SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Mittwoch,19 Juni 2013

Aktualisiert08:08:31 Wed

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Montag, 29. August 2011 19:20

Weltneuheit beim Hamburch-Wettkampf

Ein bisschen Regen – na gut.
Etwas mehr Regen – wenn´s sein muss, auch gut.
Immer nur Regen – was soll das denn??

So wie es schon Stanislaw Lem in seiner Kurzgeschichte „Der Regenplanet“ beschrieb, gefällt uns Menschen das Regenwetter auf Dauer eher nicht.

Regen
Regen
Regen!

Aber na gut, wir wollen nicht maulen. Es könnte alles noch viel schlimmer sein. Und im Regensommer 2011 kann man immerhin entspannt drinnen sitzen, ohne dass man draußen etwas verpasst. Das dachten sich auch 68 Schachspieler aus Bremen und Hamburg, die am letzten Samstag zusammenkamen, um wie schon im Vorjahr   bei „Hansestädter spielen Schach“ in die neue Saison zu starten.

regenplanet

    Ehrliches Schachwetter in Bremen

Die beiden Präsidenten der Schachverbände, Prof. Dr. Perygrin Warneke (HH) und Dr. Oliver Höpfner (HB), hatten mit viel Detailarbeit und in Kooperation mit dem SK Bremen-West die Veranstaltung auf die Beine gestellt.

Die Hamburger reisten morgens mit dem Zug an, wurde am Bahnhof präsidial von Oliver Höpfner empfangen und in der Straßenbahn bis zum Spielort begleitet. (Die letzten Meter ging man zu Fuß, denn - Überraschung! - es regnete nicht an diesem Tag.) Im Bürgerhaus Oslebshausen spielten dann beide Delegationen je zwei Partien mit je 60 Minuten Bedenkzeit. Eine Auswertung für DWZ oder ELO gab es nicht – das führte zu unbeschwertem Spiel auf beiden Seiten, minderte aber keineswegs die Ernsthaftigkeit.

dsc05448

Weil nach ein paar kurzfristigen Absagen auf Hamburger Seite die zwei Mannschaften unterschiedlich groß waren, erklärte man einige Bremer für diesen Tag zu Schach-Hamburgern. Derart bremisch verstärkt, gewannen die Hamburger auch gleich die Vormittagsrunde knapp mit 17,5:16,5. Nach einigen Grillwürsten mit Salat rückten die Bremer das Bild am Nachmittag dann aber wieder zurecht und gewannen das Rückspiel mit 15,5:18,5. Der Gesamtstand war also 33 : 35 für die Weserstadt Bremen - so gehört sich das!

Was den Sport angeht, war es für die Hansestadt Hamburg also leider kein so richtig gutes Wochenende, denn auch meine Freunde vom HSV verloren fast zeitgleich mit 3:4 gegen die 1.FC Kölner. Uah!

magnus carlsen

   Beim Welt-Cup in Chanty-Mansijsk nicht dabei, dafür aber an Brett 21 im Bremer Team: Magnus Carlsen!
 (Um die Hamburger nicht zu deprimieren, spielte er jedoch inkognito unter dem Namen Kevin Klosa/ SK Bremen West)

Nach der langen Sommerpause machte es Spaß, Freunde und Bekannte am Brett wiederzutreffen. Auch gab es den ganzen Tag Kaffee – sehr schön!

Wie schon im letzten Jahr spielte ich zwei Partien gegen Dr. Hauke Reddmann vom SK Wilhelmsburg – am Morgen konnte mich Hauke einmal böse austricksen, in der zweiten Partie retteten wir uns bei knapper Zeit in ein Remis.

reddmann - steffens

Hier ein kleines Rätsel aus der ersten Partie:

Weiß (= Hauke) hat sich bereitgemacht für einen wüsten Angriff auf den schwarzen König. Klug wäre nun Te6, aber ich dachte bei wieder mal knapper Restbedenkzeit, ach, ich kann auch gleich auf c5 nehmen, oder? Nach Txf5, das halte ich schon aus, und mehr als Remis hat er dann doch eigentlich nicht.

Also folgte 34.... Dxc5, und es folgte auch 35.Txf5! Aber welche Züge zog Hauke danach aus seinem Ärmel und gewann? Der Leser ist am Zug.-

Eine harte Niederlage, aber eben – kein DWZ-Verlust, da freut man sich ja auch schon.


Am neunten Brett hatte Walter Blumenberg (SF Sasel) am Vormittag mit dem schönen 1.b2-b4 den vollen Punkt gegen Gerald Jung (Werder Bremen) eingespielt. Es stellte sich heraus, dass er einst als Jugendlicher nach dem Krieg für die Bremer SG gespielt hatte und dabei auch mit Hans Koschnick, dem späteren Bremer Bürgermeister, in denselben Turnieren angetreten war. Bremer Schachgeschichte, große Namen – unheimlich nur, wie lange das alles schon her ist. Wenn wir später mal zurückblicken und von den Zeiten erzählen, in denen es noch kein Chessbase gab, werden die Jüngeren vielleicht ebenso denken: „Meine Herren, ist DAS aber schon lange her!“

ulrich klose und hans koschnick in bonn 1980

Ulrich Klose (Hamburg) und Hans Koschnick (Bremen) bei einem Empfang der Minsterpräsidenten in Bonn, 1980.

(Quelle: WikiCommons)


In der Nachmittagsrunde des Hamburch-Wettkampfes (Gerald Jung) folgte am selben Brett dann die Revanche – und das mit einem spektakulären Figurenaufbau von beinahe schachhistorischem Wert (Ausrufezeichen!) :

Jung,Gerald - Blumenberg,Walter [C11]

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5 Sfd7 5.Sce2 c5 6.c3 cxd4 7.cxd4 Sc6 8.a3 Sb6 9.Sf4 Ld7 10.b4 Tc8 11.Sf3 a5 12.b5 Sa7 13.a4 Sc4 14.Ld3 Lb4+ 15.Kf1 De7

reddmann - steffens7

 

16.Sh5

Die erste Leichtfigur wagt sich auf die h-Linie.

16. ....f5 17.exf6 gxf6 18.Lh6

reddmann - steffens3

Der Springer bekommt Gesellschaft, doch noch immer ist irgendwie sehr viel Platz am rechten Spielfeldrand.

