Endspiele aus Wijk, Teil 2

by on18. Februar 2013

Ich beobachte schon seit Jahren einen gewissen Niedergang der Endspielkultur, aber was es in Wijk aan Zee dieses Jahr zu sehen gab, war zum Teil schon ziemlich starker Tobak. Irren ist menschlich, Fehler können immer passieren, aber wenn ich sehe, dass es gestandenen Titelträgern im Endspiel an elementaren Fähigkeiten und Kenntnissen fehlt, verblüfft mich das schon einigermaßen. Immerhin brauchen wir uns aus deutscher Sicht nicht zu beklagen, denn unser Vertreter Arkadij Naiditsch profitierte in seiner sportlich sehr bedeutsamen Schlussrundenpartie von der eklatanten Endspielschwäche seines holländischen Gegners Sipke Ernst, um die B-Gruppe zu gewinnen. Und damit wollen wir ohne großes Drumherum auch gleich in die kritische Phase dieser Partie einsteigen.

Unmittelbar nach der Zeitkontrolle ergab sich die obige Diagrammstellung. Naiditsch musste als Weißer unbedingt gewinnen, aber wie sollte das gehen? Auf dem Brett stand ein Bauernendspiel, wie es harmloser kaum sein könnte: symmetrische Struktur, genügend Reservetempi auf beiden Seiten - einfach nur totremis, das Ding. Der guten Form halber spielte Naiditsch noch ein paar Züge... 41...Ke6 42.Kc4 a6 43.a4 Kd6 44.b4 Ke5 45.h4 Gut, für den Fall eines Wettrennens, bei dem Schwarz den Damenflügel abgrast, steht der Bauer schon mal weiter vorne. Aber wieso sollte es überhaupt ein solches Wettrennen geben?

 

45...h5?? Mit diesem schrecklichen Zug gehen die Probleme los. Auf einen Schlag nimmt sich Schwarz am Königsflügel sämtliche Reservetempi. Weiß kann dort noch g2-g3 ziehen, Schwarz nichts mehr, da müssen doch die Alarmglocken schrillen! Zum leichten Remis führte stattdessen so ziemlich alles andere, z.B. 45...Kd6 46.Kd4 a5= 46.a5 Ich kann nur spekulieren, ob Ernst vielleicht diese Idee übersehen hat. So schwer war es doch eigentlich nicht?! 46...bxa5 47.bxa5 Kd6 48.Kd4 Und schwupps, schon ist Schwarz im Zugzwang. Es kommt also doch zu besagtem Wettrennen, wobei Schwarz auch schon seine Struktur maximal geschwächt hat. Sauber hingekriegt! 48...Kc6 49.Ke5 Kb5 50.Kf6 Kxa5 51.Kxg6 Kb6 (?) Im Prinzip ist auch das ein richtig blöder Zug, auch wenn er objektiv noch lange nicht verliert. Den Grund erkläre ich gleich, wenn wir ins Damenendspiel kommen. 52.Kxh5 a5 53.g4 a5 54.g5 a3 55.g6 a2 56.g7 a1D 57.g8D

