur Seite stehen. Johann Pöcksteiner – wir haben schon in Wien gut miteinander gearbeitet – wird seine Funktion in der ECU weiter pflegen. Und ich werde bis 2018 – nächster FIDE Kongress in Batumi – diese Kontakte nutzen und das Netzwerk kennenlernen und dann Entscheidungen treffen.
Krennwurzn:
Ihr Vorgänger Prof. Kurt Jungwirth und sein „steirisches“ Team hatten ja keine große Freude mit der Krennwurzn – wie ist ihr Umgang mit Kritik, die gerade wenn sie ironisch oder gar sarkastisch ausfällt persönliche Grenzen überschreiten kann?

Hursky:
Kritik ist per se einmal nicht schlecht, sollte aber nicht persönlich sein und auch nicht persönlich genommen werden. Mein Motto „Durchs Reden kommen d' Leut zam“ sollte von Anfang an verhindern, dass sich Meinungsverschiedenheiten zu handfesten Konflikten aufschaukeln, die dann eine Eigendynamik entwickeln, die für beide Seiten nicht gut ist.

Krennwurzn:
Jetzt sprechen wir schon sehr lange und ein Thema fehlt bisher fast komplett: Frauen im Schach! Wir haben zwar im Schul- und Jugendschach viele Mädchen, verlieren diese aber dann fast vollständig, wenn Ausbildung, Beruf und Familie ins Spiel kommen.

Hursky:
Das stimmt und Sie sind ja ein sehr ungeduldiger Forderer von mehr Frauen im Schach. Mein Zugang ist, dass hier wie auch schon im Kinder- und Jugendbereich ein Weg der kleinen Schritte gegangen werden muss, um langfristig etwas zu ändern. Neben Spielerinnen brauchen wir auch Funktionärinnen im Schach um Themen anzusprechen und zu verbessern, die uns helfen, Frauen längerfristig im Schach zu halten. Das fängt bei den Spiellokalen, -terminen an und geht in einem weiten Bogen bis dahin, dass ein Schachspieler auch mal duschen und ein frisches Hemd anziehen soll.
In Wien haben wir mit Margot Landl eine sehr engagierte Frau im Vorstand, die sich auch medial gut in Szene setzen kann. Mit Uschi Fellner haben wir in der Medienlandschaft eine begeisterte Schachspielerin und wir müssen versuchen, diese Kontakte und Möglichkeiten zu nutzen, Schach für Frauen attraktiver zu machen – wie gesagt ich bin da für die kleinen Schritte, verstehe aber die Ungeduld der Krennwurzn gut!

2017Hursky02

IM (WGM) Eva Moser gegen den Christian Hursky

Krennwurzn:
Wie sieht Ihre persönliche Planung als Präsident aus – 45+ Jahre werden sie wohl eher nicht schaffen.

Hursky:
(Lacht) Das ist auch nicht mein Ziel. In Wien war ich 9 Jahre lang Präsident und ich hoffe sagen zu dürfen ich habe da etwas weitergebracht und viele Projekte auf Schiene gebracht. Über die Dauer einer Amtsperiode sollte man sich keine zu großen Gedanken machen, aber ich denke, dass so um 10 Jahre herum eine gute Perspektive ist, wenn man längerfristig etwas schaffen möchte.

Krennwurzn:
Was wären so längerfristige Ziele? Das hört sich zwar gut an, sagt aber wenig aus.

Hursky:
Neben den schon angesprochenen Zielen sollten wir vielleicht weiterdenken und beispielsweise ähnlich dem Schachhaus in Wien ein bis drei weitere solche Zentren in den Bundesländern schaffen. Das wird realistischerweise nur klappen, wenn wir über die Landesverbandsgrenzen hinwegschauen und sich zwei oder mehrere Bundesländer die Finanzierung teilen. Der Vorteil des Schachhauses ist, dass wir damit über eine Lokation verfügen, die uns alleine zur Verfügung steht und uns beispielsweise im Jugend- aber auch im Damenbereich nicht ganz unwichtig raus aus den Gaststätten bringt. Zudem darf man die Wirkung als öffentlich sichtbares Haus für Schach auf die Gesellschaft nicht vergessen.

Krennwurzn:
Herzlichen Dank für das Gespräch und die Zeit für das Telefonat zwischen zwei Terminen – alles Gute für die Präsidentschaft!

Hursky:
Danke und vielleicht trifft man sich ja mal auch persönlich!

Neulich im Schachverein (Teil 2)
Freigegeben in Blog

Neulich im Schachverein (Teil 2) oder: Regeln und ihre Anwendung

kar2Nun ja, zunächst einmal die Stellung, wie sie wohl denn „wirklich war“. Der Turm auf e1 war, bei der Umwandlung, als „Dame“ ausgerufen worden. Nun zog Schwarz also völlig regulär Turm e1 nach b1. Jedoch wäre dieser genau der zu vermeidende Zug gewesen – denn ansonsten gäbe es weit und breit ausschließlich Gewinnzüge. Zumindest derart, dass sie den Gewinn nicht direkt in Frage stellten, sozusagen „objektiv“ (konstruieren könnte man, zum Verlust, die eigene Dame nach b7 bringen, dort schlagen lassen, dem Gegner eine Dame genehmigen, die anderen Figuren unterwegs einsammeln zu lassen und dann Matt gesetzt werden; so lange ein Bauer übrig ist...). Der Ausruf „Schachmatt“ entsprang natürlich der Vorstellung, dass auf e1 eine Dame gewesen wäre und diese, per Diagonalzugfähigkeit den König einem Schachgebot ausgesetzt hätte.

