Thomas Richter

Thomas Richter

Sonntag, 01 Januar 2017 13:28

David-Goliath 1-1

Zunächst ein paar Worte zum Titeldiagramm: Weiss am Zug würde natürlich gewinnen, Schwarz am Zug (wie in der Partie): wie ist die Stellung zu beurteilen? So stand es nach 46 Zügen, fünf Züge davor stand die weisse Dame noch auf e1, der weisse Turm auf b1 und ein schwarzer Turm auf a8.

Thema dieses Artikels ist ein Mannschaftskampf der sechsten NL-Liga, den es so wohl nächste Saison nicht wieder geben wird - eine Mannschaft steigt sehr wahrscheinlich auf, die andere womöglich ab (vielleicht/hoffentlich auch nicht). Am 17.12.2016 spielte mein Verein En Passant gegen EP:Beerepoot Magnus-Anna Paulowna Chess. Hinterher stand dazu in der Lokalzeitung "Helderse Courant" "Magnus-AP Chess uit Schagen en Texelse En Passant verschillen werkelijk in álles" - in etwa: "die Vereine sind total unterschiedlich". Reporter Peter Couwenhoven (spielt selbst für einen anderen Verein in der noord-holländischen Provinz) brachte dazu ein paar Daten/Fakten, ich bringe nun eigene. Vorher stand es, jeweils aus unserer Sicht, 9-34, 1772-2030 und 0-12. Wofür steht das jeweils, und wie hängt es zusammen? 9-34 ist Länge der Vereinsnamen in Buchstaben - beim Gegner ist EP:Beerepoot (ein) Sponsor, Magnus (hat übrigens nix mit einem Norweger zu tun, den Verein gibt es schon seit 1953) und Anna Paulowna sind die Stammvereine die miteinander fusionierten. 1772-2030 klingt noch erträglich, aber das war der Eloschnitt der beiden Teams. 0-12 bezieht sich auf Anzahl Sponsoren, was den Gegner betrifft siehe hier rechts - einer zahlt wohl am besten, deshalb wird er da auch oben erwähnt sowie im offiziell-kompletten Vereinsnamen. Wir hatten mal einen Sponsor, der pro Saison einen dreistelligen Betrag spendierte. Davon könnte man eventuell einen IM für einige (wohl nicht alle sieben) Mannschaftskämpfe anheuern - wir verwendeten es für unvermeidliche Kosten (Saalmiete) und für Jugendarbeit. So hoch würden wir jedenfalls nicht verlieren, gespielt wird an acht Brettern.

Vorab noch, beim deutschen Publikum nicht unbedingt bekannt: In den Niederlanden ist die Aufstellung total flexibel - derselbe Spieler kann mal am ersten Brett spielen, mal am fünften, mal am achten oder auch an jedem anderen Brett. "Taktische" Aufstellungen sind möglich - wir sorgten dafür, dass wir an Brett 6-8 etwa gleichwertig waren und erzielten da dann auch 50%, ausserdem noch ein nicht eingeplanter Punkt am Spitzenbrett. Das war für uns ein akzeptables Ergebnis, im Abstiegskampf sind/werden eventuell auch Brettpunkte relevant. So lief es insgesamt:

17-12-2016

  EP:Beerepoot Magnus-Anna Paulowna Chess  -  En Passant 5½ - 2½
1 7464754  Warner de Weerd  2206  -  7698317  Gerard Postma  1662 0-1
2 7227462  Enrico van Egmond  2114  -  6238177  Aad Bakker   1-0
3 7196013  Wim Boom  2064  -  8570430  Jon van Dorsten  1389 1-0
4 6758686  Piet Peelen  2328  -  8039955  Thomas Richter  1968 1-0
5 8040714  David de Visser  1870  -  7602177  Jaap de Wijk  1663 1-0
6 6050891  Siem Roet  1911  -  8496213  Joop Rommets  1899 0-1
7 8157237  Jan-Pjotr Komen  1892  -  6244502  Jaap Dros  1953 1-0
8 6966366  Wim Smit  1855  -  6435528  Kees de Best  1870 ½-½
   2030    1772  

 

Unser 90-jähriger Nestor Aad Bakker spielt nur noch sporadisch und hat daher gar keine NL-Elo. Schwerpunkt dieses Artikels werden die Partien Goliath Piet Peelen gegen David Thomas Richter und David Gerard Postma gegen Goliath Warner de Weerd (alles natürlich relativ, diese Goliaths sind gegen Grossmeister Davids, und jedenfalls ich bin gegen andere Gegner auch mal Goliath). Peelen und de Weerd sind eventuell auch in Deutschland etwas bekannt, da beide auch in der NRW-Liga spielen. Über den Artikel verteilt (so ist zwischendurch eventuell der Leser am Zug) auch ein Moment aus der Partie Smit - de Best, damit beginne ich nun: 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 c6 5.e3 Ld6 6.Dc2 Sbd7 7.Ld2 (selten, fünfte Wahl laut Datenbank - aber so spielten auch Grossmeister mal, einschliesslich der K-Klasse Kramnik, Karpov und Krasenkow) 7.-b6!? (ebenfalls selten und provokativ) 8.cxd5 exd5 und schon gibt es ein Diagramm:

Smit de Best move 8

 

 

 

 

 

 

 

Was wollen Computer, die bei 7.-b6 laut protestieren, hier spielen? Weiter geht es später in diesem Beitrag. Nun noch etwas Vorgeschichte zu den David-Goliath Partien. Vereinsintern hiess es vorab "wenn einer gegen Peelen was reissen kann, dann Thomas" - das kommentiere ich mal nicht bzw. sage nur "I did my very best" (gestern war ja Silvester und damit lief auch Dinner for One im Fernsehen). Datenbanken kennen Peelen und ich bekam einen Tip zu Partien aus der NRW-Liga, also habe ich mich vorbereitet - mit Weiss jedenfalls für meine Verhältnisse recht ausgiebig auf Caro-Kann, das macht er mit Schwarz immer gegen mein 1.e4 und dann generell dieselben Varianten. Nebenbei habe ich Gerard Postma ein bisschen auf Katalanisch von Warner de Weerd vorbereitet, das ging ungefähr so: "Du kannst hier 6.-dxc4 spielen, dann gibt es mehrere Varianten, oder 6.-c6 mit etwas passiver aber solider Stellung". "OK, ich spiele 6.-c6". Dann kam es anders: Postma hatte gegen de Weerd Weiss, ich hatte gegen Peelen Schwarz.

Üblich ist hierzulande, dass beide Mannschaftsführer ein leeres Formular ausfüllen, dann werden diese kombiniert und ermittelt, wer an welchem Brett (mit welcher Farbe) gegen wen spielt. Der Gegner überreichte unserem Mannschaftsführer sein halb ausgefülltes Formular zwecks Ergänzung, und unser Captain sorgte dafür, dass Postma gegen de Weerd spielte und Richter gegen Peelen - in der Eile beachtete er nicht, dass die Farben im Vergleich zur Vorbereitung vertauscht waren. Ich zeige zunächst Piet Peelen:

PietPeelen Cultural Village 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Foto (hier - Bericht zu Runde 7 - gefunden) ist etwas älter, es stammt vom Cultural Village Turnier 2011 in Wijk aan Zee. Gewonnen hatte damals übrigens der Inder Baskaran Adhiban, der sich so für die C-Gruppe von Tata Steel Chess 2012 qualifizierte - in ein paar Wochen und insgesamt fünf Jahre später spielt er am selben Ort gegen die absolute Weltklasse. Peelen hat sich äusserlich kaum verändert, spielt aber inzwischen kaum noch Turniere sondern fast nur noch Mannschaftskämpfe und ist daneben (oder vor allem?) Schachtrainer. Letzte Saison spielte er noch für Purmerend in der zweiten NL-Liga, aber die mussten dann finanziell kürzer treten und sein heutiger Verein zahlt besser. Zur Partie:

IM Peelen (2328) - Richter (1968)

1.Sf3!? Hoppla, ich hatte mir auch Peelens Partien mit Weiss angeschaut, laut Datenbanken spielt er immer 1.d4. Aber 2016 - Jahr des Brexits, Jahr in dem Donald Duck Trump US-Präsident wurde - konnte man sich auf gar nichts verlassen! Auch 1.Sf3 kenne ich ein bisschen, schliesslich hatte ich es diese Saison schon zweimal mit Schwarz in Mannschaftskämpfen (lockeres "GM-remis" gegen Elo 2050, Angriffssieg gegen einen mit Elo 1688 womöglich etwas unterbewerteten Jugendspieler). Aber was Weiss genau vorhat, weiss Schwarz hier nicht - Idee von 1.Sf3. 1.-c5 2.g3 Sc6 3.Lg2 Sf6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 e6 6.0-0 Zu dieser Stellung ein kleiner Trialog aus der späteren Analyse. van Egmond: "Das ist nun quasi Sizilianisch". Richter: "Ja, aber ohne e4". Peelen: "Und e4 werde ich nicht spielen, auch wenn der Gegner das vielleicht gerne will!". 6.-a6?! ein "sizilianischer" Zug, hier aber wohl suboptimal - gängig ist 6.-Db6 oder 6.-Lc5 7.c4 Db6 hier offenbar zu provokativ (7.-Dc7) 8.Sb3 nach etwa 10 Minuten (Bedenkzeit in dieser Liga: 1h40min für die Partie plus 10 Bonussekunden pro Zug) 8.-d6 (bei 8.-Le7 gefiel mir 9.Le3 nebst c5 nicht) 9.Lf4 nach 30 Minuten - Stand auf der Uhr 0:55-1:28 9.-Se5 fast á tempo, ich hatte mit 9.Lf4 gerechnet und nutzte natürlich seine Bedenkzeit. Ich dachte, dass das quasi erzwungen und dabei gut/akzeptabel ist. 10.c5 Dc7 11.Dd4 hoppla, ziemlich direkt (und gut)! 11.-Sh5 ein bisschen tricksen ... 12.cxd6 Lxd6 13.Tc1 Sxf4 14.gxf4 Sc6 15.Dxg7

Peelen Richter move 15

 

 

 

 

 

 

 

Da haben wir den Salat - irgendwas ging bei Schwarz in der Eröffnung schief (ich wollte den Elo-überlegenen Gegner aktiv provozieren, Postma - s.u. - machte es anders). Immerhin Stand auf der Uhr inzwischen 0:26-1:09. Ansonsten: Habe ich mit dem Läuferpaar Kompensation? Ich mag generell das Läuferpaar, aber hier kann ich es kaum aktiv einsetzen. Wenn ich zu -Ld7 und -0-0-0 (lange Rochade war eher nicht geplant, aber was sonst?) komme geht vielleicht noch was. Peelen wollte allerdings später (Analyse-Ideen) gelegentlich auch noch Lxc6 spielen und war sich sicher, dass dann seine Springer besser sind als meine Läufer. Richter: "Du bist wie Anand?" (der auch gerne mal mit Springern gegen Läufer spielt). Peelen: "Ja, aber nur wenn es gut ist!". 15.-Tf8 muss natürlich sein 16.e3 auch jedenfalls naheliegend, er ver(sch)wendete dafür wieder sechs Minuten 16.-Ld7 17.Sc3 weitere 10 Minuten f5 (17.-0-0-0 18.Se4 wollte ich nicht) 18.Dg5 hatte ich nicht auf der Rechnung 18.-Dd8 Idee von Enrico van Egmond in der Analyse war 18.-Kf7!? um nach h8 zu laufen. Stockfish ist einverstanden, sagt aber auch dann "Weiss steht klar besser". 19.Dxd8+!? Mit noch 7 Minuten auf der Uhr (plus Inkrement) tauscht er die Damen, statt sie mit 19.-Dh5+ Tf7 auf dem Brett zu behalten. In diesem Fall wollte ich danach -De7 und -0-0-0 spielen, aber 20.Sa4 ist recht unangenehm. 19.-Kxd8

Peelen Richter move 19

 

 

 

 

 

 

 

Hurra, ich lebe noch!? Was ist der weisse Mehrbauer wert? Wie ist dieses (Semi-)Endspiel zu beurteilen bzw. zu behandeln? Peelen schlug in der Analyse eine aktive Methode vor - bei Gelegenheit -e5, aber das entdoppelt doch seinen Mehrbauern? 20.Kf1 Ke7 21.Ke2 Tab8 22.Sd2 Tfc8 erst mal alles decken, 22.-b5 hatte ich erwogen aber fürchtete wohl zu Unrecht 23.Sxb5 Txb5 24.Lxc6 Lxc6 25.Txc6 Txb2 26.Txa6? Lb4 mit ausgleichendem Gegenspiel (Peelen: "So hätte ich nicht gespielt.") 23.Sc4

Peelen Richter move 23

 

 

 

 

 

 

 

23.-Sd4+?! Aktiv aber sicher falsch! 23.-Lc7, kann man das "keepen"? 24.Kd3 (den Gefallen 24.exd4 Txc4 = tut er mir natürlich nicht) 24.-Sb5 25.Sxd6 Sxd6 26.b3 b5 27.Se2 b4 28.Txc8 Txc8 29.Tc1 Lb5+ (das wollte ich unbedingt, aber es ist Schein-Aktivität) 30.Kd2

Peelen Richter move 30

 

 

 

 

 

 

 

Hier hatte er noch 2 Minuten plus Bonussekunden, und nun spielte ich 30.-Lxe2? Jedenfalls besser war 30.-Txc1 31.Sxc1 Se4+!? 32.Lxe4 fxe4

Peelen Richter Analyse

 

 

 

 

 

 

 

[Analysediagramm] - das ist sicher gut für Weiss, ist es gut genug? Ich sehe keinen klaren Gewinnplan, aber das muss nichts heissen (und das war nicht Teil des Postmortems). In der Partie folgte (30.-Lxe2?) 31.Txc8 Sxc8 32.Kxe2 Sb6

Peelen Richter move 32

 

 

 

 

 

 

 

Und das ist sicher für Schwarz verloren. 37 weitere Züge wurden gespielt - in einem Mannschaftskampf sollte man eher zu spät als zu früh aufgeben. Seine Bedenkzeit war und blieb knapp, mehrfach hatte er noch fünf Sekunden auf der Uhr und dann wieder fünfzehn. Seine "Technik" war wohl deshalb nicht perfekt im Sinne von "schnellster Gewinnweg". Noch zwei Momente:

Peelen Richter move 46

 

 

 

 

 

 

 

Nach 46 Zügen: Remis wird es hier, wenn ich meinen Springer für b- und f-Bauern opfern kann und mit dem König nach h8 laufe. Dieses Motiv hatte ich gar nicht auf der Rechnung, sehe allerdings auch nicht wie ich es realisieren könnte.

Peelen Richter move 67 1 0

 

 

 

 

 

 

 

Nach 69 Zügen. Hier wäre weiterer Widerstand allenfalls dann angebracht, wenn es keine Bonussekunden gäbe und er 10-20 Sekunden hätte um mich matt zu setzen. Dem war nicht so, also 1-0.

Hinterher wurde ich von "Freund und Feind" (natürlich ist das gegnerische Team nicht Feind, nur Gegner) für eine gute Partie gelobt, ich selbst habe jedenfalls gemischte Gefühle zu dieser Partie. Warum zeige ich sie? Erstens interessieren mich kompetente Lesermeinungen, wie reell meine zwischenzeitlichen Remischancen waren, zweitens als Kontrast zur anderen David-Goliath Partie.

Zwischendurch wieder zu Brett acht:

Smit de Best Analyse 1

 

 

 

 

 

 

 

[Analysediagramm] 9.Sxd5!? ist der Computerzug. In fünf Datenbank-Partien spielte Weiss einmal so, der Gegner antwortete mit 9.-Lb7 und hatte einen Bauern weniger. Viermal geschah stattdessen 9.Ld3, in zwei Fernpartien anno 1976 (der Weisspieler Manfred Kahn, aus der damaligen DDR, war offenbar im Nah- und Fernschach recht gut), von Kamil Miton (2000 hatte er Elo 2425, später wurde er Grossmeister) sowie von Valentina Gunina (2003 bei der russischen Damenmeisterschaft U20 - damals hatte sie Elo 2213, aktuell hat sie mehr). Wie sollte Schwarz reagieren? Ist 9.Sxd5 wirklich quasi ein Gewinnzug? Computerprogramme (jedenfalls meine) gehen davon aus, bis man sie mit der richtigen schwarzen Antwort füttert.

Nun zeige ich, wie mein Mannschaftskollege gegen Warner de Weerd gewann - in grossem Stil, dabei eher nicht zur Nachahmung empfohlen. Zuerst zeige ich Warner de Weerd - auch er spielte vorige Saison für Purmerend, landete aus beruflichen Gründen in Schagen und nahm Piet Peelen mit zu seinem neuen Verein.

de Weerd Jussupow Caissa Eenhoorn

 

 

 

 

 

 

 

Nicht der Herr rechts, für diesen oder vergleichbare Spieler hat EP:Beerepoot usw. wohl doch nicht genug Geld, bzw. sie sind erst interessant/nötig nachdem sie ein paar Mal aufgestiegen sind. Artur Jussupow gab im März 2016 eine "Clinic" für Mitglieder von Caissa-Eenhoorn (aus Hoorn am Ijsselmeer), Warner de Weerd (links) war als Reporter vor Ort - Foto hier gefunden, eines von vielen im Artikel. de Weerd ist beruflich Journalist, damit kann er elf Sponsoren auch Medienaufmerksamkeit bieten (der zwölfte ist "de Weerd Tekst & Media"). Peelen-Richter war ein Duell etwa auf Kilo-Augenhöhe, Gerard Postma traf dagegen auf ein auch körperliches Schwergewicht.

Postma (1662) - de Weerd (2206)

1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 e5 Aha, Philidor - de Weerd spielt wie in seinen neueren Datenbank-Partien 4.Sf3 4.dxe5 dxe5 5.Dxd8+ Kxd8 geht, aber das kennt Schwarz wohl besser als Weiss Sbd7 5.Le2 Postma: "Ich wusste, dass 5.Lc4 üblich ist und 5.Le2 passiv, aber nach 5.Lc4 bekommt er was er wohl will" 5.-Le7 6.h3 muss (noch) nicht sein. 6.g4!? ist hier neumodisch, aber passt nicht zur Strategie, die Weiss in dieser Partie anwendet 6.-c6 7.Le3 b5 8.a3 0-0 9.0-0 Lb7 10.dxe5 Weiss betritt die gegnerische Bretthälfte! Allerdings nur für einen halben Zug 10.-dxe5 11.Sd2 Sc5 12.Lf3 Dc7 13.De2 a5 14.Tfc1!! Super-prophylaktisch - Weiss deckt den Bauern auf c2, acht Züge bevor Schwarz ihn angreift. Dass der andere Turm nach b1 gehört, ist Teil seines tiefen Konzepts. (Zwei Ausrufezeichen sind natürlich grosszügig, und auch nicht ernst gemeint) 14.-La6 15.De1 das musste nun sein

Postma de Weerd move 15

 

 

 

 

 

 

 

Die weisse Strategie wird deutlich - Schwarz darf kommen. Ich springe zur Stellung nach dem 30. weissen Zug - zwischendurch konnte Weiss sich mehrfach befreien, tat es aber nicht.

Postma de Weerd move 30

 

 

 

 

 

 

 

Wie gesagt, ein weisser Turm gehört nach b1. Sein Läufer stand auf f3 zu aktiv, d1 ist schliesslich auch ein Feld. Dito für einen Springer, der in die Ecke hüpfte (der andere wurde abgetauscht). Zuletzt war 30.g3 allerdings ungenau, warum? Hier ruft Stockfish 30.-d3! 31.cxd3 Dc3! 31.Txc3 bxc3 - Schwarz gewinnt! Ähnlich kam es später in der Partie, aber da bekam Weiss plötzlich Gegenspiel. Stattdessen geschah 30.-Lc6? (Fragezeichen von Stockfish) 31.Sf2 Lb5 32.Sh1 - konsequent aber objektiv schlecht. Hier hatte Weiss noch weniger als 5 Minuten, Schwarz noch etwa 11 - später wurde es eine wilde Zeitnotschlacht 32.-Ld6?! (32.-d3! 33.dxc3 Dd6 -+) 33.Sf2 Kg7? (genauso schlecht ist 33.-Kf8, warum?)

Postma de Weerd move 33

 

 

 

 

 

 

 

34.Sg4?! (34.Le2! geht, da 34.-Lxe2 35.Dxe2 Txc2?? [35.-Tc8 36.Kg2 Txc2?? 37.Sd3 Dc7 38.Txc2 Dxc2 39.Tc1] an 36.Txc2 Dxc2 37.Lh6+ ooops scheitert) 34.-f5 zweite Front 35.exf5 gxf5 36.Sf2 Kh8 (36.-e4! nebst -Sxg3 oder -e3) 37.Sd3 Lxd3 38.cxd3 Dc3!?!

Postma de Weerd move 38

 

 

 

 

 

 

 

Nun also doch - hier war z.B. 38.-Db5 einfach und gut. 39.Txc3 bxc3 40.Kg1? 40.f4! Txd2+ 41.Dxd2! cxd2 42.fxe5 Lb4 43.Lxh5 Ta5

Postma de Weerd Analyse

 

 

 

 

 

 

 

[Analysediagramm] Kann Schwarz das gewinnen? Verlieren kann er es jedenfalls nicht, also verdient das weisse 40.Kg1 angesichts des weiteren Partieverlaufs kein Frage-, sondern ein Ausrufezeichen!?

40.-Txd2 41.g4 Sf4 42.Dh4

Postma de Weerd move 42

 

 

 

 

 

 

 

Weiss wird frech! Und es funktioniert! 42.-Tf8?! 42.-Taa2 gewinnt glatt - in Zeitnot allerdings kaum zu sehen (ohne Zeitnot schwer genug), dass Weiss dann kein Dauerschach hat. Die Schlussphase dieser Partie offenbar vor vielen Kibitzern - ich war nicht dabei, da ich in einem anderen Raum meine Partie analysierte. 43.Dh6 erstmals seit dem 10. Zug betritt Weiss die gegnerische Bretthälfte, und diesmal bleibt er da länger 43.-Sg6?! wieder rückwärts, nach 43.-Le7 steht Schwarz offenbar immer noch gewonnen (warum, da müsste man lange Computervarianten betrachten oder gar selbst analysieren ...) 44.Ta1 fxg4? (44.-Le7!) 45.Ta7! die zweite weisse Figur in der gegnerischen Bretthälfte, den Ld1 wirft er über Bord 45.-Txd1+ 46.Kg2

Postma de Weerd move 46

 

 

 

 

 

 

 

Das ist nun das Titeldiagramm: Weiss droht offensichtlich Matt, Schwarz kann das nur mit Schachschachschachschach verhindern und eventuell dabei selbst mattsetzen. 46.-Sf4+?? So nicht!! Am einfachsten macht Schwarz mit 46.-Td2+ 47.Kg1 Td1+ usw. remis. Der weisse König darf weder auf die f-Linie (-Txf3+) noch nach g3 oder h2 (-e4+), da Schwarz dann tatsächlich schachforciert mattsetzen kann. Das wollte de Weerd wohl (und eben kein remis), aber dabei hat er sich in beiderseitiger Zeitnot selbst ausgetrickst. 47.Kg3! (bloss nicht 47.Kf2/h2 g3+ 48.Kxg3 Tg8+ usw. - Schwarz gewinnt) 47.-Tg1+ 48.Kh2! wieder nur so: 48.Kf2? Sxh3+ 49.Ke2 gxf3#; 48.Kh4? Sg6+ 49.Kh5 Tf5+ - letzteres hätte Postma nach eigener Aussage beinahe gespielt 48.-Tg2+ 49.Kh1

Postma de Weerd move 49

 

 

 

 

 

 

 

Nun hat Schwarz nur noch ein Desperadoschach, aber Weiss muss immer noch aufpassen: 49.-Tg1+ 50.Kxg1 Sxh3+ 51.Kh2 (nur Remis ist 51.Kf1?? Txf3+ nebst immer Dauerschach) 51.-e4+

Postma de Weerd move 51

 

 

 

 

 

 

 

Kurioser Moment: Postma wollte á tempo 52.Dxh7 "matt" spielen, dann sah er doch dass 51.-e4 ein Abzugsschach ist. Was wäre passiert, wenn Weiss das schwarze Abzugsschach ignoriert hätte? Da es keine Blitzpartie war, hätte Schwarz wohl (nach zunächst etwas "Theater"?) den Regeln entsprechend nur eine Zeitgutschrift bekommen und dann doch verloren. Aber wenn Weiss (der von Bonussekunden lebte) im entstehendn Chaos die Bedenkzeit überschreitet, gewinnt Schwarz diese Verluststellung. 52.Kh1!? (nun spielt Weiss "für die Galerie"? 52.Dxd6 ging auch, aber das hatte er in der Eile und Aufregung gar nicht gesehen) 52.-Sf2+ 53.Kg2 exf3+

Postma de Weerd move 53

 

 

 

 

 

 

 

Immer noch "ging" 54.Kxf2?? g3+ - Schwarz bekommt eine neue Dame und setzt Matt, bevor Weiss Zeit hat für Dxh7matt oder Dg7matt. Aber: 54.Kf1 1-0 So gewinnt man also gegen einen Elo-übermächtigen Gegner! Manchmal funktioniert es, sicher nicht immer - nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen (jedenfalls ich könnte so nicht spielen), aber Postma hatte ohnehin nichts zu verlieren.

Bleibt noch Smit - de Best Teil drei: Nochmals das erste Analysediagramm:

Smit de Best Analyse 1

 

 

 

 

 

 

 

Falsch ist hier 9.-Sxd5 10.Dxc6 Sb4 11.De4+ Kf8 12.Dxa8 Sc2+ 13.Kd1 Sxa1 14.Ld3 nebst 15.Ke2 und 16.Txa1 - auch wenn Computerprogramme das als Hauptvariante vorschlagen. Richtig ist 9.-cxd5! 10.Dc6 Dc7!

Smit de Best Analyse 2

 

 

 

 

 

 

 

Das sehen "meine" Computerprogramme erst, wenn ich sie damit füttere! Dann berechnen sie 11.Dxa8 0-0 12.Tc1 Sc5! (Kees de Best dazu: "das hatte ich vor gut zehn Jahren schon einmal auf dem Brett) 13.b4 Ld7 14.Dxf8+ Lxf8 15.bxc5 bxc5 16.dxc5 Se4 17.Le2 Lxc5 18.0-0

Smit de Best Analyse 3

 

 

 

 

 

 

 

Ich hätte hier doch etwas lieber Weiss, aber das mag Geschmackssache sein. 7.-b6!? ist jedenfalls wohl spielbar - ob es gar eine als grober Fehler verkleidete Eröffnungsfalle ist, sei dahingestellt. Später hatte übrigens Schwarz in dieser Partie einen Mehrbauern, aber erlaubte in Zeitnot eine Zugwiederholung. Vielleicht spielte, zumindest im Unterbewusstsein, eine Rolle, dass er diese Saison bereits zweimal Stellungen mit Mehrbauer in Zeitnot (die hat er eben öfters) noch verlor.

Ich könnte zu fast jedem Mannschaftskampf ähnlich ausführlich berichten (generell analysiere ich hinterher mit Computerhilfe alle Partien), aber das ist doch die Ausnahme. Stand in der Liga momentan:

 1  EP:Beerepoot Magnus-Anna Paulowna Chess  X 5   5   6   8 21½
2  Heerhugowaard 3  X       6 17½
3  Bergen    X     6 4 17½
4  De Waagtoren 4 3  X       4 16½
5  Aartswoud 2        X 5 4 15½
6  K.T.V. 2      X 4   3 15
7  En Passant       3 4  X 3 14
8  Castricum 2     2    X 0 10½

 

EPBMAPC (um es mal so abzukürzen, selbst nennen sie sich "MACH") ist praktisch bereits aufgestiegen, auch wenn sie selbst noch etwas tiefstapeln. Heerhugowaard stieg letzte Saison unglücklich ab und wollte wohl direkt wieder aufsteigen, aber das ist nun unwahrscheinlich. Immerhin ist Abstieg für sie wohl kein Thema, im Gegensatz zum Rest der Liga - zwei Teams steigen ab, Castricum2 kann wohl bereits für eine Etage tiefer planen (das wussten sie, zusammen mit uns aufgestiegen, schon vor der Saison). Da K.T.V. gegen Castricum2 wohl jedenfalls nicht verliert, brauchen wir irgendwie-irgendwo-irgendwann noch mindestens einen Mannschaftspunkt. Weiter geht's im Februar - im Januar wird hierzulande praktisch nur in Wijk aan Zee Schach gespielt.

Montag, 05 September 2016 13:24

Endspiele aus Baku

Ich bin ja nicht z.B. Mark Dvoretsky, der auf chess24 Endspiel-Videos veröffentlicht hat, u.a. zwei (34+38 Minuten) zur "Vancura-Position" - irgendwas in Turmendspielen, viel mehr habe ich ehrlich gesagt aktuell nicht parat. Trotzdem habe ich hier gelegentlich zu Endspielen geschrieben, heute ist es mal wieder soweit. Das Titelfoto bekommt aber nicht Dvoretsky sondern Melanie Lubbe - die sich da wohl besser auskennt als meinereiner, aber in einer praktischen Partie (mit tickender Uhr und knapper Bedenkzeit) auch nicht immer perfekt ist. Thema sind Turm- und auch Bauernendspiele, aus dem ersten wird manchmal das zweite, umgekehrt passiert es eigentlich nie. Allenfalls wird ein Bauern- ein Damenendspiel, und nur dann ist es (aus praktischer Sicht) gelegentlich "unklar" - sonst kann man "objektiv" immer sagen "Weiss gewinnt" oder "Schwarz gewinnt" oder "Remis".

Es gibt einen konkreten Anlass für diesen Beitrag: Vereinsintern üben wir derzeit Endspiele, und einige Praxis-Beispiele von der Olympiade in Baku passen wunderbar dazu. Der Artikel richtet sich dann auch an die Schachfreunde Postma, van Dorsten und van Heerwaarden, aber andere dürfen ihn auch lesen. Noch klafft eine Lücke von gut 1000 Elopunkten zwischen den Texelschen vans und andererseits van Wely und van Foreest. Die soll etwas kleiner werden, wobei ich bezweifle ob Loek (um seine eigenen Worte zu gebrauchen) irgendwann den "heissen Atem" meiner Vereinskollegen spüren wird.

Schwerpunkt im Beitrag sind deutsche Damen, einerseits Zufall andererseits nicht - ich habe nicht alle olympischen Matches beobachtet ... . Aber ich beginne bei den Herren: In Runde 1 gab es an Tisch 2 die Paarung USA-Andorra - die Amis waren (nicht nur weil sie sich zuletzt verstärkt haben) favorisiert und gewannen dann auch 4-0, aber an Brett zwei war Oscar De La Riva Aguado (immerhin GM mit Elo 2503) gegen Wesley So (ebenfalls GM, Elo 2782) sehr nahe am Remis. Oscar spielte Schottisch - etwa von Jorden van Foreest oder gar Sonja Maria Bluhm inspiriert? Eröffnung ist nicht Thema dieses Beitrags, und das ist auch die letzte Anspielung auf die NL-Meisterschaft und meinen Artikel dazu. Endspiel ist Thema dieses Beitrags - nach 44.-Kc6 stand es so:

So De la Riva

 

 

 

 

 

 

 

Aus einem Turmendspiel kann ein Bauernendspiel entstehen. "Wohin mit dem (hier weissen) König?" wird ein Leitmotiv dieses Beitrags. In der Partie geschah 45.Kf3?? Txg5 46.fxg5 d5 47.cxd5+ Kxd5 48.Kg4 (48.Ke3 Ke5 - hier wird Schwarz die weissen f- und g-Bauern verspeisen und anschliessend einen seiner nun beiden Freibauern umwandeln) 48.-b5 49.f4 b4 50.f5 b3 0-1. Weiss hat einen ungefährlichen Freibauern, Schwarz einen unaufhaltsamen.

