Das klingt gut
Viele Themen im Problemschach sind nach ihrem Erstdarsteller bezeichnet. So heißt die im letzten Monat gezeigte Schnittpunktbesetzung in der Problemschachfachsprache schlicht "Nowotny", benannt nach Jens, äh, Antonin Nowotny.
Diesen Monat zeige ich die Kombination Kling, benannt nach dem Studienkomponisten Josef Kling. Wie beim Nowotny gibt es auch bei der Kombination Kling eine riesige Menge an Kompositionen. Ich biete euch heute zwei von diesen an. Das etwas leichtere Stück stammt aus dem Jahr 1929 von Ado Kraemer:

Weiß am Zug, matt in vier Zügen.
Noch einen Tick besser finde ich den folgenden Vierzüger, der 47 Jahre später von Camillo Gamnitzer veröffentlicht wurde, der im übrigen viele Beiträge zur Kombination Kling geleistet hat:

Also auch hier : Weiß am Zug, matt in vier.
Hier haltet Einkehr!
Österreichs attraktivstes Turnier findet kommenden Samstag auf der Schönbergalm am Dachstein oberhalb von Obertraun statt. 6000 Euro Preisfonds. Das Startgeld ist in der Seilbahnkarte enthalten. Der Wirt, Siegi Voglmayr, ist ein großer Schachliebhaber. Dieses Jahr ist sogar strahlendes Sommerwetter angesagt, man kann also gleich nach der Siegerehrung die Querung des bis zu 3000 Meter hohen Gebirges angehen, oder meinetwegen auch vorher absolvieren. Kommt zahlreich!
Heilig´s Schächle!
Alle Jahre wieder im Juni treffen sich die besten deutschen Blitzmannschaften und spielen den deutschen Meistertitel aus. Und wahrlich, man höre und staune, an diesem Samstag öffnet sogar eine Kirche in Aachen ihre Pforten, auf dass der schöne und vielleicht sogar heilige Turniersaal für Erleuchtung, Inspiration und trotz allem auch ein wenig Seelenfrieden bei den Spielern sorgen möge. Wer von uns ohne Fehler spielt, der setze den ersten Stein.
Frischauf also, Aachen lockt – und auch in diesem Jahr sind wieder gefährlich viele Top-Mannschaften am Start. Neben dem berühmten Porzer Blitzteam (mit der Hamburger Schachfußballlegende Loek van Wely) wird auch der amtierende Deutsche Meister Bayern München mit dabei sein. Die Chessfriends Berlin (mit dem berühmten Levon Aronian?!) reisen ebenso aus der Ferne an wie Nickelhütte Aue, Forchheim und Tarrasch Nürnberg. Aus dem Norden werfen neben Diogenes Hamburg, dem SK Hameln und dem SC Neukloster auch Werder Bremen, der berühmte Hamburger SK und der Bundesliga-Neuling aus Norderstedt ihre Hüte in den Ring. Gens una sumus – alle Jahre wieder ist es fürwahr ein schönes Erlebnis, wenn man dabei sein kann!

Die Bibel für alle Blitzschachspieler
DJK Aufwärts Aachen ist der Verein, der all das auf die Beine stellt (nicht zu verwechseln mit Salonremis Aachen, dem laut Homepage "geilsten Schachverein des Universums", und wohl ebenfalls nicht mit dem Aachener Schachclub Tigerli ).
Mitten im Zentrum der Stadt gibt der DJK Aachen dieser Blitzmeisterschaft wahrlich einen für Schach beinahe schon untypischen Event-Charakter. Der Spielort in der City-Kirche ist inspiriert gewählt, und rund ums Heilig´s Schächle (schwäbisch für Blitzschach in der Kirche) sorgt auch ein buntes zweitägiges Rahmenprogramm für ein wundervolles Ambiente. Hinzu kommen natürlich auch noch das Viertelfinale der Fußballeuropameisterschaften, und das gute Wetter!
Als Sahnehäubchen haben die Aachener sogar einen Live-Ticker eingerichtet, der am Turniertag immer wieder schnell über den aktuellen Stand der Meisterschaften informieren wird. Beeindruckend! Auch Radiosender und Zeitungen berichten in für uns Normalschachliche kaum glaublicher Fülle. Mehr dazu findet sich auf der sehenswerten Homepage des Vereins, bzw. auch genau hier.

