SCHACHWELT- News, Stories, Schachtraining und Schachreisen
Die Norwegian Breakaway in New York
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Es sind jetzt noch knapp 4 Monate, dann geht es für gut 30 Spieler wieder auf eine Kreuzfahrt. „Schachreisen“ von GM Jörg Hickl lädt ein, 14 unvergessliche Tage auf einem Kreuzfahrtschiff zu verbringen und dies mit einer der schönsten Nebensachen der Welt zu verbringen – Schach.

Mit „einem Kreuzfahrtschiff“ ist beileibe nicht irgendein Kreuzfahrtschiff gemeint, sondern die Norwegian Breakaway, die von New York aus in See sticht und diverse karibische Inseln anlaufen wird. Die Landgänge bieten Gelegenheit, das karibische Flair zu genießen, sei es als Einzelfahrer oder mit der gesamten Familie.

Bild 1
Die Norwegian Breakaway vor der Skyline Manhattans, © John Cunniff

Für mich wird es die zweite Fahrt auf einem solchen Schiff im Team von Jörg Hickl sein. Die erste war eine Überfahrt von Southampton nach Miami, aufgrund mangelnder Optionen, ohne Landgänge. Aber schon diese Reise hat mich und alle Mitreisenden begeistert, denn auch wenn man die Tage nur an Bord verbringt, wird einem gewiss nicht langweilig. Das Leben auf dem Schiff bietet alles was die Urlauberseele begehrt. Möchte man feiern, bieten die verschiedenen Bars und Musikangebote die entsprechende Möglichkeit.

Bild 4 Puerto Rico
Die Hafenausfahrt Puerto Ricos – unser erster Stopp

Soll sich ortlich betätigt werden? Fitnessstudio, sowie Basketball und Fußball an Deck bieten Raum dafür – genau wie das Schwimmbecken und der Klettergarten an Deck. Ist man eher für kulinarische Highlights zu haben, dann besucht man neben den hervorragenden kostenlosen Restaurants, eines der Spezialitätenrestaurants und lässt sich verwöhnen. Möchte man es sich einfach gut gehen lassen, lädt der Spa und Wellnessbereich ein.
Für alle die vom Schiff mit mehr Geld gehen wollen, als sie raufgegangen sind, gibt es auch diverse Möglichkeiten sich im Glücksspiel zu versuchen.

Und natürlich zwischendurch eine Prise Schach…

Um alles abzurunden hat sich GM Hickl etwas Besonderes ausgedacht. Ein Schachturnier mit Elo-Auswertung auf genau diesem Kreuzfahrtschiff. 7 Runden, mit anschließender Analyse der Partie des Tages, sowie Seminaren zu diversen schachlichen Themen.

Nebn GM Hickl und meiner Person, komplettiert ein Neuzugang das Schachreisen-Team auf dieser Kreuzfahrt. Nationalspielerin, WGM und Nummer 3 der Deutschen Frauen Sarah Hoolt ist mit von der Partie.

Bild 2 Spielsaal
Der Turniersaal der letzten Fahrt

Wir werden den Spielern für Analysen nach der Partie zur Verfügung stehen.
Ich darf zusammenfassen: Karibik, Urlaub, Entertainment, Schach und Spaß! Dafür stehen die Schachkreuzfahrten.

 

Bild 5 JCLos geht es am 2.1. von New York aus, angelaufen werden, wie gesagt, diverse karibische Inseln und am 15.1. fahren wir dann wieder im New Yorker Hafen ein.
Haben Sie Appetit bekommen? Dann schnell ran den PC und www.schachturnier-auf-see.de eingeben. Dort finden Sie alle wichtigen Informationen zu dieser einzigartigen Reise. Bis zum 1.10.2016 kann noch gebucht werden.