Was konnte nun Weiß tun? Man darf ihm dabei durchaus unterstellen, genau auf eine derartige Chance gelauert zu haben. Er stünde im Patt und zeigte dies dem gut ausgebildeten Schiedsrichter an, welchem nun eigentlich nur diese Wahl blieb: „So weit alles richtig. Turm, so rum oder so rum aufgestellt, ist ein Turm. Die Stellung ist patt, die Partie remis.“

Die Diskussionen endeten zwar nicht unmittelbar, aber doch blieb letztendlich nur diese eine Entscheidung.

Hier jedoch kann man nun so weit unbehelligt einfach weiter darüber reden. Es gibt dabei immer verschiedene Herangehensweisen. Eine ist: eine kleine Stellungsmodifikation vornehmen. Einfach so. Wozu? Mal sehen.

dia2nis.png

Schwarz am Zug.

Die Vorgeschichte identisch – in der Phantasie. Auch hier ein gedrehter Turm auf e1. In diesem Moment, so muss man wohl sicher annehmen, hätte der Schwarzspieler mit dem Zug Oe1-b4 (das „O“ steht für „Objekt“) sein Zugrecht ausgespielt. Zugleich jenen mit dem Ausruf „Schachmatt“ begleitet. Was wäre nun die Folge gewesen? Sicher hätte Weiß auch dann die theoretische Möglichkeit, eine Pattstellung anzuzeigen. Nur hätte er sicher die viel bessere Chance genutzt: „Illegaler Zug. Te1-b4 geht nicht. Sie haben verloren.“

Auch hier wäre dem Schiedsrichter wohl kaum eine Wahl geblieben? 1:0 das Ergebnis halt, statt ½:½. Was macht das schon? „Unmöglicher Zug, kommt doch mal vor, kann passieren, hab ich auch schon mal...“. Auf eine Art ist das sogar witzig oder gar „künstlerisch wertvoll“.

 


button werbung 3 Anfang

Für alle Fans einer spannenden Partie Videopoker oder einer schnellen Runde Book of Ra, gibt es ein neues Bonusangebot des Online-Anbieters Viks. Viks Registrierungscode:button werbung 3 Ende


 

Die Philosophie – ein alternativer und im Grunde stets verfügbarer „approach“ – liefert ein paar mehr mögliche Antworten. Bevor ein paar davon genannt werden: die Partie wurde mit ½:½ gewertet, die nächste Runde ausgelost. Der ansonsten stets freundliche, zugängliche  -- selbst wenn ab und an, wie man häufig mit derartigen Vertretern assoziiert, leicht verwirrte -- Professor jedoch fand den Weg nicht mehr zurück ans Brett. Seine kurz und keineswegs unfreundlich an Alle gerichteten Worte: „Ach nee, ich hab keine Lust mehr, ich geh nach Hause.“

Dies wirft natürlich ein paar weitere Fragen auf. 

 

WIRD FORTGESETZT

ZU Teil 1

Zu Teil 3

Neulich im Schachverein (Teil 1)
Freigegeben in Blog

Neulich im Schachverein (Teil 1) oder: Regeln und ihre Anwendung

Es scheint doch irgendwie eine unendliche Palette von stets neuen kuriosen Fällen zu geben, über welche nicht nur das Sinnieren „Regeln, ihr Sinn, ihre  Anwendung“ beginnen kann oder beinahe einsetzen muss, sondern direkt im Anschluss das Philosophieren zu lohnen scheint.  Wie kam es überhaupt jemals dazu, wie war das historisch, welche Beweggründe stehen auf dieser und auf jener Seite dahinter, gerne auch der Grundgedanke: wie könnte man den teils unerfreulichen aber wohl in aller „Regel“ auch unerwünschten Fällen entgegenwirken und ihr Eintreten auf Dauer verhindern? Gibt es diese Möglichkeit oder möchte sich man sich vielleicht gerne streiten, ab und zu mal aufregen können? Sollen solche Fälle womöglich erhalten bleiben, damit sich diese Menschen aneinander abreagieren können?

Nun wäre damit schon eine ganze Menge vorweggeschickt, was eigentlich erst so nach und nach „herausgearbeitet“ werden sollte. Der hier thematisierte Fall selbst hatte in etwa jenen Charakter:

kar1Monatsschnellturnier im Verein, meist von zwischen 14 und 22 Spielern frequentiert, darunter vielleicht 50% „Externe“. Kleinere Geldpreise ausgelobt, jedoch von den zu entrichteten Startgeldern, exakt zu 100% ausgeschüttet, per allgemein akzeptierter „Umverteilung“ finanziert. Bedenkzeit: 15 + 0.

Diese kleinen Details sollen immer gerne mit dazu geliefert werden und tatsächlich – Teil 1 der Philosophie – dienen sie dazu, jeden Fall in gewisser Weise „einzigartig“ zu machen und somit zwar Paragraphen nicht gänzlich außer Kraft zu setzen, aber doch zumindest in Frage zu stellen beziehungsweise eben die Individualität der Situation zur „richtigen Entscheidungsfindung“ mit einfließen zu lassen.

Dazu dient durchaus sogar die Vorgeschichte eines Turnieres (im bisherigen Verlauf), zum Teil sogar die Charaktere der Protagonisten,  ihr Alter, die Favoritenstellung, die Farbverteilung, die bisherige Geschichte des konkreten Duells. Gibt es eine Bilanz? Wer hat die Nase vorne? Vielleicht gar anderweitige kritische Fälle zwischen diesen beiden Spielern? Auch nur ein einzelner von ihnen, der bisher so oder ähnlich aufgefallen ist? Eine Art „Wiederholungstäter“, wo man allein anhand dessen eine Partei zu ergreifen geneigt wäre, ganz anders, als es die so unbestechliche Justitia vorgibt?