Blitzschach könnte so schön sein, wenn nur die Zeit nicht immer so knapp wäre
Die viele Mühe der Aachener ist wirklich aller Ehren wert. Es steckt ja oft schon einiges an Arbeit dahinter, ein Grillfest für den Verein zu organisieren, und auch ein beliebiges Vereinsturnier veranstaltet sich nicht von alleine. Um so beeindruckender ist es zu sehen, mit wie viel Engagement und (wie man so sagt) freiwilligen Helfern in der Domstadt für diese Meisterschaften ein schöner Rahmen geschaffen wurde.
Nun bin ich nicht wirklich oft zu Gast auf Deutschen Meisterschaften, doch manchmal war es schon so, dass dort in punkto Öffentlichkeitsarbeit und Schachwerbung Chancen vergeben wurden. Es waren zum Teil heimliche Veranstaltungen, bei denen oft sogar das berühmte Schild an der Tür fehlte, das neugierige Besucher in den Saal hätte locken können. Schade!
Ob ich gläubig bin? Das weiß nur Gott allein. (Stanislaw Lem)
Und siehe, wer also Samstag noch nichts vorhat, kann sich aufmachen zum Turnier oder das bunte Treiben virtuell am Live-Ticker verfolgen. Beides lohnt gewiss. Ich freue mich schon drauf, auch wenn wir Werderaner zwar wieder nicht die allerheißesten Favoriten auf irgendeinen Titel sind. Doch was soll´s - solange wir gegen den HSK und Norderstedt und Bayern München gewinnen, ist sowieso alles gut. Viele Grüße nach Aachen!
Referent für Randsport gesucht
Man glaubt es ja kaum – schon wieder läuft der Fußballsport dem Spiel der Könige den Rang ab. Erst vorgestern gewann Deutschland sein letztes Vorrundenspiel gegen Dänemark mit viel Mühe und viel Not – und schon hupten die Autos auf den Kreuzungen, Menschen umarmten und küssten sich, und die Welt war für einen kurzen Augenblick wieder in Ordnung.
Vor einem Dreivierteljahr, wie war es da? Die deutsche Schach-Équipe punktete sich voller Energie durch eine phantastische Europameisterschaft in Porto Carras/ Griechenland und wurde beste Mannschaft des Kontinents. Georg Meier schoss das entscheidende Tor gegen Armenien, doch die breite Masse hat es kaum registriert - wie schade. Oder hat jemand ein hupendes Auto gehört? Sah man tanzende Menschen auf blockierten Straßenkreuzungen? Wurde ich etwa von bezaubernden Frauen umarmt? Wir sind und bleiben eine Randsportart.


Das Gute an unserem Randsport: für Kaffeesponsoren sind wir jederzeit offen!
Nun sollte uns das ja eigentlich gar nicht stören. Randsport sein, das muss ja nichts Schlimmes bedeuten. Manche Menschen sammeln Briefmarken und finden dabei ihr Glück. Andere widmen sich dem Extrembügeln, rauchen, angeln oder machen Square Dance - klein, aber fein und vom Glanz der Medien unbemerkt.
Außerdem sind wir als Randsportler in guter Gesellschaft - laut ZEIT ist sogar Basketball in Deutschland seit neuestem wieder auf diese Bewusstseinsebene zurückgefallen. Doch wen von uns soll es schon groß stören, ob und wie uns die anderen wahrnehmen? Hauptsache, wir sind glücklich mit dem, was wir tun. (Und das sind wir doch, oder?)
Wer es aber doch ein wenig schillernder liebt, kann seine Hoffnungen (wie immer) auf die Zukunft richten.
(Nun hätte eigentlich ein Wort folgen sollen zum Tal Memorial in Moskau, das augenscheinlich Magnus Carlsen knapp vor Fabiano Caruana und Jörg Hickl für sich entscheiden konnte. Leider hatte ich leichte Probleme, die russischsprachige Webseite zu verstehen – darum für heute nicht viel mehr zu diesem Thema. Glückwünsche aber an den unglaublichen Magnus!)

Magnus Carlsen - in Moskau der Konkurrenz wieder weit voraus
Gerne surfe ich ja zum Beispiel auf die Seite des Schachbundes, beklage meine aktuelle DWZ und schaue, was es Neues gibt in der weiten Welt. In letzter Zeit allerdings scheint allerdings nicht mehr viel passiert zu sein - zumindest nicht in der weiten Welt. Aber war da nicht eine Weltmeisterschaft? In Moskau sogar? Der Schachbund berichtet von diesem und von jenem, aber so ungefähr das weltgrößte Schachereignis fand nicht so richtig den Weg in seine Nachrichten.
