Notizen aus der Schachprovinz (1): die kürzeste Partie meines Lebens

by on21. Januar 2011
Marienbad (wikipedia commons) Marienbad (wikipedia commons)
…habe ich heute anlässlich eines GM-Turniers in Tschechischen Marienbad gespielt. 
Sie umfasste nur drei Züge, dabei hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, auf Gewinn zu spielen. Auf jeden Fall zu spielen, denn deswegen bin ich ja hier. Dachte ich. Doch der Traum von der GM-Norm ist längst ausgeträumt, es wird Zeit, dass das Ding zu Ende geht.
Nun gut, werden Sie sagen, nichts Besonderes, das kennt jeder nur zu gut, ein Turnier ist schon überreif, man ist etwas gefrustet oder zumindest nicht ganz zufrieden.  Wo ist also der Witz? Er besteht darin, dass ich mich in meinem Appartement den gesamten Vormittag auf die Partie vorbereitet habe, unterbrochen von kleineren Appetithäppchen und einer erfrischenden Dusche hat mich das Ausarbeiten eines Konzeptes, das einigermaßen überraschend ist und auch noch analytisch wasserdicht daherkommt, runde fünf Stunden Kopfzermartern bereitet…
  
Dabei begann alles recht harmlos. Beim Frühstück war ich die Partien meines Gegners, dem momentanen Tabellenführer und Elobesten im Turnier, der wahrscheinlich auch als einziger eine GM-Norm machen wird, durchgegangen und hatte mich entschlossen, heute nicht mit meinem Lieblingszug 1.e4 aufzuwarten, weil
a)       die Jungs sich vorbereiten; in meinen zwei bisherigen 1.e4-Weißpartien holte ich nichts, aber auch gar nichts aus der Eröffnung, nur Zeitnachteil und ergatterte mühsam einen halben Punkt.  
b)       ich keine Lust auf seinen Franzosen hatte. Es hätte sich gerade die Variante ergeben können, mit der ich eine miserable Bilanz habe.

In dem Fall ziehe ich gern 1.c4, und da mein Gegner auf Grünfeldindisch schwört war 1.c4 Sf6 2.Sc3 d5 so gut wie sicher. Bei der Durchsicht einiger aktueller Partien kam mir eine Begegnung auf den Schirm, in der die Weiße, die Russin Kovalevskaya, recht  flott gegen die frühere Weltmeisterin Stefanova gewann, und das mit einer frühen Abweichung von der Hauptlinie. Als dann noch mein „Rechenmodul“ (ganz falsch, dem sollte man nicht glauben, zumal da mein Laptop und auch mein Programm leicht veraltet sind!) den Zug 7.d3 empfiehlt  und es mit 7.d3 nur eine Handvoll Partien in der Datenbank gibt, war klar: ich bin auf der richtigen Spur! Hier kann man eine Überraschung landen.

Ganz wie früher die Goldgräber fing ich also an dort zu graben, wo ich das gelobte Land vor mir wähnte. Zunächst ließ es sich gut an, ich fand viele vorteilhafte Ideen und Abspiele und war schon einigermaßen euphorisch. Aber irgendwann kam die Sache ins Stocken: als ich selber nachdachte, was Schwarz wohl so spielen könnte, wusste der Rechner auch keinen besonders schlauen Rat mehr und sein anfänglicher „+=“-Optimismus löste sich mit zunehmender Analysedauer auf – und wandte sich sogar vermehrt in das Gegenteil! Je weiter man die Dinge in die Tiefe trieb desto mehr schlug die Bewertung ins Negative aus – für den Weißspieler! Langsam dämmerte es mir: ich war dabei, einen Quatsch zu spielen. Warum sollte man sich freiwillig auf etwas einlassen, was im besten Falle Ausgleich für Weiß versprach? Und das, zumal die richtigen schwarzen Züge allesamt „gesund“ und durchaus zu finden waren, insbesondere von einem 2500+-Mann. Ich war konsterniert, doch das Schlimmste: bis zum Spiel verblieben mir keine zwei Stunden, gegessen hatte ich auch nichts, was sollte ich tun? Wieder was ganz anderes spielen? Doch 1.e4? Es war zum Verzweifeln…

Egal, dachte ich mir schließlich, ich muss den eingeschlagenen Kurs beibehalten, versuche ich eben eine Linie zu finden, die die meisten Chancen bietet und zumindest noch den Ausgleich sichert. Und ich reizte alle Motive aus, die die Stellung hergab, kombinierte die Zugreihenfolge in jeder erdenklichen Kombination, sprang vor, wieder zurück, verbesserte, änderte, knüpfte, nähte und spann… und siehe da, schließlich war es einigermaßen wasserdicht: meine Hauptlinie ging fast bis zum 40. Zug und endete quasi mit einem Remisendspiel!