Die Stellung ist eigentlich immer noch glatt remis. Im solchen Damenendspielen (D+B gg. D) nehmen die Gewinnchancen stark ab, je weiter der Bauer vom Zentrum entfernt ist. Mit dem Randbauern kann man es normalerweise vergessen. 57...Kc7?? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Ein gestandener GM kennt nicht einmal das kleine Einmaleins von Damenendspielen? Kann es wahr sein? Es sieht ganz danach aus. Für die Leser, die hier ebenfalls eine Bildungslücke haben sollten, seien die grundlegenden Zusammenhänge kurz erklärt: Das Problem aus Sicht des Verteidigers ist keineswegs, dass der h-Bauer einfach durchläuft. Nein, Damenschachs hat man im Prinzip immer genügend. Der Gefahr besteht nur darin, dass Weiß auf Schachs eventuell so mit der Dame dazwischenziehen kann, dass ein Gegenschach oder eine Fesselung entsteht, so dass ein gewonnenes Bauernendspiel erzwungen wird. Dies funktioniert natürlich nur, wenn der schwarze König passend steht. Wer mag, kann diesen als Experiment einfach mal vom Brett nehmen und schauen, ob Weiß in dieser hypothetischen Stellung noch irgendwie gewinnen kann. Kann er nicht, denn er kommt nie aus dem Dauerschach. Daraus folgern wir: Für Schwarz ist sein König ein reiner Störfaktor. Er sollte einfach nur möglichst weit weg stehen und sich ja nicht einbilden, dass er irgendwie ins Geschehen eingreifen müsse. Am besten läuft er in die schräg gegenüber liegende Ecke, hier also die bei a1. Diese hätte man natürlich schon früher anvisieren können und sollen, nämlich mit 51...Kb4! Zur reuevollen Umkehr mittels 57...Kb5! war es hier aber auch noch längst nicht zu spät. 58.Df7+ Kd8? Immerhin konsequent, aber leider gnadenlos falsch. Der König erinnert an jemanden, der mit der Gießkanne sein brennendes Haus löschen will, dabei aber nur die Feuerwehr behindert. Man hört den Löschtrupp förmlich schreien: "Mensch, lauf doch einfach weg, Junge, bring dich in Sicherheit! Wir kommen alleine gut zurecht, brenzlig wird es erst, wenn wir dauernd auf dich aufpassen müssen!"  59.Kg6 Dg1+ 60.Kh7 Db1+ 61.Kg8 Dg1+ 62.Dg7 Dh2 63.Df8+ Kd7 64.Df7+ Kd8 65.h5 Dg3+ 66.Dg6 Df4!  Objektiv ist es hier immer noch remis, aber Schwarz wandelt schon auf einem sehr schmalen Grat und muss einzige Züge finden. Wenn sein König nicht so beknackt stünde, könnte er hingegen z.B. Schach auf der achten Reihe geben. 67.Df7

67...Dg4+? Nach Computermaßstäben kommt hier erst der entscheidende Fehler (richtig war 67...Dg3+!), aber dies ist der geringste Vorwurf, den man GM Ernst in dieser Partie machen kann. Er hätte niemals in diese Lage kommen dürfen! 68.Kf8 Db4+ 69.Kg7 Dg4+ 70.Dg6 Dd7+ 71.Kf8 Und da hat es sich ausgeschacht. Wenn da bloß nicht dieser Blödmann auf d8 wäre... Dd4 72.Dg5+ Kc8 73.h6 Und den Rest schenken wir uns. Weiß spielte zwar auch nicht optimal weiter, gab den Gewinn aber nicht mehr aus der Hand.

 