 

Zuerste erschienen auf chessbase.de

Melanie Lubbe (hiess früher mal Ohme)
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05. September 2016

Endspiele aus Baku

Ich bin ja nicht z.B. Mark Dvoretsky, der auf chess24 Endspiel-Videos veröffentlicht hat, u.a. zwei (34+38 Minuten) zur "Vancura-Position" - irgendwas in Turmendspielen, viel mehr habe ich ehrlich gesagt aktuell nicht parat. Trotzdem habe ich hier gelegentlich zu Endspielen geschrieben, heute ist es mal wieder soweit. Das Titelfoto bekommt aber nicht Dvoretsky sondern Melanie Lubbe - die sich da wohl besser auskennt als meinereiner, aber in einer praktischen Partie (mit tickender Uhr und knapper Bedenkzeit) auch nicht immer perfekt ist. Thema sind Turm- und auch Bauernendspiele, aus dem ersten wird manchmal das zweite, umgekehrt passiert es eigentlich nie. Allenfalls wird ein Bauern- ein Damenendspiel, und nur dann ist es (aus praktischer Sicht) gelegentlich "unklar" - sonst kann man "objektiv" immer sagen "Weiss gewinnt" oder "Schwarz gewinnt" oder "Remis".

Es gibt einen konkreten Anlass für diesen Beitrag: Vereinsintern üben wir derzeit Endspiele, und einige Praxis-Beispiele von der Olympiade in Baku passen wunderbar dazu. Der Artikel richtet sich dann auch an die Schachfreunde Postma, van Dorsten und van Heerwaarden, aber andere dürfen ihn auch lesen. Noch klafft eine Lücke von gut 1000 Elopunkten zwischen den Texelschen vans und andererseits van Wely und van Foreest. Die soll etwas kleiner werden, wobei ich bezweifle ob Loek (um seine eigenen Worte zu gebrauchen) irgendwann den "heissen Atem" meiner Vereinskollegen spüren wird.

Schwerpunkt im Beitrag sind deutsche Damen, einerseits Zufall andererseits nicht - ich habe nicht alle olympischen Matches beobachtet ... . Aber ich beginne bei den Herren: In Runde 1 gab es an Tisch 2 die Paarung USA-Andorra - die Amis waren (nicht nur weil sie sich zuletzt verstärkt haben) favorisiert und gewannen dann auch 4-0, aber an Brett zwei war Oscar De La Riva Aguado (immerhin GM mit Elo 2503) gegen Wesley So (ebenfalls GM, Elo 2782) sehr nahe am Remis. Oscar spielte Schottisch - etwa von Jorden van Foreest oder gar Sonja Maria Bluhm inspiriert? Eröffnung ist nicht Thema dieses Beitrags, und das ist auch die letzte Anspielung auf die NL-Meisterschaft und meinen Artikel dazu. Endspiel ist Thema dieses Beitrags - nach 44.-Kc6 stand es so:

So De la Riva

 

 

 

 

 

 

 

Aus einem Turmendspiel kann ein Bauernendspiel entstehen. "Wohin mit dem (hier weissen) König?" wird ein Leitmotiv dieses Beitrags. In der Partie geschah 45.Kf3?? Txg5 46.fxg5 d5 47.cxd5+ Kxd5 48.Kg4 (48.Ke3 Ke5 - hier wird Schwarz die weissen f- und g-Bauern verspeisen und anschliessend einen seiner nun beiden Freibauern umwandeln) 48.-b5 49.f4 b4 50.f5 b3 0-1. Weiss hat einen ungefährlichen Freibauern, Schwarz einen unaufhaltsamen.

Das war also falsch, richtig war 45.Kg3 Txg5 46.fxg5 d5 47.cxd5+ Kxd5 - soweit wie gehabt, und nun 48.f4 mit zwei Möglichkeiten: a) 48.-b5 49.Kf3 b4 50.Ke3 b3 51.Kd3 b2 52.Kc2 Ke4 53.Kxb2 Kxf4 usw. - der weisse König ist gerade rechtzeitig zurück, um den schwarzen h-Freibauern aufzuhalten; b) 48.-Ke4 49.Kg4 b5 50.f5 - hier ist der weisse Freibauer genauso stark wie der schwarze.

De La Riva investierte immerhin gut 6 Minuten für 45.Kf3??, dann nochmals - aber es war bereits zu spät - knapp 6 Minuten für 47.cxd5+. Also noch keine extreme Zeitnot, dennoch hatte er sich verrechnet. Dass Andorra Schach spielen kann, zeigten sie übrigens tags darauf durch ein 2,5-1,5 im Derby gegen San Marino.

