Chess Tour - wirklich eine neue Ära im Schach?

by on25. April 2015

Gestern gab es eine Pressekonferenz in St. Louis - vorab angekündigt als "grösste Meldung im internationalen Schach seit 1988". "Neue Ära im Schach" stammt von chess24, die es mit einem Fragezeichen versehen, das tue ich auch. Worum geht es? Das neue, naja nicht wirklich neue Projekt besteht darin, dass ein paar Superturniere sich unter dem Namen "Chess Tour" zusammentun, vorher wurde der Name 'Golden League' zirkuliert [der Seitenhieb sei erlaubt, chess24 hiess anfangs cisha - da ist nachvollziehbar, dass sie später einen international markanteren Namen wählten]. Was ist weiterhin neu? Sie haben sich geeinigt, dass Spieler wie Gelfand, Svidler oder auch Naiditsch (einer von vielen möglichen Namen, aber ich schreibe ja für ein deutsches Publikum) draussen bleiben müssen - nur die allerbesten (plus jeweils eine Wildcard) sind willkommen. Sie haben jede Menge Geld und geben das aus - wie gesagt nur für Spieler die ohnehin bereits reich oder zumindest vermögend sind. Last but not least: Kasparov (in einer Nebenrolle auch Short) wollen sich damit schachpolitisch profilieren. Disclaimer vorab: nicht alles was ich nun schreibe ist absolut ernst gemeint, mitunter bin ich eben ironisch bis sarkastisch.

Die drei Turniere - Norway Chess, Sinquefield Cup und London Classic - sind alle relativ neu, alle ein Produkt der Carlsen-Ära und des Carlsen-Hypes, alle dem Kasparov - Carlsen - Sinquefield - anti-FIDE Lager zuzuordnen. Vielleicht deshalb wurde Gashimov-Memorial nicht eingeladen - Aserbaidschan hat allgemein ein neutrales bis positives Verhältnis zur FIDE. Zum Bild passt, dass anfangs gesagt wurde "das ist völlig unabhängig von FIDE!". Das trifft doch auf alle private (Super)Turniere zu? Es kann dann drei Dinge bedeuten: 1) Es ist schlichtweg Blablabla oder schachpolitische Propaganda. 2) Sie sind konsequent, und die Turniere werden nicht Elo-ausgewertet. 3) Sie wollen das Ganze als alternative Weltmeisterschaft inszenieren oder verkaufen. Dazu später mehr ... .

Erst ein bisschen Schachgeschichte zu meinen Lebzeiten. Was meinen sie mit 1988? Damals gab es - Idee von Kasparov - eine World Cup Turnierserie der Grandmasters Association. Die Turnierserie gab es einmal, und auch die GMA verschwand schnell von der Bühne - warum sie daran erinnern, ist ihr Geheimnis. Nächster Versuch war der Grand Slam, Idee von Danailov, ähnliches Konzept wie nun die Chess Tour: einige Superturniere tun sich zusammen, in dem Fall immerhin mit (neu) extra Finale in Bilbao. Da hat dann zunächst Danailovs Schützling Topalov das Interesse verloren (da das Preisgeld in Bilbao nicht seinen Vorstellungen entsprach). Später verschwanden drei der vier Turniere: nur Wijk aan Zee gibt es nach wie vor und hoffentlich noch viele Jahre, Bilbao gibt es auch noch aber es ist ein Schatten seiner selbst verglichen mit den ersten Jahren. Damals gab es übrigens Gerüchte über neue Superturniere in Seattle und Argentinien; nun gibt es Gerüchte betrifft ein Turnier in Indonesien, und in der Pressekonferenz wurde auch die Schachhochburg Afrika erwähnt - was daraus wird, abwarten.

Wie genau wurde die Chess Tour bzw. Golden League angekündigt? Zuerst gab es Gerüchte in norwegischen Zeitungen, dann wurde eine offizielle Pressekonferenz mehrfach angekündigt und wieder verschoben, dann Bühne frei in St. Louis. Weitestgehend klopften sich die drei Turniere gegenseitig kräftig auf die Schulter. Zum Beispiel Tony Rich (der vor kurzem Wesley So disqualifizierte): "They really represent the pinnacle of chess around the world. It's the gold standard. These three events have established themselves as the premiere, the flagship events, down to every detail, from organization and execution to spectator experience and conditions for the players." Sinngemässe und knappe Übersetzung: "Wir sind soooooo toll!". Auch Kasparov wurde gelobt, Heimspiel (und Freibier) für alle! Dann wurden die Teilnehmer genannt, angeblich wollen sie (sagte Rich) aus allen Superstars machen - bisher taten sie das nur für Carlsen und auch Nakamura. Grundlage war die Ratingliste Januar 2015, von oben nach immer noch sehr weit oben, also: Carlsen, Caruana, Grischuk, Topalov, Anand, Aronian, Giri, Nakamura. Moment mal, warum fehlt die damalige Nummer 8 Kramnik? Er hat die Einladung abgelehnt, vielleicht hat er keine Lust auf diese Kasparov-Show.

