SCHACHWELT- News, Stories, Schachtraining und Schachreisen
Wer wird der nächste Champion?
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Thomas Richter ist der neue Herausforderer von Weltmeister Holger Hebbinghaus. In einem aufwändigen Prozedere, zu dem in Moskau eigens acht recht starke Schachspieler zusammenkamen, ermittelte der internationale Schachwelt-Blog aus einer Vielzahl von gewieften Tippspiel-Kandidaten den Besten der Tipper-Zunft - und das ist, wie wir nun wissen, ohne Zweifel Thomas Richter von der holländischen Nordsee-Insel Texas.

SF Richter hatte sich zwar mit seinem Sieger-Tipp, dem russischen Sieger-Typ Sergej Karjakin, weit vorgewagt und stand damit lange Zeit allein auf weiter Flur. Die Führung in dem spannenden Wettbewerb hatte für viele Runde der bislang noch wenig bekannte SF Ta inne, der sich auf Fabiano Caruana festgelegt hatte. Auch der stets unverwüstliche MiBu (Westeuropa) hatte Aussichten, denn sein Tipp, der frühere Ex-Weltmeister Viswanathan Anand, lag zur Mitte des Tippspiel-Turniers gut im Rennen, ebenso wie die Schachwelt-Mitarbeiter Dennis Calder und Olaf Steffens mit ihrer furiosen Wette auf Levon Aronian.

Doch wie es so ist im Leben und öfter noch im Schach, kommt es am Ende manchmal nicht so wie erhofft, und jemand anders läuft mit dem ersten Preis davon. In diesem Fall ist dies Thomas Richter (sagten wir das bereits?), und er wird stolzer Besitzer einer Original Bremer Kandidatenturnier-Schokolade des ehemaligen Bremer Schokoladen-Herstellers Hachez werden. (Thomas, schicke bitte einmal Deine Adresse zu!).
Thomas hat sich dadurch auch für den Kampf um den Weltmeistertitel im Tippspielen qualifiziert, zu dem er im Herbst gegen den langjährigen Amtsinhaber Holger Hebbinghaus antreten wird. Hebbinghaus hat als Weltmeister über Jahre hinweg alle Tippspiele hier im Blog dominiert und ungefährdet die schönsten Preise eingefahren. Doch im Herbst ist damit vielleicht Schluss - Thomas Richter und Holger Hebbinghaus werden die Ergebnisse eines zu diesem Anlass ausgerichteten Schachwettkampfes zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin tippen, und dann wollen wir doch mal sehen, wer der neue Weltmeister wird - im Tippspielen natürlich.

holger hebbinghaus
Weltmeister Hebbinghaus - wird er seinen Titel verteidigen können?

Herzlichen Glückwunsch an Thomas Richter, und an Sergej Karjakin - großes Tippen, großes Schach, und danke für die tollen Tage in Moskau!

PS Mehr zum Kandidatenturnier, zu Sergej Karjakin, einen Cadillac - und von Thomas Richter hier:

http://www.chess-international.de/Archive/54556

Nick Pert – Typical Mistakes by 1600-1900 Players
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Nick Pert ist GM (Spielstärke ca. 2500 ELO) und zur Zeit der Erstellung dieser DVD englischer Nationaltrainer. Er hat es sich in dieser DVD zur Aufgabe gemacht, sich mit typischen Fehlern von fortgeschrittenen Amateuren (1600-1900 Rating) zu beschäftigen. Das ist ein ungewöhnlich spezieller Ansatz. Im Prinzip bietet Chessbase hier ein Einzeltraining mit einem GM an.

Pert hat in 11 Kapiteln und insgesamt 57 Videos – dem Titel entsprechend – die typischen Fehler dieser Zielgruppe gegliedert, beschrieben und dann knackig erläutert, worauf man zukünftig achten möge, um die Fehler zu vermeiden. Zwischendurch bietet er interaktive Übungen an. Wie gut ist das Werk? Das Preis-Leistungs-Verhältnis lohnt sich.