Ein etwa vergleichbares GM-Duell in Runde drei im Match China-Brasilien - Weiss (GM Barbosa) ist mit Elo 2509 etwas besser als der Andorraner, Schwarz (GM Yu Yangyi) mit 2725 (noch?) nicht ganz so gut wie Wesley So. Nach 36.-Ta3+ stand es so:

Barbosa Yu Yangyi

 

 

 

 

 

 

 

Wohin mit dem (wieder weissen) König? In der Partie geschah 37.Ke4?? Ke6 0-1. 37.Kg4 Kg6 war auch nicht gut, der weisse König muss zurück (nach f2 oder g2). Auch in Endspielen droht mitunter Matt, hier war es Selbstmatt.

Diese beiden Partien wurden auch anderswo erwähnt, die nun folgende auch. Wesley Sos ehemalige Landsfrauen von den Philippinen spielten gegen die favorisierten Georgierinnen, und diesmal gewann (in Partie und Match) nicht das nominell bessere Team - unter anderem aufgrund dieser Partie, Stellung in Fronda(2128) - Khotenashvili(2463) nach 29.cxb3:

Fronda Khotenashvili move 29

 

 

 

 

 

 

 

Hier konnte und musste die favorisierte Schwarzspielerin die Türme auf dem Brett behalten - dann hat sie durchaus Gewinnchancen und kann jedenfalls kaum verlieren. Aber es kam 29.-d5 30.Txf4 gxf4+ 31.Kxf4 Ke6??

Fronda Khotenashvili move 31

 

 

 

 

 

 

 

Mal wieder das falsche Feld für den König, nun den schwarzen, warum? 32.b4! axb4 33.Ke3 b3 34.Kd2 c5 35.a5 usw. - ich bringe das nicht bis zum (für Schwarz bitteren) Ende: zwei entfernte weisse Freibauern (a- und f-) waren hier stärker als drei verbundene schwarze. Nach 31.-Kd6 hätte der Durchbruch übrigens nicht funktioniert, dann können die drei schwarzen Freibauern auch ohne königliche Hilfe marschieren - was genau der Unterschied ist habe ich nicht näher untersucht, aber Engines haben da sicher Recht. "Sicher" war aus schwarzer Sicht 31.-c5 - danach glaubten die Livekommentatoren an (weiterhin) schwarze Gewinnchancen, aber Engines sagen 0.00 also remis.

Nun zwei am Ende glückliche deutsche Damen. In Runde zwei hatte Melanie Lubbe (2324) Weiss gegen die Turkmenin Gozel Atabayeva (2021) - für Gozel eine leichtere Gegnerin als für ihre Verwandten(?) Maksat Atabayev, Yusup Atabayev und Saparmyrat Atabayev (bei den Herren Tisch eins gegen Russland), dennoch war sie Aussenseiterin bei etwa vergleichbarem Elo-Unterschied. Nach 50.Kc4 stand es so:

Lubbe Atabayeva move 50

 

 

 

 

 

 

 

Weiss am Zug, das wäre trivial - natürlich Turmtausch und gewonnenes Bauernendspiel. Schwarz am Zug, was tun? Richtig war auch hier der Turmtausch - danach hätte Weiss zwar einen entfernten Freibauern, aber Schwarz einen gedeckten. Der schwarze Gewinnplan nur grob skizziert: Der König nähert sich dem weissen a-Bauern und "befragt" diesen, dann im richtigen Moment d4-d3, diese beiden Bauern verschwinden vom Brett - und später auch alle anderen weissen Bauern, da Schwarz den aktiveren König hat und den weissen Monarchen immer weiter abdrängen kann. Nach viereinhalb Minuten (sie hatte Turmtausch wohl erwogen aber dann darauf verzichtet?) spielte Atabayeva 50.-Txe4?! - sieht auch gut aus aber gewinnt nicht. Nach drei Minuten spielte Lubbe das aktiv-richtige 51.Th3! - ab hier war die Bedenkzeit womöglich durchgehend beiderseits knapp (nach dem 40. Zug gibt es 30 Minuten Zugabe, danach - wie von Anfang an - 30 Sekunden Inkrement pro Zug, mehr nicht). Es folgte 51.-Tf4 52.Th7 Txf5 53.Txg7+

