SCHACHWELT

Der Schach-Blog

Montag,27 Mai 2013

Aktualisiert04:54:04 Mon

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Montag, 30. Januar 2012 09:29

Was haben wir zu verlieren?

Weltklasseturniere werden ziemlich selten bei zwei Niederlagen gewonnen. Aronjan hat das nun in Wijk aan Zee sogar mit einem vollen Punkt Vorsprung geschafft. Unmittelbar davor war Giris Sieg in Reggio Emilia nach einem 1 aus 4-Start etwas knapper ausgefallen. Mir fällt noch ein, dass Carlsen 2010 das siebenrundige Turnier in London trotz zweier Verlustpartien gewann. Und Topalow hat vor Jahren mal in Sofia trotz völlig verpatztem Start gewonnen. Aber sonst? 

Vor Wijk aan Zee war ein wenig spekuliert worden, ob Carlsen den Kasparow-Rekord 2851 knacken kann. Geknackt hat dann nur Aronjan als Dritter nach Kasparow und Carlsen die 2820-Marke. Hätte er nicht mit Weiß gegen den Tabellenletzten Navara verloren, wäre für Aronjan sogar die Weltranglistenführung drin gewesen.Positiv auf fällt auch Caruana. Der 19jährige teilt mit Carlsen und Radschabow Platz zwei, liefert damit sein bisher bestes Resultat ab und ist vor Giri, der eine Durststrecke mit fünf Niederlagen en suite einbaute, nun derzeit stärkster Junior.

Keinen Gefallen hat Boris Gelfand dem WM-Kampf getan. Nach einer weiteren schlappen Leistung ist der Herausforderer nicht mehr unter den ersten 20 der Welt und wird es wohl auch zu Matchbeginn im Mai nicht sein. Im Abwärtstrend bleibt auch Topalow, der eine Menge vorteilhafter Stellungen nicht verwerten konnte und teilweise sogar verlor.

Früher folgte auf Wijk aan Zee Linares und bald darauf das in Blind- und Schnellpartien ausgetragene Amber-Turnier. Heuer klafft im Kalender der Weltklasse eine Lücke. Erst ab Mitte August geht dann die Post ab. Ab der Schacholympiade häufen sich die Spitzentermine nur so, weshalb das eigentlich fürs letzte Quartal angesetzte Kandidatenturnier als Kandidat für eine Verschiebung ins Frühjahr 2013 gilt. Schade. Könnte man es, zumal alle Teilnehmer außer dem Ausrichterfreiplatz und dem WM-Verlierer feststehen, nicht schon auf kurz nach der WM vorziehen, um auf den unattraktiven WM-Kampf in diesem Jahr möglichst bald ein würdigeres Titelmatch folgen zu lassen?

Freitag, 27. Januar 2012 11:28

Deutsche Nummer eins wandert aus

Na endlich. Mancher hat es kommen sehen oder herbeigesehnt. Schluss mit dem ständigen öffentlichen Gemotze über zu wenig Geld und falsche Trainer. Mancher im Schachbund wird froh sein und der scheidenden Nummer eins keine Träne nachweinen. Schande über Funktionäre, die nicht einmal wissen, wo sie 2005 ihren bisher größten Einzelsieg errungen hat.

 

So gesehen kann man es Elisabeth Pähtz, die vor sechseinhalb Jahren in Istanbul Juniorenweltmeisterin wurde, nicht verdenken, dass sie in Berlin ihre Sachen packt und in der Türkei, wo die öffentliche Knete für die Schachspieler von der Staatsbank nur so sprudelt, ein neues Leben anfangen will. Aus Lieschen wurde Liese und wird nun also Elüsabeth. Im zünftigen Ankara, wo sie zunächst als Nachwuchstrainerin ran soll, muss sich natürlich erst weisen, ob ihr Haarschnitt (Google zählt 9000 Fotos von ihr, also schauen Sie doch einfach selbst) als Kopftuchersatz durchgeht. Dass der Schachzampano Ali Nihat Yacizi ihr einen Job angeboten hat, weil er gerne junge, freizügig denkende Frauen um sich hat oder sie wohlmöglich in einem laufenden Rechtsstreit mit Pähtz´ früherem türkischen Verein auf seine Seite ziehen will, ist sicher nur böses Gemunkel ewiger Nörgler, wie sie auf deutschen Internetseiten viel zu oft ihre Stimme erheben. Wir aber rufen ihr zu: Başarılar dilerim, Elüsabeth*! Und vielleicht auf Wiedersehen bei der Schacholympiade in Istanbul (falls sie stattfindet)!

 

*Viel Erfolg, Lise!

Freitag, 27. Januar 2012 02:09

Vollständiger Satz

Heute wird mein Sohn zwei. Herzlichen Glückwunsch auch an dieser Stelle!
Während er motorisch im Altersdurchschnitt ist, ist er sprachlich schon unheimlich weit und ist drauf und dran, seine ersten vollständigen SPO-Sätze (für diejenigen, bei denen die Schule schon etwas her ist: das bedeutet Subjekt, Prädikat, Objekt) zu formulieren.


Um vollständige Sätze geht es auch im ersten Teil unserer Problemschachreihe. Dazu zunächst zwei kleine Erläuterungen: Als Satzsituation bezeichnet man die abgebildete Stellung bei Umkehrung des Zugrechts, das heißt, wenn Schwarz am Zug ist. Wenn man gelegentlich versucht, Probleme zu lösen, geht man irgendwann dazu über, sich intensiv mit der Satzsituation zu beschäftigen, gibt sie doch darüber Auskunft, auf welche schwarzen Züge es noch kein Matt gibt. Auf diese muss der erste Zug von Weiß eine Antwort liefern. Diesen ersten Zug nennt man Schlüsselzug (und nur den!). Die Beschäftigung mit der Satzsituation ist durchaus praxisnah, geht es doch im Wesentlichen um die stets aktuelle Frage "Was droht?"
So genug der Definitionen. Den vollständigen Satz werde ich hier nicht definieren, denn was sich dahinter verbirgt, dürft ihr selber herausfinden. Da die Aufgaben von niedrigem bis mittlerem Schwierigkeitsgrad sind, bringe ich gleich vier Beispiele von vollständigen Sätzen. Ziemlich viel für den Anfang, gewiss, aber so kann sich jeder sein Stück der Wahl heraussuchen.
In den ersten zwei Stücken heißt es Weiß am Zug, matt in zwei.

Mansfield 2         SkrinnikMarkovtsy 2

       Comins Mansfield, 1935, #2                    Skrinnik & Markovtsy, 2001, #2

Viel kann man zu diesen Stücken gar nicht schreiben, ohne gleich alles zu verraten. Weiß ist zahlenmäßig klar im Vorteil, doch in nur zwei Zügen matt zu setzen, ist gar nicht so einfach.
Anbei noch zwei Vierzüger, die das Quartett vollenden.

Kraemer 4 wL vs. sD
        Kraemer 4 springer

            Kraemer, 1925, #4                                Kraemer & Zepler, 1932, #4

Im ersten der zwei Stücke des Komponisten Ado Kraemer (1898-1972) sieht man einen amüsanten Zweikampf, im rechten Stück, das Kraemer zusammen mit Erich Zepler komponierte, darf sich jemand austoben, ohne dabei das Unvermeidliche abwenden zu können. Die rechte ist nach meinem Empfinden die schwierigere.


Lösungen bitte in den Kommentaren! Es wäre schön, wenn zumindest bei den Zweizügern eine gewisse Schamfrist bei der Nennung der Lösung eingehalten wird (Vorschlag: am Sonntag darf sie gepostet werden). Zudem sind Überlegungen, was denn nun ein vollständiger Satz ist, herzlich willkommen. Eine ausführliche Lösungsbesprechung kommt dann in ca. einer Woche. Sollten keine Lösungskommentare oder Lösungen kommen, werde ich gelegentlich Hinweise geben.

