Von Dortmund nach Wien
Chess-Meeting Dortmund: Giri, Meier und Bischoff im Interview
Nach der gestrigen Runde sprach das Team von Deep Chess mit Georg Meier, Anish Giri und Kommentator Klaus Bischoff.
Während Kramnik mit zwei Punkten Vorsprung faktisch als Sieger des Sparkassen-Chess-Meetings-2011 feststeht, entäuscht Tata Steel Gewinner Hikaru Nakamura auf breiter Front. Für das heutige Aufeinandertreffen prognostiziert Georg Meier deshalb auch wiederum "Not gegen Elend". Die 150-zügigen Partie der Vorrunde wird lange in Erinnerung bleiben.
Rundenbeginn ist wiederum 15 Uhr. Die Partien können auf der Website des Veranstalters live mitverfolgt werden.
Stichwort Nanking
Was hat die FIDE gegen Giri?
Ringschachbahn
In Berlin kann man an dank der Ringbahn an der gleichen S-Bahn Haltestelle ein- und aussteigen, ohne den Zug zu wechseln. „Vollring“ stand da früher auf den Zügen. Zum schachlichen Vollring kommen immer wieder mal Stationen hinzu und andere fallen weg. In diesem Jahr hält die Schachbahn zum zwanzigsten Mal in Dresden.


Das ZMDI-Open (früher ZMD-Open wegen des Hauptsponsors, der seinen Namen aufgrund der sprachlichen Nähe zu AMD wechseln musste), war von jeher das Zugpferd des Schachfestivals, das sein zweites Jahrzehnt in wenigen Tagen beginnt und neun Turniertage später beendet. Ausgestattet mit üppigen Preisgeldern in allen Ratinggruppen, zieht das Open aus den grenznahen Regionen zu Polen und Tschechien, aber auch aus ganz Ostdeutschland und dank der Touristenattraktion Dresden bundesweit jede Menge Besucher an.
Zwanzig Jahre sind eine Menge Holz. Und es gibt genügend Beispiele, bei denen es zu weitaus weniger gelangt hat. Warum funktioniert eine Veranstaltung, die abgesehen davon, dass die Dresdner aufgrund der Stadt als touristisches Ausflugsziel einen dicken Bonus haben, auch nichts anderes tut, als Schachspieler einzuladen? Die wenigen Änderungen im Turniermodus oder das Begleitprogramm alleine (in diesem Jahr Ländervergleich der Frauen zwischen der Ukraine und Deutschland) werden es nicht machen. Wenn aber alle es gleich machen und trotzdem einige nicht überleben, sollte das begründbar sein.
Um es vorweg zu nehmen - beide Belege sind unsichtbar für die Teilnehmer, bestenfalls wahrnehmbar. Aber auch das nur mit einer Aufmerksamkeit, die mit dem Turniergeschehen nichts zu tun hat. Den begleitenden Festakt auf Schloss Albrechtsberg wird der gemeine Schachspieler nämlich nie sehen. Das Startgeld beinhaltet zwar die Teilnahme am Open und die begleitende Betreuung, aber nichts weiter. Auch für die Unterkünfte muss der Schachspieler hier genau so sorgen, wie anderswo. Das Ramada-Hotel als Veranstaltungsort bietet geringere Preise als im normalen Hotelbetrieb, das bewegt sich aber auch in einem Rahmen, den man bei früher Buchung ohne Turnier errieicht. Der Festakt über den Dächern Dresdens, am Hügel über der gerade durch die Waldschlösschenbrücke zerstörten Elbwiesen, bleibt eine geschlossene Veranstaltung für geladene Gäste.

Das Progarmm des Festabends dient weniger dem Turniergeschehen selbst, als vielmehr der gekonnten Vernetzung eines exzellenten Selbstbildnis, der Politik und den Sponsoren des Festivals. Begleitet von allerlei kulinarischen Köstlichkeiten, bieten die Dresdner ihrer lokalen Politprominenz eine willkommene Möglichkeit, sich als Befürworter einer strategischen Kunst in die Zeitungen schreiben zu lassen. Gleichzeitig bietet der durch Schachspiel-Highlights aufgehübschte Abend den Sponsoren die entspannte Möglichkeit, zwischen kreativem Fingerfood und Elbhangriesling mit städtischen Verantwortlichen eine Basis für künftige Vertrauensarbeit aufzubauen. Das immer noch ein weiteres Jahr Schachfestival geplant werden kann, wird zu einem wesentlichen Teil hier entschieden - und nicht bei den Anmeldezahlen.
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Der zweite und mindestens ebenso wichtige Grund für das immer wiederkehrende Open ist die eigentliche Sensation des Turniers. Die Mannschaft, der ich selbst seit sechs Jahren aushelfe, hat bei einer Stärke von über zwanzig Personen zwar in einzelnen Funktionen Veränderungen erfahren, sich aber als Team nicht wesentlich verändert. Was ist das für eine Kunst, eine funktionierende und ehrenamtlich agierende Mannschaft über so viele Jahre zusammenzuhalten? Was motiviert rund zwei Dutzend Helfer Jahr für Jahr, Porzellancup, Schachfrühling und Schachfestival neu auszurichten und sich als Turnierleiter, Schiedsrichter, Aufbauhelfer, Übertragungstechniker, etc... jedes Mal neu zu engagieren? Das Geld kann es jedenfalls nicht sein, denn die Arbeit bleibt bis auf die eigenen Aufwendungen unbezahlt. Es gibt dieses wunderbare Bild von den Chesstigers in Mainz auf der Bühne, als alle zusammen sitzen zum Teamfoto - und ich liebe dieses Bild vor allem, weil man in jedem einzelnen Gesicht ablesen kann, wieviel Freude und Stolz darin steht, so viel Lob zu kassieren. Dazu gehört immer auch die Gabe, sich selbst zu motivieren und mit dem Team arbeiten zu wollen. Ohne diese wahrhaft hohe Kunst wäre jedes noch so schöne Turnier verloren. Wetten, dass die Ringbahn auch im 21. Jahr dort hält?