Zum Glück für uns berichtete ja aber unser aller Hauptsponsor Chessbase liebevoll auf seiner Seite – und da wäre es vielleicht sogar etwas störend gewesen, hätte der Schachbund Leser abgeworben mit eigenen Berichten.
Im Laufe der Jahre sahen wir viel Gutes und viel Interessantes auf der Schachbund-Seite. Klaus-Jörg Lais hat sich dort viel Mühe gemacht, ebenso wie seine Nachfolger Frank Hoppe und Raymund Stolze. Alle waren ausdauernd am Wühlen. Aber es wird auch gute Gründe dafür geben, dass sie alle ihr intensives Engagement früher oder später nicht mehr fortsetzen wollten.
Nun schickt sich der Schachbund an, die Stelle eines Referenten für Öffentlichkeitsarbeit ein weiteres Mal neu zu besetzen und damit den lange Zeit sehr guten Stand seiner Homepage-Berichterstattung zu bewahren.
Die Suche nach einem ehrenamtlich wirkenden Pressereferenten (Frauen werden in der Ausschreibung nicht angesprochen) ist schon seit einigen Tagen hartnäckig die Top-Meldung beim Schachbund. Wir unterstützen das gerne. Leider wird auch dieses Ehrenamt den Kandidaten deutlich mehr Arbeit als (wenn überhaupt) Geld bringen, aber so ist das wohl beim DSB. Offenbar sind wir nur ein sehr kleiner Verband, für irgendeinen Randsport ohne Ambitionen, und da ist einfach nicht mehr drin an Bezahlung. Bitte melde Dich!
Auch eine Etage höher tut sich einiges. Das Weltschach meldet sich zu Wort, und hier fließt im Gegensatz zum verwaisten Pressebereich des Schachbundes eine Menge Geld. Andrew Paulson, Chef des AGON-Unternehmens, schickt sich an, das Spiel der Könige fernsehtauglich zu machen. Und klar, warum auch nicht? Zuerst kaufte er der großen Mutter FIDE die Rechte für den nächsten WM-Zyklus ab, und nun bekräftigte er in einem Interview in Moskau noch einmal seine Pläne, beizeiten auch die Übertragung von Schach auf den Fenseh-Bildschirm zu revolutionieren: "If poker can make it on telly, so can chess".

Schach im Fernsehen - schalten wir um oder bleiben wir dran?
Was würde besser werden, wenn Schach nun auch noch im Fernsehen zu sehen wäre? Wer würde zuschauen – und was genau würden wir sehen? Beim Dart schalte ich ja immer gleich weiter, trotz all der herumfliegenden Pfeile und der johlenden Menschen im Zuschauerraum. Noch schneller geht es mit dem Umschalten, wenn Pokertische und goldene Kettchen zu sehen sind. Sogar wenn die Schach-Bundesliga oder ein Superturnier im Internet übertragen wird, bleibe ich nicht stundenlang vor dem Bildschirm sitzen –auch wenn das natürlich verwerflich ist und man das nicht sagen soll. Der einzige Sport neben Schach, der mich im Moment fesselt, ist Fußball. Ist leider so. Fußball!
Vielleicht ist das Problem, dass man beim Schach insgesamt zu viel denken muss, auch als Zuschauer. Wenn es mit weniger Denken gehen würde, wäre das schon eine Hilfe.

Auch abseits des Schachbretts ist es ohne Nachdenken manchmal schwierig
Ansonsten lässt es sich aber auch als Randsportler ganz gut leben. Nur fremde Frauen könnten uns Schachspieler gerne öfter umarmen, da beneide ich die Fußballer schon sehr. Und ein(e) gut bezahlte(r) Pressereferent(in), das fände ich auch schön. Aber sonst fehlt mir außer ein paar DWZ-Punkten eigentlich nichts.
PS Croatia - Espana 0 : 1. Olé!