Des Autors Englisch ist leicht verständlich. Die Beispiele sind allesamt von (oft jungen) Spielern der relevanten Ziel- oder sollte man je nach Blickwinkel eher Opfergruppe sagen? – und steigen dort ein, wo ein Fehler geschehen ist. Die Beschreibung, was Pert hier genau macht, ist nicht so leicht in griffige Worte zu fassen. Vorab ein Hinweis: Eine Eigenschaft des sehr guten Schachspielers ist, sich zum richtigen Zeitpunkt die richtige Frage zu stellen. Die meisten Schachautoren erklären nur, wie man bestimmte Stellungen zu bewerten hat (= die Frage zu beantworten), geben aber nicht besonders griffig mit auf den Weg, worauf es bei der Bewertung besonders ankommt (= welche die richtigen Fragen sind und wann man sie sich vorzugsweise stellt).

Pert zeigt in den Videos dieser DVD jeweils zunächst, wie die Partie verlief. Dann erklärt er aber – und das ist hier gut so – nur am Rande, welche Züge man in der jeweiligen konkreten Stellung hätte spielen sollen.

Der eigentliche Lerneffekt ist, dass Pert in jedem Beispiel sehr prinzipielle Hinweise gibt, wie man hätte besser nach anderen Lösungen hätte suchen sollen, soll heißen, welche Frage der Spieler sich in der kritischen Stellung hätte stellen sollen. Den sehr guten Schachtrainer zeichnet unter anderem aus, den Schüler mit einer umfangreichen Sammlung von hilfreichen Fragen auszustatten. Genau das macht Pert hier in jedem einzelnen Video und unterscheidet sich damit deutlich von vielen anderen Videos bzw. Büchern. Das kenne ich nur von wenigen und wirklich guten Trainern. Man bekommt hier also einen ganzen Haufen von guten Fragen für die eigenen Partien. Und das ist unverzichtbar, wenn man höhere Weihen erreichen will. Natürlich gibt es auch knackige Faustregeln für den „Alltagsgebrauch“. Sehr lohnenswert für alle Spieler von 1300-1900 Rating.

Dennis Calder

Fide Instructor

Sterne4

20. März 2016

En Passant kampioen!

Baden-Baden schafft es dieses Jahr womöglich ausnahmsweise nicht - Schuld ist dann Werder Bremen, genauer gesagt unter anderem der Ur-Bremer David Smerdon, laut anderen Quellen ist er Australier mit Wohnsitz Amsterdam. Wie dem auch sei, in der Bundesliga gewann er überraschend gegen einen anderen Weltenbummler (aktueller Wohnsitz Baku), und das auch noch mit Schwarz.

Unser Vereins-Namensvetter aus Bunschoten, den ich hier bereits einmal vorgestellt hatte, schafft es vielleicht, vielleicht auch nicht. Entscheidend ist das Duell gegen den Konkurrenten SISSA aus Groningen am 2. April. En Passant muss gewinnen, SISSA reicht voraussichtlich ein 5-5. Wieder ist Werder Bremen beteiligt, denn im Groninger Kader sind, neben u.a. den Groningern Jorden und Lucas Van Foreest auch diverse deutsche Spieler, darunter Matthias Bluebaum und Thorben Koop. En Passant Bunschoten hat dagegen aus Deutschland nur Igor Khenkin, der bisher einmal mitspielte, ansonsten vor allem Spieler die Niederländer sind oder jedenfalls in NL wohnen (Sopiko Guramishvili, Alina l'Ami). Alinas Ehemann spielt auch mit, Sopikos Ehemann hat keine Zeit bzw. der Verein hat nicht (mehr) genug Geld für ihn. Dann sah ich auf der Vereinshomepage, dass Giri immerhin im Aufgebot ist, nur hat er bisher noch nicht mitgespielt - für Solingen in der deutschen Bundesliga auch nicht, eventuell werden ein bis zwei Vereine Landesmeister ohne ihr Spitzenbrett einzusetzen? Mannschaftsführer Guido de Romph fragte, ob ich beim Spitzenduell zuschaue ("Wir spielen mit einem starken Team" - das darf SISSA, wenn sie hier mitlesen, wohl wissen bzw. das wissen oder vermuten sie ohnehin). Aber es geht nicht, da ich am 2. April einen eigenen Mannschaftskampf habe, auch wenn dieser für uns unwichtig ist, denn ....