18.....Tg8

Schwarz sichert vorsichtshalber das Feld g7. Sieht vernünftig aus - doch was kann Weiß nun spielen?

reddmann - steffens4

 19.Lxh7!

Heja, das ist Schach! Der Läufer ist für Schwarz tabu wegen Sxf6. Willkommen im Club - die dritte Leichtfigur nistet sich auf der h-Linie ein.  

19...... Df7

Genug getummelt auf der h-Linie!, sagt die schwarze Dame, und möchte durch den Angriff auf den Springer dem Treiben ein Ende setzen. Was spielte Gerald?

20.Sh4!

 reddmann - steffens5

Sehr schön, sehr kreativ! Die vierte ((!!) Leichtfigur nimmt Platz, und die Dame auf d1 deckt nun den Springer auf h5. Schwarz sieht sich einer WAND, einer WELLE oder, wie Gerald es nannte, einer SÄULE von weißen Figuren gegenüber - nicht einfach, so etwas auszuhalten. (Freunde von Königsblau werden hier wahrscheinlich wehmütig an den berühmten Schalker Kreisel denken.)

 20...Le7 21.Lxg8

Wie sagt man an der Wall Street? "It´s time to cash in."  

21...Dxg8 22.Df3 f5 23.Sg7+ Kd8 24.Df4 Lf6 25.Sh5 Le7 26.Sf3 Dg4 27.Sg7 

reddmann - steffens6

 und die noch intensive schwarze Gegenwehr wurde von Gerald elegant pariert - 1 : 0 im 41.Zug.

 

geraldjung

Gerald Jung in einem Stillleben mit Starkstrom und Apfel, Millerntorstadion, 15.7.2011 (Photo und Bildunterschrift von Gerald Jung in einem Turnierbericht auf der Werder-Homepage)  

Wenn schon die versammelten vier Leichtfiguren verblüffend erscheinen - noch verblüffender ist es vielleicht, dass sich so etwas wie ein Trend zu dieser Figurenkonstellation zu entwickeln scheint! Ihre Erfolgsquote liegt zumindest bei glatt 100%. Bereits vor siebzehn Jahren führte Gerrit Dopatka gegen Patrick Schäffer in einem D-Jugend-Turnier diesen Aufbau herbei - auch wenn alle Figuren eine Reihe nach unten versetzt waren, reichte es zu Schach und Matt in 18 Zügen. Und vor vier Jahren baute sich Monika Motycakova auf den slovakischen U-20-Meisterschaften im Spiel gegen Ivana Kahancova exakt genauso auf wie Gerald - und gewann in 21 Zügen!

motycakova - kahancova

Stellung nach 21.Lxh6 

Sicherheitshalber gab Schwarz an dieser Stelle die Partie auf.

Wir stellen fest: drei Partien, drei Siege für die Weißspieler. Und es geschah zum ersten Mal, dass ein Erwachsener dieser Aufstellung in einer Turnierpartie auf dem Brett hatte. Weltneuheit - herzlichen Glückwunsch, Gerald!

Ob der Sh4 Sh5 Lh6 Lh7- Aufbau vielleicht sogar auch etwas für Daniel Fridman beim Welt-Cup in Chanti-Mansijsk ist? Wir gratulieren jedenfalls zur bravourös gewonnenen ersten Runde!

 

Auch 2011 wird auch das Schachjahr mit den London Chess Classic würdig ausklingen. Die Veranstalter bieten erneut ein Feld der Extraklasse auf. Fünf der TOP 6 der Weltrangliste, darunter auch die drei Spieler über Elo 2800 Carlsen, Anand und Aronian, messen sich mit den englischen Größen. Mit vier von neun Spielern ist deren Anteil ansprechend hoch - die englische Schachszene wird dies sicher wohlwollend aufnehmen.

Erfreulich auch die neue Idee des neunten Spielers. Er wird an seinem spielfreien Tag als Kommentator vor Ort zur Verfügung stehen.Kombiniert mit einer der parallel laufenden Schachturniere oder auch der Simultanveranstaltung mit Viktor Kortschnoi bietet sich ein Package, das so manchen Schachfan bewegt, die englische Metropole auch im tristen Dezember heimzusuchen.

Eine gelungen Gesamtkonzeption, die vielleicht das etwas in die Jahre gekommenene Sparkassen-Chess-Meeting in Dortmund – Deutschlands einzige Spitzenveranstaltung – inspirieren könnte.

FIDE   Name                                     Land    Elo       geb.

1          Carlsen, Magnus                    NOR   2821    1990

2          Anand, Viswanathan              IND     2817    1969

3          Aronian, Levon                       ARM   2805    1982

5          Kramnik, Vladimir                   RUS    2781    1975

6          Nakamura, Hikaru                  USA    2770    1987

28        Adams, Michael                     ENG    2715    1971

51        Short, Nigel D                         ENG    2687    1965

74        McShane, Luke J                   ENG    2671    1984

149      Howell, David W L                 ENG    2625    1990

Donnerstag, 25. August 2011 06:16

Hebbinghaus ringt mit den Meistern

Die Leserpartie auf Schach-Welt.de

Was bislang geschah

Wir erinnern uns an den Januar 2011: das Wetter war damals schon genauso schlecht wie jetzt im August, und beim groten Holland-Quiz  räumt SF Holger Hebbinghaus aus Hamburg den grandiosen ersten Platz ab. Holgers Gewinn: er kann eine Partie einsenden, die wir dann hier in diesem schnuckeligen und vielfach beschimpften Blog veröffentlichen.

Was soll nun werden?

Spielschulden sind Ehrenschulden, und das gilt natürlich auch für die Redaktion dieses Blogs. Darum lösen wir heute unser Versprechen ein und und veröffentlichen die Partie Rogozenco – Hebbinghaus, auf dass sie weltweit bekannt werde. Danke, Holger, an dieser Stelle, dass Du etwas für uns herausgesucht hast, und dass Du so geduldig gewartet hast!