Im Problemschach ist es übrigens durchaus erlaubt, ein Brett aufzubauen und auszuprobieren. Viel Spaß, die Mühe lohnt sich!


Interessanterweise hat sich niemand getraut, die Lösung der Mansube zu posten. Das schöne Mattbild unter Beteiligung aller vier Springer entsteht nach: 1.Th7+ Kg8 2.Sf6+ Kf8 3.e7+ Sxe7 4.Tf7+ Sxf7 5.Se6#.

Donnerstag, 26. Januar 2012 00:47

Vor Ort in Wijk aan Zee

Man kann das Tata Steel Chess Turnier natürlich prima im Internet verfolgen, aber ein Besuch vor Ort lohnt sich durchaus – ich mache es jedenfalls alle Jahre wieder. Dieser Bericht geht vor allem über die 9. Runde am Dienstag 24.1., wobei aber auch frühere Erfahrungen ein bisschen mit einfliessen. Beide Fotos © Fred Lucas.

In Wijk aan Zee gibt es zwei Schauplätze: Dorfhaus de Moriaan steht für einige Wochen ganz im Zeichen des Schachs – ein paar hundert Amateure spielen im Saal und in einigen Nebenräumen, die Grossmeisterturniere ABC sind abgetrennt auf der Bühne (auf dem Foto ganz hinten hinter den Monitoren). Zweiter Schauplatz ist das Kommentarzelt das jedes Jahr ein paar hundert Meter entfernt auf einer Wiese mitten im Dorf aufgebaut wird – der Rest dieser Grünfläche ist teilweise Parkplatz, nebendran laufen Pferde herum, die sind aber etwas grösser und bewegen sich anders als die Schachfiguren!

Zuerst zum Turniersaal: die Bühne betreten zunächst, so 15-20 Minuten vor Rundenbeginn, diverse Fotografen. Erkannt habe ich Hausfotograf Fred Lucas und den Tschechen Pavel Matocha mit seinem Hahnenkamm; später traf ich noch Chessvibes-Chef Peter Doggers. Dann nach und nach die Spieler. Als erster kam Topalov – was er einem anderen Pavel, Hauptschiedsrichter Votruba, erzählte weiss ich nicht denn sie unterhielten sich in irgendeiner slawischen Sprache. Dabei "bewachte" er den Eingang zur Bühne – schade dass ich keine eigene Kamera hatte denn "Türsteher Topalov" wäre ein nettes Motiv gewesen. Traditionell konzentriere ich mich aber auf die C-Gruppe: da ist die Menschentraube kleiner, die Spieler kommen tendenziell früher und die Atmosphäre ist lockerer. Zwei Damen waren besonders gut gelaunt: worüber sie sich sehr angeregt unterhielten kann ich auch nur vermuten obwohl sie Englisch sprachen. Sachdev und Pähtz vor der RundeHinterher sah ich dass Elisabeth Pähtz im Video-Interview auf der Turnierseite lachend verriet was sie einen Tag davor am Ruhetag tat: shopping in Amsterdam mit Tania Sachdev. Es dauerte ein zwei Minuten bis Fotografen dazu kamen – Fred Lucas hat mir sein Foto (genommen aus <1m Entfernung) dankenswerterweise geschickt schon bevor es hier veröffentlicht wurde. Im Hintergrund Elina Danielian, Gegnerin von Pähtz die sich bereits voll auf die Partie konzentriert, die Stellung ist ja auch durchaus kompliziert. Der Gong zum Start der Runde kam aber erst fünf Minuten später.

Dann habe ich noch die Eröffnungsphase verfolgt, Zustimmung eingeholt um Fotos für diesen Bericht zu verwenden (dieses Jahr neu für mich), und eine Stunde später beginnt der Kommentar. Da harmonierten Smeets und Stellwagen auch prächtig, wobei der holländische Jan (nicht Timman, der spielt ja im B-Turnier) die besseren Sprüche hatte u.a. als Sekundant von Topalov:
"Topalov spielt die Eröffnung immer schnell – mal ist es Vorbereitung, mal ist es Bluff, das weiss der Gegner ja nicht."
[Zur Eröffnung bei Carlsen-Karjakin:] "Das musste ich auch mal analysieren, aber erst einige Züge später. Oft bin ich Experte in Stellungen ohne zu wissen wie sie zustande kommen." (denn der Chef kennt die ersten 10-15 Züge auswendig, sein Assistent aber offenbar nicht)

Aus dem Publikum kam die (logische) Frage warum sie nicht selber spielen. Beide hatten eine Einladung für die B-Gruppe, worauf Smeets aber nach dreimal A-Turnier keine soooo grosse Lust hatte. Ausserdem will er so langsam sein Studium abschliessen, und Stellwagen ist inzwischen berufstätig.

Irgendwann ging ich zurück in den Turniersaal. Besonders faszinierend ist dass mehrere Spieler immer in Gedanken versunken auf der Bühne rumlaufen ohne miteinander zu kollidieren. Oft legt Gelfand mit die meisten Meter zurück, diesmal aber nicht denn seine Partie wurde schnell Remis. Das Resultat war nicht überraschend, schliesslich spielte er gegen van Wely und der kann dieses Jahr weder gewinnen noch verlieren. Der ultime Beweis einen Tag danach: King Loek akzeptierte remis genau als er plötzlich forciert gewinnen konnte! Absicht war es sicher nicht, und er hatte nur noch wenige Sekunden für seinen 40. Zug. Und van Welys eigentliche Rolle übernimmt dieses Jahr Karjakin.

Ein anderes Foto das nicht geschossen wurde hat den Titel "Aronian überholt Carlsen". Beide liefen parallel zueinander, Carlsen vor, Aronian hinter den Brettern der A-Gruppe, und der Armenier war viel schneller unterwegs. Das passierte am selben Tag ja auch im Turnier. Wenn Carlsen nicht spazieren geht hat er übrigens auch seine ganz eigene Sitzhaltung am Brett – ich kann es nicht beschreiben, auch in der Hinsicht ist er einmalig.

So das war's. Was hinterher passiert (Analyse, Kommentare der Spieler, Pressekonferenz) erfahren zunächst nur etablierte Journalisten mit Zugang zum abgeschlossenen Pressebereich; darüber steht inzwischen einiges anderswo im weltweiten Web. Zwar liefen zunächst Pähtz und dann Topalov direkt an mir vorbei, aber ich wollte sie nicht ansprechen bzw. stören. Und sowohl "worüber hast Du/haben Sie denn mit Tania Sachdev gequatscht?" (oder etwa auf Englisch um die Sache mit der Anrede zu vermeiden??) als auch "What was it today, bluff or preparation?" wäre überfrech gewesen – bei Topalov vermute ich in seiner Partie gegen Nakamura letzteres.

Mittwoch, 25. Januar 2012 20:56

Großmeister in knapp zehn Tagen (2)

Was bisher geschah: in Hamburg wurde ich vom zukünftigen Top-Ten-Mann Paul Doberitz vom Brett gefegt und begann mir daraufhin Gedanken zu machen über sinnvolles Training im Schach.
Danach war ich beim Travemünder Open und versenkte dort ein paar ELO-Punkte in der baltischen See.

Was bisher leider noch nicht geschah: irgendwelche sinnvollen Trainingsaktivitäten. Stattdessen Gedaddel auf einem Internet-Blitz-Account, Lösen von Kombinationen, und dann noch dies und das (Versuche mit 1.Sh3). Aber Training? Gezielt zudem? Leider Fehlanzeige. Woran liegt´s?

travemnde 1

 Regenbogen während eines Turniers sind mitunter gute Omen.
(Manchmal aber auch nicht.)

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Der internationale Turnierkalender hält die SchachspielerInnen in Atem. Auf der globalen Makroebene reihen sich Turniere in Moskau, London, Reggio Emilia und (ganz aktuell) Wijk aan Zee aneinander, und die modernen Supergroßmeister wälzen sich unruhig hin und her auf der Suche nach der nächsten heißen Neuerung, um im Turnieralltag bestehen zu können.