En Passant kampioen stimmt trotzdem, bereits eine Runde vor Saisonschluss. Die aktuelle Tabelle zeigt, dass es einerseits souverän war, andererseits nicht unbedingt:

Tabelle2

Warum wir die Tabellen-Ästhetik etwas ruinierten (gegen Bergen2 reichte auch 4,5-3,5 oder 4-4), dazu später mehr. Das ist die regionale Klasse 2A des nord-holländischen Schachbundes. Der (Wieder-)Aufstieg war nicht unbedingt geplant, vielleicht sollten wir unseren Verein umbenennen in "Par hazard" (Aus Zufall). Viermal 4,5-3,5, oft konnte es auch anders ablaufen. Wie angedeutet, letzte Saison waren wir in der Provinz Noord-Holland (ohne Amsterdam, das hat seinen eigenen Schachverband) erstklassig - abgesehen davon, dass es darüber noch die "Promotieklasse" gibt (und dann noch vier überregionale Ligen). Da haben wir uns angewöhnt, Partien aus Mannschaftskämpfen hinterher zu analysieren, und "der Journalist" (ein gewisser Thomas Richter) darf das vorbereiten und koordinieren. Für En Passant Bunschoten macht das FM Richard Vedder und teilt seine Entdeckungen dann mit einem breiteren Publikum, was er kann das kann ich auch (auf meinem Niveau, wobei schlaue Computer mithelfen). Bevor ich einige Momente der gesamten Saison auswähle, ein paar Worte zu unserem Team: Nachdem unser irakischer Asylant a) Niederländer wurde und b) den Verein verlassen hat, bin ich der einzige Nicht-Niederländer - aber kein 'Söldner', sondern mit Wohnsitz auf der Insel. Laut Texelscher Definition ist allerdings nur etwa das halbe Team 'geboren en getogen Texelaar', die anderen sind vom Festland angespült - einer gar aus der Region Arnhem bei Deutschland. Zwei Gastspieler wohnen auf dem Festland, sind allerdings öfters im Urlaub auf Texel und boten an, unser Team zu verstärken (die Inselsituation hat Vorteile, allerdings auch Nachteile).

Und nun wird es diagrammatisch Runde für Runde - Schwerpunkt meine eigenen Partien, da ich diese am besten kenne und (wobei alles relativ ist) am besten verstehe. In Runde 1 war ich aber nicht dabei. An diesem Wochenende hatte ich potentiell drei Termine: ein Software-workshop auf Korsika, als Reporter in Berlin bei der WM im Blitz- und Schnellschach oder ein Mannschaftskampf in der noord-holländischen Provinz. Aus beruflichen Gründen wurde es Korsika. Eine Partie aus diesem Match hatte ich bereits besprochen, das muss ich hier nicht wiederholen.

In Runde 2 das Derby gegen unseren Nachbarn M.S.C. aus Den Helder (Fährhafen am Festland). Das gab es im Laufe der Jahre öfters, mal gewann das eine, mal das andere Team - und mal gab es dieses Derby nicht, da einer von beiden Vereinen höherklassig spielte. Diesmal gewannen wir 4,5-3,5 - ich bin unschuldig da ich zwar mitspielte aber am Ende verlor.

Richter (1959) - Bergman (1798) 0-1 - Zwei Momente aus dieser Partie:

Richter Bergman move 12

 

 

 

 

 

 

 

Ein sizilianischer Drachen, Schwarz spielte gerade 11.-b5? . Das gab es laut Datenbank bereits 13-mal (und womöglich auch noch in Partien wie dieser, die nicht in Datenbanken auftauchen). Dreimal fand Weiss den besten Zug, die Elobesten Ivan Rozum (2297), Uros Krstic (2270) und Yuri Kozin (2197) schafften es nicht, im Gegensatz zum mit mir etwa gleichwertigen Sebastian Voelker (1989). Bei Ivan Rozum, aktuell Grossmeister, war es eine Jugendsünde (gespielt bei der WM U14 in Belfort 2005), bei den anderen weiss ich es nicht, bei mir war es keine Jugendsünde. Der Leser darf selbst die Lösung finden, nur ein Hinweis: das von mir gespielte 12.h5? war nahe dran und doch daneben. Danach verschoss ich noch zwei klare Elfmeter, vergab dann meinen Vorteil und hatte im zweiten Diagramm gerade 31.Dh6?? gespielt:

Richter Bergman move 31

 

 

 

 

 

 

 

31.-De3+ 32.Kb1 Dxg1! 33.Txg1 Te1+ 34.Ld1 Txg1 35.Kc1 Tee1 0-1 - Moment mal, ICH wollte doch mattsetzen!