Small Slam
Dass Spitzenturniere Spaß machen können, beweist das an diesem Montag zu Ende gegangene Michail-Tal-Gedenkturnier. Von Moskau sollte es für Carlsen und Radschabow gleich weitergehen ins rumänische Bazna. Auch Karjakin, Iwantschuk und Nisipeanu, ja selbst Anand, sind beim "Turnier der Könige" als Teilnehmer aufgeführt. Doch der Wettbewerb, der Ende der Woche losgehen sollte, ist abgesagt. Nur verschoben, hoffen die Veranstalter. Aber im Herbst ist praktisch zu viel los, um noch ein Spitzenturnier in den Kalender zu quetschen. Also ist Bazna wohl zumindest für dieses Jahr ausgefallen.
Nachdem es schon Linares erwischt hat, bleibt von der Grand Slam-Serie heuer wenig übrig. Schliesslich sind London, Moskau, Biel und Dortmund nicht Teil der Serie. Das ist offiziell nur Wijk aan Zee und eben das Finale. Aber deren Ausrichter in Sao Paolo und Bilbao ficht das nicht an. Ihr Turnier zwischen 24. September und 13. Oktober ist gesichert. Kramnik als Sieger von London haben sie schon eingeladen (mal sehen, ob er den Wechsel von Kontinent zu Kontinent dieses Mal mitmachen wird). Carlsen ist nicht nur als Vorjahressieger sondern auch Erster von Moskau eingeladen. Der Sieger von Dortmund soll auch gefragt werden. Und Anand als Weltmeister.
(aktualisiert am 21. Juni)
Bulgarische Impressionen oder eine WM Nachbetrachtung
Nach der Weltmeisterschaft in Moskau brauchte die Krennwurzn dringend Urlaub, aber das Wetter im geplanten Urlaubsgebiet wollte sich nicht den Wünschen anpassen und so wurde kurz entschlossen am Samstag eine Woche Sonnenstrand in Bulgarien mit Abflug Sonntag gebucht. Der Sonnenstrand liegt nördlich von Burgas am Schwarzen Meer und ist ein „Ballermann“ in einer wunderbaren Bucht in der Nachbarschaft des UNESCO Weltkulturerbes Nessebar. Für Schach-, Bade- und Technomusikinteressierte findet dort Anfang September im Rahmen der Czechtour das Sunny Beach Open 2012 statt.
Aber was soll das Geschwafel über Urlaubsreisen und Schachturniere werden Sie sich nicht zu Unrecht denken und da will ich Sie gar nicht länger auf die Folter spannen. Wie die Krennwurzn so durch die diversen Verkaufsbuden schlendert, fällt ihr Blick auf ein Schachbrett, das umgeben von Schlagringen zum Verkauf angeboten wird. Sofort sind die Gedanken wieder bei der als langweilig kritisierten Weltmeisterschaft – ja es muss wieder mehr Brutalität in den Schachsport kommen. Die Fans wollen Schlachten sehen, erschaudern vor Angst ob der geliebte Schachspieler alle Gefahren des Variantendschungel gut überstehen wird und sich mit letzter Kraft als Sieger vom Brett schleppen wird. Und natürlich möchten wir den gehassten Gegenspieler sehen wie er trotz aller schmutzigen Tricks dennoch aus dem bitteren Krug der Niederlage trinken muss. Ja – das Gute muss im heroischen Kampf siegen!

Nach so viel Aufregung musste ich wegen 30 Grad Außentemperatur dringend ins Meer zur Abkühlung und da der Strand hier schön sandig und sehr flach ist, lädt er dazu idealerweise ein. Das um die 20 Grad warme Wasser kühlte dennoch das in Wallung geratene Blut schnell wieder ab und so machte sich die Krennwurzn ein paar weitere Gedanken, warum eigentlich der vergangene WM-Kampf von vielen so hart kritisiert wurde und mildestens als etwas langweilig bezeichnet wurde.
Eigentlich war es doch ein Wettkampf ohne grobe Fehler – möglicherweise könnte man Df6 von Gelfand zwar als solchen bezeichnen, aber so weit gingen nicht einmal die Experten von denen einige selbst die Widerlegung live selbst nicht gesehen hatten. Und ansonsten wurde uns vorgeführt wie schnell und dynamisch man die Luft aus der Stellung nehmen kann ohne dass man lang ausanalysierte und hinlänglich bekannte Hauptvarianten, die unweigerlich ins Remis führen, bemühen muss. Das „alte“ Schach bietet genügend Raum, man benötigt weder 30,40 oder sonstige Remisverbotsregeln und auch kein 960 Fischerschach gegen lange vorbereitete Varianten und Fallen – nein, das geht alles ratzfatz „on the board“ in ungefähr 25 Zügen haben uns die Finalisten eindrucksvoll bewiesen! Endlich ist er da, der schon von Capablanca im vorigen Jahrtausend beschworene Remistod. Aber halt! Vermuten wir nicht schon lange, dass Schach Remis sein könnte und dennoch sogar die stärksten Engines sind immer noch in der Lage gegeneinander zu gewinnen, obwohl die Remisquote in solchen fehlerarmen Wettkämpfen schon hoch ist und weiter steigen wird. Remis aufgrund von fehlenden Fehlern bzw. aus nicht als solche erkannte kann nicht der Grund unserer Unzufriedenheit gewesen sein.
