Olympischer Blick nach Belgien

by on02. September 2016

Vor zwei Jahren hatte ich die damalige Olympiade (auch) "von unten" betrachtet - ein kleiner Bericht zum Team aus Bhutan. Diesmal etwas zu einem Land, das nur im Alphabet relativ nahe bei Bhutan liegt, allerdings weder schachlich noch kulturell noch geographisch. Belgien ist Nummer 64 der Setzliste, damit oberes Mittelfeld knapp hinter Schottland und recht knapp vor Mazedonien (politisch korrekt heisst das FYROM). Nach Elo besser sind unter anderem Portugal, Singapur, Bangladesch (schon sind wir wieder in der Nähe von Bhutan) und die Mongolei. Das musste nicht unbedingt sein - in Bestbesetzung wäre Belgien immerhin etwa Nummer 41, auf Elo-Augenhöhe mit Österreich, Bosnien-Herzegovina und Dänemark. Aber sie spielen nicht in Bestbesetzung, sondern mit der Nummer 1 (immerhin), 13, 15, 21 und 46 ihrer aktuellen Eloliste. Ersatzspieler FM Roel Hamblok ist nebenbei auch Kapitän, auch die Belgierinnen haben mit Sarah Dierckens eine Kapitänin die selbst auch mitspielt. Wie kam das zustande? Dazu habe ich ein bisschen recherchiert - bei zwei Quellen die womöglich anonym bleiben wollen, eine nannte auch öffentliche Quellen die ich (der niederländischen Sprache mächtig, Französisch ginge auch) verstehe.

Natürlich ist Belgien ohnehin ein eher kleines Schachland, schachlich am ehesten denen ein Begriff die (darunter mindestens ein Leser dieses Blogs) in der belgischen Liga spielen. Ein paar GMs und IMs haben sie doch, sowohl einheimische als auch zugereiste (dieser Aspekt bleibt nun aussen vor). Was hat der belgische Schachverband nicht oder nur sehr begrenzt? Geld. Dafür gibt es offenbar mehrere Gründe: Seit Jahren wird eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge blockiert, Sponsoren wohl Fehlanzeige - und es gibt noch einen dritten Grund den beide Quellen erwähnten, den ich aber mangels Details nicht direkt nenne. Womöglich hat es aber damit zu tun, dass der Haushalt nun auf der Verbandsseite detailliert dokumentiert wurde. Es gibt drei Einnahmequellen: Mitgliedsbeiträge pro Jahr ca. 50.000 Euro, Subvention vom BOIC/COIB (was ist das denn und warum zwei Akronyme? dazu komme ich gleich) 1500 Euro, sowie die belgische Liga die pro Jahr ca. 20.000 Euro einbringen soll. Neben Meldegeldern von gut 15.000 Euro waren im Haushalt 2013/2014 auch Geldbussen in Höhe von 3800 Euro vorgesehen - die Vereine haben sich dann zwar daneben benommen (Details kenne ich nicht) aber nicht genug, so kam nur 3107,50 Euro in die Verbandskasse. Daran lag es aber kaum, dass sie 2013/2014 etwa 28.000 Euro Verlust machten, statt der einkalkulierten Bilanz von minus 12.000 Euro (der geplante Haushalt 2014/2015 war solider, nur 11.000 Euro Verlust). Entscheidend waren wohl vor allem höhere Kosten für die Olympiade in Tromso (geplant 8.000 Euro, es wurden 15.300 Euro) sowie für internationale Jugendturniere (geplant 12.000 Euro, tatsächlich gut 32.000 Euro).

Wer oder was ist das BOIC/COIB? Das bedeutet Belgisch Olympisch en Interfederaal Comité bzw. Comité Olympique et Interfédéral Belgique, alles in Belgien schön doppelt, auf Deutsch hiesse es Belgisches Olympisches Komitee. Die müssen vorhandene Gelder breit verteilen, da fast alle Sportarten drei Landesverbände haben - einen nationalen, einen frankophon-wallonischen und einen flämischen. Das kleine bisschen deutschsprachiges Belgien ist da übrigens recht bescheiden - eigene Verbände nur für Boxen, Wintersport und Ringen. Wie das Titelbild zeigt, ist der Schachverband dreisprachig.