Runde 3 gegen das zweite Team van K.T.V. aus Enkhuizen am Ijsselmeer. Letztes Jahr hatten wir eine Liga höher gegen K.T.V. eins knapp 3,5-4,5 verloren (ich hatte eine leicht bessere Stellung überzogen - davon ausgehend dass ich unbedingt gewinnen musste), diesmal das aus unserer Sicht richtige 4,5-3,5. Entscheidend war Richter (1959) - Beel (1643) 1-0:

 Richter Beel move 38

 

 

 

 

 

 

Weiss hat hier eine glatte Gewinnstellung, die er nun souverän verwertet. Engines sehen das anders, aber Stockfish hat von Schach keine Ahnung, auch meine Partie in Runde 6 hat ihn überfordert. Es folgte 39.Kd1 Sb7+ 40.Ke2 Sd6 41.Ke3 Tc8 42.Txc8 Sxc8 43.Kxe4 Sd6+ 44.Kd5 Ke7 45.Se6 h6 46.Sxg7 Kd7 47.Se6 Sb7 48.Sc5+ Kc7 49.Sxb7 Kxb7 50.Kc5

Richter Beel move 50

 

 

 

 

 

 

 

1-0, inzwischen kapiert es auch Stockfish. Spass beiseite, natürlich war mein Sieg in dieser Partie (und damit unser Sieg im Mannschaftskampf) ausgesprochen glücklich, bzw. mein Gegner hat im Endspiel total den Faden verloren - ist es etwa doch (endlich) der Spielstärkeunterschied? Vielleicht hatte ich zu diesem Zeitpunkt zu Recht 50% - Gewinnstellung verloren, Verluststellung gewonnen. Andererseits: für Niederlagen ist man immer selbst verantwortlich, für Siege nicht unbedingt. Der Gegner (meiner und das gesamte Team) sah es locker, schliesslich steht K.T.V. für "Kan tegen Verlies" (Kann mit Niederlagen umgehen).

Runde 4 gegen Groene Zes-Schaaklust (Fusionsteam zweier Vereine) wurde wieder 4,5-3,5 für uns - diesmal hatte ich einen nominell gleichwertigen Gegner und gewann eine kuriose Partie:

van Waert Richter

 

 

 

 

 

 

 

van Waert (1943) - Richter (1959), Stellung nach 34.-Le4. Zuvor geschah dieses: Mein rochierter König spazierte dann über f7, e7 und d6 (zuvor Damentausch) nach c7 und wieder d6. Wir wussten beide nicht so recht, wie wir die Stellung Springerpaar gegen Läuferpaar behandeln sollen - Läufer sind mir lieber, aber hier kontrollierte Weiss wichtige Felder und hatte eine Art 'bind'. Nun folgte 35.g5? Lxe5 36.Sxe5 Kxe5 37.f3 Td7 38.fxe4 d4 39.cxd4 cxd4 - dieses Turmendspiel hatte ich zu Recht als klar besser bis gewonnen eingeschätzt: Mein König steht nun auf e5 goldrichtig, ich habe einen starken Freibauern und die zersplitterten weissen Bauern am Königsflügel sind, wie ich damals (da war es aktuell) schrieb "verwundbar wie Walfische in der Nordsee". 0-1 nach 47 Zügen (mit schwarzem Bauern auf d2 und König auf e3). Warum bekommt 35.g5 ein Fragezeichen, was war aus weisser Sicht besser? Stockfish, der manchmal doch Ahnung vom Schach hat, überraschte mich in der Analyse - womit? Das darf der Leser selbst herausfinden, Lösung am Ende dieses Beitrags.

Runde 5 gegen einen Abstiegskandidaten, der auch so spielte, lasse ich mal weg - sie konnten mit aus ihrer Sicht 2-6 leben.