Schließlich war Zeit, zu gehen. Und wenn er in den ersten sechs, sieben Zügen abweichen würde? Keine Ahnung, dann improvisiere ich eben, so was habe ich schon in den späten 90ern gespielt, wird mir schon wieder einfallen…

Als ich mich auf den Weg ins Spiellokal machte hatte ich noch 25 Minuten Zeit. Normalerweise benötige ich mindestens 15 Minuten für die Strecke, es geht meist bergauf, ich hab` mich schon öfters in der Zeit vertan und tauchte schon einige Male abgehetzt und verschwitzt auf, als die Uhren bereits liefen. Unterwegs machte sich der Hunger plötzlich mit Macht bemerkbar, mein leerer Magen nörgelte. Ich musste dringend noch was Nahrhaftes aufnehmen, das kostete wieder ein paar Minuten -  auch diesmal war die Runde schon gestartet, mein russischer Gegner, der mich an den jungen Putin erinnert, saß schon mit versteinerter Miene am Brett.

Ich gebe ihm die Hand, er entgegnet mir einem emotionslosen Blick, ich notiere auf mein Blatt – plötzlich um mich herum ein Tumult. In einer mir unverständlichen slawischen Sprache beschimpft mich einer, der hinter mir steht – es ist ein russischer Teilnehmer aus dem im selben Raum stattfindenden IM-Turnier. Neben mir spielt Malanjuk, früher ein starker Großmeister, jetzt gibt er hier den abgehalfterten Revolverhelden und Remisenschieber vor Ort – bzw. er spielte. Denn er hat bereits Remis gegeben, bevor ich meinen Partiezettel überhaupt ausfüllen konnte. Er beteiligt sich auch lautstark an der Diskussion in einem tiefen Bass, lacht und gestikuliert wild. Er übersetzt anscheinend, was der Russe mir vorwirft: ich würde jeden Tag zu spät zur Partie kommen, das wäre unverschämt und so weiter. Hat er vielleicht auch recht, ich würde auch lieber pünktlich sein, aber es klappt halt nicht, außerdem ist das doch jedem selber überlassen, komischerweise könnte ich auch nicht sagen, mit welcher „Regel“ wir hier spielen, zumindest hat keiner sich mal zum Thema geäußert, wie viel man sich verspäten darf. Abgesehen davon bezahle ich hier viel Geld dafür, dass ich in dieser jämmerlichen Provinzposse mitmischen darf, doch das ist ein anderes Thema, vielleicht mal später mehr. Jedenfalls geht mir in den wenigen Minuten - oder sind`s nur Sekunden? - wirres Zeugs durch den Kopf, mittlerweile wurde 1.c4 Sf6 2.Sc3 d5 gezogen (a tempo von meinem Gegner) und mein 3.cxd5 beantwortete er unvermittelt mit 3. …Sxd5 untermalt durch ein „Remis?“-Raunen.  Eigentlich wollte ich ja spielen, aber im Moment fühlte sich alles recht absurd an, ich war derart irritiert, mir wurde schlagartig klar, dass ich verlieren würde, wenn ich weiterspielen würde und schlug kurzentschlossen ein.

Als Anhang biete ich Ihnen noch meine festgehaltene Analyse, ungefilterte Eindrücke ins Labor eines Internationalen Meisters, die ganze Paradoxie des modernen computerbewaffneten Schachs wird dabei vor Ihren Augen ausgebreitet – Enthüllungen, wie sie wikileaks auch nicht skandalträchtiger bieten könnten: eine der vielen Variante hätte aufs Brett kommen können, wenn wir denn gespielt hätten. Ich sage: hätte.

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