Wahrscheinlich war es der fehlende Hass der Spieler aufeinander, der korrekte sportsmännische und professionelle Umgang miteinander, der in der Schachwelt das Fadheitsgefühl erzeugte. Das Schach auf diesem Niveau verstehen die wenigsten von uns – ehrlich gesagt geht es uns wie dem berühmten Schafhirten beim Verständnis der Formel 1 Technik. Uns fehlte die Show rundherum! Kein Topalov der ankündigt jedes Remisangebot schroff abzulehen, keine Unterstellungen bezüglich unerlaubter Computerunterstützung während der Partie, keine politischen und weltanschaulichen Diskussionen – ja nicht einmal Kritik an der Farbe der Socken. Nichts, gar nichts! Nur fairer und ehrlicher Sport – das ist ja urlangweilig!
Und dann geht die Fairness noch so weit, dass der Weltmeister keine Privilegien mehr genießt und zur Titelverteidigung auch noch den Wettkampf gewinnen muss! Möglicherweise ist das aus Zuseherinteresse wirklich etwas übers Ziel hinausgeschossen, denn erstens lieben wir Weltmeister, die lange ihren Titel verteidigen und das Schach dominieren – die meisten von uns erinnern sich eben nur an die Zeiten ab Fischer 1972 und da gab es dann lange Karpov gefolgt von Kasparov. Die unruhigen Zeiten in den Nullerjahren des neuen Jahrtausend mit Parallel, KO und sonstigen Weltmeister waren nicht nach unserem Geschmack und sehr unübersichtlich noch dazu! Daher wäre wohl die Ungerechtigkeit, dass der Herausforderer den Weltmeister schlagen muss der Spannung und der Dramatik eines WM-Matches nicht unabträglich – aber wäre das dann noch zeitgemäß?
Die Kritik ging noch weiter und besagte, dass doch die aktuell stärksten Spieler um die WM Krone spielen sollten und nicht ein zufriedener überalterter Weltmeister mit Rücktrittsgedanken gegen einen noch älteren und in der Weltrangliste schon abgerutschten Herausforderer. Nun die beiden sind um die fünf Jahre jünger als die Krennwurzn und auch diese fühlt sich noch nicht so alt, ebenso wie viele WM-Kritiker und Schachfreunde, die wohl auch schon in der zweiten Lebenshälfte angekommen sind. Zudem gibt es nicht alte und junge sondern nur gute oder schlechte Schachspieler und beide haben sich ihren Finalplatz redlich und den Regularien entsprechend erspielt – nein, Leute dieser Kritikpunkt zählt nun nicht wirklich!
Bleibt nur mehr die Kreativität und die Schaffenskraft oder wie wir Schachspieler lieber sagen die Genialität! Fischer war so genial, das man ihm alle anderen menschlichen Unzulänglichkeiten einfach vergeben musste, Karpov war der ideale Technokrat, Kasparov einfach unsterblich und Carlsen der Mozart des Schachs! Da ist es schwer für die anderen einen würdevollen Platz in unseren Herzen zu finden. Aber weil wir gerade bei Mozart sind, auch nach seiner leichten und genialen Musik fanden andere den Mut ebenfalls hörenswerte Musik zu komponieren – wie beispielsweise der gestrenge Anton Bruckner aus der unmittelbaren Heimat der Krennwurzn.
Weinen wir nicht genialen Mozartklängen nach, sondern vergleichen wir den WM Kampf Anand gegen Gelfand lieber mit einer schwermütigen Brucknersymphonie und erfreuen uns daran!
Und während die Krennwurzn schon etwas zu sehr abgekühlt aus dem Meer entflieht, schleicht sich der Gedanke, ob sich vielleicht nicht doch ein geschäftstüchtiger Promoter finden wird, der WM-Kämpfe mit Schachbrett und Schlagringen austragen lässt, in die bibbernde Krennwurzn.