Runde 6 - wir brauchten noch ein 4-4, und es wurde 5-3. Warum? Beim Stand von 3-2 für uns und glatter Verluststellung an Brett 8 dachten Brett 3 und 4 beide "ich muss gewinnen", und beide schafften es - daher die hässliche 5 in der Tabelle. In der Analyse ergeben sich mitunter erstaunliche Parallelen, gleich zwei Partien standen - für einen Moment - unter dem Motto "Opfer kann man auch ablehnen". Jeweils hatten wir Weiss:

Rommets Greve

 

 

 

 

 

 

 

Rommets (1828) - Greve (1731) nach 15.Sxf7!? (später 1-0). Weiss dachte, da einige Partien zu diesem Zeitpunkt für uns schlecht standen, "ich muss etwas probieren/riskieren". Nach 15.-Kxf7 16.f5 exf5 17.Sxf5 Kg8 usw. war die Stellung unklar, wie gesagt später 1-0. Nach 15.- 0-0! 16.Sg5 Sxf4 17.Sf3 usw. steht Schwarz besser.

van Heerwaarden Rijnveld

 

 

 

 

 

 

 

van Heerwaarden (1453) - Rijnveld (1650) nach 10.b4 Scxb4 (später 0-1). Sofort kann Weiss das Opfer natürlich nicht annehmen, er entschied sich für 11.Lb2 0-0 12.axb4 Lxb4 und die Fesslung kostete später Material. Die Computervariante lautet 11.e4! Da5! 12.Ta2! Sc3! 13.Sxc3 (13.Dxc3? Tc8 14.Dd2 Txc1+ 15.Dxc1 Sd3+) 13.-Sxa2 14.Sxa2 Dxd2+ 15.Lxd2 (15.Kxd2!?) 15.-Lxa3 und das, zwei Springer gegen Turm und zwei Bauern, ist - sicher auf diesem Niveau - "unklar". Wiederum ist die Frage müssig, ob man von Spielern dieses Niveaus erwarten kann, dass sie jeweils zwei quasi-einzige und nicht unbedingt naheliegende Züge finden.

Meine eigene Partie bringe ich komplett und kommentarlos. Es war ein "Giri-style" Taimanov-Sizilianer (oder so ähnlich) - Giri hat(te) im Taimanov auch eine Variante im Repertoire, zu der Carlsen sagte "it's not as ridiculous as it looks". Mein Gegner spielte ultra-prophylaktisch: 3.c4!! diente dazu, seinem König auf c3 etwas Bauernschutz zu verschaffen, am Ende war es unzureichend. Stockfish versteht, jedenfalls auf Anhieb, gar nichts - wenn man ihn länger rechnen lässt ändert er oft seine Meinung. Eine ausgiebige Analyse wäre Stoff für einen eigenen Artikel. [Giri holte übrigens parallel beim Kandidatenturnier in Moskau ein supersolides Weissremis gegen Anand]

Zum Schluss die Auflösung zum fünften Diagramm: Richtig war 35.Txe4! dxe4 36.Txe4. So behält Weiss seinen 'bind', und die schwarze Bauernstruktur ist keine mehr. Ich sehe nicht, wie Schwarz dann auf Gewinn spielen kann - in der gemeinsamen Analyse versuchten wir es ein bisschen, aber erfolglos. Was für ein Qualitätsopfer ist das denn?? Defensiv, destruktiv (was die schwarze Struktur betrifft) und zugleich konservativ (wesentliche Stellungsmerkmale bleiben bestehen). Ich kann mich nicht an vergleichbares erinnern, ich hatte das nicht einmal ansatzweise gesehen/erwartet, mein Gegner (wobei wir uns hinterher zwar unterhielten, aber nicht analysierten) vermutlich auch nicht. Vielleicht findet man so etwas mangels Alternativen - aber er hatte das Doppelturmendspiel nicht richtig bewertet. Ab welchem Eloniveau kann man das finden? Leser jeglichen Niveaus (auch Grossmeister) dürfen das gerne kommentieren!

P.S.: Im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Teams werden wir ziemlich sicher nicht zweimal hintereinander Meister - nächste Saison ein Niveau höher wird wieder Abstiegskampf.

