Tückische Turmendspiele im Tata-Turnier

by on05. Februar 2014

Tata! Die Endspielrubrik ist wieder da, diesmal mit frischem Material aus Holland. Auch in diesem Jahr war das Niveau der Endspielbehandlungen nicht berauschend. Logisch, Carlsen war ja nicht dabei. Aber auch aus Fehlern kann man ja lernen, also schauen wir uns einfach mal ein paar Beispiele an. Die wichtigste Lektion, die ich in diesem Artikel vermitteln will, ist folgende: Schematisches Denken spielt im Endspiel zwar eine wichtige Rolle, darf aber nicht in blindes Befolgen abstrakter Regeln ausarten. Die konkreten Umstände der Stellung dürfen nie aus den Augen verloren werden.

In der Partie Karjakin - Gelfand kam sogar ein Weltklassemann auf erstaunliche Weise vom rechten Weg ab. Die Diagrammstellung ist für Weiß eigentlich kinderleicht gewonnen (er besitzt u.a. zwei Mehrbauern!), nämlich ganz einfach mit 42.Ka5 nebst Durchmarsch des b-Bauern. Schwarz hat nicht einmal den Ansatz einer Verteidigung und ich vermute, Gelfand hätte einfach aufgegeben. Doch irgendwie geisterten Karjakin offenbar gewisse Lehrsätze aus seiner Jugend im Kopf herum und er verfiel auf den Zug 42.Tf3? Offenbar nach dem Motto "erst sollst du den gegnerischen König abschneiden, dann ist es noch einfacher". In Wirklichkeit wird es aber nur komplizierter, denn der schwarze König steht ohnehin zu weit weg, wogegen nun der e-Bauer zu einem echten Ärgernis wird. Aber die Stellung bleibt zunächst trotz allem klar gewonnen. 42...e4 43.Tf1 e3 44.Kc4?? Bei aller Liebe: Den aktiven König zurückzubeordern, ist nun wirklich Humbug. Vielleicht war Karjakin einfach rechenfaul oder er hatte schon wieder einen schlauen Spruch im Kopf wie "im Endspiel sollst du nichts überstürzen". Dabei gab es auch hier noch äußerst geradlinige Gewinnwege, z.B. 44.Te1 Te8 45.b6 Kf5 46.Kb5 Ke4 47.Kc6 Kd3 48.Kxd6+- Sicherlich keine Variante, die einen Karjakin normalerweise überfordert, wenn er unbefangen aufs Brett schaut. 44...Tc8+ 45.Kd3 (?) (45.Kb4!) 45...Tc5 46.b4 Txd5+ 47.Kxe3 Txb5 48.Tf4! Endlich wieder ein guter Zug, nach welchem die Stellung zum Glück immer noch knapp gewonnen ist. Karjakin hatte inzwischen sicherlich gemerkt, was er angerichtet hatte und riss sich mächtig am Riemen. Die weiteren Züge sind auch ohne Kommentar verständlich: d5 49.Kd3 Rb7 50. Kc2 Rb8 51. Kc3 Rb7 52. Rf8 Rc7+ 53. Kb3 Rd7 54. b5 d4 55. Kc2 d3+ 56. Kd2 Rd5 57. Rg8+ Kh6 58. Rg5 Rd4 59. Rc5 Kg6 60. b6 1-0 Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?

 

Eine andere bekannte Regel lautet, dass man im Endspiel den König aktivieren soll. Das ist natürlich nicht verkehrt, wird aber gerne missverstanden: "Aktivieren" ist im Sinne von "ins Geschehen einbinden" zu verstehen, nicht von "möglichst weit nach vorne laufen"! Ein gutes Beispiel, wie es nicht geht, liefert die Partie van Delft - Brunello aus dem B-Turnier. Hier standen die weißen Figuren eigentlich schon recht gut: Sein König behält gleichzeitig den Freibauern und den eigenen Königsflügel im Auge, der Turm schneidet den schwarzen König ab. Bei vernünftiger, ruhiger Verteidigung sollte Weiß gute Remischancen haben, z.B. sieht 62.Td5 logisch aus. "Turm hinter den Freibauern", tja, auch diese Regel gilt nicht ausnahmslos, aber doch ziemlich häufig. Fatal war hingegen die Partiefolge 62.Kf3?! Td6 63.Ke4?? (was soll der König hier?) d3 Nun musste Weiß seinen Turm zurückziehen und nach 64.Tb1 d2 65.Td1 Kg5 gab er bereits auf. Sein Turm spielt überhaupt nicht mehr mit und sein "aktiver" König muss wegen Zugzwangs bald wieder zurückweichen. Immer wieder traurig, wenn man stundenlange harte Verteidigungsarbeit auf solche Weise leichtfertig zunichte macht.