Das war also falsch, richtig war 45.Kg3 Txg5 46.fxg5 d5 47.cxd5+ Kxd5 - soweit wie gehabt, und nun 48.f4 mit zwei Möglichkeiten: a) 48.-b5 49.Kf3 b4 50.Ke3 b3 51.Kd3 b2 52.Kc2 Ke4 53.Kxb2 Kxf4 usw. - der weisse König ist gerade rechtzeitig zurück, um den schwarzen h-Freibauern aufzuhalten; b) 48.-Ke4 49.Kg4 b5 50.f5 - hier ist der weisse Freibauer genauso stark wie der schwarze.

De La Riva investierte immerhin gut 6 Minuten für 45.Kf3??, dann nochmals - aber es war bereits zu spät - knapp 6 Minuten für 47.cxd5+. Also noch keine extreme Zeitnot, dennoch hatte er sich verrechnet. Dass Andorra Schach spielen kann, zeigten sie übrigens tags darauf durch ein 2,5-1,5 im Derby gegen San Marino.

Ein etwa vergleichbares GM-Duell in Runde drei im Match China-Brasilien - Weiss (GM Barbosa) ist mit Elo 2509 etwas besser als der Andorraner, Schwarz (GM Yu Yangyi) mit 2725 (noch?) nicht ganz so gut wie Wesley So. Nach 36.-Ta3+ stand es so:

Barbosa Yu Yangyi

 

 

 

 

 

 

 

Wohin mit dem (wieder weissen) König? In der Partie geschah 37.Ke4?? Ke6 0-1. 37.Kg4 Kg6 war auch nicht gut, der weisse König muss zurück (nach f2 oder g2). Auch in Endspielen droht mitunter Matt, hier war es Selbstmatt.

Diese beiden Partien wurden auch anderswo erwähnt, die nun folgende auch. Wesley Sos ehemalige Landsfrauen von den Philippinen spielten gegen die favorisierten Georgierinnen, und diesmal gewann (in Partie und Match) nicht das nominell bessere Team - unter anderem aufgrund dieser Partie, Stellung in Fronda(2128) - Khotenashvili(2463) nach 29.cxb3:

Fronda Khotenashvili move 29

 

 

 

 

 

 

 

Hier konnte und musste die favorisierte Schwarzspielerin die Türme auf dem Brett behalten - dann hat sie durchaus Gewinnchancen und kann jedenfalls kaum verlieren. Aber es kam 29.-d5 30.Txf4 gxf4+ 31.Kxf4 Ke6??

Fronda Khotenashvili move 31

 

 

 

 

 

 

 

Mal wieder das falsche Feld für den König, nun den schwarzen, warum? 32.b4! axb4 33.Ke3 b3 34.Kd2 c5 35.a5 usw. - ich bringe das nicht bis zum (für Schwarz bitteren) Ende: zwei entfernte weisse Freibauern (a- und f-) waren hier stärker als drei verbundene schwarze. Nach 31.-Kd6 hätte der Durchbruch übrigens nicht funktioniert, dann können die drei schwarzen Freibauern auch ohne königliche Hilfe marschieren - was genau der Unterschied ist habe ich nicht näher untersucht, aber Engines haben da sicher Recht. "Sicher" war aus schwarzer Sicht 31.-c5 - danach glaubten die Livekommentatoren an (weiterhin) schwarze Gewinnchancen, aber Engines sagen 0.00 also remis.

Nun zwei am Ende glückliche deutsche Damen. In Runde zwei hatte Melanie Lubbe (2324) Weiss gegen die Turkmenin Gozel Atabayeva (2021) - für Gozel eine leichtere Gegnerin als für ihre Verwandten(?) Maksat Atabayev, Yusup Atabayev und Saparmyrat Atabayev (bei den Herren Tisch eins gegen Russland), dennoch war sie Aussenseiterin bei etwa vergleichbarem Elo-Unterschied. Nach 50.Kc4 stand es so:

Lubbe Atabayeva move 50

 

 

 

 

 

 

 

Weiss am Zug, das wäre trivial - natürlich Turmtausch und gewonnenes Bauernendspiel. Schwarz am Zug, was tun? Richtig war auch hier der Turmtausch - danach hätte Weiss zwar einen entfernten Freibauern, aber Schwarz einen gedeckten. Der schwarze Gewinnplan nur grob skizziert: Der König nähert sich dem weissen a-Bauern und "befragt" diesen, dann im richtigen Moment d4-d3, diese beiden Bauern verschwinden vom Brett - und später auch alle anderen weissen Bauern, da Schwarz den aktiveren König hat und den weissen Monarchen immer weiter abdrängen kann. Nach viereinhalb Minuten (sie hatte Turmtausch wohl erwogen aber dann darauf verzichtet?) spielte Atabayeva 50.-Txe4?! - sieht auch gut aus aber gewinnt nicht. Nach drei Minuten spielte Lubbe das aktiv-richtige 51.Th3! - ab hier war die Bedenkzeit womöglich durchgehend beiderseits knapp (nach dem 40. Zug gibt es 30 Minuten Zugabe, danach - wie von Anfang an - 30 Sekunden Inkrement pro Zug, mehr nicht). Es folgte 51.-Tf4 52.Th7 Txf5 53.Txg7+

Lubbe Atabayeva move 53

 

 

 

 

 

 

 

Wieder eine Stellung mit drei verbundenen schwarzen Freibauern und zwei voneinander entfernten weissen, was ist besser? Engines sagen "ausgeglichen", wenn Schwarz das richtige Feld für ihren König wählt. Jedenfalls nicht auf die Grundreihe, dann kann Weiss seinen g-Bauern umwandeln, z.B. 53.-Kd8 54.Ta7 Tg5 55.g7 - Schwarz hat dann zwar 55.-Ke8 56.g8D Txg8 57.Ta8+ Kf7 58.Txg8 Kxg8aber Weiss gewinnt dann das Bauernendspiel: sein König steht im Quadrat der drei schwarzen Freibauern, der schwarze König steht nicht im Quadrat des weissen a-Bauern! Das hatte Atabayeva vielleicht gesehen, aber von den drei Feldern auf der sechsten Reihe wählte sie das falsche, nämlich 53.-Kd6??. Warum ist das falsch? Hier gewinnt 54.Tg8!, z.B. 54.-Ke7 55.Ta8 Tg5 56.g7 Txg7 57.Ta7+ Kf8 58.Txg7 Kxg7 siehe oben. Nach 53.-Kc6 oder 53.-Kb6 hat Schwarz, wenn/sobald nŽtig, den Zug -Kb7.

Aber Lubbe spielte 54.a4? - Stand im Elfmeterschiessen weiterhin 0-0. Es folgte 54.-Tf1 55.a5 Tc1+ 56.Kd3 Tc3+ 57.Ke2 Tc8 58.a6 e4 59.a7 Kc6 - Weiss steht wieder auf Gewinn, da Schwarz (ich verzichte auf Details) zwischenzeitlich nicht die richtige Balance fand zwischen beobachten/kontrollieren der weissen und mobilisieren der eigenen Freibauern. Nun 60.Tf7 (gut genug, 60.Th7 war offenbar noch besser) 60.-d3+ 61.Kd2 Td8:

Lubbe Atabayeva move 61

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz droht 62.-e3+ 63.Kxe3 d2, was tun? Richtig war (nur) 62.Te7! mit quasi Zugzwang nach 62.-f5 63.g7: Nach 63.-f4 kommt einfach 64.Txe4, nach einem Turmzug auf der achten Reihe kommt 64.Tf7 nebst Tf8, und nach 63.-Kb6 64.Td7! was den Turm von der d-Linie bzw. der achten Reihe vertreibt. Am besten sollte man dann die nette Variante 64.-Txd7 65.a8S+!!? Kb7 66.g8D e3+ 67.Kxe3 d2 68.Db3+ Kxa8 69.Da4+ Ta7 70.De8+ Kb7 71.Kxd2 sehen, da Dame gegen Turm und drei verbundene Freibauern sonst vielleicht nicht trivial gewonnen ist (und Dame gegen Turm muss man danach immer noch gewinnen). Falsch war Lubbes 62.Txf6+? Kb7 - wieder sagen Engines 0.00. 63.Tf7+ Ka8 64.Te7

Lubbe Atabayeva move 64

 

 

 

 

 

 

 

Zugzwang wie oben nach (nicht gespielt) 62.Te7 ? Nein, der schwarze f-Bauer ist nicht mehr auf dem Brett, und der schwarze König steht eingeklemmt auf a8. Das sollten eigentlich genug Tips sein, um die schwarze Verteidigung selbst zu finden - ich nenne sie daher erst später, stattdessen erst die Partiefortsetzung: 64.-e3+ 65.Txe3 Kxa7 (den hat sie erwischt, aber den g-Bauern nicht) 66.Txd3 Tg8 67.Td3

Lubbe Atabayeva move 67

 

 

 

 

 

 

 

- also nun Turm und Bauer gegen Turm, manchmal ist das remis - aber hier nicht, da der schwarze König zu weit vom Geschehen entfernt ist. Beide Könige bewegten sich Richtung g-Freibauer, der weisse ist schneller: 67.-Kb6 68.Ke3 Kc6 69.Kf4 Kd6 70.Kg5 Ta8 (nach 70.-Ke5 wird der schwarze König mit 71.Te3+ wieder auf die d-Linie geschickt) 71.Kf6 Tf8+ 72.Kg7 Tf2

Lubbe Atabayeva move 72

 

 

 

 

 

 

 

Melanie Lubbe studiert(e) zwar Psychologie und nicht Bauingenieurwesen, aber eine Brücke bauen kann sie, jedenfalls diese: 73.Te3 Tg2 74.Kf7 Tf2+ 75.Kg8 Tg2 76.g7 Kd7 77.Te4 Tg1 78.Kf7 Tf1+ 79.Kg6 Tg1+ 80.Kf6 Tg2 81.Te5 Tf2 82.Tf5

Lubbe Atabayeva move 82

 

 

 

 

 

 

 

1-0

Im 64.Zug musste Schwarz 64.-Tg8 spielen, und erst nach 65.g7 Material über Bord werfen: 65.-e3+ 66.Kxe3 (66.Txe3 Txg7) 66.-d2 67.Kxd2 Txg7 68.Txg7

Lubbe Atabayeva Variante

 

 

 

 

 

 

 

Abweichendes Borddesign, da es eine Variante ist und da das Melanie Lubbe wohl nicht gefallen hätte.

Tags darauf gewann Marta Michna(2383) im Match Deutschland-Aserbaidschan 2 ebenfalls in 82 Zügen gegen Khayalla Abdullah (2214), aber da steige ich erst im 75. Zug ein:

Michna Abdulla move75

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz am Zug, was tun? Richtig war 75.-Th7! und Weiss kann keine (weiteren) Fortschritte machen. Aber Frau Abdullah tat mir einen Gefallen und erzeugte mit 75.-Txa4? eine Tablebase-Stellung - da weiss auch ich genau was Sache ist. Frau Michna tat sie damit auch einen Gefallen, aber die sah es nicht und spielte 75.b6? - 75.Te7+, nur so! 75.-Kc8 76.Kb6 Tb4 (sonst 77.Ka7 - der weisse König versteckt sich hinter dem schwarzen a-Bauern - nebst b6-b7-b8D) 77.Kxa5 und auch hier kann Weiss dann eine Brücke bauen. In der Partie geschah dann 76.-Ta1 77.Te7+ (zu spät, da der weisse König nun nicht mehr vor seinen Bauern kommt) 77.-Kc8?? 78.b7 SCHACH 78.-Kb8 79.Kb6 Tb1+ 80.Ka6 (im grauen Diagramm oben hätte Weiss gerne einen a-Bauern heimlich entfernt, hier Schwarz) 80.-Tb2 81.Te8+ Kc7 82.Tc8+ 1-0. Natürlich war 77.-Kb8 oder auch 77.-Ka8 (78.b7+ Ka7) aus schwarzer Sicht besser, noch schlechter war übrigens 77.-Ka6 78.Ta7 matt.

Lubbe-Atanbayeva war übrigens nicht matchentscheidend, aber 3,5-0,5 war aus deutscher Sicht besser als 3-1 oder 2,5-1,5. In Runde 3 sicherte Marta Michna so ein 2-2 Remis für Deutschland (immer noch etwas enttäuschend, aber 1,5-2,5 wäre schlechter gewesen).

 

 

Freitag, 02 September 2016 21:52

Olympischer Blick nach Belgien

Vor zwei Jahren hatte ich die damalige Olympiade (auch) "von unten" betrachtet - ein kleiner Bericht zum Team aus Bhutan. Diesmal etwas zu einem Land, das nur im Alphabet relativ nahe bei Bhutan liegt, allerdings weder schachlich noch kulturell noch geographisch. Belgien ist Nummer 64 der Setzliste, damit oberes Mittelfeld knapp hinter Schottland und recht knapp vor Mazedonien (politisch korrekt heisst das FYROM). Nach Elo besser sind unter anderem Portugal, Singapur, Bangladesch (schon sind wir wieder in der Nähe von Bhutan) und die Mongolei. Das musste nicht unbedingt sein - in Bestbesetzung wäre Belgien immerhin etwa Nummer 41, auf Elo-Augenhöhe mit Österreich, Bosnien-Herzegovina und Dänemark. Aber sie spielen nicht in Bestbesetzung, sondern mit der Nummer 1 (immerhin), 13, 15, 21 und 46 ihrer aktuellen Eloliste. Ersatzspieler FM Roel Hamblok ist nebenbei auch Kapitän, auch die Belgierinnen haben mit Sarah Dierckens eine Kapitänin die selbst auch mitspielt. Wie kam das zustande? Dazu habe ich ein bisschen recherchiert - bei zwei Quellen die womöglich anonym bleiben wollen, eine nannte auch öffentliche Quellen die ich (der niederländischen Sprache mächtig, Französisch ginge auch) verstehe.

Natürlich ist Belgien ohnehin ein eher kleines Schachland, schachlich am ehesten denen ein Begriff die (darunter mindestens ein Leser dieses Blogs) in der belgischen Liga spielen. Ein paar GMs und IMs haben sie doch, sowohl einheimische als auch zugereiste (dieser Aspekt bleibt nun aussen vor). Was hat der belgische Schachverband nicht oder nur sehr begrenzt? Geld. Dafür gibt es offenbar mehrere Gründe: Seit Jahren wird eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge blockiert, Sponsoren wohl Fehlanzeige - und es gibt noch einen dritten Grund den beide Quellen erwähnten, den ich aber mangels Details nicht direkt nenne. Womöglich hat es aber damit zu tun, dass der Haushalt nun auf der Verbandsseite detailliert dokumentiert wurde. Es gibt drei Einnahmequellen: Mitgliedsbeiträge pro Jahr ca. 50.000 Euro, Subvention vom BOIC/COIB (was ist das denn und warum zwei Akronyme? dazu komme ich gleich) 1500 Euro, sowie die belgische Liga die pro Jahr ca. 20.000 Euro einbringen soll. Neben Meldegeldern von gut 15.000 Euro waren im Haushalt 2013/2014 auch Geldbussen in Höhe von 3800 Euro vorgesehen - die Vereine haben sich dann zwar daneben benommen (Details kenne ich nicht) aber nicht genug, so kam nur 3107,50 Euro in die Verbandskasse. Daran lag es aber kaum, dass sie 2013/2014 etwa 28.000 Euro Verlust machten, statt der einkalkulierten Bilanz von minus 12.000 Euro (der geplante Haushalt 2014/2015 war solider, nur 11.000 Euro Verlust). Entscheidend waren wohl vor allem höhere Kosten für die Olympiade in Tromso (geplant 8.000 Euro, es wurden 15.300 Euro) sowie für internationale Jugendturniere (geplant 12.000 Euro, tatsächlich gut 32.000 Euro).

Wer oder was ist das BOIC/COIB? Das bedeutet Belgisch Olympisch en Interfederaal Comité bzw. Comité Olympique et Interfédéral Belgique, alles in Belgien schön doppelt, auf Deutsch hiesse es Belgisches Olympisches Komitee. Die müssen vorhandene Gelder breit verteilen, da fast alle Sportarten drei Landesverbände haben - einen nationalen, einen frankophon-wallonischen und einen flämischen. Das kleine bisschen deutschsprachiges Belgien ist da übrigens recht bescheiden - eigene Verbände nur für Boxen, Wintersport und Ringen. Wie das Titelbild zeigt, ist der Schachverband dreisprachig.

Klar war, dass sie (Halb-)Profis keine Konditionen bieten konnten. Bei der Olympiade 2014 in Tromso war Belgien (GM Winants, GM Michiels, IM Ringoir, IM Docx, FM Vandenbussche) noch an 44 gesetzt, übrigens wurden sie dann - nach Niederlage in Runde 10 gegen Kanada und (zu) knappem 2,5-1,5 Sieg gegen Luxemburg in der Schlussrunde - 67. . Zufriedener waren sie wohl mit dem ebenfalls knappen 1,5-2,5 gegen Deutschland. Bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft 2015 in Reykjavik spielten dann vier IMs, Ersatzspieler Fehlanzeige - an 32 gesetzt wurden sie 33. . Und wie kam diesmal das Team (GM Winants, IM Vandenbussche, IM Soors, FM Capone, FM Hamblok) zustande? Man konnte ja kaum die Eloliste nacheinander von oben bis relativ weit unten befragen, bis endlich fünf Spieler ja sagen. Machten sie auch nicht, stattdessen eine Einladung auf der Verbandsseite - eine meiner Quellen meinte: "da die Verbands-Webseite selten aktualisiert und daher kaum gelesen wird, haben viele das wohl gar nicht gesehen". Jedenfalls konnte jeder, der die Voraussetzungen erfüllt (oder eventuell auch nicht alle Voraussetzungen) sich um einen Platz in der Nationalmannschaft bewerben. Welche Voraussetzungen? 1) Belgischer Staatsbürger oder "FIDE-Belgier" mit seit zwei Jahren Wohnsitz in Belgien. 2) Elo (April 2016) mindestens 2250 für Herren bzw. 1800 für Damen (auf Basis aktueller Elozahlen konnten sich 62 Herren und immerhin 13 Damen bewerben). 3) mindestens 20 Elo-ausgewertete Partien in Belgien im Zeitraum Juni 2014 bis Mai 2015. 4) mindestens einmal Teilnahme an der belgischen Landesmeisterschaft (geschlossenes "Experten"-, offenes bzw. Damenturnier) in den letzten 3 Jahren. Wer nicht alle Voraussetzung erfüllte, konnte sich auch bewerben und musste dann begründen, warum er besondere Verdienste für das belgische Schach aufzuweisen hat - wobei Spieler die alle Kriterien erfüllen dennoch bevorzugt werden. Was gab es dafür? Reisekosten, Unterbringung mit Vollpension im Einzel- oder Doppelzimmer sowie 150 Euro Pauschale für andere Kosten - kein Startgeld, keine Erfolgsprämien, damit ist es für (Halb-)Profis eher nicht interessant. Die "ewige" belgische Nummer eins Luc Winants hat anscheinend einen "Privatsponsor".

Wenn ich richtig gezählt habe, hat Winants übrigens Kriterium 3) knapp verfehlt - 19 Partien in Belgien im relevanten Zeitraum, alles Mannschaftskämpfe, keine Turniere. Ich weiss nun nicht, ob er vom Verband gar nichts bekommt, ob sich insgesamt gerade mal fünf Spieler beworben haben, oder ob es für ihn eine Ausnahmeregelung gab (wenigstens ein GM sollte dabei sein). Demnach kam die belgische Nummer 2 Gurevich nicht in Frage - er spielte die letzten Jahre zwar ab und zu, aber gar nicht in Belgien. Womöglich gibt es noch einen anderen Grund: zwischendurch war er ja Schachtürke, und falls der belgische Verband die "transfer fee" von 5000 Euro an die FIDE nicht gezahlt hat, ist er (siehe hier) erst ab 1.10.2016 wieder für Belgien spielberechtigt. In Baku ist er übrigens doch bzw. nun doch nicht - er war als Kapitän des komplett elolosen Teams aus Djibouti vorgesehen, aber Djibouti ist zur ersten Runde nicht erschienen und wurde für die zweite Runde nicht gepaart. Die belgische Nummer 3 Chuchelov kam auch nicht in Frage - er ist vor allem Schachtrainer und spielt fast gar nicht mehr selber (eine Partie in der belgischen Liga im relevanten Zeitraum, das war's). Die nächsten vier GMs (Michiels, Malakhatko, Dgebuadze, Ringoir) und diverse IMs verzichteten offenbar.

Das geschwächte belgische Team war in Runde eins gut genug für ein 4-0 gegen Sao Tome & Principe - etwas schwächer als Texel in Bestbesetzung, aber wir sind ja nicht unabhängig und daher nicht spielberechtigt. Schade eigentlich, auch mit den niederländischen Antillen, Jersey, Guernsey und San Marino könnten wir etwa mithalten, und gegen einige andere Gegner wären wir Favorit. In Runde 2 steht Belgien nun im Rampenlicht - Tisch 3 gegen Titelverteidiger China! Die Damen hatten es in Runde eins noch leichter und gewannen locker-kampflos gegen Djibouti, in Runde zwei sind sie gegen Usbekistan Aussenseiter.

Dienstag, 12 Juli 2016 12:04

Zum Heulen für Lev Yankelevich

"Om te janken" (Niederländisch für "heulen") passt eigentlich besser, aber dies ist nun einmal eine deutschsprachige Seite. Was war passiert? Er hatte Schwarz, vom 20.-80. Zug lautete das Computerurteil (fast) durchgehend -2 bis -3, dann ein paar Züge lang "remis", dann kippte die Partie im 88. Zug nochmals zu seinen Gunsten, dann im 89. Zug und nun definitiv zu seinen Ungunsten - 1-0 statt 0-1. Das ist immer ärgerlich, vielleicht erst recht wenn der Gegner ein bekannter (oder jedenfalls nicht "unbekannter") Grossmeister ist. Hier, gespielt beim Najdorf Memorial in Warschau, war es der beste Spieler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten - Salem Saleh oder auch Saleh Salem, da widersprechen sich diverse Quellen (und das hatte ich ihn selbst, als ich 2015 in Wijk aan Zee die Chance hatte, nicht gefragt).

Derlei Elo-ungleiche Duelle gibt es oft in offenen Turnieren oder auch Mannschaftskämpfen - hier knapp 200 Elopunkte Unterschied, manchmal noch mehr. Wenn der Favorit das souverän gewinnt, ist es eher nicht Stoff für einen Artikel. Aber nicht immer gewinnt der Favorit souverän, mitunter gewinnt er nicht oder nur mit dem Glück des Grossmeisters. Dies ist quasi Teil drei einer Trilogie (Fortsetzung folgt eventuell irgendwann wenn es sich ergibt): 1) Ivan Sokolov, übrigens Trainer von Salem Saleh oder Saleh Salem, zappelte bei der französischen Mannschaftsmeisterschaft 2015 gegen den titellosen Sebastien Tranchant und dann wurde es remis. 2) Markus Ragger besiegte dieses Jahr bei der Europameisterschaft den ebenfalls titellosen Kosovaren Perparim Makolli, aber wie ... .

Lev Yankelevich (*1997) ist ein etwas anderes Kaliber als Tranchant oder Makolli, immerhin Elo 2415 (wobei er seit gut einem Jahr auf diesem Niveau stagniert) und demnächst offiziell IM - vier Normen hat er erzielt, die letzte beim eingangs erwähnten Grenke Open, der nächste FIDE-Kongress ist bei der Olympiade in Baku. Er spielte früher Bundesliga für Trier, da gab es dann offenbar Meinungsunterschiede betrifft seine weitere Förderung. Aktuell spielt er für Eppingen eine Etage tiefer, daneben auch in Luxemburg sowie Turniere in Deutschland und Umgebung, nun in Polen. Seinen Gegner will ich auch noch fotografieren, bzw. das tat Alina l'Ami für mich 2015 in Wijk aan Zee:

Saleh

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt noch viele andere Fotos von ihm, teils auch in traditionell arabischem Outfit, und Bart hat er mal mehr mal weniger. Auch beim Najdorf Memorial wurde fotografiert - darunter viele junge Spieler (wohl noch jünger als Yankelevich und vermutlich sind es Polen). Das muss hier nicht sein, aber ein Turniersaal-Panorama:

Turniersaal Warschau

 

 

 

 

 

 

 

Und nun zur Partie - komplett will ich sie nicht besprechen, wobei ich alle 96 Züge und ein paar knappe Varianten im Internet deponiert habe. Die Eröffnung ignoriere ich mal und steige ein nach 20.-Ld6:

Salem Yankelevich move 20

 

 

 

 

 

 

 

Zuvor war 18.Lc3 La3 19.Ta1?! (19.Lb2 =) 19.-Sb6 20.Sb1 (äh) Ld6 nicht unbedingt das Gelbe vom Wüstensand, nun entkorkte der Favorit 21.La5?. Guter Rat war im Vorteilssinne ohnehin teuer, aber im Ausgleichssinne besser war 21.g3 um zu verhindern was nun kam: 21.-Dh4! befragte zusammen mit dem nächsten Zug den ebenso "aktiven" wie ineffektiven Lh3: 22.Sd2 (Springer wieder entwickeln ist schon naheliegend) 22.-Lc8 23.Lxc8 Lxh2+ (Computer bevorzugen 23.-Dxh2+, warum wird gleich klar) 24.Kf1 Txc8 25.Dc5(?) [hier "ging" 25.Sxe4 Dxe4 26.Dxe4 Txe4 27.g3 Lxg3 28.fxg3 - wobei das auch wahrlich nicht toll ist aus weisser Sicht] 25.-Ld6 (nun behält Schwarz diesen Läufer doch) 26.Dc6 Dh1+ 27.Ke2 Dh5+ 28.Ke1 Sd5 (war natürlich bei 19.-Sb6 bereits geplant) 29.g4 Dg5 30.Tdc1

Salem Yankelevich move 30

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Computer plädieren für 30.-Sxe3 31.fxe3 Dxe3+ 32.Kd1 Dxd4 und schreiben die Todesanzeige für den re-zentralisierten weissen König - plausibel, aber muss Schwarz so spielen? Was, wenn Weiss doch noch Ressourcen haben sollte? Yankelevich dachte (falls er das überhaupt erwogen hat) "warum opfern, wenn ich auch Material gewinnen kann?" und spielte 30.-Lb4 31.Lxb4 Sxb4 32.Dd7 Sd3+ 33.Ke2 Tcd8 34.Df5 Sxc1+ 35.Txc1 Dxf5 36.gxf5 Te7

Salem Yankelevich move 36

 

 

 

 

 

 

 

Das sieht auch gut aus, "der Rest ist Technik"!? Er wusste sicher, dass der Grossmeister zumindest noch weiterspielen wird und dass die Verwertung des materiellen Vorteils nicht trivial ist. Wie gewinnt man eine Gewinnstellung am "einfachsten", im Mittelspiel oder im Endspiel? Dann wurde manövriert, vielleicht teilweise auch nur hin und her gezogen, ich steige wieder ein nach 62.-a5?!

Salem Yankelevich move 62

 

 

 

 

 

 

 

Er wollte seinen a-Bauern behalten und nun konnte Weiss Gegenspiel bekommen mit 63.e5! Txd5 64.Txf6+ Kg5 (bitte nicht 64.-Kg7?? 65.Se6+ nebst 66.Tf8 matt) 65.Tf5+ Kg4 66.Tf4+ Kg3 67.Te4 - der schwarze König musste (um Dauerschach zu vermeiden) ins Abseits flüchten, der weisse e-Freibauer ist potentiell gefährlich. Ob das aus weisser Sicht (zum Remis) reicht, sei dahingestellt. Nachdem der Weisspieler diese Chance verpasste (63.Kf4) blieb Schwarz weiterhin am Drücker, wobei Saleh (ich entscheide mich nun für diese Version) weiterhin alles versuchte - so stand es nach 76.Kf5 um den Bauern auf f6 nun doch zu verhaften:

Salem Yankelevich move 76

 

 

 

 

 

 

 

Am besten war nun 76.-Th3 - Tempogewinn durch Angriff auf den Springer bevor dieser wieder ins Geschehen eingreifen kann, Platz machen für den b-Bauer. Yankelevich spielte 76.-Tb1?! und ab hier bringe ich das dramatische Finale komplett: 77.Txf6+ Ke8 78.Ke6 Te7+ 79.Kd6

Salem Yankelevich move 79

 

 

 

 

 

 

 

Schon wieder ein Diagramm, denn hier kippte die Partie erstmals (abgesehen von dem einen Moment im 63. Zug). Was spricht gegen 79.-Txe4 ? Nichts, sagen Computer die das mit 80.Sg6 Kd8 (muss natürlich sein) 81.Tf8+ Te8 82.Tf7 Kc8 usw. näher erläutern - hier kann Weiss seine Figuren (und den verbliebenen d-Bauern) nicht effizient koordinieren. Das war nicht der einzige schwarze Gewinnweg, das gespielte 79.-b3? war objektiv ein Remisweg: 80.Sg6! (das hätte 76.-Th3! verhindert) 80.-Tf7 81.Te6+ Kd8 82.Se5 Tc7 83.Th6 Kc8 84.Th8+ Kb7 85.Sc6 Tg7 86.e5 b2 87.Tb8+ Ka6 88.e6??

Salem Yankelevich move 88

 

 

 

 

 

 

 

Aber so "eigentlich" nicht, wollte Saleh tatsächlich gewinnen? Der e-Bauer wird zwar zum weissen Helden der Partie, aber nur dank doppelter gegnerischer Hilfe. 88.Tb3 oder 88.Ta8+ ist weiterhin remislich. 88.-a4?? - so nicht! Nach 88.-Tb7 entscheidet nicht der weisse e-Bauer, sondern in die andere Richtung der schwarze b-Bauer. Es gibt diverse Varianten, aber alles will ich nicht rezitieren (falls irgendjemand daran zweifelte, natürlich befrage ich Computer statt selbst zu analysieren!). 89.e7 - spätestens hier bereute Schwarz, dass er 79.-Txe4 verworfen hatte.

Salem Yankelevich move 89

 

 

 

 

 

 

 

Nun gibt es diesen Bauern nicht mehr gratis, Pflicht war 89.-Txe7 90.Sxe7 a3 91.Ta8+ Kb5 92.Txa3 Kc4 - und der jederzeit einzugsbereite b-Bauer sichert immerhin das Remis. Aber ... 89.-Tg6+?? 90.Kc7 (droht 91.Tb6 matt, also) 90.-Txc6+ 91.dxc6 Te1 92.e8D Txe8 93.Txe8. Nun geht zwar 93.-b1D, aber Weiss kann das mit 94.Ta8+ nebst 95.Tb8+ nebst 96.Txb1 entkräften - das hatte Yankelevich wohl übersehen. Es folgte noch 93.-Ka7 94.Te4 Ka6 (94.-b1D 95.Txa4 matt, auch das noch ...) 95.Txa4+ Kb5 96.Ta8 1-0.

Die Moral der Geschichte? "Nichts ist schwieriger, als eine gewonnene Partie zu gewinnen" - aber das wusste das Publikum bereits aus früheren Artikeln, der eine oder die andere (ich selbst gehöre zu diesem Kreis) wohl auch aus eigener Praxis. "Durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen" - noch so ein Spruch. Beiderseits chronisch knappe Zeit mag eine Rolle gespielt haben: Zeitkontrolle ist 90 Minuten für 40 Züge, dann nochmal 30 Minuten mit 30 Sekunden Zugabe pro Zug von Anfang an. Mehr als zwei Minuten pro Zug konnten beide letztmals im 56. Zug investieren. Vergleiche zwischen Schach und Fussball hinken immer, aber auch bei der EM der Kicker galt mitunter "Man gewinnt, indem man ein Tor schiesst (bzw. mindestens eines mehr als der Gegner), nicht unbedingt indem man die Partie über weite Strecken dominiert ohne dabei Tore zu schiessen." Elfmeterschiessen - bzw. in einem Viertelfinale munteres Elfmeterverschiessen - ist eher mit Armaggedon im Schach vergleichbar.