Dick im Geschäft (v. l.): Igor Naumkin, Aloyzas Kveinis, Jan Werle, Aleksandar Karpatchev
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Werder ist überall! Reicht es nicht, dass Werder Ruhm, Ehre und Unsterblichkeit in der Schachbundesliga erkämpft hat, indem sie am 13.3.2016 Baden Baden mit 5:3 besiegt haben und damit Solingen den Gewinn der ersten nicht badischen Meisterschaft seit Bobby Fischers Geburt wesentlich erleichtern? (Anm. des Autors: Ich verwende dieses Vergleichsereignis nicht, weil ich der weit verbreiteten Bobby-Obsession erlegen bin, wenngleich ich einst in Island andere Schachtouristen mit bösen Worten von (nicht an!) Bobbys Grab verscheucht habe, sondern, weil es die Seltenheit und Wichtigkeit dieser Großtat besonders betonen soll) Offensichtlich nicht. Bei mir im Hotel abgestiegen war Stephan Buchal, der sich hartnäckig weigerte, zur Bremer SG zu wechseln. Nichts gegen Dich, Olaf! Aber die BSG als Ex-Verein ist mir dann doch näher. Außerdem hat es ja nichts genutzt und es wäre durchaus möglich gewesen, dass mir das schon wieder jemand übel genommen hätte. Überhaupt: Was machen so viele Werder-Spieler im tiefen Süden? Aus Wettkampfgründen in München lasse ich aus Gründen der Tradition ja noch gelten - wer erinnert sich nicht an legendäre Schlachten mit Pizarro auf beiden Seiten? Aber sonst? Es gibt doch sehr schöne Turniere auf halber Strecke, vom alljährlichen Sekt-oder-Selters Turnier zu Pfingsten in Bielefeld über Dortmund bis zum Open der Schachfreunde aus Bad Godesberg. Die billige Ausrede, dass die ja alle nicht im März stattfinden, kann ich bei Betrachtung des Anreiseweges nicht gelten lassen. Vermutlich wird es ein Geheimnis bleiben.

 

Ebenfalls in meinem Hotel einquartiert hat sich ein Schachfreund, der Hosenträger der Düsseldorfer Fortuna trug und mir als Effzeh-Fan damit schon beim täglichen Frühstück den Blutdruck steigen liess. Der Mann, der mich optisch unweigerlich an einen tierischen TV-Star erinnerte, den hier zu nennen vermutlich fälschlich als Beleidigung interpretiert würde, war bedauerlicherweise ansonsten ausgesprochen nett, so dass ich hier leider keine unqualifizierten Vorurteile gegenüber der Düsseldorfer Fortuna mehr anbringen kann. Überhaupt hätte ein Karikaturist bei diesem Turnier enorm viele Mustervorlagen an erstklassig karikierbaren Schachfreunden zur Verfügung gehabt. Ich wünschte zwischendurch mehrfach, ich hätte auch nur den Funken von Zeichentalent oder einen Karikaturisten an der Hand. Die Vermarktung hätte mich garantiert reich und in Schachkreisen berühmt gemacht. Was für eine verpasste Chance...

 

Wieder zum schachlichen Aspekt des Turniers:

Wenn man sich die Führenden der letzten Runden mal so angesehen hat, dann musste man sich zwangsläufig fragen, ob diejenigen, die an Schach als Sport zweifeln, nicht doch Recht haben. Igor Naumkin, Aloyzas Kveinis und Aleksandar Karpatchev auf den Plätzen 1, 2 und 4 übertreffen sogar mich, ohne Nachmessen zu müssen, an Körperfülle und Schachqualität. Jan Werle (Werder!) als Dritter geht im Vergleich als hagerer Schuljunge über die Ziellinie. Wenn man dann noch an Vladimir Epishin, den zunehmend zunehmenden Arkadij Naiditsch und den früheren Peter Svidler denkt, wird einem ganz schwermütig. Naja, trotz dieser schwerwiegenden Indizien zur Relation zwischen Körpergewicht und schachlicher Meisterschaft versuche ich mich schachlich zunächst ohne forcierte Gewichtszunahme zu verbessern.

 

Das Turnier blieb auch weiterhin vergleichsweise leise, die Störungen kamen, wenn überhaupt, von Senioren, die ihr post mortem auch nach Hinweis auf noch laufende Partien, im Turniersaal und nicht wortlos hinter sich bringen wollten. Das blieb aber ein Einzelfall. Dass die blinden Schachspieler um Oliver Müller (woher kommt der wohl? Natürlich. Von Werder.) ihre Züge ansagen müssen, lasse ich als Störung nicht gelten, auch wenn eine Schachfreundin ihre Züge gelegentlich durch den ganzen Saal ansagte.