Auf der Mikroebene gibt es viele charmante Turniere für den gemeinen Turnierspieler, und wir alle würden gerne vielleicht noch an dem einen oder anderen Wettbewerb teilnehmen, wenn es nur die Zeit/ das Geld/ die Lust erlauben würden. Doch wie heißt es so schön: „Man kann nicht alles haben.“

tandemschach

Abwechslung vom harten Turnieralltag: Buchautor Thomas Schmid (Lübecker SV)

Allein in der norddeutschen Tiefebene zwischen Norderstapel, Nortorf und Nordenham boten sich in den vergangenen dreißig Tagen sinnenverwirrende Turniermöglichkeiten. Im Dezember stand erst das weihnachtliche Open in Travemünde auf dem Programm (bei dem dann aber ganz unweihnachtlich bis zur letzten Figur gekämpft wurde) und der Ani-Cup in Hamburg, im Januar folgten die niedersächsischen Landesmeisterschaften in Verden an der Aller sowie der aufregende Werder Bremen-Monatsblitz.
Und als wäre das alles noch immer nicht genug: wer will, kann in knapp zehn Tagen Großmeister live am Brett sehen - ganz in der Nähe Bremens. Genauer gesagt, schon ab morgen!
Jürgen Wempe, der ständig zwischen Bad Zwischenahn, den Alpen, Malta und dem Mond hin- und herreist, um Schachturniere zu organisieren, lockt ab dem Donnerstag für den Nord-West-Cup im oldenburgischen Bad Zwischenahn die nächsten zweihundert Spieler knapp unterhalb der Weltklasse herbei (avisiert ist auch FM Sven Wühlenmaus von Deep Chess und seine alte Truppe – welcome, folks, to Northern Europe!)
So hält Schach die Menschen in Atem – aber nur, wenn es bei ihnen sich Schachspieler handelt. Alle anderen Menschen bekommen von alledem nicht viel mit. Wir sind eben nur eine Randsportart, eine Parallelgesellschaft, ein Geheimbund, der im Verborgenen operiert. Höchstens erfreuen wir andere Menschen durch zusätzliche Mieteinnahmen bei den Fremdenzimmern, wenn mal wieder ein Open startet.

Doch auch wenn Dartspieler, Blondinen und Bundespräsidenten mehr Ruhm und mehr Ehre erheischen als die Vertreter des königlichen Spiels – wir hören nicht auf zu spielen, erstmal jedenfalls. Dafür macht es viel zu viel Spaß, am Brett zu knobeln, Kaffee zu trinken und auch mal zu gewinnen. Dennoch, der Preis ist hoch: denn immer wieder müssen wir auch mit dem Scheitern leben.

doberitz - steffens 5
Paul Doberitz – Olaf Steffens, Hamburger SK II - Werder Bremen II 2011

Der erste Teil dieses Artikels endete mit einem schachlichen Rätsel, welches in dem Diagramm noch einmal dargestellt ist. Man konnte wählen: war an dieser Stelle 18….Taxf8 der bessere Zug, oder doch das inspirierte 18….Sg4?


Lösung:

Holger Hebbinghaus hat es sofort gewusst - 18….Taxf8 wäre hier einfach und gut gewesen. Schwarz hat das Läuferpaar und kann sich auf den dunklen Feldern austoben. Für die Minus-Qualität ist das bestimmt ok.

Wie das ja manchmal so ist, entschied ich mich hier für den „raffinierten Zwischenzug” 18…Sg4. Paul war überrascht und schlug einfach mit 19.Lxg7 meinen Läufer, was wiederum mich überraschte. Ich hatte gedacht, das könnte er nicht tun, ohne danach zu leiden.
Mit dem tückischen 19….Lxf3 wollte ich nun die weiße Stellung verheeren und auf h2 ein Matt androhen. Die meisten weißen Antworten taugen nun nicht viel. Das relativ einfache 20.Lg7-e5! hatte ich zwar vorher schon gesehen, aber nicht gut berechnet. Nach 20…Df4-e3+ ist Weiß nun nicht zum Königszug nach h1 gezwungen (was ich ursprünglich dachte), sondern kann einfach 21.Tf1-f2 erwidern. Es kam noch 21.... Sxf2 22.Dxf2 und 1:0. Der kleine Trick 22....Dxe2 scheitert nun einfach an 23.Dxf3. Hätte ich das man bloß vorher gesehen! Grund genug für mich, an dieser Stelle sicherheitshalber aufzugeben.  

Die Moral: ohne Variantenrechnen ist es alles nichts beim Schach. Warum nur lernt man es nicht richtig?

Every player has heard the saying, “Chess is 99 percent tactics.“ It isn´t. It´s 99 percent calculation.

                                           (Andrew Soltis, The Inner Game of Chess)

travemnde 2

Nach verlorenen Schachpartien findet man oft Trost in der Natur.

Die wenigsten Partien werden schon in der Eröffnung gewonnen. Man kann das Eröffnungstraining vielleicht sogar gleich ganz lassen, oder 1.Sh3 spielen. Die meisten „Böcke“ schießt man doch eigentlich immer erst später, und verpatzt seine Partien durch schlechtes Vorausberechnen.
Oder aber man rechnet alles fein aus, scheitert dann aber daran, die entstehende Stellung richtig einzuschätzen. Schade. Berechnung und Beurteilung, beides muss stimmen. Das sollten wir üben – falls wir es noch nicht gut können. Und ich glaube, das meint auch Soltis in seinem Zitat.
Ich würde gerne besser rechnen, aber irgendwas geht dann doch immer schief, verdammte Axt. War früher alles besser? Vielleicht kommt das auch mit dem Alter – die Nerven, der Überblick, alles schwindet. Und die Jugend zieht vorbei, rechnet locker ein paar Varianten durch, macht schlaue Züge, und schon finde ich den Faden nicht mehr. (Doch Achtung, liebe Schachjugend: das muss nicht immer so sein!)

Doch wie bringt man sich das Rechnen (wieder) bei? Ich vermute, hilfreich ist das häufige Lösen von Aufgaben. Schnell ist eine Stellung aufgebaut, am besten auf einem Tisch, an dem man sowieso ständig vorbeiläuft. Als neugierige Menschen registrieren wir dann irgendwann die „Frage”, die uns die Position stellt, und irgendwann setzen wir uns vielleicht sogar ganz hin und denken ernsthaft und strukturiert nach.
Ist erstmal der Kontakt hergestellt, bleibt auch die Freude am Nachdenken kaum aus. Das leichte Strapazieren des Gehirns kann ja auch erfreuen!


Eine der großen Hürden des Trainings ist es, wirklich mit dem Trainieren anzufangen. Es gibt ja so viele Ablenkungen und Irrlichter. Früher war das einfacher – im dunklen Winter saß man vor der Heizung, und nur ein Schachbrett verkürzte die Zeit bis zum Frühlingsbeginn. Heute dagegen – Internet, Fernsehfilme, der natürlich der Beruf! In diesen modernen Zeiten lauern überall Ablenkungen, und abwaschen muss man auch noch manchmal.
Wie sagte Siegbert Tarrasch, der große Schachlehrer? „Der Schachspieler soll auf seinen Händen sitzen.“ Die Betonung liegt auf „sitzen“ – denn die Gefahr ist groß, dass der Schüler sonst sofort wieder davonläuft, um noch schnell durchs Internet zu surfen. Gefährlich!
Ein erster provisorischer Trainingsplan sollte daher so aussehen:

Trainingsplan:

a) Hinsetzen zum Training
b) Wirklich hinsetzen!
c) Sitzenbleiben, nicht gleich wieder weggehen
d) Aufgaben lösen, im Kopf rechnen üben (20 Minuten)
e) Pause/ Belohnung

ernhrung

Mit der richtigen Ernährung kommt oft auch der schachliche Erfolg


Die Null muss stehen, heißt es im Fußball. Beim Schach allerdings soll man mit diesem Leitspruch sehr, sehr vorsichtig sein. Ich zumindest konnte mit meinen letzten drei Nullen kaum jemanden in der Mannschaft erfreuen (auch wenn alle nett zu mir waren - ich durfte hinterher immer noch mit zum Essen).