Zur Entspannung nun eine etwas kürzere Geschichte, ebenfalls aus dem B-Turnier, nämlich van Kampen - Nikolic. Mit einer forcierten Abwicklung hatte die holländische Nachwuchshoffnung gerade einen Bauern abgegriffen. Ich interpretiere die Sache einfach mal als Endspiel im weiteren Sinne, auch wenn natürlich noch ein paar Schwergewichte auf dem Brett sind. Vier gegen drei Bauern am selben Flügel, tja, sicherlich nicht leicht zu gewinnen, aber man kann ohne jegliches Verlustrisiko lange kneten. Oder? So weit die Theorie, in der Praxis dauerte die Partie nur noch 10 Züge und endete mit einem Sieg für... Schwarz. Schauen wir mal, wie dieses Weltwunder vor sich ging: 29.g4?? Junge, Junge! Van Kampen tut so, als sei es ein "echtes" Endspiel, reißt sich bedenkenlos die Königsstellung auf und entwurzelt seinen Springer f3. Der Normalzug ist natürlich 29.Dc6, Computer finden zudem noch das trickreiche 29.Kh2!? mit der Pointe 29...Txe4? 30.Se5+-  Das schlichte 29.e5 ist ebenfalls möglich, wenn auch wegen 29...Sd4 vielleicht nicht ganz so aussichtsreich. 29...Txe4! Schwupps, da war der Mehrbauer weg. Nach 30.Txe4 Dxe4 hängt auch der weiße Springer und nach 31.gxf5 Dxf3 ist der Bauer f5 gefesselt. Das ist alles kein Zufall, sondern die Konsequenz des groben positionellen Missgriffs. 30.Td1? Objektiv gar kein besonderer Fehler, aber das Fragezeichen vergebe ich aus schachpraktischer Sicht. Weiß hat gerade seinen Mehrbauern eingestellt und verbleibt mit einer geschwächten Königsstellung. Da sollte man doch schauen, dass man wenigstens noch den halben Punkt mitnimmt. So gesehen lag der Turmtausch wirklich nahe, zumal Schwarz noch einen Trick sehen muss, um überhaupt das Remis zu erreichen: 30.Txe4 Dxe4 31.Se5 De1+ (oder auch 31...Db1+ 32.Kh2 Da2!) 32.Kg2 De4+ 33.Kh2  Df4+ 34.Kg1 und nun nicht etwa 34...Dc1+ 35.Kg2 und es gibt kein gutes Schach mehr, sondern...

34...Sg3!! Unnötig spektakulär, ich weiß, denn dieselbe Idee lässt sich auch einfacher mit 34...Sd4! verwirklichen, aber der Zug ist irgendwie einfach cool, und er funktioniert ebenso, z.B. 35.Dxf7+ Dxf7 36.Sxf7 Se2+ 37.Kf1 Sf4 38.Sxh6+ (38.Se5 g5) Kg7 39.g5 Sxh3=  Damit zurück zur Partie, die aber kein so großes Interesse mehr bietet. Das Remis wäre immer noch locker zu erreichen gewesen, aber van Kampen setzte seine leichtsinnige Spielweise nahtlos fort: 30...Sg7 31.Se5?! (warum nicht 31.Td8+ ?) Tf4 32.Dd6 De4 33.Dd5 De2

34.Tf1? Se6-+ Das Spiel ist aus, der schwarze Springer kommt mit verheerender Wirkung nach g5. 34.Sxg6! hätte stattdessen noch die Balance gehalten, da der Einschlag auf f2 gar nicht so schlimm ist, aber auch hier gilt: der größte Fehler war, sich überhaupt in diese heikle Lage zu bringen!  35.Sd7 Sg5 36.Da8+ Kh7 37.Da1 Sxh3+ 38.Kh2 Sxf2 0-1

 

Zur Abrundung auch noch eine unglaubliche Episode aus dem C-Turnier, nämlich van der Werf - Swinkels. Um das Ausmaß des Dramas zu vermitteln, zeige ich mit obigem Diagramm zunächst einen Schnappschuss aus dem Mittelspiel: Weiß hat einen kerngesunden Bauern mehr, die deutlich aktivere Stellung, Druck gegen e6 usw. Nach dem naheliegenden 34.Tc7 hätte eigentlich innerhalb von wenigen Zügen Feierabend sein sollen. Weiß spielte jedoch anders, zeigte in der Folge grausige Technik und verpatzte die Partie immer weiter. Irgendwann kam folgendes Bauernendspiel heraus:

Weiß am Zug kann hier immer noch leicht remis machen, aber das Ende der Fahnenstange ist noch keineswegs erreicht. 58.g3?! So kann man auch spielen, aber 58.h4! wäre die saubere Lösung gewesen. Nach 58...gxh4 59.Kh3 Kxc5 60.Kxh4 entsteht eine bekannte Remiskonstellation, in welcher mit dem doppelten f-Bauern nichts anzufangen ist. Das darf man als IM ruhig wissen oder auch am Brett finden, denn so kompliziert ist es ja nicht. 58...Kxc5 59.h4 Kd5 60.Kg2

