SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Freitag,24 Mai 2013

Aktualisiert09:26:24 Fri

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Sonntag, 31. Juli 2011 13:10

Von Dortmund nach Wien

Dortmund hat viel Kampfschach und einen überragenden Sieger Kramnik geboten. Was bleibt sonst? Nakamuras Formkrise, Meiers schmerzvolle, aber für sein Weiterkommen nützliche Lektionen, Naiditschs Abwesenheit, eine gegenüber früheren Jahren in schachlicher Sicht deutlich verbesserte Pressearbeit. Unterm Strich meine ich: eindeutig eine der besseren Auflagen der Schachtage aka Sparkassen-Chess-Meeting.
 
Meine Aufmerksamkeit gilt jetzt wieder dem österreichischen Schach. An diesem Sonntag endet die Staatsmeisterschaft mit einem verdienten Außenseitersieg. Georg Fröwis, ein 21jähriger Vorarlberger, profitierte freilich in der Schlussrunde davon, dass Favorit Shengelia in Zeitnot statt stellungsgerecht die Züge zu wiederholen (und sich mit einem geteilten ersten bis dritten Platz bei schlechtester Buchholz abgibt) die Brechstange auspackt und rasch eingeht, so dass er  sich um einen halben Punkt vom buchholzbesseren Andreas Diermair absetzen kann. Fröwis hat eine IM-Norm deutlich übererfüllt, auch Schachinger und Schwabeneder haben IM-Normen geschafft. Bereits ab Mittwoch geht der Staatsmeister seine nächste Norm an, bei einem von mir organisierten IM-Turnier im Stilwerk Wien. Bis 11. August täglich ab 14 Uhr. Zuschauer sind herzlich willkommen. Im Internet gibt es eine Turnierpräsenz und eine Ergebnisseite.  
 
  

Nach der gestrigen Runde sprach das Team von Deep Chess mit Georg Meier, Anish Giri und Kommentator Klaus Bischoff.

Während Kramnik mit zwei Punkten Vorsprung faktisch als Sieger des Sparkassen-Chess-Meetings-2011 feststeht, entäuscht Tata Steel Gewinner Hikaru Nakamura auf breiter Front. Für das heutige Aufeinandertreffen prognostiziert Georg Meier deshalb auch wiederum "Not gegen Elend". Die 150-zügigen Partie der Vorrunde wird lange in Erinnerung bleiben.
Rundenbeginn ist wiederum 15 Uhr. Die Partien können auf der Website des Veranstalters live mitverf
olgt werden.

Freitag, 29. Juli 2011 12:31

Stichwort Nanking

Wladimir Kramnik spielt in Dortmund nicht mehr nur um den Turniersieg und gegen die Anwesenden. Sein härtester Konkurrent heißt Magnus Carlsen. Der Weltranglistenerste hat in Biel gerade vorzeitig das Turnier gewonnen und dabei auch einige Elopunkte. Kramniks Ausbeute verspricht größer zu werden. Schafft er noch zwei Punkte in den letzten drei Runden springt er nach acht Jahren wieder über die 2800.
Selbst Nanking (danke fürs Stichwort, strenger Kommentator Thomas Oliver) ist in Reichweite. Nanking? Ja, die 3002-Eloperformance, die Carlsen dort vor zwei Jahren mit 8 aus 10 gegen einen Eloschnitt von 2762  erzielte. Mit zweieinhalb aus drei und damit insgesamt 8,5 aus 10 hätte Kramnik eine Performance von 3026. Darüber, dass sie nicht wirklich besser wäre als Karpows 11 aus 13 in Linares 1994 mag man streiten (und Fischers 6:0 gegen Larsen ist sowieso außen vor, weil 100-Prozent-Ergebnisse sich eigentlich nicht in Performancezahlen umrechnen lassen). Aber die höchste je in einem aussagekräftigen Turnier gemessene Eloperformance bisher wäre es. Und das zählt doch was in unserer zahlengeilen Medienwelt, oder?
 
