Entdeckersucht - Let’s check

by on12. November 2015

Im Jahre 2011 brachte eine bekannte Hamburger Schachfirma die Weltneuheit „Let’s check“ auf den Markt und nicht einmal zwei Jahre später diagnostizierte der weltbekannte Schachpsychologe Dr. Matinul bei der Krennwurzn eine schon seit dem frühen 20. Jahrhundert für ausgerottet gehaltene Erkrankung: die Entdeckersucht!! Nun Neugierde gehört doch ganz normal zum Menschen und ist eine wesentliche Triebfeder für den Fortschritt, was soll daran krankhaft sein, werden Sie, lieber Leser, nicht ohne Grund einwerfen.

Lassen wir dazu Dr. Matinul zu Wort kommen: Die großen westlichen „Entdecker“ entdeckten beispielsweise den Victoriasee an dem natürlich schon seit Generationen Menschen lebten und wurden für etwas gefeiert, dass schon vielen durchaus gut bekannt war!

Genauso geht es der Krennwurzn, wie unten stehendes Beispiel deutlich zeigt. Am 16. November wurde wenig überraschend der einzig mögliche Zug Kh7 tatsächlich gespielt!

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Und dieser Zug wurde dann zwei Tage später am 18. November von der Krennwurzn „entdeckt“ und sie gilt nun für „Let’s check“ bis in alle Ewigkeit als Entdecker dieser Stellung, genauso wie John Hanning Speke als Entdecker des Victoriasees. Da die Zahl der noch zu entdeckenden Seen im Vergleich der noch zu entdeckenden Schachstellungen verschwindend klein ist, kann man bei Seen nicht von einer wirklichen Sucht sprechen!

Aber wie kam es zu dieser Erkrankung der Krennwurzn? War diese nicht ein erbitterter Kritiker und Verhöhner von „Let’s check“? Ja, Sie erinnern sich richtig, aber das hilft rein gar nichts, wie uns Dr. Matinul schlüssig erklärt: Sie können erkennen, dass Schnupfen eine lästige Krankheit ist und dennoch jedes Jahr oder öfter daran erkranken! Bei der Entdeckersucht ist es vollkommen egal, ob sie die Schwächen und Probleme erkennen ...

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In dieser Stellung liegt ein ganz schwerer Fall vor – die Sechssteiner sind schon lange gelöst - und dennoch entdeckte die Krennwurzn gleich zwei von sieben möglichen Remiszügen mit verschiedenen Expeditionen (Engines) und verschwendete dafür sinnlos Ökostrom der Güteklasse 1! Warum? Nur für den Eintrag in der Datenbank „Entdeckt von Krennwurzn“.

Da sich das Krankheitsbild der Entdeckersucht rasch verschlimmerte und die Krennwurzn nur mit äußerster Disziplin davon abgehalten werden konnte, auch auf beruflich genutzten Computern auf Entdeckerjagd zu gehen, da diese wesentlich mehr Rechenleistung als der private vier Kerner AMD aufzuweisen hätten, hatte nun Dr. Matinul die rettende Medizin parat:

Die Grundidee von Let’s check ist einfach genial, aber die Ausführung lässt eher an einen Marketinggag denken und daher muss die Krennwurzn zur Heilung niederschreiben, was und welche Funktionen seine Entdeckersucht noch wesentlich verschlimmern würde!

Starten wir mit obenstehenden Endspiel – ein Sechssteiner und diese sollten in Let’s check generell schon eingespielt und damit zwar unentdeckbar sein, aber doch ein schönes Service. Gleichzeitig führt jeder weißer Zug zu Remis, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Stellung unverlierbar ist, denn nach 1. e4 f5! bietet sich Weiß mit 2. e5?? erstmalig eine Verlustchance.

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Nun diese ist sehr, sehr gering, denn erstens würden viele zuerst die Könige in Bewegung setzen und dann erst die Bauern, aber es zeigt uns, dass auch eine theoretische Remisstellung noch verloren werden kann und dieses Restrisiko sollte man bewerten und grafisch darstellen in Let’s check! Ein anderes Extrem wäre eine Stellung in der es nur einen einzigen Zug gibt, der zu Remis führt und alle anderen zu Verlust. Beide werden am in Let’s check mit 0,00 also Remis angeführt, ohne dass die Schwierigkeit des Erreichens des Remis bewertet wird. Und wen sollte man als Referenz für die Schwierigkeit herannehmen? Einen emotionslosen Computer mit Tablebaseunterstützung, einen Supergroßmeister oder einen durchschnittlichen Schachspieler? Und wie sollte man das Ergebnis darstellen?