Carlsen-Adjutant Tarjei Svensen hat eine andere Theorie: Auf Twitter fragte er, ob Kramnik demnächst seinen Rücktritt vom Turnierschach erklärt - diesbezüglich ist er Wiederholungstäter, er tat es bereits im Juli 2014 nach oder während Kramniks schlechter Vorstellung in Dortmund. Nun wieder einmal Salz in Kramniks Wunden streuen, wobei das Timing vielleicht nicht ganz zufällig war. Im Stile einer Boulevardzeitung: "Tritt er (Politiker oder Fussballtrainer) zurück?" - Carlsens Sponsor ist übrigens die norwegische Boulevardzeitung VG. Einige andere (Europe Echecs und DeepMikey von den Chesstigers) fanden das geschmacklos, ich auch. Hintergrund ist, dass Kramnik in 2011 mal sagte, dass für ihn mit etwa 40 Jahren vielleicht Schluss ist. Zumindest ein bisschen länger spielt er wohl: Dortmund 2015 direkt nach seinem 40. Geburtstag.

Damit haben sie acht Spieler, vorgesehen sind neun, immer dieselben, plus eine Wildcard. Den neunten Namen haben sie auf der Pressekonferenz nicht verraten, sondern erst kurz danach auf ihrer Webseite: Maxime Vachier-Lagrave. Da kann man sich nun wundern: Grundlage war die Eloliste Januar 2015, da war MVL Dreizehnter noch hinter So, Karjakin und Mamedyarov. Es gibt diverse Gründe, um Karjakin nicht einzuladen: 1) Er hat zweimal hintereinander Norway Chess gewonnen, vorgesehener Turniersieger war Carlsen. Höchste Zeit, um mit einer Tradition zu brechen - eigentlich wird bei allen Turnieren der Vorjahressieger wieder eingeladen. 2) Kasparov mag seine politischen Meinungen nicht. 3) Meinetwegen auch: man mag seine Art Schach zu spielen nicht. Aber erst sagen sie "Elo entscheidet, und zwar diese Liste", und dann weichen sie davon ab wobei sie es auf der Pressekonferenz nicht erwähnen. Vielleicht wollen sie ja neun Spieler aus neun Ländern, dann sollen sie das sagen. Ich habe übrigens absolut nichts gegen Vachier-Lagrave.

In der Pressekonferenz gab es nur Fragen von 'befreundeten' Journalisten, z.B. "Was ist der Unterschied zur FIDE Grand Prix Serie?" - Steilvorlage für Nigel Short: "Wir sind besser!". Das wurde dann näher erläutert mit "wir haben die allerbesten Spieler, einschliesslich Carlsen!". Carlsen haben sie, weil sie dem Carlsen-Lager zuzuordnen sind, die anderen bekommen sie weil das Preisgeld stimmt. Ansonsten sind es eben unterschiedliche Konzepte: die FIDE Grand Prix Serie wendet sich an einen etwas breiteren Spielerkreis - ein bisschen mehr Demokratie statt nur Elo-Diktatur. Natürlich konnte man sich über Elo für die GP-Serie qualifizieren, aber auch z.B. über den Weltcup. Dann haben die Weltcup-(Halb)Finalisten Andreikin und Tomashevsky jeweils ein GP-Turnier gewonnen, derlei Überraschungen sind bei der Chess Tour nicht drin. Generell kann bei der FIDE im Prinzip jeder Weltmeister werden bzw. zumindest am WM-Zyklus teilnehmen - auch ich könnte mich theoretisch bei der Europameisterschaft für den Weltcup qualifizieren, und dann beim Weltcup für das Kandidatenturnier. Es ist eben ein anderes Konzept, vielleicht nicht besser aber auch nicht schlechter?

Meine Meinung zur Chess Tour: Warum nicht, sie können das schon machen und inszenieren. Ob drei nahezu identische Turniere wirklich eine neue Ära im Schach einläuten, bleibt Ansichtssache. Und es ist doch nix Neues, nur bereits Vorhandenes anders verpackt und lauter vermarktet? Zum Glück (sagt Thomas Richter) gibt es weiterhin Turniere wie Wijk aan Zee, Dortmund, Biel, ... die nicht nur die absoluteste Weltspitze einladen. So, ich mache Schluss - ich habe bewusst ein bisschen übertrieben ... .

Kommentare   

#1 Tiger-Oli 2015-04-28 18:28
Zum Glück (sagt Thomas Richter) gibt es weiterhin Turniere wie Wijk aan Zee, Dortmund, Biel, ... die nicht nur die absoluteste Weltspitze einladen.

Da gehe ich mit. Es ist ganz langweilig, wenn auf jedem Superturnier immer dieselben riesenhaften Spieler aufeinander treffen. Viel belebender sind Wettbewerbe, wo die "Kleinen" den Laden auch mal aufmischen können. Aber wie in so einer Art Marktzutrittsbeschränkung kommt bei diesen Turnieren kaum jemand von außen mit hinein. Was soll das dann? Für mich am Ende ist es nicht mehr spannend. Golden League? Na ja. Lieber Wijk aan Zee!

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