(Nachtrag zwei Runden später) Kramnik hat es versucht. Gegen Le hat er in Runde acht mit Schwarz viel riskiert (und möglicherweise in einer langen Vorausberechnung übersehen, dass 34...Dxc5 an 35.Sd6 scheitert), so dass er zwischenzeitlich am Rande einer Niederlande balancierte. Mit Schwarz gegen Giri in Runde neun war indessen nichts drin, ging es seinem jungen Gegner doch vor allem darum, Kramnik keine Chancen zu geben. Das Resultat war das langweiligste Remis des Turniers. Als Turniersieger und Elogewinner stand Kramnik trotzdem vorzeitig fest.
Freitag, 29. Juli 2011 02:04

Was hat die FIDE gegen Giri?

Drei der acht Teilnehmer am nächsten WM-Kandidatenturnier sollen also ab 25. August beim Weltcup in Chanti-Mansisk ermittelt werden (drei weitere nach Elozahl, einer ist der Verlierer des WM-Kampfes Anand-Gelfand, einen bestimmt der Veranstalter). Trotzdem fehlt fast die komplette Weltspitze: Gelfand und Anand haben die Qualifikation nicht nötig. Carlsen, Aronjan und wohl auch Kramnik bauen auf ihre Ratings. Auch Topalow scheint seinen Elorückgewinn fix eingeplant zu haben. Alle vier können es jedenfalls nicht gleichzeitig schaffen. Nakamura pokert wahrscheinlich lieber zwischen den WM-Kämpfen. Nur Karjakin, Iwantschuk, Grischtschuk und Kamsky ist doch ziemlich dürftig, auch wenn sie alle legitime Kandidaten abgeben würden.
 
Wen könnte man sich eigentlich noch im vermutlich erst 2013 anstehenden Kandidatenturnier (dafür kommt der Weltcup als einziges Qualifikationsturnier sowieso viel zu früh jetzt, logisch wäre Frühjahr 2012, aber dann ist ja frühestens das Finale von diesem Zyklus) vorstellen? Mir fiele da Anish Giri ein. Wenn seine Eloentwicklung weitergeht, vielleicht sogar schon als einer der Favoriten. Mit seiner aktuellen Elo wäre er eh berechtigt, aber es gilt der Mittelwert der Listen 7/2010 und 1/2011. Sechs Wildcards hatte der FIDE-Präsident zu vergeben (Teilnehmerliste). Giri ist auch da nicht dabei. Keiner der sechs präsidentiell Nominierten (Sutovsky, Nielsen, Kasimdschanow, Ding, Bologan, Moriabiadi) hat eine so hohe publizierte, schon gar nicht aktuelle Elo wie Giri. Und keiner ist so jung und vielversprechend. Natürlich wäre Giri in Chanti-Mansisk nur Außenseiter. Aber ausgeschlossen wäre es nicht, dass er unter die ersten drei kommt.
 
Iljumschinow hat ein Talent für Skandale. Die Nichtnominierung Giris ist kein großer wie der Besuch bei Gadhafi, sondern nur ein kleiner. Die Frage ist, warum hat der irre Kalmücke den Jungen nicht nominiert? Hat einfach nur keiner in dem chaotischen FIDE-Haufen dran gedacht? Wird Giri von unserem Weltverband, der zur Verlängerung des Russischen Verbands geworden ist, etwa dafür abgestraft, dass er nicht für seine alte russische (und immer noch Pass-)Heimat antritt? Oder soll ausgleichende Gerechtigkeit geschaffen werden, weil Giri derzeit mehr Einladungen hat, als er annehmen kann? In Dortmund, Wijk aan Zee oder London kann man sich aber nun mal nicht für einen WM-Kampf qualifizieren. Er habe das bereits befürchtet, umschrieb er mir seine Enttäuschung, als ich ihn vor Tagen für einen Artikel in der Berliner Zeitung sprach.
 
