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FAZ lanciert Schachblog
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Mittwochmorgen ging der neue Schachblog der Frankfurter Allgemeine online. Unter dem Titel "Berührt geführt" geht es nicht nur um Spitzenschach sondern sollen verschiedene Facetten des Spiels beleuchtet werden. Mindestens zweimal die Woche schreiben Herausgeber Jürgen Kaube, Wirtschaftsredakteur Alexander Armbruster, Philosophie-Professor Jan Sprenger und der freie Journalist Stefan Löffler.

Los ging es anlässlich des aktuell in Bilbao beginnenden Weltklasseturniers mit einem Stück über WM-Herausforderer Sergei Karjakin und warum er im Baskenland überhaupt zum Zug, jedoch eher nicht für den ersten Platz in Frage kommt.

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Lev Yankelevich, Karlsruhe 2016
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"Om te janken" (Niederländisch für "heulen") passt eigentlich besser, aber dies ist nun einmal eine deutschsprachige Seite. Was war passiert? Er hatte Schwarz, vom 20.-80. Zug lautete das Computerurteil (fast) durchgehend -2 bis -3, dann ein paar Züge lang "remis", dann kippte die Partie im 88. Zug nochmals zu seinen Gunsten, dann im 89. Zug und nun definitiv zu seinen Ungunsten - 1-0 statt 0-1. Das ist immer ärgerlich, vielleicht erst recht wenn der Gegner ein bekannter (oder jedenfalls nicht "unbekannter") Grossmeister ist. Hier, gespielt beim Najdorf Memorial in Warschau, war es der beste Spieler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten - Salem Saleh oder auch Saleh Salem, da widersprechen sich diverse Quellen (und das hatte ich ihn selbst, als ich 2015 in Wijk aan Zee die Chance hatte, nicht gefragt).

Derlei Elo-ungleiche Duelle gibt es oft in offenen Turnieren oder auch Mannschaftskämpfen - hier knapp 200 Elopunkte Unterschied, manchmal noch mehr. Wenn der Favorit das souverän gewinnt, ist es eher nicht Stoff für einen Artikel. Aber nicht immer gewinnt der Favorit souverän, mitunter gewinnt er nicht oder nur mit dem Glück des Grossmeisters. Dies ist quasi Teil drei einer Trilogie (Fortsetzung folgt eventuell irgendwann wenn es sich ergibt): 1) Ivan Sokolov, übrigens Trainer von Salem Saleh oder Saleh Salem, zappelte bei der französischen Mannschaftsmeisterschaft 2015 gegen den titellosen Sebastien Tranchant und dann wurde es remis. 2) Markus Ragger besiegte dieses Jahr bei der Europameisterschaft den ebenfalls titellosen Kosovaren Perparim Makolli, aber wie ... .

Lev Yankelevich (*1997) ist ein etwas anderes Kaliber als Tranchant oder Makolli, immerhin Elo 2415 (wobei er seit gut einem Jahr auf diesem Niveau stagniert) und demnächst offiziell IM - vier Normen hat er erzielt, die letzte beim eingangs erwähnten Grenke Open, der nächste FIDE-Kongress ist bei der Olympiade in Baku. Er spielte früher Bundesliga für Trier, da gab es dann offenbar Meinungsunterschiede betrifft seine weitere Förderung. Aktuell spielt er für Eppingen eine Etage tiefer, daneben auch in Luxemburg sowie Turniere in Deutschland und Umgebung, nun in Polen. Seinen Gegner will ich auch noch fotografieren, bzw. das tat Alina l'Ami für mich 2015 in Wijk aan Zee:

Saleh

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt noch viele andere Fotos von ihm, teils auch in traditionell arabischem Outfit, und Bart hat er mal mehr mal weniger. Auch beim Najdorf Memorial wurde fotografiert - darunter viele junge Spieler (wohl noch jünger als Yankelevich und vermutlich sind es Polen). Das muss hier nicht sein, aber ein Turniersaal-Panorama:

Turniersaal Warschau

 

 

 

 

 

 

 