Lubbe Atabayeva move 53

 

 

 

 

 

 

 

Wieder eine Stellung mit drei verbundenen schwarzen Freibauern und zwei voneinander entfernten weissen, was ist besser? Engines sagen "ausgeglichen", wenn Schwarz das richtige Feld für ihren König wählt. Jedenfalls nicht auf die Grundreihe, dann kann Weiss seinen g-Bauern umwandeln, z.B. 53.-Kd8 54.Ta7 Tg5 55.g7 - Schwarz hat dann zwar 55.-Ke8 56.g8D Txg8 57.Ta8+ Kf7 58.Txg8 Kxg8aber Weiss gewinnt dann das Bauernendspiel: sein König steht im Quadrat der drei schwarzen Freibauern, der schwarze König steht nicht im Quadrat des weissen a-Bauern! Das hatte Atabayeva vielleicht gesehen, aber von den drei Feldern auf der sechsten Reihe wählte sie das falsche, nämlich 53.-Kd6??. Warum ist das falsch? Hier gewinnt 54.Tg8!, z.B. 54.-Ke7 55.Ta8 Tg5 56.g7 Txg7 57.Ta7+ Kf8 58.Txg7 Kxg7 siehe oben. Nach 53.-Kc6 oder 53.-Kb6 hat Schwarz, wenn/sobald nŽtig, den Zug -Kb7.

Aber Lubbe spielte 54.a4? - Stand im Elfmeterschiessen weiterhin 0-0. Es folgte 54.-Tf1 55.a5 Tc1+ 56.Kd3 Tc3+ 57.Ke2 Tc8 58.a6 e4 59.a7 Kc6 - Weiss steht wieder auf Gewinn, da Schwarz (ich verzichte auf Details) zwischenzeitlich nicht die richtige Balance fand zwischen beobachten/kontrollieren der weissen und mobilisieren der eigenen Freibauern. Nun 60.Tf7 (gut genug, 60.Th7 war offenbar noch besser) 60.-d3+ 61.Kd2 Td8:

Lubbe Atabayeva move 61

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz droht 62.-e3+ 63.Kxe3 d2, was tun? Richtig war (nur) 62.Te7! mit quasi Zugzwang nach 62.-f5 63.g7: Nach 63.-f4 kommt einfach 64.Txe4, nach einem Turmzug auf der achten Reihe kommt 64.Tf7 nebst Tf8, und nach 63.-Kb6 64.Td7! was den Turm von der d-Linie bzw. der achten Reihe vertreibt. Am besten sollte man dann die nette Variante 64.-Txd7 65.a8S+!!? Kb7 66.g8D e3+ 67.Kxe3 d2 68.Db3+ Kxa8 69.Da4+ Ta7 70.De8+ Kb7 71.Kxd2 sehen, da Dame gegen Turm und drei verbundene Freibauern sonst vielleicht nicht trivial gewonnen ist (und Dame gegen Turm muss man danach immer noch gewinnen). Falsch war Lubbes 62.Txf6+? Kb7 - wieder sagen Engines 0.00. 63.Tf7+ Ka8 64.Te7

Lubbe Atabayeva move 64

 

 

 

 

 

 

 

Zugzwang wie oben nach (nicht gespielt) 62.Te7 ? Nein, der schwarze f-Bauer ist nicht mehr auf dem Brett, und der schwarze König steht eingeklemmt auf a8. Das sollten eigentlich genug Tips sein, um die schwarze Verteidigung selbst zu finden - ich nenne sie daher erst später, stattdessen erst die Partiefortsetzung: 64.-e3+ 65.Txe3 Kxa7 (den hat sie erwischt, aber den g-Bauern nicht) 66.Txd3 Tg8 67.Td3

Lubbe Atabayeva move 67

 

 

 

 

 

 

 

- also nun Turm und Bauer gegen Turm, manchmal ist das remis - aber hier nicht, da der schwarze König zu weit vom Geschehen entfernt ist. Beide Könige bewegten sich Richtung g-Freibauer, der weisse ist schneller: 67.-Kb6 68.Ke3 Kc6 69.Kf4 Kd6 70.Kg5 Ta8 (nach 70.-Ke5 wird der schwarze König mit 71.Te3+ wieder auf die d-Linie geschickt) 71.Kf6 Tf8+ 72.Kg7 Tf2