(Nachtrag) Die FIDE hat nun doch noch durch ihr Sekretariat mitgeteilt:
"The nominations of the FIDE President are awarded upon his decision, mostly as an incentive to national federations which actively support FIDE events and FIDE activities such as "Chess in Schools", as well as to former World or Continental champions. This year, high-rated players from Europe were also nominated who played in their continental championship but did not qualify because of applicable tie-breaks which are very often disputed or in doubt of their effectiveness.
We are sure that GM Anish Giri will participate in next year's qualifying European Championship and he will indeed have a bright future as a top world-class player."
Dass Giri nicht das Qualifikationsturnier EM gespielt hat, wird ihm nun vorgehalten. Dazu muss man wissen, dass er sich zwischen der EM und dem gleichzeit ausgetragenen (letzten) Schnell- und Blindturnier in Monaco mit lauter (für den Weltcup vorberechtigten) Eloschwergewichten (für das er sich übrigens vorigen August in Amsterdam sportlich praktisch qualifiziert hatte) entscheiden musste. Wohl keiner an seiner Stelle, hätte Aix-les-Bains den Vorzug vor Monaco gegeben.  
Donnerstag, 28. Juli 2011 08:58

Ringschachbahn

In Berlin kann man an dank der Ringbahn an der gleichen S-Bahn Haltestelle ein- und aussteigen, ohne den Zug zu wechseln. „Vollring“ stand da früher auf den Zügen. Zum schachlichen Vollring kommen immer wieder mal Stationen hinzu und andere fallen weg. In diesem Jahr hält die Schachbahn zum zwanzigsten Mal in Dresden.

Ausblick vom Spielort

Schachfestival_Teilnehmer1

Das ZMDI-Open (früher ZMD-Open wegen des Hauptsponsors, der seinen Namen aufgrund der sprachlichen Nähe zu AMD wechseln musste), war von jeher das Zugpferd des Schachfestivals, das sein zweites Jahrzehnt in wenigen Tagen beginnt und neun Turniertage später beendet. Ausgestattet mit üppigen Preisgeldern in allen Ratinggruppen, zieht das Open aus den grenznahen Regionen zu Polen und Tschechien, aber auch aus ganz Ostdeutschland und dank der Touristenattraktion Dresden bundesweit jede Menge Besucher an. 


Schachfestival_Teilnehmer2Zwanzig Jahre sind eine Menge Holz. Und es gibt genügend Beispiele, bei denen es zu weitaus weniger gelangt hat. Warum funktioniert eine Veranstaltung, die abgesehen davon, dass die Dresdner aufgrund der Stadt als touristisches Ausflugsziel einen dicken Bonus haben, auch nichts anderes tut, als Schachspieler einzuladen? Die wenigen Änderungen im Turniermodus oder das Begleitprogramm alleine (in diesem Jahr Ländervergleich der Frauen zwischen der Ukraine und Deutschland) werden es nicht machen. Wenn aber alle es gleich machen und trotzdem einige nicht überleben, sollte das begründbar sein.

Schachfestival_Teilnehmer3Um es vorweg zu nehmen - beide Belege sind unsichtbar für die Teilnehmer, bestenfalls wahrnehmbar. Aber auch das nur mit einer Aufmerksamkeit, die mit dem Turniergeschehen nichts zu tun hat. Den begleitenden Festakt auf Schloss Albrechtsberg wird der gemeine Schachspieler nämlich nie sehen. Das Startgeld beinhaltet zwar die Teilnahme am Open und die begleitende Betreuung, aber nichts weiter. Auch für die Unterkünfte muss der Schachspieler hier genau so sorgen, wie anderswo. Das Ramada-Hotel als Veranstaltungsort bietet geringere Preise als im normalen Hotelbetrieb, das bewegt sich aber auch in einem Rahmen, den man bei früher Buchung ohne Turnier errieicht. Der Festakt über den Dächern Dresdens, am Hügel über der gerade durch die Waldschlösschenbrücke zerstörten Elbwiesen, bleibt eine geschlossene Veranstaltung für geladene Gäste.