P.S.: Diverse andere (oft junge) Deutsche spielen derzeit ebenfalls in Warschau, aber das kann oder will ich in diesem Artikel nicht auch noch besprechen.

Sonntag, 22 Mai 2016 13:15

Ende gut, alles gut für Markus Ragger

Im heutigen Bericht sieben Diagramme - darunter ein Analysediagramm - zu einer Partie der laufenden Europameisterschaft. Im Titel erwähne ich den Sieger, da er beim Publikum wohl bekannter ist - aus diversen Gründen: Österreicher, Grossmeister mit Elo fast 2700 (live-aktuell 2693.3, konnte durchaus etwas weniger sein), deutscher Mannschaftsmeister mit Solingen (jedenfalls mit klassischer Bedenkzeit, im Blitzschach gestern war er nicht dabei und dann hat Bad Emstal/Wolfhagen - liegt offenbar irgendwo in Russland - gewonnen), Harikrishnas Sekundant in Norwegen, Interview-Partner der Krennwurzn, ... . Sein Gegner Perparim Makolli ist dagegen titelloser Kosovare mit Elo 2261. Das Titeldiagramm (Schwarz am Zug gewinnt, aber das darf der Leser selbst finden, Ragger fand es) deutet einen souveränen und schön herausgespielten Sieg des klaren Favoriten an, dem war nicht so. Ich hatte die Partie weitgehend live verfolgt, und Weiss stand deutlich besser bis gewonnen. Dann habe ich mich ausgeklinkt, und am Ende gewann doch Schwarz.

Ragger spielt, wie bereits erwähnt, in der deutschen Bundesliga, daneben auch z.B. in der österreichischen Liga und diverse Turniere. Makolli spielt vor allem in der Balkan-Region und daneben europäisch, sowohl individuell als auch beim Europacup für Vereinsteams. Im Kosovo ist er immerhin Nummer 4 (bei der aktuellen Europameisterschaft spielen noch diverse Landsleute, die teilweise gar keine Elozahl haben), Jahrgang 1965 also nicht unbedingt ein Jungstar. Tags zuvor hatte er Sebastian Bogner besiegt, vielleicht der grösste Erfolg seiner bisherigen Karriere - denn Bogner ist (Deutscher oder auch Schweizer und) immerhin GM, wenn auch nicht so nominell gut wie Ragger. Das war ausserhalb der Liveübertragung und ist daher nicht überliefert. Ragger verlor dagegen gegen den Armenier Ter-Sahakyan - da war es vermutlich ein Patzer, der zwei Leichtfiguren für einen Turm kostete, in der hier besprochenen Partie hat er sicher absichtlich geopfert.

Makolli (2261) - GM Ragger (2696)

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.a4!? - und schon das erste Diagramm:

Makolli Ragger move 6

 

 

 

 

 

 

 

Nicht gerade die prinzipiellste Fortsetzung gegen Najdorf, aber so bekommt Schwarz nicht die von ihm eher angestrebten Stellungen mit bei Gelegenheit -b5. In der Weltklasse spielten das die positionell ausgerichteten und etwas theoriefaulen Adams und Kamsky mehrfach, andere auch sporadisch. 6.-e5 7.Sf3 Le7 8.Lg5 0-0 9.Lxf6 Lxf6 10.Sd5 da steht der Springer gut - wie kann Schwarz sein Läuferpaar benutzen und überhaupt aktiv werden? 11.c3 g6 12.a5 Tb8 13.b4 Lg7 14.Lc4 Kh8 15.h4!? h6 16.Dd3 Le6 17.Td1 f5 18.Sd2 Se7 19.Sb6 d5 20.exd5 e4 unter Bauernopfer wird er aktiv und will dem weissen König an den Kragen - egal ob der in der Mitte bleibt oder doch noch kurz rochiert. Vielleicht nicht ganz korrekt, aber unter dem Motto "kalkuliertes Risiko"!? 21.Dh3 Lg8 22.0-0 Dd6 23.Sb3 Sc8 24.Sa4! schaut nach c5 24.-de7 25.Sbc5 Sd6 26.Le2 Lf6 27.De3 Kg7 28.g3 Tbe8 29.Sb6

Makolli Ragger move 29

 

 

 

 

 

 

 

Und nun gewinnt Schwarz seinen Bauern zurück, allerdings auf Kosten einer Figur: 29.-Lxh4!? 30.gxh4 [Engines bevorzugen 30.Se6+!? (kontrolliert zunächst Feld f4) 30.-Lxe6 31.dxe6 (nun droht auch 32.Dd4+) 31.-Lf6 32.Dc5 Td8 33.Sd7 Txd7 34.exd7. Das ist zwar nur eine Qualität, aber übersichtlicher, zumal der Bauer auf d7 jedenfalls zunächst auf dem Brett bleibt.] 30. - f4 31.Dd4+?! [So ist das schwarze Opfer im Ausgleichssinne korrekt, richtig war 31.Dh3 f3 32.Lc4 Tf4 33.Se6+ wieder dieser legale und starke Zug 33.-Lxe6 34.dxe6 Txh4 35. Dg3 Dg5 (35.-Sf5 36.Td7, bloss nicht 36.De5+?? Kg8 -+) 36.Td5 Sf5 37.Td7+ Kh8 38.Dxg5 hxg5 39.Tfd1 Tg4+ 40.Kf1 Th4 42.Ke1 e3 42.fxe3 g4 - wie weit kann/muss man diese und andere Varianten berechnen? Und es ist immer noch etwas unübersichtlich:]

Makolli Ragger analyse move 31

 

 

 

 

 

 

[Analysediagramm zum 31. Zug]

31.-Kh7 32.Lg4??

Makolli Ragger move 32

 

 

 

 

 

 

 

Und schon das nächste Diagramm - hier war nun 32.-Dxh4 aus weisser Sicht "kaputt". Ich verzichte auf Varianten. Aus weisser Sicht richtig war 32.Sbd7, 32.Se6 oder 32.f3 - jeweils 0.00, auch hier verzichte ich auf Varianten (oft zum Schluss Dauerschach). 32.-f3?? Ragger verzichtet auf die Chance, für seinen (Über)Mut belohnt zu werden. 33.Se6 jetzt spielt er das, musste auch sein 33.-Tf4??! Was ist das denn? Natürlich scheiterte 33.-Dxh4 am Zwischenmattt 34.Dg7, und 33.-Lxe6 34.dxe6 Dxh4 35.Dxd6 Dg4+ 36.Dg3 Dxg3+ 37.fxg3 e3 38.Sd7 e2 39.Sxf8+ Txf8 40.Td7+ Kg8 41.Kf2 exf1D 42.Kxf1 Te8 43.Txb7 Txe6 ist ein für Weiss klar besseres (gewonnenes) Turmendspiel. 34.Sxf4 Man nehme 34.-Dxh4 Man nehme - ist allerdings ein ungleiches Geschäft:

Makolli Ragger move 34

 

 

 

 

 

 

 

Und hier hat Weiss einen ebenso spektakulären wie überzeugenden Zug, nach dem Ragger wohl seine Gewinn- und Remisversuche eingestellt hätte. Das darf der Leser selbst finden (kleiner Tip am Ende des Artikels), Makolli fand es nicht und spielte 35.Lxf3 (der zweitbeste Zug, der auch zum Sieg ausreichen sollte [wie auch 35.Lh3]) 35.-exf3 36.Se6 (wieder der zweitbeste Zug, der auch zum Sieg ausreichen sollte) 36.-De7 (muss sein, es drohte ja wieder Dg7 matt, und der Damentausch 35.-Dxd4 36.Sxd4 ist hoffnungslos, da danach der Bauer auf f3 verschwinden wird) 37.Df4 Sf5 38.Dc7?! (das Bedürfnis, bei luftigem eigenem König die Damen zu tauschen, ist verständlich. Aber nun kann Schwarz noch wühlen ...) 38.-Dxc7 39.Sxc7 Te4!

Makolli Ragger move 39

 

 

 

 

 

 

 

40.Td4! Im Gewinnsinne der einzige Zug - immerhin behält Weiss eine Mehrfigur und den potentiell starken d-Freibauern. Ausserdem ist nun die Zeitkontrolle geschafft. Wie knapp die Bedenkzeit zuvor beiderseits war, lässt sich nicht rekonstruieren (Weiss investierte nur 10 Sekunden für 38.Dc7?!). Hätte Makolli gewusst oder geahnt, was später passieren würde - dann hätte er wohl das Dauerschach mit -Tg4+ und -Th4+ zugelassen/akzeptiert. 40.-Sxd4 41.cxd4 Txd4 "Der Rest ist Technik" aus weisser Sicht - allerdings nicht trivial, und er sollte daran komplett scheitern. 42.Kh2 g5 vorwärts! 43.Te1 Lf7 44.Te7 Kg6 45.Te3 g4 vorwärts! Dagegen gilt ja für den weissen Bauern auf d5 wegen Turm auf d4 "bis hierher und nicht weiter" 46.Kg3 h5 vorwärts! 47.Se6 Td1 48.Kf4 Td2 49.Kg3 Kf5 50.Sc8 Kf6 51.Sb6 Kf5 52.Sg7+ Er will keine Zugwiederholung mit 52.Sc8 - objektiv immer noch zu Recht 52.-Kg5

Makolli Ragger move 52

 

 

 

 

 

 

 

Hier ist der Gewinn allerdings keinesfalls trivial - Weiss muss wohl auf Kosten seiner Mehrfigur den Bauern auf h5 vernichten und dann auf seinen d-Bauern setzen. Stattdessen 53.Se6+?? (zuvor war das mehrfach gut, nun ist es total falsch!) 53.-Lxe6 54.dxe6 h4+ 55.Kh2 g3+ 56.Kh3 gxf2 57.Tf3

Makolli Ragger move 57

 

 

 

 

 

 

 

Das Diagramm hatten wir bereits, nach 57.- (das darf der Leser selbst finden) gab Makolli auf. Zwei Tips zu den Taktikaufgaben: Beim fünften Diagramm geht es weniger darum, noch einen Bauern zu gewinnen, sondern darum Damentausch zu günstigen Bedingungen zu forcieren. Und im Titel- und letzten Diagramm geht es darum, die Umwandlung des Freibauern zu ermöglichen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht mir nicht darum, Markus Ragger vorzuführen - wobei der Artikel vielleicht öfter gelesen wird, wenn im Titel ein bekannter Name steht? Es geht mir eher um zwei Dinge: Wieviel riskiert ein etwas unter Zugzwang stehender Favorit? Durch die Niederlage tags zuvor brauchte Ragger einen Sieg im Sinne von (wohl sein erstes Ziel im Turnier) Weltcup-Qualifikation recht dringend. Und: Wie schwierig ist es, eine gewonnene Partie tatsächlich zu gewinnen? Vor allem gegen einen klar favorisierten Gegner ... . Der eine oder andere Leser (oder jedenfalls ich selbst) kennt das wohl aus eigener Praxis, wobei es gegen einen 400+ Elopunkte stärkeren Gegner ziemlich selten vorkommt - schon weil die meisten Amateure derlei Gegner selten bis nie bekommen.

Die komplette Partie zum Durchklicken auch hier.

Bei der traditionellen Limburg Open Nachlese (sieben Höhe- oder auch Tiefpunkte aus sieben Runden) wähle ich diesmal einen sehr allgemeinen Titel; die Teilnehmer haben mir und anderen zwar alles mögliche geboten aber dieses Jahr keinen "roten Faden". Deutsche Spieler sind mitunter beteiligt, und fast alle der insgesamt nicht ganz vierzehn (einige erscheinen mehrfach) spielen auch für irgendeinen deutschen Verein. Das Titelbild gebe ich Hing Ting Lai und Christian Bauer, da sie bereits in Runde eins und danach beide nochmals eine Rolle spielten. Hing Ting hat seinen Vornamen zwar noch nicht assimiliert (Henk Theo ist in den Niederlanden gängiger), aber wurde kurz vor dem Turnier zum zweiten Mal NL-Meister der Altersklasse U20. Offiziell hatte er beim Limburg-Open Elo 2332, in der Juni-Liste kommen 49 Punkte die er bei der Jugendmeisterschaft gewann dazu (und auch einige vom Limburg Open, wo er am Ende 5/7, TPR 2524 erzielte). In der NL-Liga (für Zukertort Amstelveen bei Amsterdam) ist er offenbar nicht ausgelastet, daher spielt er auch in Belgien sowie in Deutschland Oberliga NRW für Wattenscheid. Betrifft Christian Bauer: In Bundesliga-Matches des Hamburger SK gab es, wenn auch sporadisch, Partien an denen anfangs siebzehn Bauern beteiligt waren. Bauer kannte seine Elozahl von 2634 und hatte zum Schluss 5,5/7, TPR 2638.

FM Hing Ting Lai - GM Bauer in Runde eins begann mit 1.c4 b6 2.Sc3 Lb7 3.e4 e6 4.g3 f5 - das hatte Bauer bereits 1999 und 2008, das nächste Mal also ca. 2023. Schwarz opferte (oder verlor?) später eine Qualität, hatte dafür aber genug Druck am Königsflügel, und irgendwann vor dem Diagramm ging es beiderseits nicht mehr richtig weiter.

Hing Ting Lai Bauer move 30

 

 

 

 

 

 

 

Zuvor geschah 25.h4 Kh6 26.Lh1 Kh7 27.Lg2 Tf7 28.Lh3 Tf8 29.Lg2 Tf6, bzw. aus weisser Sicht Lg2-h1-g2-h3-g2 und von Schwarz Kh7-h6-h7 und Tf6-f7-f8-f6. Nun war 30.Lh3 richtig, aber es kam 30.Lh1? Dg4 (richtig) 31.Lg2 Tg6? - falsch, nach dem forcierten 31.-Td6 32.Df3 Sxg3 33.Sxg3 Dxh4+ 34.Lh3 Dxh3+! (deshalb musste die weisse Dame erst nach f3 gelockt werden) 35.Kxh3 Sg5+ nebst Sxf3 hat Schwarz drei Bauern für die Qualle, und die Partie hätte wohl das zur Elo-Hackordnung passende Ergebnis. Weiss spielte wieder 32.Lh3:

Hing Ting Lai Bauer move 32

 

 

 

 

 

 

 

Oops - die Dame sitzt in der Falle! Das kenne ich aus leidiger eigener Erfahrung - ich war mal in einem Mannschaftskampf durchgehend am Drücker, und dann spielte Weiss irgendwann h2-h3 und gewann angesichts der tödlich-unparierbaren Drohung hxDg4. Ganz so schlimm war es hier nicht: 32.-Dxe2 33.Dxe2 Lxg3+ 34.Kg1 Lf2+ 35.Kh2 Lg3+ 36.Kg1 1/2 (der Leser darf selbst untersuchen, warum 34./36. Kg2 oder Kh1 nicht ging).

Da beschleunigt gepaart wurde, gab es bereits in Runde 2 GM-Duelle, u.a. das bulgarisch-niederländisch-Aachener Lokalderby GM Chatalbashev - GM Dambacher. Chatalbashev spielt für Zweitliga-Aufsteiger SV Würselen (quasi Vorort von Aachen), Dambachers Verein DJK Aufwärts Aachen ist mal wieder in die erste Bundesliga aufgestiegen und macht es nächste Saison auch. Dambacher spielte patriotisch Holländisch und dann Stonewall, die Stellung wurde ziemlich verrammelt. All das geduldige Manövrieren lasse ich unkommentiert, nach 79.Sg6 stand es so:

Chatalbashev Dambacher move 79

 

 

 

 

 

 

 

Ein doppelter Stonewall mit nicht allzu tollem weissem Mehrbauern auf f3, aber nun: 79.-Sd6? (79.-Sb6 oder 79.-Kd7) 80.Sf8 Sb7+ 81.Kb5 Kd6 (ob 81.-Sd6+ 82.Kb4 Kc6 83.Sxe6 Sc4 84.e4 Se3 85.e5 Sg2 86.Sg7 Sxh4 87.Sxh5 Sxf3 für Weiss gewinnträchtig ist, müsste man näher untersuchen) 82.Ka6! Sd8 83.Kb6 - Schwarz muss immer mehr Raum preisgeben: 83.-Sf7 84.Sg6 Sh6 85.Kb7 Kd7 86.Se5+ Kd6 87.Kc8 Ke7 88.Kc7 Sg8 89.Sc6+ Kf7 90.Kd6 Kf6 91.Kd7 Kf7, und nun konnte Weiss ernten:

Chatalbashev Dambacher move 92

 

 

 

 

 

 

 

92.Sd8+ usw., 1-0 nach 102 Zügen.

Nach dieser Seeschlang eine etwas kürzere Partie aus Runde 3: Bei Watzlawek (2106) - GM Bauer erwähne ich alle achtzehn Züge. Watzlawek spielt für Eichlinghofen, ein Vorort von Dortmund. Es begann mit 1.d4 d6 2.c4 e5 3.g3 (selten) 3.-exd4 4.Dxd4 Sc6 5.Dd2 Le6 6.e4 Sf6 7.Sc3 a5!? 8.b3?!

Watzlawek Bauer move 8

 

 

 

 

 

 

 

Schon ist es Zeit für ein Diagramm. Diese Stellung gab es zuvor 13-mal im Zeitraum 1983-2009 und auf Eloniveau ca. 2200-2600. Achtmal spielte Schwarz das bereits angedeutete 8.-a4, fünfmal einen besseren Zug - zuletzt 2003 und alle Partien in eher unbedeutenden Turnieren. Was machte Bauer? Er spielte 8.-Sxe4! 9.Sxe4 d5 10.cxd5 (10.Sc3 d4) 10.-Lb4 11.Sc3 Lxd5 12.f3 Df6 13.Lb2 0-0-0 14.Le2 The8 15.0-0-0 Lxf3 16.Sxf3 Txd2 17.Kxd2 Dh6+ 18.Ke1 De3

Watzlawek Bauer move 18

 

 

 

 

 

 

 

0-1. Ob Bauer das kannte oder am Brett fand, ist (sieben Minuten Bedenkzeit für 8.-Sxe4) nicht ganz klar.

Aus Runde 4 GM Fridman - FM Hing Ting Lai. Den Weisspieler muss ich nicht vorstellen, den Schwarzspieler habe ich bereits vorgestellt. Sie spielten einen theoretisch bekannten Katalanen, und nach zuletzt 20.e3 Ke7 stand es so:

Fridman Hing Ting Lai move 20

 

 

 

 

 

 

 

Und hier investierte Fridman knapp 22 Minuten für 21.Txc6 - Moment mal, ist der Bauer nicht vergiftet? 21.-Sb4 22.Txc7+ Kd8 23.Txf7 Sxa2 24.Sc5! Ke8 24.Txg7 Sb4 25.Sxe6

Fridman Hing Ting Lai move 26

 

 

 

 

 

 

 

Anfänger lernen, dass ein Turm fünf Bauern wert ist - hier waren die fünf Bauern besser, 1-0 nach 39 Zügen. Das war wohl Fridmans beste Partie im Turnier - weniger gelungen Runde 3 mit Schwarz gegen Sarah Hoolt (wo er nach 17 Zügen in schlechter Stellung erfolgreich die Notbremse Remisangebot einsetzte) und Runde 6 mit Weiss gegen Jorden Van Foreest, wo er ab dem 14. Zug Schiffbruch erlitt. Am Ende 5/7, dafür gab es 22,50 Euro Preisgeld (aber vermutlich auch Antrittsgeld) und es kostete bei nicht allzu starken Gegnern (Van Foreest war der einzige Grossmeister) ein paar Elopunkte.

War Fridman - Hing Ting Lai eröffnungstheoretisch relevant? Vielleicht, auf jeden Fall war es Neuland - im Gegensatz zum Höhe- oder Tiefpunkt aus Runde 5: GM Chatalbashev - Beeke (2244) stand wieder unter dem Motto "Amateur tappt in eine Eröffnungsfalle, Grossmeister kennt diese oder findet die richtige Fortsetzung am Brett" - anhand der verwendeten Bedenkzeit (5 1/2 und 7 Minuten für den 12. und 13. Zug) nicht ganz klar. Vielleicht will man das am Brett ja nochmal überprüfen, oder betrachtet es als unnötig arrogant, derlei Züge im Blitztempo zu spielen. Auch diese Partie von Anfang an: 1.c4 c6 2.Sf3 d5 3.g3 Sf6 4.Lg2 dxc4 5.0-0 Sbd7 6.Dc2 Sb6 7.Sa3 Le6 8.Sg5 Lg4 9.Sxc4 Lxe2 10.Se5 Lh5 11.Te1 e6? (besser u.a. 11.-h6)

Chatalbashev Beeke move 11

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? 12.Lf3! Lg6 13.Lxc6+! bxc6 14.Dxc6+ Sfd7 15.Sexf7 Lxf7 16.Sxf7 Df6 17.Sxh8

Chatalbashev Beeke move 17

 

 

 

 

 

 

 

Das Massaker ging noch bis zum 32. Zug weiter, aber das zeige ich mit Rücksicht auf Schachfreund Beeke nicht. 11.-e6? 12.Lf3 Lg6 13.Lxc6+ wurde im Zeitraum 2011-2016 zuvor immerhin sechsmal gespielt, darunter auch von deutschen Schachfreunden (Mons-Kramer, DEM U18 2012 und Huschenbeth-Oparin, WM U20 2012). Bob Beeke spielt für Arnhem bei Deutschland, aber - als einziger der hier und heute ausgewählten Sieger und Verlierer - für keinen deutschen Verein, das rächte sich vielleicht. Spass beiseite, alles muss ein Amateur nicht unbedingt kennen, aber dann verliert er eben mal derlei Partien. In Runde 1 hatte Bob Beeke übrigens GM Wirig besiegt - Brett 12 ausserhalb der Liveübertragung, daher nicht verfügbar.

Ob das Duell aus Runde 6 eröffnungstheoretisch relevant ist, sei dahingestellt - immerhin kopierten FM Van Dooren - GM Socko bis zum 8. Zug zwei Weisspartien von Shirov und Huschenbeth, auch diese Herren entkorkten mal 1.e4 e5 2.f4!?. Dirk Van Dooren aus der Provinz Zeeland spielt für die zweite Mannschaft von DJK Aufwärts Aachen, der Pole Bartosz Socko hat eine vergleichbare Anreise zu Bundesliga-Heimspielen von USV TU Dresden (er spielte letzte Saison alle fünfzehn Partien, d.h. auch Auswärtsspiele). Nach 11.-Sc6 stand es so:

Van Dooren Socko move 11

 

 

 

 

 

 

 

Nach später 19.Dd3 Dxd3+ Kxd3 0-0-0 hatten sie diese Stellung:

Van Dooren Socko move 20

 

 

 

 

 

 

 

Hier geben Engines Weiss volle Kompensation für zwei Minusbauern - auch ohne Damen bleibt es turbulent. Im weiteren Verlauf bekam der Grossmeister doch Oberwasser - die Silikonhirne kritisierten u.a. Van Doorens zögerliches 26.Ke2 (26.Kc4!), aber auch Socko behandelte die Stellung nicht engine-perfekt und so stand es nach 46.-Lf3:

Van Dooren Socko move 46

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz bastelt an einem Mattnetz, der König hilft dabei. Aber Weiss hat einen einzugsbereiten Freibauern. Wer steht besser? Ein Mattnetz ist gewinnbringend, wenn man tatsächlich mattsetzen kann. Ein Freibauer ist selbiges, wenn man ihn ungestraft umwandeln kann - aber hier scheitert 47.c8D? an 47.-Kd3+ nebst Matt. Weiss fand das einzig richtige 47.Tfb8, und Schwarz hatte danach nicht mehr und nicht weniger als Dauerschach (47.-Lf4+ 48.Kg1 Le3+ usw.).

In Runde 7 gab es unter anderem das GM-Duell Schroeder-Gharamian. Beide hatten zuvor 4,5/6 und brauchten den vollen Punkt, um noch attraktives Preisgeld zu erhalten. Die Vorgeschichte: Jan-Christian Schroeder (Hofheim) hatte, soweit bekannt (mitunter spielte er knapp unterhalb der Liveübertragung), alle Partien ausgekämpft, der Franzose Tigran Gharamian (u.a. Schwäbisch-Hall) eher nicht: in Runde 4-6 drei Remisen gegen Fier, Bauer und Chatalbashev in 11, 12 und 17 Zügen - so sind Doppelrunden wie in Maastricht (und bei anderen Wochenendturnieren) erträglich? Klar wurde es nun kein Kurzremis. Auch hier verzichte ich darauf, die lange Manövrierphase, in der Gharamian zwischenzeitlich klar besser bis gewonnen stand, zu untersuchen. Später entstand ein Remisendspiel mit ungleichfarbigen Läufern:

Schroeder Gharamian move 119

 

 

 

 

 

 

 

Und nun nicht etwa 119.Kc2 =, sondern 119.Le8?? a3 0-1.

Dumm gelaufen für den hessischen Nachwuchsspieler. Nicht unbedingt Thema dieses Beitrags ist der Endstand des Turniers. Gharamian hatte demnach 5,5/7 - was oft für den Turniersieg beim Limburg-Open reichte, und er war Wertungsbester von fünf punktgleichen Spielern. Aber einer war besser: Axel Bachmann aus Paraguay, der ab der zweiten Runde an Brett eins spielte (der Leser weiss bereits, warum der leicht elobessere Christian Bauer nur in Runde eins da spielte) und nach anfangs 5/5 am Ende 6/7 auf seinem Konto hatte. Dass sein gegnerischer Eloschnitt relativ niedrig ausfiel, lag auch daran, dass er in einer Runde gegen Tom Bus (Elo 2178) spielte - neben Hing Ting Lai und Van Dooren eine der positiven Turnierüberraschungen (4,5/7, TPR 2467), am Ende landete er punktgleich mit und nach Wertung direkt vor Jan-Christian Schroeder. Bus spielt für Voerendaal aus der Provinz Limburg und die zweite Mannschaft von Mülheim aus NRW.

In Runde 3 hatte Bus gegen IM Aljoscha Feuerstack durchaus etwas Glück, dass sein nominell überlegener Gegner ein Remisendspiel unbedingt gewinnen wollte und dadurch verlor. Feuerstack hat - wenn man so will - Glück, dass ich aus dieser Runde Watzlawek-Bauer auswählte. Vielleicht hatte er nach dieser Partie dennoch einen Kater wie sonst (er spielt für St. Pauli) nach einem Besuch auf der Reeperbahn. Auf der Habenseite für Feuerstack in Runde 2 ein Remis gegen Fridman (der zwar Dame gegen Turm und Läufer gewann, aber nicht die Partie) und in Runde 7 ein Endspielsieg gegen GM Sipke Ernst. Das Limburg Open bot also noch mehr, als ich im Rahmen dieses Beitrags beleuchten kann oder will - sicher auch in Partien der A-Gruppe ausserhalb der Liveübertragung sowie in der B- und den beiden C-Gruppen.

 

 

 

 

 

Sonntag, 20 März 2016 16:44

En Passant kampioen!

Baden-Baden schafft es dieses Jahr womöglich ausnahmsweise nicht - Schuld ist dann Werder Bremen, genauer gesagt unter anderem der Ur-Bremer David Smerdon, laut anderen Quellen ist er Australier mit Wohnsitz Amsterdam. Wie dem auch sei, in der Bundesliga gewann er überraschend gegen einen anderen Weltenbummler (aktueller Wohnsitz Baku), und das auch noch mit Schwarz.

Unser Vereins-Namensvetter aus Bunschoten, den ich hier bereits einmal vorgestellt hatte, schafft es vielleicht, vielleicht auch nicht. Entscheidend ist das Duell gegen den Konkurrenten SISSA aus Groningen am 2. April. En Passant muss gewinnen, SISSA reicht voraussichtlich ein 5-5. Wieder ist Werder Bremen beteiligt, denn im Groninger Kader sind, neben u.a. den Groningern Jorden und Lucas Van Foreest auch diverse deutsche Spieler, darunter Matthias Bluebaum und Thorben Koop. En Passant Bunschoten hat dagegen aus Deutschland nur Igor Khenkin, der bisher einmal mitspielte, ansonsten vor allem Spieler die Niederländer sind oder jedenfalls in NL wohnen (Sopiko Guramishvili, Alina l'Ami). Alinas Ehemann spielt auch mit, Sopikos Ehemann hat keine Zeit bzw. der Verein hat nicht (mehr) genug Geld für ihn. Dann sah ich auf der Vereinshomepage, dass Giri immerhin im Aufgebot ist, nur hat er bisher noch nicht mitgespielt - für Solingen in der deutschen Bundesliga auch nicht, eventuell werden ein bis zwei Vereine Landesmeister ohne ihr Spitzenbrett einzusetzen? Mannschaftsführer Guido de Romph fragte, ob ich beim Spitzenduell zuschaue ("Wir spielen mit einem starken Team" - das darf SISSA, wenn sie hier mitlesen, wohl wissen bzw. das wissen oder vermuten sie ohnehin). Aber es geht nicht, da ich am 2. April einen eigenen Mannschaftskampf habe, auch wenn dieser für uns unwichtig ist, denn ....

En Passant kampioen stimmt trotzdem, bereits eine Runde vor Saisonschluss. Die aktuelle Tabelle zeigt, dass es einerseits souverän war, andererseits nicht unbedingt:

Tabelle2

Warum wir die Tabellen-Ästhetik etwas ruinierten (gegen Bergen2 reichte auch 4,5-3,5 oder 4-4), dazu später mehr. Das ist die regionale Klasse 2A des nord-holländischen Schachbundes. Der (Wieder-)Aufstieg war nicht unbedingt geplant, vielleicht sollten wir unseren Verein umbenennen in "Par hazard" (Aus Zufall). Viermal 4,5-3,5, oft konnte es auch anders ablaufen. Wie angedeutet, letzte Saison waren wir in der Provinz Noord-Holland (ohne Amsterdam, das hat seinen eigenen Schachverband) erstklassig - abgesehen davon, dass es darüber noch die "Promotieklasse" gibt (und dann noch vier überregionale Ligen). Da haben wir uns angewöhnt, Partien aus Mannschaftskämpfen hinterher zu analysieren, und "der Journalist" (ein gewisser Thomas Richter) darf das vorbereiten und koordinieren. Für En Passant Bunschoten macht das FM Richard Vedder und teilt seine Entdeckungen dann mit einem breiteren Publikum, was er kann das kann ich auch (auf meinem Niveau, wobei schlaue Computer mithelfen). Bevor ich einige Momente der gesamten Saison auswähle, ein paar Worte zu unserem Team: Nachdem unser irakischer Asylant a) Niederländer wurde und b) den Verein verlassen hat, bin ich der einzige Nicht-Niederländer - aber kein 'Söldner', sondern mit Wohnsitz auf der Insel. Laut Texelscher Definition ist allerdings nur etwa das halbe Team 'geboren en getogen Texelaar', die anderen sind vom Festland angespült - einer gar aus der Region Arnhem bei Deutschland. Zwei Gastspieler wohnen auf dem Festland, sind allerdings öfters im Urlaub auf Texel und boten an, unser Team zu verstärken (die Inselsituation hat Vorteile, allerdings auch Nachteile).