Der nächste FIDE-Präsident
Gemunkelt wird seit Monaten. Nun ist die Katze aus dem Sack. Garri Kasparow sagte der Frankfurter Allgemeinen, dass er 2014 wahrscheinlich selbst für die FIDE-Präsidentschaft kandidieren werde. Auch die Unterstützung eines anderen Kandidaten schließt er nicht aus. Hauptsache, Iljumschinow kommt weg. Der Schaden, den der Kalmücke für Schach angerichtet hat, zuletzt Ende April mit einem Besuch bei Syriens Diktator Assad, sei immens.
Anders als 2010, als er Karpow unterstützte und die Kampagne kurz und nicht ausreichend vorbereitet war, plant Kasparow von langer Hand. Er hat ein positives Projekt (nämlich Schach in die Schulen zu bringen). Er hat erste Erfolge (vor allem die Unterstützung des EU-Parlaments). Er hat eine weltumspannende Struktur: seine Kasparov Chess Foundation ist mit Büros in Brüssel, New Jersey, Johannesburg, Sao Paolo und Abu Dhabi auf allen Kontinenten außer Australien vertreten. und er hat Geldgeber.
Die Chancen stehen besser als 2006 für Bessel Kok und 2010 für Anatoli Karpow. Die nächste FIDE-Wahl findet 2014 im demokratischen Norwegen statt. Die FIDE-Führung ist im Clinch mit dem mächtigen Russischen Schachverband. Ali Nihat Yacizi, der Iljumschinow selbst (und von dessen Gnaden) beerben will, demontiert sich als Veranstalter der Schacholympiade gerade selbst. Um zu gewinnen, muss Kasparow neben den Stimmen der nicht käuflichen Verbände (vielleicht ein Drittel) auch die, nennen wir sie: nicht völlig korrupten Delegierten gewinnen.
Man muss jetzt nicht glauben, dass unter Iljumschinows Anhängern das große Zähneklappern ausbricht. Im Gegenteil herrscht Vorfreude. Viele erwarten, so hört man, dass russisches Geld in Hülle und Fülle an sie fließen werde, um einen Erfolg des Putin-Gegners auf dem Schachparkett zu verhindern. Aber wenn man im Kreml Kasparow wirklich loswerden will, macht es da nicht eher Sinn, ihm die Spielwiese des Weltschachbunds zu überlassen?
Aber warum tut Kasparow sich die FIDE an? Hat er nicht schon genug um die Ohren? Oppositionsarbeit gegen Putin. Eine junge Familie (seine dritte). Eine ohne FIDE-Ambitionen im Hintergrund vielleicht glaubwürdigere Schulschach-Organisation. Daneben Buchverträge (dieses wurde anscheinend von 2012 auf 2016 (!) verschoben), Vortragsreisen, dazwischen auch mal ein Auftritt als WM-Kommentator oder Simultanspieler. Ferner sucht er ja auch schon Jobs als Trainer und Sekundant. Hat Kasparows Tag mehr als 24 Stunden? Hat der Mann noch nie von Burnout gehört?
Anand meint ja, wie er nach seiner Rückkehr von der WM sagte, Kasparow bereue seinen zu frühen Abtritt als Spieler und sehne sich die frühere Aufmerksamkeit zurück. Und Gelfand fände es einen Segen für das Schach, würde der Übervater nicht rummaulen sondern wieder spielen.
Wenn Kasparow es ernst meint mit der FIDE-Präsidentschaft sollte er nicht nur fokussieren sondern auch seine Rhetorik überdenken. Das verbale Austeilen und Aufdecken von Missständen zumindest öfter mal anderen überlassen und selbst so positiv wie möglich auftreten. Schließlich muss seine Message lauten, Schach voranzubringen. Chess, We Can!
Fast allein auf weiter Flur
Manche Schachprobleme und Studien bleiben einem einfach im Gedächtnis. Und so dachte ich bei mir: Da hast Du doch neulich so ein nettes Stück gesehen... Doch leider wusste ich die genaue Anordnung der Figuren nicht mehr und so durchsuchte ich meinen Fundus und merkte, dass "neulich" in Wirklichkeit schon Mitte letzten Jahres war, da die Schachzeitung auf Juli 2011 datierte. Der geneigte Leser merkt also, dass mich dieses Stück schon länger beschäftigt.