Schachfestival_Spielsaal

Das Progarmm des Festabends dient weniger dem Turniergeschehen selbst, als vielmehr der gekonnten Vernetzung eines exzellenten Selbstbildnis, der Politik und den Sponsoren des Festivals. Begleitet von allerlei kulinarischen Köstlichkeiten, bieten die Dresdner ihrer lokalen Politprominenz eine willkommene Möglichkeit, sich als Befürworter einer strategischen Kunst in die Zeitungen schreiben zu lassen. Gleichzeitig bietet der durch Schachspiel-Highlights aufgehübschte Abend den Sponsoren die entspannte Möglichkeit, zwischen kreativem Fingerfood und Elbhangriesling mit städtischen Verantwortlichen eine Basis für künftige Vertrauensarbeit aufzubauen. Das immer noch ein weiteres Jahr Schachfestival geplant werden kann, wird zu einem wesentlichen Teil hier entschieden - und nicht bei den Anmeldezahlen.

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Schachfestival_GrafDer zweite und mindestens ebenso wichtige Grund für das immer wiederkehrende Open ist die eigentliche Sensation des Turniers. Die Mannschaft, der ich selbst seit sechs Jahren aushelfe, hat bei einer Stärke von über zwanzig Personen zwar in einzelnen Funktionen Veränderungen erfahren, sich aber als Team nicht wesentlich verändert. Was ist das für eine Kunst, eine funktionierende und ehrenamtlich agierende Mannschaft über so viele Jahre zusammenzuhalten? Was motiviert rund zwei Dutzend Helfer Jahr für Jahr, Porzellancup, Schachfrühling und Schachfestival neu auszurichten und sich als Turnierleiter, Schiedsrichter, Aufbauhelfer, Übertragungstechniker, etc... jedes Mal neu zu engagieren? Das Geld kann es jedenfalls nicht sein, denn die Arbeit bleibt bis auf die eigenen Aufwendungen unbezahlt. Es gibt dieses wunderbare Bild von den Chesstigers in Mainz auf der Bühne, als alle zusammen sitzen zum Teamfoto - und ich liebe dieses Bild vor allem, weil man in jedem einzelnen Gesicht ablesen kann, wieviel Freude und Stolz darin steht, so viel Lob zu kassieren. Dazu gehört immer auch die Gabe, sich selbst zu motivieren und mit dem Team arbeiten zu wollen. Ohne diese wahrhaft hohe Kunst wäre jedes noch so schöne Turnier verloren. Wetten, dass die Ringbahn auch im 21. Jahr dort hält?

Schachfestival_Springer

www.schachfestival.de

Mittwoch, 27. Juli 2011 09:39

Und auf einmal ist alles remis

Zwei Runden vor Schluss führte Armenien bei der Mannschafts-WM schon mit zwei Punkten Vorsprung, doch es wurde noch richtig spannend. Eine Niederlage in der Schlussrunde hätte China, oder falls China gegen Ungarn nicht gewinnt und es gegen den direkten Gegner Ukraine ein Debakel setzt, auch diese vorbeiziehen lassen. Aronjan war in Schwierigkeiten gegen Iwantschuk, Akopjans Mehrbauern waren unverwertbar. Als Sargissjans Vorteil gegen Moisejenko größere Ausmaße annahm und sich ein chinesischer Sieg gegen Ungarn ebenso abzeichnete wie dass Russland gegen Indien nicht über ein 2:2 hinauskam, reagierten die Mannschaftsführer. Schnell war ein 2:2 ausgehandelt, das Armenien Gold (ein weiterer schöner Erfolg für ein armes, gebeuteltes Land) und der Ukraine die besten Aussichten auf Bronze versprach, denn für mehr wäre ein 3,5:0,5 nötig gewesen. Die Geschädigten waren China, das nur noch Silber holen konnte, und Russland, das nun auf Teufel komm raus gewinnen musste: Nepomnjaschtschi riskierte alles und verlor noch, was aber ebenso wie ein Remis Platz 4 bedeutete.
 