Ein Minusbauer im Bauernendspiel ist normalerweise keine gute Nachricht, aber hier hat Schwarz einen Doppelbauern und Weiß einen Freibauern. Weiß kann ohne besondere Probleme remis halten; wie wir sehen werden, ist es sogar ziemlich schwer, überhaupt etwas falsch zu machen. Gefragt ist hier ein bisschen schematisches Denken. Was hat Schwarz überhaupt für Gewinnideen? Sein König muss den h-Bauern im Auge behalten, darf sich also nicht weiter nach vorne wagen. Läuft er nach h5, antwortet Weiß mit Kf3 und es geht nicht weiter, denn doppeltes Schlagen auf h4 führt nach Kf4 zum Verlust beider f-Bauern. Stellt Schwarz den König nach e5, sollte Weiß mit Kf3 oder Ke3 dagegenhalten. Auch das ist kein Problem. Wie sieht es mit Bauernzügen aus? Auf h4 tauschen bringt nichts, g5-g4 ist auch Käse. Bleibt also noch f5-f4. Auch dagegen gibt es ein einfaches Mittel: erst auf g5 tauschen, dann erst auf f4 nehmen. In der Regel geht sogar auch Kf3, denn nach fxg3 kann man immer noch hxg5 spielen. Nur sofort gxf4 ist wegen gxh4 grundsätzlich unklug, aber selbst das, so überflüssig es auch ist, geht in manchen Fällen. 60...Ke6 61.Kf3 Kf7 62.Ke2 Kg6 Nur als kleine Hintergrundinfo: 62...f4 kann, wie gesagt, mit 63.hxg5 nebst trivialem Remis beantwortet werden, aber selbst 63.gxf4!? gxh4 64.Kf3 f5 65.Kg2 Kg6 66.Kh2! kann man sich leisten. Schwarz kommt nicht durch. 63.Kf2 Kh6 64.Ke2 Kg6 65.Kf2 Kg7 66.Kf1 Kh7 67.Ke1 Kg8 Das sind alles nur sinnfreie Manöver à la Leko - Carlsen. 68.Kf1 Kg7 69.Ke1 Kf8 70.Ke2 Ke7 71.Kf2 Kd6 72.Ke3 Ke6 73.Ke2 Ke5 Okay, zu guter Letzt probiert er also noch diesen Zug. Kein Problem, jetzt einfach Ke3 oder Kf3, haben wir gesagt, liegt ja auch nahe...

74.Kf2?? Es darf nicht wahr sein. In Wijk spielen sie doch mit 30-Sekunden-Bonus, wie kann man da auf diesen Zug verfallen? 74...gxh4 75.gxh4 Kf4 Genau das durfte nicht passieren. Und es wäre so leicht zu verhindern gewesen, au weia... 76.Ke2 Kg4 77.Ke3 f4+ 0-1

Damit beschließen wir den zweiten Teil des Wijk-Rückblicks. Ob es noch einen dritten geben wird, weiß ich noch nicht. Material gäbe es genügend, aber ein bisschen Abwechslung wäre vielleicht auch nicht schlecht. Ich hoffe jedenfalls, dass die Botschaft jetzt schon angekommen ist, was für einen großen Unterschied es ausmacht, ob man über eine gute Technik verfügt oder nicht. Vor allem die Naiditsch-Partie ist ein Mahnmal für die Ewigkeit.

Michael Schwerteck

Ein paar Hintergrunddaten zu meiner Person: Jahrgang 1981, deutsch-französische Nationalität und Sprachzugehörigkeit, wohnhaft in Tübingen. Von Beruf Jurist und Übersetzer. Nahschach spiele ich in der Verbandsliga (4. Liga), DWZ meist irgendwo zwischen 2000-2100. Seit ein paar Jahren spiele ich auch (in bescheidenem Umfang) Fernschach, aktuelle Elo etwa 2325. Schachpublizistisch tätig war ich früher für chessvibes.com (Kolumne "Beauty in Chess" und ein bisschen Turnierberichterstattung), aktuell schreibe ich aber, abgesehen von meiner Tätigkeit hier, nur auf Vereinsebene.

