Die Abenteuer des Herrn Bosboom in Gibraltar

by on03. Februar 2012
Manuel Bosboom Manuel Bosboom © ChessVibes

Vor einiger Zeit habe ich hier gezeigt wie man als Aussenseiter mitunter dem Favoriten ein Bein stellen kann. Das klappt natürlich nicht immer – stattdessen kann man auch mit fliegenden Fahnen untergehen wie IM Manuel Bosboom (Foto © ChessVibes) in Gibraltar gleich mehrfach bewies.
Vorab ein paar Worte zu ihm und wie ich auf die Idee für diesen Bericht kam: Er ist - jedenfalls im Schach - der einzige Titelträger den ich persönlich kenne. Ein Vereinskollege von mir kommt nämlich wie er aus Zaandam, und Bosboom gab einmal ein Simultan in unserem Dorfverein (zu sehr günstigen Konditionen - für uns). Bei einer anderen Gelegenheit spielte er gegen mich im Blitz 1.e4 e5 2.Sf3 De7 und gewann - wohl weil er einfach besser ist, aber hinterher sagte er mir "soo schlecht ist das nicht, damit habe ich auch schon gegen Nigel Short gewonnen" (Blitz oder Schnellschach?). Und im letzten Jahrtausend hat er auch Kasparov im Blitz besiegt - die Partie gibt es hier direkt unter einer bekannteren die einen Tag danach gespielt wurde, nebst Bosboom-Zitat: "So ich führe 1-0 gegen Kasparov, das muss er erstmal aufholen". In dem Blitzturnier war er Ersatzmann für Shirov.
Zuletzt traf ich Bosboom am ersten Tag in Wijk aan Zee: "Dieses Jahr spiele ich nicht hier sondern in Gibraltar - gewinnen werde ich nicht aber es gibt ja auch Ratingpreise." Er tat zumindest so als ob er seine aktuelle Elo gar nicht kennt (2394, für derlei Zwecke ideal).

Gibraltar-Berichte über die Spitzenbretter, Sieger und Siegerin gibt es genug im Internet, ich konzentriere mich darauf was Bosboom im Mittelfeld so trieb. Die Perle kam gleich in der ersten Runde mit Weiss gegen Daniel Fridman den ich wohl nicht vorstellen muss:
5.g4!!??1. c4 e6 2. Sf3 d5 3. e3 Sf6 4. a3 Le7 5. g4 Hier sehr selten, auch wenn eloschwere Schach-Chaoten wie Shirov und Mamedyarov das in etwas ähnlichen Stellungen auch spielen 5.- O-O 6. Tg1 c5 7. b4 Wer G sagt wie Gibraltar muss auch B sagen wie Bosboom. Das ist offenbar seine Idee oder Spezialvariante – in meiner Datenbank gab es dazu drei Partien, alles Siege von ihm gegen etwa gleichwertige Gegner. M wie Manuel oder Matt passiert aber heute nicht (höchstens Meh aber das sagt ja nur ein GM aus Hamburg). 7.- Sc6 8. Lb2 cxb4 9. axb4 Sxb4 10. Sc3 b6 11. g5 Se4 12. Sxe4 dxe4 13. Se5 Lb7 14. Dh5 14.Dh5?!!?Häh??? Naja, rochieren wollte Weiss wohl doch nicht mehr. Und der Ta1 ist auch überflüssig da er nicht schnell zum Königsflügel schwenken kann. 14.-Sc2+ 15. Kd1 Sxa1 16. Sg4 Sb3 17. d3 e5 Wohl um eventuell mit Sb3-c5-e6 der Majestät zu Hilfe zu kommen? 18. Lxe5 exd3 19. Sf6+ Lxf6 20. gxf6 g6 Irgendwie hat Weiss es geschafft nicht schlechter zu stehen, denn nach 21.Dh6 muss Schwarz Dauerschach geben (21.-Lf3+ 22.Le2 de2:+ 23.Kc2 Dd2+ oder auch e1S+ usw.). der entscheidende MomentHat der Gegner dabei mitgeholfen? Im Nachhinein war 17.-e5 wohl falsch, denn wenn der weisse Läufer auf b2 steht blockiert er dieses Feld für seinen König und in dieser Variante kann offenbar Schwarz schach-forciert mattsetzen (sagen die Engines). Kleines Detail – alles wird doch gut für Fridman denn Weiss spielte 21. Tg3 Häh? Wollte Bosboom auch gegen diesen Gegner kein Remis? Träumte er von 21.-Kh8 22.Dh6 Tg8 und der Rest ist Taktiktraining für D-Jugendliche? Hat er den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen? ("Bos" ist holländisch für Wald, und "boom" heisst Baum) 21.- Lf3+ Only move – jetzt kommt die weisse Dame nicht mehr rechtzeitig nach h6 und der schwarze Gegenangriff entscheidet schnell 22. Dxf3 Dd7 23. Df4 Sc5 24. Lh3 Da4+ 25. Ke1 d2+ 26. Kxd2 Da2+ 27. Kd1 Tad8+ 28. Ld4 Tfe8 29. Lf5 Sb3 0-1