Und nun wird es diagrammatisch Runde für Runde - Schwerpunkt meine eigenen Partien, da ich diese am besten kenne und (wobei alles relativ ist) am besten verstehe. In Runde 1 war ich aber nicht dabei. An diesem Wochenende hatte ich potentiell drei Termine: ein Software-workshop auf Korsika, als Reporter in Berlin bei der WM im Blitz- und Schnellschach oder ein Mannschaftskampf in der noord-holländischen Provinz. Aus beruflichen Gründen wurde es Korsika. Eine Partie aus diesem Match hatte ich bereits besprochen, das muss ich hier nicht wiederholen.

In Runde 2 das Derby gegen unseren Nachbarn M.S.C. aus Den Helder (Fährhafen am Festland). Das gab es im Laufe der Jahre öfters, mal gewann das eine, mal das andere Team - und mal gab es dieses Derby nicht, da einer von beiden Vereinen höherklassig spielte. Diesmal gewannen wir 4,5-3,5 - ich bin unschuldig da ich zwar mitspielte aber am Ende verlor.

Richter (1959) - Bergman (1798) 0-1 - Zwei Momente aus dieser Partie:

Richter Bergman move 12

 

 

 

 

 

 

 

Ein sizilianischer Drachen, Schwarz spielte gerade 11.-b5? . Das gab es laut Datenbank bereits 13-mal (und womöglich auch noch in Partien wie dieser, die nicht in Datenbanken auftauchen). Dreimal fand Weiss den besten Zug, die Elobesten Ivan Rozum (2297), Uros Krstic (2270) und Yuri Kozin (2197) schafften es nicht, im Gegensatz zum mit mir etwa gleichwertigen Sebastian Voelker (1989). Bei Ivan Rozum, aktuell Grossmeister, war es eine Jugendsünde (gespielt bei der WM U14 in Belfort 2005), bei den anderen weiss ich es nicht, bei mir war es keine Jugendsünde. Der Leser darf selbst die Lösung finden, nur ein Hinweis: das von mir gespielte 12.h5? war nahe dran und doch daneben. Danach verschoss ich noch zwei klare Elfmeter, vergab dann meinen Vorteil und hatte im zweiten Diagramm gerade 31.Dh6?? gespielt:

Richter Bergman move 31

 

 

 

 

 

 

 

31.-De3+ 32.Kb1 Dxg1! 33.Txg1 Te1+ 34.Ld1 Txg1 35.Kc1 Tee1 0-1 - Moment mal, ICH wollte doch mattsetzen!

Runde 3 gegen das zweite Team van K.T.V. aus Enkhuizen am Ijsselmeer. Letztes Jahr hatten wir eine Liga höher gegen K.T.V. eins knapp 3,5-4,5 verloren (ich hatte eine leicht bessere Stellung überzogen - davon ausgehend dass ich unbedingt gewinnen musste), diesmal das aus unserer Sicht richtige 4,5-3,5. Entscheidend war Richter (1959) - Beel (1643) 1-0:

 Richter Beel move 38

 

 

 

 

 

 

Weiss hat hier eine glatte Gewinnstellung, die er nun souverän verwertet. Engines sehen das anders, aber Stockfish hat von Schach keine Ahnung, auch meine Partie in Runde 6 hat ihn überfordert. Es folgte 39.Kd1 Sb7+ 40.Ke2 Sd6 41.Ke3 Tc8 42.Txc8 Sxc8 43.Kxe4 Sd6+ 44.Kd5 Ke7 45.Se6 h6 46.Sxg7 Kd7 47.Se6 Sb7 48.Sc5+ Kc7 49.Sxb7 Kxb7 50.Kc5

Richter Beel move 50

 

 

 

 

 

 

 

1-0, inzwischen kapiert es auch Stockfish. Spass beiseite, natürlich war mein Sieg in dieser Partie (und damit unser Sieg im Mannschaftskampf) ausgesprochen glücklich, bzw. mein Gegner hat im Endspiel total den Faden verloren - ist es etwa doch (endlich) der Spielstärkeunterschied? Vielleicht hatte ich zu diesem Zeitpunkt zu Recht 50% - Gewinnstellung verloren, Verluststellung gewonnen. Andererseits: für Niederlagen ist man immer selbst verantwortlich, für Siege nicht unbedingt. Der Gegner (meiner und das gesamte Team) sah es locker, schliesslich steht K.T.V. für "Kan tegen Verlies" (Kann mit Niederlagen umgehen).

Runde 4 gegen Groene Zes-Schaaklust (Fusionsteam zweier Vereine) wurde wieder 4,5-3,5 für uns - diesmal hatte ich einen nominell gleichwertigen Gegner und gewann eine kuriose Partie:

van Waert Richter

 

 

 

 

 

 

 

van Waert (1943) - Richter (1959), Stellung nach 34.-Le4. Zuvor geschah dieses: Mein rochierter König spazierte dann über f7, e7 und d6 (zuvor Damentausch) nach c7 und wieder d6. Wir wussten beide nicht so recht, wie wir die Stellung Springerpaar gegen Läuferpaar behandeln sollen - Läufer sind mir lieber, aber hier kontrollierte Weiss wichtige Felder und hatte eine Art 'bind'. Nun folgte 35.g5? Lxe5 36.Sxe5 Kxe5 37.f3 Td7 38.fxe4 d4 39.cxd4 cxd4 - dieses Turmendspiel hatte ich zu Recht als klar besser bis gewonnen eingeschätzt: Mein König steht nun auf e5 goldrichtig, ich habe einen starken Freibauern und die zersplitterten weissen Bauern am Königsflügel sind, wie ich damals (da war es aktuell) schrieb "verwundbar wie Walfische in der Nordsee". 0-1 nach 47 Zügen (mit schwarzem Bauern auf d2 und König auf e3). Warum bekommt 35.g5 ein Fragezeichen, was war aus weisser Sicht besser? Stockfish, der manchmal doch Ahnung vom Schach hat, überraschte mich in der Analyse - womit? Das darf der Leser selbst herausfinden, Lösung am Ende dieses Beitrags.

Runde 5 gegen einen Abstiegskandidaten, der auch so spielte, lasse ich mal weg - sie konnten mit aus ihrer Sicht 2-6 leben.

Runde 6 - wir brauchten noch ein 4-4, und es wurde 5-3. Warum? Beim Stand von 3-2 für uns und glatter Verluststellung an Brett 8 dachten Brett 3 und 4 beide "ich muss gewinnen", und beide schafften es - daher die hässliche 5 in der Tabelle. In der Analyse ergeben sich mitunter erstaunliche Parallelen, gleich zwei Partien standen - für einen Moment - unter dem Motto "Opfer kann man auch ablehnen". Jeweils hatten wir Weiss:

Rommets Greve

 

 

 

 

 

 

 

Rommets (1828) - Greve (1731) nach 15.Sxf7!? (später 1-0). Weiss dachte, da einige Partien zu diesem Zeitpunkt für uns schlecht standen, "ich muss etwas probieren/riskieren". Nach 15.-Kxf7 16.f5 exf5 17.Sxf5 Kg8 usw. war die Stellung unklar, wie gesagt später 1-0. Nach 15.- 0-0! 16.Sg5 Sxf4 17.Sf3 usw. steht Schwarz besser.

van Heerwaarden Rijnveld

 

 

 

 

 

 

 

van Heerwaarden (1453) - Rijnveld (1650) nach 10.b4 Scxb4 (später 0-1). Sofort kann Weiss das Opfer natürlich nicht annehmen, er entschied sich für 11.Lb2 0-0 12.axb4 Lxb4 und die Fesslung kostete später Material. Die Computervariante lautet 11.e4! Da5! 12.Ta2! Sc3! 13.Sxc3 (13.Dxc3? Tc8 14.Dd2 Txc1+ 15.Dxc1 Sd3+) 13.-Sxa2 14.Sxa2 Dxd2+ 15.Lxd2 (15.Kxd2!?) 15.-Lxa3 und das, zwei Springer gegen Turm und zwei Bauern, ist - sicher auf diesem Niveau - "unklar". Wiederum ist die Frage müssig, ob man von Spielern dieses Niveaus erwarten kann, dass sie jeweils zwei quasi-einzige und nicht unbedingt naheliegende Züge finden.

Meine eigene Partie bringe ich komplett und kommentarlos. Es war ein "Giri-style" Taimanov-Sizilianer (oder so ähnlich) - Giri hat(te) im Taimanov auch eine Variante im Repertoire, zu der Carlsen sagte "it's not as ridiculous as it looks". Mein Gegner spielte ultra-prophylaktisch: 3.c4!! diente dazu, seinem König auf c3 etwas Bauernschutz zu verschaffen, am Ende war es unzureichend. Stockfish versteht, jedenfalls auf Anhieb, gar nichts - wenn man ihn länger rechnen lässt ändert er oft seine Meinung. Eine ausgiebige Analyse wäre Stoff für einen eigenen Artikel. [Giri holte übrigens parallel beim Kandidatenturnier in Moskau ein supersolides Weissremis gegen Anand]

Zum Schluss die Auflösung zum fünften Diagramm: Richtig war 35.Txe4! dxe4 36.Txe4. So behält Weiss seinen 'bind', und die schwarze Bauernstruktur ist keine mehr. Ich sehe nicht, wie Schwarz dann auf Gewinn spielen kann - in der gemeinsamen Analyse versuchten wir es ein bisschen, aber erfolglos. Was für ein Qualitätsopfer ist das denn?? Defensiv, destruktiv (was die schwarze Struktur betrifft) und zugleich konservativ (wesentliche Stellungsmerkmale bleiben bestehen). Ich kann mich nicht an vergleichbares erinnern, ich hatte das nicht einmal ansatzweise gesehen/erwartet, mein Gegner (wobei wir uns hinterher zwar unterhielten, aber nicht analysierten) vermutlich auch nicht. Vielleicht findet man so etwas mangels Alternativen - aber er hatte das Doppelturmendspiel nicht richtig bewertet. Ab welchem Eloniveau kann man das finden? Leser jeglichen Niveaus (auch Grossmeister) dürfen das gerne kommentieren!

P.S.: Im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Teams werden wir ziemlich sicher nicht zweimal hintereinander Meister - nächste Saison ein Niveau höher wird wieder Abstiegskampf.

Freitag, 19 Februar 2016 21:45

Paprika und Gurken in Wijk aan Zee

Was Fiona Steil-Antoni kann, das kann ich auch: einige Wochen nach Wijk aan Zee nochmals ein bunt gemischter Bericht. Allerdings gibt es gewisse Unterschiede: sie hat relativ viel Text und Fotos und nur ein Diagramm (das allerdings quasi dreifach), ich habe später siebzehn Diagramme und daher relativ wenig Text. Thema ist etwas, das Leser und Leserinnen vermutlich kaum mitbekommen haben: der Toptienkamp der Amateure (Niveau immerhin grob Elo 2300-2500). Die Partien konnte man vor Ort aus dem Publikum heraus einigermassen verfolgen, den pgn-file gab es jedenfalls mal auf der Turnierseite - aktuell finde ich ihn nicht mehr, also hänge ich ihn noch unten an den Artikel dran. Das ist der Endstand: Dobrov 6.5/9, Hendriks und Guramishvili 6, Pijpers 5, De Ruiter und Beukema 4.5, Van der Lende 4, Rudolf 3.5, Hopman 3, Brink 2. Der Russe Dobrov hat klarer gewonnen als der Endstand suggeriert, und das trotz zwei recht drastischer Niederlagen - aber die zweite in der Schlussrunde war irrelevant.

Nicht alle Teilnehmer(innen) sind wohl beim Publikum bekannt - einige schon, warum auch immer, z.B. weil sie auch in deutschen Ligen aktiv sind oder waren. Aber, auch um die bunte Mischung zu demonstrieren, stelle ich sie alle vor - bei den Damen verrate ich das Alter nicht, aber wer es wissen will kann ja (wie ich es bei den Herren gemacht habe) auf den FIDE-Ratingseiten nachschauen. Vladimir Dobrov ist Jahrgang 1984 und seit 2004 Grossmeister. Mir war er vom Namen her ein Begriff, da er bei einem Schnellturnier in Jurmala zwischenzeitlich ganz vorne mitspielte und auch einmal das Limburg Open gewann - mehr zu ihm später. Willy Hendriks ist Jahrgang 1966 und seit 2001 IM - noch aus einem anderen Grund ist er Exote im Teilnehmerfeld: er spielt für SV de Toren aus dem "Oostelijke Schaakbond" (Arnhem und Umgebung, fast schon Deutschland). Sopiko Guramishvili ist Georgierin, IM und WGM und wohnt aus privaten Gründen inzwischen in Den Haag. Arthur Pijpers ist Jahrgang 1994 und seit 2015 IM. Mir war er ein Begriff, seit sein Verein LSG Leiden recht ausführlich vom Europacup in Skopje berichtete, bei dem er seine zweite GM-Norm erzielte. Aufgefallen ist er dieses Jahr bereits beim Basel-Open, da besiegte er den bekannten GM Arkadij Naiditsch. Anschliessend dachte er vielleicht (ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen) "was Vishy Anand kann, das kann ich auch" und verlor gegen den relativ unbekannten französischen GM Adrien Demuth. Er spielte wohl auch gerne beim Neckar-Open: da erzielte er 2015 sowohl seine letzte IM-Norm als auch seine erste GM-Norm. Danny De Ruiter ist aus meiner ganz persönlichen Sicht die nord-holländische Reinkarnation von Jan Gustafsson - wobei Gusti natürlich noch lebt und der Schachszene erhalten blieb (wenn auch nur noch sporadisch als Spieler). Zu Kieler Zeiten verlor ich öfters gegen einen damals ca. 16-jährigen Hamburger, der gelegentlich bei Kieler Blitzturnieren vorbeischaute; in Noord-Holland erging es mir gegen den Teenager Danny De Ruiter ähnlich. Wie die Zeit vergeht, es ist schon ein paar Jahre her - er ist Jahrgang 1991, seit 2015 FM und spielt für Alkmaar bei Wijk aan Zee. Stefan Beukema ist ein echter Exot: ein Belgier der auch in der NL-Liga mitspielt (tendenziell ist es Einbahnstrasse in die andere Richtung), und zwar für Tilburg. Jahrgang 1996, seit 2012 FM. Ilias Van der Lende ist titellos, Jahrgang 1994 und spielt für Santpoort, ebenfalls Provinz und Schachverband Noord-Holland. Anna Rudolf ist Ungarin, wohnt aus privaten Gründen im spanischen Zaragoza, und ist auch IM und WGM. Pieter Hopman ist Jahrgang 1972, seit 2013 FM und spielt für Purmerend nördlich von Amsterdam. Barry Brink ist Jahrgang 1975 und spielt für Caissa aus Amsterdam (ebenfalls Provinz Noord-Holland, aber eigener Schachverband).

Gleich in der ersten Runde gab es Dobrov-Guramishvili, das Duell zwischen dem nominell besten und der geschlechtsübergreifend wohl bekanntesten Teilnehmerin. Das war Paprika, vielleicht mit einem Schuss Vodka, daher insgesamt vier Diagramme - so stand es nach 15.-Sf8:

Dobrov Guramishvili

 

 

 

 

 

 

 

Sie will den Eindringling auf d6 offensichtlich los werden - objektiv am besten war nun 16.Sc4 (über dieses verbotene Feld war er auch da gelandet). Aber Dobrov spielte 16.Tc6?! Td7! - nun musste er opfern und entschied sich für 17.Sxe6 Sxe6 18.Sxf5. Es folgte 18.-Sf8 (nach 18.-De8 glauben Engines nicht an weisse Kompensation) 19.Dc2 Lb7?!

Dobrov Guramishvili move 19

 

 

 

 

 

 

 

Wieder will sie einen Eindringling loswerden, diesmal war Dobrov zu Recht nicht einverstanden: 20.Le7! Db8 (das macht man/frau ungern, aber es muss sein) 21.Lxf6 gxf6 22.Tc1!? (objektiv besser war offenbar 22.Lxd5+ und drei Bauern plus schwacher schwarzer König ist genug Kompensation für die Figur)

Dobrov Guramishvili move 22

 

 

 

 

 

 

 

Richtig war nun 22.-Ld8 was einerseits den Läufer rettet, andererseits Feld e7 überdeckt. Schwarz spielte 22.-Lxc6 23.Dxc6 Dd8 - mit Mehrturm, und d5 ist gedeckt, oder? 24.Lxd5+! Txd5? (am besten 23.-Kh8 24.Dxa8 Txd5 25.Dxd8 Lxd8, und zumindest Sorgen um den König sind hinfällig) 25.Se7+! Kf7 (25.-Dxe7 kostet ja zwei Türme) 26.Sxd5 Ld6 27.Db7+ Kg6 28.Se3 De8 29.Dd5 Td8 30.Dg8+

Dobrov Guramishvili move 30

 

 

 

 

 

 

 

1-0 . Hinterher ergab sich - eher zufällig im Eingangsbereich des Amateur-Spielsaals - die Gelegenheit zu einem kurzen Interview mit Dobrov (hier bereits veröffentlicht, aber ich kopiere das mal rein): TR „Wie lief die Partie, offenbar war das Figurenopfer korrekt?“ Dobrov „Ich machte mir etwas Sorgen um meinen Springer, der sich auf d6 verlaufen hatte. Aber ich hatte genug Kompensation – viele Angriffsmöglichkeiten. Wir haben hinterher analysiert, es war ziemlich unklar. Dann hat sie gepatzt. Übrigens bin ich hier auch als Trainer und Reporter für den russischen Schachverband.“ TR „Wollen Sie die Gruppe gewinnen und nächstes Jahr auf der Bühne spielen?“ Dobrov „Vielleicht, aber das wird nicht einfach.“ Aha, es war also nicht unbedingt ein geplantes Opfer, aber er konnte seinen Springer teuer verkaufen. Trainer ist er für zwei Teenager, die neben ihm standen und – so sagte er zu einer anderen Person – „kein Russisch sprechen“. Auch im Pressebereich wussten sie nicht, ob er als Russe in den Niederlanden lebt oder warum er eigentlich mitspielt.

Dobrov spielte auch weiterhin teilweise spektakulär - einige Momente kommen erst später in der Rubrik (gegnerischer) Gurkensalat, dreimal zeige ich seine Schlusstellungen:

Dobrov Pijpers matt

 

 

 

 

 

 

 

Dobrov-Pijpers, noch Fragen?

De Ruiter Dobrov matt

 

 

 

 

 

 

 

Hier hat Schwarz kurz vor dem Matt aufgegeben - die Partie dauerte 19 Züge, Dobrov hatte gegen Danny De Ruiter Schwarz. Wenn man in katalanischer Struktur einen Bauern auf c4 verhaftet und verteidigt, kann der Schuss nach hinten losgehen (wobei die Stellung lange "unklar" war). Das war Runde 7 nach zuvor 5,5/6.

Hendriks Dobrov 1 0

 

 

 

 

 

 

 

Ähnliches gilt für Hendriks-Dobrov 1-0, Runde 9 und für den Turniersieg bereits irrelevant.

Nun sind zwischendurch andere dran, Drama in Brink-Hopman (am Ende 0-1) aus Runde 1:

Brink Hopman

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz steht trotz Mehrbauer schlecht, aber hat gerade 35.-Tf4!? entkorkt und Weiss fand nichts besseres als 36.Dxb7 Txf5 37.Dxa7 - nicht genug Kompensation für die geopferte oder, wie er vielleicht dachte, eingestellte Figur. Richtig war 36.Dc3 Dxf5 37.Th8+ Kg6 38.Tg8+ Kh5 39.gxf4 und, hier oder etwas später, 1-0. Zwischen all den Aufregungen eine Schlusstellung, bei der die Spielerinnen nett zueinander waren:

Rudolf Guramishvili

 

 

 

 

 

 

 

Die Freundinnen Anna Rudolf und Sopiko Guramishvili einigten sich hier auf Remis - immerhin waren bereits 15 Züge gespielt und ein Bauernpaar abgetauscht. Nun rückt ein Spieler in den Mittelpunkt, von dem ich nur ein kleines Foto (auf der FIDE-Ratingseite) fand:

Van der Lende

 

 

 

 

 

Das ist Ilias Van der Lende, der im Turnierverlauf gar nicht remis spielen wollte (+4-5). Zunächst eine kleine Taktikaufgabe für das Publikum:

Beukema Van der Lende

 

 

 

 

 

 

 

Beukema - Van der Lende, Weiss am Zug gewinnt

Guramishvili - Van der Lende war, wenn die Notation stimmt, wohl ein Zeitnotdrama. Sopiko hatte ihn komplett überspielt, und dann:

Guramishvili Van der Lende

 

 

 

 

 

 

 

39.Dd7?!? (39.exf7 +20 Tendenz steigend, wenn Engines länger als ein zwei Sekunden rechnen dürfen) 39.-Da3 (er glaubt ihr aufs Wort, kann Weiss nach 39.-Dxd7 40.exd7 Txd7 noch gewinnen?) 40.Txb7?? 1-0 vermutlich Zeitüberschreitung, nun konnte Schwarz nach 40.-Da1+ usw. matt setzen.

Es gab auch jede Menge Gurken, in einigen Stellungen die nun kommen fand einer (jedenfalls unter ansatzweise plausiblen Zügen) den schlechtesten überhaupt:

Van der Lende Hendriks

 

 

 

 

 

 

 

Van der Lende - Hendriks nach 11.-Se5, eine bekannte Stellung in der Weiss meistens 12.b3 spielt, Van der Lende fand 12.Lf1?? Dxd4 - noch nicht 0-1 da er tapfer weiterspielte, schliesslich war das Runde 1. Damit hat er den Wettbewerb "Gurke dieses Turniers" vielleicht gewonnen, aber er sollte noch einen drauflegen. Zuvor eine seiner Gewinnpartien:

Van der Lende Brink

 

 

 

 

 

 

 

Van der Lende - Brink nach 40.Dd6, womöglich auch hier Zeitnot: 40.-g6? (40.-Le8 oder 40.-Lb5 ist remislich) 41.Sxg6+ (noch besser ist 41.Sd5+ Kg8 42.Sf6+ Kg7 43.Sxd7 - Mehrfigur und weit und breit kein schwarzes Dauerschach) und nach beiderseits etwas ungenauem Spiel 1-0(49). Seine anderen Gewinnpartien waren sehenswert-spektakulär, aber zu kompliziert um sie in diesem Rahmen zu würdigen.

Dobrov Van der Lende

 

 

 

 

 

 

 

Dobrov - Van der Lende, kann Weiss dieses Doppelturmendspiel gewinnen? "Technik" musste er nicht zeigen, denn Schwarz fand 37.-Kf7?? 38.h6 1-0. Bei einer anderen Gelegenheit hatte Dobrov nur ein bisschen Glück:

Dobrov Hopman

 

 

 

 

 

 

 

Weiss steht ohnehin sehr gut, aber Gegner Hopman spielte 29.-f6? und gab auf - warum, darf der Leser selbst finden (Dobrov hätte es sicher gefunden). Ein anderer Lapsus kostete Hopman mindestens einen halben Punkt gegen Beukema:

Hopman Beukema

 

 

 

 

 

 

 

Weiss braucht wohl Geduld, um die Mehrqualität zu verwerten, aber wenn er (zum Beispiel) mit 29.h3 beginnt, sollte es auf die Dauer klappen. Stattdessen 29.Lh3?! Sxh2 ups! 30.Lg2 Sf3+ 31.Lxf3 exf3 usw. - dass es danach für Weiss rapide bergab ging, musste wohl nicht sein. Nach 40 Zügen (Zeitkontrolle geschafft) stand es so:

Hopman Beukema move 40

 

 

 

 

 

 

 

Und drei Züge später 0-1 !!? Minusqualität plus gegnerische Hilfe = Sieg gab es auch noch in einigen anderen Partien, aber das sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Es gab noch das eine oder andere, schön und/oder kurios, aber das darf der motivierte Leser im pgn-file selbst entdecken:

 

Freitag, 05 Februar 2016 21:01

Drei Bauernendspiele

Für "Triplizität der Ereignisse" brauche ich heute zwei Turniere, aber dennoch nur wenige Tage - Bauernendspiele gibt es nicht nur in Studien, sondern gelegentlich auch in praktischen Partien. Die drei Partien haben einiges gemeinsam: jeweils fiel die Entscheidung im Bauernendspiel bzw. kurz zuvor, jeweils war die Niederlage aus Sicht der Verliererin oder des Verlierers unnötig. Angefangen hat am 29. Januar in Wijk aan Zee die Ex-Weltmeisterin Hou Yifan - gegen den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen, der (auch) aufgrund dieser Partie das Turnier gewann. Am 1. Februar machte Ex-Weltmeister Vishy Anand in Gibraltar weiter - auch aufgrund dieser Partie konnte er gar nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen; sein Gegner Benjamin Gledura ist, oder war jedenfalls vor dem Turnier, ein ziemlich unbekannter junger IM. Tags darauf dachte Europameisterin Natalia Zhukova "das kann ich auch!" - ihr Gegner JK Duda war immerhin mal U10-Weltmeister, wurde zuletzt fast Junioren-Weltmeister, und auch in diesem Blog erschien er bereits [inzwischen nutze ich dankbar den Vorschlag eines Kenners der polnischen Schachszene, seine Vornamen abzukürzen - statt immer zu kontrollieren wie man denn Jan-Krzysztof schreibt].

Zu jeder Partie gibt es drei Diagramme - als Bonus noch eines vom Vorjahr in Wijk aan Zee. So stand es in Carlsen - Hou Yifan nach 44.Dc3!?:

Carlsen Hou Yifan move 44

 

 

 

 

 

 

 

Soll ich oder soll ich nicht? Zehn Minuten grübelte Hou Yifan, dann geschah 44.-Dxc3+ 45.Kxc3 und nach fünf weiteren Sekunden 45.-h5??

Carlsen Hou Yifan move 45

 

 

 

 

 

 

 

Ob 44,-Dxc3+ "?!" verdient lag am nächsten Zug - das konnte frau schon machen, wenn ja wenn sie dann richtig fortsetzt: 45.-a5! ist, wie (auch) Carlsen selbst nach der Partie sagte, schlicht und ergreifend remis. Etwas aufpassen muss Schwarz noch, ich verzichte auf Details. Idee von 45.-h5?? war, ja was eigentlich? Livekommentator Peter Svidler dachte, dass sie den Königsflügel abriegeln wollte, aber das hatte noch Zeit - wenn der weisse König auf e1, e2 oder e3 steht, geht immer noch -h5 nebst -h4. Vielleicht fiel Hou Yifan nichts ein, also zog sie einen Randbauern und im Remissinne den falschen. Es folgte 46.Kb4!! Kc8 47.Ka5 Kc7 48.h4 Kb8 49.Kb6 Kc8 50.b4 Kb8 51.b5 (so knackt Weiss die schwarze "Festung") 51.-cxb5 52.axb5 axb5 53.Kxb5 Kc7 54.c3

Carlsen Hou Yifan move 54

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Hou Yifan nun einfach die Uhr drücken könnte mit den Worten "Du bist dran!", dann wäre auch diese Stellung remis. So allerdings - 1-0. Entscheidend war, dass Weiss ein Reservetempo hatte.  45.-h5?? war objektiv der entscheidende Fehler, 44.-Dxc3+ kann man kritisieren - da sie dem Gegner das gab, was er offensichtlich wollte und dabei das Bauernendspiel falsch beurteilt hatte.

Manchmal kann man dem Gegner durchaus aufs Wort glauben, das war Ivanchuk-Jobava, Tata Steel 2015, nach 42.-Ta4?? :

Ivanchuk Jobava

 

 

 

 

 

 

 

43.Txa4!! 1-0 denn nach 43.-bxa4 44.Kc4 usw. hat Schwarz nur einen Freibauern (dass auch auf a5 ein Bauer steht ist irrelevant), Weiss bekommt dagegen zwei auf der c- und e-Linie die sich quasi gegenseitig schützen. Ivanchuk besprach das wort- und gestenreich zu Gast im Livekommentar, den gut gelaunt fluchenden Jobava traf ich zufällig im Gang: "Ich habe alles mögliche berechnet, nur nicht Kc4 - fuck fuck fuck."

Bei den beiden anderen Partien steige ich etwas früher ein, Stand in IM Gledura (2515) - GM Anand (2784) - Elozahlen jeweils vor dem Turnier - nach 28.Ke2:

Gledura Anand move 28

 

 

 

 

 

 

 

Das ist doch remis, oder? Anand spielte 28.-h5?! - "?!" ist wohl zu streng, aber das war nicht nötig und dieses Tempo fehlte später im Bauernendspiel. Es folgte 29.Lg5 Kf8 30.Kd3 Ke8 31.Lxf6!? (Läufer sind mir lieber als Springer, aber nun kann der weisse König eindringen) 31.-Lxf6 32.Ke4 Ld8 33.Se5 Ke7 34.Kd5 (musste das aus schwarzer Sicht sein?) 34.-Lb6 35.Sd3 Kd7 36.Sc5+ Lxc5 (vermutlich "?" - nach 35.-Kc7 konnte Gledura seinen prominenten Gegner lange quälen, aber kann er die Partie gewinnen?) 37.Kxc5 Kc7

Gledura Anand move 37

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Gledura spielte 38.h4!! und das war diesmal goldrichtig. 38.-Kd7 (zunächst dachte ich, dass 38.-b6+ 39.Kd5 Kd7 für Schwarz OK ist, da sein König dann zwischen d7 und c7 pendelt und der weisse Monarch am Königsflügel nicht eindringen kann. Aber dann folgt, wie in der Partie, f3 und g4 und nach -hxg4 fxg4 spielt Weiss h4-h5. Das erzwingt -f6 da Weiss sonst einen entfernten h-Freibauern bekommt, und die "Festung" am schwarzen Königsflügel ist dahin.) 39.Kb6 Kc8 40.b4 Kb8 41.f3 Kc8 42.g4 hxg4 43.fxg4 Kb8 44.h5 f6 45.a4 Kc8 46.Ka7 Kc7 47.b5 a5 48.Ka8

Gledura Anand move 48

 

 

 

 

 

 

 

1-0 Ursachenforschung? Anand dachte womöglich "das (Stellung nach 28.Ke2) ist immer und sowieso remis" und war nicht mehr voll konzentriert.

Bei Duda-Zhukova griff Schwarz wohl im Läuferendspiel daneben, Stellung nach (36.Tc2 Txc2) 37.Lxc2

Duda Zhukova move 37

 

 

 

 

 

 

 

37.-f5?! - warum? Gut möglich, dass dieser Zug "?" verdient, da Schwarz danach forciert verliert. Unabhängig davon ist es fragwürdig, die Bauern definitiv weissfeldrig festzulegen und den auf g6 zu schwächen. 38.Kg5 Le8 39.Lb3 b6 40.Lc4 Lf7 - ob das "?" verdient, liegt daran ob Schwarz das Läuferendspiel halten kann. Vermutlich nicht, aber ich untersuche das nicht im Detail - Thema heute sind ja Bauernendspiele:

Duda Zhukova move 40

 

 

 

 

 

 

 

41.Lxf7! - diesmal verzichtet Duda, im Gegensatz zu Dezember 2014 in Katar, nicht auf ein gewonnenes Bauernendspiel. 41.-Kxf7 42.Kh6! b5 43.b4 a6 44.f4 Kf6 45.Kh7 Kf7 46.g3 das Reservetempo 46.-Kf6 47.Kg8

Duda Zhukova move 47

 

 

 

 

 

 

 

1-0 Hier vermute ich, dass Zhukova bei 37.-f5 bereits das Bauernendspiel anstrebte und sich keinerlei Gefahr bewusst war - aber ich kann da nur spekulieren. Vor der Runde hatte sie noch gewisse Chancen auf einen der in Gibraltar recht grosszügigen Damenpreise, danach eher nicht mehr - und dann hat sie tags darauf gegen den Amerikaner Matthew Herman eine Gewinnstellung einzügig in eine Verluststellung verwandelt.

Generell: Bauernendspiele sind trickreich, auch Grossmeister (Titel hier geschlechterübergreifend) stolpern da mitunter. Europameister Evgeny Najer bekam vermutlich keine Tata Steel Einladung, und hat auch in Gibraltar nicht mitgespielt.