Dennoch bleibt die Frage: wie bekommt man das hin mit den guten Zügen? Wie wird es besser mit dem eigenen Spiel? (Über all das habe ich leider schonmal nachgedacht – leider blieb der Erfolg bisher aus. Meh!, würde Jan Gustafsson sagen, doch der ist ja gerade auf Gibraltar.)

Diese Frage möchte ich weitergeben an die ehrenwerten Leser. Schach-Welt, der Blog für die ungenutzten Potentiale, fragt mal rum:

a) Falls Ihr trainiert: Wie trainiert Ihr so? Und seid Ihr damit zufrieden?

b) Falls Ihr nicht trainiert: Wieso trainiert Ihr nicht, und leidet Ihr darunter?

c) Wird man mit über 40 Jahren automatisch schlechter?

Danke schonmal für die Antworten. Wenn wir uns alle gut austauschen, dann klappt´s auch mit dem Großmeister!

bowie sichert sich den pokal 

 Auch viele Haustiere wissen den schachlichen Erfolg zu schätzen

Montag, 23. Januar 2012 16:38

Solo(dovnichenko)s Unglücksspringer

Amateur gegen Grossmeister ist immer so eine Sache – der eine hat nichts zu verlieren, der andere muss erstmal gewinnen. Manchmal passiert dann stattdessen sowas wie am 3.Dezember letztes Jahr in Mailand, in der ersten Runde des Memorial E. Crespi. Die Bühne betraten mit Weiss Paolo Formento, Italiener (wer hätte das gedacht) mit Elo 2133, mit Schwarz Yuri Solodovnichenko, ein mir bisher unbekannter ukrainischer GM, mit Elo 2629 immerhin an zwei gesetzt im Turnier. Nennen wir ihn der Einfachheit halber Solo ... . Man kann diese Partie einfach geniessen, versuchen zu verstehen was los ist – was mich jedenfalls überfordert – oder Engines konsultieren, verlockend aber irgendwie unfair den Spielern gegenüber. Wie dem auch sei, los geht's:

1. e4 d6 2. d4 g6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 Lg7 5. Le2 O-O Soweit so Pirc – was Solo offenbar sonst nicht spielt. Vielleicht dachte er sich so seiner Pflichtaufgabe entledigen zu können, à la Kramnik gegen etwas schwächere Gegner was aber auch nicht immer funktionierte. Wenn Solo mit Formento Schlittschuh laufen wollte ist er jedenfalls selbst ausgerutscht. Der weisse Aufbau sieht bescheiden aus, aber das täuscht 6. O-O Sa6 7. h3 c6 8.a4 Sb4 9. Le3 a5 10. Sh2 e5 11. f4 exd4 12. Lxd4 Te8 13. Lf3 Le6 14. g4 ATTACKE! 14.-Lc4 15. Te1 h6 16. h4 wenn Weiss einen i-Bauern hätte … 16.-d5 17. e5 Sd7 18. g5 Sf8 19. Lg4 h5 20. Lh3 Se6 21. Lxe6 fxe6 22. b3 La6 23. Se2 b6 24. Sg3 Tf8 25. f5


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Hier würde ein ehemaliger Kieler Vereinskollege vielleicht einen seiner Lieblingssprüche bringen: "das geeeeeht?!!!?! 25.-exf5 26. Sxh5 "Wo rohe Kräfte derbe walten muss ich doch nicht mein Pferd behalten!" gxh5 27. Dxh5 Sxc2 guten Appetit – noch ist Ukraine nicht verloren 28. g6 Jetzt muss Solo aufpassen – ATTENZIONE! (Wie heisst das auf Ukrainisch?) 28.-Te8 Gesehen – mitunter übersehen auch starke Grossmeister Dh7 matt ... (Namen nenne ich keine, oder hab ich das schon getan?) 29. Sg4 Dieser Gaul würde Schwarz nicht schmecken, aber es hängen ja noch ein paar andere weisse Figuren.


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Hier dürfen die Silikonfreunde zum ersten Mal rechnen. Wer will kann versuchen drei Fragen selbst zu beantworten: Was ist der beste Zug für Schwarz (aber bitte mit Varianten!)? Kleiner Tip: der weisse Springer will das verbotene Feld g4 wieder verlassen. Was ist der zweitbeste Zug? Und was spielte Solo stattdessen??

Zu den ersten beiden Fragen siehe ganz unten, Frage 3: Gespielt wurde 29.-Dc8 Hier brauchen die Engines über 10 Minuten bevor sie sich auf +7 oder höher einpendeln. Mein Laptop ist wohl langsam (und ich habe nur die Gratisversionen), die Stellung aber auch kompliziert. 30. Sf6+ Kf8 31. Dh7 De6 32. Lxb6!! Wie bitte, zwei Ausrufezeichen für einen Bauerngewinn? Nun ja, es ist der einzige Gewinnzug – nicht etwa weil es einen Bauern gewinnt – und es gibt auch keinen Remiszug. 32.-Te7 33. Lc5 Ta7 34. h5 Sxe1 Der zweite Unglücksmoment des Springers? Nach 34.-Lxf6 35.exf6 Dxf6 wird es vielleicht – am Brett – noch Dauerschach!? Weiss kann das zwar verhindern: wenn er auf e7 alles mit Schach abtauscht sind die Freibauern zu stark (und die schwarzen Leichtfiguren stehen etwas dumm herum). Aber ob das so gekommen wäre ist nicht 100% sicher. Und dass die Silikonhirne statt 35.exf6 35.h6!? spielen wollen ist menschlich gesehen vielleicht noch irrelevanter. 35. h6 Hier logisch, was sonst? Sf3+ 36. Kh1 Lxf6 37. exf6 Ke8


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38. fxe7 Nur der zweitbeste Zug (38.Dh8+!) aber gut genug. Schwarz hat noch bzw. immer noch eine Mehrfigur auf die er aber wohl gerne verzichten würde: wenn der nochmals unglückliche Sf3 sich sofort in Luft auflösen könnte hätte er zumindest noch jede Menge Damenschachs. Ta8 39. Qh8+ Kd7 40. Qxa8 Lc8 41. Qxa5 Inzwischen hat Weiss Qualität und zwei Bauern mehr, und was für welche – Solo hat genug gesehen 1-0

Ein Schachfreund dem ich die Partie vorab schickte schrieb mir per Mail: "Ich bin beim Nachspielen hin- und hergerissen zwischen der Solidarität mit dem Underdog und der Solidarität mit dem Pirc-Spieler (sagte ja, dass ich das selbst spiele)." Wer bleibt geheim – Jörg Hickl war es nicht!
Hat Formento die Partie seines Lebens gespielt? Das wissen wir oder er in ein paar Jahrzehnten, der Bursche ist nämlich 14 Jahre jung.

Nebenbei: Gewonnen hat das Turnier Baadur Jobava, vom Ausrichter vorab angekündigt mit den Worten "Dalla Georgia con furore". Sein Schach war aber, für ihn eher untypisch, vergleichsweise langweilig bzw. trocken. Allerdings holte er so 8.5/9 (TPR 2910) und wird seither auch hier wieder erwähnt.


Frage 1: Richtig war 29.-Sxd4. Das geht – aber nur wenn man nach 30.Dh7+ Kf8 zwei Varianten sieht:
31. Sh6 Dxh4 32. Dg8+ Ke7 33. Dxg7+ Kd8 34. Df6+ Te7! (Damentausch zu meinen Bedingungen!) 35.Dh4: Sf3+ (Houdini)
31. Sf6 Txe5 32. Dg8+ Ke7 33. Dxg7+ Kd6 34. Txe5 Nf3+ (Stockfish)
Unglücksspringer Teil I dass dies nicht gespielt wurde, wobei das Schach auf f3 dazu gehört – wenn der weisse Monarch "zufällig" auf h1 stünde bestehen die Engines auf 0.00 (Weiss hat Dauerschach aber auch nicht mehr)

 Frage 2: Auch 29.-Lc8 mit der Idee Le6 war wohl gut genug - ähnlich wie in der Partie, nur dass 31.Lxb6 dann nicht geht.

