En Passant kampioen!

by on20. März 2016

Baden-Baden schafft es dieses Jahr womöglich ausnahmsweise nicht - Schuld ist dann Werder Bremen, genauer gesagt unter anderem der Ur-Bremer David Smerdon, laut anderen Quellen ist er Australier mit Wohnsitz Amsterdam. Wie dem auch sei, in der Bundesliga gewann er überraschend gegen einen anderen Weltenbummler (aktueller Wohnsitz Baku), und das auch noch mit Schwarz.

Unser Vereins-Namensvetter aus Bunschoten, den ich hier bereits einmal vorgestellt hatte, schafft es vielleicht, vielleicht auch nicht. Entscheidend ist das Duell gegen den Konkurrenten SISSA aus Groningen am 2. April. En Passant muss gewinnen, SISSA reicht voraussichtlich ein 5-5. Wieder ist Werder Bremen beteiligt, denn im Groninger Kader sind, neben u.a. den Groningern Jorden und Lucas Van Foreest auch diverse deutsche Spieler, darunter Matthias Bluebaum und Thorben Koop. En Passant Bunschoten hat dagegen aus Deutschland nur Igor Khenkin, der bisher einmal mitspielte, ansonsten vor allem Spieler die Niederländer sind oder jedenfalls in NL wohnen (Sopiko Guramishvili, Alina l'Ami). Alinas Ehemann spielt auch mit, Sopikos Ehemann hat keine Zeit bzw. der Verein hat nicht (mehr) genug Geld für ihn. Dann sah ich auf der Vereinshomepage, dass Giri immerhin im Aufgebot ist, nur hat er bisher noch nicht mitgespielt - für Solingen in der deutschen Bundesliga auch nicht, eventuell werden ein bis zwei Vereine Landesmeister ohne ihr Spitzenbrett einzusetzen? Mannschaftsführer Guido de Romph fragte, ob ich beim Spitzenduell zuschaue ("Wir spielen mit einem starken Team" - das darf SISSA, wenn sie hier mitlesen, wohl wissen bzw. das wissen oder vermuten sie ohnehin). Aber es geht nicht, da ich am 2. April einen eigenen Mannschaftskampf habe, auch wenn dieser für uns unwichtig ist, denn ....

En Passant kampioen stimmt trotzdem, bereits eine Runde vor Saisonschluss. Die aktuelle Tabelle zeigt, dass es einerseits souverän war, andererseits nicht unbedingt:

Tabelle2

Warum wir die Tabellen-Ästhetik etwas ruinierten (gegen Bergen2 reichte auch 4,5-3,5 oder 4-4), dazu später mehr. Das ist die regionale Klasse 2A des nord-holländischen Schachbundes. Der (Wieder-)Aufstieg war nicht unbedingt geplant, vielleicht sollten wir unseren Verein umbenennen in "Par hazard" (Aus Zufall). Viermal 4,5-3,5, oft konnte es auch anders ablaufen. Wie angedeutet, letzte Saison waren wir in der Provinz Noord-Holland (ohne Amsterdam, das hat seinen eigenen Schachverband) erstklassig - abgesehen davon, dass es darüber noch die "Promotieklasse" gibt (und dann noch vier überregionale Ligen). Da haben wir uns angewöhnt, Partien aus Mannschaftskämpfen hinterher zu analysieren, und "der Journalist" (ein gewisser Thomas Richter) darf das vorbereiten und koordinieren. Für En Passant Bunschoten macht das FM Richard Vedder und teilt seine Entdeckungen dann mit einem breiteren Publikum, was er kann das kann ich auch (auf meinem Niveau, wobei schlaue Computer mithelfen). Bevor ich einige Momente der gesamten Saison auswähle, ein paar Worte zu unserem Team: Nachdem unser irakischer Asylant a) Niederländer wurde und b) den Verein verlassen hat, bin ich der einzige Nicht-Niederländer - aber kein 'Söldner', sondern mit Wohnsitz auf der Insel. Laut Texelscher Definition ist allerdings nur etwa das halbe Team 'geboren en getogen Texelaar', die anderen sind vom Festland angespült - einer gar aus der Region Arnhem bei Deutschland. Zwei Gastspieler wohnen auf dem Festland, sind allerdings öfters im Urlaub auf Texel und boten an, unser Team zu verstärken (die Inselsituation hat Vorteile, allerdings auch Nachteile).