Remis an allen Brettern, darf man das überhaupt? Immerhin waren an allen Brettern mehr als 30 Züge gespielt, es zählten die Mannschaftspunkte, und es war lächerlich im Vergleich mit Absprachen, die früher bei Schacholympiaden bereits nach wenigen Minuten in verwaisten Brettern resultierten. Oder bin ich da als Armenien-Fan zu weich?
 
Gefreut habe ich mich nicht nur mit Aronjan und Co sondern auch mit Samy Shoker, der fast die Hälfte der ägyptischen Punkte holte und sich eine GM-Norm holte. Verdient gehabt hatte er sie bereits vor zwei Jahren beim Wiener Open, wo ich ihn kennenlernte, aber wegen einer Fehlkonstruktion waren GM-Normen damals nicht möglich (und sind es heuer für Spieler über 2350 wahrscheinlich auch nicht). In der Schlussrunde brauchte Shoker einen Schwarzsieg gegen einen 2765er - und schaffte es. Mamedscharow ließ sich abtragen wie ein 2400er. Verdächtig? Wenn Mamedscharow eines Tages ein lukratives Simultan oder eine Trainingssession in Kairo gibt... 
 
Ein Wort zu China: Hou Yifan ist von gleichaltrigen Burschen überholt worden (und hat mit Ju Wenjun nun auch noch starke weibliche Konkurrenz in ihrem Land) und ist weit entfernt von der Aufnahme ins chinesische Team, das aber nicht dank der Youngster Yu und Ding so glänzte, sondern dank seiner Routiniers Wang Yue (24) und Wang Hao (21). Chinas Team hatte ein Durchschnittsalter von nicht ganz 21 Jahre. Der einst jüngste Großmeister der Welt Bu (25) ist bereits ausgemustert.
 
Dienstag, 26. Juli 2011 18:46

Meier verschießt Elfmeter

Ein verregneter Montagabend, ich stricke gerade am Pulli für meinen frierenden Hund, nebenbei läuft zufällig die Liveübertragung des Sparkassen-Chess-Meetings. Zu vorgerückter Stunde sind einzig die Lokalmatadoren der USA und Deutschlands noch zu Gange - Georg Meier und Hikaru Nakamura kämpfen um die rote Laterne zum Vorrundenabschluss.

Tausende Familienväter ziehen anscheinend den warmen Platz am Monitor Frau und Kind vor, doch lange Zeit passiert wenig. Der Chat plätschert wie üblich vor sich hin, Unbekannte erzählen zumeist Unbedeutendes. Statt sich mit den Problemen des Schachbretts oder zumindest des Alltags auseinanderzusetzen, werden Ergebnisse tiefergelegter Rybkas oder Houdinis ausgetauscht. Dazu gesellen sich auffällig viele Amerikaner, die ihren üblichen Patriotismus auch im Schach zelebrieren. Go Naka, go!, doch gegen wen spielt der eigentlich?

“Crower (Zuschauer):  Where does Meier come from - is he german ?

Poet13 (Zuschauer):  Uruguay

Mikey Maus (Zuschauer):  oh no,

Crower...stop it!

Crower (Zuschauer):  hey - sometime I have real questions Mikey Maus – so please dont blame me every questions I raise …

Crower (Zuschauer):  ok - I got your point - but believe me or not – I was not aware of any GM called Meier before this tournament

John Dukas (Zuschauer):  I didn't know Georg Meier either...”