 

Freitag, 08 Januar 2016 18:35

Oscar-Listen

Anfang Januar ist die Zeit der Jahresrückblicke, auch was Schach betrifft. Ich kann nicht alles besprechen was so im Internet auftaucht: Partie des Jahres, Endspiel des Jahres, Höhe- und Tiefpunkte, denn dann wäre der Artikel irgendwann im Dezember veröffentlichungsreif ... . Also beschränke ich mich auf den Spieler des Jahres. Wer das ist und wer demnach wohl mal wieder den Oscar bekommt, da sind sich Experten und andere (bzw. Titelträger und titellose Schachspieler) ziemlich einig, nur einer tanzt aus der Reihe und sagte dazu, auf Englisch noch deutlicher als auf Deutsch, "I want to make a certain point". Dahinter geht es drunter und drüber - Spieler werden erwähnt oder auch nicht und recht unterschiedlich eingestuft. Thema dieses Beitrags sind neun Oscar-Listen, darunter zwei oder drei die offiziell abstimmen dürfen.

Der Reihe nach: Es begann (für mich) damit, dass Emil Sutovsky seine Liste - wie er selbst schrieb "my vision of the Chess Oscar 2015" - auf Facebook veröffentlichte. Leicht unklar ob er offiziell abstimmen darf - er ist alles Mögliche, aber eher kein Journalist? Chess24 hat das dann übernommen - inzwischen auch auf Deutsch, aber die Diskussion auf die ich mich beziehe tobte auf der englischen Seite. Ich war dabei, einiges was nun kommt ist Wiederholung, aber da hat jeder pro Kommentar maximal 2000 Zeichen zur Verfügung, hier kann ich es noch mehr vertiefen. Es geht aber nicht, jedenfalls nicht nur, um meine Meinung, sondern um alle Meinungen. Diverse "Laien" veröffentlichten ihre Listen, zwei Journalisten taten das auch: Stefan Löffler zunächst auf Deutsch, dann - und so wurde es international registriert, in Russland auf Englisch. Auch Sergey Shipov äusserte sich u.a. zum Thema Oscar, Colin McGourty hat das dann übersetzt (wieder gilt: Kommentare bisher vor allem auf Englisch).

Ich beginne mit Sutovsky, der - wie auch andere - seine Auswahl erklärte, innerhalb der Liste und dann (betrifft "wer warum nicht") auch in der Facebook-Diskussion. Er entschied sich für, in dieser Reihenfolge, Carlsen, Karjakin, Giri, Aronian, Kramnik, Vachier-Lagrave, Svidler, Eljanov, Ding Liren und Wei Yi. Prompt wurden zwei andere Namen vermisst, aber ich nenne erst seine vermutlichen Beweggründe: Er nennt den Weltcup "most important and toughest tournament of the year" - das sehe ich ähnlich, wobei es die Liste stark beeinflusst, dass gleich drei Spieler vor allem da überzeugend oder jedenfalls sehr erfolgreich spielten. Halb-explizit zählen für ihn Ergebnisse im zweiten Halbjahr mehr als die in den ersten sechs Monaten anno 2015 - für Aronian, Kramnik und MVL sagt er das quasi, tendenziell gilt es auch für Giri. Das sehe ich etwas anders und vermisse einen Namen, der auf Facebook nicht erwähnt wird. Andere vermissten Topalov und Nakamura, das erklärte Sutovsky so: Topalov hatte ein grossartiges Turnier in Stavanger, aber der Rest war nicht überzeugend ("not convincing at all"). Nakamura gewann kein Topturnier mit klassischer Bedenkzeit - Gibraltar, US-Meisterschaft und Millionnaire Chess waren schwächer besetzt, wenn auch finanziell attraktiv. Und Zürich war zur Hälfte Schnellschach. Das sehe ich ähnlich - ich würde ergänzen, dass Topalov in Norwegen von Carlsen und Hammer satte 1,5 Punkte (und damit auch 15 Elopunkte) geschenkt bekam, und dass Nakamura Zürich nur aufgrund eines kurzfristig angesetzten Tiebreaks gewann. Der Leser vermutet plausibel, welche Namen auch auf meiner Liste nicht auftauchen.

Nun meine Liste: Carlsen, Vachier-Lagrave, Giri, Anand, Aronian, Kramnik, Karjakin, Svidler, Eljanov, Tomashevsky. Anand hatte ich vermisst - im Gegensatz zu diversen anderen Spielern war er im ersten Halbjahr (Shamkir, Zürich, Stavanger) top und im zweiten Halbjahr nicht mehr. Tomashevsky bekam Platz 10 erst, nachdem andere auf (nur) zehn Namen bestanden - zuvor teilte er diesen mit Nakamura, Ding Liren, Wei Yi und Caruana. Ansonsten: Carlsen natürlich Nummer eins, aber für mich nur primus inter pares. Danach war ich bei der Reihenfolge unsicher, und habe etwas aus dem Bauch heraus entschieden: Sympathie-Bonuspunkte für MVL und Giri (schliesslich sprach ich beide letztes Jahr in Wijk aan Zee, Giri auch bei anderen Gelegenheiten), und die drei (anderen) Weltcup-Halbfinalisten nach dem letztendlichen Ergebnis sortiert. Topalov fehlt bei mir auch wegen relativer Inaktivität - das gilt zwar ähnlich für Kramnik und Anand, aber nur Topalov konnte so mehrfach eine 2800+ -Elo "verteidigen". So kann ich das auch, diese Zahl erreichen ist natürlich ein anderes Thema und für mich wie für die allermeisten nicht drin. Ausserdem stimmt es, dass ich ihn als Person eher nicht mag (Stichwort "Toiletgate") - das sollte zwar nicht das dominante Kriterium sein, aber auch das ist ein Tiebreaker.

Das waren zwei Meinungen, wie gesagt es geht um alle Meinungen. Bei denen, die auf chess24 kommentierten, nenne ich jeweils das Land - jedenfalls in einem Fall hat es seine Meinung beeinflusst da er seine Nummer 10 mit "(lol)" ergänzte. Zum Teil ist es relativ - ich bin da Niederländer, da ich mich mit einer niederländischen IP-Adresse angemeldet habe. Falls Kramnik da (unter Pseudonym) einen account hat, ist er - je nachdem wann/wo er sich angemeldet hat - Franzose oder Schweizer? Ähnlich relativ ist es eventuell für Stefan Löffler (Deutscher, aber verbrachte viele Jahre in verschiedenen Ausländern) oder Emil Sutovsky (Israeli, aber nach wie vor mit Draht nach Aserbaidschan). Dennoch gilt wohl tendenziell: ganz repräsentativ sind die sechs Meinungen von Laien nicht, da fehlen - um nur führende Schachländer zu nennen - die gesamte ehemalige Sowjetunion, die USA, China, ... .  Wer sich hinter einigen Namen verbirgt, keine Ahnung - "Sauron" hat jedenfalls nach eigener Aussage Nahschach-Elo ca. 2200. Es ist also nicht so, dass ein Spieler selbst mit abstimmte - über sich und über einen Spieler, der ihn als Sauron bezeichnete. Nun zunächst alle neun Listen nebeneinander - aus Platzgründen kürze ich einen Spielernamen ab:

2016oscar

Man kann das doppelt zusammenfassen: erstens nach offizieller Oscar-Wertung mit Bonuspunkten für die ersten drei (13,11,9,7,6,5, ...): Carlsen 115, Giri 72, Nakamura 59, Aronian 57, Vachier-Lagrave (nun habe ich Platz genug) 48, Kramnik und Karjakin 39, Topalov 28, Anand 27, Wei Yi 24, Eljanov 12, Svidler 11, Caruana 7, Tomashevsky 5, Ding Liren 4, Ragger und Pelletier 1.

Dann auch danach, wer wie oft genannt wurde: Carlsen, Giri, Aronian 9, Kramnik und Karjakin 8, Nakamura und Vachier-Lagrave 7, Anand 6, Topalov und Wei Yi 5, Eljanov 4, Caruana, Svidler, Tomashevsky 3, Ding Liren 2, Ragger und Pelletier 1.

Es gibt - Grenzen sind flexibel - Konsensus-Namen die (fast) immer auftauchen, umstrittene Namen die etwa die Hälfte der Jury erwähnt, und Exoten die nur auf wenigen Listen stehen. Carlsen fast durchgehend an eins, das geht in Ordnung. Giri an zwei, obwohl niemand ihn so hoch einstufte - aber sechs dritte, zwei vierte und ein siebter Platz. Das passt irgendwie zu seiner Turnierbilanz: selten bis nie ganz vorne, oft relativ weit vorne - das hat insgesamt positive Konsequenzen, auch für seine Elozahl. Nakamura und Vachier-Lagrave werden vergleichsweise unterschiedlich bewertet: weit oben, nicht so weit oben oder auch gar nicht in der top10. Bei Nakamura liegt es wohl daran, wie man "Turniere der zweiten Kategorie" einstuft, vielleicht auch wie man seine Persönlichkeit bewertet. Bei MVL sehe ich keinen Grund, ihn nicht zu mögen - da liegt es wohl daran, wie man sein Schachjahr 2015 mit Höhen und Tiefen insgesamt bewertet. Aronian wird wieder etwas stabiler bewertet - und landet hier knapp hinter Nakamura, da er weniger top3 Bonuspunkte erntete. Kramnik und Karjakin werden (fast) immer erwähnt, aber landen (fast) nie weit oben.

Vielleicht interessant, wer warum auch die Konsensus-Namen nicht auf seiner Liste hat. Sutovskys und meine Meinung zu Nakamura hatte ich bereits, zu Löffler und Karjakin komme ich noch. Zu Eyal und Kramnik habe ich privat nachgefragt, Tenor seiner Antwort: "Ich bewerte Einzelturniere höher als Mannschaftskämpfe. Kramnik glänzte in Mannschaftskämpfen, aber hat kein Einzelturnier gewonnen und konnte da auch fast nie in den Kampf um den Turniersieg eingreifen." Kann man so sehen ... zugleich setzte er Kramnik, Svidler und Wei Yi auf seine Reserveliste, aber in der top10 gibt es eben nur 10 Plätze zu vergeben. Shipov hat ebenfalls eine Reserveliste: Svidler, Ding Liren, Vachier-Lagrave, Wei Yi, Grischuk [ein Exote anno 2015], Eljanov, "usw.". slavmavrodiev "ignoriert" Vachier-Lagrave, da er (knapp, vielleicht zu knapp zusammengefasst) seine Schwächeperiode im ersten Halbjahr (28 sieglose Partien in Serie) stärker gewichtet als - Ausnahme Shipov? - alle anderen.

Noch einer bewertet Kramnik anders als der Rest - Sauron, der ihn an zwei plaziert, auch da habe ich nachgefragt: "Ich bewundere ihn vor allem dafür, dass er mit 40 nochmals Weltranglistenzweiter wurde. Wohl ein Altersbonus, da ich etwa dasselbe Alter habe." Auf meinen Einwand "und Anand, der dasselbe mit 45 erreicht hatte?": "Ja, aber er hat im zweiten Halbjahr stark nachgelassen ('pronounced slump') mit vielen uninspirierten Partien. Sonst wäre er sicher weit oben auf meiner Liste, er ist ein echter Gentleman."

Zu Anand zwischendurch der Vergleich Laien-Experten. Fünf von sechs Laien haben Anand, aber nur ein Experte - Shipov gerade so als Nummer zehn. Erliegen Experten eher der Versuchung, vor allem neueste Ergebnisse zu berücksichtigen? Zur Erinnerung: im ersten Halbjahr hatte Anand in Shamkir, Zürich und Stavanger grossartig gespielt. Zwei von drei Experten haben Svidler, und ich als einziger Laie. Mögen Laien nur Sieger (Ausnahme Giri), während Experten das mitunter lockerer sehen? Svidler hat nun einmal das Weltcup-Finale verloren, wobei das Erreichen des Finales bereits ein Sieg war (= Qualifikation für das Kandidatenturnier). Bin ich, da Schreiberling, auch ein bisschen Experte, oder bin ich das, da ich es nicht beruflich mache, nicht?

Topalov ist eben umstritten. Bei Wei Yi ist die Frage, ob er bereits zwischen die Weltklasse gehört, nur weil damit zu rechnen ist, dass er in absehbarer Zeit zur Weltklasse gehört. Für mich eher nicht, da gehen die Meinungen auseinander. Eljanov - tendenziell siehe Svidler. Caruana, Ding Liren und der gar nicht erwähnte Wesley So - zwar relativ stabil top10, aber dieses Jahr ohne allzu spektakuläre Ergebnisse, so sieht es offenbar die Mehrheit. Caruana landete vor allem deshalb auf meiner Reserveliste, da er Dortmund durchaus souverän und überzeugend gewann.

Tomashevsky gewann zwei Turniere, beide als Aussenseiter, beide souverän - Tiflis Grand Prix und Russische Meisterschaft. Ist das bereits vergessen, und/oder schauen viele zunächst auf die aktuellste Eloliste und gewichten dann Spieler? Tomashevsky ist da nur noch Nummer 26, da Katar für ihn nicht nach Wunsch verlief (für Wei Yi auch nicht) und da er zuvor auch beim Weltcup Elopunkte einbüsste. Womöglich spielt aber auch eine Rolle: top10 = 10 Namen, und für viele waren das eben zehn andere. fabelhaft schrieb noch per Kommentar: "We have probably all been unfair to Tomashevsky who had two very impressive wins, in one of the Grand Prix tournaments and then the Russian Superfinal. But it all is so subjective that it's difficult to even make the same list two days in a row."

Ragger und erst recht Pelletier fallen für mich, verglichen mit den bisher genannten Namen, unter die Rubrik "kleiner Scherz". Wobei Ragger eventuell ein Kandidat für den, sagen wir mal, B-Oscar wäre - für Spieler, die noch nie Elo 2750+ hatten und das vielleicht in diesem Leben nicht mehr schaffen. Andere Namen die hier und da genannt wurden, u.a. von mir selbst: Harikrishna, Li Chao (wobei beide aktuell Elo knapp über 2750 haben), Rapport, Kovalenko, Hammer, Grandelius, aus Sympathiegründen für sein Schach und seine Person auch Jobava. Diese Wahl wird aber sicher noch subjektiver und kontroverser - da jeder da seinen eigenen Liebling hat und andere Kandidaten vielleicht gar nicht kennt. Ich selbst kann alle Namen 'nachvollziehen' aber nicht gewichten, und sicher fehlen noch einige ... .

Alles bisher war subjektiv, ein objektiver Masstab wäre die TPR über das gesamte Jahr!? Diese Liste gibt es auch, wobei ich das nun nicht detailliert aufbröseln will: für mich spielt auch eine Rolle, wer wie viel oder wenig gespielt hat, und gegen wen. Wei Yi ist da übrigens Nummer 27 (Ragger Nummer 38).

Und nun knöpfe ich mir noch Stefan Löffler vor, aus zwei Gründen: Er ist für das Publikum hier vielleicht der bekannteste Juryname, wobei Sutovsky und Shipov international-global wohl bekannter oder berühmter sind. Und von ihm konnte ich auch noch ältere Listen finden - 2014, 2013 und 2011. Zusammen ergibt sich ein gewisses Bild. Seine Listen sind oft teilweise "originell" - das ist weder Lob noch Kritik, sondern schlichtweg eine Feststellung. Zweimal nominierte er auch Deutsche, die international wohl chancenlos waren - 2011 Gustafsson "stellvertretend für die deutsche Mannschaft, die erstaunlicherweise als hoher Außenseiter Europameister wurde, ohne eine Mannschaft zu sein. Mit seinem tollen, nur leider zu selten gefüllten Blog sammelte der Hamburger die nötigen Extrapunkte." [der Blog ist nun definitiv tot, der Schachspieler Gustafsson nur noch sporadisch aktiv. Aber natürlich spielt er weiterhin eine Rolle in der Schachszene]. 2013 Naiditsch, der es 2014 immerhin auf die Reserveliste schaffte (Platz 10 an Rapport knapp vor Naiditsch und Jobava). Auch 2013 war Carlsen für ihn "nur" Zweiter hinter Kramnik, und 2011 hatte er dasselbe zumindest erwogen. Das konnte ich jeweils nachvollziehen, "Patriotismus" kann ich auch verstehen - aber das waren jeweils sicher exotische Namen.

Auch 2011 gab es Vorschussloorberen für einen Jungstar - damals nominierte er Giri, der in Wijk aan Zee 50% erzielte und zum Jahresende Nummer 28 der Weltrangliste war. Das empfand ich damals als verfrüht, heute gilt dasselbe tendenziell auch für Wei Yi. Dazu will ich "obwohl er der bisher jüngste 2700-Spieler ist, wurde er zu keinem einzigen Topturnier eingeladen. Den vielleicht nächsten Weltmeister so links liegen zu lassen, wirft ein schlechtes Licht auf mehrere Veranstalter. An seinem unternehmungslustigen Spielstil kann es nicht liegen. Liegt es daran, dass er Chinese ist?" kommentieren. Auf welche Veranstalter wirft es ein schlechtes Licht? Die Chess Tour hatte sich auf immer dieselben Spieler festgelegt - was ich generell kritisiere, aber es war kein Affront speziell gegen Wei Yi. Gashimov Memorial kam zu früh, bleibt wohl Dortmund und Biel. Generell werden Spieler wohl bereits einige Monate vor dem Turnier eingeladen, generell gilt: "erst 2700 knacken, dann dieses Niveau eine Weile bestätigen, dann gibt es eventuell eine Einladung." Chinesen werden sicher nicht diskriminiert, aber es gibt zu viele .... . Kandidaten für Top-Einladungen sind Ding Liren, Yu Yangyi, Li Chao wäre auch an der Reihe, und Wei Yi. Ausserdem bekommt auch Hou Yifan diverse Einladungen - was ich (quantitativ und verglichen mit männlichen qua Alter und Elo vergleichbaren Spielern) nicht nachvollziehen kann.

2011 UND 2013 kommentierte ich, dass Karjakin auch möglich war - insgesamt habe ich den Eindruck "den mag er halt nicht". Jedenfalls 2011 hatte sich Karjakin noch nicht politisch geäussert, es sei denn man interpretierte seinen Verbandswechsel Ukraine -> Russland als politisches Signal. Wenn, dann war es allenfalls ein schachpolitisches Signal, da er mit der Förderung durch den ukrainischen Schachverband unzufrieden war bzw. in Russland bessere Perspektiven sah. Zu Karjakins politischen Ansichten: ich teile sie nicht, aber kann sie aus seiner Sicht (Krim-Ukrainer und ethnischer Russe) verstehen.

Ausserdem noch aus heutiger Sicht interessant: Bereits 2013 nannte ich Vachier-Lagrave ("anderthalb Jahre kriselte er, jetzt ist er wieder da?") und Eljanov ("hat sich von 69 auf 21 verbessert").

Wer will, kann nun auch hier seine eigene Oscar-Liste veröffentlichen bzw. das eine oder andere kommentieren - indirekt auch Löfflers Liste, die er inzwischen auf dem Schachticker publiziert.

 

 

Samstag, 14 November 2015 13:11

Falscher Läufer - kein Problem

Berichte zur Mannschafts-EM in Reykjavik gibt es anderswo noch nicht - es ist ja auch erst eine Runde gespielt, und parallel läuft ein Schaukampf in St. Louis. Auch der Schachbund (Titelseite, wird da wohl irgendwann verschwinden) äussert sich nur knapp und bezeichnet das 2,5-1,5 gegen die Schweiz zum Auftakt als "glücklich" - eventuell könnte man es auch als grossartige kämpferische Leistung verkaufen, die Anlass zu Hoffnungen für das weitere Turnier bietet. Jedenfalls bekommt Daniel Fridman das Titelbild, da er aus deutscher Sicht der Held war. Aus schweizerischer Sicht war Gegner Sebastian Bogner vielleicht der Depp, aber in diesem Artikel mit Motiv Triplizität der Ereignisse wird es erst das dritte und komplizierteste Beispiel. Jeweils geht es um Endspiele mit Mehrfigur und Mehrbauer, die manchmal dennoch Remis sind - es gibt nämlich den Begriff falscher Läufer oder alternativ falscher Randbauer. In den ersten beiden Fällen werde ich auch andeuten, wie dieses Endspiel entstand - und einmal gibt es als Vorspeise ein ungewöhnliches Mittelspiel-Motiv.

Ich beginne bei den Damen, mit einem Match das vielleicht vor allem Schachfreunde und -freundinnen in den Niederlanden (ich fühle mich angesprochen) oder auch Litauen interessierte. Bei Litauen fehlt Viktorija Cmilyte - komplett, sie ist wohl anderweitig beschäftigt: sie hat mal wieder geheiratet, diesmal Peter Heine Nielsen, wurde zum dritten Mal Mutter (zweimal war der Vater Alexei Shirov) und ist seit April 2015 Mitglied des litauischen Parlaments. Fairerweise verzichteten die Niederlande in Runde 1 auf Spitzenbrett Zhaoqin Peng, und so ergab sich an Brett 2 die Paarung Salomeja Zaksaite (2196) - Bianca De Jong-Muhren (2312). Salomeja hat also Weiss, Bianca ist nominell besser. Nach 19.La7 Tb7 stand es so:

Zaksaite De Jong move 19

 

 

 

 

 

 

 

Das ist natürlich noch kein Endspiel, sondern die versprochene Vorspeise - Weiss am Zug gewinnt bzw. erreicht jedenfalls klaren Vorteil. Das dürfen die Leser selbst finden, ich gebe nur drei Tips: 1) Zuvor war 18.-Dxd5 ungenau (besser 18.-exd5). 2) Die ersten beiden Züge der Kombination kann man/frau in beliebiger Reihenfolge spielen. 3) Am Ende ist in einer Variante Df5+ wichtig, und in einer anderen De4+ [hmm, der Hinweis dass das jeweils ein Schach ist sollte reichen]. Stattdessen kam in der Partie 20.Le4 - verlockend, aber Schwarz hat die Ausrede 20.-Dd2 und nun wurde aufgeräumt: 21.Dxd2 Lxd2 22.Txc8 Txc8 23.Lxb7 Tc7 24.Td1 Lg5 25.Lxa6 Txa7 26.Td6 - wir haben ein asymmetrisch-ausgeglichenes Endspiel. Das behandelte Weiss insgesamt besser, nach 40 Zügen stand es so:

Zaksaite De Jong move 40

 

 

 

 

 

 

 

Immer noch kein Grund zu Panik aus schwarzer Sicht, aber sie muss eher aufpassen. Weitere Bauern verschwanden vom Brett und im 81. Zug auch die Türme, Stand nach 82.-Ke5:

Zaksaite De Jong move 82

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Schwarz hofft noch auf ungleichfarbige Läufer und/oder darauf, dass Weiss am Ende nur den falschen Randbauern behält. Kleiner Let's Check - Ausflug: Beim Durchklicken von Partien sieht man so am schnellsten, welche Engines wann durchblicken - vor allem in Endspielen gibt es da Unterschiede, aber dieses Thema will ich nicht untersuchen und vertiefen. Komodo zeigt Sinn für "Ästhetik" und empfiehlt 83.La8 +250 - aber nahezu jeder Läuferzug sollte für Weiss gewinnen, nur nicht unbedingt das gespielte 83.Lc6? - was dieses Feld in einigen Varianten für den weissen König blockiert. Schwarz spielte nicht das beste (egal, ob es Remis hält oder letztendlich doch nicht) 83.-Ld6+ sondern 83.-Kf4? und fünf Züge später:

Zaksaite De Jong move 87

 

 

 

 

 

 

 

Touchdown! Schwarz muss sich natürlich von ihrem Läufer verabschieden, konnte dann die e- und g-Bauern gegeneinander abtauschen, es half nichts:

Zaksaite De Jong move 94

 

 

 

 

 

 

 

Stellung nach 94.Lg4 - das ist hoffnungslos für Schwarz, da der König nie und nimmer das rettende Feld h8 erreicht. Wohl eher Enttäuschung/Frustration, dass sie erst nach 102 Zügen die Uhr abstellte. Endstand im Match 2-2 - die Niederländerinnen konnten zwar an Brett 3 und 4 (jeweils auch klare Elo-Vorteile für sie) gewinnen, aber verloren auch an Brett 1 auf Elo-Augenhöhe (Haast, 2365 - Deimante, 2369 0-1).

Das nächste Match war aus internationaler und Ausrichter-Sicht interessant - mit Armenien spielte einer der Favoriten gegen Gastgeber Island. Armenien gewann glatt 4-0, aber nur 3-1 war durchaus möglich. An Brett 2 gab es ein Duell der S-Klasse wobei Schwarz den kräftigeren Elo-Motor hatte, aber das muss (jedenfalls in einzelnen Partien) nichts heissen: Steingrimsson (2566) - Sargissian (2689). Lange wurde geschlossen-spanisch manövriert, dann stand Weiss "eigentlich" klar besser:

Steingrimsson Sargissian move 47

 

 

 

 

 

 

 

Man sollte meinen, dass die drei (na gut, zweieinhalb) weissen Freibauern im Zentrum viel gefährlicher sind als der einzelne und doppelt entfernte (auch weit weg vom Umwandlungsfeld) schwarze a-Bauer. Engines sehen das auch so, aber nur wenn Weiss 48.Dd4! findet um das schwarze Gegenspiel mit -e3 zumindest zu erschweren, wenn nicht zu verhindern. Stattdessen kam 48.Sg1? e3! 49.Dxe3 Dxe3 50.fxe3 Kf7

Steingrimsson Sargissian move 50

 

 

 

 

 

 

 

Nur drei Züge weiter, aber eine total andere Stellung - ohne Damen auf dem Brett kann der schwarze König ins Geschehen eingreifen, im Gegensatz zum weissen auf h1. Man kann sich zumindest vorstellen, dass Weiss diese Stellung gar verliert - obwohl er nach der Erbsenzähl-Methode momentan zwei Mehrbauern hat. Ob Weiss noch remis halten kann, will ich in der Kürze der Zeit nicht untersuchen (bzw. bin mit dieser Aufgabe überfordert). Im weiteren Verlauf verschwanden jedenfalls reihenweise Bauern vom Brett, wobei der schwarze a-Bauer sich teuer verkaufte - Stellung nach 65.-a1D:

Steingrimsson Sargissian move 65

 

 

 

 

 

 

 

Wiederum fünf Züge später - der weisse König rannte so schnell er konnte zurück zum Königsflügel aber ein Tempo fehlte:

Steingrimsson Sargissian move 70

 

 

 

 

 

 

 

70.-Kh2! - nur so, aber das finden wohl auch Spieler mit Elo unter 2000. Sechs Züge später gab Weiss auf.

In diesen beiden Fällen war das Endspiel von Anfang an (d.h. ab 87.b8D bzw. 65.-a1D) und immer für die materiell stärkere Seite gewonnen, im dritten Fall stolperten beide Spieler auch nach Erreichen der Tablebase-Zone. Bevor ich die Schlussphase von Sebastian Bogner (2550) - Daniel Fridman (2627) bespreche, ein paar Bemerkungen zum gesamten Match Deutschland-Schweiz aus deutscher Sicht: An Brett 1 stand Georg Meier mit Weiss gegen Pelletier zwischenzeitlich schlecht, wenn nicht verloren - es wurde remis (damit ist Meier besser als Nakamura, der allerdings beim Europacup Schwarz gegen Pelletier hatte). An Brett 3 erreichte Buhmann gegen Jungstar Georgiadis nichts, jedenfalls nicht genug - remis. An Brett 4 stand der deutsche Jungstar Dennis Wagner gegen Richard Forster in einer wilden Partie zwischendurch total verloren (Computerurteil bis +10) und es wurde remis. Fridman spielte eine seiner Spezialvarianten - zur Stellung nach 12.-d4 hat die nach Schwarzelo sortierte Datenbank Lautier-Ivanchuk, Olympiade Moskau 1994 und dann siebenmal Fridman. Er stand wohl etwas schlechter, das muss man mit Schwarz akzeptieren, aber womöglich nie gefährdet. Dass und wie er dann gewann kommt nun - Stellung nach 47.-fxe3:

Bogner Fridman move 47

 

 

 

 

 

 

 

Bogner spielte 48.Lf3?! - noch kein Verlustzug, aber warum kümmert sich nicht der König um den Freibauern? Nach 48.Kg3 hat Schwarz den Trick 48.-Lg4!? und Weiss darauf den Gegentrick 49.Lf3 e2 50.Ld5+ nebst 51.Kf2 (50.Lxe2 Lxe2 ist hier auch Remis, aber das muss Weiss nicht "riskieren"). Nach weiteren schwarzen Ungenauigkeiten stand es so:

Bogner Fridman move 54

 

 

 

 

 

 

 

Nun ist 55.Lxe2 Lxe2 natürlich Pflicht, und ab hier kann ich durchgehend das Tablebase-Orakel befragen (die Spieler während der Partie natürlich nicht): 56.a4 (lose in 57, immerhin am zähesten) 56.-Ld1 (wir wollen mal nicht meckern, dass andere Züge schneller gewinnen) 57.a5 (wieder die bei weitem beste Chance)

Bogner Fridman move 57

 

 

 

 

 

 

 

Was nun? Weiss droht offensichtlich b4-b5-b6, Schwarz muss das verhindern - da er sonst nicht mehr gewinnen, höchstens noch verlieren kann. Fridman spielte 57.-a6? - falsch laut Tablebases, nur 57.-La4 oder 57.-Le2 gewinnt. Warum dem so ist, darf der Leser mich aber nicht fragen. Allerdings war es nur einen Zug lang remis, es folgte 58.Kf5 (hier verliert nur 58.b5??) 58.-Lc2+

Bogner Fridman move 58

 

 

 

 

 

 

 

Wohin mit dem König? a1 ist das Traumfeld, das geht natürlich nicht sofort - aber warum Bogner mit 59.Ke6?? in die andere Richtung ging, weiss allenfalls er selbst - hier vergebe ich streng zwei Fragezeichen, da es auch prinzipiell-intuitiv nicht gut sein kann (59.Kf6 verliert auch, drei andere Königszüge halten remis). 59.-Kc4 60.Ke5 Kxb4 61.Kd4 Lg6! (des Pudels Kern, verhindert 62.Kd3 und nun muss der weisse König sich entfernen) 62.Ke3 Kxa5 0-1 - z.B. 63.Kd2 Kb4 64.Kc1 Kb3 und da nun 65.Kb1 illegal ist, kommt langsam aber unvermeidlich a6-a5-a4-a3-a2-a1D. Hatte ich das Ergebnis des Matches bereits erwähnt? 2,5-1,5 für Deutschland. Bogner hatte sich sein Debüt für die Schweizer Nationalmannschaft, ausgerechnet gegen Deutschland, wohl anders vorgestellt. Die deutsche Truppe muss sich aber vermutlich im Turnierverlauf steigern, um auch mal gegen z.B. Team Naiditsch zu spielen.

[P.S.: Während ich an diesem Artikel schrieb, war Kollege Colin McGourty offenbar auch nicht faul. Zwischenzeitlich hat chess24 einen Bericht, in dem der deutsche Sieg gegen die Schweiz als "unglaublich" (defied belief) bezeichnet wird.]

Mittwoch, 04 November 2015 20:19

Ein Stapel nicht gespielte Opfer auf e6

Wieder mal ein Beitrag mit Leitmotiv "(kuriose) Multiplizität der Ereignisse" - wobei es diesmal nie tatsächlich passierte. Das Titeldiagramm kam so nicht aufs Brett und auch danach opferte Weiss konsequent nicht auf e6. Es ging im 11., 13.-15., 20. und 29. Zug - mit unterschiedlichen Motiven und Konsequenzen. Mitunter begebe ich mich auf ein recht niedriges Niveau, nämlich mein eigenes, heute gehe ich noch ca. 350 Elopunkte weiter runter. Die Partie wurde an Brett 6 unseres letzten Mannschaftskampfes gespielt; die beteiligten Spieler haben einiges gesehen und einiges nicht. Ich habe da leicht reden da ich Computer befragte - anders sehe auch ich nicht (jedenfalls nicht auf Anhieb bei knapper Zeit) was alles hinter den Kulissen blieb.