Lubbe Atabayeva move 72

 

 

 

 

 

 

 

Melanie Lubbe studiert(e) zwar Psychologie und nicht Bauingenieurwesen, aber eine Brücke bauen kann sie, jedenfalls diese: 73.Te3 Tg2 74.Kf7 Tf2+ 75.Kg8 Tg2 76.g7 Kd7 77.Te4 Tg1 78.Kf7 Tf1+ 79.Kg6 Tg1+ 80.Kf6 Tg2 81.Te5 Tf2 82.Tf5

Lubbe Atabayeva move 82

 

 

 

 

 

 

 

1-0

Im 64.Zug musste Schwarz 64.-Tg8 spielen, und erst nach 65.g7 Material über Bord werfen: 65.-e3+ 66.Kxe3 (66.Txe3 Txg7) 66.-d2 67.Kxd2 Txg7 68.Txg7

Lubbe Atabayeva Variante

 

 

 

 

 

 

 

Abweichendes Borddesign, da es eine Variante ist und da das Melanie Lubbe wohl nicht gefallen hätte.

Tags darauf gewann Marta Michna(2383) im Match Deutschland-Aserbaidschan 2 ebenfalls in 82 Zügen gegen Khayalla Abdullah (2214), aber da steige ich erst im 75. Zug ein:

Michna Abdulla move75

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz am Zug, was tun? Richtig war 75.-Th7! und Weiss kann keine (weiteren) Fortschritte machen. Aber Frau Abdullah tat mir einen Gefallen und erzeugte mit 75.-Txa4? eine Tablebase-Stellung - da weiss auch ich genau was Sache ist. Frau Michna tat sie damit auch einen Gefallen, aber die sah es nicht und spielte 75.b6? - 75.Te7+, nur so! 75.-Kc8 76.Kb6 Tb4 (sonst 77.Ka7 - der weisse König versteckt sich hinter dem schwarzen a-Bauern - nebst b6-b7-b8D) 77.Kxa5 und auch hier kann Weiss dann eine Brücke bauen. In der Partie geschah dann 76.-Ta1 77.Te7+ (zu spät, da der weisse König nun nicht mehr vor seinen Bauern kommt) 77.-Kc8?? 78.b7 SCHACH 78.-Kb8 79.Kb6 Tb1+ 80.Ka6 (im grauen Diagramm oben hätte Weiss gerne einen a-Bauern heimlich entfernt, hier Schwarz) 80.-Tb2 81.Te8+ Kc7 82.Tc8+ 1-0. Natürlich war 77.-Kb8 oder auch 77.-Ka8 (78.b7+ Ka7) aus schwarzer Sicht besser, noch schlechter war übrigens 77.-Ka6 78.Ta7 matt.

Lubbe-Atanbayeva war übrigens nicht matchentscheidend, aber 3,5-0,5 war aus deutscher Sicht besser als 3-1 oder 2,5-1,5. In Runde 3 sicherte Marta Michna so ein 2-2 Remis für Deutschland (immer noch etwas enttäuschend, aber 1,5-2,5 wäre schlechter gewesen).

 

 

Olympischer Blick nach Belgien
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Vor zwei Jahren hatte ich die damalige Olympiade (auch) "von unten" betrachtet - ein kleiner Bericht zum Team aus Bhutan. Diesmal etwas zu einem Land, das nur im Alphabet relativ nahe bei Bhutan liegt, allerdings weder schachlich noch kulturell noch geographisch. Belgien ist Nummer 64 der Setzliste, damit oberes Mittelfeld knapp hinter Schottland und recht knapp vor Mazedonien (politisch korrekt heisst das FYROM). Nach Elo besser sind unter anderem Portugal, Singapur, Bangladesch (schon sind wir wieder in der Nähe von Bhutan) und die Mongolei. Das musste nicht unbedingt sein - in Bestbesetzung wäre Belgien immerhin etwa Nummer 41, auf Elo-Augenhöhe mit Österreich, Bosnien-Herzegovina und Dänemark. Aber sie spielen nicht in Bestbesetzung, sondern mit der Nummer 1 (immerhin), 13, 15, 21 und 46 ihrer aktuellen Eloliste. Ersatzspieler FM Roel Hamblok ist nebenbei auch Kapitän, auch die Belgierinnen haben mit Sarah Dierckens eine Kapitänin die selbst auch mitspielt. Wie kam das zustande? Dazu habe ich ein bisschen recherchiert - bei zwei Quellen die womöglich anonym bleiben wollen, eine nannte auch öffentliche Quellen die ich (der niederländischen Sprache mächtig, Französisch ginge auch) verstehe.