Und nun wird es diagrammatisch Runde für Runde - Schwerpunkt meine eigenen Partien, da ich diese am besten kenne und (wobei alles relativ ist) am besten verstehe. In Runde 1 war ich aber nicht dabei. An diesem Wochenende hatte ich potentiell drei Termine: ein Software-workshop auf Korsika, als Reporter in Berlin bei der WM im Blitz- und Schnellschach oder ein Mannschaftskampf in der noord-holländischen Provinz. Aus beruflichen Gründen wurde es Korsika. Eine Partie aus diesem Match hatte ich bereits besprochen, das muss ich hier nicht wiederholen.

In Runde 2 das Derby gegen unseren Nachbarn M.S.C. aus Den Helder (Fährhafen am Festland). Das gab es im Laufe der Jahre öfters, mal gewann das eine, mal das andere Team - und mal gab es dieses Derby nicht, da einer von beiden Vereinen höherklassig spielte. Diesmal gewannen wir 4,5-3,5 - ich bin unschuldig da ich zwar mitspielte aber am Ende verlor.

Richter (1959) - Bergman (1798) 0-1 - Zwei Momente aus dieser Partie:

Richter Bergman move 12

 

 

 

 

 

 

 

Ein sizilianischer Drachen, Schwarz spielte gerade 11.-b5? . Das gab es laut Datenbank bereits 13-mal (und womöglich auch noch in Partien wie dieser, die nicht in Datenbanken auftauchen). Dreimal fand Weiss den besten Zug, die Elobesten Ivan Rozum (2297), Uros Krstic (2270) und Yuri Kozin (2197) schafften es nicht, im Gegensatz zum mit mir etwa gleichwertigen Sebastian Voelker (1989). Bei Ivan Rozum, aktuell Grossmeister, war es eine Jugendsünde (gespielt bei der WM U14 in Belfort 2005), bei den anderen weiss ich es nicht, bei mir war es keine Jugendsünde. Der Leser darf selbst die Lösung finden, nur ein Hinweis: das von mir gespielte 12.h5? war nahe dran und doch daneben. Danach verschoss ich noch zwei klare Elfmeter, vergab dann meinen Vorteil und hatte im zweiten Diagramm gerade 31.Dh6?? gespielt:

Richter Bergman move 31

 

 

 

 

 

 

 

31.-De3+ 32.Kb1 Dxg1! 33.Txg1 Te1+ 34.Ld1 Txg1 35.Kc1 Tee1 0-1 - Moment mal, ICH wollte doch mattsetzen!

Runde 3 gegen das zweite Team van K.T.V. aus Enkhuizen am Ijsselmeer. Letztes Jahr hatten wir eine Liga höher gegen K.T.V. eins knapp 3,5-4,5 verloren (ich hatte eine leicht bessere Stellung überzogen - davon ausgehend dass ich unbedingt gewinnen musste), diesmal das aus unserer Sicht richtige 4,5-3,5. Entscheidend war Richter (1959) - Beel (1643) 1-0:

 Richter Beel move 38

 

 

 

 

 

 

Weiss hat hier eine glatte Gewinnstellung, die er nun souverän verwertet. Engines sehen das anders, aber Stockfish hat von Schach keine Ahnung, auch meine Partie in Runde 6 hat ihn überfordert. Es folgte 39.Kd1 Sb7+ 40.Ke2 Sd6 41.Ke3 Tc8 42.Txc8 Sxc8 43.Kxe4 Sd6+ 44.Kd5 Ke7 45.Se6 h6 46.Sxg7 Kd7 47.Se6 Sb7 48.Sc5+ Kc7 49.Sxb7 Kxb7 50.Kc5

Richter Beel move 50

 

 

 

 

 

 

 

1-0, inzwischen kapiert es auch Stockfish. Spass beiseite, natürlich war mein Sieg in dieser Partie (und damit unser Sieg im Mannschaftskampf) ausgesprochen glücklich, bzw. mein Gegner hat im Endspiel total den Faden verloren - ist es etwa doch (endlich) der Spielstärkeunterschied? Vielleicht hatte ich zu diesem Zeitpunkt zu Recht 50% - Gewinnstellung verloren, Verluststellung gewonnen. Andererseits: für Niederlagen ist man immer selbst verantwortlich, für Siege nicht unbedingt. Der Gegner (meiner und das gesamte Team) sah es locker, schliesslich steht K.T.V. für "Kan tegen Verlies" (Kann mit Niederlagen umgehen).