Als besonders erwähnenswert darf ich nicht vergessen, dass man sich an vielen Stellen in Bad Wörishofen pflegen lassen konnte. Ich hatte einen professionellen Masseur im Hotel, der mich in 5 Sitzungen so weich klopfte, dass ich meine Verspannungen von Rücken und Nacken in nutzbringende Anspannung im Hirn während der Partien umwandeln konnte. Sehr erfolgreich, nebenbei bemerkt. Auch das sollte mal gesagt werden: Beim Schach besser zu werden, ist keine Frage des Alters, sondern der Trainingsqualität und des eingesetzten Trainingsaufwands. Ich habe dafür zahlreiche Beweise und Schachfreund Jörg Hickl, der schon alleine für den Betrieb dieses Blogs regelmäßig lobend erwähnt werden sollte, (von seinen schachlichen Erfolgen noch ganz abgesehen,) sicherlich auch.

 

Was bleibt übrig:

Leises Turnier mit vielen Schiedsrichtern, die wissen, was sie tun, wenige Kinder, viele blinde Schachspieler, angenehme Umgebung, hohes Startgeld, dafür eine Menge Gegner mit Ratings zwischen 1900 und 2250 und neben der hübschen Landschaft gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten, sich körperlich zu pflegen. Wer abends Parties sucht ist allerdings eher falsch hier. Alles sehr entspannend!

Umkämpfte Krone
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Morgen startet in Moskau das Kandidatenturnier 2016, dessen Sieger –wir erinnern uns - das Recht erhält, gegen Magnus Carlsen im Herbst um den Weltentitel zu spielen.
Das ist schön, doch sei die Frage erlaubt, warum die große Mutter FIDE zu diesem Zweck ein eigenes Turnier ausrichtet, wahrscheinlich sogar noch mit unseren Mitgliedsbeiträgen? Und dann auch noch in Moskau?

In der prorussischen Hauptstadt ist doch gerade erst ein exzellent besetzter Wettbewerb zu Ende gegangen. Schon vor gut zwei Tagen endete dort mit dem Aeroflot-Open ein großes, großartiges und überaus stark besetztes Turnier. Wenn der Herausforderer unbedingt im schönen und frühlingshaften Moskau ermittelt werden soll - warum nimmt man nicht einfach den Sieger dieser in der weltweiten Schachgemeinde geschätzten und für seine Spielstärke gefürchteten Veranstaltung, und lässt nun den strahlenden Evgeny Najer um die Weltmeisterschaft antreten? Alle acht Spieler des Kandidatenturniers, man hätte sie einfach auch beim Aeroflot-Open antreten lassen können. Einen Gegner für Carlsen hätte man damit jedenfalls viel einfacher finden können, zudem kostensparender und unbürokratischer.

Aber nein, nicht mit der FIDE. Ist es aus Eitelkeit, Geltungsbewusstsein, oder weil es in Moskau so viele Außerirdische gibt? Jedenfalls reist unser Chef Kirsan Ilyumschinov mit den Granden des Weltschachverbandes auch noch einmal an die Moskva, um dort einem ausgewählten Zirkel von Spielern bei der Ermittlung des Herausforderers beizuwohnen. Evgeny Najer muss dabei leider draußen bleiben, und ebenso der Werderaner und junge deutsche Großmeister Matthias Blübaum, obwohl auch er mit Platz 21 ein sehr respektables Ergebnis beim Aeroflot-Open erzielte. Schade, schade.
Und wie ist es mit Hou Yifan und Mariya Muzychuk – ist es nicht recht seltsam, dass die beiden aufgrund eines von der Turnierleitung zufällig in genau dieser Woche angesetzten Wettkampfes für das Kandidatenturnier verhindert sein werden? Gleichberechtigung jedenfalls sieht anders aus, da kann die FIDE noch so sehr für die Förderung von Mädchenschach rackern. Glaubhaft wird Förderung doch eigentlich erst, wenn auch Frauen um den Titel mitspielen dürfen.

