(Schach-)Odyssee im Weltraum

by on28. Februar 2011
Deep Blue (wikimedia commons, James the photographer) Deep Blue (wikimedia commons, James the photographer)

Vor vier Tagen startete die Raumfähre Discovery zu ihrer letzten intergalaktischen Reise. Danach ist Schluss, sie wird ins Museum geschickt. Dieses Schicksal werden alsbald die Geschwisterschiffe Endeavour und Atlantis teilen, die ebenfalls eingemottet werden.
Die Discovery hat an der Internationalen Weltraumstation ISS angedockt; ihre Mission besteht  darin, neue Gerätschaften und Module auf dieses in rund 350 Kilometern Höhe dahinschwebende Fußballfeld zu verfrachten.
Das Interessante dabei: sie haben einen menschenähnlichen “humanoiden“ Roboter  in die Schwerelosigkeit gebracht, der darauf getestet werden soll, inwieweit er die Aufgaben von Menschen übernehmen kann. Vielleicht kann man irgendwann mal ganz oder teilweise bei Raumflügen auf die Anwesenheit von Menschen verzichten? Welcher vernünftige Mensch will sich denn schon gerne hergeben für einen Zweijahresflug zum unzivilisierten Mars? Komischerweise viele, hört man immer wieder. Die müssen wohl sehr unzufrieden mit ihrem irdenen Dasein sein…
Da kommt mir unweigerlich Kubricks Weltraumepos „2001, Odyssee im Weltraum“ in den Sinn. Das Herzstück der Mission, die dort zum Jupiter fliegt, ist der Großcomputer HAL. Nein, kein Roboter, sondern ein riesiger, anscheinend unfehlbarer Bordcomputer, der ebenfalls, wie der Roboter der Discovery, von Menschenhand erschaffen wurde und der sich im Film anschickt, die Macht über seinen Schöpfer zu übernehmen, nachdem die zwei Piloten bemerkt haben, dass er fehleranfällig ist. (der Rest der Crew ist „eingefroren“, das wäre noch eine Herausforderung für amerikanische Wissenschaftler: im „Schönheitsschlaf“ könnten die Astronauten zu fernen Galaxien bugsiert werden, ausgeruht und verjüngt, die Astronautinnen botoxoptimiert, die strahlenden Helden könnten Milchstrassen-Aliens als Handelspartner gewinnen und neue Absatzmärkte auf Alpha Centauri  erschließen)
Bevor es aber zur Sache geht und der Kampf Computer – Mensch auf Leben oder Tod eskaliert messen sich die Vegetationsformen zunächst noch intellektuell – im Schachspiel!
Pilot Frank Poole riskiert den aussichtslosen Kampf – heute weiß man nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man sich auf ein Spiel gegen Rybka, Fritz oder neuerdings Houdini einlässt, früher oder später wird man zerschmettert. Und die Software dafür passt dabei gar auf ein handflächengroßes Gerät. Doch damals, Ende der 60er, war es noch kaum abzusehen, dass alsbald Computer besser als der Weltmeister spielen würden, selbst wenn sie riesig und leistungsfähig sein sollten. Erst in den 70ern gab es erste Vorläufermodelle von Schachcomputern.
HAL allerdings vermöbelt den Menschen nach Strich und Faden. Auf dem Großbildschirm ist die Diagrammstellung zu sehen:

Roesch-Schlage

Hier sagt HAL ungefähr mit jovialem Unterton: „Es tut mir leid, Frank, Du hast  verloren. Df3, Läufer nimmt Dame, Springer nimmt Läufer matt.“ Der konsternierte Poole gibt daraufhin auf. Besonders gefällt mir an dieser Szene, dass man dem Computer richtig seine Genugtuung über den Sieg anmerkt. Er gaukelt Mitleid mit seinem Gegner vor („es tut mir leid“), aber ein genießerischer Unterton ist nicht wegzuleugnen. So ein Computer ist halt auch nur ein Mensch…
Der Filmpartie liegt ein Original zugrunde: es handelt sich um die Partie Roesch – Schlage, Hamburg 1910 (bei meiner Datenbank wird das Jahr auf 1913 beziffert, aber alle anderen mir zur Verfügung stehenden Quellen ordnen es dem DSB-Kongress von Hamburg zu, der im Jahr 1910 stattfand).