Webseite: koenigskinderhohentuebingen.wordpress.com/

Kommentare   

#1 marcchan 2013-02-18 21:42
ogottogott. Wenn ich nicht genau wüsste, dass ich mit ein bisschen Zutun genau so schlecht spielen kann wie im furchtbarsten Beispiel - ich müsste vor Überheblichkeit und Neid erblassen :oops:

schöner Artikel !
#2 Losso 2013-02-19 09:29
Ich habe mit meiner kleinen Schwester so ca. im 63. Zug der Partie Najditsch-Ernst in die Live-Übertragung reingezappt und ihr gesagt, dass Weiß wahrscheinlich gewinnen wird, weil der Schwarze König so schlecht steht. Er sollte entweder vor dem Bauern oder ganz weit weg stehen. Der Tatsache, dass Ernst sich freiwillig in diese Lage gebracht hat, war ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gewahr. Das stellte ich erst später fest. Wahnsinn, das schlägt echt dem Faß den Boden aus.

Vom leider inzwischen geschlossenen Schachzoo von Ilja Schneider kenne ich noch zwei Beispiele, die ähnlich haarsträubend sind. Eines ist Markos-Ikonnikov, das andere Schneiders Partie gegen Stewart Haslinger. Die lohnen auch einen Blick.
#3 Dirk Bredemeier 2013-02-21 20:18
Ich weiss nicht so recht; ich finde Teile des Artikels ziemlich herablassend.

Das erste Endspiel wurde von Ernst sicherlich schwach behandelt. Andererseits gibt der Artikel keinen Aufschluss über den vorangeganenen Spielverlauf und evtl. Gründe für einen Spannungsabfall, Erschöpfung pp. Die heutigen Zeitkontrollen sind nunmal strenger und sportlicher als vor 20 Jahren, wo es noch Hängepartien gab.

Van Kampen leitete mit g4?? wohl sein Unglück ein und konnte sich nicht mehr von dem Fehler erholen, d.h. auf Defensive umschalten. Dennoch ist er jünger und elostärker als Verfasser von Artikel und Kommentar, die er am Brett wohl dominieren dürfte.

Bei van der Werf fand ich 58. h4 auch naheliegend, nur aber die Stellung nach 58 ... gh: 59.Kh3 Kxc5 60.Kxh4 als "bekannte Remiskonstellation" zu bezeichnen, was man "als IM ruhig wissen" dürfe... Junge, wo steht denn eine solche "bekannte Remiskonstellation" bei Dvoretzki, de la Villa oder Rabinovich? Und selbst wenn man sie dort oder im Averbach oder sonstwo findet: Auch ein IM darf manches vergessen; neben Eröffnungstheorie, Mittelspielthemen und Turmendspielen ist im Arbeitsspeicher der grauen Masse eben manchmal kein Platz mehr. Und nicht jeder IM muss ein Endspielexperte sein.

Ich (Elo knapp 2240, DWZ knapp 2190) hatte vor kurzem im Mannschaftskampf ein klares Remis im Turmendspiel mit 2 gegen 3 Bauern auf einem Flügel auf dem Brett. Nur dass ich mir die Geschichte so schwer machte, dass es mit 1 gegen 2 nochmal sehr knapp wurde. Nachdem ich mit gegnerischer Hilfe noch davonkam, war ich einfach ob des Ergebnisses - ich habe überlebt - überglücklich. Die Fehler habe ich später auch gesehen und mich geärgert, aber eine derartige, von oben herab geäusserte Kritik hätte ich als unangemessen empfunden.
#4 Michael Schwerteck 2013-02-22 19:49
@ Dirk Bredemeier: Ich nehme die Kritik zur Kenntnis, halte sie aber für unberechtigt. Ich glaube, Sie haben gar nicht verstanden, worum es mir geht. Mein Anliegen ist nicht, mich in herablassender Weise über Spieler zu äußern, die unbestritten sehr viel stärker sind als ich. Vielmehr geht es mir um das allgemeine Phänomen, dass dem Endspiel immer weniger Beachtung geschenkt wird, so dass es hier zu immer mehr groben Fehlern kommt. Häufig beobachtet man einen plötzlichen Bruch im Spiel, der dazu führt, dass mühsam erarbeitete gute Stellungen leichtfertig verschenkt werden.