Und nun zur Partie - komplett will ich sie nicht besprechen, wobei ich alle 96 Züge und ein paar knappe Varianten im Internet deponiert habe. Die Eröffnung ignoriere ich mal und steige ein nach 20.-Ld6:

Salem Yankelevich move 20

 

 

 

 

 

 

 

Zuvor war 18.Lc3 La3 19.Ta1?! (19.Lb2 =) 19.-Sb6 20.Sb1 (äh) Ld6 nicht unbedingt das Gelbe vom Wüstensand, nun entkorkte der Favorit 21.La5?. Guter Rat war im Vorteilssinne ohnehin teuer, aber im Ausgleichssinne besser war 21.g3 um zu verhindern was nun kam: 21.-Dh4! befragte zusammen mit dem nächsten Zug den ebenso "aktiven" wie ineffektiven Lh3: 22.Sd2 (Springer wieder entwickeln ist schon naheliegend) 22.-Lc8 23.Lxc8 Lxh2+ (Computer bevorzugen 23.-Dxh2+, warum wird gleich klar) 24.Kf1 Txc8 25.Dc5(?) [hier "ging" 25.Sxe4 Dxe4 26.Dxe4 Txe4 27.g3 Lxg3 28.fxg3 - wobei das auch wahrlich nicht toll ist aus weisser Sicht] 25.-Ld6 (nun behält Schwarz diesen Läufer doch) 26.Dc6 Dh1+ 27.Ke2 Dh5+ 28.Ke1 Sd5 (war natürlich bei 19.-Sb6 bereits geplant) 29.g4 Dg5 30.Tdc1

Salem Yankelevich move 30

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Computer plädieren für 30.-Sxe3 31.fxe3 Dxe3+ 32.Kd1 Dxd4 und schreiben die Todesanzeige für den re-zentralisierten weissen König - plausibel, aber muss Schwarz so spielen? Was, wenn Weiss doch noch Ressourcen haben sollte? Yankelevich dachte (falls er das überhaupt erwogen hat) "warum opfern, wenn ich auch Material gewinnen kann?" und spielte 30.-Lb4 31.Lxb4 Sxb4 32.Dd7 Sd3+ 33.Ke2 Tcd8 34.Df5 Sxc1+ 35.Txc1 Dxf5 36.gxf5 Te7

Salem Yankelevich move 36

 

 

 

 

 

 

 

Das sieht auch gut aus, "der Rest ist Technik"!? Er wusste sicher, dass der Grossmeister zumindest noch weiterspielen wird und dass die Verwertung des materiellen Vorteils nicht trivial ist. Wie gewinnt man eine Gewinnstellung am "einfachsten", im Mittelspiel oder im Endspiel? Dann wurde manövriert, vielleicht teilweise auch nur hin und her gezogen, ich steige wieder ein nach 62.-a5?!

Salem Yankelevich move 62

 

 

 

 

 

 

 

Er wollte seinen a-Bauern behalten und nun konnte Weiss Gegenspiel bekommen mit 63.e5! Txd5 64.Txf6+ Kg5 (bitte nicht 64.-Kg7?? 65.Se6+ nebst 66.Tf8 matt) 65.Tf5+ Kg4 66.Tf4+ Kg3 67.Te4 - der schwarze König musste (um Dauerschach zu vermeiden) ins Abseits flüchten, der weisse e-Freibauer ist potentiell gefährlich. Ob das aus weisser Sicht (zum Remis) reicht, sei dahingestellt. Nachdem der Weisspieler diese Chance verpasste (63.Kf4) blieb Schwarz weiterhin am Drücker, wobei Saleh (ich entscheide mich nun für diese Version) weiterhin alles versuchte - so stand es nach 76.Kf5 um den Bauern auf f6 nun doch zu verhaften:

Salem Yankelevich move 76

 

 

 

 

 

 

 

Am besten war nun 76.-Th3 - Tempogewinn durch Angriff auf den Springer bevor dieser wieder ins Geschehen eingreifen kann, Platz machen für den b-Bauer. Yankelevich spielte 76.-Tb1?! und ab hier bringe ich das dramatische Finale komplett: 77.Txf6+ Ke8 78.Ke6 Te7+ 79.Kd6