Wir sehen eine Begegnung der Internationalen Hamburger Meisterschaften aus dem Jahr 2003. Am Brett treffen sich der rumänische Großmeister Dorian Rogozenco, der damals und auch heute noch für den Hamburger SK um Punkte ringt, und dem FM Holger Hebbinghaus. Holger geht in diese Partie mit Schwarz und als Außenseiter – der GM hat eine ELO von 2519, sein ELO-Vorteil beträgt 250 Punkte. (Mehr ist ja beinahe gar nicht möglich!). Wir werden dabei sein, wenn der Großmeister den Druck langsam zu erhöhen versucht – ganz so, wie man das eben so kennt von Großmeistern. Doch SF Hebbinghaus hält aus und bekommt seine Chance.

Ich möchte allerdings sogleich einige Worte der Warnung sprechen: die Partie beginnt mit 1.c2-c4! Da ahnen wir schon, dass alles eher so langatmig und positionell werden wird. Sogar die Damen werden früh getauscht. Trotzdem aber lohnt das Nachspielen – versprochen!

rogozenco - hebbinghaus 2

          1.c2-c4    -    Was soll man da noch sagen?

Wer ist Schachfreund Hebbinghaus?

Holger ist FIDE-Meister und hat eine angenehme ELO und DWZ, die beide schon seit geraumer Zeit im erweiterten Bereich der 2200 pendeln.
Er spielte früher mal beim Hamburger SK und kämpft seit einigen Jahren für den SK Marmstorf GW Harburg um Punkte.
Nicht nur die Norddeutschen kennen und schätzen ihn schon seit langem für seine freundliche Art und sein furchtloses Spiel. Holger liebt es zu spielen, man sieht ihn viel auf Turnieren, so auch im Sommer am Millerntor beim St.Pauli-Open (das in diesem Jahr wiederum von Dorian Rogozenco gewonnen wurde!) Auch ich saß Holger schon einige Male in Turnierpartien gegenüber – es wurde bisher immer Remis, zumeist nach einigen Aufregungen und Verwicklungen.

holger hebbinghaus

               Holger auf dem Quickstep-Turnier in Wildeshausen 2009
 (Foto mit freundlicher Genehmigung von Dirk Rütemann und dem Turnierbüro)


Was dürfen wir von der Kommentierung erwarten?

Nichts.

(Falls der eine oder andere sich aber dennoch erbaut zurücklehnt und über eine spannende Partie freut, dann sind wir schon zufrieden.

Wer (zu Recht!) ein Freund tiefer und genauer Partieanalysen ist, wird diese Tiefe in den folgenden Anmerkungen leider nicht wiederfinden. Vielmehr habe ich mich auf eine gefühlte Analyse beschränkt – mehr war leider nicht drin!

Um ein Zeichen zu setzen in dieser von Computern durchtränkten Welt, wurde bei bei der Kommentierung auf den Einsatz von Fritzen, Mephisto 3, Rybka und Konsorten verzichtet. Auch Chessbase und das Handy von Christoph Natsidis kamen nicht zum Einsatz. Es kann daher sein, dass zahlreiche oder massive Fehler in den Kommentaren lauern – Vorsicht ist geboten, liebe Leser. Ich bitte um Nachsicht. Vielen Dank!)

*******


Der Worte sind genug gewechselt. Vorhang auf für ….

Dorian Rogozenco – Holger Hebbinghaus

Internationale Hamburger Meisterschaft 2003

rogozenco - hebbinghaus 1

Weiß am Zug

1.c4!?

Die Englische Eröffnung, Schrecken aller Schachspieler. Schwarz muss sich darauf einstellen, sechzig Züge lang gequält zu werden. Beliebt ist/ war diese Eröffnung ja vor allem auch in Bremen, wo Meister Carls mit seiner "Bremer Eröffnung" vor einiger Zeit für Furore sorgte.

1...e5

Holger stellt sofort einen Fuß ins Zentrum und führt eine leichte Asymmetrie herbei. Das kann ja so verkehrt eigentlich nicht sein!

rogozenco - hebbinghaus 3

2.g3 Sf6 3.Lg2 c6

Nach drei Zügen droht Holger schon damit, mit den Bauern auf d5 und e5 ein hübsches Zentrum aufzubauen. Rogozenco ist das nicht geheuer, und daher spielte er ...

4.d4 exd4 5.Dxd4 Sa6!

rogozenco - hebbinghaus 4

Sehr schön! (Randspringerzüge bekommen von mir immer ein Ausrufezeichen.) Wenn auch die schwarze Bauernstellung nun etwas anrüchig aussieht und der Bauer d7 formaljuristisch gesehen rückständig ist, ergeben sich zum Ausgleich dafür Möglichkeiten für Figurenspiel und Tempogewinn. Dynamisches Gleichgewicht also? 

6.Sf3 Lc5

Dynamisch, wie gesagt!

7.Dd1 0-0 8.Sc3 Te8

Stellt die Figuren erst einmal auf aktive Felder. Später wird Schwarz sich entscheiden, was er mit dem Bauern auf d7 anstellen will.

9.a3

Droht mit b2-b4 dem Läufer einen "Tritt" zu geben und dabei Raum zu gewinnen. Schwarz baut darum schnell um und bereitet das befreiende d7-d5 vor. Weiß verfolgt daraufhin den Plan mit b2-b4 nicht mehr weiter - wodurch sich 9.a2-a3 vielleicht als kleiner Tempoverlust erweist.

9...Sc7

rogozenco - hebbinghaus 5

Sieht irgendwie hübsch aus.

10.Lf4

Gegen d7-d5 gerichtet ....

10...d5

rogozenco - hebbinghaus 6

... das aber trotzdem gespielt wird! Wir fragen - wieso ist das möglich?