Genug der Vorrede. Weiss war nominell klar besser, aber Schwarz (mein Teamkollege) gewann - insgesamt verdient da er über weite Strecken der Partie besser stand.

Gerco Stapel (Aartswoud 3, Elo 1734) - Co van Heerwaarden (En Passant, Elo 1476) 0-1

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6 5.Sc3 e6 6.Le3 Sf6 7.Lc4 Die Eröffnung lasse ich mal unkommentiert - keine Hauptvariante, aber sie sind halt keine Grossmeister. 7.-Dc7 8.Lb3 b5 9.a3 Lb7 10.f3 Le7?!

Stapel van Heerwaarden move 11

 

 

 

 

 

 

 

Vorsichtiger war zunächst 10.-Sc6 (dann geht wenn nötig -Sxd4) oder 10.-Sbd7 nebst -Sc5; -Le7 nebst Rochade kann man auch noch etwas verzögern. Denn nun ging 11.Lxe6!? fxe6 12.Sxe6 Dd7 13.Sxg7+ und wir haben das Titeldiagramm. Computer haben hier lieber Weiss - auf dem Niveau dieser Spieler gilt vielleicht: wenn Schwarz so etwas gerne spielt, kann er das Opfer durchaus erlauben. Weiss spielte stattdessen 11.0-0 0-0 12.Dd2 Td8!? Das ist Mädchenschach, die letzte Datenbank-Partie stammt aus der panamerikanischen Meisterschaft U18 Girls anno 2001. Co van Heerwarden kannte diese Partie nicht und meinte zu 12.-Td8 "so spiele ich immer" - aber es erlaubte mal wieder ein Opfer auf e6:

Stapel van Heerwaarden move 12

 

 

 

 

 

 

 

13.Lxe6!? fxe6 14.Sxe6 Dd7 15.Sxd8 Dxd8 - wie ist das einzuschätzen? Ich bin mir nicht sicher, mit welcher Farbe ich lieber spielen würde - Tendenz am Vereinsabend war "Weiss steht etwas besser", das sehen Houdini und Stockfish auch so. Partie: 13.Df2 Sbd7 14.Tac1?! Eine "Neuerung", die Gerco Stapel im Nachhinein nicht gefiel. Ausflug nach Guaymallen in Argentinien: In der Stammpartie Maciel Etienne - Ramos geschah 14.Dg3 Sh5? 15.Dh3 Shf6

Maciel Ramos

 

 

 

 

 

 

 

und hier liess Weiss sich nicht lumpen: 16.Sxe6! fxe6 17.Dxe6+ Kh8 18.Tad1??! (18.Dxe7 mit klarem Vorteil ging, die weisse Dame kommt zurück ins Spiel. Zugegeben, 18.-Te8 19.Df7 Te5!? 20.La2! Tf8 21.Db3 ist etwas krumm, aber ganz gratis bekommt man/frau zwei Mehrbauern nun auch wieder nicht.) So gewann später Schwarz - die Partie und letztendlich das Duell gegen den letzten Platz im Turnier. Daniela Ramos aus Paraguay wurde 18., Erline Maciel Etienne aus Costa Rica 19. - nur Freilos landete noch hinter den beiden, musste allerdings (unfair) alle Partien mit Schwarz spielen. Bekannteste Teilnehmerin wurde übrigens Lorena Zepeda aus El Salvador - nicht weil sie im Turnier 50% erzielte, sondern weil sie später Loek van Wely heiratete. Zurück in die Provinz Noord-Holland, Aartswoud liegt da mittendrin.

14.-Tac8 und nun tauchte Weiss 20-30 Minuten ab. Er dachte vielleicht "warum habe ich eigentlich Tac1 gespielt?" - das sagte ich am Vereinsabend und ein anderer Clubkollege meinte "ja, derlei passiert mir auch ab und zu". Ein Computervorschlag (jedenfalls bei niedriger Suchtiefe) ist 15.Tcd1!? - aber das (einen Fehler sofort zugeben und korrigieren) machen nur ziemlich starke oder ziemlich schwache Spieler? 15.Lxe6 ging immer noch, stattdessen kam 15.Sce2?! Sc5 Computer wollen sofort 15.-d5 spielen 16.La2 d5 17.exd5 Eine Computeridee ist 17.e5!? Dxe5 18.Lf4 Dh5 19.Sg3 Dh4 - schwarze Dame auf Abwegen, aber so recht glauben sie selbst auch nicht an weisse Kompensation. 17.-Sxd5 18.b4 Sxe3 musste nicht unbedingt sein 19.Dxe3 Sd7

Stapel van Heerwaarden move 19

 

 

 

 

 

 

 

Und nun wollen Engines 20.Lxe6!? spielen - Weiss steht etwas schlechter, also Remis forcieren nach 20.-fxe6 21.Dxe6+ Kf8 22.Df5+ Kg8 23.De6+ usw. (22.-Ke8 ist zumindest unklar nach 23.Se6 oder eventuell auch 23.Dxh7). Dabei geben sie Schwarz nach 20.-Ld6!? oder 20.-Te8!? trotz Minusbauer leichten Vorteil, da Weiss nun mit 21.Lxd7 auch den zweiten Läufer abtauschen muss. Stattdessen geschah 20.c4 (aktiviert immerhin den Tc1) 20.-bxc4 21.Txc4 Db6 22.Tfc1 Txc4 23.Lxc4 Sf6(?) - besser 23.-Lf6 oder 23.-Ld6 denn:

Stapel van Heerwaarden move 23

 

 

 

 

 

 

 

Nun ausnahmsweise kein Opfer auf e6, sondern 24.Sf5!? Dxe3 25.Sxe3 mit Ausgleich. Dazu musste Weiss sich gegebenenfalls durchringen - jedenfalls wenn er wusste, dass er klarer Elofavorit war. 24.Df2 - auch das entfesselt den Springer, aber das schwarze Läuferpaar bleibt gefährlich. 24.-Sd5 24.-a5! um den Le7 zu aktivieren. 25.Lb3? h6? [Besser war 25.-Lg5! 26.f4 Sxf4! 27.Sxf4 Dxd4 28.Dxd4 Txd4 29.Tc7 Lxf4 30.Txb7 Td3 - das musste man alles sehen, und auch dass auf der Grundreihe vorläufig nichts droht] 26.Kf1? [Hier ging 26.Sc6! Lxc6 27.Dxb6 Sxb6 28.Txc6 Td6 29.Txd6 Lxd6 und das ist nun wirklich remis] 26.-Lg5! 27.Tc5 Le7? [Der Tc5 gefiel Schwarz nicht, aber nun konnte er den Spiess umdrehen und selbst via Feld e3 klaren Vorteil bekommen: 27.-Le3! was in allen Varianten Material gewinnt, z.B. 28.Dh4 Sf6 29.Lc2 (29.Tc4 Ld5 30.Tc3 Lxb3 31.Txe3 Lc4) 29.-e5 30.Sf5 Lxc5 31.bxc5 Dxc5 32.Sxh6+ gxh6 33.Dxh6 Dd6. Und selbst wenn man nicht schnell Material gewinnt, steht der Läufer auf e3 einfach gut.] 28.Tc1 Sf4?

Stapel van Heerwaarden move 28

 

 

 

 

 

 

 

Und hier ging, zur Abwechslung, 29.Sxe6! Dxf2+ 30.Kxf2 Sxe6 31.Lxe6 fxe6 32.Tc7 mit Rückgewinn der Figur und Mehrbauer. Allerdings kam 29.Sxf4 Txd4 30.Sd3?! (30.Se2 Td6 31.Dxb6 Txb6 mit Ausgleich) 30.-Lf6 [besser war 30.-Dd8 31.Se5 a5 32.bxa5?! Lxa3 33.Ta1 Lc5 das Idealfeld für den Läufer 34.a6 Lxa6+ 35.Txa6 Td1+ 36.Lxd1 Lxf2] 31.Sc5 La8 32.Dg3 a5! endlich! 33.bxa5 Db5+ (laut Engines genauer als das ebenfalls gute 33.-Dxa5) 34.Kg1 Td8 35.a6? Db6? [35.-Ld4+ 36.Kh1 Lxc5 war besser - ab hier wird es öfters recht suboptimal] 36.Kh1 Le7 37.De5 Ld5 38.Sb7 Lxb7 39.axb7 Dxb7? [genauer war 39.-Dxb3 - da dann auch 40.-Td1+ droht kann man den b-Bauern auch im nächsten Zug verhaften] 40.La2 Ld6 41.De3 Db2 42.Lb1 Lxa3 43.Te1 Td2 44.De4 g6 [44.-Txg2 war gut - Schwarz muss weder 45.Dh7+ Kf8 46.Dh8+ Ke7 fürchten noch 45.Da8+ Lf8] 45.Dh4 Kg7 46.Dg3 Lc5 47.Tf1 Ld6 48.Dg4 De5 [besser 48.-Db5 oder 48.-h5 49.Dg5 Dd4, jeweils mit Mattangriff - ich verzichte mal auf nähere Varianten] 49.f4 Db5 50.Df3 Lc5 51.Te1 Tf2 52.Dc3+ Kh7 53.Ld3 Lb4? denn das Endspiel ist für Schwarz nicht unbedingt gewonnen 54.Lxb5 [54.Dc7 De8 ist für Weiss auch einigermassen OK] 54.-Lxc3 55.Td1? Txf4 Jetzt ist das Endspiel für Schwarz gewonnen, der Schluss war noch nett: 56.g3 Tf2 57.Lc6 Kg7 58.Kg1 Tc2 59.Le8 Kf8 60.Lb5 Ke7 61.Td7+ Kf6 62.Kh1 Lb4 63.Td1 Tf2 64.Td3 Lc5 65.Td7 Kg5 66.Lc4 Kg4 67.La6 Kh3

Stapel van Heerwaarden move 67

 

 

 

 

 

 

 

0-1

Falls der Eindruck entstand, dass ich mich über die Spieler lustig mache - dem ist nicht so. Aber ich finde es faszinierend, was in der Partie alles ging - hier gibt es sie komplett zum Durchklicken.

 

 

Donnerstag, 29 Oktober 2015 22:02

Endspiele aus Skopje

Ich habe den Europacup aus dem eigenen Wohnzimmer via Internet verfolgt - im Gegensatz zu Olaf Steffens und noch einer Reihe Spielern mit oder auch ohne Schachtitel, die vor Ort am Brett sassen. Heute kommt eine kleine Nachlese - wiederum vielleicht unterhaltsam, vielleicht lehrreich, vielleicht beides, vielleicht auch nicht. Es geht um Endspiele, nicht nur aber weitgehend die Tablebase-Zone (bzw. diese wird erreicht, wenn die Spieler richtig fortsetzen). Vorab definiere ich meine Zeichensetzung: Zwei Fragezeichen gibt es für Fehler aus der Rubrik "das sollte ein Grossmeister doch wissen" - kann allerdings sein, dass ich zuviel Respekt vor GMs habe und ihnen daher im positiven Sinne zuviel zutraue. Drei(!) Fragezeichen gibt es, wenn womöglich selbst ich besser gespielt hätte. Ein Fragezeichen gibt es, wenn es halt objektiv ein Fehler war.

Ich weiss nicht, ob Olaf Steffens nochmal was schreibt ... . Für diejenigen, die sich nicht anderswo informieren - z.B. chess-results oder Schachticker: Werder Bremen verlor knapp gegen die schwedischen Wikinger, bekam dann ein Hammerlos - Oslo (ja, das liegt in Norwegen) angeführt von Jon Ludvig - und verlor diesmal nicht so knapp.

Norwegen wird auch in diesem Beitrag eine Rolle spielen, aber ich beginne bei mir um die Ecke mit der Partie IM Sprenger (in Diensten von LSG Leiden) - GM Matlakov (für Mednyi Vsadnik aus St. Petersburg). Jan Michael Sprenger ist womöglich, wie ich, ein Deutscher mit Lebensmittelpunkt in den Niederlanden - zumindest spielt er hier regelmässig (auch ab und zu ein Open), und in Deutschland spielte er zuletzt 2012/2013 eine Partie in der Zweiten Bundesliga West. In der Partie hatte der fast-2700 GM zuvor ein Turmendspiel so lange geknetet, bis er tatsächlich auf Gewinn stand:

Sprenger Matlakov 1

 

 

 

 

 

 

 

Nun spielte er 83.-Te6 84.Ta8 Kxg4 - nicht falsch, das ist immerhin eine Tablebase-Gewinnstellung. Schöner, einfacher und/oder "sicherer" war allerdings vielleicht 83.-Tb2+ 84.Ke1 Kf3 nebst Durchmarsch des e-Bauern (85.Ta6 f5 - muss nicht unbedingt sein, aber dann hat Weiss keine Schachs von hinten). Danach folgte 85.Ke3 Kf5 86.Th8 Ke5?! (verdirbt noch nichts, aber ...) 87.Ta8 f5?? (nur wieder 87.-Kf5 gewinnt):

Sprenger Matlakov 2

 

 

 

 

 

 

 

Das ist nun eine Tablebase-Remisstellung! Weiss spielte richtig 88.Ta5+ Kf6 und nun falsch 89.Kf4? (nur ein Fragezeichen, denn Sprenger ist kein GM) - nach 89.Ta2 oder 89.Ta1 kann er die schwarzen Freibauern stabil blockieren. Es folgte noch 89.-e3 90.Ta1 (90.Txf5+ Ke7 und die weissen Figuren behindern sich gegenseitig, also läuft der e-Bauer durch) 90.-e2 91.Te1 Te4+ 92.Kg3 Ke5 93.Kf3 Kd4 0-1 - Weiss erreicht bestenfalls ein verlorenes Bauernendspiel. Das fand ich über die Homepage der LSG Leiden. Jan Michael Sprenger selbst vergleicht den gesamten Wettkampf mit Ajax Amsterdam oder PSV Eindhoven gegen ein Topteam der Champions League und schreibt zu seiner Partie (die er auch komplett analysiert): "In der Nachspielzeit, nachdem ich bereits auf Verlust stand, bekam ich noch eine Chance. Mein Gegner spielte ungeschickt und erlaubte eine Blockadestellung. Plötzlich stehst Du frei im Strafraum und kannst den Ausgleich erzielen. Ich machte jedoch einen impulsiven Zug (89.Kf4) und jagte den Ball auf die Tribüne. ... Es war einer von neun Tagen, an denen der Favorit halt gewinnt."

Das zweite Fragment ist nur was die Elozahlen betrifft auf hohem Niveau: GM Hracek (2613) - GM Yu Yangyi (2721). Hracek spielte für das tschechische Novy Bor, Yu Yangyi nicht etwa für ein chinesisches Team das sich nach Europa verirrt hat sondern für Alkaloid aus Mazedonien. In einem Sizilianer opferte Weiss einen Bauern, um Schwarz einen doppelten f-Bauern zu verpassen. Den vermutlich erhofften Königsangriff bekam er nicht, aber die Stellung war etwa oder fast ausgeglichen - bis zu diesem Diagramm:

Hracek Yu Yangyi 1

 

 

 

 

 

 

 

57.Txa3? (ich gebe mal ein Fragezeichen) musste nicht sein, der a-Bauer ist unter weisser Kontrolle. 57.-De6+! 58.g4 (58.Kg2 Tc2+ nebst 59.-De2 nebst Matt oder Materialverlust) 58.-Kg7! (richtig) 59.Dd2 Th8+? (falsch, 59.-De5! 60.Tg3 De4! 61.Te3 Dh7+! 62.Kg3 Tc2! - nur so, die Ausrufezeichen beziehen sich darauf, dass es jeweils der einzige Gewinnzug ist). Nun bekam Schwarz nach 60.Kg2 De4+ 61.Tf3 Txh2+ 62.Kxh2 Dxf3 nur einen "symbolischen" Mehrbauern. Das nächste Diagramm setze ich nach 69.K(f3-)g3???

Hracek Yu Yangyi 2

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz am Zug gewinnt mit 69.-Kg7 (oder auch 69.-Kh7) 70.Kf3 (nach 70.Dxe5, was die schwarzen Bauern entdoppelt, ist das Bauernendspiel auch verloren) 70.-Dxf4+ (jetzt!) 71.Kxf4 Kg6 72.Kf3 Kg5 73.Kg3 f5 74.gxf5 Kxf5 75.Kf3

Hracek Yu Yangyi Analyse

 

 

 

 

 

 

 

75.-f6! Für wenig fortgeschrittene Leser (die haben wir vielleicht auch): derlei Bauernendspiele sind gewonnnen, wenn der König ein Feld zwei Reihen vor seinem Freibauern erreicht (hier e5, f5 oder g5). Das alles kam nicht, sondern 69.-Dd5??? 70.De3??? Dd6+??? (70.-De5+ siehe oben) 71.Df4 Dd5 (hier kann Schwarz nicht siegreich ein Tempo verlieren) 72.De3??? Dg5???. Um neben GMs auch Engines zu kritisieren: Stockfish und Komodo sehen, im Gegensatz zu Houdini, nicht dass 70./72.-De5+ glatt gewinnt!? Weiter geschah 73.Df4 f5!? 74.Dd6+? Kh7 75.Dd7 Dxg4+ usw. - zu Yu Yangyis Ehrenrettung sei gesagt, dass er am Ende doch noch in ein gewonnenes Bauernendspiel abwickelte:

Hracek Yu Yangyi 3

 

 

 

 

 

 

 

Egal, wie Weiss auf 84.-f3+ reagiert, Schwarz kann die Damen tauschen und gewinnt mit dem anderen f-Bauern. Sicher war die Bedenkzeit beiderseits knapp, aber ich kann mir das nur so erklären: reine Nervensache - beim Stand von 2,5-2,5 ging es um viel und beide Teams wollten eine Medaille (schafften es am Ende dann nicht).

Das letzte Beispiel ist kompliziert, ich behaupte nicht dass ich es komplett verstehe und kratze nur etwas an der Oberfläche. Es stammt aus einem Match zweier Talententeams: IM Sagafos (Elo 2393) hatte Weiss gegen GM Mamedov (2590). Das ist Nidjat Mamedov, der etwas bessere und bekanntere Rauf durfte ab und zu für die SOCAR-Startruppe mitspielen. Nidjat spielte für Odlar Yurdu, laut Spitzenbrett Emil Sutovsky ein "Projekt, um junge Azeris auf die Olympiade 2016 vorzubereiten" [das sagte er auf Anfrage 2013, ich nehme an es stimmt immer noch]. Das norwegische Vaalerenga hatte mit dem russischen Trainer GM Romanov auch ein erfahrenes Spitzenbrett, und dahinter junge IMs und FMs - die Spieler von Odlar Yurdu sind immerhin bereits GMs und waren daher favorisiert. Vaalerenga hatte tags zuvor überraschend das russische Belorechensk besiegt, nun verloren sie am Ende 2,5-3,5 aber eine weitere halbe Überraschung war drin.

Sagafos Mamedov 1

 

 

 

 

 

 

 

So stand es nach 48.h4 - auch hier hat Schwarz einen doppelten f-Bauern und daher quasi einen Bauern weniger. Kann Weiss gewinnen? Fragt mich was leichteres! Mamedov spielte 48.-Kc5?! 49.Kf5 Kc4 50.Kxf6 Kxc3 (materiell steht es nun gleich, aber der schwarze König steht schlecht) 51.Sf5 Kd3

Sagafos Mamedov 2

 

 

 

 

 

 

 

Was nun? 52.Kxf7? war falsch - ich kann den weissen Gewinnplan nur grob andeuten (natürlich brauche ich dafür Engines): Der König muss den schwarzen König abblocken, der Springer muss Bauern erobern. Idealerweise bekommt Weiss einen freien h-Bauern, der ist (neben dem a-Bauern) der grösste Feind des Springers. Eine von mehreren Computervarianten lautet 52.h5 Ke4 53.Sd6+ Kf4 54.g5 Se2 55.h6 Sg3 56.Sxf7 Sh5+ 57.Ke6 Ke4 58.Sd6+ usw. (bloss nicht 58.g6?? Sf4+). In der Partie folgte 52.-Ke4 53.Sh6 Kf4 54.Kg7 Kg3 55.h5

Sagafos Mamedov 3

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Höchste Zeit, den Springer zurückzuholen (55.-Se2 oder 55.-Sd3), aber Schwarz spielte 55.-Kh4? und Weiss bekam den nächsten Freistoss aus aussichtsreicher Position: 56.Kxh7 Sd3 (zu spät, "eigentlich")

Sagafos Mamedov 4

 

 

 

 

 

 

 

Wir haben eine Tablebase-Stellung, also können wir die Wahrheit erfragen: Einzig richtig ist 57.Sf7!, z.B. 57.-Kxg4 58.h6 Sf4 59.Kg7 Sh5+ 60.Kg6 Sf4+ 61.Kf6 Sh5+ 62.Ke5 Sf4 63.h7 - Zugzwang, z.B. 63.-Sg6+ 64.Kf6 oder 63.-Kf3 64.Kf5. In der Partie folgte 57.Kg7? Sf4 58.Sf5+ Kxg4 59.h6 Kxf5 60.h7 Sg6 61.h8D Sxh8 1/2.

Wie erging es den beteiligten Teams am Ende? Mednyi Vsadnik bekam Bronze. Novy Bor und Alkaloid verloren jeweils gegen Spitzen-Spitzenteams und wurden daher zum Schluss Fünfter und Sechster. Für Odlar Yurdu waren die Spitzenteams auch noch eine Nummer zu gross, am Ende Platz 13. Leiden und Vaalerenga spielten in der letzten Runde gegeneinander. Leiden gewann glatt und für sie war Platz 9 ein grosser Erfolg, Vaalerenga landete auf Platz 17.

Irgendwie ist dieser Beitrag unvollständig, es fehlt noch ein Läuferendspiel, aber ich mache hier Schluss.

Freitag, 16 Oktober 2015 21:57

Aller Dinge waren drei auf der Isle of Man

Alternativ hatte ich als Titel auch "Mann-oh-Mann auf der Isle of Man" erwogen - geht nicht, eine Dame war mit beteiligt. Dieser Beitrag kommt etwas verspätet und ist daher nicht mehr top-aktuell - zwischendurch gab es (für mich) eine Dienstreise nach Korsika und (für viele Schachspieler aus Deutschland und anderswo) ein zwei Turniere in Berlin. Thema sind drei Partien aus Runde 6 beim Pokerstars Isle of Man International - nicht komplett, jeweils vor allem ein (nicht) entscheidender Moment in der Partie. Dreimal spielten GMs gegen Nicht-GMs, dreimal wurde es am Ende remis, dreimal waren Deutsche beteiligt. 1,5/3 war vor den Partien ein schönes deutsches Gesamtergebnis - die Grossmeister heissen Daniel Fridman, Jan Timman und Alon Greenfeld, die Nicht-GMs sind IM Justin Tan aus dem fernen Australien, IM/WGM Elisabeth Paehtz und FM Thorben Koop. Aber da war aus deutscher Sicht mehr drin, mindestens 2,5/3. Ich behaupte mal, dass dieser Beitrag angesichts der verpassten taktischen Wendungen zwar verspätet, aber auch zeitlos ist. Ein Diagramm zeige ich gleich dreimal - zuerst kommentarlos, dann mit ein paar Tips, dann mit der bzw. den Auflösungen (da gab es allerdings nur zwei, allerdings eine mit späterer Nebenlösung, wenn man so will also doch drei). Los geht's:

Fridman Tan

 

 

 

 

 

 

 

Fridman-Tan nach 35.-De5 - Weiss am Zug, was tun? Mehr verrate ich (noch) nicht, und auch die zweite Schlüsselstellung gibt es zunächst kommentarlos:

Koop Greenfeld

 

 

 

 

 

 

 

Koop-Greenfeld nach 37.-Le7 - Weiss am Zug, was tun?

Im Sinne von "genug Platz zwischen Diagramm und Auflösung" kommt nun Lady last aber doch first, denn die Partie Paehtz-Timman bespreche ich nun komplett, bzw. zwei Momente daraus. Nach 9.Dxd4 D(d5-)b5 10.De5 Dd7 stand es so:

Paehtz Timman move 11

 

 

 

 

 

 

 

Weiss hatte nichts einzuwenden gegen frühen Damentausch und eine leicht bessere Stellung, Schwarz war nicht einverstanden. Wenn man weiss, das nun was geht, findet man es wohl auch, daher verrate ich die nächsten Züge sofort: 11.Lh6! Sc6 12.Dg5 Tg8 13.Lxg7 (das geht!) 13.-Se4 14.Dh6 f5 15.Dh5+ Df7 16.Dxf7+ Kxf7 17.Le5 - Weiss hat einen recht gesunden Mehrbauern. Später stand es nach 24.-Tg8 so:

Paehtz Timman move 25

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz hat immerhin seine Figuren aktiviert und ein bisschen Kompensation. Andererseits: das ist noch kein Endspiel, sondern immer noch Mittelspiel - also steht sein König potentiell anfällig. Nach 25.h4 steht Weiss immer noch besser - nicht unbedingt gewonnen, aber besser. Dann geht 25.-Txb2?! nicht, jedenfalls nicht wirklich: 26.Tab1 Txb1 (alternativ und schlechter 26.-Tb3 27.Txb3 Lxb3 28.Td7+) 27.Txb1 - und Weiss bekommt wiederum jedenfalls einen Mehrbauern. Die Idee von Paehtzs 25.Lxc6?! verstehe ich gar nicht - kann an mir liegen, ich bin Patzer und grosser Freund des Läuferpaars, aber Houdini kritisiert diesen Zug auch. Vielleicht hat sie sich verzählt: 25.-bxc6 26.Ld2 Txb2 27.Lxa5 (27.Tab1 Tgb8!) 27.-Txe2 und das wurde remis.

Insgesamt erzielte Timman übrigens 2,5/4 gegen Deutschland: Siege gegen die IMs Martin Zumsande und Jonas Lampert, Null gegen FM Thorben Koop.

Nun nochmals das erste Diagramm und dazu ein paar Tips:

Fridman Tan

 

 

 

 

 

 

 

36.Lf5 würde fast unparierbar Matt drohen, bis auf die siegreiche Verteidigung 36.-Txg6 - kann man den schwarzen Turm von d6 entfernen? Zweiter Tip: Wie ist die Stellung zu beurteilen, wenn fast alle Figuren vom Brett verschwinden, bis auf einen schwarzen Turm und einen weissen Läufer auf g6? Wieder darf der Leser grübeln, und ich bespreche zwischendurch FM Koop - GM Greenfeld. Greenfeld spielte, na was schon, Grünfeld, aber schon mit seinem seltenen (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Lf4 Lg7 5.e3 0-0 6.Sf3) 6.-Le6 entstand fast theoretisches Neuland. Aus der Eröffnung heraus stand Koop bereits gewonnen, konnte den Sack aber nicht zumachen und musste die Partie im Endspiel noch einmal gewinnen - das schaffte er ... fast, hier nochmals das obige Diagramm:

Koop Greenfeld

 

 

 

 

 

 

 

Nun gewinnt 38.Tc8+! Kd7 39.c6+! Kxc8 40.Lxa7 glatt - Engines sagen bereits "Matt in 15 Zügen". Stattdessen geschah 38.Te8 (kein Fragezeichen, Weiss steht immer noch gewonnen) 38.-exf4 39.Lxf4? - 39.Tc8+ usw. war immer noch gewonnen, auch wenn es nun bis zum Matt etwas länger dauert, 39.Ld4/f2/g1 und danach Tc8+ reichte ebenfalls (oder nach 39.-Txa6 40.Txe7). In der Partie geschah noch 39.-Txa6 40.Txe7 Ta4+ 41.Kd3 Txf4 42.Txh7 remis. Und nun Fridman-Tan die dritte:

Fridman Tan

 

 

 

 

 

 

 

Fridman spielte 36.Tb1 - das war es nicht und die Partie verflachte zum Remis. Ein Fragezeichen ist womöglich zu streng, da die Computer-Gewinnvarianten zumindest etwas unmenschlich sind - Weiss kann und muss ein bis zwei Türme opfern, und der Gegner kann diese mit Schach schlagen! Richtig war 1) 36.Td3!!? Dxa1+ 37.Kg2 Txd3 38.Lf5 Tg3+! (nur so kann Schwarz Matt verhindern) 39.Dxg3! (39.fxg3 oder 39.Kxg3 wird Dauerschach) 39.-Df6 40.Dg6 Dxg6 41.Lxg6 - nun hat Schwarz eine Qualität mehr, aber einen König weniger im Spiel, und auf sich alleine gestellt kann der Turm die weissen Freibauern nicht aufhalten. Oder auch 2) 36.Td1!!? Txd1+ 37.Kg2 T1d6 und nun "thematisch" 38.Td3 (Turm fesselt Turm!?) 38.-Txd3 39.Lf5 Dxf5 (muss sein) 40.exf5 usw., z.B. 40.-T3d5 (verhindert jedenfalls 41.f6 nebst Matt auf g7 oder h6) 41.De6 Kh7 42.Dxd5 Txd5 43.f8D. Oder auch 38.f4 Db2+ 39.Kh3 Td3 (es drohte 40.e5 nebst 41.Dxg7 matt) 40.f8D+ (oder auch 40.f8T+) 40.-Txf8 41.Txd3. Hier muss Weiss noch ein bisschen aufpassen, dass Schwarz nicht mit Dauerschach entwischt.

Noch ein paar Bemerkungen zum Turnier aus deutscher Sicht: Martin Zumsande durfte in derselben sechsten Runde an Brett 1 gegen Harikrishna spielen, die Niederlage war wohl einkalkuliert, gegen fünf andere GMs erzielte er 3,5/5 - Belohnung am Ende 21 Elopunkte und eine GM-Norm. Lampert, Paehtz und Koop nahmen auch ein paar Elopunkte mit auf die Heimreise, Koop ausserdem eine IM-Norm. Nur Fridman war sicher nicht zufrieden: er remisierte fast durchgehend, egal ob er gegen FMs, IMs oder einen einzigen vergleichsweise schwachen GM (Gormally) spielte. Direkt danach bei der Blitz-WM waren Remisen gegen Tomashevsky, Morozevich, Korobov und Leko durchaus akzeptabel ... . Dann war da noch der Neu-Azeri Arkadij Naiditsch, der fünf Partien gewann, allerdings gegen Harikrishna und Fressinet verlor und mit 6/9 geteilt Sechster wurde. Und noch ein paar deutsche Spieler mit am Ende 50% oder weniger.