So geht es wohl auch vielen Deutschen, dabei ist der Trierer eines der ganz großen, an einer Hand abzählbaren Eigengewächse, die das deutsche Schach jemals hervorgebracht hat. Am Marketing muss offensichtlich noch gearbeitet werden. Aber vielleicht nicht wie es gerade geschieht, dass Meier nach Amerika zum Studieren geht und am Ende mehr amerikanische als deutsche Fans hat. Ein anderes großes Talent, Leonid Kritz, ging auf diese Weise bereits verloren.

Urplötzlich wird es lauter. Wie bei einem Börsencrashs schießen die Gebote in die Höhe, +2, +3, ja sogar +5,5 Bauerneinheiten werden geboten – Hikaru Nakamura hat in Zug 37 eingestellt. 5 BE plus - Elfmeter für den Underdog. Doch bereits 3 Züge später sorgt Meier Georg Meierwieder für Fast-Ausgleich. Die Partie tritt in eine Phase des Lavierens, in der nur Weiß gewinnen kann, aber nichts Greifbares hat. 70 Züge lang geht alles einen typischen Gang - im Fachjargon "Totsitzen" genannt. Von stundenlangem Spiel im 30-Sekundenmodus, von denen man wohl aufgrund der Schreibpflicht nur 10 ernsthaft konzentriert nutzen kann, ermüden letztendlich beide Spieler – Nakamura lässt nach und bei Zug 115 erhält Meier seine zweite Chance, wieder +5 BE – doch er macht einen nichtssagenden Abwartezug (115. Ke1 statt 115. h5) um Zeit zu gewinnen und Schwarz konsolidiert. Auch bei diesem Elfmeter geht der Ball leider deutlich am Tor vorbei. Schach in der 30-Sekunden-Phase hat wenig mit dem früheren hohen analytischen Ansatz zu tun und erinnert vereinzelt an Loseziehen. Nach gut 7,5 Stunden und 150 Zügen einigen sich die Spieler auf Remis.

Man gruselt sich noch etwas im Gedränge und ist zufrieden – das Programm war gut!

Die beiden Tabellenletzten konnten um 23 Uhr Ortszeit gemeinsam das Licht ausmachen.

Gut, dass heute Ruhetag war.


Hier die Partie zum Nachspielen:

Dienstag, 26. Juli 2011 17:36

Ist Schach langweilig?

„Gravissimum est imperium consuetudinis.“
(Groß ist die Macht der Gewohnheit)
, Publilius Syrus (1. Jahrhundert vor Christus)

Schach in der uns bekannten und vertrauten Form scheint in einer Krise zu sein, schenkt man den aktuellen Diskussionen in der Schachpresse und im Internet Glauben. Da ist zum einen das Problem mit den Möglichkeiten des elektronischen Betrugs. Wem kann man noch Vertrauen schenken in einem Zeitalter, in dem Programme auf Handys stärker spielen als die weltbesten Spieler?! Zerstört das gesäte Misstrauen den Ehrenkodex des Fair Play, mit dem über 150 Jahre sportliches Wettkampfschach betrieben wurde?

Und die andere Gefahr: Schach ist tot, ist remis, sagen einige, vor allem die, die es wissen müssen, weil sie an der Weltspitze stehen.

Doch wir sollten uns nicht mit diesen Unkenrufen aufhalten. Unzweifelhaft ist das professionelle Schach auf hohem Niveau sehr hart und der Zwang zur computerintensiven Vorbereitung eine Geisel der Gegenwart, die es allen Beteiligten schwer macht (etwa auch den Lesern von Partieanalysen, die von Großmeistern „erstellt“ wurden, in denen fast ausschließlich mitgeteilt wird, was der Rechner wann von sich gibt…). Aber wenn man nur will gibt es im Schach so viel noch auszuprobieren und zu entdecken. Solange Partien wie die folgende gespielt werden sehe ich nicht den geringsten Anlass dazu, irgendwelche Regeln abzuändern:

Aronjan, Levon (2805) - Harikrishna, Pentala (2669) Damengambit [D56]