Und auf einmal ist alles remis
Meier verschießt Elfmeter
Ein verregneter Montagabend, ich stricke gerade am Pulli für meinen frierenden Hund, nebenbei läuft zufällig die Liveübertragung des Sparkassen-Chess-Meetings. Zu vorgerückter Stunde sind einzig die Lokalmatadoren der USA und Deutschlands noch zu Gange - Georg Meier und Hikaru Nakamura kämpfen um die rote Laterne zum Vorrundenabschluss.
Tausende Familienväter ziehen anscheinend den warmen Platz am Monitor Frau und Kind vor, doch lange Zeit passiert wenig. Der Chat plätschert wie üblich vor sich hin, Unbekannte erzählen zumeist Unbedeutendes. Statt sich mit den Problemen des Schachbretts oder zumindest des Alltags auseinanderzusetzen, werden Ergebnisse tiefergelegter Rybkas oder Houdinis ausgetauscht. Dazu gesellen sich auffällig viele Amerikaner, die ihren üblichen Patriotismus auch im Schach zelebrieren. Go Naka, go!, doch gegen wen spielt der eigentlich?
“Crower (Zuschauer): Where does Meier come from - is he german ?
Poet13 (Zuschauer): Uruguay
Mikey Maus (Zuschauer): oh no,
Crower...stop it!
Crower (Zuschauer): hey - sometime I have real questions Mikey Maus – so please dont blame me every questions I raise …
Crower (Zuschauer): ok - I got your point - but believe me or not – I was not aware of any GM called Meier before this tournament
John Dukas (Zuschauer): I didn't know Georg Meier either...”
So geht es wohl auch vielen Deutschen, dabei ist der Trierer eines der ganz großen, an einer Hand abzählbaren Eigengewächse, die das deutsche Schach jemals hervorgebracht hat. Am Marketing muss offensichtlich noch gearbeitet werden. Aber vielleicht nicht wie es gerade geschieht, dass Meier nach Amerika zum Studieren geht und am Ende mehr amerikanische als deutsche Fans hat. Ein anderes großes Talent, Leonid Kritz, ging auf diese Weise bereits verloren.
Urplötzlich wird es lauter. Wie bei einem Börsencrashs schießen die Gebote in die Höhe, +2, +3, ja sogar +5,5 Bauerneinheiten werden geboten – Hikaru Nakamura hat in Zug 37 eingestellt. 5 BE plus - Elfmeter für den Underdog. Doch bereits 3 Züge später sorgt Meier
wieder für Fast-Ausgleich. Die Partie tritt in eine Phase des Lavierens, in der nur Weiß gewinnen kann, aber nichts Greifbares hat. 70 Züge lang geht alles einen typischen Gang - im Fachjargon "Totsitzen" genannt. Von stundenlangem Spiel im 30-Sekundenmodus, von denen man wohl aufgrund der Schreibpflicht nur 10 ernsthaft konzentriert nutzen kann, ermüden letztendlich beide Spieler – Nakamura lässt nach und bei Zug 115 erhält Meier seine zweite Chance, wieder +5 BE – doch er macht einen nichtssagenden Abwartezug (115. Ke1 statt 115. h5) um Zeit zu gewinnen und Schwarz konsolidiert. Auch bei diesem Elfmeter geht der Ball leider deutlich am Tor vorbei. Schach in der 30-Sekunden-Phase hat wenig mit dem früheren hohen analytischen Ansatz zu tun und erinnert vereinzelt an Loseziehen. Nach gut 7,5 Stunden und 150 Zügen einigen sich die Spieler auf Remis.
Man gruselt sich noch etwas im Gedränge und ist zufrieden – das Programm war gut!
Die beiden Tabellenletzten konnten um 23 Uhr Ortszeit gemeinsam das Licht ausmachen.
Gut, dass heute Ruhetag war.
Hier die Partie zum Nachspielen:
Ist Schach langweilig?
„Gravissimum est imperium consuetudinis.“
(Groß ist die Macht der Gewohnheit), Publilius Syrus (1. Jahrhundert vor Christus)
Schach in der uns bekannten und vertrauten Form scheint in einer Krise zu sein, schenkt man den aktuellen Diskussionen in der Schachpresse und im Internet Glauben. Da ist zum einen das Problem mit den Möglichkeiten des elektronischen Betrugs. Wem kann man noch Vertrauen schenken in einem Zeitalter, in dem Programme auf Handys stärker spielen als die weltbesten Spieler?! Zerstört das gesäte Misstrauen den Ehrenkodex des Fair Play, mit dem über 150 Jahre sportliches Wettkampfschach betrieben wurde?
Und die andere Gefahr: Schach ist tot, ist remis, sagen einige, vor allem die, die es wissen müssen, weil sie an der Weltspitze stehen.
Doch wir sollten uns nicht mit diesen Unkenrufen aufhalten. Unzweifelhaft ist das professionelle Schach auf hohem Niveau sehr hart und der Zwang zur computerintensiven Vorbereitung eine Geisel der Gegenwart, die es allen Beteiligten schwer macht (etwa auch den Lesern von Partieanalysen, die von Großmeistern „erstellt“ wurden, in denen fast ausschließlich mitgeteilt wird, was der Rechner wann von sich gibt…). Aber wenn man nur will gibt es im Schach so viel noch auszuprobieren und zu entdecken. Solange Partien wie die folgende gespielt werden sehe ich nicht den geringsten Anlass dazu, irgendwelche Regeln abzuändern:
Aronjan, Levon (2805) - Harikrishna, Pentala (2669) Damengambit [D56]
8th World Teams Ningbo (6), 23.07.2011
1.d4 ¤f6 2.c4 e6 3.¤f3 d5 4.¤c3 ¥e7 5.¥g5 h6 6.¥h4 0–0 7.e3 ¤e4 8.¥xe7 £xe7 9.¦c1 c6