 

Donnerstag, 13 August 2015 18:53

Buntes Treiben in Riga

Es juckt mich schon wieder in der Tastatur, denn in der vierten Runde des Riga Technical University Opens geschah jede Menge - wieder mal aus der Rubrik unterhaltsam und/oder lehrreich. Das Titelbild zeigt das noch nicht, aber später sassen dann Spieler aus aller Herren Länder auf den hier noch leeren Stühlen. Bevor ich zur Sache komme, ein kleiner Exkurs: Kollege Olaf Steffens hat vor kurzem dem deutsch-lettischen Neu-Aserbaidschaner Arkadij Naiditsch einen Artikel gewidmet. Eine Quelle kannte er da vielleicht noch nicht, ein ausführliches Naiditsch-Interview von Hartmut Metz für Schach-Magazin 64. Grund genug für mich, dieses Heft käuflich zu erwerben, aber wegen Urheberrecht undsoweiter und weil es nur peripher zum heutigen Bericht passt bringe ich nur zwei Perlen aus diesem Interview. AN: "Ich kann es zum Beispiel nicht verstehen, warum wir als grösster europäischer Schachverband keine Turniere organisieren. Lediglich dank der Privatinitiative von Wolfgang Grenke in Baden-Baden und durch die Sparkasse in Dortmund bestehen zwei Gelegenheiten pro Jahr. Die kleinsten Republiken organisieren Topwettbewerbe, nur wir nicht ... ." Mal abgesehen von dem Detail, dass (auch) der Schachbund Dortmund sponsort, welche kleinsten Republiken meint er?? Vielleicht Lettland, da tut sich seit der Rückkehr von Alexei Schirow einiges - dank Herrn Schirow, der vielleicht mitunter der Doppelrolle als Spieler und Organisator Tribut zollen musste. Dafür bekommt er von mir, nicht zum ersten Mal, ein Foto (Quelle ebenfalls Turnierseite):

Schirov2

 

 

 

 

 

 

 

 

Dann hatte Naiditsch noch kollegiales Lob für Daniel Fridman: Er arbeite nicht an seinem Schach, sondern "spielt nonstop irgendwelche kleinen Turniere". Es hat sicher seine Gründe, warum Fridman (wie übrigens auch Naiditsch) gelegentlich in Lettland spielt. Es hatte wohl auch seine Gründe, warum er mehrfach das wirklich kleine Oster-Open in Oberhausen spielte. Davon abgesehen und generell ist er nun einmal Schachprofi und im Gegensatz zu Naiditsch auch Familienvater.

Und nun Schach - mit unter anderem Daniel Fridman, aber vor allem jungen russischen IMs. Bei der Fülle an Material kann ich das durchaus interessante GM-Duell Dragun-Schirov an Brett 1 (remis) glatt ignorieren und beginne mit Brett 2:

GM Fridman - IM Chigaev nach 28 Zügen

Fridman Chigaev move 28

 

 

 

 

 

 

 

Maksim Chigaev (*1996) hatte seinen Königsinder gerade mit 27.-h4 28.g4 g5 gewürzt, was tun aus weisser Sicht? Die (Computer-)Lösung verrate ich später, nur soviel: die Partiefortsetzung 29.Sxd7 Txe1 SCHACH 30.Dxe1 Sxd7 war nicht die beste Möglichkeit. Fridman stand im weiteren Partieverlauf dennoch mitunter besser, so stand es dann nach 41.-Ld4:

Fridman Chigaev move 41

 

 

 

 

 

 

 

Schwarz verschaffte sich zwischenzeitlich einen Freibauern auf der a-Linie (noch nicht aber latent-potentiell) und steht nun nicht mehr schlechter. Weiss musste sich auf 42.Sxd4 cxd4 43.Kg1! d3 44.Df6! einlassen, und das geht (Computerurteil 0.00). Zeitkontrolle gibt es in Riga keine, bzw. nur eine für die gesamte Partie (90 Minuten plus 30 Sekunden Inkrement pro Zug). Fridman investierte hier 8 1/2 Minuten und entkorkte 42.Sh6+?!? Kh7 43.Dxf7+ Kh6 44.h4 und verlor kurzzügig, da Schwarz neben einer Mehrfigur auch (eigenen) Königsangriff hatte. Was er übersehen oder falsch gesehen hatte, da bin ich überfragt.

Auch Brett 3 stand unter dem Motto GM gegen Jung-IM:

GM Melkumyan - IM Lugovskoy nach 18.Sdf3

Melkumyan Lugovskoy

 

 

 

 

 

 

 

Abwechslung muss sein, Lugovskoys Vorname ist nicht etwa Maksim sondern Maxim. Aber man sollte es auch nicht übertreiben, auch er ist Baujahr 1996. Wie dem auch sei, der armenische GM hatte mutig bis übermütig geopfert, immerhin hat Schwarz noch nicht rochiert. Das konnte er nun tun, und wo ist dann die weisse Kompensation? Stattdessen eroberte er mit 18.-Txe5?! 19.Sxe5 Dxe5 noch mehr Material, und Weiss steuerte mit 20.Dc8+ Ld8 21.Tfd1 Ke7 (nach 21. - 0-0 nicht etwa 22.Txd8? sondern 22.Dxd8!) usw. sein schwankendes Schiff in den Remishafen.

An Brett 4 stand es zwischen den GMs Kovalev und Socko nach 63 Zügen so:

Kovalev Socko

 

 

 

 

 

 

 

Computer rufen "Weiss gewinnt!", aber wie genau?? Diese Partie endete jedenfalls später remis - wenn ein Grossmeister den Gewinnweg nicht findet, dann finde ich ihn auch nicht. Erinnerungen werden wach an das Halbfinale des letzten Weltcups, damals konnte Herr K(ramnik) eine etwa vergleichbare Stellung auch nicht gewinnen.

Brett 5 überspringe ich, an Brett 6 spielte wieder ein russischer IM gegen einen GM:

IM Usmanov - GM Bartel vor 54.-Ld8?

Usmanov Bartel

 

 

 

 

 

 

 

Auch Vasily Usmanov ist Baujahr 1996, nach 54.-Ld8? 55.Td6+ Kc7 (55.-Ke8 ist offenbar nicht besser) 56.f6 usw. gewann er den schwarzen Läufer und kurz danach die Partie - diese Version Endspiel mit Mehrfigur ist relativ einfach. Warum genau z.B. 54.-Lb6 viel besser war, darf der Leser erforschen.

Wieder überspringe ich zwei Bretter und komme zum chaotischen Höhepunkt der Runde:

IM Kozionov - GM Neiksans nach 15.-Dd8??!

Kozionov Neiksans

 

 

 

 

 

 

 

Die Dame kam von c7, kostet das nicht eine Figur?? Ja schon, wobei der lettische GM sich etwas dabei gedacht hat - und am Ende funktionierte es, auch wenn es objektiv gesehen Quatsch war. Lawrence Trent (für seine diversen Rollen inklusiv der neuesten siehe sein Twitter-account) tweetete hier: "If it's too good to be true, it normally is. White to play and win!" [Wenn es zu gut ist um wahr zu sein, dann ist dem so. Weiss am Zug gewinnt!]. Kozionov spielte 16.Sxh5 (warum auch nicht?) Dxh4 17.b4!? (halb-richtig) Lxb4 18.Sf4 (falsch!). Auch hier verrate ich die Lösung erst später. Nach 18.-Lc5 usw. war die Stellung (jedenfalls in einer praktischen Partie) "unklar", und nach 24.-Ld4 stand es so:

Kozionov Neiksans move 24

 

 

 

 

 

 

 

25.Sxe5? Lxe5 26.Dc1 Dh4 27.f4 gxf3 28.Tfxf3 Thg8 29.De1 Th5 30.Dg1 Txg3 0-1 ! Im Nachhinein war 15.-Dd8 ein zum Sieg führender grober Fehler. Kirill Kozionov ist übrigens Jahrgang 1998.

Einen habe ich noch - Brett 15 ganz unten in der Liveübertragung:

Bernotas - GM Ankit nach 26.-Txh4

Bernotas Ankit

 

 

 

 

 

 

 

Chaos pur - dabei zeigte sich, dass man seinen König besser hinter gegnerischen als hinter eigenen Bauern verstecken kann. Auch vor 27.Sd2?! exd2 SCHACH stand Weiss hoffnungslos verloren. Bernotas ist titellos, Lette und relativ alt (*1995), nur etwa ein Jahr jünger als sein indischer Gegner.

Die Lösungen: Fridman musste 29.Tee2 spielen, dann droht alles mögliche und Schwarz kann sich nicht mehr mit -Txe1+ entlasten. Wieder mal ein Motiv aus der Rubrik "entweder man sieht es, oder man sieht es nicht"? Kozionov konnte mit 17.Lxe5 dxe5 18.Dxg4 Dxg4 19.Sf6+ das schwarze Konzept widerlegen - das ging auch noch ab dem 18. Zug.

Freitag, 07 August 2015 11:26

Beerdsen spielt wie Carlsen

Ich hatte auch andere Titel erwogen, z.B. "Fragmente aus Vlissingen" (vom Hogeschool Zeeland Open im tiefen Südwesten der Niederlande) oder "Tücken der Turmendspiele" (auch auf hohem Niveau, FM gegen GM, und selbst auf Weltklasse-Niveau). Gängige Kost in offenen Turnieren ist, dass der nominell (viel) bessere Spieler mitunter keinen Vorteil erreicht, dann ein Endspiel endlos knetet und am Ende doch noch gewinnt. So auch im heutigen Beispiel, mit unterwegs einigen Irrungen und Wirrungen. Die Mischung macht es bei offenen Turnieren - mehr oder weniger bekannte Grossmeister dürfen/müssen gegen aufstrebende Jugendliche antreten. Einige Teilnehmer dieses Opens habe ich bereits persönlich gesprochen - neben den recht bekannten Loek van Wely und Baadur Jobava auch den nicht ganz so bekannten IM Jorden Van Foreest oder auch international unbekannte Jugendliche wie Thomas Beerdsen. Jobava ist heute nicht Schwerpunkt, er wird anderswo gewürdigt - "Jobava does his thing" ist Punkt 6 auf chess24 (jedenfalls vorläufig nur auf Englisch).

Ich sollte wohl zunächst die Protagonisten vorstellen und beginne mit dem indirekt Beteiligten: Magnus Carlsen ist Weltklassespieler mit gewissen Schwächen im Endspiel - hoppla, jetzt habe ich die Carlsen-Fanpolizei aufgeweckt. Gemeint ist z.B. seine Niederlage bei der Olympiade gegen Arkadij Naiditsch, die direkte Parallele zum heutigen Bericht ist natürlich eine Jugendsünde:

Aronian Carlsen move 73

 

 

 

 

 

 

So stand es in der Partie Aronian-Carlsen, Tal Memorial 2006 nach Aronians trickreichem 73.Td6. Carlsen spielte 73.-Ta7+? und gab nach 74.Ke8 auf. Nur 73.-Kg6 hätte remis gehalten, wie in Kommentaren auf chessgames.com erläutert. Moral der Geschichte: Nur weil das Spiel so heisst, muss man nicht unbedingt immer Schach geben (vergleiche unten). Inzwischen verliert Aronian gerne mal unnötig gegen Carlsen, aber das ist nicht Thema dieses Berichts.

Der bereits erwähnte Thomas Beerdsen ist Jahrgang 1998 und immerhin FM mit Elo 2317, ihn sprach ich Pfingsten 2014 beim Limburg-Open und zitiere aus meinem damaligen Bericht: "Halb im Jux fragte ich [Beerdsen], ob er Schachprofi werden will, und die Antwort war ein entschiedenes JA. Daneben stand der ein Jahr ältere Mischa Senders: “Du willst also in Armut leben?! Ich werde studieren und dann einen normalen Beruf ausüben …”. Gegen Ende des Berichts noch ein Zwischenton zu diesem Thema – ohnehin müssen sie sich ja noch nicht entscheiden." Der Zwischenton kam später von Jorden Van Foreest. Beerdsen spielte in der vorgestellten Partie wie Carlsen damals 2006, wird es weitere Parallelen geben??? Er hatte Schwarz gegen GM Jan Werle - mir vom Namen her ein Begriff, aber ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher ob er noch aktiv ist. Zumindest ist er für mich allenfalls Jan Nummer 4 hinter (da will ich mich qua Reihenfolge nicht festlegen) Gustafsson, Timman und Smeets.

Ich steige erst spät in die Partie ein bzw. setze zu den ersten ca. 70 Zügen nur ein paar Diagramme:

Werle Beerdsen move 28

 

 

 

 

 

 

Nach 28 gepflegt-ruhigen Zügen (orthodoxes Damengambit) stand dieses Endspiel auf dem Brett - Schwarz hat einen Isolani auf d5, aber das sollte man doch halten können?

Werle Beerdsen move 50

 

 

 

 

 

 

Nach 50 Zügen - gerade wurden die Läufer abgetauscht.

Werle Beerdsen move 66

 

 

 

 

 

 

Nach 66 Zügen.

Werle Beerdsen move 72

 

 

 

 

 

 

Nach 72 Zügen - Weiss hat immerhin einen Mehrbauern, und nun steige ich ein ins Geschehen. Noch braucht man (nicht frei verfügbare) 7 Men Tablebases, um als Laie zu wissen was genau Sache ist. Nun folgte 72.-Tf1? (72.-Te1 und Weiss kann keine weiteren Fortschritte machen) 73.Ke4 Td1 74.Tb5 Kd6 75.Kf5 Tf1 76.Tb6+ Kxd5 77.Txf6

Werle Beerdsen move 77

 

 

 

 

 

 

Das ist nun ein Tablebase-gewonnenes Turmendspiel mit Mehrbauer - aber wenn Werle das souverän gewonnen hätte gäbe es diesen Bericht eher nicht. 77.-Kd4 78.Td6+ Ke3 79.Te6+ Kf3

Werle Beerdsen move 79

 

 

 

 

 

 

Und nun? Nur 80.Te4 gewinnt, Werle spielte 80.Ta6? und der schwarze König landete auf Umwegen da, wo er hin gehört: 80.-Kg3 81.Ta4 Kh4! 82.Kf6 Kh5 83.f5 Tb1 84.Te4 Tf1? (fast alle Turmzüge auf der b-Linie halten remis, ebenso 84.-Tc1 oder 84.-Ta1 - Schwarz braucht Platz für Turm-Seitenschachs) 85.Te5? (nur 85.Te8 oder 85.Te2 gewinnt - warum da bin ich auf die Schnelle überfragt) 85.-Tb1 (schnell zurück!) 86.Kf7 Tb7+ 87.Te7 Tb6 88.f6 Kg5? (88.-Kh6, nur so!) 89. Te5+? ("Patzer sieht ein Schach, Patzer gibt ein Schach" - vielleicht etwas frech, einen GM als Patzer zu bezeichnen, aber hier gewann [nur] 89.Te6) 89.-Kh6! (er bekam seine zweite Chance) 90.Te6 (nun zwar trickreich, aber nicht mehr gewinnbringend, es sei denn ...)

Werle Beerdsen move 90

 

 

 

 

 

 

90.-Tb7+? (Patzer sieht ein Schach, Patzer gibt ein Schach - die Patzer heissen Thomas Beerdsen und Magnus Carlsen. Nach 90.-Tb8 ist es weiterhin, oder auf die heutige Partie bezogen mal wieder, remis). 91.Kf8! (Ausrufezeichen beziehen sich hier und zuvor darauf, dass dies laut Tablebases der einzige Gewinn- oder Remiszug ist. Carlsen hat in sehr ähnlicher Stellung aufgegeben, Beerdsen spielte noch ein paar Züge:) 91.-Kg6 92.f7+ Kh7 93.Te2 Tb8+ 94.Ke7 Tb7+ 95.Kf6 Tb6+ 96.Te6 Tb8 97.Te8 Tb6+ 98.Ke5 1-0.

Rundenbeginn ist übrigens jeweils um 18:30 - damit dauern die Partien mitunter bis in den späten Abend, aber tagsüber kann man sich anderweitig beschäftigen. Womit, da hat die Turnierseite (Flickr-Fotoserie Rubrik Vlissingen) ein paar Ideen:

Vlissingen Stadt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Downtown Vlissingen

Vlissingen Strand

Vlissingen beach

Noch ein Foto von Thomas Beerdsen - in einer früheren Runde war er gegen King Loek van Wely relativ chancenlos:

van Wely Beerdsen

 

 

 

 

 

 

 

Und ein Foto zu einem anderen Endspiel in derselben siebten Runde, das ich nicht auch noch besprechen will - aber als Zugabe gibt es die beiden kompletten Partien.

Ankit Heltzel endgame

 

 

 

 

 

 

 

GM Ankit (2461) - CM Heltzel (2216), Remis nach 108 Zügen.

 

Samstag, 11 Juli 2015 09:46

Eindrücke von der NL-Meisterschaft

Wie angekündigt wird dies vor allem ein atmosphärischer Bericht - da ich für ein vor allem deutsches Publikum schreibe ist Schwerpunkt oder Leitmotiv "Was ist in NL anders als in Deutschland, und warum?". Ich sage "anders", nicht unbedingt besser oder schlechter - wer dazu eine Meinung hat, darf sie gerne im Kommentarbereich erwähnen, auch wenn das schon mehrfach diskutiert wurde. Um die wesentlichen Unterschiede eingangs zu nennen: Die NL-Meisterschaft ist traditionell ein Rundenturnier, oft (nahezu) in Bestbesetzung. Die deutsche Meisterschaft ist ein Turnier nach Schweizer System, mit Vertretern aller Landesverbände aber tendenziell (fast) ohne die besten deutschen Spieler. Die NL-Meisterschaft wird meistens in einer Grosstadt ausgetragen, die deutsche Meisterschaft meistens irgendwo in der Provinz (Ausnahmen bestätigten die Regel).

Nun chronologisch aus meiner Sicht - mit Schwerpunkt Freitag vor Ort, aber ich hatte mich vorher etwas vorbereitet. Natürlich wirft man einen Blick auf die Turnierseite - recht ausführlich einschliesslich Hinweise zum Rahmenprogramm, naturgemäss auf Niederländisch aber das ist für mich (und wohl die meisten potentiellen Leser) kein Problem. Da wurde auch ein Presseraum erwähnt sowie eine Kontakt-email. Die habe ich angeschrieben mit der Bitte um Zugang zum Presseraum, prompte Antwort: "Dag Thomas, Presse- und VIP-Raum sind zusammen im Tuinzaal. Ich freue mich, Dich dort Freitag zu treffen. Grüsse Paul." Wer ist Paul? Da muss sich der Leser noch etwas gedulden. Donnerstag hat Peter Doggers auf chess.com zur NL-Meisterschaft was geschrieben, auf Englisch - er konnte (im Gegensatz zu mir) wohl mit dem Fahrrad anreisen und hatte (im Gegensatz zu mir) eine Kamera dabei. Auch er erwähnt das Rahmenprogramm und schrieb ergänzend im Kommentarbereich (etwas frei übersetzt) "Das ist 'nice' - vor 2014 war es für mehrere Jahre ein sehr 'einfaches' Turnier." Zum rein schachlichen Geschehen steht, wieder auf Niederländisch, jede Menge (mehr als auf der Turnierseite) auf schaaksite.nl . Ich werde nur die fünfte Runde etwas streifen.

Freitag verlief zunächst so: Anreise per Zug nach Amsterdam Hauptbahnhof, dann weiter zum Bahnhof Amsterdam-Muiderpoort, dann 300m zu Fuss. Auf der Hotelterrasse lief der "alternative NK" bereits, aber ich bin nicht schlecht genug um da mitspielen zu dürfen - es war ein Schnellturnier für Spieler ohne nationale Elo oder mit Elo <1500. Ausserdem hätte ich früh aufstehen müssen, um rechtzeitig vor Ort zu sein, und wäre ich altersmässig eher ein Fremdkörper: die meisten Teilnehmer waren (geschätzt) unter 14 oder über 60. Drinnen im Hotel checkte gerade Gert Ligterink mit Frau ein, als nächstes suchte und fand ich den Tuinzaal. Das ist ein eher kleiner Raum: VIPs waren die Leute, die mit dem Turnier zu tun haben (Organisation, Kommentatoren, später auch die Spieler), Presse an diesem Tag ausser mir offenbar Fehlanzeige - mal abgesehen davon, dass Kommentator (zusammen mit Robert Ris) Gert Ligterink für die Zeitung 'De Volkskrant' schreibt und bereits zwei Artikel im Sportteil unterbringen konnte.

Die anderen und öffentlichen Schauplätze sind, neben der bereits erwähnten Terrasse, der Spielsaal im ersten Stock sowie das Hotelrestaurant für Livekommentar und kulturelles Rahmenprogramm. Was da im Laufe der Woche alles geboten wurde und noch wird, siehe dieses Poster:

PosterFestivalSchakenEnCultuur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles auf Niederländisch, aber Theater, Dichter, Film, Quiz usw. sollte auch der deutsche Leser verstehen. Als nächstes ging ich in den Spielsaal: ca. zehn Minuten vor Rundenbeginn lief da noch, wie überall im Hotel, Musik - die Robin Van Kampen wohl nicht zusagte, denn er hatte sein eigenes Programm per Kopfhörer. Auch andere sassen konzentriert am Brett und investierten vielleicht (bei noch nicht laufender Uhr) viel Bedenkzeit für "1.e4 oder 1.d4 ?". Nur Tea Lanchava und Bianca de Jong-Muhren unterhielten sich angeregt. Dann wurde die Musik abgestellt, es ging der Gong zum Start der Runde (von Mieke Ligterink) und es ging los. Vor recht zahlreichem und zum Teil sehr jungem Publikum - der alternative NK wurde vorübergehend unterbrochen. Einige spielten die Eröffnungsphase flott, das war nicht so in der Spitzenpartie im Damenturnier Haast-Peng: 1.e4 e6 2.b3!? c5 3.Lb2 b6 - Pause, nach 20 Minuten 4.Sf3. In dieser Partie sollte noch einiges passieren .... wie auch in anderen Partien.

30 Minuten nach Rundenanfang begann der Livekommentar, der sich neben der bereits erwähnten Partie der Damen den Schlüsselpartien der Herren widmete, also Ernst-Giri und Van Wely-Tiviakov. Giri tat sich mit Schwarz gegen den soliden Sipke Ernst zunächst schwer. Thema im Livekommentar war auch Giris bevorstehende Hochzeit und eventuelle Konsequenzen für seine schachlichen Ergebnisse - irgendein GM hatte nämlich mal gesagt, dass das angenommene Damengambit keine gute Eröffnung ist. Nach 1.d4 d5 2.c4 spielte Giri dann aber nicht 2.-dxc4 sondern 2.-e6, später entstand ein ruhiger Halbslawe. Van Wely-Tiviakov war ein Dameninder á la Tiviakov - 7.-Sa6 sieht krumm aus, aber so spielt er oft und wohl gerne. King Loek stand optisch sehr gut; die Karriere des schwarzen Damenspringers ging weiter mit 9.-Sb4, 11.-Sa6, 13.-Sb8 und 14.-Sd7. Andererseits: Tiviakov hatte sich auf den letzten drei Reihen aufgebaut und hatte keine Schwächen. Später gewann van Wely die Dame gegen Turm und Läufer und bot dann Remis, was Tivi akzeptierte: die schwarze Festung hat keine Schwächen, also kann man sie nicht knacken. "Vorteil van Wely" im Titelduell gegen Giri war also trügerisch, auch angesichts des abrupten Endes von Ernst-Giri, aber ich greife den Ereignissen voraus!

Zwischendurch wurde der Livekommentar für das kulturelle Rahmenprogramm unterbrochen, heute war das Thema Fotografie: Zwei Studenten der Königlichen Kunstakademie Den Haag hatten acht Teilnehmer(innen) porträtiert, und berichteten über ihre Erfahrungen und wie sie dabei vorgingen. Fabian hat Schwerpunkt "Dokumentation" (späteres Arbeitsfeld Journalismus?), Liv Schwerpunkt "Fiktion" bzw. Kunst (späteres Arbeitsfeld z.B. Modefotografie?).

Dann wieder Livekommentar, und etwas danach ging ich zurück in den Tuinzaal, wo Pressechef Tom Bottema gerade zu seinem Monitor "was ist das denn?" (oder so ähnlich) sagte. Ich wusste bereits Bescheid, das war die Schlusstellung von Ernst-Giri:

Ernst Giri

 

 

 

 

 

 

 

Zuletzt geschah 29.-Lxh2+ 30.Kxh2 Dh5+ 31.Kg3?? g5 0-1. Nach 31.Kg1 hat Weiss, sagen jedenfalls Computer, volle Kompensation für den Minusbauer - nach 31.Kg3 hatte Schwarz mehr als Dauerschach.

Giri und ein relativ gut gelaunter Ernst erschienen zur Analyse. Danach wurden beide "entführt" - Sipke Ernst von einem Erwachsenen mit dem einen Wort "Biertje?", Giri von einem ca. 14-jährigen mit den Worten "Du musst beim Livekommentar vorbeischauen!". Gesagt, getan, ich hinterher. Giri begann seine Analyse mit "Die Partie hatte nur eine schöne Stellung, die Schlusstellung". Später sagte er "auch in einer ausgeglichenen Stellung kann der Gegner noch eine Ungenauigkeit begehen, dann noch eine, dann ein Fehler, dann ein Patzer - und schon hat man gewonnen." Thema war auch, was für Giri wichtiger ist - Turniersieg oder seine Elozahl verteidigen. Antwort war tendenziell "sowohl als auch": "Ich brauche 5,5/7 um meine Elo zu halten - wenn dann einer 6/7 erzielt, meinetwegen, dann ist er verdienter NL-Meister."

Danach schnappte ich mir Giri und stellte meine Standardfrage: "Ich schreibe für eine deutsche Schachseite. Warum gibt es in den Niederlanden - im Gegensatz zu Deutschland - eine Meisterschaft in Bestbesetzung?". Giri redete Klartext: "Die Konditionen stimmen! Die Deutschen sind ja untereinander zerstritten. Aber wenn das Finanzielle stimmt, machen alle mit - auch Naiditsch". Für Schachprofis zählt vor allem Geld, wer will es ihnen verdenken? Anderes mag auch eine Rolle spielen - attraktives Ambiente, alle machen mit also machen alle mit, die niederländische Schachfamilie ist (wie später offensichtlich wurde) nicht zerstritten, usw. . Zu meiner dummen Frage "ist Elo an sich wichtig, oder geht es auch um die Qualifikation für das Kandidatenturnier?" war die Antwort wiederum "sowohl als auch". Dann sagte Giri noch "die NL-Meisterschaft war ein bisschen gefährdet, aber dank Paul Rump ist sie quicklebendig."

Damit ist Pauls Nachname genannt, den muss ich wohl auch befragen - bzw. das war ohnehin geplant. Paul Rump ist Turnierdirektor, ihn sprach ich etwas abseits vom Trubel draussen auf der Terrasse. Zur Standardfrage sagte er unter anderem: "Die Tradition der NL-Meisterschaft _als Rundenturnier_ muss bleiben. Das ist gut für den Schachsport, damit gut für die Spieler, das wissen die Spieler, also machen alle mit." Ausgewählt wurden die Teilnehmer so: die drei Besten der letzten Meisterschaft, die drei (nächst)besten nach Elo, der beste Niederländer der offenen NL-Meisterschaft [das war Roeland Pruijssers, nach Elo recht klarer Aussenseiter im Turnier], und dann gab es noch ein Qualifikationsturnier. Da wurden Nummer 8-11 nach Elo eingeladen (Bok, Reinderman, Spoelman, Nijboer), alle akzeptierten, Bok gewann. Spezialfälle: Sokolov hat die Einladung abgelehnt [er hat als Trainer in den Vereinigten Arabischen Emiraten derzeit Urlaub, wollte den aber lieber mit seiner Familie verbringen], Smeets galt als inaktiv [er bekam eine Einladung zum Quali-Turnier und lehnte ab], Timman bekam eine Wildcard angeboten und lehnte ab. Zur deutschen Meisterschaft nach Schweizer System hat Rump eine klare Meinung: "für eine nationale Meisterschaft kein gutes System. Da kann ja einer mit 0,5/2 beginnen und am Ende mit 7,5/9 Meister werden fast ohne starke Gegner."

Zu Sponsoren - warum werden auf der Webseite gar keine erwähnt? Das ist zum einen das Hotel (Saalmiete und Übernachtungskosten Null), zum anderen der niederländische Schachbund - "die nationale Meisterschaft ist wichtig und wird entsprechend gefördert". Was das Hotel davon hat: Mir war es zuvor kein Begriff - ob ich oder andere Besucher nun deswegen mal dort übernachten, steht auf einem anderen Blatt, man kann es zumindest nicht ausschliessen. Rump ist sehr zufrieden mit Turnier und Zuschauerresonanz, Freitag waren wohl ca. 100 Zuschauer vor Ort - trotz herrlichem Sommerwetter in Amsterdam. Zu seiner Person ("Dein Name war mir gar kein Begriff!?"): "Das hier mache ich seit letztem Jahr. Schon 1983 war ich Brettjunge bei Turnieren, in den 90er Jahren machte ich Pressearbeit für die OHRA-Turniere. Dann habe ich kürzer getreten. Aber ich kenne diverse Leute in der Schachszene, z.B. ist Jeroen van den Berg (Turnierdirektor in Wijk aan Zee) Mitglied meines Vereins."

Dann zurück in den Tuinzaal, wo inzwischen munter analysiert wurde, und nahezu alle machten mit. Besonders ausführlich wurde etwa ab dieser Stellung in Bok-Pruijssers analysiert - mit dabei jedenfalls van Wely, Giri und l'Ami (nicht Sipke Ernst, der war vielleicht inzwischen betrunken).

Bok Pruijssers

 

 

 

 

 

 

 

Wie ist das als Damenendspiel zu bewerten? Klare Tendenz "Weiss gewinnt". Wie als Turmendspiel? "Kommt drauf an" - auf kleine Details. Giri war mitunter inaktiv, blieb aber in der Nähe und wurde mehrfach gerufen: "Anish, was meinst Du dazu?". Nur das Bauernendspiel haben sie, warum auch immer, nicht analysiert. Andererseits widmeten sie sich auch dem Endspiel Paulet(2197) - Ratsma(2088) aus dem Damenturnier.

Einerseits war das (womöglich) auch für mich lehrreich, zumindest wenn ich mir das merken kann/könnte. Andererseits wollte ich zwar Spieler befragen, aber nicht unterbrechen. Irgendwann waren sie fertig, und ich konnte Benjamin Bok zu einem anderen Turnier befragen: "Kannst Du Dich noch an Lc8 beim Limburg-Open erinnern?" Breites Lächeln und "Ja, natürlich!". "Wie/warum hast Du das gefunden?". Die Antwort war lakonisch: "Entweder man sieht es, oder man sieht es nicht". Er hatte es offenbar nicht auf Anhieb gesehen, aber nach ein oder zwei Minuten. Auch ein gerade auf chess24 erschienener Artikel "Vallejo: Players rated 2600-2720 are in limbo" wurde vor Ort diskutiert - Bok dazu: "mich meint er ja nicht". Neben Pruijssers ist er der einzige mit Elo unter 2600, dagegen hat ja ein Spieler Elo über 2720.

Auch Erwin l'Ami bekam noch meine Standardfrage und meinte dazu: "Das haben wir Paul Rump zu verdanken. Da ist er, ihn solltest Du auch noch sprechen!". Hab' ich doch schon gemacht, Erwin - konnte er nicht wissen. Van Wely habe ich nicht mehr erwischt, aber zwei Aussagen von voll etablierten GMs reichen wohl auch.

Ich will noch kurz nachreichen, was in der Partie Haast-Peng alles passierte. Haast stand später schlecht, opferte etwas aus der Not geboren einen Bauern und rettete sich in ein schlechteres aber wohl haltbares Endspiel. Da opferte sie plötzlich inkorrekt eine Qualität und stand verloren, gewann aber letztendlich im Damenendspiel. So wird es nichts mit einem weiteren Titel für Rekordmeisterin Zhaoqin Peng, nun hat Anne Haast die besten Karten (für Titel Nummer 2, aber sie ist noch jung). Einziger Wermutstropfen für mich: Auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof, nun per Strassenbahn, kam ich vorbei an allerlei vollen Strassencafes - aber ich musste mich beeilen um die letzte Fähre nach Texel nicht zu verpassen, daher für mich kein Biertje.