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Eine Idee wäre die Ampelfarben zu verwenden und hier würde man sehen, dass die Stellung ein hohes Remispotential, bei sehr geringem Verlust- und Gewinnpotential und das fette C stünde dafür, dass die Stellung absolut Remis ist (durch Tablebases abgesichert) – ein normales C möglicherweise mit einer Computerbewertung 0,xx – würde nur die aktuelle Computermeinung darstellen.

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So oder ähnlich würde dann eine Stellung mit einem einzigen Remiszug (fett wenn tablebasegeprüft bzw. kursiv bei Computermeinung) aussehen. Und hier sehen wir schon ein weiteres Problem. Wenn es nur einen Zug gibt, der nicht verliert, dann gibt es mit Sicherheit keinen Gewinnzug, aber dennoch sind damit Gewinnchancen nicht wirklich ausgeschlossen und all das müsste in die Bewertung einfließen. In erster Lesung sollte das allerdings nur für den Menschen gelten, aber es ist durchaus mit der praktischen Erfahrung in Einklang zu bringen, dass auch Computer außerhalb der perfekten Lösungen noch Fehler machen.

Werfen wir einen Blick auf die schwierigste aller Stellungen

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Auch diese kann nur 1,0 oder = sein und nehmen wir an, wir bekommen die Information, dass die Grundstellung Remis ist! Diese Information hilft uns nicht wirklich weiter, denn alle schachlichen Probleme sind in dieser Stellung enthalten und wir wissen auch nicht, welche Züge Remis sind oder ob es schon Züge gibt, die theoretisch bereits verloren sind.
Die bekannteste Gefahr ist 1. g4 e6 2. f3?? Dh4# in verschiedenen Variationen – es kann also schnell gehen – allerdings verlieren wenige so und auch kann man darauf nicht die Aussage begründen 1. g4 sei schon verloren, aber doch die Aussage, dass dieser Zug gefährlicher ist als beispielsweise 1. Sf3, der diese „Drohung“ mal aus der Stellung nimmt. In der Grundstellung droht Alles und wenn sie Remis ist, dann sind alle Bedrohungen beherrschbar und lösbar. Wir müssen „nur“ mehr alle Bedrohungen erkennen und daran scheitern wir wohl. Aber die Idee wäre eben diese Bedrohungen zu erkennen, sie zu klassifizieren und damit eine Chance zu haben, eine Stellung besser als mit +0,15 zu bewerten, weil wir die innewohnenden Gefahren erkennen können bzw. statistisch bewertbar machen. Die absolute Sicherheit können uns nur gelöste x-Steiner bieten, den Rest müssen wir abschätzen und zwar für Maschinenschach, was eher mäßig interessant erscheint, und für Menschenschach. Und hier müssten wir eine Methode finden, die uns sagt, wie schwierig es ist, das feststehende oder wahrscheinlichste Ergebnis zu erreichen. Diese Bewertung der Schwierigkeit alle Probleme zu handeln, könnte uns auch zu einer brauchbareren Cheatererkennung führen als die bekannte „Houdini first choice“ Methode.

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Es gibt zwar schon Ansätze, aber Engines mit echter Mustererkennung für menschliches Schach gibt es noch nicht am Markt und so kann Dr. Matinul erklären, dass die Entdeckersucht der Krennwurzn erfolgreich geheilt ist ... aber es ist wie bei jeder Suchterkrankung, man weiß nie, wann sie wieder ausbricht!

Krennwurzn

Anonymer aber dennoch vielen bekannter kritischer Schachösterreicher! Ironisch, sarkastisch und dennoch im Reallife ein netter Mensch - so lautet meine Selbstüberschätzung! Motto: Erfreue Dich am Spiel, nicht an der Ratingzahl! Das Leben ist hart, aber ungerecht (raunzender Ösi)!
 
Kontakt: krennwurzn@yahoo.de Internetseite: www.krennwurzn.gnx.at (uralt)

Kommentare   

#1 Umumba 2015-11-22 18:36
Um für viele Schachspieler praxisrelevantere Bewertungen zu habne, wäre eine Bewertungsfunktion wie die mit den Ampelfarben angedachte tatsächlich sehr nützlich. Ein irgendwie gearteter "Varianz-Faktor", der angibt, wie wahrscheinlich es denn ist, die entsprechende Fortsetzung zu finden, fehlt den bisherigen Computerbewertungen nun einmal komplett. Die PC-Bewertungen sind somit für den Computer selbst perfekt (denn der findet ja im Anschluss immer genau den Zug, für den die Bewertung gilt), für Weltklassespieler oft auch ziemlich exakt, aber so schwächer wir Spieler eben werden, desto ungenauer wird auch die Bewertung. Was dann der Grund dafür ist, dass sich unzählige Amateure vorbereiten, sehen "+1.8, Weiß steht auf Gewinn", am Brett aber überhaupt keine Ahnung haben, warum, weil sie den Schlüsselzug erst noch finden müssten. Es wundert mich, dass die Schachprogrammierer bisher noch keine Lösungen für dieses Problem anbieten, denn für die Nutzer wäre das doch viel hilfreicher als dass sich die Elo von 3210 auf 3220 verbessert.
#2 Thomas Richter 2015-11-23 08:33
Den Balken gibt es bereits, jedenfalls im chess24-Liveportal unter "Analyse". Ob Krennwurzn das wusste oder dieses Rad neu erfunden hat, weiss ich nicht und ist mir egal. Ob chess24 das selbst programmiert hat und mit welchen Algorithmen, egal. Bräuchte man dann andere Algorithmen für Elo 1600, 2000, 2400 oder 2700+?