In Runde 4 (von 7) sollte man noch nicht zu viel von „Tabellensituation“ oder „Turnierentscheidung“ sprechen, aber die (hier nicht namentlich erwähnten) Spieler waren mit 2 aus 3 im Verfolgerfeld, es gab also durchaus Perspektiven. Der Weißspieler befand sich in der Favoritenrolle, mit etwa geschätzten 100 Punkten veranschlagt, wobei hier DWZ und Elo reichlich voneinander abwichen. Die Größenordnung jener: irgendwo um die 2000. Traditionell die Paarung recht häufig vorgekommen und mit Sicherheit Weiß – der Favorit -- mit der positiven Bilanz. Die schachliche  Erfahrung vielleicht ähnlich groß, das Alter um etwa 30 Jahre differierend, der Jüngere (wie üblich?) der Favorit. Professor gegen Familienvater, Letzterer derzeit hauptsächlich in jener Rolle auftretend (also „Hausmann“), was denn wieder mit den finanziellen Gegebenheiten zu tun hätte?!

Ein Schiedsrichter ist (selbstverständlich?!) angehalten, all diese Dinge auszublenden. Dennoch könnte man ja hier und da... und wird nicht gar von den Schiedsrichtern beim Fußball das absolut und rein gar nicht in den Regeln aufgeführte „Fingerspitzengefühl“ eingefordert? Dies gibt zugleich den hier vertretenen Ansichten reichlich Nährboden: sobald allein ein derartiges Wort fällt – von den so sehr an „feste Regeln“ und bei „perfekter Kenntnis“ den so genannten „eindeutigen und klaren Entscheidungen“ Glaubenden --, wird doch direkt der berühmte „Ermessensspielraum“ eingestanden? Das kann man so oder so sehen, je nach konkreter Situation?!

Hier gelang es, dem an Lebensjahren vorne liegenden Spielern – welcher im Übrigen, teils zum Vorteil des Gegenübers, hier und da eine kleine zusätzliche Spende mit entrichtet , um die Preisgelder etwas attraktiver zu gestalten, was den „Ermessensspielraum“ vielleicht zusätzlich erweitert? --, im Verlaufe der Partie ein klares Übergewicht zu erzielen, auf dem Brett und auf der Uhr (selbst wenn es in der Frühphase noch andersherum gewesen sein mag). Dieses verdichtete sich zu einem einfachen Sieg. Für den vermeintlichen Außenseiter verblieben Dame und drei Bauern sowie anderthalb Minuten auf der Uhr, der Jüngere hatte nur noch einen einzigen Bauern sowie 20 Sekunden auf der eigenen Uhr.

Wenn man dem auf der Verliererstraße befindlichen Spieler nun eine Empfehlung aussprechen wollte, dann würde sie lauten: „Weiterer Widerstand ist zwecklos. Gib doch bitte auf. Zumal das schon etwas peinlich wird. Worauf wartest du und hoffst du?“, so wäre einzige die Entgegnung „ich hatte doch gar keine Zeit, um aufzugeben“ eine möglicherweise akzeptable. Man blamiert sich, man hält das Turnier auf, man lacht den Gegner vielleicht gar irgendwie aus: „Gegen dich lohnt es immer, weiter zu spielen. Da kann noch viel passieren.“ Im (ganz, ganz frühen) Kinderschach ist es so, dass die anwachsende materielle Überlegenheit die Chance auf den Sieg allmählich verringert. „Schnapp dir auch noch die letzten Figuren, dann gewinnst du sicher“ ist genau die falsche Marschroute. Im Gegenteil. Die Pattgefahr wächst.

Es lohnt also (oder tut es das?) und selbst unter erfahrenen Spielern gab es schon die Situationen, auch mal ein Patt. Vom Stuhl fallende Gegner sind jedoch die absolute Ausnahme und die wenigen aufgeschnappten (tragischen oder traurigen) Fälle bezogen sich meist auf den (ohnehin) Verlierer, der kräftige Gegenzüge irgendwann nicht mehr ertragen konnte und diese ihm so die zuvor vielleicht schon beeinträchtigten Körperfunktionen gänzlich außer Kraft setzten..


button werbung 3 Anfang

Für alle Fans einer spannenden Partie Videopoker oder einer schnellen Runde Book of Ra, gibt es ein neues Bonusangebot des Online-Anbieters Viks. Mit diesem Registrierungscode: button werbung 3 Ende


Hier wäre dennoch, im Gegensatz zu so häufigen Fällen, dass die materiell überlegene Partei mit den wenigen Restsekunden ein Matt zusammen zu basteln versucht, anzumerken, dass die Zeigersituation in der Regel den Spielverlauf ganz gut widerspiegelt. Wer mehr verbraucht hat, war häufig länger unter Druck. Je nach Level der Spieler (und dann auch nur abgestuft) verbraucht man dann Zeit, wenn man schwierige Züge zu finden hat, wenn man bei einer Großzahl der  Züge und ein wenig Voraussicht immer wieder feststellt: „Hmm, wenn ich den spiele, verliere ich.“ Für den überlegen stehenden Gegner gilt häufig: „Wenn ich nicht alles raus hole – egal oder halb so wild: dann ist es halt remis.“ Da auch auf der Uhr die Verhältnisse recht eindeutig waren, ist letztendlich halt doch auf den Spielverlauf zu schließen: Schwarz hatte (durchweg?) mehr vom Spiel.