Salem Yankelevich move 79

 

 

 

 

 

 

 

Schon wieder ein Diagramm, denn hier kippte die Partie erstmals (abgesehen von dem einen Moment im 63. Zug). Was spricht gegen 79.-Txe4 ? Nichts, sagen Computer die das mit 80.Sg6 Kd8 (muss natürlich sein) 81.Tf8+ Te8 82.Tf7 Kc8 usw. näher erläutern - hier kann Weiss seine Figuren (und den verbliebenen d-Bauern) nicht effizient koordinieren. Das war nicht der einzige schwarze Gewinnweg, das gespielte 79.-b3? war objektiv ein Remisweg: 80.Sg6! (das hätte 76.-Th3! verhindert) 80.-Tf7 81.Te6+ Kd8 82.Se5 Tc7 83.Th6 Kc8 84.Th8+ Kb7 85.Sc6 Tg7 86.e5 b2 87.Tb8+ Ka6 88.e6??

Salem Yankelevich move 88

 

 

 

 

 

 

 

Aber so "eigentlich" nicht, wollte Saleh tatsächlich gewinnen? Der e-Bauer wird zwar zum weissen Helden der Partie, aber nur dank doppelter gegnerischer Hilfe. 88.Tb3 oder 88.Ta8+ ist weiterhin remislich. 88.-a4?? - so nicht! Nach 88.-Tb7 entscheidet nicht der weisse e-Bauer, sondern in die andere Richtung der schwarze b-Bauer. Es gibt diverse Varianten, aber alles will ich nicht rezitieren (falls irgendjemand daran zweifelte, natürlich befrage ich Computer statt selbst zu analysieren!). 89.e7 - spätestens hier bereute Schwarz, dass er 79.-Txe4 verworfen hatte.

Salem Yankelevich move 89

 

 

 

 

 

 

 

Nun gibt es diesen Bauern nicht mehr gratis, Pflicht war 89.-Txe7 90.Sxe7 a3 91.Ta8+ Kb5 92.Txa3 Kc4 - und der jederzeit einzugsbereite b-Bauer sichert immerhin das Remis. Aber ... 89.-Tg6+?? 90.Kc7 (droht 91.Tb6 matt, also) 90.-Txc6+ 91.dxc6 Te1 92.e8D Txe8 93.Txe8. Nun geht zwar 93.-b1D, aber Weiss kann das mit 94.Ta8+ nebst 95.Tb8+ nebst 96.Txb1 entkräften - das hatte Yankelevich wohl übersehen. Es folgte noch 93.-Ka7 94.Te4 Ka6 (94.-b1D 95.Txa4 matt, auch das noch ...) 95.Txa4+ Kb5 96.Ta8 1-0.

Die Moral der Geschichte? "Nichts ist schwieriger, als eine gewonnene Partie zu gewinnen" - aber das wusste das Publikum bereits aus früheren Artikeln, der eine oder die andere (ich selbst gehöre zu diesem Kreis) wohl auch aus eigener Praxis. "Durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen" - noch so ein Spruch. Beiderseits chronisch knappe Zeit mag eine Rolle gespielt haben: Zeitkontrolle ist 90 Minuten für 40 Züge, dann nochmal 30 Minuten mit 30 Sekunden Zugabe pro Zug von Anfang an. Mehr als zwei Minuten pro Zug konnten beide letztmals im 56. Zug investieren. Vergleiche zwischen Schach und Fussball hinken immer, aber auch bei der EM der Kicker galt mitunter "Man gewinnt, indem man ein Tor schiesst (bzw. mindestens eines mehr als der Gegner), nicht unbedingt indem man die Partie über weite Strecken dominiert ohne dabei Tore zu schiessen." Elfmeterschiessen - bzw. in einem Viertelfinale munteres Elfmeterverschiessen - ist eher mit Armaggedon im Schach vergleichbar.

P.S.: Diverse andere (oft junge) Deutsche spielen derzeit ebenfalls in Warschau, aber das kann oder will ich in diesem Artikel nicht auch noch besprechen.