Man verlangt aber zuviel von Computern, wenn sie neben ihrem eigentlichen Job auch noch parallel/alternativ wie Menschen denken sollen!? Zwei Faktoren könnten bei Algorithmen eine Rolle spielen: 1) Wie stabil ist das Computerurteil? Manchmal ändern auch Computer ihre Meinung, jedenfalls quantitativ (aus +1 wird +3) bei höherer Suchtiefe. 2) Wieviele Wege führen zum Ziel? Manchmal gewinnt nur ein Zug, man sollte dabei nicht nur den jeweils nächsten Zug berücksichtigen sondern auch zwei, fünf oder zehn Züge danach. Manchmal gewinnen zwei, drei oder fünf Züge. Allerdings ist das mitunter offensichtlich (Figur zurückschlagen), mitunter menschlich-naheliegend (Turm auf die offene Linie), mitunter aus der Rubrik "das finden nur Engines oder sehr starke Spieler".

Jedenfalls: Wenn Spieler - Amateure oder auch GMs - eine Stellung anstreben mit Computerurteil "Weiss gewinnt" und menschlichem Urteil "totales Chaos, was ist hier denn los, ich blicke da nicht durch", dann sind sie selbst Schuld und setzen Computer verkehrt ein. Man muss sich dann zumindest so viele weitere Schlüsselzüge einprägen, bis man denkt "den Rest finde ich auch am Brett".
#3 Krennwurzn 2015-11-23 12:53
Der auch der Krennwurzn bekannte "chess24 Analyse Balken" ist eine Vorstufe zum von mir geforderten Balken, da er sich eher an Resultaten als an Gefahren der Stellung an sich orientiert.

Die entscheidende Frage bei der Engineentwicklung wird sein, was wollen wir: die Lösung des Schachs vorantreiben, stärker als Engine xy sein (da wird sich das Feld immer weiter einengen), den "Overkill" gegenüber dem Menschen noch erhöhen oder aber Engines als Werkzeug (tool) für unser eigenes Vorankommen nutzen! Ist nicht letzteres genau das was uns Menschen zum Menschen macht?

Eigene Algorithmen für unterschiedliche Elos bräuchte man nicht, denn aus den Bausteinen könnte man dann einen Elohorizont erschätzen. Zwei 2000 Elospieler können total verschiedene Typen sein - erst desto näher man der Spitze kommt, desto universeller ist das Spielverständnis!
#4 ufkub 2015-11-29 23:05
Ich finde diese Themen hochinteressant, aber im Netz gibt es kaum brauchbare Informationen dazu. Kann mir jemand mehr zu den Algorithmen sagen, die chess24 beim Analyse-Balken und Chessbase bei der Schärfeanzeige und dem Matt-O-Meter verwendet?

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"Ein anderes Extrem wäre eine Stellung in der es nur einen einzigen Zug gibt, der zu Remis führt und alle anderen zu Verlust."

Na, ob das so spannend ist. Bei dieser Methode würde die spanische Abtauschvariante nach Lb5xc6 für spannend gehalten werden, da nur zwei Züge (bxc, dxc) nicht zum Verlust führen. Aber die findet jeder...

Auch Ken Regan, der sich mit dem Erkennen von Cheatern durch Computeranalyse beschäftigt hat, hält gerade Stellungen mit nur einem besten Zug nicht für kritisch:

"Some have just a single move for you to stay in the game or a single move to keep your advantage. When that's the case, a strong chess player is highly likely to find such a move" (http://www.npr.org/2014/06/21/324222845/how-to-catch-a-chess-cheater)

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Eine Idee wäre beispielweise, eine Stellung von einer Engine mit Suchtiefe 2*X gegen eine Engine mit Suchtiefe X nach der Monte-Carlo-Methode ausspielen zu lassen. Das könnte Strategien aufzeigen, die gegen schwächere Spieler erfolgversprechend sind, und Grundlage für eine Metrik eines solchen Analysebalkens werden.

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