Montag, 23. Januar 2012 11:27

Warum Problemschach?

Ich möchte mich an dieser Stelle vorstellen. Ich bin Sven-Hendrik Loßin (kurz: Losso) und Schachliebhaber. Ich bin im „Normalschach“ Spitzenbrett bei einem Verein aus der Region Hannover und spiele dort in der Verbandsliga. Auch im Fernschach war ich aktiv und wurde vor 8 Jahren Landesmeister in Mecklenburg-Vorpommern. Beim Lesen in Blogs bin ich verschiedentlich auf Schachprobleme gestoßen und bin irgendwann in diese Welt eingetaucht.
Bald fing ich an, selber Probleme zu basteln, löse aber auch recht gerne.
 
Wie funktioniert dieses „Eintauchen“? Nun ja, selbst als Normalschachspieler kommt man wohl gelegentlich mit Studien in Berührung. Oft hat man es dann mit Studien zu tun, die nicht sehr partienah sind, sich aber durch eine besondere Schönheit des Motivs, Ablaufs oder der Endstellung auszeichnen.
Wenn man die Studie verlässt und die Zugzahl im Vornherein beschränkt, ergeben sich weitere Möglichkeiten, Interessantes, Außergewöhnliches oder auch Kurioses darzustellen. Insofern sind dies die zwei Hürden, die ein Normalschachspieler nehmen muss, wenn er die Attraktion eines Schachproblems genießen möchte: Er muss einerseits in der Lage sein, partieferne Stellungen zu akzeptieren, andererseits muss er sich mit einer Bedingung anfreunden, die zumeist so ähnlich lautet wie Matt in 2 Zügen. Diese Bedingung bedeutet, dass eine Lösung, in der Schwarz den zweiten Zug überlebt, als solche nicht gültig ist, auch wenn Weiß weiterhin eine gewonnene Stellung besitzt.
 
Wenn ich den Problemschachteil der Rochade, Schach etc. sehe, kann ich übrigens sehr gut nachvollziehen, dass nicht viele Normalschachspieler den Weg zur Schachkomposition finden. Es ist leider so, dass sich dieser Bereich unseres Hobbies eine ziemlich hohe Einstiegshürde erlaubt, die zu nehmen ziemlich schwer ist. Ich habe irgendwann einmal Probehefte gängiger Problemschachzeitschriften geordert, zuvorderst der Schwalbe. Die Schwalbe ist ein gemeinnütziger Verein, in dem die deutschen, aber auch ausländische, Problemschachfreunde Mitglied sind. Die Vereinszeitschrift heißt genau so wie der Verein und das erste Heft, das man liest, wird man zumeist recht schnell beiseite legen, es sei denn, man hat jemanden, der einem das ein oder andere erklärt.

 

Schwalbelogo

Nicht nur ein nostalgischer Motorroller aus Ostdeutschland,
sondern auch die deutsche Vereinigung für Problemschach: die Schwalbe.

 

Das Vokabular, Abkürzungen und nicht gerade anfängerfreundiche Fachartikel sorgen dafür, dass das Feuer sich nur sehr langsam entfacht. Ich kann nach ca. 2 Jahren Problemschach sagen, dass sich das Nehmen dieser Einstiegshürde gelohnt hat. Viele Aufgaben haben sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt und ich denke gerne an diese oder schaue sie mir noch einmal an, so wie man sich ein hübsches Bild immer wieder ansieht oder ein Musikstück immer wieder anhört.
Aber auch im Trainingsbetrieb werden Schachkompositionen genutzt. Und das bezieht sich nicht nur auf Studien, die zum Erlernen des technischen Endspiels auf der einen und der Technik, im Endspiel weit rechnen zu können, den Trainern eine wichtige Stütze sind. Insbesondere in Trainingsbüchern von Alexander Koblenz tauchen aber auch Zwei- und Dreizüger auf (meist unter Verschweigen der Quellenangabe, was in der Schachkomposition gar nicht gerne gesehen wird), die wohl helfen sollen, auch in ungewöhnlichen Situationen eine genaue Berechnung der Züge vornehmen zu können. Ich gehe davon aus, dass seine Schüler wohl auch nicht selten mit Schachproblemen konfrontiert worden sind.
 
Was sich in solchen Konstellationen, also im Wesentlichen Matt in 2, 3 oder mehr für Motive darstellen lassen, möchte ich in der Rubrik „Problem des Monats“ darstellen. Diese hier zu übernehmen, habe ich Jörg Hickl angeboten, der dankend annahm.
Ich habe mich dabei entschlossen, jedem Artikel ein Thema aus der Schachkomposition zu widmen, dazu ein bis zwei Aufgaben zu präsentieren und dann ca. eine Woche später das Thema vorzustellen. Über das Normalschach hinaus gehende Bereiche werde ich eventuell streifen. Es gibt nämlich über das Normalschach hinaus noch die so genannten Hilfs- und Selbstmatts. Hilfsmatts zeichnen sich durch die Kooperation beider Parteien zum Matt aus, während Selbstmatts sozusagen „Schach paradox“ ist: Wer matt setzt, hat verloren. Selbstmatts sind mein absolutes Steckenpferd. Über 90% der Stücke, die ich komponiere, sind Selbstmatts. Noch abgefahrener wird es dann beim Märchenschach, bei denen es noch weitere Bedingungskomplexe, Figuren und Forderungen gibt. Ein letzter zu nennender Bereich ist die Retroanalyse, bei der die Historie einer Stellung Teil der Aufgabenstellung ist. Dort gibt es einige Aufgaben, die gerne bei Vereinsabenden vorgeführt werden, wie z.B. „König über Bord“.

Schon bald wird es hier mit dem "Problem des Monats" losgehen und auch die "Studie des Monats" werde ich betreuen. Das obige Diagramm entstammt der Geburtszeit der Schachkomposition. Es handelt sich um eine recht bekannte arabische Mansube (so wurden die damals erdachten Stücke genannt; lt. Wiki heißt das so etwas wie "Anordnung") aus dem 10. Jht. Weiß ist am Zug und setzt matt in 5 Zügen.

Freitag, 20. Januar 2012 13:35

Eine völlig normale Großmeisterpartie

Kennen Sie die Mitglieder unserer Schachnationalmannschaft? Dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie zu der kleinen Gruppe der fortgeschrittenen Spieler über  DWZ 2000 gehören. Zumindest zeichnete eine stichprobenartige Umfrage bei meiner Schachreisen-/Trainingskundschaft  ein ernüchterndes Bild: Einer von 20 kannte sich in der Materie aus! Dabei stehen diese Spieler mit einem Schnitt von 1700 Punkten in gewisser Weise für den durchschnittlichen Vereinsspieler bzw. zählen sogar zu den Schachbegeisterten.
Auch wenn das Ergebnis keineswegs als repräsentativ gelten kann, zweifele ich daran, dass die gesamte Quote 15% der Organisierten deutlich überschreitet.

Nun gut, einen haben wir mit der Diskussion der letzten Monate etwas gepusht – Arkadij Naiditsch kennen einige mehr, und auch der Bundestrainer rückte in den Focus der Schachöffentlichkeit. Bleibt noch Jan Gustafsson, der mit einem inzwischen allmählich verwaisenden Blog auf sich aufmerksam machte.