 

 

Es hat etwas länger gedauert als geplant, aber nun kommen die Lösungen jeweils zwischen den Zeilen. Dieser Artikel ist quasi Vorspeise - Freitag bin ich bei der niederländischen Meisterschaft vor Ort und werde hinterher wohl einen (eher atmosphärischen) Bericht schreiben. Natürlich verrate ich nicht, wo man (fast) alle Antworten finden kann - wer neugierig ist und die niederländische Sprache einigermassen beherrscht, kann sich von der Turnierseite dahin durchklicken, das habe ich auch gemacht. Im Gegensatz zu Olaf Steffens verspreche ich keine Preise - schliesslich gewinnt ohnehin Schachfreund Hebbinghaus, oder vielleicht diesmal nicht. Genug der Vorrede, es geht los:

1) Welche dieser Städte war noch nie Austragungsort der niederländischen Meisterschaft? Amsterdam, Den Haag, Groningen, Hilversum, Leeuwarden, Nijmegen, Rotterdam, Utrecht.

Groningen ist die richtige Antwort = dort gibt es zwar jedes Jahr um Weihnachten ein Schachfestival, aber sie haben noch nie eine Landesmeisterschaft ausgerichtet. Leeuwarden (Hauptstadt der Provinz Friesland) und Hilversum (NL-Medienhauptstadt) waren jeweils einige Jahre lang fester Ausrichter. Amsterdam war im Lauf der Jahre und Jahrzehnte immer mal wieder dran, die anderen Städte relativ selten (aber alle mindestens einmal).

2) Im Laufe der Jahre gewannen gelegentlich Spieler, die keine gebürtigen Niederländer sind, einige gar mehrfach. Nenne sechs von acht Namen [Tip: auf fünf würde ich kommen, der sechste war für mich überraschend, die beiden anderen Namen sind mir kein Begriff]

Das hat Holger Hebbinghaus bereits beantwortet.

3) Wann und wo/warum starben der erste offizielle NL-Meister Adolf Olland (anno 1909) sowie der Sieger 1936 (Name nenne ich nicht, da Antwort auf Frage 2)?

Olland erlag bei der NL-Meisterschaft 1933 im Alter von 66 Jahren am Brett einem Herzversagen. Salo Landau starb 1944 im deutschen Zwangsarbeitslager Gräditz - Wikipedia nennt in verschiedenen Sprachen verschiedene Todesdaten (Frau und Tochter starben im KZ Auschwitz).

4) Zwei Fragen zum Turnier 1963: Was bekamen alle Teilnehmer vor dem Turnier vom Schachbund Den Haag? Was wollte Jan Hein Donner tun, falls er das Turnier gewinnt? (Er gewann dieses Jahr nicht)

Alle Teilnehmer bekamen vor dem Turnier eine Dose mit Zigaretten angeboten. Donner wollte als NL-Meister seinen Bart abrasieren.

5) 1972 spielten zwei Brüder im Turnier, welche? [Tip: einer ist international/weltweit ziemlich bekannt, wurde aber erst zwei Jahre später erstmals NL-Meister]

Jan und Ton Timman (war bereits beantwortet).

6) Wer erzielte 1977 das beste Ergebnis aller Zeiten bei einer NL-Meisterschaft?

Kortschnoi mit 12/13 (ebenfalls bereits beantwortet)

7) Wer wurde 1979 überraschend Meister? (überraschend aber verdient, da er drei Favoriten in direkten Duellen besiegte)

Gert Ligterink - der Tmman, Ree und Donner besiegte und nur gegen Sosonko verlor. Ligterink - dieses Jahr als Kommentator und Journalist vor Ort - wusste Bescheid und sagte sofort "das war 1979".

8) Wer begann 1981 mit zwei Niederlagen und wurde dann doch Meister?

Jan Timman - nach anfangs 0/2 erzielte er am Ende 9/13.

9) Warum war Theo van Scheltinga 1983 ein (so meine Quelle) "besonderer Teilnehmer"?

Theo van Scheltinga - bereits beantwortet

10) Wo wurde das Turnier 1991 ausgetragen?

Im Fussballstadion von PSV Eindhoven.

11) 1995 bekam der Sieger neben 8500 Gulden noch zwei Sachpreise, welche?

Sokolov bekam ausserdem ein Fahrrad und eine Schachuhr

12) Was gab es 1999 zum ersten und einzigen Mal? [Tip: in Wijk aan Zee gab es analoges zweimal]

Zhaoqin Peng als erste (und immer noch einzige) Teilnehmerin bei den 'Männern' (war bereits beantwortet)

13) 2000 war ein Teilnehmer sehr umstritten, meine Quelle dazu: "Neben Publizität gab es vor allem sehr viel Widerstand". Ein Teilnehmer weigerte sich, anzutreten, ein anderer gab demonstrativ nach wenigen Zügen auf. Wer war das? [Tip: Er ist gebürtiger Deutscher, aber daran lag es sicher nicht]

Ja, das Schachprogramm Fritz SSS* - Paul van der Sterren verlor kampflos, Manuel Bosboom fast kampflos.

14) Welchen Rekord eroberte Paul van der Sterren 2001, und wer hat diesen Rekord 2003 quasi verbessert?

Paul van der Sterren nahm 25-mal an der NL-Meisterschaft teil. John van der Wiel spielte 2003 das 25ste Mal hintereinander (und dann 2004 noch ein 26. und letztes Mal).

15) 2002 haben alle Spieler einen Test bestanden, welchen? [Tip: in anderen Sportarten sind mitunter Leute durchgefallen]

Ja genau, Dopingtest.

16) Auch 2006 wurde das Turnier an einem ungewöhnlichen Ort ausgetragen, wo?

In einem speziell eingerichteten Fernsehstudio in Hilversum.

17) 2009 hatte das Turnier keinen Hauptsponsor und wurde ausnahmsweise in einem kleinen Ort in der Provinz gespielt. Was sorgte dann für a) negative, b) positive Schlagzeilen? [Tip: beide beteiligte Spieler habe ich bereits indirekt erwähnt]

Bereits beantwortet. Tiviakov wollte in der letzten Runde in null Zügen remis spielen um schon vorher zur kroatischen Mannschaftsmeisterschaft anzureisen - der Gegner war einverstanden, die Turnierleitung nicht.

18) 2012 wurde parallel zur NL-Meisterschaft ein anderes internationales Turnier ausgetragen. Was war das besondere bei diesem parallelen Turnier? [Tip: Ich habe auf Schach-Welt darüber geschrieben]

Ja, das ACP-Turnier mit Hängepartien.

19) Auch 2013 kannte einen überraschenden Sieger, nach Schnellschach-Stichkampf gegen einen noch überraschenderen Teilnehmer. Wer waren diese beiden?

Dimitri Reinderman gewann das Stechen gegen Wouter Spoelman (nach Elo waren sie Nummer sechs und sieben von acht Teilnehmern).

Statt mir noch eine 20. Frage aus der Tastatur zu saugen, zum Schluss eine Bonusfrage auch zur niederländischen Schachszene: Welche Petition haben (fast) alle Teilnehmer von zunächst Norway Chess und dann Dortmund unterschrieben?

Eine Petition zum Erhalt des Max Euwe Zentrums in Amsterdam (die Gemeinde Amsterdam will zum 1.1.2016 die Subventionen einstellen).

Auf der Homepage des Max Euwe Zentrums habe ich - hier und dann durchklicken - die Übersicht zu allen NL-Meisterschaften gefunden. Was mir dabei noch aufgefallen ist: alle Teilnehmer waren mal jung und wurden dann älter. 1919 debütierte der 19-jährige Mathematikstudent Max Euwe (bis 1956 bei NL-Meisterschaften aktiv). Hans Ree spielte erstmals 1965 im Alter von 22 Jahren (inzwischen ist er "nur noch" Journalist und Vereinsspieler). Timman debütierte 1969 im Alter von 17 Jahren. 1988 debütierte der 19-jährige Jeroen Piket (inzwischen inaktiv). 1991 war Loek van Wely 19 und neu (momentan ist er immer noch aktiv). 2003 war der 16-jährige Daniel Stellwagen (inzwischen inaktiv) jüngster Teilnehmer aller Zeiten. 2009 hat der 15-jährige Anish Giri diesen Rekord verbessert und erzielte gleich seinen ersten von derzeit vier Meistertiteln.

 

 

Montag, 08 Juni 2015 07:28

Sebastiens verpasste Chance(n)

Auch bei der derzeit noch laufenden französischen Mannschaftsmeisterschaft wurden viele interessante Partien gespielt, aber eine hat mich besonders fasziniert und bietet mehr als genug Stoff für einen Artikel. Bevor ich die Spieler vorstelle und die gesamte Partie bespreche, heute eine doppelte Aufgabe zum Titeldiagramm: 1) Was ist der bei weitem beste Zug für Weiss? 2) Warum nicht das - in der Partie gespielte - 33.Lxe5 Lxe5 34.Txf7 ? Kleiner Hinweis: Wer 2) findet, kann eventuell auch 1) leichter finden.

Beteiligt sind Sebastien und Ivan. Sebastien ist vermutlich auch in Frankreich nicht allzu bekannt - Nachname ist nicht Feller (der wieder mitspielen darf) sondern Tranchant. Er hat Elo 2275 und spielt in Frankreich offenbar vor allem Mannschaftskämpfe, ab und zu auch ein Open. Ausserhalb Frankreichs hat er offenbar noch nie gespielt [für derlei Dinge verwende ich BigDatabase, nicht um mich auf eigene Gegner vorzubereiten]. Ivan ist in mindestens drei Ländern recht bekannt, aber wohl auch in einigen anderen wie z.B. Deutschland. Gemeint sind seine alte Heimat Bosnien, seine Wahlheimat Niederlande sowie die Vereinigten Arabischen Emirate wo er inzwischen als Trainer tätig ist. Nachname ist Sokolov, Elo ist momentan 2623 - war mal knapp über 2700, ist auch nach diesem Turnier (oder jedenfalls im Moment virtuell) mehr da er mit insgesamt 7/9 durchaus erfolgreich spielte. Aber in dieser Partie ist kein Klassenunterschied erkennbar, sonst hätte ich sie nicht ausgewählt. Legen wir los - die Gefahr, dass ich mich später im Chaos der Computervarianten verzettele ist reell, das nehme ich in Kauf. Wer sich zunächst nur die Diagramme anschauen will: maple-braun wie üblich sind Stellungen die tatsächlich auf dem Brett standen, metallisch grau sind Varianten die hinter den Kulissen blieben. Nicht dass letztere nicht interessant sind, aber irgendwie will ich das optisch voneinander trennen. Etwas übersichtlicher und mit, der Reihe nach, allen Diagrammen, gibt es das auch hier. Und auf der Startseite unter dem 'Teaser' zum Artikel gibt es auch die pgn-Datei (keine Ahnung, warum sie da als pgn.txt steht - ich mache das zum ersten Mal ...).

Tranchant (2275) - GM Sokolov (2623)

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e3 Tranchant spielt nicht im Stile seines Namens (Tranchant bedeutet "scharf", bzw. a double tranchant ist zweischneidig). Mit Schwarz spielt er Benoni, mit Weiss wird heute der Gegner für die nötige Schärfe sorgen. 4.- 0-0 5.Sge2 Te8 6.a3 Lf8 7.Sg3 d5 8.Le2 g6 9.0-0 h5

Tranchant Sokolov move 9

 

 

 

 

 

 

 

Schon haben wir das erste Diagramm. Der Grossmeister geht offenbar nicht davon aus, dass sein Gegner irgendwann freiwillig eine Figur oder auch nur einen Bauern einstellen wird, sondern wird aktiv. Wann genau er den Bogen überspannen wird, ist mir etwas unklar. 10.f3 c5 11.dxc5 h4 12.Sh1 ein hässliches Feld für den Springer, aber nur vorübergehend 12.- Lxc5 13.b4 Ld6 14.Lb2 Sc6 15.Sf2 siehe Kommentar zum 12. Zug 15.- Lf8 warum nicht bereits im 12. Zug? Aber der (potentielle) Verlustzug ist es sicher nicht. 16.Te1 Lg7 17.Db3 d4 18.Tad1 e5 19.Sb5

Tranchant Sokolov move 19

 

 

 

 

 

 

 

Warum nun nicht 19.-a6 um den Springer zu vertreiben? Das war wohl aus schwarzer Sicht am besten, allerdings muss Weiss dann nicht reumütig 20.Sc3 spielen sondern hat 20.exd4 axb5 21.dxe5 Sd7 22.cxb5  (22.f4!? Dc7 23.cxb5 Sd8 24.Tc1 mit viel Kompensation für die Figur geht auch) 22.-Scxe5 (22.-Scb8 oder 22.-Sa7, jeweils 23.Lc4 überlebt Schwarz nicht - Material hin oder her)23.f4 mit Rückgewinn der Figur und einem einigermassen gesunden Mehrbauern für Weiss.

In der Partie kam 19.-Sh5?! 20.c5! Ab hier steht Schwarz schlecht, solange der Gegner richtig fortsetzt. 20.-Tf8 21.Lc4 h3?! konsequent aber nicht gut 22.g4 Dh4

 

 

 

 

 

 

 

Nun hat Weiss ein (Luxus-)Problem: Soll ich oder soll ich nicht? Er spielte 23.gxh5? - es gab Besseres, nämlich A) 23.Sd6 (hat er doch mit 20.c5 vorbereitet) mit totaler Dominanz, z.B. 23.-dxe3 24.Txe3 und ich breche hier ab, oder auch B) 23.exd4 exd4 24.gxh5 (erst jetzt - der Unterschied wird gleich deutlich:) 24.-Dg5+ 25.Sg4 Lxg4 26.fxg4 Dxg4+ 27.Dg3 Dxh5 Schwarz hat hier nicht genug für die Figur). Des Pudels Kern ist, dass Weiss die dritte Reihe geöffnet hat und damit den schwarzen Königsangriff abfedern kann. Warum hat Schwarz eigentlich (jedenfalls ein bisschen) Königsangriff, obwohl sein Damenflügel noch schläft? Der Läufer kann oft sofort mit Schach eingreifen, und die Türme sind in dieser Stellung ohnehin kaum einsatzfähig.

23.-Dg5+ 24.Kf1 muss jetzt sein 24.-e4!

Tranchant Sokolov move 24

 

 

 

 

 

 

 

Und nun? Mut (plus Intuition und/oder genaue Berechnung war angesagt), nämlich 25.Ke2 und nun A) 25.-exf3+ 26.Kd2 Dxh5 27.Kc1 Dh4 28.Td2

Tranchant Sokolov variante 25Ke2

 

 

 

 

 

 

 

Alles ist gedeckt, und der "lang rochierte" weisse König steht ziemlich sicher. Oder (statt 26.-Dxh5) 26.-Dg2 27.Tf1 dxe3+ 28.Dxe3 Lxb2 29.hxg6 Lf5 30.gxf7+ Kh7

Tranchant Sokolov variante 25Ke2II

 

 

 

 

 

 

 

Bevor Schwarz mit -Tad8+ aktiv wird (was man ohnehin mit Sd6 abfedern kann) ist Weiss dran: 31.Ld3 Lxd3 32.Dxd3+ usw. B) Sofort 25.-Dg2 27.Tf1 dxe3+ 28.Dxe3 Lxb2 29.hxg6 ähnlich wie in der gerade erwähnten Variante.

In der Partie geschah 25.hxg6? exf3? - Pflicht war 25.-Dg2+ 26.Ke2 d3+

Tranchant Sokolov variante 25 Dg2I

 

 

 

 

 

 

 

Nun gibt es einen Verlustzug (27.Dxd3??) und drei Alternativen, die Engines alle mit 0.00 bewerten:

A) 27.Kd2 Dxf2+ 28.Kc1 d2+ 29.Txd2 Dxe1+ 30.Kc2

Tranchant Sokolov variante 25 Dg2II

 

 

 

 

 

 

 

Warum das trotz schwarzem Mehrturm total ausgeglichen ist - weiter habe ich nicht rechnen lassen ..... .

B) 27.Lxd3 exf3+ 28.Kd2 Dxf2+ 29.Kc1 Dxb2+ 20.Dxb2 Lxb2+ 31.Kxb2 fxg6 - Quasi-Endspiel mit ausgeglichenem Material, hier setze ich mal kein Diagramm.

C) 27. Txd3 exd3+ 28.Dxd3 Lxb2 29.gxf7+ Kg7 30.Db1 Le5 31.Tg1 Lxh2 32.Txg2+ hxg2 

Tranchant Sokolov variante 25 Dg2A

 

 

 

 

 

 

 

Und auch das ist ausgeglichen, wobei die Varianten noch weiter gehen ... .

Zurück zur Partie: (25.-exf3?) 26.gxf7+ Kh8 27.Te2? Vielleicht empfindet der Leser diverse Fragezeichen als übertrieben, aber sie entsprechen nun einmal der objektiven Wahrheit. Pflicht war für Weiss 27.Sg4! Lxg4 28.Td2- so ähnlich hatten wir das schon einmal, nur dass Weiss hier die zweite Reihe räumt und sich auf dieser verteidigt. 27.-Dg2+?

Findet ein Mensch den Computerzug 27.-Txf7! ? Idee ist, den Lc4 abzulenken (und nebenbei einen weissen Gegentrumpf zu beseitigen sowie die f-Linie zu öffnen). Zum Beispiel A) 28.Lxf7 Dg2+ 29.Ke1 fxe2 30.Lc4 (30.Lf7xe2 ist illegal!) 30.-Df1+ (noch besser ist offenbar 30.-Le6 mit erneuter Ablenkung) usw., oder hier 30.Kxe2 Lg4+ (hatte ich erwähnt, dass der Lc8 nur auf diese Chance wartete?) 31.Kd2 Dxf2+ 32.Kc1 Lxd1 33.Dxd1 Dxf7 und hier hat Schwarz schlicht und ergreifend einen Turm mehr.

Oder B) 28.Sd6 fxe2+ 29.Kxe2 Lg4+ (siehe oben) 30.Sxg4 Dxg4+ 31.Kd2 Tf2+ 32.Kc1 Taf8 Schwarz hat das Kommando übernommen.

In der Partie kam, wie gesagt, 27.-Dg2+? 28.Ke1 fxe2 29.Lxe2 und das ist, nach all den Aufregungen, ausgeglichen - aber Sokolov entkorkte 29.-Se5? und nun wurde die Stellung plötzlich turmfreundlich, einen hat Weiss ja noch: 30.Txd4 (einen halben Zug zuvor noch nicht spielbar) 30.-Txf7 Schwarz hat auch einen mitspielenden Turm, aber nur vorübergehend: 31.Th4+! Kg8 32.Tf4 Dg6 und wir haben das Titeldiagramm, hier nochmals:

Tranchant Sokolov move 32

 

 

 

 

 

 

 

Was tun? Richtig ist 33.Sc7!- warum sehen wir gleich im Lichte der falschen Partiefortsetzung. Und, um nur eine Variante zu nennen, nach 33.-Lf5 nicht materialistisch 34.Sxa8 (34.-Le6 35.Dd1 Td7 36.Ld4 Lh6 usw. - die verbleibenden schwarzen Figuren sind koordiniert, die weissen nicht), sondern 34.e4 Dg1+ 35.Lf1 Tc8 36.exf5 Tcxc7 37.f6 Sg6 38.Sxh3 Dxh2 39.Tg4 Weiss gewinnt.

Sebastien spielte das durchaus verlockende 33.Lxe5? Lxe5 34.Txf7 und rechnete vielleicht damit, dass der Gegner aufgibt:

Tranchant Sokolov move 34

 

 

 

 

 

 

 

Dummerweise - aus weisser Sicht - muss Schwarz nicht 34.-Dxf7? 35.Lc4 spielen, sondern hat den Zwischenzug 34.-Le6! . Ab hier war die Stellung durchweg ausgeglichen, der Rest und auch alles bereits Erwähnte daher nur hier zum Durchklicken. Ich habe auch einen pgn-file zum runterladen - wer will, kann die gesamte Partie mit oder vielleicht gar ohne Computer noch weiter analysieren.

Das Ganze war ein für mich neues Experiment - ob ich ähnliches noch einmal machen werde und dann womöglich anders aufbaue/strukturiere, weiss ich noch nicht. Um nochmals auf Schmidts Kommentar zum letzten Artikel einzugehen: War es unterhaltsam? Für mich ist es eine sehr unterhaltsame Partie - wenn das nicht unterhaltsam ist, was ist unterhaltsam?? Ist es auch lehrreich?

Da hole ich etwas aus: Letzte Saison hatte ich vereinsintern den Auftrag, die gemeinsame Analyse des letzten Mannschaftskampfs vorzubereiten. Das hiess acht Partien in Chessbase eingeben und Computer dazu befragen - nur so kann man, kann jedenfalls ich bei beschränkter Zeit untersuchen, was in den Partien los war und welche Momente kritisch waren. Das fiel grob in drei Kategorien: 1) Computer waren mit dem Gebotenen weitgehend einverstanden - das gibt es gelegentlich auch bei Spielern mit Elo unter 2000. 2) Verbesserungen fallen in die Kategorie "das hätte man selber sehen können" und "ähnliche Ideen oder Motive kann man bei anderer Gelegenheit vielleicht selbst anwenden". 3) Computer-Vorschläge sind "absurd" oder "unmenschlich", Ideen/Motive sind so speziell dass man sie kaum recyclen kann.

Für mich und die Zielgruppe Elo unter 2000 (zu der ich inzwischen selbst gehöre) bot Tranchant-Sokolov jede Menge drei und eventuell ein bisschen zwei bis zweieinhalb. Darunter fällt am ehesten der 23. und 33. Zug von Weiss, nach dem Motto "keine Eile mit (vermeintlichem) Materialgewinn" sowie zwei Klischees mit wahrem Kern: 1) Wenn Du einen (vermeintlich) guten Zug siehst, suche nach einem besseren; 2) "Die Drohung ist stärker als die Ausführung". Keine Regel ohne Ausnahme: Bei Bok-Commercon im letzten Beitrag musste Weiss seine Chance sofort nutzen, ansonsten war sie dahin. Schach ist schwierig, Schach ist faszinierend.


Partie zum Online nachspielen 

Sonntag, 31 Mai 2015 15:55

Fragmente vom Limburg Open

Auch dieses Jahr berichte ich vom Limburg Open zweigeteilt: zunächst ein aktueller Turnierbericht auf dem Schachticker, und nun - nicht mehr aktuell, aber irgendwie zeitlos - hier einige Fragmente. Und dieser Bericht ist wiederum dreigeteilt mit den Rubriken Einfälle, Reinfälle und Mattbilder. Bei einem Fragment zweifelte ich, ob ich es als Aufgabe präsentieren oder die Lösung verraten soll - also mache ich beides, unten im Text gibt es (fast) dasselbe Diagramm nochmals. Wer es erst selbst versuchen will bekommt nur einen kleinen Tip: Zuletzt geschah 16.Tf1-e1 Tf8-d8 (was die Spieler am Brett natürlich wussten).

Und nun ein bisschen Runde für Runde, wenn auch teilweise durcheinander: Schon in der ersten Runde gab es eine Überraschung - am Spitzenbrett verlor Elofavorit Fedorchuk gegen den belgischen FM Frederic Decoster. Decoster hat nur (oder immerhin) Elo 2303, sein Gegner immerhin (oder nur) Elo 2657. Hat Decoster, was Underdogs gerne mal unterstellt wird, betrogen? Wohl kaum, denn zunächst stand er "wie erwartet" auf Verlust. Die Entscheidung fiel scheinbar vor, und dann tatsächlich in umgekehrter Richtung nach der Zeitkontrolle. Das erste Diagramm setze ich nach dem 39. Zug von Weiss:

Decoster Fedorchuk move 39

 

 

 

 

 

 

 

Das war ein wilder Sizilianer in dem - etwas untypisch - beide lang rochierten. Später musste Schwarz (Fedorchuk) eine Qualität opfern, quasi erzwungen aber gut. Danach drohte er Matt, was Weiss nur mit Dauerschach oder eventuell Matt parieren kann. Auf dem Weg zum (erhofften) Dauerschach gab er einen ganzen Turm zurück. Und nun? Die Houdini-Hauptvariante lautet 39.-Kd5 40.Dd8+ Ke5 41.Db8+ Kf5 42.Tf1+ Tf2 - Weiss kann dann zwar mit 43.Txf2 das Matt verhindern, aber nicht den Partieverlust. Stattdessen geschah 39.-Dc7 40.Dxc7+ Kxc7 41.Th6 und das ist bereits "unklar". Schwarz versuchte einen zweiten Mattangriff und übersah dabei ein Detail: 41.-a5 42.Txg6 a4 43.f7 a3??

Decoster Fedorchuk move 43

 

 

 

 

 

 

 

(Pflicht war 43.-Lxf7 44.Tg7 a3 45.Txf7+ - Schwarz kann das Turmendspiel dank seines aktiven Turms gerade so remis halten). Nun kam (nicht 44.f8D?? sondern) 44.Txe6! Txe6 45.Kb1! 1-0

In Runde 2 gab es bereits ein Duell etwa auf Elo-Augenhöhe: GM Janssen (2464) - IM Burg (2507) - der nach Elo unterlegene GM gewann diese Partie und am Ende nach Wertung das gesamte Turnier. Dabei konnte er dasselbe taktische Motiv kurz hintereinander zweimal anwenden. So stand es nach 28.Dxf6:

Janssen Burg move 28

 

 

 

 

 

 

 

Und dann folgte 28.-Te6 29.Dc3 Tg6 30.f4 Sf7 31.Dxg7+

Janssen Burg move 31

 

 

 

 

 

 

 

Das ist zwar (im Gegensatz zu einigen Diagrammen später) kein Matt, aber Schwarz verliert einen weiteren Bauern und dann noch eine Qualität, oder er kann (wie in der Partie) zuvor, nämlich hier aufgeben.

Nun (aus Runde 3) das Titeldiagramm leicht anders, nämlich einen halben Zug später:

Bok Commercon 2

 

 

 

 

 

 

 

Das war GM Bok - Commercon (2216). Ein Schachfreund, der die Partie mit Engine-Analysen live verfolgte, schrieb zu 17.Lc8! "Ich wäre eine Wette eingegangen, dass Weiss diesen Zug nicht findet. Wie kommt man auf so etwas?". Im Nachhinein ist es aus meiner Sicht logisch: Bok hatte das Motiv Se7+ mit 16.Te1 selbst erzeugt (Schwarz musste das mit 16.-Le5 oder auch 16.-Kh8 parieren), weiterhin dachte er vielleicht: "Ich habe momentan Entwicklungsvorsprung, kann ich davon profitieren bevor es (17.-Sc6) zu spät ist? Gibt es eine Schwäche in der schwarzen Stellung? Ja, b7!". Die relevanten nächsten Züge waren 17.-Sa6 18.Lxb7 Tab8 19.Se7+ Kf8 20.Sc6 Dc7 21.Sxd8 Dxd8 - danach spielte Schwarz noch ein bisschen weiter, bis er nach 26 Zügen noch eine Figur verlor. Der Leser darf selbst untersuchen, warum Alternativen für Schwarz im 20. Zug keinesfalls besser oder zäher waren.

In der Rubrik Ëinfälle springe ich zu Runde 6, Haast - Van Foreest:

Haast Van Foreest vor 27 Dxc5

 

 

 

 

 

 

 

Der holländische Jungstar entkorkte hier 27.-Dxc5!? - was zwar nicht forciert gewinnt, aber in den darauf folgenden Komplikationen gewann er recht schnell.

Nun einige Reinfälle - Zufall, dass zwei deutsche Teilnehmer beteiligt sind und auf dem verkehrten Stuhl sassen. Besonders aktiv war allerdings der niederländische IM Koen Leenhouts, als Täter und Nutzniesser. In Runde 4 hatte er Schwarz gegen GM Ernst:

Ernst Leenhouts

 

 

 

 

 

 

 

Die vorherige Partiephase verlief nicht ganz nach Wunsch für Sipke Ernst, Dauergast in Maastricht. Nun folgte 44.d4?? exd4 0-1 da auch der weisse Sb3 ersatzlos verschwinden wird. In Runde 5 spielte Leenhouts gegen den (wie bereits erwähnt) späteren Turniersieger Ruud Janssen, und nach 38 Zügen und wechselndem Vorteil stand es so:

Leenhouts Janssen vor 39Dg4

 

 

 

 

 

 

 

Nun ist 39.hxg5 (nach 39.-exf4 oder 39.-Dxg5+) remislich, aber er spielte weiter auf Angriff und verlor im Gegenangriff: 39.Dg4?! exf4 40.Lc3+ Kh7 41.fxg6+ fxg6 42.hxg5 De4 43.Lf3 De3+ 44.Kh2 und zugleich 0-1. Der Turniersieger im Glück, das gehört dazu. In Runde 6 traf Leenhouts auf Lokalmatador Jacob Perrenet (2078) und war vielleicht vorgewarnt, dass es keine "normale" Partie werden würde. Perrenet war bereits in Runde 4 zu Gast in der Liveübertragung, da versuchte er gegen IM Shkapenko 1.Sc3!? Sf6 2.g4!????! - nach eigenen Angaben hatte er sich dieses Gambit selbst ausgedacht. Datenbanken kennt er vielleicht nicht, es gab immerhin 58 Vorläufer. Gegen Leenhouts hatte Perrenets Schwarz und spielte "etabliertes Kaffeehaus-Schach": 1.e4 Sc6!? 2.Sf3 f5!?? . Ich weiss nicht, ob das bereits in Colorado gespielt wurde oder woher der Name dieser Variante stammt - gespielt wurde es jedenfalls u.a. in Pardubice, Wien und Deizisau. Die Partien hatten eines gemeinsam: ein gewisser Ilja Schneider hatte Schwarz. Perrenets (bzw. Leenhouts) Interpretation führte zu klarem schwarzem Vorteil:

Leenhouts Perrenet vor 16 Lg7

 

 

 

 

 

 

 

Mir wird bei dieser Stellung zwar schwindlig, aber ich kann durchaus nachvollziehen, warum Engines Schwarz klar bevorzugen. Nun spielte Perrenet 16.-Lg7??!! und das war dann doch inkorrekt.

Zurück zu Runde 5 mit deutscher Beteiligung, IM Braun - GM Dambacher nach 41.-Lxa2:

Braun Dambacher vor 42Tb5

 

 

 

 

 

 

 

Trotz Mehrqualität muss Weiss aufpassen angesichts der weit vorgerückten schwarzen Freibauern, die nach 42.Te1 Lg7 usw. ungehindert weiter laufen könnten. Richtig war 42.Te4, und nach 42.-b3 kann Weiss (nicht erzwungen aber möglich und sicher) mit 43.Te6+ nebst 44.Txh6 in ein Remisendspiel mit ungleichfarbigen Läufern abwickeln. Stattdessen geschah 42.Tb5?? - wohl dieselbe Idee aber ... 42.-Le3+ 43.Kh2 b3 0-1.

Runde 7 fehlt noch, der nominell stärkste deutsche Teilnehmer IM Thomas Henrichs spielte gegen WGM Bianca De Jong-Muhren (wenn ich ihr begegne, vor allem alle Jahre wieder in Wijk aan Zee, nenne ich sie Bianca). Nach wildem Verlauf stand es so:

Henrichs DeJongMuhren vor 34Sf6

 

 

 

 

 

 

 

Warum nun 34.Sf6+ Txf6 0-1 ? Das muss der Leser Thomas fragen, aber nicht mich!

Noch eine Maastrichter Besonderheit anno 2015: Etwa jede zehnte Partie in der Liveübertragung (neun von 12*7=84) endete mit Matt. Alle neun Stellungen zeige ich nicht, nur drei. Warum hat der Verlierer nicht vorher aufgegeben? Dafür mag es jeweils individuelle Gründe geben.

Shkapenko-Offringa

Shkapenko Offringa mate

 

 

 

 

 

 

 

Coenen-Burg

Coenen Burg mate

 

 

 

 

 

 

 

Geht auch mit Schwarz

Van Osch - Tate

Van Osch Tate mate

 

 

 

 

 

 

 

Geht mitunter auch ohne Damen. Nicht überliefert ist, ob der Einheimische seinem amerikanischen Gegner zum Schluss sagte "Mr. Tate, it's mate!".