Im Schnelldurchlauf durch seine weiteren Partien gegen GMs: Runde 4 gegen Nadezhda Kosintseva war eher untypisch. Das war nämlich (einschliesslich 9. Lxe6) Theorie, dann spielte die Gegnerin (nicht er) mit 11. Dd4!? einen sehr seltenen Zug, und kurz danach war Schluss:

In Runde 6 ging sein moderner Aufbau ziemlich schief - wenn 19.- 0-0-0 der beste Zug ist stimmt irgendwas nicht mit der schwarzen Stellung. Im Trüben fischen half dann auch nicht:

Dann noch Runde 8 gegen einen Gegner den ich auch nicht vorstellen muss:

banner-seminarturnier200-anDem aufmerksamen Leser ist wohl aufgefallen dass dazwischen einiges fehlt - und auch danach denn es wurden 10 Runden gespielt. Seine fünf Siege gegen nominell schwächere Gegner waren weniger spektakulär, z.B. spielte er relativ "normale" Eröffnungen wenn auch keine Hauptvarianten. Etwa gleichwertige Gegner bekam er gar nicht, so ist das im Schweizer System manchmal. Es gab aber doch einige taktische Motive und nette Schlusstellungen; der geneigte Leser findet alle Partien hier.

Das einzige Remis war in der neunten Runde gegen WIM Olga Dolgova, da musste er mit einem Turm weniger Dauerschach geben. Ein Achtungserfolg für seine Gegnerin - ganz happy war sie wohl trotzdem nicht. Zum einen weil das Dauerschach vermeidbar war, zum anderen - jetzt verrate ich doch ein bisschen was sonst so in Gibraltar passierte - weil ihr Mann Alexei Shirov gleichzeitig gegen Hou Yifan verlor.

Den Ratingpreis 2300-2400 sicherte sich übrigens Felix Graf mit einem 3/3 Schlusspurt; lange hatte mit FM Stefan Kuipers ein anderer Holländer die besten Karten, Spielverderber für ihn war in der vorletzten Runde Jan Gustafsson (aber bei ihm reichte es für eine IM-Norm).



[Event "Tradewise Gibraltar Chess Festival 2012 "]
[Site "?"]
[Date "2012.01.29"]
[Round "6.23"]
[White "Vachier-Lagrave, Maxime"]
[Black "Bosboom, Manuel"]
[Result "1-0"]
[ECO "A00"]
[WhiteElo "2699"]
[BlackElo "2394"]
[PlyCount "65"]
[EventDate "2012.01.24"]

1. e4 g6 2. d4 Bg7 3. Nc3 c6 4. Nf3 d5 5. Be2 Bg4 6. O-O Nf6 7. e5 Nfd7 8. Ng5
Bxe2 9. Nxe2 e6 10. f4 h6 11. Nf3 Na6 12. Be3 b5 13. a4 Qb6 14. g4 h5 15. f5
hxg4 16. fxe6 fxe6 17. a5 Qb7 18. Ng5 Nc7 19. Qd3 O-O-O 20. Nf7 Kb8 21. Qxg6
Bxe5 22. dxe5 Rdg8 23. Nxh8 Rxg6 24. Nxg6 d4 25. Rf7 c5 26. Rxd7 Qf3 27. Bf2
Qxe2 28. Ne7 a6 29. Rd6 Na8 30. b4 g3 31. hxg3 Qxc2 32. bxc5 b4 33. c6 1-0

Kommentare   

#1 Gerhard 2012-02-03 20:54
Verdammt schwer, gegen einen derart unorthodoxen Gegner die Übersicht zu behalten! Ich weiß nicht, wie sich Viktor Korchnoi gefühlt hat, aber er hat die Partie sicher und ruhig geführt und war offenbar auch nicht in Zeitnot..
Ich frage mich auch, wie man nach solch Berg-und Talpartien, die man als Gegner von Bosboom wohl zwangsweise erlebt, am nächsten Tag wieder zu seiner Art zu spielen zurückkehren kann.
#2 Thomas Richter 2012-02-04 12:43
Korchnoi wusste zumindest was ihn erwartet bzw. eben "expect the unexpected" - denn vor einigen Jahren spielten sie für denselben holländischen Verein auch wenn Korchnoi nur sporadisch eingesetzt bzw. eingeflogen wurde. Ein Video dazu unter http://www.schaakclubenpassant.nl/nieuws.php?id=133
#3 Gerhard 2012-02-04 14:05
Schöne Sache, Herr Richter! Herzlichen Dank! Schöne Aufnahmen.
Ja sicher wusste Korchnoi bescheid, wenngleich ich nicht wusste, ob aus 1. Hand oder durch Hörensagen..
+1 #4 Max Bouaraba 2012-02-04 21:27
Ganz schön schräg dieser Bosboom. Es macht schon Spaß, wenn man dann auch mal in diesem Stil gewinnen darf. Gegen solch einen Stil unter zu gehen, schmerzt dagegen sehr. Wer diesen Stil mag, dem empfehle ich unbedingt die Partien von IM Kamran Shirazi nachzuspielen.

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