11.Lxc7 Dxc7 12.cxd5 cxd5 13.0-0

Warum nicht Sxd5? Der Bauerngewinn scheint Rogozenco nicht geheuer gewesen zu sein. Es ergibt sich dann eine Stellung, bei der Schwarz eine Menge Spiel bekommt - nichts also, worauf ein GM große Lust verspürt. Er hält darum lieber alles ruhig und versucht es mit kleinen positionellen Sticheleien. [13.Sxd5 Sxd5 14.Dxd5 Db6 15.e3 Le6 und Schwarz hat gutes Spiel für seinen Bauern. Als 15.Zug wäre alternativ auch Dxb2 möglich. Und auch 15...Lxe3 sieht gefährlich aus: 16.fxe3 Dxe3+ 17.Kf1 b6 18.b4 La6+ 19.b5 Tad8. (Alternativ zu 17.....b6 reicht  hier 17...De2+ 18.Kg1 De3+ mindestens schon für ein Remis.) ]

13...Lg4 14.Tc1

Wieder ist es nichts mit Sxd5, weil am Ende der Bauer e2 hängt. Vielleicht fragt man sich nun als Großmeister: wie gewinne ich diese Stellung bloß? Aber noch kann man viel versuchen, mit dem Bauern d5 gibt es ja auch etwas anzugreifen, und das auf lange Sicht. Erstmal aber wird die Stellung der einzelnen Figuren verbessert, und zunächst droht ganz plump (aber effektiv!) b2-b4 nebst Sxd5.

14...Dd7 15.Da4

rogozenco - hebbinghaus 7

Eine interessante Idee - die schwarzen Schwächen lassen sich ohne Damen besser massieren. Schwarz hält seine Stellung für sicher genug und willigt ein in den Tausch. [15.Sxd5? Lxf2+]

15...Tac8 16.Dxd7 Lxd7

Schon sind wir im damenlosen Mittelspiel - und der Bauer d5 macht dem Schwarzen nach wie vor leichte Sorgen. Darum erstmal: Fäuste hoch und alles gut abdecken. Und immerhin hat Schwarz das Läuferpaar - wer  weiß, wozu das nochmal gut sein kann.

17.e3

Blockiert den Isolani, um ihn danach in Ruhe zu belagern, frei nach Nimzowitsch. Alles läuft nach Plan für den Großmeister?

17...Kf8 18.Tfd1 Le6 19.Sd4 Ted8

rogozenco - hebbinghaus 8

Optimale Figurenaufstellung von Weiß, optimale Aufstellung auch bei Schwarz. Weiß hat aber Zeit und kann ein bisschen herumspielen, um den Verteidiger auf Abwege zu führen.

20.h3 h5

Verhindert g3-g4-g5, mit dem Weiß sonst immer mal den Verteidigungsspringer auf f6 anstupsen könnte.

21.Tc2 g6 22.Tcd2?

Weiß erhöht den Druck und lässt alle Figuren auf d5 wirken. Die Idee ist sehr gut, aber ... (leider gibt es oft ein "aber"!)

22...Lxa3!

rogozenco - hebbinghaus 9

Hellwach gespielt! Durch den Turmzug nach d2 ist der Springer c3 ungedeckt, und Holger wartet nicht lange damit, Unruhe im weißen Lager zu stiften.

23.Sxe6+ fxe6 24.Sxd5

Der Springer, der sonst vielleicht auf c3 genommen worden wäre, stürzt sich als "Kamikaze-Springer" ins Getümmel, um den Bauern zurückzugewinnen.

24...exd5 25.bxa3

Weiß hat den Bauern zurückgewonnen, und - Schwarz hat immer noch einen Isolani auf d5! Außerdem fühlt es sich unangenehm an, gegen den pulsierenden Läufer g2 spielen zu müssen. Alles wie gehabt also, mit nettem weißen Vorteil? Nein, denn hier ist Schwarz am Zug, und auf der offenen c-Linie kann Holger nun aktiv werden. Gegenspiel, immerhin!

25...Tc3

rogozenco - hebbinghaus 10

Wenn der Bauer a3 fällt, sehen die Bauern auf b7 und a7 gleich noch viel bedrohlicher aus!

26.e4

[26.Td3 Tdc8]

26...Txa3 27.e5!

Der GM tut alles, um das Spiel aktiv zu gestalten. Weniger gut wäre 27.exd5 Td6 mit fieser schwarzer Blockade.

27...Se8

Von hier kann der Springer gut das Blockadefeld e6 erreichen.

28.Lxd5

rogozenco - hebbinghaus 11

Ein Blick auf die Stellung: der Läufer dominiert in der Brettmitte. Die schwarzen Bauern a7 und b7 sind noch weit hinten und wirken noch nicht so bedrohlich. Holger klammert sich darum nicht an das Bauernpaar, sondern tauscht Bauern und Figuren, wo es nur geht.

28...h4!

[28...b5 29.Lc6 Txd2 30.Txd2 Ke7 (30...b4 31.Td8) 31.Lxb5]

29.Lxb7 Txd2 30.Txd2 hxg3 31.f4!

rogozenco - hebbinghaus 12

Das sieht doch nach was aus - der Freibauer auf e5 bekommt Unterstützung. Noch steht aber der Bauern g6 im Weg.

31...Sc7

Hier ist er wieder, der Springer, auf dem Weg zum aktiven Feld e6.

32.Lc8

Verhindert Se6 und baut eine kleine Falle auf, die Schwarz aber gekonnt umschifft.

32...Tc3

[32...a5 33.Td8+ Ke7 34.Td7+ Uah! So schnell kann das gehen.]

33.Kg2

[33.Ta2 Sd5]

33...a5

rogozenco - hebbinghaus 45

Alle schwarzen Figuren stehen schon irgendwie gut, also können nun wieder die Bauern laufen.

34.h4 a4 35.h5!

Wieder sehr dynamisch - Rogozenco opfert seinen Bauern auf h5, auf dass seine Kollegen freie Bahn bekommen. 

35...gxh5 36.f5 Se8

rogozenco - hebbinghaus 22

Der Springer rettet sich vor der Drohung  Td8+ und Td7+, so dass der schwarze Turm wieder Bewegungsfreiheit bekommt. Zugleich wird der Lc8 angegriffen. - Wir sehen eine dieser Stellungen, die in Mannschaftskämpfen zu den wildesten Spekulationen über den möglichen Ausgang führen können. In einer gefühlten Analyse würde man Weiß aufgrund der verbundenen Freibauern vielleicht den Vorzug geben. Andererseits hat Schwarz einen Bauern mehr und drei (!) Freibauern. Einfach ist das alles nicht. Schach ist ein kniffliges Spiel.

37.Td8 Ke7 38.Td7+ Kf8 39.Lb7

Auf dem Weg nach d5, wonach Tf7 ginge. Was tun?