Generell ist davon auszugehen – und bei etlichen youtube Videos zu bezeugen --, dass sich ein Spieler von höherem Format eigentlich niemals darauf einlässt, in aussichtsloser Lage den Kampf fortzusetzen in der Hoffnung auf eine irgendwie geartete Kehrtwende. Die Hauptgründe dürften sich so darstellen: a) man traut es dem Gegner zu, b) wahrt auf diese Art den Respekt voreinander, c)  spielt das königliche Spiel und möchte das Spiel selbst nicht entweihen sowie d) möchte sich am liebsten nicht blamieren. Auch an dieser Stelle ließe sich ein philosophischer Exkurs locker unterbringen.

In der hier beschriebenen Partie waren die Verhältnisse also in vielerlei Hinsicht eindeutig. Nun kommt doch endlich mal die kuriose Szene? Ja, klar doch. Es kam zu einer Bauernumwandlung, und gerade eine derartige hat ein paar kuriose Begleiterscheinungen. Meist bräuchte man nämlich eine zweite Dame gar nicht und gefährdet mit ihr sogar den Gewinn, wegen der genannten Pattgefahr. Zusätzlich jedoch gibt es meist keine zweite, die greifbar wäre. Aufgrund der Vorgeschichte dieser beiden Spieler, dass der Favorit „normalerweise“ doch am längeren Hebel sitzt und die eine oder andere Partie gar entgegen dem Spielverlauf zuvor bereits zu seinen Gunsten gedreht hat, mag sogar eine gewisse Aufregung bei dem Gewinner in spe ausgelöst haben, jedenfalls setzte er einen Turm ein, drehte diesen aber um – wie man so häufig aufgefordert wird, es bitte ja nicht zu tun – und das Spiel ging weiter.

Man könnte nun sagen: „es kam, was kommen musste“, aber selbst wenn, dann ist es in seiner Art hier so sicher ganz selten bis nie vorgekommen. Der Turm zog nämlich wie ein Turm und nicht etwa, wie man hätte vermuten können, wie eine Dame. Nur wurde dazu das Wörtchen „Schachmatt“ ausgerufen. Man wird wohl auf die Stellung schauen müssen, um dies endgültig zu verstehen (und tut es selbst dann nicht: „Warum nur?“).

 

dia1nis

Schwarz am Zug

 

WIRD FORTGESETZT

zu Teil 2

Zu Teil 3

Het grootste Schaaktoernooi van Limburg!
Freigegeben in Blog

Mit Grüßen aus Holland - gerade vorbei ist das große und großartige Limburg Open 2017, das wie nun schon seit 10 Jahren über Pfingsten im Herzen der Region, dem schönen Maastricht ausgetragen wurde. Und wieder war es ein tolles Turnier, über 500 Teilnehmer aus aller Herren Länder, mit vielen Groß- und Internationalen Meistern, Frauen, Jugend, Veteranen, gestaffelt in verschiedenen Gruppen nach Spielstärke, wie man es so kennt.

Das Preisgeld in der A GROEP betrug deutlich mehr als 2000,-€ für den ersten Platz - ein stattliches Gebot, und so war es keine Überraschung, dass sich einige prominente Namen in der Startrangliste fanden. Matthew Sadler und Ivan Sokolov als Meister der Weltklasse aus den 1990er Jahren, und dazu der französische Großmeister Christian Bauer, von dem ich von Stund' an ein großer Fan geworden bin. Immerhin, er spielt nicht nur beim Hamburger SK, sondern auch 1. e4, b6! und sogar 1.e4, a6!, und ist ein so kreativer Spieler, dass es eine Freude ist, ihm stundenlang bei der Entwicklung seiner Partien zuzusehen. Gewonnen hat er das Turnier ebenso wie Matthew Sadler, mit geteilten 6 Punkten aus 7 harten Runden - doch den ersten Platz holte der holländische Meisterspieler Roeland Pruijssers (?) - punktgleich, doch mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung in einer feinen Feinwertung. Was sagt dazu die Turnierseite?

Na een spannende driestrijd in de laatste ronde wist Pruijssers Koen Leenhout te verslaan. Hierdoor eindigde hij met 6 uit 7 eerste. Evenveel punten haalden de Fransman Christian Bauer en de Engelsman Matthew Sadler, maar hun TPR was nét iets lager.

Glückwunsch also an Roeland - mit einer ELO-Performance von 2700 hat er sich den ersten Platz redlich verdient! Dabei spielte ich in der ersten Turnierrunde noch ganz in seiner Nähe (Ruud Janssen - Olaf Steffens), und sogar ein Brett vor ihm (Max Meessen - Roeland Pruijssers). Doch wie das so ist - er gewann, ich verlor, und von da an beschritten wir getrennte Wege. Der GM hielt immer engen Kontakt zu den Spitzenbrettern, ich saß näher an der Tür, was ja aber auch irgendwie ganz schön war - von dort konnte man während der Partien immer kurz mal raushuschen in die Sonne.

Beim Umsteigen auf der Rückfahrt nach Bremen spielten sie im Bahnhofscafé von Venlo gerade (Schach-)Club Tropicana von Wham. Wir enden darum heute mit diesem Lied und erinnern an George Michael, der im letzten Dezember diese Welt verlassen hat und irgendwohin weitergezogen ist. Bye Michael!