"Freibauern müssen laufen" ist noch so eine Weisheit, die man immer wieder hört. Ja, im Prinzip richtig, aber doch bitte mit Sinn und Verstand! Also nicht so wie in der Partie Reinderman - Bok: Der Freibauer marschiert nicht von alleine durch, sondern braucht offensichtlich die Unterstützung des Königs. Was liegt also näher als 45.Ke4, was in der Tat glatt gewinnt. Mit seinem abgeschnittenen König hat Schwarz keine Chance, auch ein Angriff auf die weißen Königsflügelbauern ist viel zu langsam. Stattdessen geschah jedoch geradezu anfängerhaft 45.b5?? Tb4! und ohne den König war die Partie nicht mehr zu gewinnen.

Es ist wirklich so: Diese Großmeister sind uns Amateuren in fast allen Belangen des Spiels natürlich weit überlegen, aber im Endspiel unterlaufen auch ihnen immer wieder ganz elementare Fehler. Was ich hier zeige, sind keineswegs Einzelfälle; es handelt sich sogar eher um die Regel als um die Ausnahme. Werden solche Sachen heutzutage nicht mehr trainiert?

Fazit der heutigen Lektion: Die bekannten Endspielregeln sind schön und gut, aber sie können auch gewaltig in die Irre führen, wenn man ihnen blind vertraut. Eigentlich sollte man bei jeder Regel noch einen kurzen Halbsatz hinten dranhängen: "...wenn es gut ist!"

Michael Schwerteck

Ein paar Hintergrunddaten zu meiner Person: Jahrgang 1981, deutsch-französische Nationalität und Sprachzugehörigkeit, wohnhaft in Tübingen. Von Beruf Jurist und Übersetzer. Nahschach spiele ich in der Verbandsliga (4. Liga), DWZ meist irgendwo zwischen 2000-2100. Seit ein paar Jahren spiele ich auch (in bescheidenem Umfang) Fernschach, aktuelle Elo etwa 2325. Schachpublizistisch tätig war ich früher für chessvibes.com (Kolumne "Beauty in Chess" und ein bisschen Turnierberichterstattung), aktuell schreibe ich aber, abgesehen von meiner Tätigkeit hier, nur auf Vereinsebene.

Webseite: koenigskinderhohentuebingen.wordpress.com/

Kommentare   

#1 Tiger-Oli 2014-02-05 09:43
Vielen Dank, sehr lesenswert. Tolle Beispiele, die uns die Großmeister hier liefern, und kurzweilig und lehrreich aufbereitet von Dir.
Goldene Regeln sind Goldene Regeln, aber man muss dann doch immer wieder hingucken, welche davon man gerade anwenden soll.

PS Zuerst bei einem sehr schnellen Überfliegen verstand ich die Überschrift nicht - ich las "Türkische Turmendspiele im Tatarenturnier", und wusste gar nicht, was damit gemeint sein sollte. :-)
#2 Michael Schwerteck 2014-02-05 15:49
Danke fürs Kompliment, Kollege!
Dafür gibt es hier tatsächlich ein "türkisches Turmendspiel im Tatarenturnier", nämlich aus der Partie Atalik - Vasilov, Kazan 2013:
W: Kg1, Tc7, Bb2, e5, f6, g2, h2
S: Kg8, Te8, Bb6, b7, d5, f7, g6, h7
Weiß zieht und gewinnt! Kann man auch im Kopf lösen! :-)

Die Teilnahme an unserer Kommentarfunktion ist nur registrierten Mitgliedern möglich.
Login und Registrierung finden Sie in der rechten Spalte.