Grund genug, in Zukunft etwas mehr auf bedeutende Personen des Schachs einzugehen und nicht nur die Züge in den Vordergrund zu stellen. In der letzten Zeit fiel mir dabei wieder eine Größe der englischen Szene, Tony Miles, auf, der öfters in Olaf Steffens Beiträgen Erwähnung fand:

In den 80ern und 90ern gehörte Englands erster Großmeister zur erweiterten Weltspitze und fiel neben diversen glanzvollen Opensiegen durch die eine oder andere skurrile Aktion auf.
So wurde seine denkwürdige Provokation des Weltmeisters 1980 im Match UDSSR-England legendär, als er es „wagte“, auf 1.e4 mit dem bekanntermaßen minderwertigen 1. - a6 zu antworten.

Karpow soll danach nie wieder ein Wort mit Miles gewechselt haben. Getroffen fühlte er sich  wohl aber mehr durch das denkwürdige Ergebnis… Passend dazu auch ein Beitrag aus dem englischen Schachsatiremagazin Kingpin: Has Karpov Lost his Marbles?

Später machte er von sich reden, als er in einem Weltklasseturnier (Tilburg 1984) aufgrund von Rückenproblemen einige Partien  auf einem Bett liegend absolvierte. Einen kleinen Einblick in sein illustres Leben vermittelt Kevin Spraggett in seinem Blog oder auch Paul Lams Artikel in ceasefire´s chess corner.

Not gegen Elend

Auch ich lernte Miles näher kennen, Als Kommentatoren der FIDE-Kandidatenturniere in Sanghi Nagar (in der Nähe Hyderabads) 1994 waren wir 3 Wochen zusammen in einem Gästehaus „interniert“ und spielten so manche Blitzpartie.
Einige Monate später, ebenfalls in Indien, beim Kalkutta-Open kam es zu unserer zweiten Turnierpartie. Es war einer jener Momente, in denen man sich wünscht, seinem Chef einfach eine Krankmeldung übermitteln zu können. Die für Touristen nicht unbedenklichen Hygieneprobleme bescherten mir eine seltsame Fieberattacke, doch eine Auszeit gibt es im Turnierschach nunmal nicht.

Miles,Anthony J (2590) - Hickl,Joerg (2535) [A46]
Goodricke op 05th Kalkutta (5), 1994

 1.d4 d6 2.Sf3 Sf6 3.Sc3 Lf5 4.Lg5 Se4 5.Sxe4 Lxe4 6.Sd2 Lg6 7.e4 d5 8.Ld3 c6 9.Dg4 dxe4 10.Lxe4 Sd7 11.0–0–0 Sf6 12.Lxf6 gxf6 13.f4 Lxe4 14.Sxe4 Dd7 15.f5 0–0–0 16.Kb1 Dd5 17.The1
vore6Aufgrund der bekannten gesundheitlichen Probleme und der nicht nach meinen Wünschen verlaufenen Eröffnung – idealerweise hätte sich alles schnell getauscht und die Möglichkeit eines Remisangebots eröffnet – setzte hier schon eine innere Verzweiflung ein, die das Urteilsvermögen erheblich trübte. Die schneller als gewöhnlich tickende Uhr tat ihr Übriges. Ich sah mich ganz deutlich auf der Verliererstraße. Doch mit etwas Abstand betrachtet, war hier noch gar nichts Weltbewegendes passiert. 17. - e6?! Nun schon ein bisschen 18.fxe6 f5 19.Dh3 fxe6 20.Sg5 Te8 21.Te5 Dd7 22.Tde1 Lg7 23.Txe6 Txe6 24.Sxe6 Te8 25.Dxf5 Lxd4 26.a3 Lb6 27.g4

vor27a6

a6 28.c4 Kb8 29.Ka2 Ka7 30.Te4 h6 Ungefähr ab diesem Zeitpunkt befanden wir beide uns in immer größer werdender Zeitnot, was keineswegs als Entschuldigung herhalten kann. 31.h4 Te7 32.g5 hxg5 33.hxg5 Dd3

nachbesser34dg4
Analysediagramm: 34. Dg4 wäre hier offensichtlich besser gewesen. Der g-Bauer ist wohl kaum zu stoppen.

34.Sc5 Dc2 35.g6 a5 36.Se6?! a4= Von nun an ist kaum noch etwas richtig 37.Df6?? (Sc5, Sg5=) Td7 –+ 38.Te1

vor38td2

Td2??= (38.-Td3 (droht Txa3+) 39.De7 Tb3 40. Tb1 Dxc4 41. Ka1 Te3 gewinnt den Springer) 39.Tb1 Tg2?! 40.Df4 (g7) Txg6 41.Sg5?? Db3+ 42.Ka1 Le3 0–1
Die damals noch obligatorische gemeinsame Analyse der Partie entfiel nach einem kurzen verbalen Austausch. Nachdem ich kopfschüttelnd meine Depression nach dem 17. Zug zum Ausdruck brachte und mich für den Sieg etwas entschuldigte, kam von der anderen Seite nur kurz, er müsse nun dringend weiter: Fieber hätte gegen Durchfall gewonnen!

Solche Partien machen Mut, auch gegen deutlich stärkere Gegner immer am Ball zu bleiben! Schach ist der Sport zwischen Menschen und nicht Computern.

Tony Miles starb am 11. November 2001 im Alter von 46 Jahren an den Folgen von Diabetes.

Donnerstag, 19. Januar 2012 11:33

Schachbundesliga in Österreich

In Österreich startet die Ligasaison mit Verspätung. Grund ist der Wunsch von Meister SK Sparkasse Jenbach, sich als Ausrichter zu präsentieren, was in dem Tiroler Städtchen aber erst nach der Skisaison am 19-22. April möglich ist. Jenbach wird in der Regel, ebenso wie Mitfavorit SK Advisory Invest Baden, mit sechs Großmeistern an die sechs Bretter gehen. Vier Großmeister zählt Österreich, 54 Großmeister sind in der Liga gemeldet, eine Beschränkung der Einsätze von Ausländern gibt es nicht.

An diesem Wochenende stehen drei Runden in Wien an. Damit ist die Hauptstadt erstmals seit 1997 wieder Spielort. Geboten wird ein reichhaltiges Programm mit Kommentierung, Ausstellung (Thema Schulschach), Spielerparty, Kindernachmittag und Jugendkadertag, damit es richtig brummt auf der 19. Etage des Tech Gate, einem an der Donau gelegenen Technologie- und Wissenschaftspark. Auch fürs Onlinepublikum wird mehr denn je geboten mit einer neuen Liga- und Liveseite und einem ergänzenden Livestream der Kommentierung. Freitag wird ab 16.15 Uhr, Samstag ab 14.15 Uhr und Sonntag ab 10.15 Uhr übertragen.   

Österreichische Bundesliga 20.-22. Januar
http://www.schachbundesliga.at

Dienstag, 17. Januar 2012 16:52

Doc Snyder hält die Welt in Atem

Blitzschach ist ein Spiel für Räuber und Verbrecher.“ (Hans Müller, 1896 – 1971, Meisterspieler aus Österreich)

Bremen, westliche Stadtgrenze, zweimal fünf Minuten: Der Landesverband hatte gerufen, und viele SchachspielerInnen waren dem Ruf zur Bremer Blitzweltmeisterschaft ins Bürgerhaus Oslebshausen gefolgt.

