Schlechtes Wetter, gutes Schach

by on14. August 2016
Sieht schön aus, aber hilft wenig für das Schachverständnis Sieht schön aus, aber hilft wenig für das Schachverständnis OSt

Seltsame Dinge hört man da schon wieder aus dem Süden des Landes - anscheinend gehen die Leute dort schwimmen, sitzen in der Sonne, und es wird vor Hitzegewittern gewarnt. Ich bin beunruhigt - ist denn dort schon Sommer?

Im Freistaat Bremen zumindest stand ich heute morgen geschützt von einer dunklen Wolkendecke auf, lief behaglich eine kleine Runde im herbstlichen Park, und jetzt freue ich mich auf den nächsten Regenschauer, der die Gärten des Bundeslandes mit frischem Nass versorgen wird.

So lässt es sich leben, und wer weiß, vielleicht ist ja diese graue Wettermonotonie, die dunkle Wolkenmasse und die hier mit Lockerheit unter zwanzig Grad bleibenden Temperaturen auch viel besser für das schachliche Fortkommen?

Nun lässt sich die Formel "Mehr Sonne = Weniger ELO" empirisch zwar nicht belegen, doch gefühlt kommen gute Schachspielerinnen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit aus Ländern, in denen der Winter noch ein richtig kerniger Geselle ist, und in denen in der Hitze der Sommernacht nicht jegliche schachliche Trainingsambition dahinschmilzt wie ein Eiswürfel am Isarstrand.
Schauen wir nur nach Russland, weites kühles Land, aber zum Ausgleich für jede meteorologische Unbill hat es mehr als ein Drittel der Schachweltmeister dieses Universums erschaffen. (Kein Wunder auch, dass im letzten Jahr das Team von Sibiria (a cold, cold place!) den Europapokal der Vereinsmannschaften gewonnen hat.) Oder auch Norwegen - ein kühler Platz und winterlich kalt (im Winter), doch mit Magnus Carlsen entspringt einer der Helden unseres Sports ebendieser der Sonne oft weit abgeneigten Region.
Und natürlich, Island, was ist mit Island? Heißt es nicht, dieses kühle Land hat mehr Schachgroßmeister als die OSG Baden-Baden? Und DAS soll schon was heißen, wo doch in Baden-Baden mit Fabiano Caruana und Maxime Vachier-Lagrave soeben noch zwei weitere GMs dazugekommen sind.

Schlechtes Wetter = Gutes Schach, so einfach ist es. Anders als im sonnengleißenden Süden können wir Nordländler (manche sagen ja auch Fischköpfe) ohne schlechtes Gewissen im Hause hocken. Zwischen Ricklingen, Raisdorf und Ritterhude verpassen wir in den eigenen vier Wänden nur sehr selten eine Sonnenstunde und brauchen auch nicht für teures Geld ins kalte Freibad zu springen. Und wenn man schon mal daheim ist, na gut, warum soll man nicht auch mal ein bisschen Schach trainieren? Theoretisch jedenfalls, denn viele andere Dinge erscheinen dann oft ganz schnell viel attraktiver - Katzen füttern, abwaschen, das Internet durchkämmen, und schon wird es wieder schwer mit dem Training und einer nachfolgenden ELO-Steigerung.
Noch schöner , fairer und angemessener wäre es daher, würde die Wertungszahl von ganz alleine wachsen, alleine durch das schlechte Wetter. Jeder Regenschauer ein ELO-Punkt dazu, jeder graue Vormittag ein höherer K-Faktor. Da könnte die FIDE doch mal was tun. Ich wäre dafür!

 

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 7.Platz beim Travemünder Open 2010. Größte Misserfolge: werd´ ich hier lieber nicht sagen! Liegen aber gar nicht so lang zurück (leider). Größte Leidenschaften: irgendetwas mit Randbauer-Eröffnungen auszuprobieren, und die Partie dann trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

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