Klar war, dass sie (Halb-)Profis keine Konditionen bieten konnten. Bei der Olympiade 2014 in Tromso war Belgien (GM Winants, GM Michiels, IM Ringoir, IM Docx, FM Vandenbussche) noch an 44 gesetzt, übrigens wurden sie dann - nach Niederlage in Runde 10 gegen Kanada und (zu) knappem 2,5-1,5 Sieg gegen Luxemburg in der Schlussrunde - 67. . Zufriedener waren sie wohl mit dem ebenfalls knappen 1,5-2,5 gegen Deutschland. Bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft 2015 in Reykjavik spielten dann vier IMs, Ersatzspieler Fehlanzeige - an 32 gesetzt wurden sie 33. . Und wie kam diesmal das Team (GM Winants, IM Vandenbussche, IM Soors, FM Capone, FM Hamblok) zustande? Man konnte ja kaum die Eloliste nacheinander von oben bis relativ weit unten befragen, bis endlich fünf Spieler ja sagen. Machten sie auch nicht, stattdessen eine Einladung auf der Verbandsseite - eine meiner Quellen meinte: "da die Verbands-Webseite selten aktualisiert und daher kaum gelesen wird, haben viele das wohl gar nicht gesehen". Jedenfalls konnte jeder, der die Voraussetzungen erfüllt (oder eventuell auch nicht alle Voraussetzungen) sich um einen Platz in der Nationalmannschaft bewerben. Welche Voraussetzungen? 1) Belgischer Staatsbürger oder "FIDE-Belgier" mit seit zwei Jahren Wohnsitz in Belgien. 2) Elo (April 2016) mindestens 2250 für Herren bzw. 1800 für Damen (auf Basis aktueller Elozahlen konnten sich 62 Herren und immerhin 13 Damen bewerben). 3) mindestens 20 Elo-ausgewertete Partien in Belgien im Zeitraum Juni 2014 bis Mai 2015. 4) mindestens einmal Teilnahme an der belgischen Landesmeisterschaft (geschlossenes "Experten"-, offenes bzw. Damenturnier) in den letzten 3 Jahren. Wer nicht alle Voraussetzung erfüllte, konnte sich auch bewerben und musste dann begründen, warum er besondere Verdienste für das belgische Schach aufzuweisen hat - wobei Spieler die alle Kriterien erfüllen dennoch bevorzugt werden. Was gab es dafür? Reisekosten, Unterbringung mit Vollpension im Einzel- oder Doppelzimmer sowie 150 Euro Pauschale für andere Kosten - kein Startgeld, keine Erfolgsprämien, damit ist es für (Halb-)Profis eher nicht interessant. Die "ewige" belgische Nummer eins Luc Winants hat anscheinend einen "Privatsponsor".

Wenn ich richtig gezählt habe, hat Winants übrigens Kriterium 3) knapp verfehlt - 19 Partien in Belgien im relevanten Zeitraum, alles Mannschaftskämpfe, keine Turniere. Ich weiss nun nicht, ob er vom Verband gar nichts bekommt, ob sich insgesamt gerade mal fünf Spieler beworben haben, oder ob es für ihn eine Ausnahmeregelung gab (wenigstens ein GM sollte dabei sein). Demnach kam die belgische Nummer 2 Gurevich nicht in Frage - er spielte die letzten Jahre zwar ab und zu, aber gar nicht in Belgien. Womöglich gibt es noch einen anderen Grund: zwischendurch war er ja Schachtürke, und falls der belgische Verband die "transfer fee" von 5000 Euro an die FIDE nicht gezahlt hat, ist er (siehe hier) erst ab 1.10.2016 wieder für Belgien spielberechtigt. In Baku ist er übrigens doch bzw. nun doch nicht - er war als Kapitän des komplett elolosen Teams aus Djibouti vorgesehen, aber Djibouti ist zur ersten Runde nicht erschienen und wurde für die zweite Runde nicht gepaart. Die belgische Nummer 3 Chuchelov kam auch nicht in Frage - er ist vor allem Schachtrainer und spielt fast gar nicht mehr selber (eine Partie in der belgischen Liga im relevanten Zeitraum, das war's). Die nächsten vier GMs (Michiels, Malakhatko, Dgebuadze, Ringoir) und diverse IMs verzichteten offenbar.

Das geschwächte belgische Team war in Runde eins gut genug für ein 4-0 gegen Sao Tome & Principe - etwas schwächer als Texel in Bestbesetzung, aber wir sind ja nicht unabhängig und daher nicht spielberechtigt. Schade eigentlich, auch mit den niederländischen Antillen, Jersey, Guernsey und San Marino könnten wir etwa mithalten, und gegen einige andere Gegner wären wir Favorit. In Runde 2 steht Belgien nun im Rampenlicht - Tisch 3 gegen Titelverteidiger China! Die Damen hatten es in Runde eins noch leichter und gewannen locker-kampflos gegen Djibouti, in Runde zwei sind sie gegen Usbekistan Aussenseiter.

Kommentare   

#1 MiBu 2016-09-13 10:56
Zu den Aktiven in der belgischen Liga gehöre bekanntlich ich, aber mit den Interna der dortigen Temfindung bin ich dennoch nicht vertraut. Immerhin hat unser kleines Nachbarland bisher genau so viel Mannschaftspunke zusammengebracht wie das deutsche Team, wenn auch gegen schwächere Gegner. Am meisten Grund zur Freude hat dabei der Neu-Aachener FM Capone, dessen 7/9 - in der heuitigen Schlussrunde setzt er aus - eine GM-Norm bedeuten. Er ist für die Zweitvertretung der DJK Aufwärts Aachen genau hinter mir gemeldet; offenbar haben wir da falsch aufgestellt.

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