Runde 4 gegen Groene Zes-Schaaklust (Fusionsteam zweier Vereine) wurde wieder 4,5-3,5 für uns - diesmal hatte ich einen nominell gleichwertigen Gegner und gewann eine kuriose Partie:

van Waert Richter

 

 

 

 

 

 

 

van Waert (1943) - Richter (1959), Stellung nach 34.-Le4. Zuvor geschah dieses: Mein rochierter König spazierte dann über f7, e7 und d6 (zuvor Damentausch) nach c7 und wieder d6. Wir wussten beide nicht so recht, wie wir die Stellung Springerpaar gegen Läuferpaar behandeln sollen - Läufer sind mir lieber, aber hier kontrollierte Weiss wichtige Felder und hatte eine Art 'bind'. Nun folgte 35.g5? Lxe5 36.Sxe5 Kxe5 37.f3 Td7 38.fxe4 d4 39.cxd4 cxd4 - dieses Turmendspiel hatte ich zu Recht als klar besser bis gewonnen eingeschätzt: Mein König steht nun auf e5 goldrichtig, ich habe einen starken Freibauern und die zersplitterten weissen Bauern am Königsflügel sind, wie ich damals (da war es aktuell) schrieb "verwundbar wie Walfische in der Nordsee". 0-1 nach 47 Zügen (mit schwarzem Bauern auf d2 und König auf e3). Warum bekommt 35.g5 ein Fragezeichen, was war aus weisser Sicht besser? Stockfish, der manchmal doch Ahnung vom Schach hat, überraschte mich in der Analyse - womit? Das darf der Leser selbst herausfinden, Lösung am Ende dieses Beitrags.

Runde 5 gegen einen Abstiegskandidaten, der auch so spielte, lasse ich mal weg - sie konnten mit aus ihrer Sicht 2-6 leben.

Runde 6 - wir brauchten noch ein 4-4, und es wurde 5-3. Warum? Beim Stand von 3-2 für uns und glatter Verluststellung an Brett 8 dachten Brett 3 und 4 beide "ich muss gewinnen", und beide schafften es - daher die hässliche 5 in der Tabelle. In der Analyse ergeben sich mitunter erstaunliche Parallelen, gleich zwei Partien standen - für einen Moment - unter dem Motto "Opfer kann man auch ablehnen". Jeweils hatten wir Weiss:

Rommets Greve

 

 

 

 

 

 

 

Rommets (1828) - Greve (1731) nach 15.Sxf7!? (später 1-0). Weiss dachte, da einige Partien zu diesem Zeitpunkt für uns schlecht standen, "ich muss etwas probieren/riskieren". Nach 15.-Kxf7 16.f5 exf5 17.Sxf5 Kg8 usw. war die Stellung unklar, wie gesagt später 1-0. Nach 15.- 0-0! 16.Sg5 Sxf4 17.Sf3 usw. steht Schwarz besser.

van Heerwaarden Rijnveld

 

 

 

 

 

 

 

van Heerwaarden (1453) - Rijnveld (1650) nach 10.b4 Scxb4 (später 0-1). Sofort kann Weiss das Opfer natürlich nicht annehmen, er entschied sich für 11.Lb2 0-0 12.axb4 Lxb4 und die Fesslung kostete später Material. Die Computervariante lautet 11.e4! Da5! 12.Ta2! Sc3! 13.Sxc3 (13.Dxc3? Tc8 14.Dd2 Txc1+ 15.Dxc1 Sd3+) 13.-Sxa2 14.Sxa2 Dxd2+ 15.Lxd2 (15.Kxd2!?) 15.-Lxa3 und das, zwei Springer gegen Turm und zwei Bauern, ist - sicher auf diesem Niveau - "unklar". Wiederum ist die Frage müssig, ob man von Spielern dieses Niveaus erwarten kann, dass sie jeweils zwei quasi-einzige und nicht unbedingt naheliegende Züge finden.

Meine eigene Partie bringe ich komplett und kommentarlos. Es war ein "Giri-style" Taimanov-Sizilianer (oder so ähnlich) - Giri hat(te) im Taimanov auch eine Variante im Repertoire, zu der Carlsen sagte "it's not as ridiculous as it looks". Mein Gegner spielte ultra-prophylaktisch: 3.c4!! diente dazu, seinem König auf c3 etwas Bauernschutz zu verschaffen, am Ende war es unzureichend. Stockfish versteht, jedenfalls auf Anhieb, gar nichts - wenn man ihn länger rechnen lässt ändert er oft seine Meinung. Eine ausgiebige Analyse wäre Stoff für einen eigenen Artikel. [Giri holte übrigens parallel beim Kandidatenturnier in Moskau ein supersolides Weissremis gegen Anand]