Ernst z.B. hat bis zur Zeitkontrolle eine völlig vernünftige Partie gespielt, hat dann aber extrem nachgelassen. Hier fehlte es an eindeutig an elementarem Wissen, das auch viele Vereinsspieler parat haben. Mit Spannungsabfall u.ä. hat das rein gar nichts zu tun.

Dass van Kampen jünger und elostärker ist, halte ich für vollkommen nebensächlich. Nach Ihrer Logik müsste man ja 99 % der gesamten Schachberichterstattung einstellen.

Zu van der Werf: Mir als mittelmäßigem Wurzler ist die Angelegenheit jedenfalls klar. Das ist ja auch gerade der Witz. Schon bei raschem Durchklicken der Partie dachte ich "Moment mal, 58.h4 macht doch einfach remis". Tut mir leid, wenn ich keine Zeit hatte, meine gesamte Schachbibliothek nach Quellen zu durchforsten. Fakt ist, dass hier ein ordentlicher IM bei Turnierbedenkzeit etwas nicht findet, was für mich als rund 400 Punkte schwächeren Spieler offensichtlich ist. Das finde ich erstaunlich. Wenn Sie die Erwähnung dieses Umstands als herablassend ansehen, ist das Ihr Recht, ich halte es aber für falsch. Ich habe sehr viel Respekt vor all diesen GMs und IMs, ich finde es einfach nur schade, dass sie nicht mehr Endspiele trainieren, weil dann solche Unfälle leicht zu vermeiden wären.
#5 MiBu 2013-02-22 20:39
Ich finde auch, dass das Endspielniveau gesunken ist, wofür ich zwei Gründe ausmachen kann.
1. Die Spieler der Generation "engine" sind taktisch sehr stark und haben enorme Eröffnungskenntnisse, also gewissermaßen "schneller Prozessor und große Festplatte" (etwa im Vergleich zu mir). Der induktive Ansatz scheitert allerdings häufig bei Stellungen, die sich besser deduktiv erschließen lassen, und das finden wir vorzugsweise im Endspiel.
2. Die Verkürzung der Partie, insbesondere die unsägliche FIDE-Bedenkzeit mit einem lächerlichen Zeitzuschlag nach Zug 40 ist dem Niveau abträglich. Es ist m.E. nach der Zeitkontrolle nur ein einziges Mal möglich, nachzudenken, der Rest ist "gucken, möglichst schnell ziehen ohne einzustellen und aufschreiben".
#6 Schmidt 2013-02-23 10:07
Tatsächlich ist der Tonfall des Berichts etwas "frech", wodurch ich ihn aber auch sehr amüsant fand. Die beschriebenen Spieler sind (Halb-)profis, müssen sich also auch an hohen Standards messen lassen. Letztendlich stimmt aber wohl das, was MiBu angemerkt hat: Endspiele werden durch die Zeitregelungen mehr und mehr herabgewürdigt. In vielen Amateurturnieren bleiben dafür noch 15 Minuten mit bestenfalls 30 Sekunden increment. Abgesehen davon wird 90% der verfügbaren Trainingszeit bei den Profis in Eröffnungen gesteckt. Vielleicht führt der Ansatz von Carlsen hier zu einem Umdenken - wenn alle bis über die Zähne mit Eröffnungstheorie bewaffnet sind, lohnt es sich eher, hier in friedlichere Varianten einzuwilligen um dann den Gegner im vermeintlich "toten" Endspiel zu kneten, wo viele Spieler Defizite aufweisen, Auch für Clubspieler scheint mir das eine lohnende Strategie. Ich muss immer wieder schmunzeln, welche Partien als "total Remis" abgebrochen werden. Die oben gezeigten Beispiele zeigen, dass fast jede Stellung noch genug Fallstricke hergibt.
#7 Thomas Richter 2013-02-23 11:34
Was vielleicht auch eine Rolle spielt und ein bisschen mit Spannungsabfall und Erschöpfung zu tun hat - in obigen Beispielen und in anderen (z.B. "meinen"aus Moskau): Ein Spieler hat ein Endspiel als tot remis oder auch als total gewonnen abgehakt, denkt "mir kann nichts mehr passieren" ... und schon ist es passiert.