Beschäftigt ist hier auch der schwarze König, der gleich vier weiße Figuren dumm da stehen lässt. Dadurch hat es der weiße König mit der Übermacht von einem Läufer, einem Springer und einem schwer zu haltenden Freibauern zu tun. Auf Unterstützung kann er dabei nur von seinem treuen Gefährten auf a6 erwarten, insofern ist er nur fast allein auf weiter Flur.

Und so findet Weiß hier einen schmalen Pfad zum Remis. Viel Spaß beim Lösen und Kommentieren!
P.S. Eine kleine Entschuldigung an dieser Stelle an den Autor, der es selbstverständlich verdient, genannt zu werden. Sergiy Didukh war es, der mit diesem hübschen Kleinod den 1. Preis im Jahresturnier von Mat Plus Review gewann.
Krankenbesuch bei Mischa Tal
Moskau ist wieder ganz und gar der Nabel der Schachwelt. In der russischen Hauptstadt hat eine Woche nach der WM das beachtllich (nämlich mit den aktuellen top fünf) besetzte Michail-Tal-Gedenkturnier begonnen. Außerdem läuft noch bis 24. Juni eine sehenswerte Ausstellung von Schachfotos des 20.Jahrhunderts im Haus der Fotografie. Eine der bemerkenswertesten Aufnahmen und außerdem passend zum laufenden Anlass stammt aus dem Juni 1962. Sie dokumentiert Bobby Fischers Besuch bei Mischa Tal, der nach dem dritten von vier Durchgängen das Kandidatenturnier in Curacao abbrechen und sich im Spital behandeln lassen musste. Obwohl vier weitere sowjetische Spieler im Turnier waren, war Fischer der einzige Teilnehmer, der den erkranten Kollegen besuchte - und Tal auch ausdrücklich von seiner späteren Kritik in einem Artikel für Sports Illustrated ("The Russians have Fixed World Chess") ausnahm. Genau fünfzig Jahre ist das her.
Goodbye Mister Yacizi
Die Schacholympiade in Istanbul droht nicht nur ein organisatorischer Tiefpunkt zu werden sondern auch Schauplatz einer schachpolitischen Schlammschlacht. Schiedsrichter aus sieben der größten Schachnationen, nämlich aus Deutschland, der Schweiz, England, Frankreich, den USA, der Ukraine und Georgien kommen auf Willen des Veranstalters nicht zum Einsatz (als einziges Land zweimal unter den leitenden Schiedsrichtern vertreten ist übrigens Österreich). Mit dieser Maßnahme will Ali Nihat Yacizi jene Verbände abstrafen, die 2010 nicht nur Karpow sondern auch zwei Klagen gegen Iljumschinow vor dem Internationalen Sportgericht unterstützt haben, die die FIDE bereits etwa 800 000 Euro gekostet haben sollen. Das ist einem Offenen Brief Yacizis zu entnehmen, der bei Chessvibes nachzulesen ist, und nimmt wahrscheinlich so manchem Ehrenamtlichen und Spieler die Lust auf die eigentlich geplante Reise. Passt eigentlich weder zur Ansage einer perfekten Organisation der Schacholympiade von FIDE-Vizepräsident Makropoulos am 19. April noch zum Touri-Werbeslogan "Türkei - Macht einfach Spaß".
Die hier geschilderte unbefriedigende Finanzierung der Schacholympiade und das sich daraus ergebende Abzocken der Schachverbände für Unterkünfte hat den ECU-Präsidenten (und Erzfeind Yacizis) Silvio Danailow seinerseits zu einem Offenen Brief an alle Schachverbände veranlasst, der einige interessante Summen anführt und einige kryptische Andeutungen (es geht wohl um Rechtsstreitigkeiten Yacizis mit Gegnern und Kritikern in der Türkei) enthält: Da ich den (mir von einem der Verbände zugespielten) Brief im Netz nicht finde, gebe ich ihn wieder:
"To FIDE President H.E Kirsan Ilyumzhinov
To FIDE Presidential Board
To WCO Commission
To All National Federations
Madrid, June 6th 2012
Open letter regarding 40th Chess Olympiad in Istanbul Turkey
Big Disappointment in Istanbul?
For the past few days I have received e-mails and phone calls from various
members of the chess family, most of them being Presidents of national federations. All of
them have expressed a deep concern and resentment in relation to the 40th Chess
Olympiad in Istanbul.
To be more precise, the level of costs for accommodation and conditions the
organizers operate towards each federation are historically negative.
Also, as the President of a national federation, I was shocked when I saw the
invitation and the regulations.
Only 3 rooms / team, combined with extremely high price for accommodation. If you
compare their prices for a single room in a 5 stars hotel that you can achieve on the
internet at the same hotel, it means that the food should cost more than 120€/day. And,
from what I know about the prices level in Turkey, this food has to be legendary. I am very
surprised that the organizers have not been able to make a better deal than this,
especially when they have more than 30 000 nights and boards which gives them
extraordinary negotiating and purchasing ability.
Until now, I did not feel the need to deal with the rules of FIDE concerning the
organization of Chess Olympiad. This time I am obliged to do that. The conclusion is clear
– the rules are good, but none of the important stipulations of the rules has been complied
with.
It is stated in the rules that the contract between FIDE and the organizer on the
organization of the Olympiad has to be signed three months after the organization of
Olympiad is awarded. Mind you, the organizers of the Olympiad in Tromso signed the
contract in October 2011, which is almost three years before the beginning of the
Olympiad. Also, FIDE and the Turkish Chess Federation signed the contract on 29 April
2012, which is less than four months before the beginning of the Olympiad! Maybe not
needless to say, the rules say that the organizer is obliged to deliver the invitation to FIDE
office six months before the beginning of the Olympiad. In this case, the invitation was
published a bit more than three months before the beginning. Last but not the least, the
rules say that the future organizer is obliged to provide FIDE with the bank guarantee in
the amount of 1 million Euros, in four annual installments. As a FIDE PB member, I am no
familiar with the fact; however the FIDE Treasurer probably knows if the organizer
complied with the rule. He also probably knows if certain measures had been taken if the
rule was not complied with.
All of the above-mentioned would not be a problem if the federations were not faced
with a huge problem after that – the drastic rise in prices and expenses. For the first time
in history, a man, if he is the captain of a women’s team, will not be provided with a single
room by the organizer. ’Find a solution on your own, make arrangements with some other
team’ is the organizer’s message in the regulations. Could any reasonable person even
imagine such a situation – the captains of the Russian and Ukrainian teams having
preparations for the final match with their chess players - in a shared double room? If it
were not sad and cynical, it would be funny.
Let’s take a look at the financial repercussions of all this – let’s assume that a
national federation sends a man to the Olympiad as the women’s team captain. In
addition, it is logical that at least the captain and the best player of a men’s team are
provided with single rooms. Finally, any serious federation would like to send a coach with
each of their teams. The expenses of such a ’pleasure’ amount to 12,600 €! At the last
Olympiad, the price would amount to acceptable 5,000 €.
As a chess organizer, I am sure that around 1,000 persons will use the service of
’separation’ of double rooms or additional rooms that should be paid for. The difference
between the highest price in the previous Olympiads and the prices in the Olympiad in
Istanbul is more than 1 million Euros.
In addition, in the bid for the organization of the Olympiad, it was not stated that
each participant will have to pay the ’organization fee’ in the amount of 100 €. Again very
easily we can realize that more than 2,000 participants at the Olympiad and FIDE
Congress will additionally pay around 250,000 €.
To be more precise, apart from the venue, basically nothing was stated in the bid.
With that being said, the organizer was able to do whatever he wanted – to set the prices
he wanted, to choose the hotels at the airport, railway stations or any other place. FIDE
was the only one who could and had to prevent the organizer from doing all that. But now
we should introduce a very well known phrase – the conflict of interest. Is it realistic to
expect a person to prevent himself from creating hotel prices or to award the organization
of an event to some other organizer because he has not complied with the rules? Could
anyone imagine that a person files a lawsuit in the court against himself, and then writes
an appeal and a response and appears as a witness on both sides?
At the end of this letter, I have to point out that I am not very much satisfied with the
fact that I am the first to react to this problem. However, as the Continental President, I
could not remain silent. I could not remain blind and deaf to the fact that almost 1, 5 million
€ will unnecessarily be gone from the budgets of national chess federations. I am not the
one who should deal with the place where the money will end, but this question is open:
Where does this money go and what for? I raise my voice with a clear message – the
breach of rules at the expense of national chess federations and chess in general has to
stop. Now. Enough is enough.
Silvio Danailov
ECU President"