Natürlich ist Belgien ohnehin ein eher kleines Schachland, schachlich am ehesten denen ein Begriff die (darunter mindestens ein Leser dieses Blogs) in der belgischen Liga spielen. Ein paar GMs und IMs haben sie doch, sowohl einheimische als auch zugereiste (dieser Aspekt bleibt nun aussen vor). Was hat der belgische Schachverband nicht oder nur sehr begrenzt? Geld. Dafür gibt es offenbar mehrere Gründe: Seit Jahren wird eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge blockiert, Sponsoren wohl Fehlanzeige - und es gibt noch einen dritten Grund den beide Quellen erwähnten, den ich aber mangels Details nicht direkt nenne. Womöglich hat es aber damit zu tun, dass der Haushalt nun auf der Verbandsseite detailliert dokumentiert wurde. Es gibt drei Einnahmequellen: Mitgliedsbeiträge pro Jahr ca. 50.000 Euro, Subvention vom BOIC/COIB (was ist das denn und warum zwei Akronyme? dazu komme ich gleich) 1500 Euro, sowie die belgische Liga die pro Jahr ca. 20.000 Euro einbringen soll. Neben Meldegeldern von gut 15.000 Euro waren im Haushalt 2013/2014 auch Geldbussen in Höhe von 3800 Euro vorgesehen - die Vereine haben sich dann zwar daneben benommen (Details kenne ich nicht) aber nicht genug, so kam nur 3107,50 Euro in die Verbandskasse. Daran lag es aber kaum, dass sie 2013/2014 etwa 28.000 Euro Verlust machten, statt der einkalkulierten Bilanz von minus 12.000 Euro (der geplante Haushalt 2014/2015 war solider, nur 11.000 Euro Verlust). Entscheidend waren wohl vor allem höhere Kosten für die Olympiade in Tromso (geplant 8.000 Euro, es wurden 15.300 Euro) sowie für internationale Jugendturniere (geplant 12.000 Euro, tatsächlich gut 32.000 Euro).

Wer oder was ist das BOIC/COIB? Das bedeutet Belgisch Olympisch en Interfederaal Comité bzw. Comité Olympique et Interfédéral Belgique, alles in Belgien schön doppelt, auf Deutsch hiesse es Belgisches Olympisches Komitee. Die müssen vorhandene Gelder breit verteilen, da fast alle Sportarten drei Landesverbände haben - einen nationalen, einen frankophon-wallonischen und einen flämischen. Das kleine bisschen deutschsprachiges Belgien ist da übrigens recht bescheiden - eigene Verbände nur für Boxen, Wintersport und Ringen. Wie das Titelbild zeigt, ist der Schachverband dreisprachig.