Update .... huch, das Video kann man in Duitsland (noch) gar nicht sehen - es ist wohl so eine Sache mit der GEZ, und zum Schutze der KünstlerInnen. Ganz ok so - aber wir haben Glück und weichen einfach aus:

Herbert Bastian im Gespräch mit der Krennwurzn
Freigegeben in Blog

Die Wahl ist geschlagen und es gibt einen neuen DSB Präsidenten – für viele überraschend und für viele Insider auch wieder nicht, denn schon lange hörte man aus den bekannt gut informierten Kreisen, dass die Chemie in den Führungsgremien nicht stimmt. Öffentlich sichtbar war nur, dass aktive Funktionäre bei der vorhergehenden Wahl nicht mehr antraten und dass der Streit im Spitzenschach nicht mehr kontrollierbar war. Aber fragen wir den nunmehrigen Ex-Präsidenten Herbert Bastian einmal selbst …

Krennwurzn:
Wenn ich mir Ihre ersten Reaktionen nach der Abwahl in Erinnerung rufe, so erinnert mich das an „der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“ Sind Sie wirklich persönlich gekränkt, dass Ihre Arbeit nicht entsprechend gewürdigt wurde und die Delegierten ihr demokratisches Recht zur Abwahl genutzt haben?

Bastian:
Bei der Wahl gab es eine lächerliche Selbstdarstellung von einigen, die noch nicht begriffen haben, dass man als Funktionär Verantwortung gegenüber der gesamten Organisation hat und sein Mandat nicht für persönliche Zwecke missbrauchen darf. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man mich letztlich wirklich abwählen wollte oder ob es am Ende nur ein Zufallsergebnis wurde. Auch wenn es anscheinend alle wissen, ich weiß immer noch nicht, warum ich so abgestraft wurde. Absolut sicher bin ich mir, dass die wirkliche Basis mich gewählt hätte. Bei dem, was in Linstow geschehen ist, wäre jeder Mensch, der nicht absolut gefühlskalt ist, gekränkt. Andererseits habe ich es erwartet und bin schnell darüber hinweggekommen. Der Zerfall der Umgangsformen im DSB ist ja schon länger erkennbar. Wenn ich überhaupt etwas dazu sagen wollte musste es schnell geschehen. Nach spätestens drei Tagen interessiert sich niemand mehr dafür. Das Bild vom Mohr trifft allerdings zu. Genau so hat man mich behandelt. Nach vier Wochen Dauerstress mit der Kongressvorbereitung nach der schweren Erkrankung von Uwe Bönsch tat das sehr weh.

Krennwurzn:
Dankbarkeit ist im Ehrenamt keine Kategorie – es ist schwer, aber damit muss man sich abfinden und das wird in Zeiten der sozialen Medien nicht einfacher. Einfacher zu beantworten erscheint mir die Frage nach dem Warum des Abstrafens: Freunde und Gegner sind sich da scheinbar einig: Bastian ist ein guter Organisator, hat gute Idee und Visionen, ist ein ehrlicher und harter Arbeiter, aber kein Teamplayer! Ganz offen gefragt: verlangen Sie als Chef zu viel von Ihren Kollegen und das in einem zu autoritären Ton?

Bastian:
Wird mir das wirklich vorgeworfen? Das ist amüsant. Intern wurde mir ständig vorgeworfen, ich sei viel zu weich, viel zu nett, hätte keine Führungsstärke, würde viel zu viel selbst machen und müsste mehr delegieren. Verlangt habe ich z.B., dass die Aufstellung der Nationalmannschaft zuerst mit dem Präsidium abgesprochen wird, bevor ich es aus den Medien erfahre. War das zu viel verlangt? Oder dass Konflikte wie zwischen Luther und Rogozenco nicht öffentlich, sondern intern ausgetragen werden. War das zu viel verlangt? Wenn man im DSB Vorschläge macht, reagieren manche Leute schon extrem allergisch. Eins von vielen Beispielen war mein Vorschlag, eine Frau ins Präsidium zu holen. Schon das war zu viel und hat heftigste Reaktionen hervorgerufen. Klar bin ich sehr temperamentvoll, da konnte auch mal eine Überreaktion kommen. Dazu stehe ich.
Und noch etwas: Ich bin ganz sicher ein Teamplayer. Wer solche Vorwürfe übernimmt, sollte zuallererst prüfen, um es sich nicht um Projektionen handelt. Solche Vorwürfe kommen nämlich in der Regel von Leuten, die selber nicht teamfähig sind oder mich aus irgendwelchen Gründen bekämpfen. Aber auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Das mit dem autoritären Ton weise ich klar zurück, aber meine Ansprüche sind wohl zu hoch. Deshalb werde ich künftig nur noch mit Leuten zusammenarbeiten, die ein Mindestniveau halten.

Krennwurzn:
Wenig delegieren, vieles selbst machen ist sicherlich kein optimaler Führungsstil, denn es entzieht den anderen u.a. das Vertrauen Arbeiten selbstständig erledigen zu können. Die Frauenquote im Schach ist ultragrottig, aber dieses Problem geht in den Männerklubs unter – vielleicht kommen wir später noch auf dieses Thema zu sprechen. Die Causa „Nationalmannschaft“ erinnert mich ein wenig an die negativen Auswirkungen von Cordoba auf den österreichischen Fußball. Der EM-Titel deckte Konflikte zu und schürte die Hoffnung nun dauerhaft mit den „großen Jungs“ mitspielen zu können und da sich dies nicht erfüllte – Klammer erfüllen konnte, brachen dann die Konflikte brutal auf. Hier wurden Erwartungen enttäuscht und Hoffnungen geweckt, die unrealistisch waren – hätte hier nicht ein DSB Präsident die Fallhöhe zwischen Wunsch und Realität etwas reduzieren sollen?