39...Tc7

rogozenco - hebbinghaus 23

Da brennt nichts an! Nichts ist es nun mit Ld5 - die Türme sollen getauscht werden!

40.e6 a3 41.Ld5

Alles wieder unter Kontrolle?

41...a2!

rogozenco - hebbinghaus 33

Wickelt elegant ab und beseitigt weitere Gefahren. [Auch 41...Txd7 42.exd7 Ke7 43.dxe8D+ Kxe8 44.f6 h4 sollte Remis sein, weil Weiß nicht auf h4 zubeißen kann - es würde folgen g3-g2 und a3-a2, wonach Schwarz gewinnt.  45.Kh3 Kf8 46.Kxh4]

42.Lxa2

[42.Txc7?! a1D 43.Tf7+ Kg8 44.e7 Db2+ 45.Kxg3 De5+]

42...Tc2+ 43.Kxg3 Txa2 44.f6

rogozenco - hebbinghaus 34

Die weißen Bauern walzen sich nach vorne, und es drohen solche Sachen wie Td8 und f6-f7. Doch der Verteidiger bewahrt einen kühlen Kopf: Material zurückgeben und gut ist. Holger sichert sich das Unentschieden gegen den GM!

44...Te2 45.f7 Txe6 46.fxe8D+ Kxe8 47.Ta7

rogozenco - hebbinghaus 55

47.... Te7 48.Txe7+ Kxe7 49.Kh4 Kf6 50.Kxh5

rogozenco - hebbinghaus 44

Und hier einigten sich die beiden Spieler auf Remis - vielleicht etwas zu früh, und schade für die Zuschauer. Letztlich aber auch verständlich, denn es war ein langer Kampf!

½-½!

Mittwoch, 24. August 2011 16:08

Wo ist Gaddafi?

Die Frage nach dem Verbleib des Libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi beschäftigt derzeit die Welt. Schachinsider hingegen kennen die Antwort längst: Gemäß der russischen Nachrichtenagentur Interfax verriet der Machthaber unserem Schachoberhaupt Kirsan Iljumschinow gestern angeblich seinen Standort in einem Telefongespräch. Danach verweilt er weiterhin in Libyens Hauptstadt um die Kämpfe notfalls bis zum bitteren Ende zu führen.kirsangadaffi

Es begeistert immer wieder, wie Funktionäre unseren Sport in den Medien halten. Bereits am 12. Juni besuchte der FIDE-Präsident Gaddafi in Tripolis um eine Partie Schach zu spielen. Wir sind sehr gespannt auf den Austragungsort des Rematches.

Im unvergesslichen Sommer 2011 schlenderte die Krennwurzn mit einem befreundeten Paar durch die Salzburger Altstadt. Als der weltberühmte Salzburger Schnürlregen – in anderen Regionen auch als „liquid sunshine“ bekannt – einsetzte, flüchteten wir uns zu einer Auslage. Sofort fiel der Blick auf die Parfumwerbung mit dem Schachsujet  - das Wetter so düster wie hier und die schwarze Stellung noch hoffnungsloser. „Wenigstens haben sie das Brett richtig aufgestellt, h1 ist ein weißes Feld“ hörte die Krennwurzn den Freund noch sagen, der ein FM ist. „Achso ein Feldmeister“ dachte sich die Krennwurzn und schon war sie in einen Sommerregentagstraum entflohen.

Und direkt am Brett des Wettkampfes Marionnaud Salzburg gegen Zipfer Bier Linz (Werbung: Ein guter Zug) – versunken in die Suche nach einem Patttrick. Die Krennwurzn ein internationaler Star und jeder Klub hat einen namhaften Sponsor und Namensgeber – die Salzburger eine Parfümeriekette und die Oberösterreicher ganz bodenständig einen Bierproduzenten. Natürlich spielt die Krennwurzn auch in der deutschen Bundesliga, aber halt, dort kennen wohl nur wenige Zipfer Bier – kein Problem die Krennwurzn spielt bei Deutsche Bank Frankfurt.

Und weil Österreich ein kleines Land im Herzen von Europa ist, spielt die Krennwurzn noch für Emmentaler Bern – das bedrohliche Schwarz im Hintergrund ließ dann die Assoziation mit dem schwarzen Hahn (gallo nero) und Chianti Classico Florenz aufkommen. In Slowenien dann für Therme Portoroz, in Kroatien für Ajvar Dalmacija Split, in Serbien für Manastirka Sljivovica Belgrad, in Ungarn ... immer schneller drehten sich die Produkte, Marken und Länder im Kopf der Krennwurzn, immer wilder und verwegener wurden die Phantasien ...

agentprovocateur

Und dann saßen sich schlussendlich beim Europacupfinale auf Brett eins Krennwurzn für Coca Cola Prag und Krennwurzn für Pepsi Cola Paris gegenüber – und die Stimmung auf dem Plakat wirkte noch düsterer, Donner halt durch die Landschaft und das Meer peitscht gegen die Küste. Wer bin ich, für was stehe ich, bin ich austauschbar, jedes Wochenende ein Anderer, wo sind meine Wurzeln ... Angst und Panik zuckten durch die Krennwurzn, da traf sie ein realer Regentropfen mitten auf die Nase und sie hörte eine weibliche Stimme: „Gehen wir auf einen Kaffee“ – nein, nicht jene der Schönen vom Plakat, sondern die vertraute der Liebe aus der Realität.

„Sag‘ mal“ fragte die Krennwurzn den FIDE-Meister, „ist es wirklich eine so tolle Errungenschaft der Schachprofis wie chinesische Wanderarbeiter für alle möglichen Klubs des Erdballes spielen zu müssen? Wäre nicht eine fixe Anstellung mit lokaler Bindung besser?“ „Schachprofis haben keine Gewerkschaft“ sagte der FIDE-Meister und suchte schon einen Platz im überfüllten Kaffeehaus.

Hat Schach zwar ein positives Werbeimage, aber Schachspieler und Klubs keine Kampagnentauglichkeit?  zuckte es noch kurz durch Krennwurzn’s Gehirn, dann aber standen wichtige Entscheidungen bevor: welche Torte esse ich: Sacher, Schwarzwälder Kirsch, Linzer Torte, Pariser Spitz, Wachauer, ...

HILFE – Marken, Marketing, Sponsoren!!!