Doch was nützt jede nüchterne Analyse und fundierte Kritik aus der Schachwelt-Redaktion, wenn vom Weltschachverband nun schon einmal Fakten geschaffen worden sind? Die Einladungen sind geschrieben, und acht Teilnehmer werden ab morgen spielen. Wenden wir uns also den Kandidaten zu:

Hikaru Nakamura (USA)

Fabiano Caruana (USA/ Italien/ USA)

Sergej Karjakin (Ukraine/ Russland)

Peter Svidler (Russland/ Baden-Baden)

Anand Viswanathan (Indien)

Veselin Topalov (Bulgarien)

Anish Giri (Niederlande)

Levon Aronian (Armenien! SF Berlin!)

Und …

Evgeny Najer, Wildcard? (leider nicht)

Als lokalpatriotische Europäer sollten wir wohl am ehesten Anish Giri und Veselin Topalov die Daumen drücken. Doch Schach ist ein liberales Spiel, und es ja nicht nur der Wohnort, der uns zu Fans eines Spielers werden lässt. Darum fragen wir in die Runde:

Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel

Wer gewinnt das Kandidatenturnier?

Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel - Tippspiel

Ich weiß, ich weiß, das ist keine superfett-originelle Frage. Dennoch muss sie ja erlaubt sein, und es geht ja hopp oder top doch nur darum, wer als Erster die Ziellinie überspringen wird. Einen tieferen Blick auf die Aussichten der einzelnen Teilnehmer wirft unserer Kollege Thomas Richter an anderer Stelle.

Darum – her mit Euren Einschätzungen hier im Kommentarbereich! Wer gewinnt das Turnier? Unter allen richtigen Tipps verlosen wir eine Tafel feinster Bremer Kandidatenturnier-Schokolade!

Einsendeschluss ist Samstag, der 12.März, 13 Uhr Schachwelt-Redaktionszeit, mit Beginn der zweiten Runde in Moskau. Viel Spaß!

PS Wie auf chess.com berichtet wird, versuchen die Veranstalter die gesamte Live- Übertragung ausschließlich auf der offiziellen Turnierhomepage zu bündeln. Keine Partien also bei Chessbase, Chess24, und andernorts? Mal sehen, ob das wohl so klappen wird. Da lobe ich mir doch das Aeroflot-Open!

Wir sind das Schachvolk
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Der Werder-Monatsblitz im März war nicht nur in der Spielstärke breit, sondern auch in der geographischen Breite tief besetzt – aus den Tiefen des süddeutschen Raumes nämlich war der Münchner IM Markus Lammers zu Gast, der dann allerdings das Turnier hoch gewann.
Der frühere Delmenhorster ist in Bremen noch gut als einer der Spieler in Erinnerung, die vor einigen Jahren mit dem Delmenhorster SK in die Bundesliga aufstiegen (zusammem mit u.a. Malte Meyer, Bernd Korsus, Daniel Margraf, David Höffer, Tobias Jugelt) und dort eine aufregende bundesweite Spielzeit absolvierten.

An diesem Donnerstag trat Markus ebenso wie die gefährliche Delmenhorster Blitzschach-Eminenz David Höffer wagemutig an die Monatsblitzbretter. Nach dem Motto „Ein Münchner Gast ist niemals Last“ holte er im Vereinsheim des frischgebackenen Norddeutschen Mannschaftsblitzmeisters SV Werder alsdann glatte 12 von 12 möglichen Punkten – ein legendäres Ergebnis, das auch Bobby Fischer in seinen jungen Jahren kaum besser hinbekommen hätte!
Mit dem respektvollen Abstand von 2,5 Punkten eroberte sich David Höffer den sehr ehrenvollen zweiten Platz, knapp vor Matthias Krallmann und Dr. Reiner Franke (beide Werder), die mit jeweils 8 Punkten über die Ziellinie kamen. Den DWZ-Preis < 2000 erspielte sich Klaus Rust-Lux von der Bremer SG, während der unverwüstliche Nils-Lennart Heldt den Sonderpreis der Jury für den fünftletzten Platz erhielt.

Der nächste Monatsblitz findet statt am 07.April 2016. Gäste (auch aus München!) sind wie immer herzlich willkommen!