Auch ich war angereist, wenn auch erst in der allerletzten Sekunde. Spielbeginn war um elf Uhr, und um viertel nach zehn saß ich noch immer vor meinem Heringsbrötchen im östlicheren Teil von Bremen (Ausgewogene Ernährung: Grundlage für ein erfolgreiches Schachturnier).
Leider war ich noch unentschlossen, ob ich denn nun wirklich mitspielen oder lieber den Tag mit anderen sinnvollen Dingen verbringen wollte  (Unentschlossenheit: kein Merkmal eines starken Blitzspielers). Erst gegen halb elf entschied ich mich dagegen, heute den Vogelkäfig zu putzen, eine Klausur zu korrigieren und später in der Sonne ein Buch zu lesen –mit dem Auto eilte ich stattdessen unter leichtem Zeitdruck los in Richtung westliche Stadtgrenze nach Oslebshausen, wackelte nervös mit den Ohren an jeder roten Ampel und hatte den Minutenzeiger immer im Blick. (Zeitmanagement: wichtig für jeden Blitzspieler). Um zwei vor elf parkte ich vor dem Eingang des Bürgerhauses, eilte hinein, und sah schon den Landesturnierleiter Rolando Schlosshauer:„Hallo Rolando, kann man sich noch anmelden?“
Kurzes Zögern beim Turnierleiter, Blick auf die Uhr, ein Blick auf den Computer, dann ein „Ja.“ Und alles war gut, ich war dabei! (Zeitkontrolle schaffen: für jeden Blitzspieler unerlässlich).

rathaus bremen

       Bremen, Schauplatz mehrrundiger Blitzturniere

Es folgte ein Blick in die Runde, und wirklich, war das wahr? Überall starke Spieler! Vorjahressieger IM Tobias Jugelt, dann IM Sven Joachim (Werder Bremen), Malte Meyer vom Delmenhorster SK und die beiden polnischen IM Tomasz Warakomski und Michal Luch, die beide am Tag darauf in der Liga für Delmenhorst antreten wollten. (Warakomski ist so etwas wie der polnische Robert Rabiega, denn auch er war schon Meister seines Landes im Blitzschach.)
Und dann, wer war da noch? Na klar, der unermüdlich schachreisende und uns allen sehr bekannte Zoodirektor, IM Ilja Schneider!

Hinter all diesen tummelte sich noch eine große Menge anderer starker Spieler des Bremer Landesverbandes - wenn DAS kein Teilnehmerfeld ist, dann weiß ich es auch nicht.

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Fußballgrüße in der Eingangshalle des Bürgerhauses

Und wie das nun immer so ist beim Blitzen: alle nahmen sich die Punkte gegenseitig ab. Alle? Nein, einem gelang es, stetig Punkt um Punkt zu sammeln, und nach intensiven 15 Runden als deutlicher Sieger festzustehen. (Viele Punkte sammeln: Grundlage für ein erfolgreiches Schachturnier).
Mit einem schnellen Remis gegen Hugh Ditmas (Bremer SG) erreichte der berühmte Ilja Schneider Platz eins und gewann als Gast aus Berlin bzw. Hannover den ersten Preis.
Den offiziellen Titel „Bremer Meister 2012“ sicherte sich allerdings Malte Meyer, der als Delmenhorster mit schnellem und dabei trickreichem Spiel fast so viele Punkte sammelte wie Ilja.
Auch den offiziellen Titel des Bremer Seniorenmeisters konnte Ilja trotz seiner vielen Punkte nicht erringen – Erster in dieser Kategorie wurde einmal mehr der unverwüstliche Boris Tschetschelnitski von der Bremer SG.
Auf Platz drei der Endtabelle folgte mit Tobias Jugelt ein weiterer Delmenhorster und gleich dahinter Michal Luch vom (es wurde langsam unheimlich!) Delmenhorster SK. Erst dann die ersten Werderaner mit Sven Joachim, Detlef Schötzig und mir, bevor dann die nächsten Plätze wieder mit Delmenhorstern … aber lassen wir das.

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Der neue Landesmeister Malte Meyer, links von ihm Michal Luch
                                                                           (Photo: Oliver Höpfner)

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Detlef Schötzig setzt Matt! Aber wer ist der Kaffeetrinker im Hintergrund?
                                                                                  (Photo: Andreas Burblies)

Mein eigenes Turnier war ein ausdauerndes meditatives Pendeln zwischen erster Tischreihe (Brett 1 – 3) und der Tischreihe 2 (Brett 4 – 9). Kaum hatte ich mit Weiß trotz mauer Eröffnung mal gewonnen und rutschte hinauf, bekam ich dort auf die Mütze und wurde mit Schwarz wieder genullt, trotz eigentlich ganz annehmbarer Stellungen. Schon saß ich wieder mit netten Menschen in der zweiten Reihe, und ich glaube, dort gehörte ich eigentlich auch viel eher hin. Und ansich ist es dort ja auch schon ganz schön!

Das Turnier war mit rund 50 Spielern sehr gut besucht. Einige Spieler kommen dem Vernehmen nach vor allen Dingen auch darum so gerne, weil der SK Bremen-West als Ausrichter zum Mittagessen immer schmackhafte und unglaublich leckere Spaghetti Bolognese auf den Tisch zaubert. Mit reichlich Parmesan, wenn man will, und das Ganze für nur 3,- Euro. Wo gibt es das heute noch? Ein Hoch auf den Ausrichter! Würde auch die Bremer SG bei den Offenen Bremer Meisterschaften im April solche Spaghetti anbieten – ich würde mich sofort anmelden.

Wir kommen nun zu unserer beliebten Rubrik Was würde der Schiedsrichter sagen?

blitz-bremen-2012

a) Weiß steht irgendwie gut, aber Schwarz sagt: „Deine Zeit ist abgelaufen, Fremder.“ Ist die Partie Remis oder hat Schwarz gewonnen?

b) Weiß steht irgendwie gut, und er hat noch drei Sekunden übrig. Kann er auf Remis reklamieren?

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„Wichtig ist die letzte Runde“, raunte mir mein Vereinskollege Stefan Preuschat gleich nach dem großen Spaghetti-Essen in der Mittagspause zu. In der Schlussrunde sollte man nach Stefans Theorie nicht verlieren, denn weil man das nicht mehr ausgleichen kann, endet das Turnier mit Agonie und Enttäuschung. Das will man nicht! Darum arbeiteten wir uns nun vorsichtig vor bis zur Abschlussrunde, achteten darauf, am Ende in der richtigen Tischreihe zu sitzen, und wirklich – nur eine Niederlage für uns in der letzten Runde! Unser Seelenheil war somit zumindest teilweise gerettet, und beim nächsten Mal wird es bestimmt noch besser gehen.
Auch sonst ist auf Turnieren dem inneren Frieden durch das eine oder andere Remis vielleicht mehr gedient, als wenn jedem flotten Sieg die nächste harte Niederlage folgt und man wieder mit langen Gesicht auf die nächste Auslosung lauern muss. Da drücken zwei kluge Unentschieden doch deutlich weniger aufs Gemüt. Aber man kann es sich ja nicht immer aussuchen, und überhaupt – Unentschieden? Wir sind doch beim Blitzen!

blitzschach

Nun ist das Blitzschach als solches ja oft schon ein Fall für den Bundesinnenminister. Es wird getrickst und gemogelt, und immer wieder stellt sich die Frage, ob man den Gegner über die Zeit heben darf oder nicht. Soll man in ausgeglichener Stellung das Remis ablehnen, weil der Andere mit zehn Sekunden auf der Uhr die Zeitkontrolle nicht mehr schaffen wird? Einige Spieler sagen „Na klar soll man das!“ und gewinnen so auf Zeit. Schön und ritterlich ist das nicht, jedenfalls aus Sicht einiger Gegner. Andererseits – it´s a Blitzturnier, stupid, und da darf man sich wahrscheinlich nicht wundern, wenn jemand auch mal auf die Uhr guckt.