Anmerkung: Personen, Klubs, etc sind reine Erfindungen des Autors!

Dienstag, 16. August 2011 18:08

ELO-Pillen für alle!

Was man sich so wünscht im Leben: die große Liebe, gutes Wetter und einfach mal etwas mehr Ahnung vom Schach. Da das mit dem Schachverständnis aber nicht so einfach ist, greifen viele in ihrer Not auf Hilfsmittel zurück. Da ist das Handy in der Hosentasche (verboten), da ist der Manager, der im Publikum mit den Ohren wackelt und dadurch Züge übermittelt (auch verboten), und man kann sich mit Chessbase über die letzten Partien des Gegners informieren (legal).

Das alles aber ist mühsam, und so hat sich der Schachsender ARTE für uns auf den Weg gemacht und untersucht am kommenden Freitag „Doping fürs Gehirn – Machen Pillen schlauer?“ (Freitag, den 19. August 2011, um 21.45 Uhr).
Da werden wir natürlich hellhörig – denn wie es in der Vorankündigung heißt, wurden für den Film auch leistungssteigernde (!) Experimente mit Schachsportlern durchgeführt:

„Der Psychiater Klaus Lieb möchte herausfinden, was diese Mittel eigentlich können. Mit Turnierschachspielern testet er drei Substanzen: Ritalin, das illegale Amphetamin und Koffein. Wie verändert sich die Leistung der Schachspieler unter dem Einfluss der verschiedenen Stimulanzien? […] Wird der menschliche Denkapparat in Zukunft auf fremde Hilfe angewiesen sein, um den wachsenden Anforderungen standhalten zu können?“             (Quelle: Arte-Homepage.)

(Danke für den Hinweis an Harald Balló vom Hessischen Schachverband und Oliver Höpfner vom Bremer Schachverband.)

Ein Blick könnte also lohnen – und dann geht´s mit ELO-Pillen frisch gestärkt in die neue Saison! Oder doch wie bisher schon mit Kaffee? Die Firma Hussel bietet sogar ganze Figurensätze aus Schokolade an. So kommt man gut durch die nächste Turnierpartie – man sollte nur nicht am Fenster in der Sonne spielen.


Etwas mehr Doping hätte dem Schwarzen auch in der folgenden Stellung gut helfen können. Aber eben – ist ja noch nicht erlaubt!

Sebastian Kesten – Olaf Steffens (2.Bundesliga Nord 2010/2011, SC Neukloster – Werder Bremen 2)

kesten - steffens

Nach eigenartigem Verlauf hat Sebastian seinen Läufer in die Mitte des Brettes geschraubt und  sich einigen Raum erobert. Ich erschrak nur kurz (denn die knappe Zeit ließ einen längeren Schrecken nicht zu) und wich zurück mit 26…..Le7, woraufhin das strenge 27.Kg1-f2, Sa7-c6 28.Kf2-e3 folgte und die schwarze Stellung so nach und nach immer trostloser wurde (gefolgt von einem unangenehmen 1:0 im 39.Zug).


In der Diagrammstellung, meine Damen und Herren, da hätte Schwarz aber ganz anders spielen sollen! Der Werder-Trainerfuchs Claus-Dieter Meyer entdeckte diese Verbesserung - welche nämlich?  Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir ein paar zusätzliche Sonnenstunden für den Sommer 2011.

Samstag, 13. August 2011 22:25

Ein Paradies für Grübler

Wer gerne grübelt, der möge Turnierpartien spielen! Menschen, die sich gerne Sorgen machen, haben beim Turnierschach ausreichend Gelegenheit dafür – anders als beim Blitzschach, bei dem unser vegetatives Nervensystem den Gang der Partien vollständig steuert. Dort ist Nachdenken ohnehin eher störend. In langen Turnierpartien muss man dagegen noch selber denken, und es bleibt viel Zeit, in der man sich ausgezeichnet Sorgen über den Gang der Partie, das Wetter und die Welt als solche machen kann.

Für seine treuen Leser hat die Schach-Welt einmal mehr Feldforschung betrieben. Wir wollen endlich Licht in ein Dunkel zu bringen und beantworten die Frage: Worüber wird während der Schachpartie eigentlich gegrübelt? 

Hier sind sie, die …


32 Sorgenfalten am Schachbrett

1) Werde ich rechtzeitig da sein?

2) Warum bin ich gestern nicht früher (uah) ins Bett (uah) gegangen?

3) Wird mein Gegner das spielen, worauf ich mich vorbereitet habe?

4) Warum muss ich immer gegen Jugendliche spielen, die stärker sind als ihre DWZ?

5) Wo gibt es hier Kaffee?

6) Ist mein Handy ausgeschaltet?

7) Was werden die anderen zu meiner Eröffnung sagen?

8) Hat sich mein Gegner vorbereitet?

9) Kennt mein Gegner die Widerlegung auf diesen Zug?

10) Vielleicht sollte ich mein Eröffnungsrepertoire mal ändern?

       (Aber: auf keinen Fall Damengambit!)

11) Wie kann ich meine Kekse auspacken, ohne dass es zu sehr knistert?

12) Wieso spaziere ich soviel herum, anstatt am Brett zu sitzen und nachzudenken?

13) Ist mein Handy auch wirklich aus?

14) Warum habe ich seinen 12.Zug nicht schon vorher gesehen?

15) Warum habe ich seinen 14.Zug nicht schon vorher gesehen?

16) Warum stehe ich schon wieder so schlecht?

17) Wie viele DWZ-Punkte kostet es mich, wenn ich heute verliere?

18) Warum bin ich bei diesem schönen Wetter hier drin?

19) Mache ich mich lächerlich, wenn ich diese Stellung noch weiterspiele?

20) Warum gibt es hier keinen Kaffee?

21) Soll ich etwas opfern und versuchen zu mogeln?

22) Darf ich mich freuen, wenn ich nur durch einen Fehler des Gegners gewinne?

23) Warum spielt mein Gegner plötzlich so stark?

24) Warum ist mein Gegner jetzt so häufig auf der Toilette?!

25) Werde ich den 40.Zug noch schaffen, ohne etwas einzustellen? 

26) Soll ich Remis anbieten?

27) Habe ich den 40.Zug schon geschafft?