@Schmidt: "Auch für Clubspieler scheint mir das eine lohnende Strategie."
Na in Sache "Strategie" muss jeder für sich selbst entscheiden a) was einem Spass und Freude bereitet (vielleicht ist Spass an der Partie ja wichtiger als das Ergebnis?) b) was man am besten kann bzw. zumindest besser als der jeweilige Gegner. Eine andere Sache ist - zumindest für ambitionierte Spieler - dass man sich in Endspielen auskennen sollte auch wenn man diese nicht unbedingt anstrebt.
#8 Michael Schwerteck 2013-02-23 15:35
Soweit hier mein Tonfall angesprochen wird, noch eine Klarstellung: Dies ist keine Nachrichtenseite mit neutralen Berichten, sondern ein Blog mit Kolumnen. Hier gibt es Meinungen, Emotionen, Denkanstöße. Ich jedenfalls schreibe hier als Schachfan für Schachfans, bemühe mich also ganz bewusst nicht um eine sachlich-nüchterne Ausdrucksweise, sondern um einen flotten, gefühlsbetonten Schreibstil (was hoffentlich der gedanklichen Tiefe keinen Abbruch tut). Ich habe ein Drittel meiner bisherigen Lebenszeit damit verbracht, mich in verschwurbeltem Juristendeutsch auszudrücken, das reicht mir erst mal. Oder will jemand zur Abschreckung eine Kostprobe? Meister Bredemeier vielleicht, die alte Spaßbremse? :-)
#9 Dirk Bredemeier 2013-02-23 20:25
Vom "verschwurbelten Juristendeutsch" habe ich beruflich bedingt genug. Bemühe mich schon immer selbst, eine klare, für jedermann verständliche Sprache zu sprechen :-)
#10 Claus Seyfried 2013-02-23 22:03
Balogh - Khenkin von heute (39.h4 Zeitnot?) könnte ein weiterer Fall für diese Endspiel-Rubrik sein, wenn es nicht so simpel wäre.
#11 Christian Eichner 2013-02-25 16:29
Die Partie Fridmann - McShane aus der 9. Runde der Schachbundesliga (Remis nach 147 Zügen) bietet ergänzenden Lehrstoff für das Endspiel D gegen D+B. Es war zwar diesmal kein Randbauer, und Fridmann hat es mit dem Prinzip "König weit weg, am besten in die entgegengesetzte Ecke" richtig gemacht. Gleichwohl ist das Remis wohl kaum so trivial zu erreichen, wie uns Michael Schwerteck glauben machen will. Die Computerbewertung wechselte mehrfach: Remis, Verlust, Remis, Verlust. Am Ende half gerade noch die 50-Züge-Regel gegen Matt in 11 Zügen ...
#12 Michael Schwerteck 2013-02-25 19:13
Was soll das jetzt schon wieder? Das Endspiel mit dem b-Bauern habe ich überhaupt nicht behandelt. Schon gar nicht habe ich behauptet, dass es trivial sei.

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