Die ultrasolide Lasker-Verteidigung gegen das Damengambit gilt gerade als Inbegriff der Remiswaffe. Die Moden wechseln. Vor ein paar Jahren ließ Russisch die Weißspieler verzweifeln und etliche eingefleischte 1.e4-Spieler ins Lager der 1.d4-Anhänger überwechseln. In Kasan beim Kandidatenturnier packten plötzlich fast alle Spieler, wenn sie auf der schwarzen Seite saßen, das orthodoxe Damengambit mit der Lasker-Verteidigung im Speziellen aus, die verzweifelten Weißen sahen sich gar genötigt, auffallend oft mit soften Aufschlägen wie 1.c4 oder 1.Sf3 überhaupt eine Partie ins Mittelspiel hinüber zu retten. Erleben wir bald wieder eine Renaissance von 1.e4 mit so exotischen Sachen wie Evans-Gambit (wie bei Huschenbeth - Gustafsson)?
Zur Partie: rund sechshundert Mal stand die Diagrammstellung in Partien, die den Eingang in die Datenbanken fanden, auf dem Brett. Fast ausschließlich wurde der Läufer gezogen, nach d3 oder e2, Abwartezüge mit der Dame oder a3 fand zuweilen auch Anwendung. Doch was macht Aronian?
10.h4!? ¤d7 11.g4!?

Selbst wenn die Stellung immer noch objektiv remis sein sollte, so bietet sie doch Anlass zu Glanzzügen wie zu Fehlern. Von Monotonie und angelernten Reflexzügen keine Spur – Kreativität bricht sich Bahn! Jedenfalls ist was ganz Neues entstanden, Weiß will aus dem Stand heraus einfach mattsetzen. Der Inder versucht, einer alten Devise getreu, Flügelspiel mit Zentrumsspiel zu entgegnen. Ob das hier die richtige Strategie ist?
11. ...e5!? 12.cxd5 ¤xc3 13.¦xc3 cxd5 14.g5! h5? Im Bemühen, die Königsseite geschlossen zu halten. Doch bleibt h5 schwach und der Springer gelangt nicht nach f6.

15.¥b5! exd4 16.£xd4 £e4 17.£xe4 dxe4 18.¤d2 ¤e5!? Will sich mit einem Bauernopfer befreien, doch zeigt Aronian beste, kreative Technik!
19.¤xe4 ¥e6 20.f4 ¥d5 21.fxe5 ¥xe4 22.0–0 ¥d5
23.¥d7! ¦fd8 24.¦c7 a5 25.a4 ¦a6 26.¦f4 ¦f8 27.¦d4 ¥c6 28.e6 fxe6 29.¥xe6+ ¢h8

30.¥f7! Ein Echozug zu Ld7. Brückenbau im Feindeslager; die gegnerischen Figuren werden wirkungsvoll gehemmt und am Zusammenspiel gehindert.
30. ...¦b6 31.b3 ¥f3 32.g6 ¦c6 33.¦xc6 bxc6 34.e4 ¥e2 35.e5 1–0
Tolles Ding, in allen Phasen sehr pointiert und unterhaltsam vom Armenier gespielt! Es gibt also viel zu entdecken - für die Weltspitze wie für uns Zuschauer.
Kramnik kann noch gewinnen - Impressionen aus Dortmund
Bernard Verfürden war mit seinem Deep Chess Team vor Ort und hielt Eindrücke
der vierten Runde in einem Video fest:

