To b2 or not to b2

by on08. Oktober 2012
Schwarz am Zug Schwarz am Zug

- für Computer kein Problem. Meine Partie aus einem Mannschaftskampf letzten Samstag fand ich veröffentlichungswürdig, gerade weil sie beiderseits keineswegs perfekt war. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher - aber wenn ich einen Blogbeitrag andenke ziehe ich es auch durch. Lehrreich ist es zumindest für mich denn es zwang mich noch genauer hinzusehen (leider nicht am Brett sondern erst mit Verspätung).

Etwas Vorrede: In mancherlei Hinsicht bin ich vielleicht altmodisch. Techno höre ich nur wenn es sich nicht vermeiden lässt, Jazz oder Klassik dagegen auch freiwillig (und da zücke ich auch mal den Geldbeutel für CDs oder Konzertkarten). Ein Handy habe ich, nutze es aber eher sporadisch - und beim Schach muss ich es nicht ausschalten weil ich es zu Hause liegen lasse. Internet nutze ich natürlich, habe aber keinen Facebook-account. Datenbanken und engines beim Schach? Lange hatte ich darauf verzichtet, das hat sich erst geändert seit ich im Schach-Internet nicht nur konsumiere und kommentiere sondern auch selbst schreibe. Das ist inzwischen fast ein Jahr her, mein erster Beitrag auf Chessvibes erschien am 7.11.2011. Engines können (auch relativ schwachen Spielern) schnell verraten was in manch anderer Leute Partie eigentlich los war, z.B. (dort) bei Kwossek-Rozentalis.

Und wenn man das dann auf seinem Computer installiert hat kann man auch eigene Partien "kontrollieren" - mit wechselndem Erfolg: Manchmal stellte ich halb stolz, halb erstaunt fest dass Houdini mit meinen Zügen weitestgehend einverstanden ist - dann war die Stellung nicht allzu kompliziert. Es ging alles mit rechten Dingen zu; wie gesagt während der Partie verwende ich kein Handy. Mitunter stellt sich heraus dass ich (oder auch mein Gegner) die eine oder andere (taktische) Chance ausgelassen haben. Mal kann er mir verraten ob ein Zug ging den ich zwar erwogen aber mich dann nicht getraut habe. Und dann gibt es Partien wo Houdini die Spieler gnadenlos auslacht, z.B. diese (das ahnte ich schon am Brett) oder auch die heute vorgestellte. Diesmal hatte ich allerdings beim flüchtigen Nachspielen mit dem Computer die Neigung nach Shakespeare auch noch Goethe zu "zitieren": "Habe nun ach, Datenbanken, Houdini und auch noch Stockfish gefragt. Da steh ich nun, ich armer TOR (Thomas Oliver Richter) und bin so klug als wie zuvor" - ich habe zunächst nicht verstanden warum ich, ausgehend vom Titeldiagramm, ziemlich forciert gewinnen konnte.

Legen wir los - es war ein Sizilianer aber nicht die Variante die der Titel vielleicht vermuten lässt:

Stoop-Richter (NHSB Tweede Klasse, Koedijk, 6/10/2012)
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 Ich hatte ja bereits verraten dass ich das seit Jahrzehnten spiele. Gelfand inzwischen auch, aber das liegt nicht an mir. Er kennt mich gar nicht (ich ihn nur vom Sehen) und meine Partien schaffen es nicht in Datenbanken. 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Sa3 b5 9.Sd5 Le7 10.Lxf6 Lxf6 11.c3 0-0 12.Sc2 Lg5 13.h4!?

Kleiner theoretischer Exkurs um mein diesbezügliches Halbwissen und auch mein Langzeitgedächtnis zu demonstrieren: die mir bekannte Hauptvariante geht weiter mit 13.a4 bxa4 14.Txa4 a5 15.Lc4 Tb8 16.Ta2 Kh8 17.Sce3 g6. Das hatte ich vor Jahrzehnten bereits in einer Fernpartie (im selben Turnier habe ich gegen MiBu verloren), und hier kann Weiss 18.h4 versuchen und es wird spannend und kompliziert. Die Premiere auf höchstem Niveau war wohl Ponomariov-Kramnik, Wijk aan Zee 2005 - die Partie hatte ich live gesehen, Pono hatte das offenbar vorbereitet und Vlad musste es am Brett neutralisieren, kam in Zeitnot, hielt aber Remis.  Big Vlad war aber offenbar so beeindruckt dass er es kurz danach selbst mit Weiss versuchte und beim Amber-Turnier van Wely besiegte. Die neueste mir bekannte Partie gab es auf halbhohem Niveau (nur ein Spieler über 2700) bei der Olympiade dieses Jahr.
Datenbanken verraten aber dass die Idee viel älter ist und ein nord-süddeutsches Produkt: bereits 1987 spielten es Markus Stangl und Sönke Maus. Was macht letzterer eigentlich inzwischen - offenbar war 1993 für ihn, was Turnierschach betrifft, aus die Maus? Das Internet weiss alles, ich verrate nur soviel: nach dem IM- holte er noch einen anderen Titel, und offenbar ist er immer noch im hohen Norden aber nicht mehr in Schleswig-Holstein.