Bastian:
Klar ist viel delegieren, wenig selber machen der bessere Stil. So schlau bin ich auch. Im DSB arbeiten alle Referenten sehr selbstständig und sie machen gute Arbeit, aber sie machen am liebsten ihre eigene Arbeit, und das ist die Crux. Aufträge nehmen sie weniger gerne entgegen, und das gilt auch für die Hauptamtlichen. Und da ich nicht gerne autoritär auftrete – auch wenn das nicht zutreffende Gegenteil behauptet wird – ziehe ich oft das konfliktfreiere und schnellere Selbermachen vor.
Wenn wir nun auf die Verantwortung des DSB-Präsidenten kommen, möchte ich zuerst die von der Satzung verordnete Impotenz der von der Öffentlichkeit erwarteten Omnipotenz gegenüberstellen. Für den Sport ist der Vizepräsident Sport in Verbindung mit dem Leistungssportreferenten zuständig. Der Präsident hat da erst mal gar nichts zu melden, was ich für eine krasse Fehlkonstruktion halte. Mir gegenüber wurde es damit begründet, dass ja auch mal ein Präsident kommen könne, der nichts vom Spitzenschach versteht. Vielleicht habe ich den Fehler gemacht, mich nach außen immer vor meine Vizepräsidenten zu stellen, aber so habe ich nun einmal Führung gelernt. Ich bin nicht der Typ, der andere opfert, wenn Fehler passieren.

Krennwurzn:
Welche Fehler sind im Leistungssport passiert? Oder sind da in Wirklichkeit nur unerfüllbare Träume geplatzt – wie oben schon angemerkt?

Bastian:
Darauf muss ich länger antworten. Arkadij Naiditsch und Klaus Deventer (damals Referent für Leistungssport) waren unversöhnlich zerstritten. Dann hat Arkadij unseren Sponsor mit seinem Verhalten in Tromsø dermaßen verärgert, dass dieser jegliche weitere Förderung von ihm abgelehnt hat. Damit war unser bester Spieler und Zugpferd draußen. Von mir verlangte Arkadij 30.000,- € jährliche Sonderzahlung, damit er auf den Föderationswechsel verzichtet, was wir unmöglich leisten konnten. Diese Dinge liegen in Arkadijs Charakter begründet und sind aus meiner Sicht keine Fehler des DSB. Immerhin ist es in vielen Sitzungen 2011 gelungen, die zerstrittenen Nationalmannschaften wieder zu vereinigen, und wir fanden dank Uwe Bönsch mit UKA einen zuverlässigen Sponsor, was die Spieler mit dem Gewinn des Europameistertitels belohnt haben.
Der Leistungssport ist im DSB mittlerweile ein Stiefkind. Die Nationalmannschaften sind dem Vizepräsidenten Sport zugeordnet, der unter anderem noch die Senioren, die Frauen und den Ausbildungsbereich mitbetreut. Wie sollen bei dieser Auslastung neue Ideen reifen? Ich habe immer vergeblich gefordert, dass die Nationalmannschaften enger dem Präsidium zugeordnet werden. Die Aufstellungen habe ich manchmal von unserer Webseite erfahren, und mein Wunsch, dass das Präsidium zuerst informiert werden solle, damit es sich vor Veröffentlichung eine Meinung bilden kann, wurde abgewiesen. Ein Präsidiumsmitglied war z.B. strikt dagegen, weil es der Meinung war, vom Spitzenschach keine Ahnung zu haben. Was zumindest teilweise umgesetzt werden konnte, waren die Kooperationen mit Dortmund, Baden-Baden, Dresden und Erfurt. Dadurch kamen unsere Spitzenspieler und Spitzenspielerinnen wieder mehr in Kontakt mit der Weltspitze. Für die kommende Periode hatte ich einen Ausbau dieser Kooperationen und grundlegende Reformen im Leistungssport geplant.
Der Kongress hat nun ein Schulschachpräsidium eingesetzt. Ob das das richtige Signal an junge Spielerinnen und Spieler ist, sich dem Leistungssport zu widmen, wage ich zu bezweifeln. Da muss dringend nachgebessert werden. Was bleiben wird ist die positive Entwicklung im Frauenschach.
Letztlich müssen wir aber zugeben, dass der Deutsche Schachbund derzeit nicht das schachliche Niveau hat, um sich in der Weltspitze zu etablieren. Und wenn man die Abläufe auf dem letzten Kongress betrachtet, muss man heilfroh sein, wenn es nicht noch weiter abwärts gehen wird.

Krennwurzn:
Stehen wir da nicht vor einem Dilemma? Einerseits brauchen wir eine Wohlfühlzone im Schach damit die Kinder langfristig beim Schach bleiben und anderseits bräuchten wir eine spitzensportliche Brutalität in der Förderung um international mithalten zu können. Spitzenkarrieren fangen heute immer früher an und wer mit 18 Jahren die 2700 nicht erreicht, aus dem wird kein Topspieler mehr. Sollten wir unsere Förderrichtlinien Spitzensport nicht daraufhin ausrichten, um nicht Geld an Spieler zu verbrennen, die sowieso keine Chance mehr haben dürften?

Bastian:
Ich sehe das nicht als ein Dilemma an, sondern als eine Frage geschickter Aufgabenteilung, und die gibt es längst. Für die Wohlfühlzonen außerhalb der häuslichen Rechner müssen die Vereine sorgen. Unterstützt werden sie mit solchen Highlights wie die DJEM, die DSAM, die vielen Schulschachturniere, die Vereinskonferenzen, die Schulschachkongresse, die Mädchen- und Frauenschachkongresse, die Ländermeisterschaften, die Bezirks- und Verbandsturniere usw. Überall wachsen wir in den letzten Jahren, so ist z.B. die Zahl der Open-Turniere in Deutschland von 2012 bis 2016 von 331 auf 481 gestiegen. Oder die Rekorde beim Alsteruferturnier und in Karlsruhe. Im Spitzenschach stehen Reformen an, das ist für mich klar. Druck kommt ja auch vom Innenministerium und vom DSB. Umso unverständlicher ist für mich die Zusammensetzung des neuen Präsidiums angesichts der drohenden Forderungen von außen. Können wir uns überhaupt sicher sein, dass Weltklasseschach noch ein Ziel im Deutschen Schachbund ist? Oder haben wir schon resigniert? Der schon lange geforderte „Masterplan“ ist bisher von den Verantwortlichen im Bereich Leistungssport nicht vorgelegt worden. Hoffentlich kommt er jetzt und gibt eine Antwort auf die gestellte Frage.