Zum Schluss die Auflösung zum fünften Diagramm: Richtig war 35.Txe4! dxe4 36.Txe4. So behält Weiss seinen 'bind', und die schwarze Bauernstruktur ist keine mehr. Ich sehe nicht, wie Schwarz dann auf Gewinn spielen kann - in der gemeinsamen Analyse versuchten wir es ein bisschen, aber erfolglos. Was für ein Qualitätsopfer ist das denn?? Defensiv, destruktiv (was die schwarze Struktur betrifft) und zugleich konservativ (wesentliche Stellungsmerkmale bleiben bestehen). Ich kann mich nicht an vergleichbares erinnern, ich hatte das nicht einmal ansatzweise gesehen/erwartet, mein Gegner (wobei wir uns hinterher zwar unterhielten, aber nicht analysierten) vermutlich auch nicht. Vielleicht findet man so etwas mangels Alternativen - aber er hatte das Doppelturmendspiel nicht richtig bewertet. Ab welchem Eloniveau kann man das finden? Leser jeglichen Niveaus (auch Grossmeister) dürfen das gerne kommentieren!

P.S.: Im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Teams werden wir ziemlich sicher nicht zweimal hintereinander Meister - nächste Saison ein Niveau höher wird wieder Abstiegskampf.

Kommentare   

#1 divbyzero 2016-03-25 18:15
Zu Runde 2: Bei Uros Krstic dürfte das auch eine "Jugendsünde" gewesen sein. Der ist inzwischen ein recht guter IM und unter anderem seit vielen Jahren in der 2.Bundesliga in Österreich aktiv.

Zu Runde 4: Meiner Meinung nach schätzt du die Stellung hier falsch ein. Weiß hat überhaupt keinen Grip auf die Stellung, der Springer auf e5 steht auf töneren Füßen und hat eigentlich kein Feld, auf das er ziehen kann.
Txe4 macht aus vielen Gründen Sinn: Läuferpaar halbieren, den Wackelkandidaten auf e5 zu einem richtigen Vorposten machen und materiell ist's auch halbwegs ok. Da meine alternativen Kanditatenzüge 35. Sc4+ und 35. g5 beide aus konkreten taktischen Gründen nicht gehen, würde ich selber vermutlich nach x Minuten Leidenszeit mangels brauchbarer Alternative Txe4 spielen und das Beste hoffen, obwohl ich die Stellung danach als immer noch nicht besonders toll für Weiß einschätze. Die Engines sehen keinen großen weißen Vorteil; in der Praxis ist die weiße Stellung mit Minus-Qualität aber doch recht unangenehm zu spielen.

Womöglich hat dein Gegner bei 35. g5 nicht das Turmendspiel falsch eingeschätzt hat, sondern eher 38. ...d4! übersehen.
#2 Thomas Richter 2016-03-26 21:09
Danke für den Kommentar! Zu Krstic habe ich nachgeschaut: Er ist Jahrgang 1977, und diese Partie spielte er 1997 - also eventuell eine späte Jugendsünde.

Zu Runde 4: Man muss sich die Stellung mit einem schwarzen Lh7 vorstellen, da stand er einen halben Zug vorher und kontrolliert eine wunderschöne aber leere Diagonale. Der Lf6 wird vom Se5 kontrolliert (der ja nicht ziehen muss, er steht schon optimal). Daher fühlte ich durchaus, dass Weiss einen bind oder grip hat und wollte diesen mit 34.-Le4 zerstören. Dann geht allerdings das Qualitätsopfer, dass divbyzero offenbar nach dem Ausschlussverfahren gefunden und gespielt hätte. Materialisten machen das nicht oder ungern, aber - wie im Artikel erwähnt - ich/wir (Vereinsrunde) sehen danach keinen schwarzen Gewinnplan. Versuchen kann man es natürlich, und wie gesagt dieser Mannschaftskampf war knapp.

"Womöglich hat dein Gegner bei 35. g5 nicht das Turmendspiel falsch eingeschätzt hat, sondern eher 38. ...d4! übersehen." Da sehe ich keinen Widerspruch, natürlich ist 38.-d4 naheliegend und offensichtlich - Freibauern müssen entstehen und dann marschieren. So offensichtlich, dass es von mir (obwohl ich es selbst spielte :-* ) kein Ausrufezeichen bekommt. Und für mich gehört es zum Komplex "Einschätzung des Turmendspiels" dazu.

Jeder macht sich am Brett (und eventuell später in der Analyse) seine eigenen Gedanken, das waren meine. Das Qualitätsopfer wollte ich schon deshalb zeigen, da es auf recht ungewöhnlichen Motiven basiert - aus meiner Sicht so ungewöhnlich, dass ich nicht damit rechne, ähnliches nochmal am (Analyse-)Brett zu bekommen.

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