Zurück zu meiner Partie:
13.-Lh6 (hier ist der Bauer natürlich vergiftet) 14.a4 bxa4 15.g4 Laut Datenbanken spielt Weiss manchmal h4 und g4 oder auch (Reihenfolge egal) h4 und a4, aber so gut wie nie alle drei Bauernzüge, warum auch immer 15.-Lf4 16.Txa4 a5 17.Sce3 Tb8 18.Sc4 Le6 Ziehen wir Leichtfiguren-Bilanz: die weissen Springer stehen gut, die schwarzen Läufer auch. Der weisse Läufer weiss noch nicht so recht was er will. Der schwarze Springer fühlt sich auf c6 wohl und wartet erstmal ab - vielleicht kann er irgendwann nach b4, d4 oder e5 hüpfen, vielleicht auch Sveshnikov-typisch nach e7 um seinen Kollegen abzutauschen. Ab hier wird es kunterbunt, Fragezeichen bedeuten dass Houdini was zu meckern hat. 19.Sxf4? exf4 20.Dxd6? Damit sind wir beim Titeldiagramm, was nun für Schwarz? Weiss hatte hier noch 9 Minuten für 16 Züge (Zeitkontrolle ist nach dem 36. Zug), und womöglich hat ihn die Zeitnot am Ende gerettet denn darauf spekulierte ich ein bisschen. 20.-Lxg4? Ich hoffte heimlich auf 21.Dxc6?? oder auch 21.Dxf4??, aber das war der falsche Bauer! Houdini besteht auf 20.-Dxd6 21.Sxd6 Txb2 und klarer Gewinnstellung für Schwarz. Das habe ich auch im Nachhinein zunächst nicht kapiert, aber nachdem ich die Stellung am Brett aufbaute wurde auch mir klar dass er wohl Recht hat:

Stoop-Richter2

Besser war übrigens auch 20.-De8, eigentlich logisch dass man bei dem weissen König die Damen lieber nicht tauschen will, aber das hatte ich nicht einmal erwogen. 21.Dxd8 Tfxd8 22.Le2 f3 23.Ld1 Te8 24.Se3? h5? Ich dachte dass mein Bauer auf f3 eventuell bei einem Mattangriff helfen kann (egal ob Weiss noch rochiert oder nicht), aber wo ist denn der Mattangriff? Ich spekulierte wohl wieder auf seine Zeitnot, hier hatte er noch etwa 2 1/2 Minuten. Houdini besteht auf 24.-Le6 25.Lxf3 Txb2 (to b2, yes we can) mit Vorteil (etwa -0.6) für Schwarz. Wohl weil der freie a-Bauer gefährlich werden kann - aber wer will sich schon im Endspiel abmühen wenn man matt setzen kann? Da ist was dran, vorausgesetzt man kann matt setzen. Immerhin hatte ich 24.Se3 "zu Recht übersehen" - Weiss konnte stattdessen rochieren, u.a. dank des kleinen Tricks 24.0-0 Txe4? 25.Sxa5 Txa4 26.Sxc6! Ab hier blitzte mein Gegner, und ich bekam noch einen dritten Elfmeter: 25.b3 Tb5 nach langem Grübeln dieser etwas gekünstelte Zug 26.Lc2 Tc5 27.Kd2 Td8+ 28.Sd5 f5 29.c4 Sb4 siehe Kommentar nach dem 18. Zug 30.Te1 Sxc2 31.Kxc2 fxe4 32.Txe4?? Lf5?? Ich dachte, endlich hat er in Zeitnot was übersehen! Hat er auch, aber nicht diesen vermeintlichen Qualitätsgewinn 33.Se7 S C H A C H ! 33.-Kf7 34.Sxf5 Txf5 und hier bot ich entnervt remis was er akzeptierte.

Während der Partie dachte ich besser zu stehen (am Ende nicht mehr) bezweifelte aber ob das zum Sieg reichen würde. Mein Gegner sagte hinterher dass er, angesichts seiner Schwächen auf b2 und g4, eine Niederlage bereits einkalkuliert hatte. Wer hatte Recht? Irgendwie beide!? Houdini gab mir meistens nur leichten Vorteil aber in der Praxis war die Stellung wohl für Schwarz leichter zu spielen. Jede Ungenauigkeit kann für Weiss fatale Folgen haben, jedenfalls wenn Schwarz dann den Elfmeter verwandelt (oder im 32. Zug ins leere Tor trifft).

Kommentare   

#1 Bercher 2012-10-08 19:55
Und es zeigt sich wieder:
Beim Schach darf man nicht denken !

=> Die Beschreibung eines Fehlers beginn immer mit
Zitat:
"... h5? Ich dachte dass mein Bauer auf f3 eventuell ..."


;-)

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