28) Wie spielt man dieses Turmendspiel?

29) Kann man das noch gewinnen?

30) Wieso habe ich das nicht gewonnen?

31) Wie viele DWZ-Punkte habe ich heute schon wieder verloren?

32) Soll ich mit dem Schachspielen aufhören?

(Bonus-Sorge im Sommer 2011: Wie komme ich jetzt durch den Regen nach Hause?)


Schach-Welt fragt sich: Lohnen sich alle diese Sorgen am Schachbrett überhaupt? Wäre es nicht sinnvoller, würde man sich stattdessen über die Rettung der Welt/ des Wattenmeeres/ des 1.FC Köln (oder des HSV) Gedanken machen?

Aber das ist eine Frage, über die wir auch noch nachdenken können, wenn die nächste Turnierpartie ansteht. Dann ist ja immer noch Zeit dafür …

Freitag, 12. August 2011 06:51

So grün war mein Saal

Hübsch, nicht? Auf der Turnierwebsite gibt es noch mehr Fotos dieses am Donnerstag in Wien zu Ende gegangenen Meisterturniers in einzigartig frischer, grüner Umgebung. Wenn man so etwas nur vorher schon zeigen könnte, wäre es vermutlich leichter, Spieler anzulocken. 24 wollte ich dabei haben. Ich hatte Riesenprobleme, wenigstens zwölf zusammenzubekommen.
 
Es war ein Teamturnier (Ergebnisseite) und wurde von "Favoriten" (nicht wirklich nach dem gleichnamigen Wiener Bezirk sondern aufgrund des höchsten Elodurchschnitts) mit Aco Alvir, Aljoscha Feuerstack und Julian Jorczik gewonnen. Gleich drei titelsichernde IM-Normen wurden erfüllt und zwar durch Georg Fröwis (21 Jahre, Wien), Julian Jorczik (18, München) und Aljoscha Feuerstack (22, Hamburg). Die drei Normerfüller hatten ihre geforderten plus drei frühzeitig (Fröwis nach drei Runden, Jorczik nach fünf und Feuerstack nach sechs) beisammen und remisierten anschließend durch. Remiskönig mit sieben Punkteteilungen wurde, soweit ich weiß: erstmals, ich, was mir eigentlich nur deshalb etwas peinlich ist, weil man ja sonst nicht unter solchen Bedingungen spielen darf, wobei ich andererseits zu meiner Entschuldigung vorbringe, dass Spielen nach dem Einkaufen, Aufräumen, Abwaschen, Turnierseite aktualisieren... ja nur meine zweite Aufgabe war. Insgesamt blieb die Remisquote des Turniers aber unter fünfzig Prozent, und ein Spieler, Lars Ootes aus Amersfoort, remisierte überhaupt nicht, sondern gewann fünfmal (einmal mehr wäre ebenfalls eine IM-Norm gewesen) und verlor viermal. Das verdiente einen Spezialpreis.  
 
In der ersten Julihälfte 2012 möchte ich in Wien wieder ein Mannschaftsturnier veranstalten. Viererteams mit je mindestens einem Großmeister sollen teilnehmen - ob durch Vereinszugehörigkeit, Nationalität oder Freundschaft verbunden. Geplant sind Scheveninger-System-Matche vom Viertelfinale bis zum Finale mit allen Platzierungsspielen, also zwölfrundig, womit sowohl GM- als auch IM-Normen möglich sind, aber niemand gegen seine Mitspieler anzutreten braucht. Die Ausschreibung soll noch dieses Jahr vorliegen. Interessenten können sich gerne schon jetzt bei mir melden: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Der Handy-Betrugsversuch des sächsischen Landesmeisters, Christoph Natsidis, während der Deutschen Meisterschaft Anfang Juni schlug hohe Wellen. Die Missachtung für eine solche Tat war allen Ortens spürbar, und in unserer Umfrage fiel das Urteil „Handybetrug - Welche Strafe ist angemessen?“ dementsprechend deutlich aus. 2 Jahre Sperre war die Mindestforderung, ein großer Teil der Leser plädierte sogar für eine deutlich höhere Strafe.

Nun hat der Schachbund seine Entscheidung getroffen. Es ist wohl das härteste Urteil, das je gegen einen Spieler im deutschen Schach verhängt wurde, reicht aber an die 5 Jahre-Sperre im französischen Fall Feller nicht heran. Grund ist sicher eine gewisse Machtlosigkeit aufgrund der Struktur des DSB - Mitglieder sind nur Landesverbände und keine Spieler. Zudem war man auf einen Fall solcher Tragweite wohl nicht ausreichend vorbereitet. Hier wird wohl eine Statutenänderung erforderlich.

Allerdings zeigte das Präsidium deutlich Flagge und setzte ein Signal. Im Rahmen des Möglichen erscheint die mögliche Höchststrafe verhängt worden zu sein. Nachfolgend die Pressemitteilung des DSB:

 

Entscheidungen des DSB zum Betrugsfall bei der Deutschen Einzelmeisterschaft 2011

Im Rahmen seiner Sitzung am 30.07.2011 traf das Präsidium des DSB in Bezug auf den Betrugsfall bei der 82.Deutschen Einzelmeisterschaft in Bonn (unerlaubte Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel) jeweils einstimmig folgende Entscheidungen:

  • Die vom Bundesturnierdirektor Ralph Alt gegen Christoph Natsidis ausgesprochene zweijährige Sperre vom 06.07.2011 bis einschließlich zum 05.07.2013 wird voll umfänglich anerkannt und damit zugleich vom DSB rechtswirksam verhängt.
  • Die auf der 82. DEM von Christoph Natsidis erzielten Ergebnisse werden annulliert. Alle von ihm gespielten Partien werden für ihn als verloren und für seinen jeweiligen Gegner als gewonnen gewertet. Die DWZ-Auswertung wird entsprechend vorgenommen.
  • Christoph Natsidis wird im gesamten Zeitraum der gegen ihn verhängten Sperre nicht in der DWZ-Datenbank geführt. Partien, an denen Christoph Natsidis im Zeitraum seiner Sperre beteiligt ist, werden nicht ausgewertet. Mit Ablauf der Sperre wird die Wertungszahl von Christoph Natsidis reaktiviert.
  • Das Präsidium des Deutschen Schachbundes wird die FIDE und die ECU sowie die Landesverbände über seine Entscheidungen informieren.
  • Der Deutsche Schachbund prüft die Einrichtung einer zusätzlichen Kategorie auf www.schachbund.de.  In dieser Kategorie sollen die vom DSB gegen Spieler und Spielerinnen ausgesprochenen Sanktionen u.a. zur Information von Turnierveranstaltern öffentlich dokumentiert werden. 