8th World Teams Ningbo (6), 23.07.2011

1.d4 ¤f6 2.c4 e6 3.¤f3 d5 4.¤c3 ¥e7 5.¥g5 h6 6.¥h4 0–0 7.e3 ¤e4 8.¥xe7 £xe7 9.¦c1 c6

Aronian-Hari

Die ultrasolide Lasker-Verteidigung gegen das Damengambit gilt gerade als Inbegriff der Remiswaffe. Die Moden wechseln. Vor ein paar Jahren ließ Russisch die Weißspieler verzweifeln und etliche eingefleischte 1.e4-Spieler ins Lager der 1.d4-Anhänger überwechseln. In Kasan beim Kandidatenturnier packten plötzlich fast alle Spieler, wenn sie auf der schwarzen Seite saßen, das orthodoxe Damengambit mit der Lasker-Verteidigung im Speziellen aus, die verzweifelten Weißen sahen sich gar genötigt, auffallend oft mit soften Aufschlägen wie 1.c4 oder 1.Sf3 überhaupt eine Partie ins Mittelspiel hinüber zu retten. Erleben wir bald wieder eine Renaissance von 1.e4 mit so exotischen Sachen wie Evans-Gambit (wie bei Huschenbeth - Gustafsson)?

Zur Partie: rund sechshundert Mal stand die Diagrammstellung in Partien, die den Eingang in die Datenbanken fanden, auf dem Brett. Fast ausschließlich wurde der Läufer gezogen, nach d3 oder e2, Abwartezüge mit der Dame oder a3 fand zuweilen auch Anwendung. Doch was macht Aronian?

10.h4!? ¤d7 11.g4!?

Aronian-Hari2

Selbst wenn die Stellung immer noch objektiv remis sein sollte, so bietet sie doch Anlass zu Glanzzügen wie zu Fehlern. Von Monotonie und angelernten Reflexzügen keine Spur – Kreativität bricht sich Bahn! Jedenfalls ist was ganz Neues entstanden, Weiß will aus dem Stand heraus einfach mattsetzen. Der Inder versucht, einer alten Devise getreu, Flügelspiel mit Zentrumsspiel zu entgegnen. Ob das hier die richtige Strategie ist?

11. ...e5!? 12.cxd5 ¤xc3 13.¦xc3 cxd5 14.g5! h5? Im Bemühen, die Königsseite geschlossen zu halten. Doch bleibt h5 schwach und der Springer gelangt nicht nach f6.

Aronian-Hari3

15.¥b5! exd4 16.£xd4 £e4 17.£xe4 dxe4 18.¤d2 ¤e5!? Will sich mit einem Bauernopfer befreien, doch zeigt Aronian beste, kreative Technik!

19.¤xe4 ¥e6 20.f4 ¥d5 21.fxe5 ¥xe4 22.0–0 ¥d5

Aronian-Hari4

23.¥d7! ¦fd8 24.¦c7 a5 25.a4 ¦a6 26.¦f4 ¦f8 27.¦d4 ¥c6 28.e6 fxe6 29.¥xe6+ ¢h8


Aronian-Hari5

 

30.¥f7! Ein Echozug zu Ld7. Brückenbau im Feindeslager; die gegnerischen Figuren werden wirkungsvoll gehemmt und am Zusammenspiel gehindert.

30. ...¦b6 31.b3 ¥f3 32.g6 ¦c6 33.¦xc6 bxc6 34.e4 ¥e2 35.e5 1–0

Tolles Ding, in allen Phasen sehr pointiert und unterhaltsam vom Armenier gespielt! Es gibt also viel zu entdecken - für die Weltspitze wie für uns Zuschauer.