Klar war, dass sie (Halb-)Profis keine Konditionen bieten konnten. Bei der Olympiade 2014 in Tromso war Belgien (GM Winants, GM Michiels, IM Ringoir, IM Docx, FM Vandenbussche) noch an 44 gesetzt, übrigens wurden sie dann - nach Niederlage in Runde 10 gegen Kanada und (zu) knappem 2,5-1,5 Sieg gegen Luxemburg in der Schlussrunde - 67. . Zufriedener waren sie wohl mit dem ebenfalls knappen 1,5-2,5 gegen Deutschland. Bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft 2015 in Reykjavik spielten dann vier IMs, Ersatzspieler Fehlanzeige - an 32 gesetzt wurden sie 33. . Und wie kam diesmal das Team (GM Winants, IM Vandenbussche, IM Soors, FM Capone, FM Hamblok) zustande? Man konnte ja kaum die Eloliste nacheinander von oben bis relativ weit unten befragen, bis endlich fünf Spieler ja sagen. Machten sie auch nicht, stattdessen eine Einladung auf der Verbandsseite - eine meiner Quellen meinte: "da die Verbands-Webseite selten aktualisiert und daher kaum gelesen wird, haben viele das wohl gar nicht gesehen". Jedenfalls konnte jeder, der die Voraussetzungen erfüllt (oder eventuell auch nicht alle Voraussetzungen) sich um einen Platz in der Nationalmannschaft bewerben. Welche Voraussetzungen? 1) Belgischer Staatsbürger oder "FIDE-Belgier" mit seit zwei Jahren Wohnsitz in Belgien. 2) Elo (April 2016) mindestens 2250 für Herren bzw. 1800 für Damen (auf Basis aktueller Elozahlen konnten sich 62 Herren und immerhin 13 Damen bewerben). 3) mindestens 20 Elo-ausgewertete Partien in Belgien im Zeitraum Juni 2014 bis Mai 2015. 4) mindestens einmal Teilnahme an der belgischen Landesmeisterschaft (geschlossenes "Experten"-, offenes bzw. Damenturnier) in den letzten 3 Jahren. Wer nicht alle Voraussetzung erfüllte, konnte sich auch bewerben und musste dann begründen, warum er besondere Verdienste für das belgische Schach aufzuweisen hat - wobei Spieler die alle Kriterien erfüllen dennoch bevorzugt werden. Was gab es dafür? Reisekosten, Unterbringung mit Vollpension im Einzel- oder Doppelzimmer sowie 150 Euro Pauschale für andere Kosten - kein Startgeld, keine Erfolgsprämien, damit ist es für (Halb-)Profis eher nicht interessant. Die "ewige" belgische Nummer eins Luc Winants hat anscheinend einen "Privatsponsor".

Wenn ich richtig gezählt habe, hat Winants übrigens Kriterium 3) knapp verfehlt - 19 Partien in Belgien im relevanten Zeitraum, alles Mannschaftskämpfe, keine Turniere. Ich weiss nun nicht, ob er vom Verband gar nichts bekommt, ob sich insgesamt gerade mal fünf Spieler beworben haben, oder ob es für ihn eine Ausnahmeregelung gab (wenigstens ein GM sollte dabei sein). Demnach kam die belgische Nummer 2 Gurevich nicht in Frage - er spielte die letzten Jahre zwar ab und zu, aber gar nicht in Belgien. Womöglich gibt es noch einen anderen Grund: zwischendurch war er ja Schachtürke, und falls der belgische Verband die "transfer fee" von 5000 Euro an die FIDE nicht gezahlt hat, ist er (siehe hier) erst ab 1.10.2016 wieder für Belgien spielberechtigt. In Baku ist er übrigens doch bzw. nun doch nicht - er war als Kapitän des komplett elolosen Teams aus Djibouti vorgesehen, aber Djibouti ist zur ersten Runde nicht erschienen und wurde für die zweite Runde nicht gepaart. Die belgische Nummer 3 Chuchelov kam auch nicht in Frage - er ist vor allem Schachtrainer und spielt fast gar nicht mehr selber (eine Partie in der belgischen Liga im relevanten Zeitraum, das war's). Die nächsten vier GMs (Michiels, Malakhatko, Dgebuadze, Ringoir) und diverse IMs verzichteten offenbar.

Das geschwächte belgische Team war in Runde eins gut genug für ein 4-0 gegen Sao Tome & Principe - etwas schwächer als Texel in Bestbesetzung, aber wir sind ja nicht unabhängig und daher nicht spielberechtigt. Schade eigentlich, auch mit den niederländischen Antillen, Jersey, Guernsey und San Marino könnten wir etwa mithalten, und gegen einige andere Gegner wären wir Favorit. In Runde 2 steht Belgien nun im Rampenlicht - Tisch 3 gegen Titelverteidiger China! Die Damen hatten es in Runde eins noch leichter und gewannen locker-kampflos gegen Djibouti, in Runde zwei sind sie gegen Usbekistan Aussenseiter.