 Roesch - W. Schlage [C86] Hamburg, 1913 

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.De2 b5 6.Lb3 Le7 7.c3 0–0 8.0–0 d5 9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sf4 11.De4 Sxe5 12.Dxa8 Dd3 13.Ld1 Lh3 14.Dxa6 Lxg2 15.Te1 Df3 0–1

Willi Schlage gewann damals das  B-Turnier des Kongresses und wurde später Reichstrainer des Großdeutschen Bundes, was dem heutigen Bundestrainerjob entspricht. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an diese Bilder aus den späten Dreißigern, auf denen Schlage im Kreise seiner Talentschmiede  mit Klaus Junge,  Wolfgang Unzicker und Edith Keller zu sehen ist.
Der narzisstische Bordcomputer HAL bringt später seinen Spielpartner Poole um die Ecke, indem er ihn in den endlosen Weltraum schießt. Dafür wird ihm vom zweiten Piloten, Dave Bowman, der Saft abgedreht. Bevor seine Lebenskräfte erlahmen, retardiert der Computer und singt Kinderlieder, ein aussichtsloser Versuch, sein emotionales Gleichgewicht wiederzuerlangen. Wunderbar, wie vieles andere auch in diesem seltsamen Film, der noch einige andere Ähnlichkeiten mit Schachspielen aufweist: größtenteils wird gar nicht geredet. Es wird geschaut, gedacht, gelauscht, geschnauft, Angst treibt die Akteure an, selbst Bowmans psychedelische Irrfahrt hinterm Jupiter erinnert irgendwie an das Sich-Selbst-Verlieren im endlosen Strudel der Schachkombinationen. Zuletzt treibt das „Starchild“, ein Fötus in der Fruchtblase, etwas kitschig durch den Welttraum und suggeriert uns die Idee der Wiedergeburt. Und ist auch nicht jede neue Partie eine Art Wiedergeburt, in der wir uns neu erfinden können?

Übrigens scheinen sich Kubriks Visionen größtenteils bestätigt zu haben, wenn auch nicht im Jahre 2001, dann im Jahre 2011. So gibt es eine riesige Raumstation auf halbem Weg zum Mond, die international verwaltet wird, der Mond wurde zwischendurch „erobert“ (auch wenn manche Hartgesottenen noch an ihrer „Verschwörungstheorie“ festhalten), die Menschheit plant lange Reisen zu den Planeten unseres Sonnensystems, künstliche Intelligenz übernimmt immer mehr Bereiche und die Grenzen zwischen Menschen und Computer nehmen so langsam fließende Konturen an. Wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis die ersten Androiden oder Kleinmeister mit implantiertem Chip im Kopf unsere Open dominieren werden?

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congstar prepaid Die  Namen der Filmpersonen Dave Bowman und Frank Poole erinnern sehr an den damaligen amerikanischen Weltraumhelden Frank Borman. Dieser war schon 1965 zusammen mit Jim Lovell zu einem sensationellen Langzeitrekord aufgebrochen: die beiden umkreisten zwei Wochen lang die Erde, da lernt man sich bestimmt gut kennen. Im Jahre 1968, als „2001, Odyssee im Weltraum“ gedreht wurde, war Borman der Kommandant einer der bevorstehenden Apollo-Missionen und es bestand die reelle Aussicht, dass er der erste Mensch auf dem Mond sein könnte. Schließlich war man Ende 1968 noch nicht so weit, dass man auf dem Mond hätte landen können, doch die USA war unter Zugzwang und benötigte dringend einen Propagandaerfolg und somit wurde Apollo 8 losgeschickt, um als erstes Raumschiff den Mond zumindest zu umrunden. Uns sind alle deutlich diese Bilder vor Augen, die die Apollo-8-Crew nach der ersten Mondumrundung schoss: sie zeigt die Erde, wie sie als sehr fragiles Etwas aus dem dunklen Nichts am Horizont des unwirtlichen Mondes auftaucht, das einzige Farbenprächtige in der schwarz-weißen Weite.  Und da es Weihnachten ward und die Astronauten kurzerhand die Schöpfungsgeschichte vorlasen wurden diese Bilder zur Ikone der Weltraumfahrt. „Es werde Licht. Und es ward Licht“. Einen besseren Text hätten die Jungs nicht finden können. Diejenigen unter den Erdlingen, die sich ihrer christlichen Wurzeln erinnerten, waren zu Tränen gerührt. Auch wenn es ein Propagandaerfolg und geschickt eingefädelt war: diese Bilder bewegen auch beim x-ten Betrachten. Und führen uns wieder vor Augen, wie gut wir es eigentlich hier erwischt haben und wie dünnhäutig die Atmosphäre ist, die unseren Planeten einhüllt.

Ohne diesen „Nebeneffekt“ des Kalten Krieges hätte die Ökologiebewegung womöglich nicht soviel Zulauf bekommen.
Warum also bloß zum Mars auswandern? Halten wir uns doch lieber an den Gassenhauer: „Im Himmel gibt’s kein Bier,  drum trinken wir es hier!“

P.S: Frank Borman wird in Kürze seinen 83. Geburtstag begehen. Als er in den Weihnachtstagen `68 den Mond umrundete war ich ein Fötus im Bauch meiner Mutter, ca. 20-30 Zentimeter groß und weniger als ein Kilo schwer. Ein Starchild gleichsam. Also auf zur nächsten Partie!

 

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