Nach zuletzt gemischten Ergebnissen beeindruckt Wladimir Kramniks bei Deutschlands bedeutendster Schachveranstaltung, dem Sparkassen-Chess-Meeting in Dortmund. Nach fünf Runden weist er mit 4,5/5 einen deutlichen Vorsprung auf das Verfolgerfeld auf. Auf seine Erklärung für die vielen Punkte darf man gespannt sein, hatte er doch nach dem Ausscheiden ohne Gewinnpartie bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft bekundet, im Spitzenschach zu gewinnen sei nahezu unmöglich geworden. Die Eröffnungstheorie wäre allen hinreichend bekannt und man solle über eine Regeländerung nachdenken (z. B. Rochaderecht erst nach dem 10. Zug). Schnee von gestern.

Bernard Verfürden war mit seinem Deep Chess Team vor Ort und hielt Eindrücke
der vierten Runde in einem Video fest:
Donnerstag, 21. Juli 2011 08:20

Hallo Dortmund!

Dass sich Schachfestivals im Sommer terminlich auf die Füße treten, ist kaum zu vermeiden. Die Dortmunder Schachtage, die an diesem Donnerstag im Schauspielhaus losgehen, sind vor einigen Jahren selbst in die theaterfreie zweite Julihälfte und damit genau den angestammten Termin von Biel gegrätscht. Dass auch die FIDE ihre erstmals nicht mehr im Vier-Jahres-Rhythmus ausgetragene Mannschafts-WM auch noch auf diese Zeit legt, ist gemein (zumal es am Austragungsort, dem subtropischen Ningbo, im Juli heiß und regnerisch ist). Die früher belächelte WM ist so gut besetzt wie nie und verspricht nach dem 1:3 der Russen gegen Aserbaidschan am Mittwoch bis zum Abschluss am kommenden Dienstag hochspannend zu verlaufen. Auch Biel kostet Dortmund internationale Aufmerksamkeit, schraubt Carlsen dort doch mit jedem Sieg seine Weltranglistenführung und Elozahl weiter nach oben.  
 
Dabei hätte Dortmund dieses Jahr mal wieder etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Das Teilnehmerfeld ist das interessanteste seit langem. Dass der in Dortmund zuletzt nur langweilende Leko fehlt (so einen Knaller wie gestern bei der Mannschafts-WM gegen Iwantschuk hat er in "seiner zweiten Heimat" bei jährlicher Teilnahme zuletzt 2002 abgeliefert) und mit Anish Giri und Hikaru Nakamura zwei aufstrebende und nicht um Worte verlegene Hoffnungsträger eingeladen worden, ist unbedingt zu loben. Außerdem den unvermeidlichen Kramnik und Aeroflot-Sieger Le.
 
Zu mehr als einem deutschen Teilnehmer hat man sich trotz des (nicht nur von mir) überdeutlichen Lobs für das Londoner Modell (viermal Weltklasse, viermal nationale Spitze) nicht durchringen können. Kurioserweise wurde Naiditsch von den eigentlich elogeilen Dortmundern ausgerechnet im Jahr seiner besten Zahl ein (in jeder Beziehung um ein Jahr verspäteter) Denkzettel verpasst. Dafür kann er dankbar sein, denn in diesem Feld wäre er meines Ermessens erster Anwärter auf den letzten Platz und einen fetten Eloverlust. Dafür erhält Meier seine erste Chance auf so hohem Niveau. Seine Generalprobe, ein Schnellturnier bei den Maccabi-Spielen in Wien, wo er an die 100 Elopunkte mehr als der Zweitbeste hatte, gewann der Trierer zwar mit 17,5 aus 22, gab dabei aber mehr Punkte ab als erwartet. Ich glaube nicht, dass Meier wie Gusti bei seiner einzigen Dortmunder Chance 2008 den Turniersieg in Greifweite haben sondern mit jedem erbeuteten halben Punkt zufrieden sein wird. Und hoffentlich eine oder zwei gewinnt.
 
Wer kommentiert im Schauspielhaus? Gusti und Naiditsch? Wäre mal interessant gewesen (und ein Anreiz vorbeizuschauen), aber Klaus Bischoff und Sebi Siebrecht werden sicher auch einen guten Job machen.
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