Krennwurzn:
Welche Chancen bzw. Aufgaben wird der DSB nicht wahren können, weil Herbert Bastian als Präsident abgewählt wurde?

Bastian:
Dem DSB ist mit meiner Abwahl keine Chance verloren gegangen, und er wird alle Aufgaben wahren können. Man muss sich nur ein bisschen anstrengen. Ich bin sicher, dass der Verband verwaltungstechnisch dank Ralf Chadt-Rausch und Uwe Bönsch in den letzten zwanzig Jahren noch nie in einem vergleichbar guten Zustand war, und dieses Präsidium hat die beste Bilanz vorgelegt, an die ich mich erinnern kann. Daran ändert die Tatsache nichts, dass es mit meinem schlechtesten Wahlergebnis quittiert wurde. Ob ich an irgendeiner Stelle vermisst werde, wird sich zeigen, immerhin war ich seit 1992 durchgehend als Funktionär auf Bundesebene präsent, und da haben sich auch vielerorts Freundschaften entwickelt.

Krennwurzn:
Kommen wir aufs internationale Parkett – unter Ihrer Präsidentschaft hat es ja einen Schwenk in Richtung Kirsan Ilyumzhinov gegeben und Deutschland hat dafür wieder einen FIDE Vizepräsidenten bekommen. War das eine richtige Entscheidung und bleiben Sie FIDE Vizepräsident oder geht das Amt automatisch auf Ihren Nachfolger über?

Bastian:
Hier muss ich Einiges richtigstellen. Unter mir gab es keinen Schwenk Richtung Ilyumshinov, sondern die Entscheidung dafür, wieder mit der FIDE-Führung zusammenzuarbeiten, anstatt gegen sie zu arbeiten. Der unselige Streit 2010 vorm CAS hat die FIDE fast 1,5 Millionen Euro gekostet, und das alles nur für die Ego-Pflege gewisser Leute ohne ein brauchbares Ergebnis für den Schachsport. Was hätte man mit dem Geld alles Sinnvolle anfangen können! Mein Engagement gilt dem Schachsport, nicht einer Person. Gleichwohl respektiere ich das, was Kirsan Ilyumshinov für das Schach geleistet hat, und persönlich habe ich mit ihm nur die besten Erfahrungen gemacht. Ich bilde mir immer ein persönliches Urteil über Menschen und beteilige mich nicht an Treibjagden, wie ich sie jetzt am eigenen Leib erlebt habe. Was Kirsan Ilyumshinov ansonsten vorgeworfen wird, kann ich nicht beurteilen, das überlasse ich der Justiz.
Es ist falsch, dass Deutschland den Vizepräsidenten für den Schwenk bekommen hat. Richtig ist, dass der Deutsche Schachbund von der FIDE als einer der wichtigsten nationalen Verbände angesehen wird, mit dem man kooperieren will. Ein Tauschgeschäft gab es nicht. Meine Entscheidung, für eine Kandidatur bereit zu stehen, fiel erst nach dem eindeutigen Wahlergebnis zugunsten von Ilyumshinov. Unabhängig vom Vizepräsidenten hätte ich auf jeden Fall eine rasche Aussöhnung mit der FIDE angestrebt, weil ich Kooperation für richtig halte, und deshalb halte ich meine Entscheidung nach wie vor für richtig.
Nach den Ereignissen in Linstow habe ich der FIDE meinen sofortigen Rücktritt angeboten. Mir wurde jedoch gesagt, dass meine Wahl in Tromsø primär eine Personenwahl war und nicht die Wahl eines Vertreters des Deutschen Schachbundes. Und ich wurde gebeten, im Amt zu bleiben, was ich folglich bis zu den planmäßigen Wahlen 2018 tun werde. Im Presidential Board der FIDE vertrete ich den Schachsport in Deutschland, nicht das Präsidium des Deutschen Schachbundes. Da ist immer noch ein Unterschied, und man traut mir das in der FIDE zu. Sehr gerne hätte ich im Lasker-Jahr 2018 die Weltmeisterschaft oder das Kandidatenturnier nach Deutschland geholt und stand kurz vorm Erfolg. Ob das jetzt noch klappen wird, weiß ich nicht. Hier scheint das ja auch die Mehrheit nicht zu wollen.

 Ob das jetzt noch klappen wird, weiß ich nicht. Hier scheint das ja auch die Mehrheit nicht zu wollen.

Krennwurzn:
Die Mehrheit fürchtet da wohl die Kosten – nebenbei gibt es ja bei der Vermarktung via AGON das alte Problemfeld, dass die Kosten für Liveübertragungen schwer via Werbung finanziert werden können, weil man – ebenfalls aus gutem Grunde – nicht exklusiv übertragen kann. Hier müssten die Verbände die Interessen der Schachspieler (freier Zugang zu Übertragungen) UND die Interessen der Veranstalter (Einnahmen via Werbung) in Einklang bringen können – ich sag’s ehrlich: mir fällt da keine Lösung ein, aber der aktuelle Zustand mit „Piratenübertragungen“ und Klagen ist sicherlich nicht gut fürs Schach.

