Ganz Europa an einem Tisch

by on07. November 2016
Auf geht's in Novi Sad Auf geht's in Novi Sad OSt

Seit dem Sonntag läuft er wieder, der Europapokal der Landesmeister im Schach. Austragungsort für den European Club Cup (ECC) in diesem Jahr ist Novi Sad, und das ist in - na, na, wo? - in Serbien und relativ direkt neben Belgrad. Ein schöner Ort!

In diesen Tagen der Spaltung, Bösartigkeit und Provokation, und des amerikanischen Wahlkampfs tut es gut zu sehen, dass man auch einfach zusammensitzen kann, schweigen, und die Dinge ehrenvoll und gesittet gemeinsam an einem Tisch zu regeln weiß. Auch hier, beim Schach und beim ECC, wird immer jemand gewinnen, doch hinterher kann man sich noch die Hand geben und vielleicht anlächeln, selbst wenn man sich vorher stundenlang behakt hat. Das spricht doch für uns Schachspieler - keine bösen Fouls, keine Beschimpfungen, und niemand zündet Bengalos. Zudem gibt es Kaffee! Gut also, dass dieses schöne Spiel und dieser sehr sehr schöne Sport auch auf Vereinsebene in Europa seinen Meister ermittelt. Wir schauen nach Novi Sad!

Die aus Deutschland entsandten Teams sind in 2016 die SF Berlin und der SV Werder Bremen. Beide Teams haben vermutlich nur bedingt Titelchancen, jedoch wird die Stimmung gut sein so früh im Turnier, auch wenn die Berlin Chessfriends heute schon mit 1: 5 herbe unter die Räder kamen gegen die stark favorisierten Bären von Alkaloid - allein Rainer Polzin und Jan Lundin wussten die hohen Favoriten auszubremsen und eroberten gegen die GM Jakovenko und Kryvoruchko sehr stark zwei halbe Punkte. Chapeau!

Werder machte es heute andersherum und fuhr gegen die Südskandinavier von Bronshoj Skakforening ein rundes 5 : 1 in die Scheune. Zwar unterlag der Bremer Holländer Jan Werle, doch fünf Siege an den anderen Brettern reichten für einen glatten Sieg. Morgen wird die Kragenweite der Gegner eine andere sein - da sollen die Werderaner mal gut aufpassen! Am Brett wird dann KGSRL Gent lauern, mit einem Insider am ersten Brett, denn der Bremer (Franzose) Romain Edouard führt dort die Steine. 
(Mit Grüßen an die SF MiBu und Thomas Richter - es wird Euch vielleicht freuen nach Eurer Ermittlung der längsten Vereinsnamen, dass KGSRL Gent nun auch beim Europapokal noch einmal auftaucht. Und, liebe LeserInnen, habt Ihr neulich gut aufgepasst - wofür nochmal steht KGSRL!?)

Am Montag um 15 Uhr wird die zweite Runde eingeläutet - alle Spiele der ersten 16 Tische live und störungsfrei im Netz bei chess 24, absolut prima. Allerdings frisst das Zuschauen immer sehr viel Zeit, und eigentlich wollten wir doch rausgehen und durch die Blätter rascheln. Früher war es einfacher - Turniere wurden gespielt, die Fans hatten ihre Ruhe, und erst Wochen später erfuhren wir in den Schachmagazinen unseres Vertrauens von Partien und Ergebnissen.
War das nicht eigentlich viel entspannter? Heute muss man immer kämpfen, um nicht schon wieder im Netz klebenzubleiben und sich die Nase am Bildschirm bei einer fesselnden Partie-Übertragung plattzudrücken. Die Neugier siegt zumeist, die Lethargie und die Schwerkraft. Doch sollen wir aufpassen, denn so angenehm das Zuschauen auch ist - rausgehen und im Laub zu rascheln, das ist ja auch ganz schön!

Man kann natürlich auch rausgehen UND sich eine Schachpartie ansehen - das taten auch diese jungen Serben, als sie das Brett von zwei älteren Herren im Park belagerten. War das noch nett? Ist das schon unschön? Schach trifft auf die wahre Welt.

Olaf Steffens

Olaf Steffens, Diplom-Handelslehrer, unterrichtet an einer Bremer Berufsschule. FIDE-Meister seit 1997, ELO um die 2200, aufgewachsen in Schleswig-Holstein. Spielte für den Schleswiger Schachverein von 1919 (moinmoin!), den MTV Leck (hoch an der dänischen Grenze!), den Lübecker Schachverein, die Bremer Schachgesellschaft und nun für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, 7.Platz beim Travemünder Open 2010. Größte Misserfolge: werd´ ich hier lieber nicht sagen! Liegen aber gar nicht so lang zurück (leider). Größte Leidenschaften: irgendetwas mit Randbauer-Eröffnungen auszuprobieren, und die Partie dann trotzdem nicht zu verlieren. Klappt aber nicht immer.

Kommentare   

#1 Dennis Calder 2016-11-07 18:31
Wer auf der Straße spielt, verlangt ja - mindestens heimlich - nach Zuschauern und mehr Stimmung geht ja kaum noch :lol:
Die Fans haben weder mit Bier geplempert noch ins Spiel ein- oder die Spieler angegriffen. Man kann allenfalls über die Lautstärke nachdenken oder bei Platzangst Bedenken anmelden. Daher stimme ich dem Prädikat "grenzwertig" zu, bin aber für den Zusatz "den Straßenregeln angemessen"
Habe herzhaft gelacht. Danke dafür!
#2 Thomas Richter 2016-11-07 23:01
SISSA ist ja auch dabei, und auch En Passant - allerdings nicht mein Verein, wir warten weiter geduldig auf den Texit um auch mal international mitspielen zu dürfen. Es gibt so schöne Teams wie Omladinski Sahovski Klub "Paracin" und The Smashing Pawns Bieles - ausserdem: Gambit verstehe ich, aber wofür steht ASSECO SEE? Ein Team nennt sich stattdessen schlichtweg "Perfect" und hat nach einem 0-6 in Runde eins heute immerhin unentschieden gespielt.

Rein schachlich: Romain Edouard wusste, was sich gehört und verlor gegen Matthias Bluebaum - Gelegenheits-Schweizer Loek van Wely hat dagegen einen niederländischen Vereinskollegen in 20 Zügen vom Brett gefegt. Den Bremern morgen viel Erfolg gegen Mednyi Vsadnik, GM-Truppe aus St. Peter Svidlerburg!
#3 Joan Leen 2016-11-13 15:46
At this time, the chess players have surpassed even themselves. Such a number of wins in a short period is quite successful for everybody.
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