So sieht es auch Bernd Feustel, Altmeister aus Süddeutschland und Deutscher Blitzmeister des Jahres 1980, in seinem Kleinen Blitzschach-Brevier:

Nichtsdestoweniger gibt es jede Menge Blitzschachspieler, die nicht davon ablassen können, eine solche klare Remisstellung bis zum Umfallen weiterzuspielen, was man ihnen weder verbieten noch verübeln sollte Immerhin könnte der Weiße ja durch unbedachte Züge oder Fingerfehler noch das Remis verschenken. […]
Abwartezüge sollten deshalb stets eine minimale Zuglänge haben und zudem auf der Brettseite geschehen, auf welcher die Uhr steht. Damit ist gewährleistet, daß der mechanische Zugweg gering gehalten wird und der Zeitverbrauch auf den kleinstmöglichen Wert reduziert wird.“

schachuhr

Gerade bei den elektronischen Uhren kann man relativ unbeschwert die verbleibende Zeit ablesen – und mit kalkuliertem Risiko auf die Zeitnot des Gegners weiterspielen. Und dennoch - es ist hart, es ist nicht schön, und es ist eine Gewissensfrage. Wir Schachspieler stehen ja oft vor solcherlei moralischen Problemen. Das wird in der breiten Öffentlichkeit gerne unterschätzt.

bremen

Jedes Blitzturnier trägt den Keim der Gesetzlosigkeit in sich

Es hat also wieder Spaß gebracht, mit einem spannenden Teilnehmerfeld, einer professionellen Organisation und der irgendwie sehr familiären Atmosphäre in Bremen-West. Es wurde gelacht, gestichelt, man sah sich mal wieder. In der Sonne vor dem Bürgerhaus ruhten einige zwischendurch auch einfach aus. Blitzen ist so, als würde man den ganzen Tag mit einem Fußball herumbolzen– es bringt einfach Bock!

Abschließend noch eine kleine Partie – wir sehen meinen einzigen Ausflug ans Spitzenbrett. Dort war ich  für zweimal fünf Minuten zu Besuch bei der deutschen Schachhoffnung Ilja Schneider, der dort mit deutlichem Vorsprung bis zum Ende seine Kreise zog.
Nun ist es kein großes Wunder, dass Ilja auch gegen mich gewann – denn immerhin spielt er ja bei den Chessfriends Berlin mit Levon Aronian in einer Mannschaft. Und Dr. Levon war immerhin -  wer erinnert sich? - Blitz-Weltmeister des Jahres 2010! Hier ist ein tolles Video der entscheidenden Partie gegen Hiraku Nakamura mit dem schönen Titel „Levon Aronian crushes Hikaru Nakamura in a decisive game of the World Blitz Chess Championship“:

aronian - nakamura

 Aronian demonstriert gute Zugtechnik gegen Nakamura, Moskau 2010

Den Hinweis auf dieses Video gab Malte Meyer, seines Zeichens Delmenhorster und neuer Bremer Meister. Ihm gefiel hier besonders die gute Technik der beiden Spieler – obwohl es Blitz ist, ziehen beide nicht in übergroßer Hast, sondern machen in dieser sehr langen Partie Zug um Zug ohne viel Hektik in kontinuierlich hohem Tempo. Gute Technik! Wenn wir nur einmal, ein einziges Mal so gut spielen könnten! Na ja – vielleicht im nächsten Jahr.

ilja1

Ilja demonstriert gute Zugtechnik gegen Thorsten Meyer, Bremen 2012
                                                                                      (Photo: Oliver Höpfner)

"Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem", heißt ein aufregend wilder Western von einem anderen bekannten (nämlich Helge) Schneider. Und atemlos musste auch ich mit ansehen, wie ich in der ersten Tischreihe gegen den „besten Kaffeehausspieler Deutschlands“ so langsam an meine Grenzen stieß.


Schneider,Ilja - Steffens,Olaf [B00]
Bremer Blitz 2012, 14.01.2012

1.e4 b6 2.d4 La6

Prominente Kaffeehausspieler schlägt man am Besten mit ihren eigenen Waffeln.

3.Lxa6 Sxa6 4.De2 Dc8 5.Sc3 g6 6.h4

schneider- steffens1

Schon nach wenigen Sekunden zeigte sich, dass der neue Bremer Blitzweltmeister keine Angst kennt. Nach dem alten Motto Don´t dream it, be it greift er einfach mal gleich an!

6...Lg7 7.e5 h5

Eine leichte Dominanz des Schwarzen auf den hellen Feldern deutet sich an.

8.Sf3 Sh6 9.Sd5

schneider- steffens2

Schock für mich – Chemiestudent Schneider beginnt einen gefährlichen Angriffscocktail zusammenzumischen. Ist es nun schon verloren wegen der gemeinen Drohung 10.Dxa6, Dxa6 11.Sd5xc7? Und was ist mit Sd5-f6+ ? Dunkle Wolken zogen auf, und trotz der knappen Bedenkzeit fand ich Gelegenheit, mir an dieser Stelle Sorgen zu machen. Doch ich hatte Glück - es ging noch ...

9...Db7 10.c4

[Falls 10.Dxa6, so Dxd5; und wenn 10.Sf6+ Lxf6 11.exf6 e6. In der Analyse mit Malte Meyer entdeckten wir noch den eleganten Zug 10.De2-e4, mit dem Weiß böse Pläne verfolgt und zum Beispiel Sxc7+ droht. Schwarz hält sich aber mit 10….Db7-c6.

10...Sf5 11.Lg5 c6 12.Sf6+

schneider- steffens3

Ein Schach, das sich angekündigt hatte. Relativ automatisch zog ich das geplante Lxf6 - leider kam mit der Zug Kf8 gar nicht in den Sinn. Aber na gut - so ist Blitz.

12...Lxf6 13.exf6 e6 14.0-0-0 b5 15.c5

schneider- steffens4

Ein Spiel der Bauernketten, und Iljas Läufer zielt ein wenig ins Leere. Fast alle schwarzen Figuren stehen auf den weißen Feldern - das war schon einmal ein gewisser ästhetischer Achtungserfolg. Ich fühlte mich ganz wohl - allerdings, gegen Doc Snyder, den Zoodirektor, weiß man ja nie so ...

15...Sb4 16.Kb1 Da6 17.a3 Sd5

schneider- steffens5

Hier ging es mir immer noch ganz gut, auch wenn mein Angriff (oder soll man sagen „Angriff“?) nun ein wenig stockt. Aber dieser Springer auf d5 - das müsste doch im Sinne eines soliden positionellen Schachs ganz gut sein?

18.Se5

schneider- steffens7

Ilja gruppiert geduldig um und steuert seine Figuren auf bessere Felder - auch daran erkennt man den guten IM. Hier wäre 18...Db7 plausibel gewesen, um danach die Bauern ungestüm nach vorne zu werfen. Ilja hatte dann 19.g4 geplant, mit der möglichen Folge 19...hxg4 20.h5 gxh5 21.Dxg4 Tf8 22.Txh5 b4 und allgemeinem Gemurkel.
Auch 19.Th3 a5 20.b3 b4 21.a4 Sc3+ 22.Txc3 bxc3 23.Dc4 war eine Idee. Aber wer soll das alles sehen, beim Blitzen? Ich jedenfalls (leider) nicht!
Stattdessen verbiss ich mich in eine andere reizvolle Idee. Denn hängt da nicht die weiße Dame auf e2?

18….Dxa3!?

Rein instinktiv hatte ich bei diesem Zug schon ein mulmiges Gefühl. Immerhin stellte ich damit eine weitere Figur auf ein dunkles Feld, und das widersprach irgendwie der ganzen Idee des schwarzen Aufbaus. Doch eine konkrete Widerlegung fand ich auf die Schnelle nicht, obwohl es eigentlich gar nicht so schwierig gewesen wäre. Ich spielte 18….Dxa3 also so ein bisschen in den Nebel hinein, wie das ja manchmal so ist beim Blitz.
Falls es nicht geht, dachte ich mir, dann habe ich immerhin mal gegen Ilja die Dame geopfert!
So recht getröstet hat mich das nach der Partie dann allerdings doch nicht – aber da hatte ich ja auch schon verloren.

Warum ist Dxa3 nicht so richtig gut? 

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„Blitzschach ist ein Spiel für Räuber und Verbrecher.“, sagte Hans Müller. Es kann sein, dass er Recht hat. Aber selbst wenn es so ist - immerhin kann man beim Blitzen die Zeit vergessen und intensiv mit anderen spielen. Wenn man dann noch Kaffee und ein Heringsbrötchen bekommt, reicht das schon fast für einen glücklichen Tag.
Wie schön, dass es so ist!

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