Bastian:
Die Blitz- und Schnellschach-WM in Berlin wurde von AGON finanziert, beim DSB entstanden ca. 3.500,- € Kosten für Reisen und Hotel unserer beteiligten Mitarbeiter und Funktionäre. Auch das Kandidatenturnier würde von AGON finanziert werden.

Krennwurzn:
Die Leute fürchten ja DRESDEN 2008 - die Olympiade ...

Bastian:
Die Olympiade 2008 in Dresden hat doch den DSB nur das gekostet, was im damaligen Olympiaausschuss freiwillig für Begleitmaßnahmen verbraten wurde (Sternfahrten, Olympiamagazin, Partnerschulen usw.). Das entstandene Defizit bei der Olympiade selber wurde von der Stadt Dresden übernommen. Und heute werden WM und CT von AGON finanziert. Sobald bezahlte Spieler antreten, handelt es sich um wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Beitragsgelder dürfen a priori gar nicht in solche Veranstaltungen fließen, das würde die Gemeinnützigkeit kosten.

Krennwurzn:
Die Finanzierung durch AGON könnte ja wackeln, da die Einnahmen aus den Übertragungsrechten nicht den Erwartungen entsprechen könnten. Gerüchteweise könnte der „Rücktritt“ von Kirsan Ilyumshinov im März dieses Jahres mit ausstehenden Zahlungen aus diesem Kontrakt in Zusammenhang stehen.

Bastian:
Hier kann ich in keinem Punkt widersprechen. Das wäre dann das Problem von AGON, nicht des Deutschen Schachbundes.

Krennwurzn:
Ein großes Anliegen war Ihnen das „Lasker Jahr 2018“ – mal ganz ehrlich gefragt: interessiert das heute noch jemanden wirklich? Nicht weil ich ein großer Geschichtsignorant wäre frage ich, sondern weil hier in Österreich Steinitz fast ein Unbekannter ist und es in Wien gerade mal seit seinem 110. Todestag einen Steinitzsteg gibt, den viele namentlich nicht kennen.

Bastian:
Das Lasker-Jahr ist ein Ansatz, im Deutschen Schachbund das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und die Vereine zu besonderen Anstrengungen zu motivieren. Wir haben sehr früh damit angefangen, und inzwischen habe ich das Gefühl, dass der Gedanke angekommen ist. Der Kongress hat Finanzmittel in Höhe von 20.000,- € für Aktionen bewilligt, was ich für sensationell halte. Die nun Verantwortlichen haben versprochen, das Jahr zu einem Erfolg für den Deutschen Schachbund zu machen. Mehr kann ich mir nicht wünschen. Einen sehr umfangreichen Ideenpool habe ich vorgelegt, der sicher durch die DSJ und andere noch weiter angereichert wird. Die Jubiläen der Solinger SG und des SC Bamberg, beide 1868 gegründet, sowie das umfangreiche Programm der Lasker-Gesellschaft sollen idealerweise mit eingebunden werden. Mal ehrlich, ist das nicht eine supergute Chance für den Schachsport?

Krennwurzn:
Ganz ehrlich – mir ist das zu romantisch ;-)

Bastian:
Ein bisschen Romantik kann dem Schachsport doch nicht schaden …

Krennwurzn:
Ein Problem der Schachwelt ist meiner Meinung nach, dass es zu einer Art Aufspaltung kommt: da die Spieler in der Komfortzone Internet und Turniere und dort die Funktionäre in ihrer Regel- und Schachpolitwelt und da es noch erträglich läuft, entfernt man sich dennoch immer weiter voneinander – ist da ein Crash nicht vorprogrammiert?

Bastian:
Gute Frage, auf die ich keine Antwort habe. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Menschen immer häufiger merken werden, welche Energie sie aus der persönlichen Begegnung auf den großen Events schöpfen können, wie zuletzt die zentrale Bundesligaendrunde in Berlin. Ich konnte dort in zwei Tagen als DSB-Präsident mehr zukunftsweisende Gespräche führen als sonst über das ganze Jahr aufsummiert. Und neue Freundschaften erschließen, auch zu Personen, die mich bis dato im Internet nur angegiftet haben.

Krennwurzn:
Zum Abschluss – was bleibt von der Ära Bastian als DSB-Präsident?

Bastian:
Das müssen andere beurteilen.

Krennwurzn:
Klar, aber mich interessiert die Eigeneinschätzung!

Bastian:
Okay: Es bleibt die nicht mehr abzuwehrende Einsicht, dass die Frauen in der Zukunft zum Schachsport gleichwertig dazugehören werden.

Krennwurzn:
Wie geht es mit dem Funktionär Herbert Bastian weiter? Oder starten Sie in der Pension und ohne Funktionärsbelastung noch einen Angriff auf den GM-Titel? Erster deutscher Seniorenweltmeister …

Bastian:
Ob ich meinen Kopf nach dem Stress der letzten Wochen wieder soweit zum Funktionieren bringen kann, dass ich nochmal an das Niveau über Elo 2000 herankomme, bezweifle ich momentan. Aktuell arbeite ich an der Übersetzung eines Schachbuches aus dem 18. Jahrhundert, das lastet mich erst mal aus. Ob es 2018 in der FIDE weitergehen wird, ist eine weitere Option. Mir schwebt da ein weiteres schachhistorisches Projekt vor, das ich aber nur anpacken werde, wenn die Rahmenbedingungen stimmig gemacht werden können und ich mir den Start kräftemäßig noch zutraue.

Krennwurzn:
2000 Elo reichen ja noch locker zum „Krennwurzn Stechen“ – vielen Dank für das Gespräch und Alles Gute in den nächsten Jahren!!

Bastian:
Herzlichen Dank.