Die Macht der BauernFür das Präsidium des Deutschen Schachbundes

Michael S. Langer

Stellvertretender Präsident

Der Handy-Betrugsversuch des sächsischen Landesmeisters, Christoph Natsidis, während der Deutschen Meisterschaft Anfang Juni schlug hohe Wellen. Die Verachtung für eine solche tat war allen Ortens spürbar, und in unserer Umfrage fiel das Urteil „Handybetrug - Welche Strafe ist angemessen?“ dementsprechend deutlich aus. 2 Jahre Sperre war die Mindestforderung, ein großer Teil wollte sogar eine deutlich höhere Strafe.

Nun hat der Schachbund seine Entscheidung getroffen. Es ist wohl das härteste Urteil, das je gegen einen Spieler im deutschen Schach verhängt wurde, reicht aber an die 5 Jahre-Sperre im französischen Fall Feller nicht heran. Grund ist sicher eine gewisse Machtlosigkeit des DSB. Aufgrund seiner Struktur sind nur Landesverbände Mitglieder und keine Spieler. Im Rahmen dessen erscheint es mir aber die mögliche Höchststrafe zu sein. Nachfolgende die Pressemitteilung:

 

Entscheidungen des DSB zum Betrugsfall bei der Deutschen Einzelmeisterschaft 2011

Im Rahmen seiner Sitzung am 30.07.2011 traf das Präsidium des DSB in Bezug auf den Betrugsfall bei der 82.Deutschen Einzelmeisterschaft in Bonn (unerlaubte Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel) jeweils einstimmig folgende Entscheidungen:

·         Die vom Bundesturnierdirektor Ralph Alt gegen Christoph Natsidis verhängte zweijährige Sperre vom 06.07.2011 bis einschließlich zum 05.07.2013 wird voll umfänglich anerkannt und damit zugleich vom DSB rechtswirksam verhängt.

·         Die auf der 82.DEM von Christoph Natsidis erzielten Ergebnisse werden annulliert. Alle von ihm gespielten Partien werden für ihn als verloren und für seinen jeweiligen Gegner als gewonnen gewertet. Die DWZ-Auswertung wird entsprechend vorgenommen.

·         Christoph Natsidis wird im gesamten Zeitraum der gegen ihn verhängten Sperre nicht in der DWZ-Datenbank geführt. Partien, an denen Christoph Natsidis im Zeitraum seiner Sperre beteiligt ist, werden nicht ausgewertet. Mit Ablauf der Sperre wird die Wertungszahl von Christoph Natsidis reaktiviert.

·         Das Präsidium des Deutschen Schachbundes wird die FIDE und die ECU sowie die Landesverbände über seine Entscheidungen informieren.

·         Der Deutsche Schachbund prüft die Einrichtung einer zusätzlichen Kategorie auf www.schachbund.de.  In dieser Kategorie sollen die vom DSB gegen Spieler und Spielerinnen ausgesprochenen Sanktionen u.a. zur Information von Turnierveranstaltern öffentlich dokumentiert werden.

 

Für das Präsidium des Deutschen Schachbundes

 

Michael S. Langer

Stellvertretender Präsident

 

Donnerstag, 04. August 2011 13:05

Schach wichtiger als Watergate

Update: Kurzfristig erhielt ARTE die Rechte zur Ausstrahlung des Dokumentarfilms „White Terror" zu dem Thema der weltweiten Vernetzung der Rechten Szene.
„Zug um Zug in den Wahnsinn“ fiel der Programmänderung zum Opfer. Und noch bertrüblicher: Die Redaktion reichte den Film bei zwei Festivals in Frankreich. Bobby Fischer wird also voraussichtlich erst Ende des Jahres oder gar erst Anfang 2012 auf ARTE zu sehen sein.

Heute Abend, 22 Uhr, sendet ARTE in deutscher Erstausstrahlung „Zug um Zug in den Wahnsinn – Die Legende Bobby Fischer“ (Programminfo)

Wir hatten Gelegenheit die Produktion bereits im Vorfeld zu sichten:

Liz Garbus Dokumentarfilm schafft in 90 Minuten einen eindrucksvollen Einblick in das Leben des Robert James Fischer, besser bekannt als Bobby Fischer, Schachweltmeister 1972-75.

Zum Teil authentisches Bildmaterial, kombiniert mit Zeitzeugen aus Fischers Umfeld und Anmerkungen Susan Polgars bilden eine kurzweilige Mischung, die auch Nichtschachspielern gute Unterhaltung garantiert.

Besonders beeindruckte mich, als Spieler der Nach-Fischer-Ära, die stimmig umgesetzte politische Bedeutung: So entsandte die Regierung ihren Nationalen Sicherheitsberater, Henry Kissinger, um Fischer zur Teilnahme an dem Jahrhundertmatch gegen Boris Spassky zu bewegen, und Schach war die Topmeldung des amerikanischen Fernsehens noch vor dem Politskandal Watergate 

Fazit: Absolut sehenswert!
Der Film vermittelt einem breiten Publikum Einblick in die Bedeutung des Schachs zu Zeiten des Kalten Krieges. Auch die Nähe von Genie und Wahnsinn wird auf beklemmende Weise spürbar.

Einzige (nicht bedeutende) Schwäche des Films. ist die an einigen Stellen fehlerhafte deutsche Übersetzung der Schachterminologie. Die zur damaligen Zeit im angelsächsischen Raum verbreitete „englische Notation“ bereitete dem wohl nicht schachspielenden Sprecher hörbare Probleme.

Für den Fall, dass Sie die Erstausstrahlung nicht sehen können, stellt die ARTE-Mediathek ARTE+7 den Film noch sieben Tage lang zum kostenlosen Streaming bereit: www.arte.tv/plus7.

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